Der Kaufmann von Venedig
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Salerio.
Ja, ich tat's
Und habe Grund dazu. Signor Antonio
Empfiehlt sich Euch.
(Gibt dem Bassanio einen Brief.)
Bassanio.
Eh ich den Brief erbreche,
Sagt, wie befindet sich mein wackrer Freund?
Salerio.
Nicht krank, Herr, wenn er's im Gemuet nicht ist,
Noch wohl, als im Gemuet; der Brief da wird
Euch seinen Zustand melden.
Graziano.
Nerissa, muntert dort die Fremde auf,
Heisst sie willkommen. Eure Hand, Salerio!
Was bringt Ihr von Venedig mit? Wie geht's
Dem koeniglichen Kaufmann, dem Antonio?
Ich weiss, er wird sich unsers Glueckes freun;
Wir sind die Iasons, die das Vlies gewonnen.
Salerio.
O haettet Ihr das Vlies, das er verlor.
Porzia.
In dem Papier ist ein feindselger Inhalt,
Es stiehlt die Farbe von Bassanios Wangen.
Ein teurer Freund tot; nichts auf Erden sonst,
Was eines festgesinnten Mannes Fassung
So ganz verwandeln kann. Wie? schlimm und schlimmer?
Erlaubt, Bassanio, ich bin halb Ihr selbst,
Und mir gebuehrt die Haelfte auch von allem,
Was dies Papier Euch bringt.
Bassanio.
O werte Porzia,
Hier sind ein paar so widerwaertge Worte,
Als je Papier bedeckten. Holdes Fraeulein,
Als ich zuerst Euch meine Liebe bot,
Sagt ich Euch frei, mein ganzer Reichtum rinne
In meinen Adern: ich sei Edelmann;
Und dann sagt ich Euch wahr. Doch, teures Fraeulein,
Da ich auf nichts mich schaetzte, sollt Ihr sehn,
Wie sehr ich Prahler war. Da ich Euch sagte,
Mein Gut sei nichts, haett ich Euch sagen sollen,
Es sei noch unter nichts; denn in der Tat,
Mich selbst verband ich einem teuren Freunde,
Den Freund verband ich seinem aergsten Feind,
Um mir zu helfen. Hier, Fraeulein, ist ein Brief,
Das Blatt Papier, wie meines Freundes Leib
Und jedes Wort drauf eine offne Wunde,
Der Lebensblut entstroemt.--Doch ist es wahr,
Salerio? Sind denn alle Unternehmen
Ihm fehlgeschlagen? Wie, nicht eins gelang?
Von Tripolis, von Mexiko, von England,
Von Indien, Lissabon, der Berberei?
Und nicht (ein) Schiff entging dem furchbarn Anstoss
Von Armut drohnden Klippen?
Salerio.
Nein, nicht eins.
Und ausserdem, so scheint es, haett er selbst
Das bare Geld, den Juden zu bezahlen,
Der naehm es nicht. Nie kannt ich ein Geschoepf,
Das die Gestalt von einem Menschen trug,
So gierig, einen Menschen zu vernichten.
Er liegt dem Dogen frueh und spaet im Ohr
Und klagt des Staats verletzte Freiheit an,
Wenn man sein Recht ihm weigert. Zwanzig Handelsleute,
Der Doge selber und die Senatoren
Vom groessten Ansehn reden all ihm zu;
Doch niemand kann aus der Schikan ihn treiben
Von Recht, verfallner Buss und seinem Schein.
Jessica.
Als ich noch bei ihm war, hoert ich ihn schwoeren
Vor seinen Landesleuten Chus und Tubal,
Er wolle lieber des Antonio Fleisch
Als den Betrag der Summe zwanzigmal,
Die er ihm schuldig sei. Und, Herr, ich weiss,
Wenn ihm nicht Recht, Gewalt und Ansehn wehrt,
Wird es dem armen Manne schlimm ergehn.
Porzia.
Ist's Euch ein teurer Freund, der so in Not ist?
Bassanio.
Der teurste Freund, der liebevollste Mann,
Das unermuedet willigste Gemuet
Zu Dienstleistungen und ein Mann, an dem
Die alte Roemerehre mehr erscheint
Als sonst an wem, der in Italien lebt.
Porzia.
Welch eine Summ' ist er dem Juden schuldig?
Bassanio.
Fuer mich, dreitausend Dukaten.
Porzia.
Wie? nicht mehr?
Zahlt ihm sechstausend aus und tilgt den Schein,
Doppelt sechstausend, dann verdreifacht das,
Eh einem Freunde dieser Art ein Haar
Gekraenkt soll werden durch Bassanios Schuld.
Erst geht mit mir zur Kirch und nennt mich Weib,
Dann nach Venedig fort zu Eurem Freund,
Denn nie sollt Ihr an Porzias Seite liegen
Mit Unruh in der Brust. Gold geb ich Euch,
Um zwanzigmal die kleine Schuld zu zahlen;
Zahlt sie und bringt den echten Freund mit Euch.
Nerissa und ich selbst indessen leben
Wie Maedchen und wie Witwen. Kommt mit mir,
Ihr sollt auf Euren Hochzeitstag von hier.
Begruesst die Freunde, lasst den Mut nichts trueben;
So teur gekauft, will ich Euch teuer lieben.--
Doch lasst mich hoeren Eures Freundes Brief.
Bassanio (liest).
"Liebster Bassanio! Meine Schiffe sind alle verunglueckt, meine
Glaeubiger werden grausam, mein Gluecksstand ist ganz zerruettet,
meine Verschreibung an den Juden ist verfallen, und da es
unmoeglich ist, dass ich lebe, wenn ich sie zahle, so sind alle
Schulden zwischen mir und Euch berichtigt. Wenn ich Euch nur bei
meinem Tode sehen koennte! Jedoch handelt nach Belieben; wenn Eure
Liebe Euch nicht ueberredet, zu kommen, so muss es mein Brief
nicht.
Porzia.
O Liebster, geht, lasst alles andre liegen!
Bassanio.
Ja, eilen will ich, da mir Eure Huld
Zu gehn erlaubt; doch bis ich hier zurueck,
Sei nie ein Bett an meinem Zoegern schuld,
Noch trete Ruhe zwischen unser Glueck!
(Alle ab.)
Dritte Szene
Venedig. Eine Strasse
(Shylock, Solanio, Antonio und Gefangenwaerter treten auf)
Shylock.
Acht auf ihn, Schliesser!--Sagt mir nicht von Gnade, Dies ist der
Narr, der Geld umsonst auslieh.--Acht auf ihn, Schliesser!
Antonio.
Hoert mich, guter Shylock.
Shylock.
Ich will den Schein, nichts gegen meinen Schein!
Ich tat 'nen Eid, auf meinen Schein zu dringen.
Du nanntest Hund mich, eh du Grund gehabt;
Bin ich ein Hund, so meide meine Zaehne.
Der Doge soll mein Recht mir tun.--Mich wundert's,
Dass du so toericht bist, du loser Schliesser,
Auf sein Verlangen mit ihm auszugehn.
Antonio.
Ich bitte, hoer mich reden.
Shylock.
Ich will den Schein, ich will nicht reden hoeren,
Ich will den Schein, und also sprich nicht mehr.
Ich macht mich nicht zum schwachen, blinden Narrn,
Der seinen Kopf wiegt, seufzt, bedauert, nachgibt
Den christlichen Vermittlern. Folg mir nicht,
Ich will kein Reden, meinen Schein will ich.
(Shylock ab.)
Solanio.
Das ist ein unbarmherzger Hund, wie's keinen
Je unter Menschen gab.
Antonio.
Lasst ihn nur gehn,
Ich geh ihm nicht mehr nach mit eitlen Bitten.
Er sucht mein Leben, und ich weiss warum;
Oft hab ich Schuldner, die mir vorgeklagt,
Davon erloest, in Buss ihm zu verfallen;
Deswegen hasst er mich.
Solanio.
Gewiss, der Doge
Gibt nimmer zu, dass diese Busse gilt.
Antonio.
Der Doge kann des Rechtes Lauf nicht hemmen;
Denn die Bequemlichkeit, die Fremde finden
Hier in Venedig, wenn man sie versagt,
Setzt die Gerechtigkeit des Staats herab,
Weil der Gewinn und Handel dieser Stadt
Beruht auf allen Voelkern. Gehn wir denn!
Der Gram und der Verlust zehrt so an mir
Kaum werd ich ein Pfund Fleisch noch uebrig haben
Auf morgen fuer den blutgen Glaeubiger.
Komm, Schliesser! Gebe Gott, dass nur Bassanio
Mich fuer ihn zahlen sieht, so gilt mir's gleich.
(Ab.)
Vierte Szene
Belmont. Ein Zimmer in Porzias Hause
(Porzia, Nerissa, Lorenzo, Jessica und Balthasar kommen)
Lorenzo.
Mein Fraeulein, sag ich's schon in Eurem Beisein,
Ihr habt ein edles und ein echt Gefuehl
Von goettergleicher Freundschaft; das beweist Ihr,
Da Ihr die Trennung vom Gemahl so tragt.
Doch wuesstet Ihr, wem Ihr die Ehr erzeigt,
Welch einem biedern Mann Ihr Hilfe sendet,
Welch einem lieben Freunde Eures Gatten,
Ich weiss, Ihr waeret stolzer auf das Werk,
Als Euch gewohnte Guete draengen kann.
Porzia.
Noch nie bereut ich, dass ich Gutes tat,
Und werd es jetzt auch nicht; denn bei Genossen,
Die miteinander ihre Zeit verleben
Und deren Herz (ein) Joch der Liebe traegt,
Da muss unfehlbar auch ein Ebenmass
Von Zuegen sein, von Sitten und Gemuet.
Dies macht mich glauben, der Antonio,
Als Busenfreund von meinem Gatten, muesse
Durchaus ihm aehnlich sein. Wenn es so ist,
Wie wenig ist es, was ich aufgewandt,
Um meiner Seele Ebenbild zu loesen
Aus einem Zustand hoellscher Grausamkeit!
Doch dies kommt einem Selbstlob allzu nah;
Darum nichts mehr davon. Hoert andre Dinge:
Lorenzo, ich vertrau in Eure Hand
Die Wirtschaft und die Fuehrung meines Hauses,
Bis zu Bassanios Rueckkehr; fuer mein Teil
Ich sandt ein heimliches Geluebd zum Himmel,
Zu leben in Beschauung und Gebet,
Allein begleitet von Nerissa hier,
Bis zu der Rueckkunft unser beider Gatten.
Ein Kloster liegt zwei Meilen weit von hier,
Da wollen wir verweilen. Ich ersuch Euch:
Lehnt nicht den Auftrag ab, den meine Liebe
Und eine Noetigung des Zufalls jetzt
Euch auferlegt.
Lorenzo.
Von ganzem Herzen, Fraeulein;
In allem ist mir Euer Wink Befehl.
Porzia.
Schon wissen meine Leute meinen Willen
Und werden Euch und Jessica erkennen
An meiner eignen und Bassanios Statt.
So lebt denn wohl, bis wir uns wiedersehn!
Lorenzo.
Sei froher Mut mit Euch und heitre Stunden!
Jessica.
Ich wuensch Eur Gnaden alle Herzensfreude.
Porzia.
Ich dank Euch fuer den Wunsch und bin geneigt,
Ihn Euch zurueckzuwuenschen.--Jessica, lebt wohl!
(Jessica und Lorenzo ab.)
Nun, Balthasar,
Wie ich dich immer treu und redlich fand,
Lass mich auch jetzt dich finden. Nimm den Brief
Und eile, was in Menschenkraeften steht,
Nach Padua; gib ihn zu eignen Haenden
An meinen Vetter ab, Doktor Bellario.
Sieh zu, was er dir fuer Papiere gibt
Und Kleider; bringe die in hoechster Eil
Zur Ueberfahrt an die gemeine Faehre,
Die nach Venedig schifft. Verlier die Zeit
Mit Worten nicht; geh, ich bin vor dir da.
Balthasar.
Fraeulein, ich geh mit aller schuldigen Eil.
(Balthasar ab.)
Porzia.
Nerissa, komm. Ich hab ein Werk zur Hand,
Wovon du noch nicht weisst; wir wollen unsre Maenner,
Eh sie es denken, sehn.
Nerissa.
Und sie auch uns?
Porzia.
Jawohl, Nerissa, doch in solcher Tracht,
Dass sie mit dem versehn uns denken sollen,
Was uns gebricht. Ich wette, was du willst:
Sind wir wie junge Maenner aufgestutzt,
Will ich der feinste Bursch von beiden sein
Und meinen Degen mit mehr Anstand tragen
Und sprechen wie im Uebergang vom Knaben
Zum Mann und einem heiseren Diskant.
Ich will zwei juengferliche Tritte dehnen
Zu (einem) Maennerschritt; vom Raufen sprechen
Wie kecke junge Herrn; und artig luegen,
Wie edle Frauen meine Liebe suchten
Und, da ich sie versagt, sich tot gehaermt.--
Ich konnte nicht mit allen fertig werden;
Und dann bereu ich es und wuensch, ich haette
Bei alledem sie doch nicht umgebracht.
Und zwanzig solcher kleinen Luegen sag ich,
So dass man schwoeren soll, dass ich die Schule
Schon seit dem Jahr verliess.--Ich hab im Sinn
Wohl tausend Streiche solcher dreisten Gecken,
Die ich verueben will.
Nerissa.
So sollen wir in Maenner uns verwandeln?
Porzia.
Ja, komm, ich sag dir meinen ganzen Anschlag,
Wenn wir im Wagen sind, der uns am Tor
Des Parks erwartet; darum lass uns eilen,
Denn wir durchmessen heut noch zwanzig Meilen.
(Ab.)
Fuenfte Szene
Belmont. Ein Garten
(Lanzelot und Jessica kommen)
Lanzelot.
Ja, wahrhaftig! Denn seht Ihr, die Suenden der Vaeter sollen an den
Kindern heimgesucht werden: darum glaubt mir, ich bin besorgt fuer
Euch. Ich ging immer gerade gegen Euch heraus, und so sage ich
Euch meine Deliberation ueber die Sache. Also seid gutes Mutes,
denn wahrhaftig, ich denke, Ihr seid verdammt. Es ist nur (eine)
Hoffnung dabei, die Euch zustatten kommen kann, und das ist auch
nur so eine Art von Bastardhoffnung.
Jessica.
Und welche Hoffnung ist das?
Lanzelot.
Ei, Ihr koennt gewissermassen hoffen, dass Euer Vater Euch nicht
erzeugt hat, dass Ihr nicht des Juden Tochter seid.
Jessica.
Das waere in der Tat eine Art von Bastardhoffnung, dann wuerden die
Suenden meiner Mutter an mir heimgesucht werden.
Lanzelot.
Wahrhaftig, dann fuerchte ich, Ihr seid von Vater und Mutter wegen
verdammt. Wenn ich die Scylla, Euren Vater, vermeide, so falle
ich in die Charybdis, Eure Mutter; gut, Ihr seid auf eine und die
andre Art verloren.
Jessica.
Ich werde durch meinen Mann selig werden; er hat mich zu einer
Christin gemacht.
Lanzelot.
Wahrhaftig, da ist er sehr zu tadeln. Es gab unser vorher schon
Christen genug, grade soviel, als nebeneinander gut bestehen
konnten. Dies Christenmachen wird den Preis der Schweine
steigern; wenn wir alle Schweinefleischesser werden, so ist in
kurzem kein Schnittchen Speck in der Pfanne fuer Geld mehr zu
haben.
(Lorenzo kommt.)
Jessica.
Ich will meinem Mann erzaehlen, was Ihr sagt, Lanzelot; hier kommt
er.
Lorenzo.
Bald werde ich eifersuechtig auf Euch, Lanzelot, wenn Ihr meine
Frau so in die Ecken zieht.
Jessica.
Ihr habt nichts zu befuerchten, Lorenzo; Lanzelot und ich, wir
sind ganz entzweit. Er sagt mir grade heraus, im Himmel sei keine
Gnade fuer mich, weil ich eines Juden Tochter bin; und er
behauptet, dass Ihr kein gutes Mitglied des gemeinen Wesens seid,
weil Ihr Juden zum Christentum bekehrt und dadurch den Preis des
Schweinefleisches steigert.
Lorenzo.
Das kann ich besser beim gemeinen Wesen verantworten als Ihr Eure
Streiche mit der Mohrin. Da Ihr ein Weisser seid, Lanzelot, haettet
Ihr die Schwarze nicht so aufgeblasen machen sollen.
Lanzelot.
Es tut mir leid, wenn ich ihr etwas weisgemacht habe; aber da das
Kind einen weisen Vater hat, wird es doch keine Waise sein.
Lorenzo.
Wie jeder Narr mit den Worten spielen kann! Bald, denke ich, wird
sich der Witz am besten durch Stillschweigen bewaehren und
Gespraechigkeit bloss noch an Papageien gelobt werden.--Geht ins
Haus, Bursch, sagt, dass sie zur Mahlzeit zurichten.
Lanzelot.
Das ist geschehn, Herr, sie haben alle Maegen.
Lorenzo.
Lieber Himmel, welch ein Witzschnapper Ihr seid! Sagt also, dass
sie die Mahlzeit anrichten.
Lanzelot.
Das ist auch geschehn, es fehlt nur am Decken.
Lorenzo.
Wollt Ihr also decken?
Lanzelot.
Mich, Herr? Ich weiss besser, was sich schickt.
Lorenzo.
Wieder Silben gestochen! Willst du deinen ganzen Reichtum an Witz
auf einmal zum besten geben? Ich bitte dich, verstehe einen
schlichten Mann nach seiner schlichten Meinung. Geh zu deinen
Kameraden, heiss sie den Tisch decken, das Essen auftragen, und
wir wollen zur Mahlzeit hereinkommen.
Lanzelot.
Der Tisch, Herr, soll aufgetragen werden, das Essen soll gedeckt
werden; und was Euer Hereinkommen zur Mahlzeit betrifft, dabei
lasst Lust und Laune walten.
(Ab.)
Lorenzo.
O heilige Vernunft, was eitle Worte!
Der Narr hat ins Gedaechtnis sich ein Heer
Wortspiele eingepraegt. Und kenn ich doch
Gar manchen Narrn an einer bessern Stelle,
So aufgestutzt, der um ein spitzes Wort
Die Sache preisgibt. Wie geht's dir, Jessica?
Und nun sag deine Meinung, liebes Herz,
Wie Don Bassanios Gattin dir gefaellt?
Jessica.
Mehr als ich sagen kann. Es schickt sich wohl,
Dass Don Bassanio fromm sein Leben fuehre;
Denn da sein Weib ihm solch ein Segen ist,
Find't er des Himmels Lust auf Erden schon.
Und will er das auf Erden nicht, so waer's
Ihm recht, er kaeme niemals in den Himmel.
Ja, wenn zwei Goetter irgendeine Wette
Des Himmels um zwei irdsche Weiber spielten,
Und Porzia waer die eine, taet es not,
Noch sonst was mit der andern auf das Spiel
Zu setzen; denn die arme rohe Welt
Hat ihresgleichen nicht.
Lorenzo.
Und solchen Mann
Hast du an mir, als er an ihr ein Weib.
Jessica.
Ei, fragt doch darum meine Meinung auch.
Lorenzo.
Sogleich; doch lass uns erst zur Mahlzeit gehn.
Jessica.
Nein, lasst mich vor der Saettigung Euch loben.
Lorenzo.
Nein, bitte, spare das zum Tischgespraech;
Wie du dann sprechen magst, so mit dem andern
Werd ich's verdaun.
Jessica.
Nun gut, ich werd Euch anzupreisen wissen.
(Ab.)
Vierter Aufzug
Erste Szene
Venedig. Ein Gerichtssaal
(Der Doge, die Senatoren, Antonio, Bassanio, Graziano, Salarino,
Solanio und andre)
Doge.
Nun, ist Antonio da?
Antonio.
Eur Hoheit zu Befehl.
Doge.
Es tut mir leid um dich; du hast zu tun
Mit einem felsenharten Widersacher;
Es ist ein Unmensch, keines Mitleids faehig.
Kein Funk Erbarmen wohnt in ihm.
Antonio.
Ich hoerte,
Dass sich Eur Hoheit sehr verwandt, zu mildern
Sein streng Verfahren; doch weil er sich verstockt
Und kein gesetzlich Mittel seinem Hass
Mich kann entziehn, so stell ich denn Geduld
Entgegen seiner Wut und bin gewaffnet
Mit Ruhe des Gemuetes, auszustehn
Des seinen aergsten Grimm und Tyrannei.
Doge.
Geh wer und ruf den Juden in den Saal.
Solanio.
Er wartet an der Tuer; er kommt schon, Herr.
(Shylock kommt.)
Doge.
Macht Platz, lasst ihn uns gegenueberstehn.--
Shylock, die Welt denkt, und ich denk es auch,
Du treibest diesen Anschein deiner Bosheit
Nur bis zum Augenblick der Tat; und dann,
So glaubt man, wirst du dein Erbarmen zeigen
Und deine Milde, wunderbarer noch
Als deine angenommne Grausamkeit.
Statt dass du jetzt das dir Verfallne eintreibst,
Ein Pfund von dieses armen Kaufmanns Fleisch,
Wirst du nicht nur die Busse fahren lassen,
Nein, auch geruehrt von Lieb und Menschlichkeit,
Die Haelfte schenken von der Summe selbst,
Ein Aug des Mitleids auf die Schaeden werfend,
Die kuerzlich seine Schultern so bestuermt:
Genug, um einen koeniglichen Kaufmann
Ganz zu erdruecken und an seinem Fall
Teilnahme zu erzwingen, selbst von Herzen,
So hart wie Kieselstein, von ehrnen Busen
Von Tuerken und Tataren, nie gewoehnt
An Dienste zaertlicher Gefaelligkeit.
Wir all erwarten milde Antwort, Jude.
Shylock.
Ich legt Eur Hoheit meine Absicht vor:
Bei unserm heilgen Sabbat schwor ich es,
Zu fordern, was nach meinem Schein mir zusteht.
Wenn Ihr es weigert, tut's auf die Gefahr
Der Freiheit und Gerechtsam' Eurer Stadt.
Ihr fragt, warum ich lieber ein Gewicht
Von schnoedem Fleisch will haben, als dreitausend
Dukaten zu empfangen? Darauf will ich
Nicht Antwort geben; aber setzet nun,
Dass mir's so ansteht: ist das Antwort gnug?
Wie? wenn mich eine Ratt im Hause plagt?
Und ich, sie zu vergiften, nun dreitausend
Dukaten geben will?--Ist's noch nicht Antwort gnug?
Es gibt der Leute, die kein schmatzend Ferkel
Ausstehen koennen; manche werden toll,
Wenn sie 'ne Katze sehn; noch andre koennen,
Wenn die Sackpfeife durch die Nase singt,
Den Harn nicht bei sich halten; denn die Triebe,
Der Leidenschaften Meister, lenken sie
Nach Lust und Abneigung. Nun, Euch zur Antwort:
Wie sich kein rechter Grund angeben laesst,
Dass (der) kein schmatzend Ferkel leiden kann,
(Der) keine Katz, ein harmlos nuetzlich Tier,
(Der) keinen Dudelsack; und muss durchaus
Sich solcher unfreiwillgen Schmach ergeben,
Dass er, belaestigt, selbst belaestgen muss;
So weiss ich keinen Grund, will keinen sagen,
Als eingewohnten Hass und Widerwillen,
Den mir Antonio einfloesst, dass ich so
Ein mir nachteilig Recht an ihm verfolge.
Habt Ihr nun eine Antwort?
Bassanio.
Nein, es ist keine, du fuehlloser Mann,
Die deine Grausamkeit entschuldgen koennte.
Shylock.
Muss ich nach deinem Sinn dir Antwort geben?
Bassanio.
Bringt jedermann das um, was er nicht liebt?
Shylock.
Wer hasst ein Ding und braecht es nicht gern um?
Bassanio.
Beleidigung ist nicht sofort auch Hass.
Shylock.
Was? laesst du dich die Schlange zweimal stechen?
Antonio.
Ich bitt Euch, denkt, Ihr rechtet mit dem Juden.
Ihr moegt so gut hintreten auf den Strand,
Die Flut von ihrer Hoeh sich senken heissen;
Ihr moegt so gut den Wolf zur Rede stellen,
Warum er nach dem Lamm das Schaf laesst bloeken?
Ihr moegt so gut den Bergestannen wehren,
Ihr hohes Haupt zu schuetteln und zu sausen,
Wenn sie des Himmels Sturm in Aufruhr setzt;
Ihr moegt so gut das Haerteste bestehn,
Als zu erweichen suchen--was waer haerter?--
Sein juedisch Herz.--Ich bitt Euch also, bietet
Ihm weiter nichts, bemueht Euch ferner nicht
Und gebt in aller Kuerz und gradezu
Mir meinen Spruch, dem Juden seinen Willen.
Bassanio.
Statt der dreitausend Dukaten sind hier sechs.
Shylock.
Waer jedes Stueck von den sechstausend Dukaten
Sechsfach geteilt und jeder Teil 'n Dukat,
Ich naehm sie nicht, ich wollte meinen Schein.
Doge.
Wie hoffst du Gnade, da du keine uebst?
Shylock.
Welch Urteil soll ich scheun, tu ich kein Unrecht?
Ihr habt viel feiler Sklaven unter Euch,
Die Ihr wie Eure Esel, Hund' und Maultier'
In sklavischem, verworfnem Dienst gebraucht,
Weil Ihr sie kauftet. Sag ich nun zu Euch--
Lasst sie doch frei, vermaehlt sie Euren Erben;
Was plagt Ihr sie mit Lasten? lasst ihr Bett
So weich als Eures sein, labt ihren Gaum'
Mit eben solchen Speisen.--Ihr antwortet:
Die Sklaven sind ja unser; und so geb ich
Zur Antwort: das Pfund Fleisch, das ich verlange,
Ist teur gekauft, ist mein, und ich will's haben.
Wenn Ihr versagt, pfui ueber Eur Gesetz!
So hat das Recht Venedigs keine Kraft.
Ich wart auf Spruch; antwortet: soll ich's haben?
Doge.
Ich bin befugt, die Sitzung zu entlassen,
Wo nicht Bellario, ein gelehrter Doktor,
Zu dem ich um Entscheidung ausgeschickt,
Hier heut erscheint.
Salarino.
Eur Hoheit, draussen steht
Ein Bote hier, mit Briefen von dem Doktor,
Er kommt soeben an von Padua.
Doge.
Bringt uns die Briefe, ruft den Boten vor.
Bassanio.
Wohlauf, Antonio! Freund, sei gutes Muts!
Der Jude soll mein Fleisch, Blut, alles haben,
Eh dir ein Tropfen Bluts fuer mich entgeht.
Antonio.
Ich bin ein angestecktes Schaf der Herde,
Zum Tod am tauglichsten; die schwaechste Frucht
Faellt vor der andern, und so lasst auch mich.
Ihr koennt nicht bessern Dienst mir tun, Bassanio,
Als wenn Ihr lebt und mir die Grabschrift setzt.
(Nerissa tritt auf, als Schreiber eines Advokaten gekleidet.)
Doge.
Kommt Ihr von Padua, von Bellario?
Nerissa.
Von beiden, Herr; Bellario gruesst Eur Hoheit.
(Sie ueberreicht einen Brief.)
Bassanio.
Was wetzest du so eifrig da dein Messer?
Shylock.
Die Buss dem Bankrottierer auszuschneiden.
Graziano.
An deiner Seel, an deiner Sohle nicht,
Machst du dein Messer scharf, du harter Jude!
Doch kein Metall, selbst nicht des Henkers Beil,
Hat halb die Schaerfe deines scharfen Grolls.
So koennen keine Bitten dich durchdringen?
Shylock.
Nein, keine, die du Witz zu machen hast.
Graziano.
O sei verdammt, du unbarmherzger Hund!
Und um dein Leben sei Gerechtigkeit verklagt.
Du machst mich irre fast in meinem Glauben,
Dass ich es halte mit Pythagoras,
Wie Tieresseelen in die Leiber sich
Von Menschen stecken; einen Wolf regierte
Dein huendscher Geist, der, aufgehenkt fuer Mord,
Die grimme Seele weg vom Galgen riss
Und, weil du lagst in deiner schnoeden Mutter,
In dich hineinfuhr; denn dein ganz Begehren
Ist woelfisch, blutig, raeuberisch und hungrig.
Shylock.
Bis du von meinem Schein das Siegel wegschiltst,
Tust du mit Schrein nur deiner Lunge weh.
Stell deinen Witz her, guter junger Mensch,
Sonst faellt er rettungslos in Truemmern dir.
Ich stehe hier um Recht.
Doge.
Der Brief da von Bellarios Hand empfiehlt
Uns einen jungen und gelehrten Doktor.--
Wo ist er denn?
Nerissa.
Er wartet dicht bei an
Auf Antwort, ob Ihr Zutritt ihm vergoennt.
Doge.
Von ganzem Herzen! Geht ein paar von euch
Und gebt ihm hoefliches Geleit hieher.
Hoer das Gericht indes Bellarios Brief.
Ein Schreiber (liest).
"Eur Hoheit dient zur Nachricht, dass ich beim Empfange Eures
Briefes sehr krank war. Aber in dem Augenblick, da Euer Bote
ankam, war bei mir auf einen freundschaftlichen Besuch ein junger
Doktor von Rom, namens Balthasar. Ich machte ihn mit dem
streitigen Handel zwischen dem Juden und dem Kaufmann Antonio
bekannt; wir schlugen viele Buecher nach. Er ist von meiner
Meinung unterrichtet, die er, berichtigt durch seine eigne
Gelehrsamkeit (deren Umfang ich nicht genug empfehlen kann),
mitgenommen hat, um auf mein Andringen Euer Hoheit an meiner
Statt Genuege zu leisten. Ich ersuche Euch, lasst seinen Mangel an
Jahren keinen Grund sein, ihm eine anstaendige Achtung zu
versagen; denn ich kannte noch niemals einen so jungen Koerper mit
einem so alten Kopf. Ich ueberlasse ihn Eurer gnaedigen Aufnahme;
seine Pruefung wird ihn am besten empfehlen."
Doge.
Ihr hoert, was der gelehrte Mann uns schreibt,
Und hier, so glaub ich, kommt der Doktor schon.
(Porzia tritt auf, wie ein Rechtsgelehrter gekleidet.)
Gebt mir die Hand; Ihr kommt von unserm alten
Bellario?
Porzia.
Zu dienen, gnaedger Herr!
Doge.
Ihr seid willkommen! nehmet Euren Platz.
Seid Ihr schon mit der Zwistigkeit bekannt,
Die hier vor dem Gericht verhandelt wird?
Porzia.
Ich bin ganz unterrichtet von der Sache.
Wer ist der Kaufmann hier und wer der Jude?
Doge.
Antonio, alter Shylock, tretet vor!
Porzia.
Eur Nam ist Shylock?
Shylock.
Shylock ist mein Name.
Porzia.
Von wunderlicher Art ist Euer Handel,
Doch in der Form, dass das Gesetz Venedigs
Euch nicht anfechten kann, wie Ihr verfahrt.--
Ihr seid von ihm gefaehrdet; seid Ihr nicht?
Antonio.
Ja, wie er sagt.
Porzia.
Den Schein erkennt Ihr an?
Antonio.
Ja.
Porzia.
So muss der Jude Gnad ergehen lassen.
Shylock.
Wodurch genoetigt, muss ich? Sagt mir das.
Porzia.
Die Art der Gnade weiss von keinem Zwang.
Sie traeufelt wie des Himmels milder Regen
Zur Erde unter ihr; zwiefach gesegnet:
Sie segnet den, der gibt, und den, der nimmt;
Am maechtigsten in Maechtgen, zieret sie
Den Fuersten auf dem Thron mehr als die Krone.
Das Zepter zeigt die weltliche Gewalt,
Das Attribut der Wuerd und Majestaet,
Worin die Furcht und Scheu der Koenge sitzt.
Doch Gnad ist ueber diese Zeptermacht,
Sie thronet in dem Herzen der Monarchen,
Sie ist ein Attribut der Gottheit selbst,
Und irdsche Macht kommt goettlicher am naechsten,
Wenn Gnade bei dem Recht steht. Darum, Jude,
Suchst du um Recht schon an, erwaege dies:
Dass nach dem Lauf des Rechtes unser keiner
Zum Heile kaem; wir beten all um Gnade,
Und dies Gebet muss uns der Gnade Taten
Auch ueben lehren. Dies hab ich gesagt,
Um deine Forderung des Rechts zu mildern;
Wenn du darauf bestehst, so muss Venedigs
Gestrenger Hof durchaus dem Kaufmann dort
Zum Nachteil einen Spruch tun.
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