Die von denen Faunen gepeitschte Laster
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Sidonia Hedwig Zaeunemann >> Die von denen Faunen gepeitschte Laster
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Da aber nach der Zeit der Thier=Kreiss sich verrueckt,
Und ein Copernicus den Erd=Ball umgedrehet,
Dass nun derselbe lauft, die Sonne stille stehet;
So haelt die Tugend auch im Lauf gar oefters ein,
Es scheint der Menschen Thun ganz umgekehrt zu seyn.
Jetzt zeigt die Demuth nicht die schoenen alten Proben.
Die Sitten sind verderbt, wer will die Zeiten loben?
* * *
Der Seelen Wandelung wird niemand Glauben geben.
Warum? Wir wissen jetzt von einem andern Leben.
Inzwischen sieht man doch dass Ahabs schnoeder Geist,
Mit samt der Jesabel sich noch auf Erden weist.
Ich daecht, es saesse ja dort am Regierungs=Ruder
So mancher ungerecht und boeser Ahabs Bruder,
Der nach des Naechsten Haus, Gut, Feld und Garten tracht,
Und taeglich sorgt und sinnt, wie er es klueglich macht,
Dass er durch armen Schweiss mit einem Schein der Rechte
Sein Haus noch groesser bau, sein Gut verstaerken moechte.
Hier duerst er geitziglich nach einem Reben-Berg;
Dort nach dem schoenen Stueck von Feld und Gartenwerk.
Hier macht er auch so gar nach Hunden, Vieh und Pferden
Die eigennuetzigsten und graeulichsten Geberden.
Da faellt ihm wiederum der Voegel Stimm und Zier,
Hier Flinten und Gewehr zum Augenmerke fuer.
Kurz, was er hoert und sieht, das will und muss er haben,
Und solt er sichtbarlich damit zur Hoelle traben.
Sein Geitz und Eigennutz, sein Neid, Stolz und Betrug
Macht den verruchten Geist durch krumme Raenke klug;
Doch weil ein boeser Geist die Einsamkeit verfluchet,
Und sieben Staerkre noch zur treuen Freundschaft suchet.
So wehlt er sich zum Trost, zum Rath und Huelf=Gesell
Der Tugend Moerderin, die freche Jesabel.
Da muss die Themis fort; das Recht wird unterdruecket;
Und auf des Naechsten Halss der Bossheit Schwerd gezuecket;
Da wird des Buergers Gut um Spott=Geld feil gemacht;
Da heists: verkaufs doch dem, der Strafe, Recht und Macht
In seinen Haenden hat; er kan euch wieder schaden,
O! setzt euch doch vielmehr bey ihm in Gunst und Gnaden.
Spricht denn der arme Mann: Der Reiche hat sein Brod,
Diess aber dienet mir zu meiner Leibes=Noth;
Diess ist das einzige, woran ich mich erfreue;
Sein Haus ist gross genug zur Wohnung, Stall und Streue.
Mein Haeusgen ist zwar schlecht, doch liegt es mir bequem,
Weil ich von diesem Ort die meiste Nahrung nehm,
Drum ist es mir nicht feil. Da lodert denn das Feuer
Aus seiner Asch herfuer; da tobt das Ungeheuer,
Da rasst die Hoellen=Brut, und saget ohne Scheu:
Dass diess ein troziger und boeser Buerger sey.
Da kraenkt, da drueckt man ihn, dass er sich soll vergehen,
Da sucht man Sylb und Wort mit Vorsatz zu verdrehen.
Da buerdet man ihm auf, er hab der Obrigkeit
Geflucht, und ihr mit GOtt und seinem Zorn gedraeut.
Da heists, man straf ihn nur an Leib und Gut und Ehre,
Und wenns auch wider GOtt und alle Rechte waere.
Die Warheit wird verlacht, die Unschuld ausgehoehnt,
Und die Gerechtigkeit mit Schimpf und Spott gekroent.
Das Evangelium mag hin und her gebiethen,
So sucht doch Jesabel und Ahab fort zu wuethen.
Da wird der arme Mann mit List, Gewalt und Macht
Um Haus und Feld und Vieh, und was er hat, gebracht.
Heist diess das Richter=Amt an GOttes statt verwalten?
Heist diss den Unterthan bey Freyheit zu erhalten?
Es sollen Vaeter seyn, durch die sich jeder nehrt;
Ja Raeuber, deren Wuth der Armen Schweiss verzehrt.
Wenn edle Geister sich durch Pulver oder Schriften,
Durch Grossmuth, Fleiss und Witz ein ewig Denkmaal stiften:
So wuenscht ihr auch ein Maal damit man von euch spricht.
Doch weil euch Geist, Vernunft und Trieb darzu gebricht,
Weil euch der Weg zu schwer; so tragen Ahabs Haende
Des Nahmens schnoeden Ruf biss an der Erden Ende.
O Ruf! O Nahmens=Maal! das zwar nicht untersinkt;
Das aber nur nach Schand und nach der Hoelle stinkt.
O Ruf! der euch ein Maal, ein Brandmaal ins Gewissen
Und Schandfleck ins Gesicht geritzet und gebissen.
So tobt, so rasst die Welt, so stirbet die Vernunft;
So lebt die Laster=Brut; so blueht der Thoren Zunft.
* * *
Ach! die Gerechtigkeit steht in verhassten Orden,
Und ist jetzt leider! fast zur Exulantin worden.
Die Bossheit und der Geitz, der Laster schnaubend Heer
Treib sie aus ihrem Reich; und klagt sie noch so sehr,
So sind die Ohren taub. Mit ihren frommen Minen,
Muss sie der tollen Welt zum Hohn=Gelaechter dienen.
Wie jaemmerlich siehts doch um ihr geheiligt Haus,
Um ihren Richterstuhl und Schwerd und Wage aus.
Den Brief, den der Prophet am Himmel sahe fliegen,
Nach welchem Diebstahl, Mord, und Meineid und Betruegen
Vor from gesprochen ward, der ist anjetzt das Geld,
Wodurch man Froemmigkeit und alles Recht erhaelt.
Geld hat schon hier und da die Oberhand genommen;
Nur durch der Berge Mark kan man zum Rechte kommen;
Durchbrich das Mauerwerk und stiehl wie Nickel List.
Wenn du nur Reich an Raub und alten Thalern bist,
So fuerchte dich nur nicht vor Bande, Strick und Ketten,
Geld kan vom Staupenschlag, ja gar vom Galgen retten.
Und bist du wieder loss, so stiehl behertzt aufs neu,
Gedencke, dass diess Gut vor boese Richter sey.
Allein hast du kein Geld die Richter zu verblenden,
Und deinem Advocat ein Wildpret zuzusenden:
So halte Ruth und Strick nur Hals und Ruecken hin,
Und waer dein Diebstahl auch vom schlechtesten Gewinn;
Hast du gleich Joabs Schwerd auf Abners Brust gezuecket
Und deinen Gegenpart in Plutons Reich geschicket,
So geh und stelle nur verlangte Caution,
Gieb denen Richtern Geld, so koemst du bald davon.
Hast du die Eh befleckt, den Glaubiger betrogen;
Dem Nachbar Wiess und Feld durch Falschheit abgelogen;
Des Naechsten Unschulds=Kleid und guten Ruf verletzt,
Und der Betraengten Pfand, das man bey dir versetzt,
Mit List an dich gebracht: So darffst du nicht verzagen,
Man mag dich noch so sehr in dem Gericht verklagen.
Bemuehe dich nur bald um einen Advocat,
Der ein Gewissen so wie Priester-Ermel hat,
Den Hader, Eigennutz und Zank so hoch vergnueget,
Als einen Kriegesmann der was zu pluendern krieget,
Und dessen Herz voll Trotz, das Haupt voll arger List,
Die Seele voll Betrug, und frecher Bossheit ist,
Der sieben Zeilen nur auf eine Seite schreibet,
Und seine Schriften stets auf zwanzig Bogen treibet.
Der so viel Kosten macht als der Process begehrt,
Und ihn so bosshaft dreht, dass er viel Jahre wehrt.
Dem fuell die krumme Hand mit Ophirs gueldnen Schaetzen,
So wird er bald das Recht der Gegen=Part verletzen;
Nimm selbst den Advocat von deinem Gegner ein;
Schenk ihm ein Stueck zum Kleid, ein stark und fettes Schwein,
Ein Fass voll Rebensaft, und andre schoene Sachen,
So wirst du ihn schon mild, und dir gewogen machen.
Geh auch zum Richter hin, und fuelle ihm die Hand
Mit wilden Maennern an, mit Gold aus Ungerland.
Und weigert er sich ja; so gieb es seinem Weibe,
Bring ihr ein Stueck Damast und Sammtes Zeug zum Leibe,
Band, Spitzen, Leinewand, und Peltz zum Unterkleid,
Fuell Stall und Kueche aus; so kriegst du immer Zeit.
Der Advocat haelts auf, der Richter wirds verziehen,
Dein Gegner mag sich gleich auch noch so sehr bemuehen
Den letzten Spruch zu sehn. Ja wenn er sich beschwehrt,
Des Zahlens muede wird, und endlich Recht begehrt,
Da heists: Ihr habt kein Recht: Wer Geld giebt der gewinnet.
Des Frommen Angesicht, das voller Thraenen rinnet,
Wird jetzt nicht mehr geacht; der Witwen Klag=Geschrey,
Der Waysen heisses Flehn steht man durchs Recht nicht bey.
Verfluchte Gottesfurcht! verdammtes Christen=Leben!
Heist diess dem Recht sein Recht nach GOttes Vorschrift geben?
O! sollen dieses wohl der Armen Vaeter seyn?
O! moechte nicht das Recht zu GOtt um Rache schreyn?
Bey Heyden wird man kaum dergleichen That und Suenden,
So wenig Gottesfurcht, als unter Christen finden.
O groser Samuel! bleib ja in deiner Gruft,
Steh nicht von Todten auf; komm nicht in deutsche Luft.
Man wuerde sonst dein Amt und richterlich verwalten
Vor dumm, vor abgeschmackt, vor kahl und thoerigt halten.
Du hast ja, wie bekannt zu Israel gesagt:
Kommt her! Wer wieder mich und meinen Richtstab klagt!
Kommt! sagt mir, ob ich euch in meinem Amt betrogen?
Ob ich Geschenk geliebt; das Gut an mich gezogen?
Wem ich das Recht gebeugt, der zeuge wider mich!
O! diese Reden sind anjetzt zu laecherlich:
Der Hochmuth waechst und steigt, der Geitz hat zugenommen.
Wie wuerde man denn sonst zu solchen Reichthum kommen?
O! gieng der Heyland jetzt von neuen auf die Welt,
Und spraech: Wer unter euch nichts von Geschenken haelt,
Und davon freyer ist als dort die Pharisaeer
Von Suend und Ehebruch, der komm und trete naeher,
Ihr andern weicht von mir! wie viele wuerden fliehn,
Und sich beschaemt und stumm mit Furcht zuruecke ziehn.
Solt Alexander jetzt wie ehemals geschehen,
In ganz verstellter Tracht auf manches Richthaus gehen, (b)
Er traeffe warlich nicht dergleichen Maenner an,
Die also handelten wie jener Mund gethan,
Die Richter wuerden nicht den Schatz zuruecke weisen,
Da sie ihn heut zu Tag begierig zu sich reisen.
Solt jetzt Cambyses wohl dem Richter, der das Recht
Des Geldes wegen beugt, der Freundschaft wegen schwaecht,
Die Haut vom Leibe ziehn und an den Richtstuhl nageln, (c)
Wie grausam wuerde man auf solche Strafe hageln?
Wie mancher Richter=Sitz, den man jetzt praechtig schaut,
Bekaem an statt des Schmucks wohl mehr als eine Haut.
Erforschte mancher Fuerst (d) zugleich die Advocaten,
O! so bekaem gewiss der Hencker manchen Braten.
Es wuerde mancher Baum zum Galgen abgehackt
Und manches Glied vom Leib mit Eisen abgezwackt,
Hingegen aber auch (was wuenscht man mehr auf Erden?)
Recht und Gerechtigkeit nicht leicht gequaelet werden.
Wo sieht man, dass der Herr jetzt im Gerichte wohnt?
Dass man die Frevler straft, die Unschuld aber schohnt,
Und den Regenten=Stab mit Tugend unterstuetzet,
Mit rechtlich kluger Hand die Acten=Feder schnitzet?
* * *
Wie gluecklich ist ein Mensch der stets das Ohr verstopft,
Wenn gleich die Tugend koemmt und thraenend klagt und klopft.
Wie wohl, wie wohl ist dem, der stille sitzt und schweiget,
Wenn dort ein wuester Kopf die Ehren=Bahn besteiget.
Ein zugeschlossenes Ohr, ein zugehuellt Gesicht,
Und einen Mund der nichts als Ja zu allen spricht,
Ein Auge voller List erfordern unsre Zeiten,
Wer so nicht leben kan der wird nicht viel bedeuten.
Doch nein! mein Eifer brennt, er ist gerecht und gut.
Wer nur die Laster schilt, wer nur die tolle Brut
Bey ihren Nahmen nennt, und vor den Spiegel stellet,
Der kaempft wie ein Soldat der tolle Feinde faellet,
Und kriegt ein gleiches Lob, von der noch guten Welt,
Die nach der Tugend greift, und noch auf Wohlstand haelt.
Was vor ein heiser Schmertz hat meine Brust befallen!
Der Adern rothe Saft faengt kochend an zu wallen;
Mein Herz bebt wie ein Blat, mein Geist entsezt sich ganz,
Wenn ich die alte Zeit mit ihrem Werth und Glanz,
Und unsre Zeiten seh. Wo ist der Roemer Zierde,
Ernst, Einsicht, Tugend, Recht und loebliche Begierde
Nach guten Sitten hin? wodurch bestand ihr Flor?
Sie zog nicht Geld und Stand der Kunst und Tugend vor.
Wer vor das Vaterland beherzt und klug gestritten;
Wer sich verdient gemacht, Vernunft und guten Sitten
Begierig nachgestrebt; wer und klug redlich war,
Den sezte man ins Amt und zu der Vaeter Schaar.
Jezt scheint der Tugend=Licht sich gleichsam zu verdunkeln:
Sie kan, O Finsterniss! nicht mehr wie ehmahls funkeln.
Carthago schimpft sich noch. Denn sie vergab ums Geld
Amt, Ehre, Stand und Dienst; was thut denn unsre Welt?
Wie thoerigt wuerde doch dein Rath o Jethro! klingen,
Wenn du wie ehemals den Vortrag woltest bringen:
Sezt diese, diese nur in Amt und Dienste ein
Die klug, gerecht und fromm, warhaft und redlich seyn,
Ja, die den schnoeden Geiz von Grund der Seele hassen:
Man wuerde dir gewiss ein Liedgen singen lassen,
Das dir sehr schlecht gefiel. Es hiess: der Mann ist toll,
Er weiss noch nicht einmahl wie man recht leben soll.
Die Zeit ist nicht mehr hier, die ehedem gewesen,
Denn was wir hier und da in alten Buechern lesen,
Das geht bey uns nicht an. Die Zeiten sind jezt neu,
Da man nicht lange fragt, ob jemand wuerdig sey.
Wer in der Auction der Aemter wacker biethet;
Die Stimmen um das Mark der tiefen Kluefte miethet,
Der steiget schnell empor, und wird ein Licht der Stadt,
So wenig er auch sonst an Witz und Tugend hat.
So wenig er erlernt, wie man den Richt=Stuhl zieren,
Und was man wissen muss, ein Amt gerecht zu fuehren.
So geht es, leider! her. Allein was folgt darauf?
Dem Miethling ist nunmehr die Themis selbst zu kauf;
Sein drangewandtes Geld laesst ihn nicht ruhig schlafen,
Er trachtet Tag und Nacht, wie er es von den Schaafen
Mit Vortheil wieder zieht. Da sinnt er auf Betrug,
Setzt viele Sporteln an, und andre Kosten gnug.
Da wird der Neben=Christ, der Unterthan gedruecket,
So gut sichs nach der Zeit und seinem Anschlag schicket.
Wem aber nicht das Glueck die Boerse schwer gemacht,
Der wird durch Kupplerey zu Amt und Stand gebracht,
Er schleicht sich voller List und Schmeicheley nach Hofe,
Und nimmt die abgekuesst und sonst beliebte Zofe
Zum lieben Ehgemahl. Da wird er denn ein Mann
Der wacker und galant und herrlich leben kan.
Ey seht? Wer wolte nicht durch schoener Frauen Schuerzen
Sein Glueck und Ehre baun, und seine Noth verkuerzen!
Ihr Maenner! tretet auf! trotzt! raubt uns diesen Ruhm!
Ist nicht die Zwingungs=Kraft der Weiber Eigenthum?
Die Staercke ihrer Hand, die Artigkeit der Minen,
Und der beredte Mund muss euch zur Wuerde dienen.
Man hat den alten Brauch nunmehro abgethan,
Da bloss der Mann durch sich zum Manne werden kan.
Durch Weiber muessen jetzt die Maenner Maenner werden:
Durch Weiber werden jetzt auch Hirten ueber Heerden.
Ich tadle dieses nicht, dass sich ein Mann bemueht,
Und bey dem Ehverband auf seine Wohlfahrt sieht,
Ein kluger muss ein Schmidt von seinem Gluecke heisen.
Diess kan er nirgends ehr als bey der Heyrath weisen,
Wenn er durch Fleiss und Witz, Treu, Tugend und Verstand,
Der Eltern Lieb und Gunst, der Goenner holde Hand
Und Herze zu sich zieht, und solch ein Weib erlanget,
Das nebst dem Reichthum auch mit schoener Tugend pranget.
Diess ist der Vorsicht=Schluss, diess ist der Waechter Rath,
Wenn Moses, den die Furcht und Angst vertrieben hat,
Durch seiner Tugend Glanz sein Glueck by Jethro gruendet,
Und Mahlon Glueck und Wohl bey Moabs Toechtern findet,
Wenn Jacob, der den Grimm des Esaus fliehen muss,
Und in entfernter Luft durch GOttes weisen Schluss
Sein Gluecke suchen soll, der Rahel Herz gewinnet,
Und Labans Gunst erhaelt, weil er auf Mittel sinnet,
Wodurch der Segen sich in seiner Arbeit mehrt,
So, dass ihn jedermann deswegen liebt und ehrt.
Wenn Saul des Davids Glueck und Treu und Dienst betrachtet,
Und Michal ihm zur Braut zu geben wuerdig achtet,
Diss kommt vom Sternen=Pol und von der Allmacht her.
So foerdert keusche Lieb Glueck, Wohlstand, Ruhm und Ehr.
Wenn aber sich ein Mann nach Frauen=Lippen sehnet,
Die schon ein geiler Mund beflecket und verwehnet;
Wenn er die Delila so hoch als Sara schaetzt,
Und sich recht wissentlich in Hanrey=Orden setzt,
Um nur der Fuersten Gunst und Liebe zu erlangen,
Und als ein Herr und Mann in Amt und Dienst zu prangen
Der muss schier faellt mir gleich das alte Sprichwort ein;
Ein rechter braver Kerl, ja wohl noch sonst was seyn.
Doch warum aergert euch, die Heyrath frecher Dirnen?
Was, soll ich ueber euch ihr Venus=Nympfen zuernen?
Nahm doch Hosea dort, der ein Prophete war,
Zu seiner Frau ein Weib aus frecher Huren=Schaar.
Wer kan es wohl mit Recht den Duerftigen verdencken,
Wenn sie aus Geld=Begier ihr Herz der Dina schenken?
Wer hat bey Fuersten Glueck? wer baut sein Ehren=Haus
Bey Goettern dieser Welt? vieleicht wer frey heraus
Und nach der Redlichkeit die rechte Art beschreibet,
Nach welcher Volk und Land am ersten gluecklich bleibet;
Nach welcher sich ein Herr den Thron im Herzen baut;
Dass man ihn Freudenvoll und nicht mit Zittern schaut;
Dass diess ein Titus sey der voller Huld regieret,
Sein Amt dem Argus gleich auch schlummrend wachsam fuehret.
Der fuer gemeine Ruh gleich als ein Pharus brennt;
Der keine Schmeicheley; nur bloss die Warheit kennt;
Der treue Diener nicht wie Sigismund (e) belohnet;
Der zwar die Bossheit straft, der Unschuld aber schonet;
Ja der wie Salomon der Weisheit sich ergiebt,
Und solche hoeher noch als Ehr und Reichthum liebt.
Was meint ihr: solte wohl ein Mann von solchen Wesen
Und solcher Redlichkeit sein Glueck am Hofe lesen?
An manchen glaub ich wohl; doch moechten wenig seyn
Die diess beherzigten. Der schnoede Heuchel=Schein
Hat meist die Oberhand, biss Artaxerxen traeumet,
Er hab an Esters Freund die Dankbarkeit versaeumet.
Indessen steigt doch fast nur Hamans Brut empor,
Wer sich in Fuchs=Pelz huellt, und mit der Schmeichler Flor
Das Angesicht bedeckt, der darf nach Hofe kommen,
Und wird noch desto ehr zum Diener angenommen,
Wenn er Projecte macht, wodurch man Geld gewinnt;
Wie man auf Aecker, Haus, auf Nahrung, Pferd und Rind
Und Dienste Gaben legt, die vormahls nicht gewesen,
Von welchen sonst kein Wort im Freyheits=Brief zu lesen;
Wie man die Buergerschaft mit Zoll, Acciess beschwert,
Und ihnen mit Manier den Beutel folgends leert.
Doch seht! ihr bruestet euch und gebt mir zu verstehen,
Es fordre grosen Witz mit Prinzen umzugehen,
Man muesse jederzeit aus Ehrfurcht, Lieb und Treu
Auf ihr Intresse sehn, dass diess in Wachsthum sey.
Gar recht: Bedenkt auch nur fein allzeit das Gewissen;
Ihr duerft es leicht versehn, so trit man euch mit Fuessen;
Vom Feuer und vom Licht bleibt schlaue Klugheit fern,
Denn wer zu nahe koemmt derselbe brennt sich gern.
Ihr Thoren! die ihr euch so gern in Fuchs=Peltz kleidet
Wie koemmt es, dass ihr nicht die glatten Worte meidet?
Ist wohl ein Fuchs so dumm, dass er sich dahin haelt,
Wo man vor kurzer Zeit den Cammerad geprellt?
List, Schmeicheln, Eigennutz, Verraehterey und Luegen
Die dauren kurze Zeit, es kan sich leichte fuegen,
Dass sich das Blaetgen kehrt; sehr selten findet man,
Dass einer sich dadurch im Glueck erhalten kan,
Weil grosser Herren Gunst gar bald wie Schnee zergehet,
Da nach dem heisen Strahl ein Regen=Guss entstehet.
Die Unbestaendigkeit findt stets bey Hoefen Raum;
Der Fuersten Gnad und Huld ist meist ein suesser Traum.
Die Frucht, die jaehlings reift, die Blume die bald bluehet,
Faellt desto eher ab, wie man ja taeglich siehet.
Je schnell, je hoeher man bey grosen Herren steigt,
Je naeher ist das Glueck zu seinem Fall geneigt.
Wie oefters sinken nicht die groesten Favoriten!
Erst herrschten sie im Schloss; jetzt darben sie in Huetten.
Ihr Thoren! die ihr euch nach Herren Gnade dringt,
Und sie durch mancherley Betrug und List erzwingt,
Wenn gleich der Buerger seufzt, und euch im Herzen hasset,
Was ist es dass ihr euch auf ihre Gunst verlasset?
Sie waehret doch nicht lang; koemmt endlich euer Fall
So ist kein Freund nicht da, so ruft man ueberall:
Triumph! der Haman liegt, der Land und Buergern fluchte,
Und ihren Schaden nur durch seine Raenke suchte.
Man diene seinem Herrn als ein getreuer Mann,
Das heist weit klueglicher gehandelt und gethan,
Drueck aber nicht das Volk, und sey nicht stolz im Gluecke,
So kriegt man doch beym Fall noch Mitleids=volle Blicke:
Da jener, welcher nur den Unterthan geplagt,
Und ausgesogen hat, warhaftig nicht beklagt,
Und nur verspottet wird; wer Herren Gnade trauet,
Der hat sein Haus und Glueck auf leichten Sand gebauet;
Der schwebt wie auf dem Meer, da bald ein Sturm entsteht,
Wodurch Glueck, Hofnung, Trost und Leben untergeht.
Ein andrer Weg ist noch (wenn sonst nichts mehr zu hoffen,
Und Treu und Tugend weg) zum Amt und Ehre offen.
Verlaeugne deinen GOtt und die Religion,
So traegest du ein Amt und manch Geschenk davon.
Ist das die schoene Bahn zur Ehren=Burg zu steigen?
Wie will ein solcher sich gerecht und Treu bezeigen?
Folgt nicht hieraus der Schluss: Wer GOtt nicht Glauben haelt,
Und ihn verschwoert und teuscht, der wird gewiss der Welt,
Dem Naechsten und dem Land wohl schwerlich treu verbleiben,
Und sein vertrautes Amt gewissenhaftig treiben.
* * *
Wie gluecklich warst du doch beruehmtes Griechenland!
In deinem groessten Glanz; ich meine, da dein Stand
In Flor und Freyheit war; da man die Arbeit liebte;
Da deine Jugend sich in Ritterspielen uebte;
Da man den Lorbeer=Zweig durch Kunst und Fleiss erwarb,
Und wie man erst gelebt, so auch mit Ehren starb.
Du warest ohne Geld und Stand beruehmt und weise,
Die Tugend ward belohnt; nach klug vergossnem Schweise
Ward jeden nach Verdienst der Ehren=Kranz gebracht,
Und also durch sich selbst die Bahn des Gluecks gemacht.
Wo sind die Zeiten hin, da die Gymnosophisten
Die Jugend eher nicht mit Kost und Lob begruesten,
Als biss ein jeder sprach: Diess hab ich heut gethan;
Ich habe nach Befehl der edlen Tugend Bahn
Mit Ernste nachgefolgt; diess hab ich aufgeschrieben,
Worzu die Weisheit mich mit Nachdruck angetrieben.
Diess hat mein reger Fleiss und Witz hervor gesucht;
Diess ist von meinem Geist und Einsicht eine Frucht?
Wo ist der Parther Brauch? der meistens dahin gienge,
Dass nie ein fauler Mensch den Unterhalt empfienge.
Wie aendert sich die Zucht? Wie aendert sich die Zeit?
Jetzt wird der duemste Kopf mit Ehr und Schmuck erfreut.
Vergebens ist es jetzt, dass man die Tugend liebet,
Vergebens, dass man sich in Wissenschaften uebet,
Vergeblich, dass man Tag und Nacht bey Buechern schwitzt,
Umsonst, dass man den Kiel zu klugen Schriften schnitzt.
Geld macht jetzt tugendhaft, gelehrt, geschickt und weise:
Ein reiches Stutzergen kan mehr als alte Greise,
Verstand, Gelehrsamkeit, Witz, Ansehn und Vernunft,
Ring, Hut, ja gar ein Platz in der gelehrten Zunft,
Ist jetzt so gut als Obst um baares Geld zu haben.
Geld; nicht die Wissenschaft, sind jetzt die besten Gaben.
Geht ins gelehrte Haus, und ins Collegium,
Beseht den Candidat, ob solcher nicht so stumm
Wie der Catheder ist? Man wird ja sonder Graemen,
Sich als ein Stoicus zwey Stunden koennen schaemen.
Wie viele giebt es nicht, die klug und weise sind,
Ob man bey ihnen gleich sehr wenig Suadam findt;
Muss nicht die Theorie der gueldnen Praxi weichen?
So kan ein Doctorand der Weisheit Grund erreichen,
Und doch kein Redner seyn. Zudem, was ist es dann
Wenn schon der Candidat nicht wohl bestehen kan,
Und oefters stille schweigt? Hat man doch sonst vernommen,
Dass grose Redner nicht in Reden fortgekommen.
Auch selbst Demosthenem erschreckt der Gegenstand.
Ein Haupt das Kronen traegt, der Scepter in der Hand,
Der Strahl der Majestaet macht kluge Redner bloede.
Allein vor dem erschrickt fast mitten in der Rede
Der neue Doctorand? ha! ha! jetzt faellt mirs ein,
Es wird ein tiefer Satz vom Opponenten seyn,
Den er sich nicht versehn. Der Vorwurf ist zu wichtig,
Die Schluesse ueberhaupt sind buendig, gut und richtig;
Diess giebt nun seiner Brust den haertsten Donnerstreich,
Diess macht, dass auch sein Herz als wie ein Wachs so weich,
Die Zunge starrend wird. Die Angst wird immer staerker,
Das Herze klopft so stark als kaum in einem Kerker
Ein Inquisite bebt, wenn sich der Opponnent
Zu einem andern Satz und neuen Vortrag wendt;
Die Dissertation hat er nicht koennen machen,
Drum weis er nirgend hin; da giebt es gnug zu lachen.
Indess bekommt er doch, was seine Brust vergnuegt;
Was schadets, wenn man gleich mit fremden Kaelbern pfluegt.
Ja, ist die Noth auch gleich aufs aeuserste vorhanden,
Und scheints, als wuerde jetzt der Doctorand zu schanden,
Weil er nichts reden kan, so legt ein Freund sich drein,
Und sucht in dieser Angst sein Advocat zu seyn.
O du Beredsamkeit! Was fliehst du von den meisten,
Und wilst zur Zeit der Noth gar keinen Beystand leisten.
Jedoch was klag ich doch den Goetter=Bothen an?
Ist nicht der Unverstand und Traegheit Schuld daran?
Wer fordert denn von dir ein spaet und langes Schwatzen,
Als wolte dir der Bauch vor groser Weisheit platzen.
Sprich kurz, doch aber gut, klug, geistreich, gruendlich, rein,
Beredsam, angenehm, so magst du Doctor seyn.
Kan doch ein Ackerknecht, und dummer Schaefer=Junge,
Mit seiner unberedt und oefters rauhen Zunge,
Von Schaafen, Pflug und Trift, von Aeckern, Pflanzen, Saat,
Geschickte Antwort thun, so viel er Kundschaft hat.
So wird ein Candidat doch so viel Maul besitzen,
Als ihn zur Zeit der Noth zur Ehre koente nuetzen.
Die schlechte Wissenschaft und nicht der Mund ist Schuld;
Die Liebe hat indess mit Stuempern auch Gedult.
O Deutschland! glaube nicht bey Schenckung deiner Ehren,
Als ob in Welschland nur Doctores fruchtbar waeren;
Du kriegst jetzt gleichen Ruhm. Nicht wahr? du sagest ja,
Dein groser Inbegrif haelt manches Padua.
* * *
Welch ein Trommeten=Thon erschallet biss an Himmel!
Wer macht ein solch Getoess und maechtiges Getuemmel
Wie dorten Jacobs Fuerst vor Jericho gethan?
Ey seht! ein altes Weib, und nicht ein Krieges=Mann
Erhebt ein solch Geschrey: Die Heucheley ruft heftig:
Folgt meinen Fuessen nach! seyd munter und geschaeftig
In meinen Dienst zu gehen! raeumt mir die Herzen ein,
Und lasst von eurer Treu den Wandel Zeuge seyn.
Entschuldget euch nur nicht mit schwacher Geistes=Staerke;
Man lernet meine Kunst und meiner Haende=Werke
Mit schlecht und leichter Mueh. Auf! folget meinem Schritt,
Ich geb euch Geist und Kraft, Verstand und Staerke mit.
Ihr spuehrt in meinem Dienst nichts von Gefaehrlichkeiten,
Die andre Leute sonst bey ihrem Thun begleiten.
Nehmt nur die Lehren an die euch mein Mund erklaert:
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