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Annual Bibliography of Commonwealth Literature 2007
This paper argues that discourses of love in Ghanaian market literature for youth offer a view into complex negotiations of agency and empowerment. Drawing on Deborah Durham's notion of youth as "social `shifters'" and Francis Nyamnjoh's conception of the "interconnectedness" of agency, I take Ghanaian market literature as one specific case of how African literature for youth foregrounds questions of continuity and change as African societies enter into increasingly complex global relations. In this literature for youth, received notions of love, often constructed out of impressions from American pop and hip hop music, carry new notions of agency that compete with existing "domesticated" forms. Authors like Ike Tandoh and Evelyn Tay employ discourses of love to offer youth alternative avenues for empowerment in a context of socio-economic disenfranchizement. In a creative process of "straddling", this writing both reveals and reproduces the contradictions that obtain in youth configurations of agency.

A Book Of German Lyrics

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Die Reiter reiten dicht gesellt,
Und einer sich am andern haelt. 10

Sie sehn sich traurig ins Gesicht,
Und einer um den andern spricht:

"Mir blueht daheim die schoenste Maid,
Drum tut mein frueher Tod mir leid."

"Hab' Haus und Hof und gruenen Wald, 15
Und sterben muss ich hier so bald!"

"Den Blick hab' ich in Gottes Welt,
Sonst nichts, doch schwer mir's Sterben faellt."

Und lauernd auf den Todesritt
Ziehn durch die Luft drei Geier mit. 20

Sie teilen kreischend unter sich:
"Den speisest du, den du, den ich".

* * * * *

75. DER OFFENE SCHRANK

Mein liebes Muetterlein war verreist,
Und kehrte nicht heim, und lag in der Grube;
Da war ich allein und recht verwaist.
Und traurig trat ich in ihre Stube.

Ihr Schrank stand offen, ich fand ihn noch heut', 5
Wie sie, abreisend, ihn eilig gelassen.
Wie alles man durcheinander streut
Wenn vor der Tuer die Pferde schon passen.

Ein aufgeschlagnes Gebetbuch lag
Bei mancher Rechnung, von ihr geschrieben; 10
Von ihrem Fruehstueck am Scheidetag
War noch ein Stuecklein Kuchen geblieben.

Ich las das aufgeschlagne Gebet,
Es war: wie eine Mutter um Segen
Fuer ihre Kinder zum Himmel fleht; 15
Mir pochte das Herz in bangen Schlaegen.

Ich las ihre Schrift, und ich verbiss
Nicht laenger meine gerechten Schmerzen,
Ich las die Zahlen, und ich zerriss
Die Freudenrechnung in meinem Herzen. 20

Zusammen sucht' ich den Speiserest,
Das kleinste Kruemlein, den letzten Splitter,
Und haett' es mir auch den Hals gepresst,
Ich ass vom Kuchen und weinte bitter.

* * * * *

76. AUF EINE HOLLAENDISCHE LANDSCHAFT

Muede schleichen hier die Baeche,
Nicht ein Lueftchen hoerst du wallen,
Die entfaerbten Blaetter fallen
Still zu Grund', vor Altersschwaeche.

Kraehen, kaum die Schwingen regend, 5
Streichen langsam; dort am Huegel
Laesst die Windmuehl' ruhn die Fluegel;
Ach, wie schlaefrig ist die Gegend!

Lenz und Sommer sind verflogen;
Dort das Huettlein, ob es trutze, 10
Blickt nicht aus, die Strohkapuze
Tief ins Aug' herabgezogen.

Schlummernd, oder traege sinnend,
Ruht der Hirt bei seinen Schafen,
Die Natur, Herbstnebel spinnend, 15
Scheint am Rocken eingeschlafen.

* * * * *

77. STIMME DES REGENS

Die Luefte rasten auf der weiten Heide,
Die Disteln sind so regungslos zu schauen,
So starr, als waeren sie aus Stein gehauen,
Bis sie der Wandrer streift mit seinem Kleide.

Und Erd' und Himmel haben keine Scheide, 5
In eins gefallen sind die nebelgrauen,
Zwei Freunden gleich, die sich ihr Leid vertrauen,
Und mein und dein vergessen traurig beide.

Nun ploetzlich wankt die Distel hin und wieder,
Und heftig rauschend bricht der Regen nieder, 10
Wie laute Antwort auf ein stummes Fragen.

Der Wandrer hoert den Regen niederbrausen,
Er hoert die windgepeitschte Distel sausen,
Und eine Wehmut fuehlt er, nicht zu sagen.

* * * * *

78. HERBST

Rings ein Verstummen, ein Entfaerben:
Wie sanft den Wald die Luefte streicheln,
Sein welkes Laub ihm abzuschmeicheln;
Ich liebe dieses milde Sterben.

Von hinnen geht die stille Reise, 5
Die Zeit der Liebe ist verklungen,
Die Voegel haben ausgesungen,
Und duerre Blaetter sinken leise.

Die Voegel zogen nach dem Sueden,
Aus dem Verfall des Laubes tauchen 10
Die Nester, die nicht Schutz mehr brauchen,
Die Blaetter fallen stets, die mueden.

In dieses Waldes leisem Rauschen
Ist mir, als hoer' ich Kunde wehen,
Dass alles Sterben und Vergehen 15
Nur heimlich still vergnuegtes Tauschen.




EDUARD MOERIKE




79. UM MITTERNACHT

Gelassen stieg die Nacht ans Land,
Lehnt traeumend an der Berge Wand;
Ihr Auge sieht die goldne Wage nun
Der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn.
Und kecker rauschen die Quellen hervor, 5
Sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr
Vom Tage,
Vom heute gewesenen Tage.

Das uralt alte Schlummerlied--
Sie achtet's nicht, sie ist es mued'; 10
Ihr klingt des Himmels Blaeue suesser noch,
Der fluecht'gen Stunden gleichgeschwung'nes Joch.
Doch immer behalten die Quellen das Wort,
Es singen die Wasser im Schlafe noch fort
Vom Tage, 15
Vom heute gewesenen Tage.

* * * * *

80. SEPTEMBERMORGEN

Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch traeumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier faellt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkraeftig die gedaempfte Welt 5
In warmem Golde fliessen.

* * * * *

[Illustration: Flora, die Blumen weckend, by Arnold Boecklin]

* * * * *

81. ER IST'S

Fruehling laesst sein blaues Band
Wieder flattern durch die Luefte;
Suesse, wohlbekannte Duefte
Streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen traeumen schon, 5
Wollen balde kommen.--
Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Fruehling, ja du bist's!
Dich hab' ich vernommen!

* * * * *

82. IN DER FRUEHE

Kein Schlaf noch kuehlt das Auge mir,
Dort gehet schon der Tag herfuer
An meinem Kammerfenster.
Es wuehlet mein verstoerter Sinn
Noch zwischen Zweifeln her und hin 5
Und schaffet Nachtgespenster.--
Aengste, quaele
Dich nicht laenger, meine Seele!
Freu dich! schon sind da und dorten
Morgenglocken wach geworden. 10

* * * * *

83. DER FEUERREITER

Sehet ihr am Fensterlein
Dort die rote Muetze wieder?
Nicht geheuer muss es sein,
Denn er geht schon auf und nieder.
Und auf einmal welch Gewuehle 5
Bei der Bruecke, nach dem Feld!
Horch! das Feuergloecklein gellt:
Hinterm Berg,
Hinterm Berg
Brennt es in der Muehle. 10

Schaut! da sprengt er wuetend schier
Durch das Tor, der Feuerreiter,
Auf dem rippenduerren Tier,
Als auf einer Feuerleiter.
Querfeldein! Durch Qualm und Schwuele 15
Rennt er schon und ist am Ort!
Drueben schallt es fort und fort:
Hinterm Berg,
Hinterm Berg
Brennt es in der Muehle. 20

Der so oft den roten Hahn
Meilenweit von fern gerochen
Mit des heil'gen Kreuzes Span
Freventlich die Glut besprochen--
Weh! dir grinst vom Dachgestuehle 25
Dort der Feind im Hoellenschein.
Gnade Gott der Seele dein!
Hinterm Berg,
Hinterm Berg
Rast er in der Muehle. 30

Keine Stunde hielt es an,
Bis die Muehle borst in Truemmer;
Doch den kecken Reitersmann
Sah man von der Stunde nimmer.
Volk und Wagen im Gewuehle 35
Kehren heim von all dem Graus
Auch das Gloecklein klinget aus:
Hinterm Berg,
Hinterm Berg
Brennt's-- 40

Nach der Zeit ein Mueller fand
Ein Gerippe samt der Muetzen
Aufrecht an der Kellerwand
Auf der beinern Maehre sitzen.
Feuerreiter, wie so kuehle 45
Reitest du in deinem Grab!
Husch! da faellt's in Asche ab.
Ruhe wohl,
Ruhe wohl
Drunten in der Muehle! 50

* * * * *

84. DAS VERLASSENE MAEGDLEIN

Frueh, wann die Haehne kraehn,
Eh' die Sternlein verschwinden,
Muss ich am Herde stehn,
Muss Feuer zuenden.

Schoen ist der Flammen Schein, 5
Es springen die Funken;
Ich schaue so drein,
In Leid versunken.

Ploetzlich da kommt es mir,
Treuloser Knabe, 10
Dass ich die Nacht von dir
Getraeumet habe.

Traene auf Traene dann
Stuerzet hernieder:
So kommt der Tag heran-- 15
O ging' er wieder!

* * * * *

85. LEBEWOHL

"Lebe wohl!"--Du fuehlest nicht,
Was es heisst, dies Wort der Schmerzen;
Mit getrostem Angesicht
Sagtest du's und leichtem Herzen.

Lebe wohl!--Ach, tausendmal 5
Hab' ich mir es vorgesprochen,
Und in nimmersatter Qual
Mir das Herz damit gebrochen!

* * * * *

86. SCHOEN-ROHTRAUT

Wie heisst Koenig Ringangs Toechterlein?
Rohtraut, Schoen-Rohtraut.
Was tut sie denn den ganzen Tag,
Da sie wohl nicht spinnen und naehen mag?
Tut fischen und jagen. 5
O dass ich doch ihr Jaeger waer'!
Fischen und Jagen freute mich sehr.--
Schweig stille, mein Herze!

Und ueber eine kleine Weil',
Rohtraut, Schoen-Rohtraut, 10
So dient der Knab' auf Ringangs Schloss
In Jaegertracht und hat ein Ross,
Mit Rohtraut zu jagen.
O dass ich doch ein Koenigssohn waer'!
Rohtraut, Schoen-Rohtraut lieb' ich so sehr.-- 15
Schweig stille, mein Herze!

Einstmals sie ruhten am Eichenbaum,
Da lacht Schoen-Rohtraut:
"Was siehst mich an so wunniglich?
Wenn du das Herz hast, kuesse mich!" 20
Ach, erschrak der Knabe!
Doch denket er: Mir ist's vergunnt,
Und kuesset Schoen-Rohtraut auf den Mund.--
Schweig stille, mein Herze!

Darauf sie ritten schweigend heim, 25
Rohtraut, Schoen-Rohtraut;
Es jauchzt der Knab' in seinem Sinn:
Und wuerdst du heute Kaiserin,
Mich sollt's nicht kraenken!
Ihr tausend Blaetter im Walde, wisst! 30
Ich hab' Schoen-Rohtrauts Mund gekuesst--
Schweig stille, mein Herze!

* * * * *

87. AUF EINE LAMPE

Noch unverrueckt, o schoene Lampe, schmueckest du,
An leichten Ketten zierlich aufgehangen hier,
Die Decke des nun fast vergessnen Lustgemachs.
Auf deiner weissen Marmorschale, deren Rand
Der Efeukranz von goldengruenem Erz umflicht, 5
Schlingt froehlich eine Kinderschar den Ringelreihn.
Wie reizend alles! lachend und ein sanfter Geist
Des Ernstes doch ergossen um die ganze Form:
Ein Kunstgebild der echten Art. Wer achtet sein?
Was aber schoen ist, selig scheint es in ihm selbst. 10

* * * * *

88. GEBET

Herr, schicke, was du willt,
Ein Liebes oder Leides!
Ich bin vergnuegt, dass beides
Aus deinen Haenden quillt.

Wollest mit Freuden 5
Und wollest mit Leiden
Mich nicht ueberschuetten!
Doch in der Mitten
Liegt holdes Bescheiden.

* * * * *

89. DENK' ES, O SEELE

Ein Taennlein gruenet wo,
Wer weiss? im Walde,
Ein Rosenstrauch, wer sagt,
In welchem Garten?
Sie sind erlesen schon-- 5
Denk' es, o Seele!--
Auf deinem Grab zu wurzeln
Und zu wachsen.

Zwei schwarze Roesslein weiden
Auf der Wiese, 10
Sie kehren heim zur Stadt
In muntern Spruengen.
Sie werden schrittweis gehn
Mit deiner Leiche,
Vielleicht, vielleicht noch eh' 15
An ihren Hufen
Das Eisen los wird,
Das ich blitzen sehe.




FRIEDRICH HEBBEL




90. NACHTLIED

Quellende, schwellende Nacht,
Voll von Lichtern und Sternen
In den ewigen Fernen,
Sage, was ist da erwacht?

Herz in der Brust wird beengt, 5
Steigendes, neigendes Leben,
Riesenhaft fuehle ich's weben,
Welches das meine verdraengt.

Schlaf, da nahst du dich leis,
Wie dem Kinde die Amme, 10
Und um die duerftige Flamme
Ziehst du den schuetzenden Kreis.

* * * * *

91. DAS KIND

Die Mutter lag im Totenschrein,
Zum letztenmal geschmueckt;
Da spielt das kleine Kind herein,
Das staunend sie erblickt.

Die Blumenkron' im blonden Haar 5
Gefaellt ihm gar zu sehr,
Die Busenblumen, bunt und klar,
Zum Strauss gereiht, noch mehr.

Und sanft und schmeichelnd ruft es aus:
"Du liebe Mutter, gib 10
Mir eine Blum' aus deinem Strauss,
Ich hab' dich auch so lieb."

Und als die Mntter es nicht tut,
Da denkt das Kind fuer sich:
"Sie schlaeft, doch wenn sie ausgeruht, 15
So tut sie's sicherlich."

Schleicht fort, so leis' es immer kann,
Und schliesst die Tuere sacht
Und lauscht von Zeit zu Zeit daran,
Ob Mutter noch nicht wacht. 20

* * * * *

92. NACHTGEFUEHL

Wenn ich mich abends entkleide,
Gemachsam, Stueck fuer Stueck,
So tragen die mueden Gedanken
Mich vorwaerts oder zurueck.

Ich denke der alten Tage, 5
Da zog die Mutter mich aus;
Sie legte mich still in die Wiege,
Die Winde brausten ums Haus.

Ich denke der letzten Stunde,
Da werden's die Nachbarn tun; 10
Sie senken mich still in die Erde,
Da werd' ich lange ruhn.

Schliesst nun der Schlaf mein Auge,
Wie traeum' ich oftmals das:
Es waere eins von beidem, 15
Nur wuesst' ich selber nicht, was.

* * * * *

93. GEBET

Die du, ueber die Sterne weg,
Mit der geleerten Schale
Ausschwebst, um sie am ew'gen Born
Eilig wieder zu fuellen:
Einmal schwenke sie noch, o Glueck, 5
Einmal, laechelnde Goettin!
Sieh, ein einziger Tropfen haengt
Noch verloren am Rande,
Und der einzige Tropfen genuegt,
Eine himmlische Seele, 10
Die hier unten in Schmerz erstarrt,
Wieder in Wonne zu loesen.
Ach! sie weint dir suesseren Dank,
Als die anderen alle,
Die du gluecklich und reich gemacht; 15
Lass ihn fallen, den Tropfen!

* * * * *

94. ABENDGEFUEHL

Friedlich bekaempfen
Nacht sich und Tag.
Wie das zu daempfen,
Wie das zu loesen vermag!

Der mich bedrueckte, 5
Schlaefst du schon, Schmerz?
Was mich beglueckte,
Sage, was war's doch, mein Herz?

Freude wie Kummer,
Fuehl' ich, zerrann, 10
Aber den Schlummer
Fuehrten sie leise heran.

Und im Entschweben,
Immer empor,
Kommt mir das Leben 15
Ganz wie ein Schlummerlied vor.

* * * * *

95. ICH UND DU

Wir traeumten von einander
Und sind davon erwacht,
Wir leben, um uns zu lieben,
Und sinken zurueck in Nacht.

Du tratst aus meinem Traume, 5
Aus deinem trat ich hervor,
Wir sterben, wenn sich eines
Im andern ganz verlor.

Auf einer Lilie zittern
Zwei Tropfen, rein und rund, 10
Zerfliessen in eins und rollen
Hinab in des Kelches Grund.

* * * * *

96. SOMMERBILD

Ich sah des Sommers letzte Rose stehn,
Sie war, als ob sie bluten koenne, rot;
Da sprach ich schauernd im Voruebergehn:
"So weit im Leben ist zu nah' am Tod."

Es regte sich kein Hauch am heissen Tag, 5
Nur leise strich ein weisser Schmetterling;
Doch ob auch kaum die Luft sein Fluegelschlag
Bewegte, sie empfand es und verging.

* * * * *

97. HERBSTBILD

Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum.
Und dennoch fallen, raschelnd, fern und nah,
Die schoensten Fruechte ab von jedem Banm.

O stoert sie nicht, die Feier der Natur! 5
Dies ist die Lese, die sie selber haelt,
Denn heute loest sich von den Zweigen nur,
Was vor dem milden Strahl der Sonne faellt.

* * * * *

[Illustration: VITA SOMNIUM BREVE, by Arnold Boecklin]

* * * * *

98. DER LETZTE BAUM

So wie die Sonne untergeht,
Gibt's einen letzten Baum,
Der wie in Morgenflammen steht
Am fernsten Himmelsraum.

Es ist ein Baum und weiter nichts,^ 5
Doch denkt man in der Nacht
Des letzten wunderbaren Lichts,
So wird auch sein gedacht.

Auf gleiche Weise denk' ich dein,
Nun mich die Jugend laesst, 10
Du haeltst mir ihren letzten Schein
Fuer alle Zeiten fest.




GOTTFRIED KELLER




99. AN DAS VATERLAND

O mein Heimatland! O mein Vaterland!
Wie so innig, feurig lieb' ich dich!
Schoenste Ros', ob jede mir verblich,
Duftest noch an meinem oeden Strand!

Als ich arm, doch froh, fremdes Land durchstrich, 5
Koenigsglanz mit deinen Bergen mass,
Thronenflitter bald ob dir vergass,
Wie war da der Bettler stolz auf dich!

Als ich fern dir war, o Helvetia!
Fasste manchmal mich ein tiefes Leid; 10
Doch wie kehrte schnell es sich in Freud',
Wenn ich einen deiner Soehne sah!

O mein Schweizerland, all mein Gut und Hab'
Wann dereinst die letzte Stunde kommt,
Ob ich Schwacher dir auch nichts gefrommt, 15
Nicht versage mir ein stilles Grab!

Werf' ich von mir einst dies mein Staubgewand,
Beten will ich dann zu Gott dem Herrn:
"Lasse strahlen deinen schoensten Stern
Nieder auf mein irdisch Vaterland!" 20

* * * * *

100. WINTERNACHT

Nicht ein Fluegelschlag ging durch die Welt,
Still und blendend lag der weisse Schnee.
Nicht ein Woelklein hing am Sternenzelt,
Keine Welle schlug im starren See.

Aus der Tiefe stieg der Seebaum auf, 5
Bis sein Wipfel in dem Eis gefror;
An den Aesten klomm die Nix' herauf,
Schaute durch das gruene Eis empor.

Auf dem duennen Glase stand ich da,
Das die schwarze Tiefe von mir schied; 10
Dicht ich unter meinen Fuessen sah
Ihre weisse Schoenheit, Glied um Glied.

Mit ersticktem Jammer tastet sie
An der harten Decke her und hin,
Ich vergess' das dunkle Antlitz nie, 15
Immer, immer liegt es mir im Sinn.

* * * * *

101. ABENDLIED

Augen, meine lieben Fensterlein,
Gebt mir schon so lange holden Schein,
Lasset freundlich Bild um Bild herein:
Einmal werdet ihr verdunkelt sein!

Fallen einst die mueden Lider zu, 5
Loescht ihr aus, dann hat die Seele Ruh';
Tastend streift sie ab die Wanderschuh',
Legt sich auch in ihre finstre Truh'.

Noch zwei Fuenklein sieht sie glimmend stehn
Wie zwei Sternlein, innerlich zu sehn, 10
Bis sie schwanken und dann auch vergehn,
Wie von eines Falters Fluegelwehn.

Doch noch wandl' ich auf dem Abendfeld,
Nur dem finkenden Gestirn gesellt;
Trinkt, o Augen, was die Wimper haelt, 15
Von dem goldnen Ueberfluss der Welt!




THEODOR STORM




102. OKTOBERLIED

Der Nebel steigt, es faellt das Laub;
Schenk ein den Wein, den holden!
Wir wollen uns den grauen Tag
Vergolden, ja vergolden!

Und geht es draussen noch so toll, 5
Unchristlich oder christlich,
Ist doch die Welt, die schoene Welt,
So gaenzlich unverwuestlich!

Und wimmert auch einmal das Herz,--
Stoss an und lass es klingen! 10
Wir wissen's doch, ein rechtes Herz
Ist gar nicht umzubringen.

Der Nebel steigt, es faellt das Laub;
Schenk ein den Wein, den holden!
Wir wollen uns den grauen Tag 15
Vergolden, ja vergolden!

Wohl ist es Herbst; doch warte nur,
Doch warte nur ein Weilchen!
Der Fruehling kommt, der Himmel lacht,
Es steht die Welt in Veilchen. 20

Die blauen Tage brechen an,
Und ehe sie verfliessen,
Wir wollen sie, mein wackrer Freund,
Geniessen, ja geniessen!

* * * * *

103. WEIHNACHTSLIED

Vom Himmel in die tiefsten Kluefte
Ein milder Stern herniederlacht;
Vom Tannenwalde steigen Duefte
Und hauchen durch die Winterluefte,
Und kerzenhelle wird die Nacht. 5

Mir ist das Herz so froh erschrocken,
Das ist die liebe Weihnachtszeit!
Ich hoere fernher Kirchenglocken
Mich lieblich heimatlich verlocken
In maerchenstille Heimlichkeit. 10

Ein frommer Zauber haelt mich wieder,
Anbetend, staunend muss ich stehn;
Es sinkt auf meine Augenlider
Ein goldner Kindertraum hernieder,
Ich fuehl's: ein Wunder ist geschehn. 15

* * * * *

104. SOMMERMITTAG

Nun ist es still um Hof und Scheuer
Und in der Muehle ruht der Stein;
Der Birnenbaum mit blanken Blaettern
Steht regungslos im Sonnenschein.

Die Bienen summen so verschlafen; 5
Und in der offnen Bodenluk',
Benebelt von dem Duft des Heues,
Im grauen Roecklein nickt der Puk.

Der Mueller schnarcht und das Gesinde,
Und nur die Tochter wacht im Haus; 10
Die lachet still und zieht sich heimlich
Fuersichtig die Pantoffeln aus.

Sie geht und weckt den Muellerburschen,
Der kaum den schweren Augen traut:
"Nun kuesse mich, verliebter Junge; 15
Doch sauber, sauber, nicht zu laut."

* * * * *

105. DIE STADT

Am grauen Strand, am grauen Meer
Und seitab liegt die Stadt;
Der Nebel drueckt die Daecher schwer,
Und durch die Stille braust das Meer
Eintoenig um die Stadt. 5

Es rauscht kein Wald, es schlaegt im Mai
Kein Vogel ohn' Unterlass;
Die Wandergans mit hartem Schrei
Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei,
Am Strande weht das Gras. 10

Doch haengt mein ganzes Herz an dir,
Du graue Stadt am Meer;
Der Jugend Zauber fuer und fuer
Ruht laechelnd doch auf dir, auf dir,
Du graue Stadt am Meer. 15

* * * * *

106. UEBER DIE HEIDE

Ueber die Heide hallet mein Schritt;
Dumpf aus der Erde wandert es mit.

Herbst ist gekommen, Fruehling ist weit---
Gab es denn einmal selige Zeit?

Brauende Nebel geisten umher; 5
Schwarz ist das Kraut und der Himmel so leer.

Waer' ich hier nur nicht gegangen im Mai!
Leben und Liebe,--wie flog es vorbei!

* * * * *

107. LUCIE

Ich seh sie noch, ihr Buechlein in der Hand,
Nach jener Bank dort an der Gartenwand
Vom Spiel der andern Kinder sich entfernen;
Sie wusste wohl, es muehte sie das Lernen.

Nicht war sie klug, nicht schoen; mir aber war 5
Ihr blass Gesichtchen und ihr blondes Haar,
Mir war es lieb; aus der Erinnrung Duester
Schaut es mich an; wir waren recht Geschwister.

Ihr schmales Bettchen teilte sie mit mir,
Und naechtens Wang' an Wange schliefen wir; 10
Das war so schoen! Noch weht ein Kinderfrieden
Mich an aus jenen Zeiten, die geschieden.

Ein Ende kam;--ein Tag, sie wurde krank
Und lag im Fieber viele Wochen lang;
Ein Morgen dann, wo sanft die Winde gingen, 15
Da ging sie heim; es bluehten die Springen.

Die Sonne schien; ich lief ins Feld hinaus
Und weinte laut; dann kam ich still nach Haus.
Wohl zwanzig Jahr und drueber sind vergangen--
An wie viel andrem hat mein Herz gehangen! 20

Was hab' ich heute denn nach dir gebangt?
Bist du mir nah und hast nach mir verlangt?
Willst du, wie einst nach unsern Kinderspielen,
Mein Knabenhaupt an deinem Herzen fuehlen?

* * * * *

108. EINE FRUEHLINGSNACHT

Im Zimmer drinnen ist's so schwuel;
Der Kranke liegt auf dem heissen Pfuehl.

Im Fieber hat er die Nacht verbracht;
Sein Herz ist muede, sein Auge verwacht.

Er lauscht auf der Stunden rinnenden Sand; 5
Er haelt die Uhr in der weissen Hand.

Er zaehlt die Schlaege, die sie pickt,
Er forschet, wie der Weiser rueckt;

Es fragt ihn, ob er noch leb' vielleicht,
Wenn der Weiser die schwarze Drei erreicht. 10

Die Wartfrau sitzet geduldig dabei,
Harrend, bis alles vorueber sei.--

Schon auf dem Herzen drueckt ihn der Tod;
Und draussen daemmert das Morgenrot.

An die Fenster klettert der Fruehlingstag, 15
Maedchen und Voegel werden wach.

Die Erde lacht in Liebesschein,
Pfingstglocken laeuten das Brautfest ein;

Singende Burschen ziehn uebers Feld
Hinein in die bluehende, klingende Welt.-- 20

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