Die von denen Faunen gepeitschte Laster
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Sidonia Hedwig Zaeunemann >> Die von denen Faunen gepeitschte Laster
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O! schluege mir mein Wunsch und Sehnen jezt nicht fehl,
Schloess sich zu dieser Zeit das herrlichste Serail
Des groessten Koenigs auf, wie viele kluge Frauen
Und Jungfern wuerde man in seinen Mauren schauen.
Wie lobt nicht Salomo des Frauenzimmers Zucht,
Wenn es den Muessiggang mit allen Ernst verflucht.
Wenn Nadel, Zwirn und Flachs und kluges Hausregieren
Der Frauenzimmer Arm mit munterm Fleisse zieren?
O weisester Monarch! jezt wuerde man dein Haus
Von Arbeit ledig sehn; ich weiss, man rufte aus:
Hat denn der Koenig sich und uns so gar vergessen?
Wie? soll sein Frauenvolk? wie? sollen die Maitressen
Vor Rahm und Rocken stehn? Der Koenig braucht den Leib
Zu seiner Augen=lust, zu seinem Zeitvertreib,
Uns aber will er nicht die kleine Lust vergoennen,
Dass wir spazieren gehn, und uns ergoetzen koennen?
Wie? sollen wir das Brod das unser Mund verzehrt
Verdienen, dass die Hand sich also selber nehrt?
Wer unsern Leib geniesst, der mag uns auch versorgen,
Und solt er selbt das Geld zu unsrer Tafel borgen.
Wo ist zu dieser Zeit ein Weib, das gross und reich,
An Wirthschaft und an Fleiss der schoenen Sara gleich?
Wo ist ein edles Kind in unsern deutschen Auen
So haeusslich, so geschickt als Jacobs Braut zu schauen?
Tabeens nette Hand, ihr kuenstlich kluger Fleiss,
Erhielt wohl schwerlich jetzt den Thraenen=reichen Preiss,
Den noch ihr Toden=Bret und Leichen=Tuch genosse,
Indem ein Zaehren=Bach aus vielen Augen flosse;
Es ist nicht mehr die Zeit da man nur wenig schlief,
Und bald nach allen sah, nach allen selber lief,
Den Kindern und Gesind des Fleises Beyspiel wiese,
Und sich auf andre nicht, nein, auf sich selbst verliese.
Was kostets nicht vor Mueh, eh man um Zehn erwacht,
Kleid, Waesche, Band und Schu zum Anzug fertig macht?
Wie stiehlt man nicht die Zeit, wenn man die Haare stutzet,
Und seine freche Stirn zur Lust und Hoffart putzet?
Des Fensters ofnes Glass, so mancher Pflaster=Trit,
Thee, Wein, Caffee und Spiel nimt Zeit und Tugend mit.
O! wie wird nicht die Zeit so liederlich verschwendet,
Wenn sich der Plauder=Mund zur Nachbarinnen wendet?
So schoen Lucretia, so gross, so reich sie war,
So wiess sie doch der Welt und zeigte offenbar:
Dass Wirtschaft, Fleiss und Mueh kein reiches Weib beflecke,
Vielmehr Huld, Ehre, Gunst bey jederman erwecke.
Ich hoere schon wie mich das Frauenzimmer schimpft;
Und ueber meinen Reim die Nase hoehnisch ruempft.
Ich hoere albereits, wie sie so sinnreich schwatzen,
Wie sie Elihu gleich von Weisheit moechten platzen.
Man haelt mir klueglich fuer: Wie manches Wunderwerk
War in der alten Zeit ein herrlich Augenmerk;
Wie manche Krieges=Kunst gieng ehedem im Schwange;
Wer weiss die Mode nicht, wie mancher lief und sange
Wenn hier ein Hochzeit=Fest und dort ein Einzug war;
Wenn eine Kreisende ein Kind zur Welt gebahr.
Wie die Philosophi vordem die Weisheit trieben;
Wie sie so wunderlich von Erd und Himmel schrieben.
Wie ward die Policey und Richter=Amt bestellt?
Drum weil denn nichts besteht und ewig dauer haelt,
So ist diess alles auch von Zeit zu Zeit verschwunden.
Wie viel vortrefliches hat unsre Welt erfunden?
Man kriegt, man lehrt, man baut nicht mehr wie ehedem,
Man ordnet, schaft und macht so wie es uns bequem,
Und jezo Mode ist; sind nun der Maenner Stunden
Und Moden jezt nicht mehr ans Alterthum gebunden;
So sind wir ebenfals von alten Sitten loss.
Wo war vordem ein Weib wie jezt am Geiste gross?
Wie niedertraechtig hiess ihr Wandel, Thun und Wesen,
Da sie den Schaeferstab, den Wasser=Krug und Besen
Getragen und gefuehrt; wenn sie den Flachs geklopft,
Die Kuchen selbst geknett, die Brunnen selbst verstopft,
Die Sichel angefasst, wenn man die Garben bande?
Ziert das ein Frauenbild von reich und gutem Stande?
Jezt aber lebet man manierlich und galant,
Den Maennern nicht zum Schimpf, nein, sondern mit Verstand.
Wer wird die Schluessel stets an Arm und Haenden fuehren?
Und seine zarte Hand mit allem selbst beschmieren?
Der Kuechen=Rauch beisst nur die schoenen Augen roth,
Worbey gar bald ein Fall dem Fuss im Laufen droth.
Davor ist Knecht und Magd, dass sie das Haus verwalten,
Wir aber lange Ruh und lange Tafel halten.
Davor sind Kramer da, wo man die Kleidung findt,
Davor giebts Maedgen gnug die uns zu Dienste sind.
Die Maenner wollen Herr und Haupt und Vaeter heisen;
So muessen sie sich auch nothwendig so beweisen,
Wie dieses Wort verlangt, dass man uns Lebens=Saft,
Und was wir irgend noth, ohn unsre Arbeit, schaft.
Ein Weib muss sich doch auch ein Stuendgen Ruhe schenken,
Und ihre Geister nicht durch Mueh und Arbeit kraenken.
Wer dankts uns Weibern denn, was wir mit Mueh erspart,
Was wir mit Fleiss geschaft? ists doch der Maenner Art,
Dass man uns immer schraubt: Wir koenten nichts erwerben.
Wohlan! so lasst uns dann bey guten Stunden sterben.
Wird uns Lucretia zum Muster vorgestellt?
O lacht! diess Muster zeigt die Thorheit alter Welt.
Denn haett Lucretia in Compagnie gesessen,
Darbey den Rocken, Rad und Maegde Fleiss vergessen,
So haett Tarquinius sie nicht so schoen geacht,
Sich nicht in sie verliebt, und seine Lust vollbracht.
Sie waere nicht durch Stahl und Eisen abgefahren.
Nein! nein! wir wollen uns vor der Gefahr bewahren.
Wir spielen lieber mit und folgen ihr nicht nach;
So ueberfaellt uns nicht dergleichen Ungemach.
August der Roemer Schmuck, August die Zier der Prinzen,
August der maechtigste an Staaten und Provinzen
Erkannte doch darbey, wie falsch das Schicksal waer;
Dass Scepter, Kron und Reich, Glueck, Reichthum, Macht und Ehr
Die Unbestaendigkeit als seine Schwester kuesse,
Dass man vom Thron und Gluek oft schnell herunter muesse.
Drum sprach sein kluger Mund zu seiner Julia:
Prinzessin! ist euch schon das groeste Gluecke nah;
Seyd ihr die Herrlichste von allen Fuersten=Kindern;
So denkt nur allezeit, das Glueke kan sich mindern.
Hat nicht schon ehedem so mancher Fuerst regiert,
Den alle Herrlichkeit und alle Macht geziert,
Allein wo ist sie oft so ploetzlich hingekommen?
Hat ihm das Schicksaal nicht diess alles abgenommen?
Dass wer der groeste war, und oft der reichste hiess,
Sich endlich elend, arm und niedrig sehen liess.
Diess stell ich mir auch vor; diess schwebt mir in Gedanken,
Wie leichtlich kan mein Glueck und meine Krone wanken;
Wie leicht stoesst mich das Glueck vom Scepter, Reich und Thron,
Und jagt mich ebenfals wie andre arm davon?
Drum liebste Julia: ihr moeget euch bey Zeiten
Auf Unglueck, Noth und Fall vernuenftiglich bereiten.
Flieht stets den Muessiggang, verschwendet keinen Tag,
Arbeitet was die Hand und ihre Kunst vermag,
Ihr wuest nicht, ob euch nicht noch eure Haende nehren.
So liess ein Kayser sich bey seiner Tochter hoeren!
So sprach auch Kayser Carl (g) zu seinen Toechtern oft:
Flieht stets den Muessiggang, wie bald und unverhoft
Kan mich des Schicksaals Macht vom Thron ins Elend jagen.
Drum schickt euch auf den Fall bey annoch guten Tagen.
Wo ist zu dieser Zeit ein Buerger=Weib und Kind
Wie dieser Fuersten=Zweig geartet und gesinnt?
Wer denkt an seinen Fall, und an des Glueckes Schlaege,
Dass er sich vor der Zeit darzu bereiten moege?
Wer koemmt der Armuths=Last durch klugen Fleiss zuvor?
Wer hasst den Muessiggang, und hebt die Hand empor,
Dass sie sich in der Zeit zu jeder Arbeit lenke,
Damit es ihr nicht einst in schlimmen Tagen kraenke?
O! haette manches Weib, das sonst auf Kuessen sass,
Und ihres Leibes=Laeng auf Schwanen=Federn mass,
Sich vor der Zeit bequemt den Muessiggang zu meiden,
Vielleicht trueg sie noch jezt ein reinlich Kleid von Seiden;
Vielleicht rief nicht ihr Mund nach Wasser, Salz und Brod;
Vielleicht waer wohl ihr Aug nicht jezt von Thraenen roth.
Man wuerde sie vielleicht anjetzo nicht verlachen,
Und sprechen: seht! sie lernt die Sachen anders machen.
Sonst grif sie nicht vor sich den kleinsten Finger an;
Jezt aber dienet sie mit Arbeit jederman.
Ich tadle nicht wenn sich ein Frauenbild bestrebet,
Dass sie nach ihrem Stand in ihrer Arbeit lebet,
Dass sie nicht oeffentlich die Hand zur Arbeit reckt
Wodurch sie Vater, Mann an seinem Stand befleckt.
Dass sie die Haende nicht wie eine Magd gebrauchet;
Und wo's nicht noetig ist, die Hand in Lauge tauchet;
Dass sie zur Reinlichkeit ein Stuendgen an sich wendt;
Nur diess ist mir verhasst, wenn man den Tag verschwendt.
{Sinnen
Wenn man den {Haenden nicht zur Arbeit Fluegel giebet,
{Fuessen
Und nur der Schnecken-Brauch und ihre Mode liebet;
Wenn man die Arbeit so, als wie die Schlangen scheut.
Wenn man stets seufzend klagt: wie lang wird mir die Zeit!
Ich weiss vor Einsamkeit, ich weiss vor langer Weile,
Fast nicht, wohin ich jezt mich zu vergnuegen eile.
Ein klug und fleisig Weib klagt vielmehr allemahl:
Wie ist mir doch die Zeit so schnell, so kurz, so schmahl;
Wenn ich vier Haende doch und so viel Fuesse haette!
Die Haende eifern fast und streiten um die Wette.
Ihr seltner Gassen=Trit haelt ihr die Kleidung schoen;
Und lehrt sie auf das Haus und ihre Kinder sehn,
Damit sie in der Zucht und Furcht erhalten werden.
Wie gluecklich ist der Mensch der auf dem Kreiss der Erden
Der Klugheit Regel folgt, die ihm die Lehre giebt;
Der ist beglueckt und reich, der Fleiss und Arbeit liebt.
Es freuet sich sein Geist wenn er bey sich erweget,
Zu diesem Glueck hat mir mein Fleiss den Grund geleget.
Durch ihn erhielt ich bloss der Fuerst= und Menschen Gunst.
Ich fand durch ihn den Weg zu mancher raren Kunst.
Es kennen mich durch ihn die kluegst= und groesten Haeuser.
Der Fleiss band mir den Kranz und diese Lorber=Reiser.
* * *
Die Ehre ist ein Trieb der angebohren ist;
Die Ehre ist ein Ziel wornach ein Weiser schiesst;
Ein Kluger ist bemueht, mit Ernst darnach zu ringen,
Und sich durch Mueh und Fleiss erwuenscht empor zu schwingen.
Sein Geist bestrebet sich um des Monarchen Gunst,
Von welchem alles Glueck, Macht, Ehre, Reichtum, Kunst
Und Tod und Leben koemmt. Er ringt nach solchen Sitten,
Wodurch der Fuerst der Welt bekaempfet und bestritten
Und ueberwunden wird. Er ist in sich vergnuegt,
Wenn er sich ueberwindt und seinen Muth besiegt.
Wo eine Tugend ist, und wo ein Lob regieret,
Dem jagt er ernstlich nach, damit ihn solches zieret.
Den Degen zuecket er auf koeniglich Geheiss,
So tapfer als auch klug zu seines Fuersten Preiss,
Dem Vaterland zu Nutz, und nicht aus eignem Willen,
Wie mancher rasst und thut, nur seinen Zorn zu stillen.
Ein Weiser ueberhebt sich seines Adels nicht,
Daher er nicht so gleich von Buegern spoettisch spricht!
Er zeigt sich jederman mit Freundlichkeit und Guete
Und unterdrueckt den Stolz in seiner ersten Bluethe.
In Demuth sucht er Ruhm in Niedrigkeit die Pracht,
Die ihn beruehmt, beliebt und gross und gluecklich macht.
Sein Geist bemuehet sich den Fuersten treu zu heisen.
Sich allezeit gerecht und loeblich zu beweisen.
Er will sich durch sich selbst und nicht durch Geld erhoehn;
Nicht um ein leeres Amt und Hunger=Titel flehn.
Er trachtet mit Vernunft die Feder so zu schnitzen,
Damit er wuerdig sey die Ehre zu besitzen.
Nach solchem Stolz und Ruhm, nach solcher Ehren=Bahn,
Strebt ein bescheidner Geist und klug und weiser Mann.
Die Welt aft allen nach, sie prahlt mit falschen Steinen,
Schleift Glaeser; die gar oft als Diamanten scheinen.
Der falschen Perlen Glanz vertrit der wahren Ort,
Das rein und aechte Gold muss oftmals heimlich fort,
Und glaenzendes Metall an dessen Stelle kommen.
Doch der Betrug wird bald von Kennern wahrgenommen.
Die wahre Ehre strahlt in ihrem eignen Licht,
Da es der naerrschen Welt an aechtem Glanz gebricht.
Wer kan wohl ganz gewiss, mit ueberzeugung schwoeren,
Dass ihm der Adel=Brief und Wappen zugehoeren.
Die Leute sagens wohl, der Vater glaubt es zwar,
Doch lacht die Mutter oft, die ihn zur Welt gebahr.
Wer weiss, welch geiler Kerl ein Neben=Bett gehalten?
Es giebt ja Leute gnug die gern diess Amt verwalten.
Wer weiss, wie mancher Knecht die edle Frau gekuesst,
Von dessen Bauren=Blut das Kind entsprungen ist.
Doch lassen sie sich mehr als Buerger=Kinder duenken,
Die gleichsam als ein Koth vor ihren Nasen stinken.
Die Ehrlichsten des Volks, die Wuerdigsten der Stadt,
Und wer ein gutes Lob und Gunst und Liebe hat;
Die heist man Buerger=Pack; man kan sie fast nicht leiden,
Man sucht sie wie die Pest und sonst noch was zu meiden.
Man fragt mit stolzen Mund im Umgang ganz genau:
Ist das ein Cavalier? diess eine gnaedge Frau?
Faellt dann die Antwort nein! so fragt man mit Erroethen;
Wie koemt es? ist den Saul auch unter den Propheten?
Die Ehre heiset mich auf meinen Adel sehn,
Es schickt sich nicht vor mich mit Buergern umzugehn.
Ein Junker, der nichts mehr als seine Stute kennet,
Worauf er in das Feld nach denen Haasen rennet,
Und bricht mit seinem Witz in diese Worte aus:
Poz Felten! o Charmant! Sie haben dort hinaus
Vortreflichen Respect; ein Weib von solchen Saamen,
Die nur von ihrem Vieh, von Wetter, Puz und Rahmen
In der Gesellschaft spricht; ein Weib das herzlich lacht,
Wenn ihr Bedienter ihr ein suesses Kurzweil macht;
Ein Fraeulein welche fast in Evens Kleide gehet,
Und in der Ordens=Zunft der Minoritten stehet,
Die sag ich, schimpfen noch die Wuerdigsten im Land,
Und reden voller Hohn vom wackern Buerger=Stand.
Ist schon das Ritter=Gut durch ihre Pracht verschwunden,
So hat der dumme Stolz doch noch sein Schloss gefunden.
Wer nicht stets Gnaedge Frau, und Ihro Gnaden spricht,
Der wird als grobes Pack aufs aergste ausgericht.
Wenn sie das Sonnen=Licht mehr als die Eiche hitzet;
Und man vor heiser Angst die kalte Tropfen schwitzet,
Weil sie der Secten Schwarm der Manichaeer plagt,
Wenn gleich der Junkern Mund ganz unaufhoerlich klagt:
Herr Vater! ach mich duerst! ach gnaedige Frau Mutter!
Ich bitte nicht um Fleisch, um Kuchen, oder Butter,
Ich bitt und flehe nur um schwarz und trocken Brod,
Nur wie ein Finger gross, nur von gar wenig Loth.
(Papa klingt viel zu schlecht: es heist, sprich: Ihro Gnaden!
Wo nicht, so soll es dir an Brod und Kofend schaden.)
So lassen sie doch nicht bey ihrem Pilgrims=Stab
Von solchen Narren=Stolz und Thoren Hochmuth ab.
Diess reizt die Buerger an, die Ehre zu betrachten,
Da sie doch ihren werth, durch solchen Trieb verachten.
Ein Buerger, der das Mark aus Land und Buergern sog,
Der seinen frommen Herrn mit List und Schein betrog.
Erkauft den Ritter=Stand, und laesst sich adlich nennen;
Da ihn die Tugenden des Adels doch nicht kennen.
(Das ist schon edel gnug, wenn ihn das Volk begehrt,
Und spricht: Der ist getreu; der ist des Glueckes werth:)
Ein Buerger, welcher sich durch Korn und Haber messen,
Durch ausgedehnte Ehl und Juedische Intressen,
Und durch den Pfeffer-Staub gross, reich und stolz gemacht,
Wenn er nach Adel=Brief und Ritter=Wappen tracht;
Ein Buerger, welcher sich nach Hunger=Titteln dringet,
Durch seinen neuen Staat das alte Gut verschlinget;
Und durch diess Ehren=Thor in Noth und Schande faellt;
Heist diess der Ehre wohl vernuenftig nachgestellt?
Ein Mann der einen Grad der Ehre kaum erblicket
Verlangt, dass jeder sich aufs tieffste vor ihm buecket,
Vermeint dass seine Ehr durch einen holden Trit,
Durch Freund= und Hoeflichkeit nur Schimpf und Anstoss litt.
Verliehrt die Ehre sich durch Freundlichkeit und Guete?
O nein! man sieht vielmehr, dass ein beliebt Gemuethe,
Ein allzeit hoeflicher und Sittenvoller Geist,
Fast aller Menschen Gunst und Liebe zu sich reist,
Ein jedes ruehmet ihn, und spricht zu seinen Ehren.
Diess, und kein stolzer Muth kan wahre Ehre mehren.
Ich weiss, es lacht mit mir die ganze kluge Welt,
Wenn ein gebruester Mann auf diesen Wahn verfaellt
Sein Titel sey etwas, den er doch darum fuehret,
Weil er die Gassen=Voegt und Bettler gubernieret.
Ein Jubelier der sich von Feuersteinen nennt;
Ein Commissarius, der wenn es etwa brennt,
Die Spritzen ordnen darf; der Kiel und Feder fuehret,
Wenn man ein Huren=Kind als ehrlich tituliret;
Ein Kaufmann neuster Art, bey dem man alles findt,
Und was denn wohl vors Geld? den allerschoensten Wind.
Drey Buechsen voller nichts; vor acht und vierzig Kreuzer
Zwey Quintgen fettes Schmalz aus dem Gebuerg der Schweizer.
Ein halb Pfund Mandelkern ein halber Zucker=Hut,
Vier Stueck Muscaten=Nuss, die alt, und folglich gut;
Sechs Dachte, welche rein, und schoen und auserlesen,
Ein ganzes Schwefel=Pack, ein Dutzend gute Besen;
Ein Mann der nur den Kiel vor Vormunds=Rechnung fuehrt,
Der seine Hauptmannschaft mit samt dem Schmauss verliehrt,
Vor ein Philister=Rohr, vor Born und Wache sorget;
Ein Mann der Huelfreich lauft wenn jemand Gelder borget,
Die sag ich, faellt mir nicht ein jeder lachend bey?
Die machen oft von sich ein groses Luft=Geschrey.
So wohl beym Aufgeboth als Tod= und Leich=Gepraenge,
Erschallen ueberall der Titel grosse Menge:
Davon ein jeder doch so schoen und artig klingt,
Dass einem bald vor Scherz der Bauch in Stuecken springt.
Sie koennen schon das Amt des Vomitivs verwalten,
Ich muss, mir eckelt selbst, den Mund schon veste halten.
Diess Volk ruft frech und stolz: Ich seh auf Ruhm und Ehr;
Wo wueste sonst die Welt wie ich zu nennen waer;
Ich fordre meinen Rang; denn wer nicht auf sich siehet,
Und sich um Glanz und Ruhm und Ansehn nicht bemuehet,
Und nicht was auf sich haelt, der wird auch nicht geacht,
Ihm wird kein Compliment nach seinem Wunsch gemacht.
Wie sieht man nicht die Welt vor falscher Ehrsucht rasen?
Drum klagt man, dass das Feld und Wald so leer von Haasen
Zu unsern Zeiten ist, dieweil man in der Stadt
Dergleichen artig Vieh mit zweyen Fuessen hat.
Die Ehre, vor der Welt bekannt und klug zu heisen;
Der Ruhm, ein Zeitungs=Blat den Knaben aufzuweisen,
Das ihren Nahmen meldt, lockt viele Thoren an,
Dass sie ihr Hirngespinst, was der verderbte Wahn
In ihre Feder floesst, so naerrsch die Worte klingen,
So Wiegenhaft es riecht, der Welt zu Markte bringen,
Wie Lohrgen dort gefehlt; was Dorilis geschwazt;
Wie Phillis ihrem Mann Aug, Mund und Bart zerkratzt;
Was Strephon wiederfuhr, da er ein Kraeutgen suchte;
Wie scharf Luppinens Mund den falschen Buhlern fluchte;
Was Thalon aufgesetzt, was jene Frau gewust
Die bey der Wiege sass; wie stark der Floh gehusst
Als Meister Stephans Sohn mit Fickgen Hochzeit machte;
Was dort ein Wasserstrom ans Land getrieben brachte;
Wie viel man Buecher hier in einem Jahr gedruckt;
Wie viel Melintes Kraut und Pillen eingeschluckt;
Wie viel es Moenche giebt, die weise Kutten tragen;
Wie viel Partheyen sich im Schoeppenstuhl verklagen,
Obs recht, dass man das I an statt des Y setzt?
Ob man die Reinigkeit der Sprache nicht verletzt?
Wenn man, wie oft geschieht, das Wort Gemuethe schreibet,
So, dass das liebe H darbey zuruecke bleibet.
Wenn diess der Feder=Held, wenn diess der Criticus
(Der Nahme macht schon Angst wenn ich ihn nennen muss.)
Hat aufs Papir geschmiert, und in die Welt gesendet,
(Dass jeder kluger sieht, wie sein Verstand verblendet)
Und manchen Drucker reich, sich aber arm gemacht,
Und seinen Nahmen nun auf manchem Blat betracht,
So lacht er ueber sich, dass er in Sued und Norden
(Durch seinen Unverstand,) bekannt genug geworden.
Es freuet sich sein Geist wenn Kind und Poebel spricht:
Das ist ein kluger Mann! desgleichen ist wohl nicht!
Gelehrte sagen auch, wo ist wohl seines gleichen?
Wo wird ein kluger leicht des Narren Sinn erreichen?
Vor Freuden bildt er sich (der Wahnwitz giebts ihm) ein,
Er muss ein Journalist und Polyhistor seyn;
Und zwar der Wichtigste; er saget allen Leuten,
So muss man sich den Weg zu Ehr und Ruhm bereiten!
Nur diesen streb ich nach, und unterdrucke nicht
Die Regung die in mir durch Mark und Adern bricht.
Er jauchzet, wenn er sieht, dass seine schoene Sachen,
Die man zu Kaesen braucht, die Leute lachend machen,
Und wenn ein trunkner Mund, der nach der Pfeife stinkt,
Bey einem Glass voll Bier, sein Stueckgen liesst und singt.
Wie manches Zuchthaus ist vor liederliche Vetteln,
Die nur aus Muessiggang ihr Brod zusammen betteln,
Verordnet und gebaut. Allein ist keins zu sehn?
Das denen Huelfe schaft, die sich so thoerigt bloehn.
Wer weiss, wenn Pallas selbst die Zuechtgung auf sich naehme,
Ob der verlohrne Witz nicht etwa wieder kaeme?
Doch nein, Minerva bleibt auf ihrem Helicon,
Was soll sich ihre Hand mit Midas theuren Sohn,
Mit Pans Geschlecht und Brut erhitzen oder schlagen?
Wer nicht will weise seyn, der mag die Schellen tragen.
Es muss der Unterschied in jeden Sachen seyn,
Diess trift auch ebenfals bey diesen Leuten ein;
Pan liebt der Stuemper Schaar; Apollo ist gerechter,
Der straft sie, und wormit? mit ewigem Gelaechter.
Wer ist wohl der sich nicht vor den Franzosen scheut?
Doch unser Jungfervolk setzt diese Furcht beyseit,
Und glaubt aus hohem Geist und voller Ehrbegierde
Die Sprache dieses Volks erhoehte ihre Zierde.
So loeblich jedes Volk auf seine Sitten haelt;
So wohl ihm seine Zucht und ganzes Thun gefaellt,
Hasst doch das Jungfervolk der sonst beruehmten Deutschen
Die Titel ihres Lands: Sie lassen sich ehr peitschen
Eh sie den neuen Brauch der Franzen Titel fliehn.
Wo sieht man Jungfern jezt von Muettern auferziehn?
Nur Mademoisellen sind zu unsrer Zeit zu kriegen.
Soll denn in diesem Wort mehr Glanz und Ehre liegen?
O falsche Ehr und Ruhm! klingt Jungfrau nicht so schoen
Als Mademoisell? Wie soll ich das verstehn?
Dass man sich dieses Worts und schoenen Titels schaemet,
Und seines Nahmens Glanz mit fremden Gold verbraemet.
Waer der in Spanien sonst uebliche Tribut
Bey uns jetzt im Gebrauch, das waer fuerwahr nicht gut.
Man koente warlich nicht die Zahl der Jungfern stellen:
Warum? Wir haben nichts als lauter Mademoisellen.
* * *
Corintho ist verbrannt; Corintho ist verstoehrt;
Sie ist in Schutt und Stein in Asch und Staub verkehrt.
Der Reichthum, Stolz und Pracht, ihr herrliches Vergnuegen,
Sieht unter diesem Schutt so mancher Pilgrim liegen.
Ihr Grabmaal stellet uns noch ihren Abschied vor:
Mein Wandrer! wer du bist, mein Ansehn und mein Flor,
Mein schoen und herrliches, und hoechst vergnuegtes Leben,
Hat mir den Untergang und Aschen=Gruft gegeben.
Corintho waer verwuest! wendt Lucifer bald ein.
Nein! nein! ihr Ebenbild wird noch zu finden seyn.
Ein Phoenix stirbt zwar wohl, jedoch sein Aschen=Huegel
Bringt einen andern vor, der stark und frische Fluegel,
Und neue Kraefte hat. So giengs auch dieser Stadt;
Ihr Staub, der in der Welt sich ausgetheilt hat,
Und sich durch Nas und Haupt und Hirn hindurch gedrungen,
Hat nun der Deutschen Sinn nach meinem Wunsch bezwungen;
So, dass nun manche Stadt Corintho Trieb erlangt,
Dass sie im Todte noch durch ihre Laster prangt.
Buess ich Corintho ein, ist sie nicht mehr vorhanden,
Was schadts! aus ihrem Staub ist manche Stadt entstanden.
Ich, ich, als ein Monarch, spricht Lucifer noch mehr,
Ich finde nicht allein bey Maechtigen Gehoer;
Nein auch bey denen selbst, die nur in Huetten leben,
Bey denen die aus Noth sich in den Dienst begeben,
Die sich von Stahl und Blut, die sich vom Fremden Raub;
Die sich von fauler Milch; die sich vom Pfeffer-Staub;
Die sich vom Herings=Schwanz von Oel, von Salz und Butter;
Die sich von Ehl und Zwirn und Hosen=Unterfutter;
Die sich von Korn und Vieh; die sich von Zeitungs=Wind,
Und was ihr freyes Maul erzehlet und erfind;
Die sich von alle dem und andern Sachen nehren;
Die zu dem Niedrigsten in Stadt und Land gehoeren;
Die sinds, die meine Stadt Corintho auferbaut,
Und die mein Angesicht, als Reiches Saeulen schaut.
Wie Nero dort auf Pracht und Wollust viel gewendet,
Und wie Cleopatra den groesten Schatz verschwendet;
Wie sich die Jesabel gezieret und geschmueckt;
Diess wird bey Adlichen und Buergers=Volk erblickt.
Die wollen jezt an Pracht und zaertlichen Geberden,
An stolz und fetten Tisch den Groessten aehnlich werden.
Da Jacobs Saamen noch des Stiftes Huette sah,
Da unter Knall und Glut der Allmacht Wort geschah,
Da war die Demuth noch das Augenmerk der Grosen,
Es suchte jederman um ihr Gewand zu losen.
So hoch, so koeniglich, so frey das Volk regiert,
So viel es Seegen auch an Zeitlichen verspuehrt,
So wurde doch ihr Leib nicht praechtig eingehuellet,
Die Lippen wurden nicht mit Leckerey erfuellet,
Scharlachen, Rosinroth, das war von ihnen fern,
Sie widmeten es nur zum Heiligthum des HErrn.
Das beste ihrer Kost, das niedlichste der Speise,
Verehrten sie dem HErrn, zu seinem Hohen Preise.
Ihr Freud, ihr Ehren=Mahl bestande nur indem,
Was die Natur gezeugt, was der Natur bequem
Gesund und dienlich war; ein Stueckgen guter Semmel;
Ein Stueck vom jungen Kalb; ein Stueck von fetten Hemmel;
Ein Kuchen, den die Frau auf nette weise buck;
Ein Wildpret, das der Mann selbst in die Kueche trug,
Das zierte Haus und Tisch; sie hassten Lecker=Sachen,
Die das Gebluete schwer die Sinne trunken machen,
Und was das Leben sonst betruebt verkuerzen kan.
Sonst lebte manches Weib, sonst lebte mancher Mann
Ins hoechste Alterthum. Jezt muss er frueh bey Jahren,
Durch Missbrauch seines Guts ins Reich der Todten fahren;
Wohin mein Genius? du fuehrst mich durch die Luft
Nach Rom, wo dein August in seiner Marmor=Gruft
In Lorber=Reisern schlaeft. Er regt sich! seine Glieder
Beleben sich aufs neu; sein edler Geist koemmt wieder.
Er ruft uns freundlich zu: Ich sprach zu meinem Kind:
Weil stolzer Kleider=Pracht der Hoffart Fahnen sind,
Und von der Schwelgerey ein freyes Zeugnis geben,
O! so gewoehne dich dem stets zu widerstreben.
Ich gieng ihr und dem Volk mit meinem Beyspiel fuer,
Ich unterdrueckte stets die luesterne Begier.
Ein wohlgewachsen Kraut, das die Natur getrieben;
Ein Mahl von lieblichen und wohlgebratnen Rueben
War damahls meinem Mund und Magen suess und schoen,
Und niemand suchte mich deswegen zu verschmaehn,
Indem mein Ansehn, Ruhm und Ehrfurcht, Ehr und Liebe,
Doch allezeit darbey in vollem Glanze bliebe.
Wie gluecklich war die Zeit, in welcher ich regiert;
Wie gluecklich war ich nicht, da ich den Thron geziert;
Bestieg ich jezt den Thron; wie wuerd man mich verlachen,
Und manchen Hohn=Gesang aus meiner Tugend machen?
Der Ritter hoehnte mich nebst jedem Buerger aus,
Man spraech mit groestem Spott: Haelt der so sparsam haus?
Will der kein zartes Kleid an seinem Leibe tragen?
Sich nicht in schoenem Stoff, in Sammt und Purpur schlagen?
Drum wohl mir, dass ich jezt in meiner Kammer ruh.
Ich lass die Welt und schliess die Augen wieder zu.
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