Die von denen Faunen gepeitschte Laster
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Sidonia Hedwig Zaeunemann >> Die von denen Faunen gepeitschte Laster
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Ihr Kinder! wenn vieleicht ein Herr von euch begehrt,
Diess oder jens zu thun; die Arbeit zu vollenden,
Diess Stueck zu uebergehn, und diess zu uebersenden.
So macht ein Compliment, und sprecht ganz hoeflich ja.
Und ist denn sonsten noch was zu erinnern da,
So zieht die Achslen nur, und sucht euch nicht zu sperren.
So baut ihr euer Glueck und macht euch gnaedge Herren.
Und wenn euch ja ein Wort von den Propheten droht,
So unterdrueckt den Trieb, und werdet ja nicht roth;
Nehmt falsche Grossmuth an, verlachet alle Schande,
So seyd ihr mit der Zeit die Herrlichsten im Lande.
Kein tapfrer General, der in dem Felde wacht,
Hat je mit solchem Glueck die Herzen aufgebracht,
Als jetzt der Heucheley ihr Vorsatz ist gelungen.
Das Volk kommt Schaaren=Weiss in ihren Arm gesprungen,
Dem ungewohnten Ruf und starken Stadt=Geschrey
Faellt sonst der Poebel nur und loss Gesindel bey,
Allein die Heucheley ist weit beglueckter worden;
Von Maennern von Verstand und aus beruehmten Orden
Wird ihr beliebtes Reich mit aller Macht erbaut;
Ja Haeupter, die man sonst vor Saeulen angeschaut,
Um vor den Riss zu stehn, sind meistentheils bemuehet,
In ihrem Dienst zu seyn, damit ihr Gluecke bluehet.
Hebt eure Augen auf, dort sitzt so mancher Mann,
Der Zung und Lippen hat, und doch nicht reden kan.
Ich glaub die Allmachts=Hand hat solche statt der Goetzen
Zur wohlverdienten Zucht auf Erden lassen setzen.
Man heuchelt sich bey Hof und bey den Groesten ein,
Um nur ein Tafelgast und Tellerwisch zu seyn.
Um einen Becher Wein, um einen Wildpret=Braten,
Und hoeflich Compliment verricht man Judas Thaten.
Recht, Freyheit und Gebet, Lied, Kirchhof, Schrift und Wort,
Muss ohne Zwang und Noth, nur bloss ans Heuchlen, fort.
Und wo ein Redlicher im Volke zu erblicken
Den schwaerzt man schaendlich an, und sucht ihn zu ersticken.
Die Glaubens=Vaeter sind bey der Verlaeumdung kuehn,
Wenn sie durch Laesterung um Fuchs=Schwanz sich bemuehn.
Greift dort des Gegners Mund auf Lehrstuhl und Catheder
Kirch, Wort und Lehre an, und thut was sonst ein jeder
Nach Amt und Glaubens=Pflicht zu halten schuldig ist,
So ist man nicht so sehr mit Eifer ausgeruest,
Man schweigt, und trachtet nicht mit fest und aechten Gruenden
Den Gegner oeffentlich geschickt zu ueberwinden.
Das goettliche Gesetz befiehlet uns nicht nur
Zu eifern vor das Wort; die Regel der Natur
Hat auch in unser Herz der Ehrfurcht Trieb gegraben,
Vor unsre Glaubens=Lehr Sorg, Lieb und Muth zu haben.
Ein Heyd, ein Saracen, ein Mann vom Judenthum
Sorgt, weils natuerlich ist, vor seiner Kirche Ruhm
Und eifert vor die Lehr, und wir erleuchte Christen,
Die wir uns mit dem Wort und ganzen Nachtmahl bruesten,
Sind in dem Eifer kalt, und in der Liebe lau.
Wo wiederleget man der Gegner Wort genau?
Wo suchet man den Schimpf der Kirche abzulehnen?
Und denen, die da schwach, den vesten Weg zu baehnen?
Wer vor der Kirche Ruhm und Ehr und Ansehn ficht,
Braucht gar nicht, dass er frech und laesterhaftig spricht;
Mit sanfter Freundlichkeit, bescheiden und gelassen
Kan man den Gegensatz in wenig Worten fassen.
Gleich wie der Heyland spricht, das Wort soll ungemein
Und lieblich; aber auch mit Salz gewuerzet sein.
So aber schweiget man gleich wie zum Laestern stille,
Die Fehler groser Herrn erblickt man durch die Brille;
Den Reichen siehet man auch durch die Finger hin;
Denn Heuchlen bringet Gunst, Geschenke und Gewinn.
Wie hat die Heucheley den Geist so gar verblendet?
Wacht das Gewissen auf, so wird gleich eingewendet:
Red ich nach meiner Pflicht, so nimmt die Ehre ab.
Der Goetter Gnade faellt, ich krieg den Wanderstab.
Ist nicht die Erde gross, wo gute Christen wohnen?
Die euch den Wanderstab mit besserm Glueck belohnen?
Sagt, nennt mir einen nur, den man aus einer Stadt
Um GOttes Lehr und Ehr hinweg getrieben hat.
(O! liessen wir doch GOtt in allen Stuecken walten!)
Ob ihm die Vorsicht nicht ein Zoar aufbehalten?
Wer ist der, wenn man ihn an seinem Ruhm verletzt,
Sich nicht darwieder legt? GOtt wird zurueck gesetzt.
Vor seine Lehr und Ehr will man nicht muthig kaempfen,
Noch Feind und Laesterer mit Wort und Eifer daempfen.
Wo werd ich hingerueckt? Auf einmal stellt sich mir
Bey hellem lichten Tag ein Saal der Helden fuer,
Mit Helden, die beherzt, so stark sie nur vermochten,
Vor GOttes Wort und Ehr und seinen Ruhm gefochten.
Ein jedes Helden=Bild ist kuenstlich abgemahlt;
Im Tode sieht mans noch wie scharf ihr Auge strahlt;
Das kurze Sinn-Gedicht laesst uns ihr heilig Wesen
Zur Schande unsrer Zeit mit gueldnen Worten lesen.
Dort zeigt sich Bileam mit dieser ueberschrift:
Nicht Ehre, noch Geschenk hat meinen Geist vergift!
Ich habe Israel um kein Geschenk verfluchet,
Wo ist ein Seher jetzt der mir zu folgen suchet?
Da steht bey Pinehas: Der Eifer trieb mich an,
Dass mein erhitztes Schwerd den groest und reichsten Mann
In Suenden nicht geschont, und seinen Hals zerbrochen,
Und meines GOttes Ehr nach Priester Pflicht gerochen.
Bey David liesst man diess: Der Eifer vor dein Haus
Mein GOtt, gieng eher nicht als mit dem Leben aus.
Elias fuehrt die Schrift: Ich hab vor GOtt gestritten,
Und Hass, Verfolgung, Neid desshalb getrost erlitten.
Dort steht bey Amoz Sohn: Ich strafte gross und klein,
Damit mein Hirten=Amt GOtt moecht gefaellig seyn.
Bey Jeremia heists: dem Koenig und dem Knechte
Erklaert ich ohne Furcht des Hoechsten Wort und Rechte,
Und scheute weder Fluch, Verfolgung, Band noch Hohn.
GOtt gab mir auch hiervor das Himmelreich zum Lohn.
Dort steht bey Daniel: GOtt ist ein GOtt der Goetter,
Den ruft ich bruenstig an, der ward auch mein Erretter.
Nicht Gold, noch Herrlichkeit nahm mich zum Abfall ein.
Jezt wuerd ich wohl ein Narr genennet worden seyn.
Johannes Schrift heist so: Ich lies mich ehr ermorden,
Eh ich am Fuersten=Hof ein Heuchler waer geworden.
Bey Paulo less ich diess: Ich floh die Heucheley,
Was Felix wissen muss, das sagt ich ohne Scheu.
Ich habe Hohn und Spott, Verfolgung und Verjagen
Um JEsu Wort und Lehr mit Freudigkeit getragen.
Hiermit verschwand der Saal mit allen Bilderwerk,
Und liess mir diese Schrift zum letzten Augenmerk:
Der Helden Ehren=Bild wird in der Schrift gefunden,
Auf Erden ist ihr Geist und Bild, schon laengst verschwunden.
Schweigt, schweigt ihr Physici, ich glaub euch nun nicht mehr,
Dass nur der Basilisk in wuesten Hoehlen waer,
Man koente nirgends sonst die sehr verschmizte Schlangen,
Als nur in duestern Wald und Felsen=Ritzen fangen.
Das Paradiess hat sie so gut herfuer gebracht,
Als wie das Tauben=Paar aus dem die Unschuld lacht.
Und ob sie GOtt auch gleich aus solchem Ort vertrieben;
So ist sie dennoch stets am schoensten Ort geblieben.
Der Schooss Germaniens, das deutsche Herz und Blut,
Ist jezt ihr Aufenthalt, alwo sie sicher ruht.
Sie hat sich an der Brust der Menschen umgeschlungen,
Dass auch ihr starker Gift durch Fleisch und Blut gedrungen.
Mir schaudert jezt die Haut, dass ich sie nennen soll,
Wie ist doch unsre Zeit von den Verlaeumdern voll?
Wo ist dein alter Ruhm o Deutschland! hingekommen?
Hat die Verlaeumdung dir den alten Glanz benommen?
Man sah der Klugen Ruhm vordem nicht neidisch an;
Man ehrt und liebte den, der sich hervor gethan,
Und vor das Vaterland gerahten und gestritten,
Frost, Hunger, Schlaeg und Durst und Pestilenz erlitten.
Zog einer im Triumph mit Sieges=Reisern ein,
So muste Blumenwerk sein schoenster Zierath seyn,
Mit diesen suchte man die Helden zu verehren:
Ein jeder liess darbei ein muntres Jauchzen hoeren.
Wer nach der Buerger Flor gerungen und gestrebt,
Und als ein Biedermann o schoener Ruhm! gelebt,
Die Wissenschaft geliebt, den Kuensten nach gerungen,
Und sich mit freyem Geist vom Poebel aufgeschwungen,
Dem war der Adel hold, der Buerger liebte ihn,
Der Nachbar sah sein Haus mit vielen Freuden bluehn.
Dem, welcher hier zu Glueck und zu Vermoegen kommen,
Hat das Verlaeumdungs=Gift an Seegen nichts benommen.
Der Greisen Ehren=Kleid ward nicht durch Schaum befleckt,
Den der Verlaeumdungs=Mund aus seinem Halse streckt.
Der Jugend Tugend=Rock, der Weisheit gueldne Spangen
Besudelte kein Koth. Fliesst Thraenen von den Wangen!
Weicht alte Tugenden, und geht in Trauer=Flor,
Mit klaeglichem Gesang zu dieser Zeit hervor.
Vieleicht wird unsre Zeit dadurch einmahl geruehret,
Dass sie nach eurem Schmuck auch ein Verlangen spuehret.
Doch nein! es ist umsonst! Die Welt verlacht euch nur;
Sie nimmt die Birke schon und peitscht euch aus der Flur.
Hinweg! hinweg! mit euch! schreyt die Verlaeumdung immer.
Mit Freuden mach ich stets der Menschen=Herzen schlimmer.
Der Greiss, den Schlaf und Haupt mit Silber=Farbe deckt,
Von dem man glaubt und meint, dass Tugend in ihm steckt,
Dass er aus Redlichkeit der Luegen widerstrebe,
Damit er jederman ein schoen Exempel gebe.
Der rasst von Neid und Hass; speyt auf des Naechsten Haus,
Thun, Wandel, Ehr und Nahm Verlaeumdungs=Geifer aus:
Und eh sein Geifer stuend erdaecht er eine Fabel.
Der Juengling, welcher kaum das Gelbe erst vom Schnabel
Vor kurzen abgewischt; dem Ohr und Baart noch treuft,
Von dem man Anfangs meint, weil er zur Pallas laeuft,
Er wuerde sich bemuehn, der Tugend nachzuwandeln,
Der Weisheit nachzugehn, in allem klug zu handeln;
Der Rechte Gruendlichkeit bedaechtlich einzusehn;
Die Niedertraechtigkeit des Poebels zu verschmaehn;
Den Sitten hold zu seyn; den Wohlstand zu betrachten,
Und das, was ruehmlich ist im Herzen hoch zu achten.
Dem ist, wer sieht es nicht? Haupt und Gehirn verrueckt,
Die Thorheit hat bereits das gute Korn erstickt,
Weil die Verlaeumdung ihn aus ihrer Brust getraenket,
Und da er ihr gehorcht, gedoppelt eingeschenket.
Der Tugend werden selbst viel Flecken angedicht;
Der Fleiss wird spoettiglich verhoehnet und gericht;
Die Weisheit ueberkleidt ein Pinsel giftger Farben;
Der Unschuld Angesicht bezeichnet man durch Narben;
Der froemmste GOttes=Mann wird nicht davon verschont,
Sein treu und ehrlich Thun wird ihm mit Gift belohnt.
Ja die Gerechtigkeit muss sich fast auf der Gassen
Von dem Verlaeumdungs=Zahn zur Schmach verlaestern lassen.
Des Buergers Redlichkeit; des Weisen Tugend=Bahn,
Glueck, Ehre, Keuschheit, Fleiss haucht, spritzt und speyt man an.
Kaem Moses jezt aufs neu von Sinai gestiegen,
Und spaech: Du solst den Freund und Naechsten nicht beluegen;
Ja, kaem der Heyland selbst aus seinem Himmelreich,
Und spraech: Wo ihr mich ehrt, so liebt euch unter euch,
Und was ihr selbst nicht wolt von euch gesaget haben,
Das bleibe auch in euch und eurer Brust vergraben.
Man schwiege wohl darzu mit kalten Lippen still;
Ja mancher daechte gar: ich thu doch, was ich will.
O Bossheit! solte nicht des Hoechsten Zorn entbrennen?
Was die Vernunft befiehlt kan jederman erkennen,
Dass man als wie sich selbst den Naechsten lieben soll.
Wer zeigt so viel Vernunft, dass er recht Grossmuths voll
Und tugendhaft erscheint; dass er des Naechsten Gluecke,
Ruhm, Wohlfahrt, Weisheit, Stand und freundliches Geschicke
Mit frohen Augen sieht, und sich darbey ergetzt,
Weil ihn der Vorsicht Hand zum Seegen hat gesetzt?
Ein wahr und ruehmlich Glied in Mensch=und Buerger=Orden
Vergnuegt sich, wenn sein Freund und Nachbar gross geworden,
Wenn seine Wissenschaft und Fleiss den Ruhm erlangt;
Wenn er geliebet wird, wenn er in Ehren prangt.
Er lobt was Lobens werth, und sucht sich anzureitzen
Auf gleiche edle Art nach Glueck und Ruhm zu geitzen.
Vor Neid, Verlaeumdung, Gift regt er die Ehrsucht an,
Die ihn, wie andre auch unsterblich machen kan.
Es ist ihm herzlich leid, wenn schwache Naechsten gleiten;
Er schweigt, und trachtet nicht die Fehler auszubreiten.
Er weiss, dass keiner nicht von aller Schwachheit frey,
Und er so gut als der und jener suendlich sey.
* * *
Der Mensch das dummste Thier, schreibt Neukirchs kluger Finger.
Der Mensch das dummste Vieh? Wie? Wird sein Stand geringer?
Was? Waer sein Adel fort, und seine Menschheit weg?
Ist Klugheit und Vernunft nicht seiner Handlung Zweck?
So solt es freylich seyn; man solte sich bestreben,
Den Regeln der Vernunft gehoerig nachzuleben.
O! moechte doch sein Thun vernuenftig, klug und rein,
Und seinem Nahmen gleich und niemahls viehisch seyn.
Man solte jederzeit mit Werk und That beweisen,
Es sey der Mensch ein Mensch, das Vieh nur Vieh zu heisen.
Allein, wo folgt der Mensch, die schoenste Creatur,
Der Allmacht Meisterstueck, der Vorschrift der Natur
Und ihrem Triebe nach? vergisst er nicht sein Wesen,
Worzu ihn Anfangs doch der Schoepfer auserlesen?
Ein ungeschickter Artzt haelt sonst die Augen zu,
Wenn er den Kirchhof sieht, wo er zur langen Ruh
So manchen hingeschaft. Ein andrer Mensch erweget
Die Thorheit nicht so leicht. Wenn sich der Loewe reget,
Und zornig tobt und bruellt; wenn sich der Wolf entruest
Und das gedultge Schaaf zerreist und schnaubend frist;
Wenn sich der wilde Baer zum Wuergen fertig machet;
Wenn ein entschlafner Hund durch einen Trit erwachet,
Und den mit Zorn und Grimm in seinen Fortgang stoehrt,
Den er von weiten noch in seinen Schlaf gehoert;
Diess alles sieht der Mensch, und will nicht weiter gehen,
Er bleibt als wie das Vieh auf seiner Regung stehen;
Er schaemt sich leider! nicht, dass er dem Thiere gleicht,
Und ihm an Rach und Zorn nicht im geringsten weicht.
Wo ist der kluegste Mensch wohl auf der Welt vollkommen?
Wo ist ein Frommer wohl der nie was unternommen;
Das ohne Tadel sey? Wo trift man einen an,
Der niemals weil er lebt der Tugend Tort gethan?
Diess ueberlegt er nicht; Er sieht des Naechsten Splitter,
Nur seinen Balken nicht. Was vor ein Ungewitter;
Was vor ein wildes Feur regt sich in seinem Geist
Wenn einer etwas thut das schwach und menschlich heist?
Wenn einer ohngefehr nicht hoeflich gnug erscheinet;
Wenn einer etwas sagt, das oft nicht boes gemeinet;
Ein Wort, das von dem E und A den Anfang nimmt,
Das sich ein Gassen=Kind zu seiner Wehr bestimmt,
Das muss Gelegenheit zu Zorn und Rache geben,
Da schwoert man Stein und Bein der Kerl darf nicht mehr leben.
Ha! spricht ein Edelmann, das schickt sich nicht vor mich!
Ich bin ein Cavallier! es roech zu buergerlich
Wenn ich jetzt schweigen solt. Ich bin beleidget worden!
Fort Adel raeche dich! fort! du must ihn ermorden!
Jezt wezt er seinen Stahl auf seines Gegners Arm;
Jezt geht er auf ihn loss, und dringt ihn durch den Darm.
Seht! wie er so geschickt den Degen weiss zu fuehren.
Besteht der Adelstand vieleicht in duelliren?
Wo steht es ausgemacht, dass der ein Ritter heist,
Der sich fein viel und oft auf Blut und Leben schmeist?
Ziert diess die Wappen aus, wenn sich zwei Degen hauen?
Ich hielt es wuerklich eh vor wilde Baeren=Klauen.
Faellt wohl ein toller Hund den andern also an?
Hat wohl so leicht ein Wolff dem andern leids gethan?
Wo hat ein Loew also den andern aufgerieben?
Heist das was loebliches, und adliches verueben?
Raeth dieses die Vernunft die uns zu Menschen macht,
Durch welche man nach Ruhm und wahrer Ehre tracht,
Dass man Leib, Seele, Blut so schnoede soll verletzen?
Giebts keine Oerter sonst den Degen abzuwetzen?
Wallt euch der Adern Saft, und wollt ihr Kuehne seyn;
Habt ihr kein Sitzefleisch, rost euch der Degen ein,
So eilt wo Carl jezt kaempft, schwoert Annens Sieges=Fahnen,
Da koent ihr euch den Weg zum Ehren=Tempel bahnen.
Hier zucket euren Stahl auf GOttes Feinde loss;
Da fechtet ritterlich und fuehret Stoss auf Stoss,
Zerbrecht der Feinde Arm, ertoedtet die Tyrannen,
So tragt ihr groessren Ruhm als im Duell von dannen.
Hier ist die Rosen=Bahn wo man mit Ehren ficht.
Mit Feinden kaempft aufs Blut; mit Bruedern aber nicht.
Der Tuerken wilder Schwarm hasst selbt diess Unternehmen; (f)
Und Christen wollen sich bey solcher That nicht schaemen.
Sind Hohe=Schulen wohl gestiftet und gesetzt,
Dass man daselbst so wild den scharfen Degen wetzt?
Solt dieses menschlich seyn, wenn uns ein Trunckner seegnet,
Dass man ihn voller Zorn gleich wie ein Loew begegnet,
Vernunft, Verstand und Witz und Grossmuth unterdrueckt,
Und mit ergrimmten Geist, Stab, Hand und Degen zueckt,
Und seine Bossheit kuehlt? Was schillt man die Barbaren,
Da Christen unter sich weit aerger noch verfahren.
Wo war wohl die Vernunft der Alten so verblendt,
Dass sie, von Zorn ergrimmt den Naechsten so geschaendt,
Als wie die Hoellen=Brut von Rach und Grimm jezt raset?
Wo hat man sich so gleich ein Schimpfwort angemaset?
Und wie anjezt geschieht, Processe draus gemacht?
Die Seele in Gefahr, die Hand ums Geld gebracht?
Soll dieses menschlich seyn; soll diess vernuenftig heisen,
Der Klugheit lezten Zahn aus seinem Mund zu reisen,
Damit die Raserey die That vollenden kan?
Aus Rache, Zorn und Grimm greift man den Naechsten an,
Man schnizt so gar den Kiel, will sonsten nichts gelingen,
Und ihn, wenns moeglich waer, um Ehr und Gut zu bringen.
Wo ist die alte Zeit mit ihrer Tugend hin?
Wo hat ein Buerger jezt so einen stillen Sinn
Wie Israels Monarch und erster Koenig hegte?
Als bey der Salbung sich der freche Poebel regte.
Er that, als hoerte er die tollen Worte nicht.
Ein Buerger unsrer Zeit schrie ihm ins Angesicht:
Ist dieses koeniglich? darf diess ein Groser leiden?
Mir solte ehr ein Dolch das Herz in Stuecke schneiden!
Bleib tapfrer David nur in deiner untern Welt,
Die dich zu deinem Glueck in ihrem Abgrund haelt.
Denn soltest du dein Reich zu unsrer Zeit verwalten,
Man wuerde dich gewiss vor mehr als naerrisch halten.
Hof, Adel, Buerger, Knecht, Mars und Minerven Sohn
Verlachten dein Gemueth, und spraechen voller Hohn:
Er hat zur Zeit der Noth nicht Witz genug besessen,
Er hat sein Amt und sich und alle Ehr vergessen.
Soll das ein Koenig sein, der andre retten will,
Und haelt den Simei und seinen Steinen still?
Ist das ein Kriegesmann der kuehne Feinde schlaeget,
Der selber Schimpf und Spott von einem Knecht vertraeget?
O Caesar! der du dich so Grossmuths voll bezeigt,
Wenn sich dein Widerpart vor deiner Hand gebeugt.
Die Grossmuth hat bey dir die Rache ueberwunden.
Wo wird ein Caesars Herz zu dieser Zeit gefunden?
Jezt heists: Was Grossmuth? Was? so sprach das Alterthum.
Jezt heist es: Rache her! die Ehre muss auch Ruhm
Durch ein beherztes Schwerd, und nicht durch Feigheit suchen.
Es muss gerochen seyn; da geht es an ein Fluchen.
Ich weiss zwar wohl, dass wir sehr schwach an Kraeften sind,
Und dass man nicht so leicht ein stoisch Herze find,
Das Schmipf, Gewalt und Schmach und Spott gelassen hoeren,
Und alles dulten kan, wenn sich die andern wehren.
Ich weiss auch, dass es schmerzt, wenn man die Tugend schilt,
Wenn man die Redlichkeit mit List und Trug vergilt,
Und auf das Ehren=Kleid der Laestrung=Stroeme gieset.
Nur dass aus diesem Grund doch dieser Satz nicht flieset,
Dass man die Menschlichkeit deswegen gaenzlich fliehn,
Und auf den Naechsten gleich den Degen muesse ziehn.
Und denen Bestien in hitzigen Geberden,
Ja was noch schlimmer ist, im Wesen aehnlich werden.
Lebt nicht die Themis noch, die deine Klagen hoert?
Durch die dir Huelf und Recht ohn Ansehn wiederfaehrt?
Was meinst du? kan dich nicht der Themis Arm beschuetzen?
Soll denn ihr Schwerd umsonst und ohne Schlagen blitzen?
Drum fasse deinen Geist, wenn hier ein Loewe bruellt;
Wenn dort ein toller Hund in seiner Huette billt;
So macht es Koenig Saul, da er zum Thron gekommen;
Er that, als haett er nicht die Laesterung vernommen.
Auch David hielt sich still da Simei so scharf
Um sein gesalbtes Haupt die Laster-Steine warf.
Verfluch, verwuensche nicht; du kanst den Fluch erlangen,
Denn eines jeden Werk wird seinen Lohn empfangen.
Kans ja nicht anders seyn, so wehr dich mit Verstand.
Lass allzeit der Vernunft in dir die Oberhand.
Glaub nicht so leicht, verzeih, und deut nicht alles boese;
Zeig deine Grossmuth stets in ihrer wahren Groese.
Begegne nicht dem Feind mit gleicher Bitterkeit;
Begegne ihm vielmehr mit viel Bescheidenheit,
Warn ihn vor Feind und Fall, befoerdre sein Gewerbe,
Ja sorge, dass er nicht etwann durch dich verderbe.
Vielleicht beschaemet ihn dein schoen und edles Thun,
Vielleicht laesst er dich denn hinfort in Frieden ruhn.
So hast du dich besiegt und auch den Feind bezwungen,
Und kriegst noch groessren Ruhm als der, so viel errungen.
Gelingt dirs aber nicht; mehrt seine Bossheit sich;
So bleibe dennoch fest und unveraenderlich,
Die Grossmuth macht zuletzt der Feinde Saebel muede,
So wirst du dann vergnuegt und lebst in stetem Friede.
* * *
Der Hoechste sey gelobt! sang Davids froher Mund:
Mein tapfrer Jonathan schliest mit mir einen Bund,
Der ueber alles Glueck und Frauen=Liebe gehet,
Der, wenn mich alles flieht, zu meiner Seite stehet.
Dem Himmel sey gedankt! stimmt Pythias mit ein,
Wie koent ich gluecklicher, als durch den Damon seyn?
Der mir sein redlich Herz, ja sich mir selbst ergiebet,
Und mich so treu, so schoen, so zart und feste liebet.
Es stuerme Luft und Meer, es rase Glut und Wind;
Wenn wir nur jederzeit verknuepft beysammen sind,
So koennen wir die Noth, Gefahr und Todes=Rachen,
Feind, Schwerd, und was uns droht, mit frischen Muth verlachen.
Mein Freund! mein Bruder=Herz! mein Leben! meine Brust!
Du meiner Augen=Trost! du meines Herzens Lust!
So redet Pythias, so laesst sich David hoeren.
Doch noch ein ander Paar will sich daran nicht kehren;
O! ho! wir leben auch spricht Joab. Ists nicht wahr?
Sind Ich und Judas nicht ein braves Brueder=Paar?
Wir leben euch zu trutz, und mehren unsre Staaten,
Wir herrschen ueberall, es bluehen unsre Thaten.
Wo ein vertrautes Paar, wo zwey Bekannte seyn,
Da schleichen wir uns bald in die Gesellschaft ein,
Und wissen sie nach Wunsch auf ewig zu zertrennen,
Dass sie sich fernerhin dem Namen nach kaum kennen.
Was vor ein Trauer=Thon betaeubt jezt Sinn und Ohr?
Man zieht, ich bin erstaunt, ein Leichen=Bret hervor:
Die Falschheit hat o Schmerz! die Redlichkeit erschlagen;
Man ist jezt im Begrif sie in die Gruft zu tragen.
Das vorgenannte Paar senkt diese Leiche ein,
Und schreibt mit frecher Faust diess auf den Leichenstein:
Die alte Redlichkeit ist nun vom Thron vertrieben;
Der Falschheit ist allein der Scepter uebrig blieben.
Schlaf liebe Redlichkeit biss einer neuen Welt,
Biss einer andern Zeit dein Bild aufs neu gefaellt.
Da Deutschlands Pflug und Schaar noch vor die Enkel sorgte,
Die Complimenten nicht von fremden Voelkern borgte,
Da man noch guten Tag, und guten Morgen sprach,
Da gieng die Redlichkeit auch allen Schritten nach.
Die Worte setzte man auf keine spitzge Schrauben,
Man dachte wie man sprach, diess duerfte jeder glauben.
Kein schnoeder Heuchel=Geist schlich sich im Umgang ein:
Und Ausschlag, Herz und Mund bestand in Ja und Nein,
Dass, wer sich einmahl Freund und lieber Bruder hiese,
Auch seine Redlichkeit biss in den Tod bewiese.
Die Falschheit war so fremd als haette man gesagt:
Das Volk von Liliput hat sich nach Wien gewagt.
Jezt, da man fast den Fuss von vielen Raenken laehmet,
Und sich, wer weiss warum? des alten Grusses schaemet,
Ist auch die Redlichkeit und Treu und Freundschaft aus.
Durchgeht ein niedriges, durchforscht in groses Haus,
Ich weiss, ein jeder spricht: Der Mensch von jungen Jahren
Hat manche Falschheit schon, der Greiss noch mehr erfahren.
Wird einem Redlichen, der nie die Treu verletzt,
Ein andrer Freund im Amt an seine Seit gesetzt,
So saet die Falschheit doch gar zeitig ihren Saamen.
Der Fremde sagt! Mein Freund! bey mir ist Ja und Amen,
Ich meine es herzlich gut, ohn allen Heuchelschein;
Ich will ein Pythias, ein andrer David seyn.
Er schmeichelt, kuesst und klopft, streicht Achseln, Haend und
Wangen,
Und spricht: Dein Umgang ist mein einziges Verlangen.
Die Worte klingen schoen, und sind wie Honigseim;
Doch diese dienen ihm zum Pech und Vogelleim,
Damit er seinen Freund und dessen Seele faenget,
Hernach ihn aengstiget und auf das hoechste draenget.
Durch sein so zaertlich Thun, durch seinen suessen Mund
Erforscht er seinen Freund und dessen Herzens=Grund,
Sein Wesen und Geschaeft, und was er weiss und denket;
Wohin er seinen Geist und seinen Willen lenket;
Dann schmeist er seinen Balk und seine Larve hin,
Und zeigt sein treuloss Herz und seinen falschen Sinn,
Verraeth, verfolgt den Freund, und offenbahret alles
Was zum Verderben dient, und freut sich seines Falles.
In seiner Gegenwart schwatzt man ganz Ehrfurchts=voll
Und ruckwaerts weiss man nicht, wie man gnug hoehnen soll.
Des Jacobs glatter Mund und Esaus rauhe Haende
Die locken Anfangs schoen und taeuschen uns am Ende.
Die Falschheit nennet sich ein Diener, Sclav und Knecht,
Doch herrscht sie als Tyrann der Glueck und Ehre schwaecht.
Es ist kein Freundschafts=Band bestaendig und vollkommen,
Es gleicht dem vollen Licht, das stuendlich abgenommen.
Wer merkt und lernet doch der falschen Welt Betrug?
Wer wird doch nur einmahl durch andrer Schaden klug?
Gewiss zu unsrer Zeit ist Schlangen=List sehr nuetze,
Dass man sich vor dem Fall und vor dem Unglueck schuetze;
Man traue keinem nicht; man setz dem Mund ein Ziel,
Man offenbare nichts, und rede nicht zu viel.
Doch muss uns auch darbey der Tauben Tugend zieren,
Dass wir die Redlichkeit in unsern Herzen fuehren,
Und fern von Falschheit seyn, so machts recht deutsches Blut,
Man meyn es redlich treu und auch von Herzen gut.
Ein redlich; aber nicht ein zu vertraeulich Wesen,
Soll man sich jederzeit zum Augenmerk
* * *
Die falsche Spahrsamkeit empfand den Heyraths=Trieb;
Gewann daher den Geitz zu ihrem Braeutgam lieb.
Diess Paar vermaehlte sich mit hoechst vergnuegten Minen;
Der Schau=Platz dieser Welt must ihr zum Schlosse dienen.
Und giengs gleich hier so zu, wie in der andern Welt
Wo man nicht isst und trinkt und offne Tafel haelt,
So war doch vieles Volk, das solchen Ruf vernommen,
Von gross und kleinen Stand zu dieser Hochzeit kommen,
Um aus des Braut=Paars Mund die nuetzlich klugen Lehren,
Zum kraeftgen Unterricht mit Sorgfalt anzuhoeren.
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