Die von denen Faunen gepeitschte Laster
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Sidonia Hedwig Zaeunemann >> Die von denen Faunen gepeitschte Laster
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Man rief nach Hochzeit=Brauch: lebt, wachst und mehret euch,
Und euer Same blueh in jedem Koenigreich!
Die Wuensche trafen ein. Geitz, Wucher und Betruegen,
Und Unbarmherzigkeit sah man als Kinder wiegen.
Sie blaeuten ihnen ein: Folgt uns, und dem Gebot,
Seyd fromm und dient mit Ernst der Christen ihrem GOtt.
Gold ist der Christen Gott! Ich meynt, der waer dort oben;
Ich dacht, wir muesten den als unsern Schoepfer loben,
Der uns Brod, Wein und Vieh und Kleid und Nahrung giebt,
Der uns erhaelt und schuetzt, und uns so gnaedig liebt.
Wie? soll der HErr der Welt, dem keine Engel gleichen,
Dem todten Klumpen Erz und Arons Kalbe weichen?
Es bleibet doch gewiss: Gold ist der Christen Gott!
Man weiss wie sich sein Volk mit Macht zusammen rott,
Und ihm in Sued und Nord und Osten Tempel bauet,
Ihn liebt, verehrt und fuercht und gaenzlich ihm vertrauet.
O! wuerde Jacobs GOtt vor einen GOtt geacht,
Sein Sabbath wuerde wohl zum Feyertag gemacht;
Man wuerde nicht ums Geld sein Wochen=Amt verwalten,
Die Haende zum Verkauf und Kaufen offen halten.
Man baute nicht so stark auf Wolken, Meer und Wind,
Und schifte nicht dahin wo wilde Menschen sind.
Um mit Gefahr und Mueh die Waaren zu erstehen,
Wodurch die Tugenden hernach in uns vergehen;
Waer GOtt, und nicht das Gold der Christen liebster Gott;
Man wuerde nicht ums Geld der armen Witwen Noth,
Der Waysen Klag=Geschrey durch Trug und List vermehren,
Man wuerde sie so wohl als ihre Feinde hoeren;
Man fiel nicht ums Geschenk dem boesen Gegner bey;
Man drueckte keinen nicht, er sey auch wer er sey;
Waer nicht das Gold ihr Gott, man wuerde sich bestreben,
Dem Wort im Testament gehorsam nachzuleben,
Das stets dem schnoeden Geitz und Geldsucht widerspricht,
Da heist es: taeusche ja kein Mensch den andern nicht:
Im Handel und Gewerb soll kein Betrug geschehen,
Recht Mass, Gewicht und Ehl soll unter euch bestehen.
Waer nicht das Geld ihr Gott, man wuerde lieber fliehn,
Als seines Naechsten Schweiss und Armuth an sich ziehn.
Man wuerde nicht sein Blut gleich wie die Igel saugen;
Die Thraenen duerften ihm nicht statt der Lauge taugen.
Er trueg was er verdient, sein heises Tagelohn,
Sein Stueckgen Kummerbrod wohl unbezwackt davon.
Er duerfte nicht so oft und klaeglich darum bitten,
Und solchen Zaehren=Guss aus seinen Augen schuetten.
Man machte nicht den Lohn von Tag zu Tage klein,
Und zoeg und zwackte ab, wo es nur koente seyn.
Ja wuerde nicht das Geld als wie ein Gott betrachtet,
Der Arme wuerde nicht in seiner Quaal verachtet,
Man schaute seine Noth mit wahrem Mitleid an,
Man huelf und diente ihm so gut es werden kan.
Ein klein und wenig Geld koennt ihn von Truebsaals=Ketten,
Von seiner Hungersnoth und Duerftigkeit erretten.
Es laeg kein Lazarus vor eines Reichen Thuer,
Die Bloese thaet sich nicht an seiner Haut herfuer,
Man spraech nicht: wilst du Geld, so must du meinen Haenden
Haus, Hof, Geraeth und Kleid, und was du hast, verpfaenden.
Man stellte sich wohl nicht den schlauen Juden gleich,
Und machte sich wohl nicht durch grossen Wucher reich.
Man wuerde nicht durch Zins und teuflische Intressen
Dem Armen, der nichts hat, das Fleisch vom Leibe fressen.
So aber da das Herz den Diamante gleicht,
Das kein Gebeth noch Flehn, noch Klaggeschrey erweicht;
Da man so aergerlich nach einem Goldstueck ringet,
Biss man den todten Schatz in sein Behaeltniss bringet,
Ob man gleich Seel und Leib darbey zum Pfande setzt;
Da man sich nicht an GOtt, nur bloss am Gold ergoetzt;
Da man mit diebscher Hand und moerderlichen Klauen
Des andern Guether raubt, um sich ein Haus zu bauen:
So sieht man offenbar, und findet in der That,
Dass man das todte Gold zum Gott gemachet hat.
Was red ich? hat das Geld die ganze Welt bezwungen?
Giebts denn nicht Christen noch, die mit beredten Zungen,
Von Eifer angeflammt, den Leuten insgemein,
Gerechten Vortrag thun, dem Geitze feind zu seyn?
Dass man sich nie in Trug und Wucher soll verlieben;
Dass man Barmherzigkeit am armen Naechsten ueben,
Und ihnen dienen soll, so gut man immer kan.
Es hat wohl Cicero der klug=beredte Mann
Der Sache Vortrag nie mit Worten so geschmuecket,
Als es der Redekunst in solchen Dingen gluecket.
Die Worte klingen gut. Jedoch man klagt mit mir:
Die schoene Theorie stellt schlechte Praxin fuer.
Denn wer schoen sprechen kan, hat oft in seinen Jahren
Das mindste selbst von dem, was er geredt, erfahren.
Man zeigt nur mehrentheils, dass man ein Moralist,
(Was fehlet diesem Ruhm?) und guter Redner ist.
Denkt nicht das Volk darbey, wenns solche Redner hoeret:
Was dort der kluegste Mund bey dem Matthaeo lehret.
O! dieses wird anjezt so gut als dort erfuellt,
Hierinnen zeiget sich der meisten Ebenbild.
Die Predigt ist vorbey, der Vortrag ist geschehen,
Man gehet stolz nach Haus und sieht zwey Arme stehen,
Die um ein wenig Brod und kleine Gabe flehn,
Wie faehrt man sie nicht an? wie pflegt man sie zu schmaehn?
Dort wurde Lazarus so schlecht kaum abgewiesen,
Als wir zu unsrer Zeit das arme Volk von diesen
Die Christi Diener sind; was man den Armen reicht,
Das ist oft schlecht genug, und doch geschichts nicht leicht.
Ein Tropfen=Essig=Trank aus ihren vollen Keller:
Von ihrem Uberfluss ein abgenuetzter Heller;
Von ihrer Tafel last, das was der Hund nicht will,
Gehoert vor Duerftige. Doch heists, man gebe viel,
Und sey doch selber arm, es wolte nirgends reichen.
Es reichte schon, wenn man dem Meister wolte gleichen,
Der von der Maesigkeit und nichts von Bauchdienst hielt.
Man spricht: im Alterthum ward doch dahin gezielt,
Dass Levi und sein Volk den Opfer=Tisch genosse;
Worbey das Fett vom Oel in seine Haende flosse,
Und manch Geschenke fiel, manch Hebe=Opfer roch.
O! waer doch diese Zeit mit den Gebraeuchen noch!
Da man zwar, immer nahm, und war doch frey von allem.
Jezt geht es anders zu; es muss uns wohlgefallen,
Seht! man befielt uns gar, wir sollen Gastfrey seyn.
Schweigt! wer thut einen Dienst? er sey auch noch so klein.
Ist einer noch so arm, wo wird ihm was geschenket?
Ja wenn der Duerftige an sein Gewissen denket,
Und hat den Groschen nicht, so blaeht der Geitz sich schon,
Es heist: die Woche nur von eurem Tagelohn
Zwey Heller hingelegt, so kan nach neunzig Tagen
Die Hand den Groschen schon in meinen Beichtstuhl tragen.
Jedoch es mag jezt seyn, ich bin nicht so genau;
Geht, dient mir sonst einmahl, und scheuret meiner Frau;
Bringt mir, so bald ihr koent drey Koerbe Mist in Garten,
Bringt Eyer, Rettige; doch von den groesten Arten.
O! wuerde nun das Geld nicht also hoch geacht,
Und nicht, wie vor gesagt; zu einem Gott gemacht,
Man wuerde diess zu thun sich ohne Zweifel schaemen,
Und wahrlich mit der Hand mehr geben, als sonst nehmen.
O! wuerde nicht das Gold als wie ein Gott verehrt,
Der Glaube wuerde wohl so leicht nicht umgekehrt,
Man wuerde nicht so viel von ungeheuren Schwoeren,
Noch von Vermessenheit, und falschen Eyden hoeren.
Waer nicht das Gold ein Gott, wer naehm ein solches Weib
Das keinen guten Zahn; das einen Knochen=Leib,
Und einen Mund=Geruch wie faules Wildpret haette,
Zu seiner Augen=Lust, statt Fleiches=Lust ins Bette?
Wer geb den Trauungs=Ring wohl einer solchen Hand
Die schon (obwohl geheim) in muetterlichen Stand
Versetzet worden ist? Wer liebte vor die Ester,
Vor Sara und vor Ruth, der Jesabellen Schwester,
Die fast Xantippen noch an Bossheit uebersteigt?
Wer waer der geilen Frau des Pothiphars geneigt?
Wer wuerde ein Gemahl des er sich mueste schaemen,
Blind, hesslich, bucklicht, lahm und sonst gebrechlich nehmen?
Wuerd eine Jungfer wohl geliebet und gekuesst,
Die fragt; Ob ein Student auch wohl ein Mensche ist?
Ob Stoerche auf dem Dach mit ihren Schnaebeln lachen?
Ja was denn Weiber wohl mit ihren Maennern machen?
Ja wuerde nicht das Gold zu einem Gott gemacht,
Es wuerde wohl kein Kranz dem alten Greiss gebracht,
Der von Gebrechlichkeit gebueckt am Stabe wanket,
Der wie ein alter Baer im Hause brummt und zanket.
Hat man des Mammons Freund und dieses Goetzen Knecht
Den Naechsten durch Betrug und Wucher gnug geschwaecht;
Durch Falschheit und Process den Redlichen betrogen;
Des Tageloehners Blut, der Witwen Schweiss gesogen,
Und sich davon ein Haus und Wucher=Sitz erbaut,
So, dass er Aecker, Feld und Vieh und Wiesen schaut,
Und seinen Goetzen sieht im eisern Tempel liegen,
Vor dem sich seine Knie fast taeglich eifrigst biegen;
So zeigt er, dass er ihn recht wuerdiglich verehrt;
Es wird des Jahrs einmahl Haus, Saal und Schloth gekehrt.
Er glaubt, der dicke Staub verwehre Frost und Kaelte;
Es kaem am Holze bey, zumahl wenns sehr viel gelte.
Die Zimmer werden nur im Jubel=Jahr geweisst,
Dieweil die weise Farb die Augen blendt und beist,
Man koente ja das Geld nicht ohne Sorgen zehlen,
Es moechte leicht ein Scherf an hundert Thalern fehlen,
Man wuerde nicht das Korn im Zinss=Gemaesse sehn,
Wie leichte waers darbey um einen Strich geschehn.
Er zehlt, wie viele Halm des Tags das Vieh verkaeuet;
Wie viel man etwa Stroh auf eine Woche streuet,
Wie viele Koerner wohl ein Huhn des Tages frisst,
Wornach er denn genau die Sachen wiegt und misst.
Sind nun die Halme lang, die Koerner gross und dicke
So rechnet er darnach, und zieht davon zuruecke.
Er fuehlet mit der Hand wie schwer das Eyter wiegt,
Damit ihn nicht die Magd um einen Strich betruegt.
Er fuehlt die Huehner an, wie viel sie Eyer legen,
Damit die Seinigen ihm keins entwenden moegen.
Nicht selten jaget er die Huehner auf das Feld,
Allwo der ganze Schwarm frey offne Tafel haelt.
Er spricht: Wer wolte nicht dem Vieh die Freude goennen,
Ich selber werd hierdurch viel Frucht ersparen koennen.
Nicht selten, dass sein Fuss in kraeftge Winkel kriecht,
Und forscht, ob auch der Koth nach seinem Weine riecht,
Er denkt, steht gleich bey mir der Keller niemahls offen,
Vielleicht schliest jemand nach, und hat daraus gesoffen.
Er sorgt, ob nicht sein Obst auch Naescher nach sich zieht,
Drum guckt er, ob er was von Kern und Schaalen sieht.
Sein Garten wird verpacht, damit kein Kind nichts schmecket,
Er spricht: Die rothe Ruhr wird durch das Obst erwecket.
Sind denn die Felder weiss, legt man die Sicheln an,
So schmerzt ihm, dass er diess nicht selbst verrichten kan.
Wuenscht Nero seinem Volk nur einen Halss im Leben,
So wuenscht er aller Haend, um keinen Lohn zu geben,
Und wenn der Sonnen Glut die Schnitter laechzend macht,
So wird ein kalter Trank von Wasser dargebracht.
Es heist: Das starke Bier dient nicht in grosser Waerme,
Es bringt das Fieber mit, und schneidet die Gedaerme.
Glaubt, Argus hat die Kuh so strenge nicht bewacht,
Als wie er Augen jezt auf seine Aehren macht,
Damit kein Armes sich an seinem Weitzen labe.
Bricht denn des Herbstes Reif des Weinstocks Blaetter abe,
Dass man die suesse Frucht vom Reben schneiden kan,
So hebt sein froher Mund ganz laut zu singen an
Und weckt die Leser auf, damit sie unterdessen,
Kein Traeubgen von dem Stock zum Labsal koennen essen.
Wenn sich der Abend nun mit seinem Schatten regt,
So nimt er einen Stab mit dem er forscht und schlaegt,
Ob eine Reben=Frucht im Sacke anzutreffen,
Damit von seinem Grimm und Fluchen, Zank und Kleffen
Den Lesern bange wird, die vor dem Schelten fliehn,
So weiss er ihren Lohn mit List an sich zu ziehn.
So suess der Rebensaft, so angenehm er schmecket,
So weiss sein Kind doch nicht die Kraft die in ihm stecket.
So sparsam haelt er hauss; kein Troepfgen ist so klein
Er kostets dennoch nicht; er widmet es dem Wein.
In seinem Hause wird die Sparsamkeit betrachtet;
Da wird kein fettes Huhn, noch Ganss, noch Schwein geschlachtet.
Er meint, das viele Fett waer in der That ein Gift,
Weil es nur vielen Schleim und kurzen Athem stift.
Auch waer das magre Fleisch den Zaehnen nur ein Schrecken,
Es blieb zu ihrer Last in denen Luecken stecken,
Und bohrte mans heraus, so mehrt es nur den Schmerz;
Es drueckte ueberdiess den Magen und das Herz.
Der braune Gersten=Trank, des Weines edle Saefte
Benaehmen den Verstand und schwaechten Geist und Kraefte.
Bey einem Wasser=Trank und Kofend waer man schoen,
Die Geister blieben auch in ihrem Cirkel stehn.
Ein einzig Kofend Glass wird auf den Tisch getragen,
(Im Kruge moechte man ein staerker Schlueckgen wagen.)
Damit er sieht, wie viel ein jeder zu sich nimmt,
Dieweil er nur diess Glass vor alle hat bestimmt.
Auf zweymahl wird ein Ey zur Suppe eingerieben.
Ein halb geschmelzter Kohl und ungeschehlte Rueben,
(So machts die Sparsamkeit) und ein, ich weiss nicht was,
Aus einem Kaese=Korb und alten Butter=Fass
Genomnes Mittags=Mahl muss Frau und Kinder staerken,
Worbey denn allemahl viel Andacht zu bemerken.
Er singt und betet laut, und lehret stets darbey,
Dass nur die Maesigkeit die schoenste Tugend sey.
Dass man dadurch vor GOtt gerecht und loeblich walle,
Und auch den Aerzten nicht in ihre Haende falle.
Aus einem Stueckgen Vieh, das man aus Noth geschlacht,
Wird nur ein Freuden=Mahl, das schlecht genug, gemacht.
Die Abend=Mahlzeit ist zur Fastenzeit erkohren.
Ein Gastmahl haelt er ein. Was Maeuse sonst verlohren,
Und in das Korn gelegt; was ihnen nicht beliebt,
Das ist, was er statt Mehl und Brod zu essen giebt.
Mit Butter, die er oft sehr falsch gewogen schicket, Die man ihm auf dem Markt sehr oft zum Schimpf zerdruecket,
Worbey er Zetter schreyt, und seine Haare rauft,
Und fluchet, dass die Magd sie nicht nach Wunsch verkauft,
Mit dieser schmelzt er noch, o grosser Schmerz! das Essen.
Doch wird er nie darbey der Sparsamkeit vergessen.
Er kostet keinen Wein, als der am Fasse laeuft,
Der aus dem Spunde schwitzt, und aus dem Zapfen traeuft.
Vier Mandeln Erbsen zehlt die Hand auf einen Magen:
Denn mehr kan doch der Mensch ohn Druecken nicht vertragen.
Zur Suppe schneidet er die Weichlen selber ein,
Nur fuenfzehn sind genug. Man muss fein maesig seyn.
Damit ihn auch kein Freund von Fremden moeg beschweren,
So heists: Es laesst sich was in meinem Hause hoeren
Das Furcht und Schrecken macht. Sein bestes Leib=Gewand
Ist grob, denn dieses thut der Wollust Widerstand.
Sein Oberhemd wird links, und ruecklings weiss gewaschen,
So sparet er das Geld zu Seife, Holz und Aschen.
Und wird ein stueckgen Geld zur Zahlung abgetheilt;
So wird von jeglichem vorher was abgefeilt.
Ruft ihn der Christen Brauch zu einem heilgen Mahl,
So macht des Priesters Sold ihm tausend Angst und Qual.
Dahero wendt er vor: Er koente kaum was geben,
Es waer ihm aergerlich. Nach langem Widerstreben,
Greift er sich endlich an, und sendet ihm ein Kalb
Das vor dem Messerstich dem Tod schon wuerklich halb
In seinen Klauen war. Kommts endlich an das Scheiden,
Soll er nun seinen Gott im Kasten ewig meiden,
So hoert er kein Gebet und frommes Singen an.
Er schreyt Verzweiflungs voll: Ach! weh! mir armen Mann!
Wie wird es kuenftig hin um meinen Haushalt stehen?
Wer sorgt vor meinen Gott? O koent er mit mir gehen!
Ja, wenn das Auge schon benebst der Zunge bricht;
So faehrt er starrend auf, und rufet: Hoert ihr nicht:
Wo ist das Silber=Pfand? Wer rasselt dort am Kasten?
Was ist das vor ein Schelm? Wer sucht ihn anzutasten?
Auf einmahl giebt er sich den groesten Herzens=Stoss,
Er reisst ein Spanisch Stueck von seinen Goetzen loss
Und wirfts dem Priester hin, dass er ihn hoch erhebe,
Und in dem Leich=Sermon ein herrlich Zeugniss gebe.
Drauf stirbt er: Und dann heists: Das war ein frommer Mann,
Der uns zum Musterbild der Tugend dienen kan!
Ein treuer Gottesdienst wird reichlich gnug belohnet,
Von dem der Vater heist und dort im Himmel wohnet.
Sein Diener wird von ihm mit einem Sinn begabt,
Der sich an wenigem sehr wohl vergnuegt und labt.
Es gilt ihm alles gleich; er ist mit dem zufrieden,
Was ihm der Vorsicht=Hand an Zeitlichen beschieden.
Er schlaeft des Nachts getrost, und ohne Sorgen ein.
Er macht sich im Verlust nicht grosse Quaal und Pein.
Weil seine Seele weiss, GOtt hab es ihm geliehen.
Was er ihm erst geschenkt, das koenn er ihm entziehen.
Er lebt wie ein Monarch, sein Geist ist Banden frey,
Und zeiget, dass er gar kein Sclav des Goldes sey.
Er herrschet ueber sich und seine Glueckes=Gaben,
Er macht sie sich zu nutz, und sucht sich dran zu laben.
Sein Sterben faellt ihm auch nicht aengstlich oder schwer,
Ihm parentirt der Ruf, das ganze Tugend=Heer,
Und spricht: Ein GOttes Knecht ist leider! jezt gestorben,
Der sich ein Ehrenmaal und stetes Lob erworben.
Was hat denn aber wohl vor seinem Goetzen=Dienst
Der arme Mammons=Knecht vor Nutzen und Gewinst?
Was kan ihm dann sein Gott das Gold vor Freude geben?
Nichts als ein Kummerreich und Hungervolles Leben.
Er schlaeft mit Sorgen ein. Die Nacht wird ihm zur Last,
Er faehrt mit Schrecken auf, und ruft, und schreyt: wer fasst,
Wer greift die Schloesser an? Es ist ein Dieb vorhanden.
Ach! rettet meinen Gott, und helft mir von den Banden.
Kein Laban kan so sehr um seine Goetzen schreyn,
Kein Nabal auf sein Brod so sehr erbittert seyn,
Als dieser sich geberdt. Wird ihm ein Lamm gestohlen,
So will er schon den Strick sich aufzuhengen hohlen.
Des Tages ist er nie mit seinem Schatz vergnuegt,
Obschon des Vorraths gnug vor seinen Augen liegt;
Er darf das Regiment nicht ueber sich verwalten;
Er muss dem tauben Gott als Sclave stille halten;
Er darf auf keinem Bett von weichen Federn ruhn;
Er darf von seinem Vieh sich nichts zu gute thun;
Er darf kein reines Brod, noch Bier, noch Wein geniessen;
Er muss bey Hungerkost fast Thraenen lassen fliessen,
Er isst, und wird nicht satt, er sammlet, und ist arm,
Sein ganzer Lebenslauf ist Elend, Mueh und Harm.
Und endlich ruft ein Mund von der gestirnten Zinne:
Du Goetzen=Knecht! du Narr! halt mit dem Geitzen inne!
Es klopfet schon der Tod an deine Kammer=Thuer;
Man fordert diese Nacht noch deine Seel von dir.
Du Narr! wem wird dein Gut das du bissher auf Erden
Mit Angst gesamlet hast, nunmehr zu Theile werden?
Ist diess, ihr Thoren! nun benebst der Hoellen Glut
Der Lohn vor euren Dienst? bedenkt doch, was ihr thut!
Glaubt, dass die Erben euch im Todte noch verlachen,
Und sich ein fettes Maul durch euren Hunger machen?
Dass euch, wie ihr verdient, die kluge Welt verspott:
Seht! dieser Mammons=Knecht verehrte einen Gott,
Allein er half ihm nichts, er blieb ihm nicht gewogen,
Am Ende hat er ihn um Leib und Seel betrogen.
* * *
Was schliesst sich vor ein Grab und finstrer Bogen auf?
Ich seh ein Geister=Heer! ja! ja! es steigt herauf.
Ich kenne sie bereits, mein Schluss wird schwerlich fehlen,
Es sind, ich irre nicht, der tapfren Parther Seelen.
Hier schreyt ein Mann mich an, dort ruft ein andrer Geist:
Ihr Deutschen! die ihr klug, gelehrt und Christen heist,
Ihr, denen diess Gesetz GOtt selber vorgeschrieben:
Dass ihr euch jederzeit im Fleiss und Arbeit ueben,
Im Schweiss des Angesichts das Brod erwerben solt,
Wie man euch taeglich lehrt, wenn ihrs nur hoeren wolt.
Ihr sprecht: Wir waeren wild; ihr sucht uns zu vernichten.
O nein! wir thaten stets als Heyden unsre Pflichten;
Ihr habt Natur und Licht, Gesetze und Befehl,
Und gleichwohl thut ihrs nicht, und seht darzu noch scheel.
Wir merkten von Natur, dass diess ein Schandfleck waere,
Wenn man durch Muessiggang der Tugend Glanz verloehre.
Es gab uns die Vernunft die gute Meinung ein:
Es muesse jederman zum Fleiss geschaffen seyn.
Es muesse einen Gott und Welt=Beherrscher geben,
Der stets geschaeftig ist, indem wir sind und leben,
Der alles ordentlich mit Kunst und Fleiss bestellt,
Und alles uns zu Nutz noch immerdar erhaelt.
An Voegeln sahen wir, wie sie so munter wachten,
Wie sie vor Brut und Nest sich viele Sorgen machten.
Das kleine Immen=Volk hielt uns die Stoecke fuer,
Und rief uns gleichsam zu: verhaltet euch, wie wir.
Dort lag der Seidenwurm, der immer fleisig webte,
Und dennoch nicht vor sich, nur uns zu Dienste lebte.
Wir sahen unsern Leib nebst seinen Gliedern an,
Wie er mit Geist und Kraft und Staerke angethan,
Und ausgeschmuecket war. Wer solte sich nicht schaemen?
Wer wolte traege seyn, die Arbeit vorzunehmen?
Wir fuehlten Staerk und Kraft in Lenden, Hand und Knie,
Die Biene sass nicht viel, und war doch nur ein Vieh.
Diess trieb uns feurig an, wir wurden alle schluessig,
Es gieng kein einziger von unsern Parthern muessig.
Kein Draco von Athen war uns zum Antrieb noth;
Wir hielten von uns selbst, was die Natur gebot.
Kein Sparta noch Athen hielt sein Gesetz so richtig,
Als jeder von uns that, der nur zur Arbeit tuechtig.
Aurorens Purpur=Roth lacht uns kaum schimmrend an,
So waren wir bereits mit Kleidern angethan.
Wer vor des Landes Glueck, der Buerger Wohlstand wachte,
War emsig, dass er bald die Sachen richtig machte.
Er gieng sehr frueh zu Rath und wieder spaet davon,
Und trug von Stadt und Land des Fleisses Lob zum Lohn.
Der Buerger freute sich, wenn Zeit und Glueck vergonnte
Dass er die rege Hand zur Arbeit widmen konte.
Die Jugend wuste schon von selbst auch diess Gebot,
Kein Knabe unter uns bekam sein Morgenbrod
Er hatte den vorher mit Arm und Pfeil geschossen,
So, dass der Schweiss davon das Angesicht begossen.
Ein jedes Jungfer=Bild und angesehnes Weib
Ergrif Geschaeft und Mueh zum besten Zeitvertreib.
Sie liefen nicht herum und klatschten auf den Gassen.
Kurz, alles war bemueht dem Muesiggang zu hassen.
Wie aber treffen wir denn eure Sitten an?
Es dachte unser Volk ihr giengt uns weit voran,
Dieweil ihr weiss und klug und Christlich sucht zu heisen,
Als Leute von Verstand, die ihren Schoepfer preisen.
So aber finden wir dass alle gross und klein,
Kind, Vater, Frau und Mann der Traegheit Freunde seyn.
Wir thun was loeblich ist; wo thut ihr wohl dergleichen.
Drum eckelt uns vor euch; ihr muest uns billig weichen.
Man sagt im Sprichwort sonst: Der Morgenroethe Licht
Das voller Glanz und Strahl in Fuersten Schloesser bricht,
Wird nicht von Prinzen leicht in ihrer Pracht gesehen;
Warum? sie pflegen oft am Mittag aufzustehen.
Jezt aft ein Buergermann der Fuersten Mode nach,
Wenn um die Mittagszeit die Sonne das Gemach
Mit ihrem Strahl erfuellt, so weltzt man noch die Glieder,
So dehnt man noch die Arm im Bette hin und wieder.
Es macht dem Geist viel Mueh, dass er den Willen bricht,
Daher man Thee, Caffee, ja Tobac, Pfeif und Licht
Gar oft ins Bett verlangt. Und wenn man auferstehet,
So heists: O! dass die Nacht so bald, so schnell vergehet.
Man klagt die Mueh und Last des Lebens schmerzlich an,
Wenn man der Haende=Paar, den Mund benebst den Zahn
Zur Tischzeit regen soll. Ja was vor bittre Schmerzen
Fuehlt man in seiner Brust, empfindet man im Herzen,
Wenn man zu Facultaet und Richtstuhl wandern soll;
Wenn man zu Rathe gehn, wenn man drey Finger voll
Von Acten lesen muss. Wenn man auf Red und Fragen
Von Amt und von Beruf soll eine Antwort sagen.
Muss etwa der Client um Rechtliches verziehn,
Bey dem gelehrten Mann sich voller Angst bemuehn,
Und um was weniges fast taeglich an ihm regen.
So seufzt man: Ist doch Mueh und Arbeit allerwegen.
Kein Knabe, wenn man schon die schlanke Birke regt;
Kein Mann, wenn ihn die Frau an ihrem Reichstag schlaegt,
Kan sich so jaemmerlich geberden oder stellen,
Als ihm die Thraenen hier aus seinen Augen quellen.
Da wuenscht er, tobt und flucht: Wie wird man nicht geplagt!
Ja wohl, so faehrt er fort, hat David recht gesagt,
Dass Arbeit, Mueh und Last bey unserm Leben waere:
Dass Haupt=Schmuck, Rock und Kleid auch seine Last vermehre.
Das grose Licht der Welt theilt sonst die Stunden ein,
Und ordnet wenn es Tag, und wenn es Nacht soll seyn;
Allein der Muessiggang setzt andre Zeit und Graenzen,
Wenn um die Morgenwach Aurorens Strahlen glaenzen;
So liegt und schlummert er noch in der ersten Ruh.
Deckt aber alles Fleisch ein stiller Schatten zu,
So pflegen allererst die Augen aufzuwachen,
Da will man erst ein Stueck von Schrift und Acten machen,
Und denkt nicht, dass man sich das schoenste Licht verblendt,
Wenn man ein Fremdes braucht, und Geld darzu verschwendt.
Ihr Lehrer von Athen! ihr alt beruehmte Weisen!
Wie gluecklich seyd ihr nicht vor aller Welt zu preisen,
Weil eurer Schueler Geist um Pallas Rauch=Altar
Und um den Musen=Hayn still, klug und emsig war?
Kein ferner Weg, kein Schweiss, kein stark und muehsam Schwitzen,
Kein ungebundner Fleiss, kein weises Stillesitzen,
Noch Lesen ward gespart; man rang nach Kunst und Ruhm,
Und schmueckte durch den Fleiss der Musen Heiligthum.
Wo ist der stille Fleiss der Alten hingekommen?
Weint Musen! denn er wird jezt nicht wie vor vernommen.
Kommt Musen! klagt und seufzt, denn euer Helicon
Beschimpft der Traegheit Freund, befleckt der Faulheit Sohn.
Wer hoert Aurorens Mund den guten Morgen sagen?
Wer kan das Sitzefleisch biss in die Nacht vertragen?
Wird Straeusand wohl so viel als Schnupftoback verthan?
Wer greift die Federn mehr als lange Pfeiffen an?
Der Karten Menge muss der Buecher Zahl ersetzen;
Den Degen sucht man jezt mehr als den Kiel zu wetzen.
Ein bloeckendes Geschrey geht Musen=Liedern fuer.
Der Lais freche Stirn wird aller Musen Zier,
Ja selbst Eusebien und Themis vorgezogen.
Ja, spricht ein Edelmann: Wer Buerger=Milch gesogen,
Der mag ein Buecher=Wurm und kahler Schulfuchs seyn,
Und an dem todten Mund der Pallas sich erfreun.
Das thut kein Adlicher. An statt der Buerger Grillen,
Soll ein lebendig Buch uns Schooss und Haende fuellen.
Wir stellen unserm Geist ein aufgefuehrtes Thor,
Die Steine in der Stadt als unsere Feinde vor,
Da suchen wir beherzt die Degen abzuwetzen,
Und sie als wie im Krieg, auf aergste zu zerfetzen.
Und also zeigen wir, eh sich der Krieg noch regt,
Zum voraus wie man kaempft, und auf die Feinde schlaegt.
Wer nennt es wohl galant, wenn man im Winkel lebet,
Und wie ein Seidenwurm sich unter Buecher graebet?
Gescherzt, getanzt, gelacht, gesungen und gespielt,
Auf einer Lais Mund die Hitze abgekuehlt,
Getrunken und gefezt, das heist galant gewandelt,
So hat mein Oheim sonst und Ahn=Herr auch gehandelt.
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