A / B / C / D / E /  F / G / H / I / J /  K / L / M / N / O /  P / R / S / T / UV / W / Z

Annual Bibliography of Commonwealth Literature 2007
This paper argues that discourses of love in Ghanaian market literature for youth offer a view into complex negotiations of agency and empowerment. Drawing on Deborah Durham's notion of youth as "social `shifters'" and Francis Nyamnjoh's conception of the "interconnectedness" of agency, I take Ghanaian market literature as one specific case of how African literature for youth foregrounds questions of continuity and change as African societies enter into increasingly complex global relations. In this literature for youth, received notions of love, often constructed out of impressions from American pop and hip hop music, carry new notions of agency that compete with existing "domesticated" forms. Authors like Ike Tandoh and Evelyn Tay employ discourses of love to offer youth alternative avenues for empowerment in a context of socio-economic disenfranchizement. In a creative process of "straddling", this writing both reveals and reproduces the contradictions that obtain in youth configurations of agency.

Der Kaufmann von Venedig

W >> William Shakespeare >> Der Kaufmann von Venedig

Pages:
1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6



Shylock.
Meine Taten
Auf meinen Kopf! Ich fordre das Gesetz,
Die Busse und Verpfaendung meines Scheins.

Porzia.
Ist er das Geld zu zahlen nicht imstand?

Bassanio.
O ja, hier biet ich's ihm vor dem Gericht,
Ja, doppelt selbst; wenn das noch nicht genuegt,
Verpflicht ich mich, es zehnfach zu bezahlen,
Und setze Haende, Kopf und Herz zum Pfand.
Wenn dies noch nicht genuegt, so zeigt sich's klar,
Die Bosheit drueckt die Redlichkeit. Ich bitt Euch,
Beugt einmal das Gesetz nach Eurem Ansehn:
Tut kleines Unrecht um ein grosses Recht
Und wehrt dem argen Teufel seinen Willen.

Porzia.
Es darf nicht sein. Kein Ansehn in Venedig
Vermag ein gueltiges Gesetz zu aendern.
Es wuerde als ein Vorgang angefuehrt,
Und mancher Fehltritt nach demselben Beispiel
Griff' um sich in dem Staat; es kann nicht sein.

Shylock.
Ein Daniel kommt zu richten, ja, ein Daniel!
Wie ich dich ehr, o weiser junger Richter!

Porzia.
Ich bitte, gebt zum Ansehn mir den Schein.

Shylock.
Hier ist er, mein ehrwuerdger Doktor, hier!

Porzia.
Shylock, man bietet dreifach dir dein Geld.

Shylock.
Ein Eid! Ein Eid! ich hab 'nen Eid im Himmel.
Soll ich auf meine Seele Meineid laden?
Nicht um Venedig.

Porzia.
Gut, er ist verfallen,
Und nach den Rechten kann der Jud hierauf
Verlangen ein Pfund Fleisch, zunaechst am Herzen
Des Kaufmanns auszuschneiden.--Sei barmherzig!
Nimm dreifach Geld, lass mich den Schein zerreissen.

Shylock.
Wenn er bezahlt ist, wie sein Inhalt lautet.--
Es zeigt sich klar, Ihr seid ein wuerdger Richter;
Ihr kennt die Rechte, Euer Vortrag war
Der buendigste; ich fordr Euch auf beim Recht,
Wovon Ihr ein verdienter Pfeiler seid,
Kommt nun zum Spruch; bei meiner Seele schwoer ich,
Dass keines Menschen Zunge ueber mich
Gewalt hat; ich steh hier auf meinen Schein.

Antonio.
Von ganzem Herzen bitt ich das Gericht,
Den Spruch zu tun.

Porzia.
Nun wohl, so steht es denn!
Bereitet Euren Busen fuer sein Messer.

Shylock.
O weiser Richter! wackrer junger Mann.

Porzia.
Denn des Gesetzes Inhalt und Bescheid
Hat volle Uebereinkunft mit der Busse,
Die hier im Schein als schuldig wird erkannt.

Shylock.
Sehr wahr; o weiser und gerechter Richter!
Um wieviel aelter bist du, als du aussiehst!

Porzia.
Deshalb entbloesst den Busen.

Shylock.
Ja, die Brust,
So sagt der Schein--nicht wahr, mein edler Richter?
"Zunaechst dem Herzen", sind die eignen Worte.

Porzia.
So ist's. Ist eine Waage da, das Fleisch
Zu waegen?

Shylock.
Ja, ich hab sie bei der Hand.

Porzia.
Nehmt einen Feldscher, Shylock, fuer Eur Geld,
Ihn zu verbinden, dass er nicht verblutet.

Shylock.
Ist das so angegeben in dem Schein?

Porzia.
Es steht nicht da; allein was tut's? Es waer
Doch gut, Ihr taetet das aus Menschenliebe.

Shylock.
Ich kann's nicht finden, 's ist nicht in dem Schein.

Porzia.
Kommt, Kaufmann! habt Ihr irgend was zu sagen?

Antonio.
Nur wenig; ich bin fertig und geruestet.
Gebt mir die Hand, Bassanio, lebet wohl!
Es kraenk Euch nicht, dass dies fuer Euch mich trifft,
Denn hierin zeigt das Glueck sich guetiger
Als seine Weis ist; immer laesst es sonst
Elende ihren Reichtum ueberleben,
Mit hohlem Aug und faltger Stirn ein Alter
Der Armut anzusehn; von solcher Schmach
Langwier'ger Busse nimmt es mich hinweg.
Empfehlt mich Eurem edlen Weib, erzaehlt Ihr
Den Hergang von Antonios Ende; sagt,
Wie ich Euch liebte; ruehmt im Tode mich;
Und wenn Ihr's auserzaehlt, heisst sie entscheiden,
Ob nicht Bassanio einst geliebt ist worden.
Bereut nicht dass Ihr einen Freund verliert
Und er bereut nicht, dass er fuer Euch zahlt:
Denn schneidet nur der Jude tief genug,
So zahl ich gleich die Schuld von ganzem Herzen.

Bassanio.
Antonio, ich hab ein Weib zur Ehe,
Die mir so lieb ist als mein Leben selbst;
Doch Leben selbst, mein Weib und alle Welt
Gilt hoeher als dein Leben nicht bei mir.
Ich gaebe alles hin, ja opfert' alles
Dem Teufel da, um dich nur zu befrein.

Porzia.
Da wuesst Eur Weib gewiss Euch wenig Dank,
Waer sie dabei und hoert Eur Anerbieten.

Graziano.
Ich hab ein Weib, die ich auf Ehre liebe;
Doch wuenscht ich sie im Himmel, koennte sie
Dort eine Macht erflehn, des huendschen Juden
Gemuet zu aendern.

Nerissa.
Gut, dass Ihr's hinter ihrem Ruecken tut,
Sonst stoerte wohl der Wunsch des Hauses Frieden.

Shylock (beiseite).
So sind die Christenmaenner; ich hab 'ne Tochter:
Waer irgendwer vom Stamm des Barrabas
Ihr Mann geworden, lieber als ein Christ!--
Die Zeit geht hin; ich bitt Euch, kommt zum Spruch.

Porzia.
Ein Pfund von dieses Kaufmanns Fleisch ist dein.
Der Hof erkennt es, und das Recht erteilt es.

Shylock.
O hoechst gerechter Richter!--

Porzia.
Ihr muesst das Fleisch ihm schneiden aus der Brust:
Das Recht bewilligt's, und der Hof erkennt es.

Shylock.
O hoechst gelehrter Richter!--Na, ein Spruch!
Kommt, macht Euch fertig.

Porzia.
Wart noch ein wenig: Eins ist noch zu merken!
Der Schein hier gibt dir nicht ein Troepfchen Blut;
Die Worte sind ausdruecklich: ein Pfund Fleisch!
Nimm denn den Schein, und nimm du dein Pfund Fleisch;
Allein vergiessest du, indem du's abschneidst,
Nur einen Tropfen Christenblut, so faellt
Dein Hab und Gut nach dem Gesetz Venedigs
Dem Staat Venedigs heim.

Graziano.
Gerechter Richter!--merk, Jud!--o weiser Richter!

Shylock.
Ist das Gesetz?

Porzia.
Du sollst die Akte sehn.
Denn, weil du dringst auf Recht, so sei gewiss:
Recht soll dir werden, mehr als du begehrst.

Graziano.
O weiser Richter!--merk, Jud! ein weiser Richter!

Shylock.
Ich nehme das Erbieten denn: zahlt dreifach
Mir meinen Schein und lasst den Christen gehn.

Bassanio.
Hier ist das Geld.

Porzia.
Halt!
Dem Juden alles Recht--still! keine Eil!
Er soll die Busse haben, weiter nichts.

Graziano.
O Jud! ein weiser, ein gerechter Richter!

Porzia.
Darum bereite dich, das Fleisch zu schneiden.
Vergiess kein Blut, schneid auch nicht mehr noch minder
Als grad ein Pfund; ist's minder oder mehr
Als ein genaues Pfund, sei's nur soviel,
Es leichter oder schwerer an Gewicht
Zu machen, um ein armes Zwanzigstteil
Von einem Skrupel, ja wenn sich die Waagschal
Nur um die Breite eines Haares neigt,
So stirbst du, und dein Gut verfaellt dem Staat.

Graziano.
Ein zweiter Daniel, ein Daniel, Jude!
Unglaeubiger, ich hab dich bei der Huefte.

Porzia.
Was haelt den Juden auf? Nimm deine Busse.

Shylock.
Gebt mir mein Kapital und lasst mich gehn.

Bassanio.
Ich hab es schon fuer dich bereit: hier ist's.

Porzia.
Er hat's vor offenem Gericht geweigert:
Sein Recht nur soll er haben und den Schein.

Graziano.
Ich sag, ein Daniel, ein zweiter Daniel!
Dank, Jude, dass du mich das Wort gelehrt.

Shylock.
Soll ich nicht haben bloss mein Kapital?

Porzia.
Du sollst nichts haben als die Busse, Jude,
Die du auf eigene Gefahr magst nehmen.

Shylock.
So lass' es ihm der Teufel wohl bekommen!
Ich will nicht laenger Rede stehn.

Porzia.
Wart, Jude!
Das Recht hat andern Anspruch noch an dich.
Es wird verfuegt in dem Gesetz Venedigs,
Wenn man es einem Fremdling dargetan,
Dass er durch Umweg' oder gradezu
Dem Leben eines Buergers nachgestellt,
Soll die Partei, auf die sein Anschlag geht,
Die Haelfte seiner Gueter an sich ziehn;
Die andre Haelfte faellt dem Schatz anheim,
Und an des Dogen Gnade haengt das Leben
Des Schuldgen einzig, gegen alle Stimmen.
In der Benennung, sag ich, stehst du nun,
Denn es erhellt aus offenbarem Hergang,
Dass du durch Umweg' und auch gradezu
Recht eigentlich gestanden dem Beklagten
Nach Leib und Leben: und so trifft dich denn
Die Androhung, die ich zuvor erwaehnt.
Drum nieder, bitt um Gnade bei dem Dogen!

Graziano.
Bitt um Erlaubnis, selber dich zu haengen;
Und doch, da all dein Gut dem Staat verfaellt,
Behaeltst du nicht den Wert von einem Strick;
Man muss dich haengen auf des Staates Kosten.

Doge.
Damit du siehst, welch andrer Geist uns lenkt,
So schenk ich dir das Leben, eh du bittest.
Dein halbes Gut gehoert Antonio,
Die andre Haelfte faellt dem Staat anheim,
Was Demut lindern kann zu einer Busse.

Porzia.
Ja, fuer den Staat, nicht fuer Antonio.

Shylock.
Nein, nehmt mein Leben auch, schenkt mir das nicht!
Ihr nehmt mein Haus, wenn ihr die Stuetze nehmt,
Worauf mein Haus beruht; ihr nehmt mein Leben,
Wenn ihr die Mittel nehmt, wodurch ich lebe.

Porzia.
Was koennt Ihr fuer ihn tun, Antonio?

Graziano.
Ein Strick umsonst! nichts mehr, um Gottes willen!

Antonio.
Beliebt mein gnaedger Herr und das Gericht
Die Busse seines halben Guts zu schenken,
So bin ich es zufrieden, wenn er mir
Die andre Haelfte zum Gebrauche laesst,
Nach seinem Tod dem Mann sie zu erstatten,
Der kuerzlich seine Tochter stahl.
Noch zweierlei beding ich: dass er gleich
Fuer diese Gunst das Christentum bekenne;
Zum andern, stell er eine Schenkung aus
Hier vor Gericht von allem, was er nachlaesst,
An seinen Schwiegersohn und seine Tochter.

Doge.
Das soll er tun, ich widerrufe sonst
Die Gnade, die ich eben hier erteilt.

Porzia.
Bist du's zufrieden, Jude? Nun, was sagst du?

Shylock.
Ich bin's zufrieden.

Porzia.
Ihr, Schreiber, setzt die Schenkungsakte auf.

Shylock.
Ich bitt, erlaubt mir, weg von hier zu gehn:
Ich bin nicht wohl, schickt mir die Akte nach,
Und ich will zeichnen.

Doge.
Geh denn, aber tu's.

Graziano.
Du wirst zwei Paten bei der Taufe haben;
Waer ich dein Richter, kriegtest du zehn mehr--
Zum Galgen, nicht zum Taufstein, dich zu bringen.

(Shylock ab.)

Doge.
Ich lad Euch, Herr, zur Mahlzeit bei mir ein.

Porzia.
Ich bitt Eur Hoheit uni Entschuldigung.
Ich muss vor Abend fort nach Padua
Und bin genoetigt, gleich mich aufzumachen.

Doge.
Es tut mir leid, dass Ihr Verhindrung habt.
Antonio, zeigt Euch dankbar diesem Mann:
Ihr seid ihm sehr verpflichtet, wie mich duenkt.

(Doge, Senatoren und Gefolge ab.)

Bassanio.
Mein wuerdger Herr, ich und mein Freund, wir sind
Durch Eure Weisheit heute losgesprochen
Von schweren Bussen; fuer den Dienst erwidern
Wir mit der Schuld des Juden, den dreitausend
Dukaten, willig die gewogne Mueh.

Antonio.
Und bleiben Euer Schuldner ueberdies
An Liebe und an Diensten immerfort.

Porzia.
Wer wohl zufrieden ist, ist wohl bezahlt;
Ich bin zufrieden, da ich euch befreit,
Und halte dadurch mich fuer wohl bezahlt;
Lohnsuechtiger war niemals mein Gemuet.
Ich bitt euch, kennt mich, wenn wir mal uns treffen;
Ich wuensch euch Gutes, und so nehm ich Abschied.

Bassanio.
Ich muss noch in Euch dringen, bester Herr:
Nehmt doch ein Angedenken, nicht als Lohn,
Nur als Tribut; gewaehrt mir zweierlei,
Mir's nicht zu weigern und mir zu verzeihn.

Porzia.
Ihr dringt sehr in mich! gut, ich gebe nach:
Gebt Eure Handschuh mir, ich will sie tragen,
Und, Euch zur Lieb, nehm ich den Ring von Euch.
Zieht nicht die Hand zurueck, ich will nichts weiter,
Und weigern duerft Ihr's nicht, wenn Ihr mich liebt.

Bassanio.
Der Ring--ach, Herr! ist eine Kleinigkeit,
Ihn Euch zu geben, muesst ich mich ja schaemen.

Porzia.
Ich will nichts weiter haben als den Ring,
Und, wie mich duenkt, hab ich nun Lust dazu.

Bassanio.
Es haengt an diesem Ring mehr als sein Wert;
Den teursten in Venedig geb ich Euch
Und find ihn aus durch oeffentlichen Ausruf.
Fuer diesen bitt ich nur, entschuldigt mich.

Porzia.
Ich seh, Ihr seid freigebig im Erbieten;
Ihr lehrtet erst mich bitten, und nun scheint es,
Ihr lehrt mich, wie man Bettlern Antwort gibt.

Bassanio.
Den Ring gab meine Frau mir, bester Herr;
Sie steckte mir ihn an und hiess mich schwoeren,
Ich woll ihn nie verlieren noch vergeben.

Porzia.
Mit solchen Worten spart man seine Gaben.
Ist Eure Frau nicht gar ein toericht Weib
Und weiss, wie gut ich diesen Ring verdient,
So wird sie nicht auf immer Feindschaft halten,
Weil Ihr ihn weggabt. Gut, gehabt Euch wohl!

(Porzia und Nerissa ab.)

Antonio.
Lasst ihn den Ring doch haben, Don Bassanio;
Lasst sein Verdienst zugleich mit meiner Liebe
Euch gelten gegen Eurer Frau Gebot.

Bassanio.
Geh, Graziano, lauf und hol ihn ein,
Gib ihm den Ring und bring ihn, wenn du kannst,
Zu des Antonio Haus. Fort! eile dich!

(Graziano ab.)

Kommt, Ihr und ich, wir wollen gleich dahin,
Und frueh am Morgen wollen wir dann beide
Nach Belmont fliegen. Kommt, Antonio!

(Ab.)



Zweite Szene

Eine Strasse

(Porzia und Nerissa kommen)


Porzia.
Erfrag des Juden Haus, gib ihm die Akte
Und lass ihn zeichnen. Wir wollen fort zu Nacht
Und einen Tag vor unsern Maennern noch
Zu Hause sein. Die Akte wird Lorenzen
Gar sehr willkommen sein.

(Graziano kommt.)

Graziano.
Schoen, dass ich Euch noch treffe, werter Herr.
Hier schickt Euch Don Bassanio, da er besser
Es ueberlegt, den Ring und bittet Euch,
Mittags bei ihm zu speisen.

Porzia.
Das kann nicht sein;
Den Ring nehm ich mit allem Danke an
Und bitt Euch, sagt ihm das; seid auch so gut,
Den jungen Mann nach Shylocks Haus zu weisen.

Graziano.
Das will ich tun.

Nerissa (zu Porzia).
Herr, noch ein Wort mit Euch.--

(Heimlich.)

Ich will doch sehn, von meinem Mann den Ring
Zu kriegen, den ich immer zu bewahren
Ihn schwoeren liess.

Porzia.
Ich steh dafuer, du kannst es.
Da wird's an hoch und teuer Schwoeren gehn,
Dass sie die Ring an Maenner weggegeben;
Wir leugnen's keck und ueberschwoeren sie.
Fort! eile dich! Du weisst ja, wo ich warte.

Nerissa.
Kommt, lieber Herr! wollt Ihr sein Haus mir zeigen?

(Ab.)




Fuenfter Aufzug



Erste Szene

Belmont. Freier Platz vor Porzias Hause

(Lorenzo und Jessica treten auf)


Lorenzo.
Der Mond scheint hell. In solcher Nacht wie diese,
Da linde Luft die Baeume schmeichelnd kuesste
Und sie nicht rauschen liess, in solcher Nacht
Erstieg wohl Troilus die Mauern Trojas
Und seufzte seine Seele zu den Zelten
Der Griechen hin, wo seine Cressida
Die Nacht in Schlummer lag.

Jessica.
In solcher Nacht
Schluepft' ueberm Taue Thisbe furchtsam hin
Und sah des Loewen Schatten eh als ihn
Und lief erschrocken weg.

Lorenzo.
In solcher Nacht
Stand Dido, eine Weid in ihrer Hand,
Am wilden Strand und winkte ihrem Liebsten
Zur Rueckkehr nach Karthago.

Jessica.
In solcher Nacht
Las einst Medea jene Zauberkraeuter,
Den Aeson zu verjuengen.

Lorenzo.
In solcher Nacht
Stahl Jessica sich von dem reichen Juden
Und lief mit einem ausgelassnen Liebsten
Bis Belmont von Venedig.

Jessica.
In solcher Nacht
Schwor ihr Lorenzo, jung und zaertlich, Liebe
Und stahl ihr Herz mit manchem Treugeluebd,
Wovon nicht eines echt war.

Lorenzo.
In solcher Nacht
Verleumdete die artge Jessica
Wie eine kleine Schelmin ihren Liebsten,
Und er vergab es ihr.

Jessica.
Ich wollt Euch uebernachten, kaeme niemand.
Doch horcht! ich hoer den Fusstritt eines Manns.
(Ein Bedienter kommt.)

Lorenzo.
Wer kommt so eilig in der stillen Nacht?

Bedienter.
Ein Freund.

Lorenzo.
Ein Freund? was fuer ein Freund? Eur Name, Freund?

Bedienter.
Mein Nam ist Stephano, und ich soll melden,
Dass meine gnaedge Frau vor Tages Anbruch
Wird hier in Belmont sein; sie streift umher
Bei heilgen Kreuzen, wo sie kniet und betet
Um frohen Ehestand.

Lorenzo.
Wer kommt mit ihr?

Bedienter.
Ein heilger Klausner und ihr Maedchen bloss.
Doch sagt mir, ist mein Herr noch nicht zurueck?

Lorenzo.
Nein, und wir haben nichts von ihm gehoert.
Doch, liebe Jessica, gehn wir hinein;
Lass uns auf einen feierlichen Willkomm
Fuer die Gebieterin des Hauses denken.

(Lanzelot kommt.)

Lanzelot.
Holla, holla! he! heda! holla! holla!

Lorenzo.
Wer ruft?

Lanzelot.
Holla! habt Ihr Herrn Lorenzo und Frau Lorenzo gesehn? Holla! holla!

Lorenzo.
Lass dein Hollarufen, Kerl! Hier!

Lanzelot.
Holla! wo? wo?

Lorenzo.
Hier!

Lanzelot.
Sagt ihm, dass ein Postillon von meinem Herrn gekommen ist, der
sein Horn voll guter Neuigkeiten hat: mein Herr wird vor morgens
hier sein.

(Lanzelot ab.)

Lorenzo.
Komm, suesses Herz, erwarten wir sie drinnen.
Und doch, es macht nichts aus: wozu hineingehn?
Freund Stephano, ich bitt Euch, meldet gleich
Im Haus die Ankunft Eurer gnaedgen Frau
Und bringt die Musikanten her ins Freie.

(Stephano ab.)

Wie suess das Mondlicht auf dem Huegel schlaeft!
Hier sitzen wir und lassen die Musik
Zum Ohre schluepfen; sanfte Still und Nacht,
Stimmt zu den Klaengen suesser Harmonie.
Komm, Jessica! Sieh, wie die Himmelsflur
Ist eingelegt mit Scheiben lichten Goldes!
Auch nicht der kleinste Kreis, den du da siehst,
Der nicht im Schwunge wie ein Engel singt,
Zum Chor der hellgeaugten Cherubim.
So voller Harmonie sind ewge Geister:
Nur wir, weil dies hinfaellge Kleid von Staub
Und grob umhuellt, wir koennen sie nicht hoeren.

(Musikanten kommen.)

He! kommt und weckt Dianen auf mit Hymnen,
Ruehrt euer Herrin Ohr mit zartem Spiel,

(Musik)

Zieht mit Musik sie heim.

Jessica.
Nie macht die liebliche Musik mich lustig.

Lorenzo.
Der Grund ist, Eure Geister sind gespannt.
Bemerkt nur eine wilde fluechtge Herde,
Der ungezaehmten jungen Fuellen Schar:
Sie machen Spruenge, bruellen, wiehern laut,
Wie ihres Blutes heisse Art sie treibt;
Doch schaut nur die Trompete oder trifft
Sonst eine Weise der Musik ihr Ohr,
So seht Ihr, wie sie miteinander stehn;
Ihr wildes Auge schaut mit Sittsamkeit,
Durch suesse Macht der Toene. Drum lehrt der Dichter,
Gelenkt hab Orpheus Baeume, Felsen, Fluten,
Weil nichts so stoeckisch, hart und voll von Wut,
Das nicht Musik auf eine Zeit verwandelt.
Der Mann, der nicht Musik hat in ihm selbst,
Den nicht die Eintracht suesser Toene ruehrt,
Taugt zu Verrat, zu Raeuberei und Tuecken;
Die Regung seines Sinns ist dumpf wie Nacht,
Sein Trachten duester wie der Erebus.
Trau keinem solchen!--Horch auf die Musik!

(Porzia und Nerissa in der Entfernung)

Porzia.
Das Licht, das wir da sehen, brennt im Saal;
Wie weit die kleine Kerze Schimmer wirft!
So scheint die gute Tat in arger Welt.

Nerissa.
Da der Mond schien, sahn wir die Kerze nicht.

Porzia.
So loescht der groessre Glanz den kleinern aus.
Ein Stellvertreter strahlet wie ein Koenig,
Bis ihm ein Koenig naht; und dann ergiesst
Sein Prunk sich, wie vom innern Land ein Bach
Ins grosse Bett der Wasser. Horch, Musik!

Nerissa.
Es sind die Musikanten Eures Hauses.

Porzia.
Ich sehe, nichts ist ohne Ruecksicht gut;
Mich duenkt, sie klingt viel schoener als bei Tag.

Nerissa.
Die Stille gibt den Reiz ihr, gnaedge Frau.

Porzia.
Die Kraehe singt so lieblich wie die Lerche,
Wenn man auf keine lauschet; und mir deucht,
Die Nachtigall, wenn sie bei Tage saenge,
Wo alle Gaense schnattern, hielt' man sie
Fuer keinen bessern Spielmann als den Spatz.
Wie manches wird durch seine Zeit gezeitigt
Zu echtem Preis und zur Vollkommenheit!--
Still! Luna schlaeft ja beim Endymion
Und will nicht aufgeweckt sein.

(Die Musik hoert auf.)

Lorenzo.
Wenn nicht alles
Mich truegt, ist das die Stimme Porzias.

Porzia.
Er kennt mich, wie der blinde Mann den Kuckuck,
An meiner schlechten Stimme.

Lorenzo.
Gnaedge Frau, willkommen!

Porzia.
Wir beteten fuer unsrer Maenner Wohlfahrt
Und hoffen, unsre Worte foerdern sie:
Sind sie zurueck?

Lorenzo.
Bis jetzt nicht, gnaedge Frau.
Allein ein Bote ist vorausgekommen,
Sie anzumelden.

Porzia.
Geh hinein, Nerissa,
Sag meinen Leuten, dass sie gar nicht tun,
Als waeren wir vom Haus entfernt gewesen;--
Auch Ihr, Lorenzo! Jessica, auch Ihr!

(Trompetenstoss.)

Lorenzo.
Da kommt schon Eur Gemahl, ich hoere blasen;
Wir sind nicht Plaudertaschen, fuerchtet nichts.

Porzia.
Mich duenkt, die Nacht ist nur ein krankes Tagslicht,
Sie sieht ein wenig bleicher; 's ist ein Tag
Wie's Tag ist, wenn die Sonne sich verbirgt.
(Bassanio, Antonio, Graziano treten auf mit ihrem Gefolge.)

Bassanio.
Wir hielten mit den Antipoden Tag,
Erschient Ihr, waehrend sich die Sonn entfernt.

Porzia.
Wenn mein Betragen nur das Licht nicht scheut,
So mag mein Fusstritt wohl im Dunkeln wandeln:
Ihr seid zu Haus willkommen, mein Gemahl!

Bassanio.
Ich dank Euch, heisst willkommen meinen Freund!
Dies ist der Mann, dies ist Antonio,
Dem ich so grenzenlos verpflichtet bin.

Porzia.
Ihr muesst in allem ihm verpflichtet sein;
Ich hoer, er hat sich sehr fuer Euch verpflichtet.

Antonio.
Zu mehr nicht, als ich gluecklich bin geloest.

Porzia.
Herr, Ihr seid unserm Hause sehr willkommen!
Es muss sich anders zeigen als in Reden,
Drum kuerz ich diese Wortbegruessung ab.

(Graziano und Nerissa haben sich unterdessen besonders unterredet.)

Graziano.
Ich schwoer's bei jenem Mond, Ihr tut mir Unrecht!
Fuerwahr, ich gab ihn an des Richters Schreiber:
Waer er verschnitten, dem ich ihn geschenkt,
Weil Ihr Euch, Liebste, so darueber kraenkt!

Porzia.
Wie? schon ein Zank? worueber kam es her?

Graziano.
Um einen Goldreif, einen duerftgen Ring,
Den sie mir gab; der Denkspruch war daran
Genau der Art, wie Vers' auf einer Klinge
Vom Messerschmied: "Liebt mich und lasst mich nicht."

Nerissa.
Was redet Ihr vom Denkspruch und dem Wert?
Ihr schwurt mir, da ich ihn Euch gab, Ihr wolltet
Ihn tragen bis zu Eurer Todesstunde;
Er sollte selbst im Sarge mit Euch ruhn.
Ihr musstet ihn um Eurer Eide willen,
Wo nicht um mich, verehren und bewahren.
Des Richters Schreiber!--o ich weiss, der Schreiber,
Der ihn bekam, traegt niemals Haar am Kinn.

Graziano.
Doch, wenn er lebt, bis er zum Mann erwaechst.

Nerissa.
Ja, wenn ein Weib zum Manne je erwaechst.

Graziano.
Auf Ehr, ich gab ihn einem jungen Menschen,
'ner Art von Buben, einem kleinen Knirps,
Nicht hoeher als du selbst, des Richters Schreiber.
Der Plauderbub erbat den Ring zum Lohn:
Ich konnt ihm das um alles nicht versagen.

Porzia.
Ihr wart zu tadeln, offen sag ich's Euch,
Euch von der ersten Gabe Eurer Frau
So unbedacht zu trennen; einer Sache,
Mit Eiden angesteckt an Euren Finger
Und so mit Treu an Euren Leib geschmiedet.
Ich schenkte meinem Liebsten einen Ring
Und hiess ihn schwoeren, nie ihn wegzugeben;
Hier steht er, und ich darf fuer ihn beteuern,
Er liess' ihn nicht, er riss' ihn nicht vom Finger
Fuer alle Schaetze, so die Welt besitzt.
Ihr gabt fuerwahr, Graziano, Eurer Frau
Zu lieblos eine Ursach zum Verdruss;
Geschaeh es nur, es machte mich verrueckt.

Bassanio (beiseite).
Ich moechte mir die linke Hand nur abhaun
Und schwoeren, ich verlor den Ring im Kampf.

Graziano.
Bassanio schenkte seinen Ring dem Richter,
Der darum bat und in der Tat ihn auch
Verdiente; dann erbat der Bursch, sein Schreiber,
Der Mueh vom Schreiben hatte, meinen sich,
Und weder Herr noch Diener wollten was
Als die zwei Ringe nehmen.

Porzia.
Welch einen Ring gabt Ihr ihm, mein Gemahl?
Nicht den, hoff ich, den Ihr von mir empfingt.

Bassanio.
Koennt ich zum Fehler eine Luege fuegen,
So wuerd ich's leugnen; doch Ihr seht, mein Finger
Hat nicht den Ring mehr an sich, er ist fort.

Porzia.
Gleich leer an Treu ist Euer falsches Herz.
Beim Himmel, nie komm ich in Euer Bett,
Bis ich den Ring gesehn.

Nerissa.
Noch ich in Eures,
Bis ich erst meinen sehe.

Bassanio.
Holde Porzia,
Waer Euch bewusst, wem ich ihn gab, den Ring,
Waer Euch bewusst, fuer wen ich gab den Ring,
Und saeht Ihr ein, wofuer ich gab den Ring
Und wie unwillig ich mich schied vom Ring,
Da nichts genommen wurde als der Ring,
Ihr wuerdet Eures Unmuts Haerte mildern.

Porzia.
Und haettet Ihr gekannt die Kraft des Rings,
Halb deren Wert nur, die Euch gab den Ring,
Und Eure Ehre, hangend an dem Ring,
Ihr haettet so nicht weggeschenkt den Ring.
Wo waer ein Mann so unvernuenftig wohl,
Haett es Euch nur beliebt, mit einger Waerme
Ihn zu verteidgen, dass er ohne Scheu
Ein Ding begehrte, das man heilig haelt?
Nerissa lehrt mich, was ich glauben soll:
Ich sterbe drauf, ein Weib bekam den Ring.

Bassanio.
Bei meiner Ehre, nein! bei meiner Seele!
Kein Weib bekam ihn, sondern einem Doktor
Der Rechte gab ich ihn, der mir dreitausend
Dukaten ausschlug und den Ring erbat;
Ich weigert's ihm, liess ihn verdriesslich gehn,
Den Mann, der meines teuern Freundes Leben
Aufrechterhielt. Was soll ich sagen, Holde?
Ich war genoetigt, ihn ihm nachzuschicken;
Gefaelligkeit und Scham bedraengten mich,
Und meine Ehre litt nicht, dass sie Undank
So sehr befleckte. Drum verzeiht mir, Beste!
Denn, glaubt mir, bei den heilgen Lichtern dort,
Ihr haettet, waert Ihr dagewesen, selbst
Den Ring erbeten fuer den wuerdgen Doktor.

Porzia.
Dass nur der Doktor nie mein Haus betritt.
Denn weil er das Juwel hat, das ich liebte,
Das Ihr meintwillen zu bewahren schwurt,
So will ich auch freigebig sein wie Ihr:
Ich will ihm nichts versagen, was ich habe,
Nicht meinen Leib noch meines Gatten Bett;
Denn kennen will ich ihn, das weiss ich sicher.
Schlaft keine Nacht vom Haus! wacht wie ein Argus!
Wenn Ihr's nicht tut, wenn Ihr allein mich lasst:
Bei meiner Ehre, die mein eigen noch!
Den Doktor nehm ich mir zum Bettgenossen.

Nerissa.
Und ich den Schreiber; darum seht Euch vor,
Wie Ihr mich lasst in meiner eignen Hut.

Graziano.
Gut! tut das nur, doch lasst ihn nicht ertappen,
Ich moechte sonst des Schreibers Feder kappen.

Antonio.
Ich bin der Ungluecksgrund von diesem Zwist.

Porzia.
Es kraenk Euch nicht; willkommen seid Ihr dennoch.

Bassanio.
Vergeht mir, Porzia, mein gezwungnes Unrecht,
Und vor den Ohren aller dieser Freunde
Schwoer ich dir, ja, bei deinen holden Augen,
Worin ich selbst mich sehe--

Porzia.
Gebt doch acht!
In meinen Augen sieht er selbst sich doppelt,
In jedem Aug einmal--beruft Euch nur
Auf Euer doppelt Selbst, das ist ein Eid,
Der Glauben einfloesst.

Bassanio.
Hoert mich doch nur an!
Verzeiht dies, und bei meiner Seele schwoer ich,
Ich breche nie dir wieder einen Eid.

Pages:
1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6
Copyright (c) 2007. topboookz.com. All rights reserved.