Das hohe Ziel der Erkenntnis
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Omar Al Raschid Bey >> Das hohe Ziel der Erkenntnis
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Und ferner, o Teurer, Loesung nie geloester Raetsel--: das Wunder
der Verkoerperung. Es offenbare sich dir, aus welchen Tiefen solche
Loesung fliesst und der Weg zu Erloesung.
Du fuehlst dich Koerper, du weisst dich Seele. Du empfindest dich
selbst unmittelbar, du schaust aus dir mittelbar durch Sinne. Deine
Sinne nehmen sinnlich wahr; Seele in dir nimmt sinnlich Geschautes fuer
wahr. Auf fuenffach verschlungenen Sinnenwegen suchend, seelenblind fuer
alle Seele ausser dir, verkennst du alles, was du nicht selbst bist und
dich selbst. Du begreifst die ganze Welt sinnlich; du nimmst dich
selbst sinnlich wahr.
Also seelenblind schauend glaubst du dich von Allseele
abgeschieden, vermagst abgeschieden Erachtetes nicht mehr seelisch zu
dir zu einen. Was du nicht mehr als eigen erkennst, deuten deine Sinne
als ausser dir; du vermagst, was dir aussen duenkt, nicht anders als
fremd, als raeumlich dir gegen-ueber-stehend, als gegen-staendlich zu dir
aufzufassen; du kannst, was du nicht selbst bist, nur als Gegenstand
schauen. Alles nicht-Ich muss dir Ding und Koerper sein.
*
Also sieht Seele kraft ihrer Sinne Koerper; also ist Seele sinnlich
erfasst: Koerper.
Also sind Koerper: Koerper durch wahrnehmende Sinne--Koerper durch
Verkoerperung der Seele, zwiefach Eines.
Empfindend bist du Seele, empfunden Leib; be-seelter Koerper--
verkoerperte Seele. Sinnliche Gestalt ist seelische Gestaltung,
leibliche Zeugung--seelische UEber-zeugung; Beid-einheit--: Gedanke
leibhaftig geworden, dein schaffendes Verlangen. Du verlangst und es
wird Ding und Bewegung, du verlangst und es ist Empfindung und Seele:
--gottabgewandt: Welt--weltabgewandt: Gottheit genannt.
Alles was dir als Wirklichkeit erscheint--welche Namen es auch
trage--ist Seele, von Seele in dir sinnlich erfasst. Seele--alles
andere Sinnenmitgift. Alle Gestaltung Seele, alle Gebilde in die Sinne
fallende Erscheinung--Sinn-bild der Seele--Seele im Bannkreis der
Sinne--Seele in irdischer Umhuellung--in Sinnenwelt versunkene
Gottheit.
Nur fuer irdische Augen ist diese Welt--Samsara; seelisch
durchschaut versinkt die Erscheinungswelt deinen Sinnen; nur fuer
seelisches Schauen ist Erloesung--Verklaerung der Welt--der Seele
Seeligkeit--Nirvana.
* * *
Raum-zeitlose Seele in zeit-raeumlicher Welt.
Im unendlichen Raum alles zeitlos; in ewiger Zeit alles raumlos.
Ohne Raum ist alles im Laufe der unendlichen Zeit; ohne Zeit ist alles
im unendlichen Raum.
In der Zeit ist die Gegenwart--ohne Dauer, und nur im zeitlosen
Gedanken zu fassen. Im Raum ist der Punkt--ohne Ausdehnung, und nur
im raumlosen Gedanken zu fassen; in Zeit und Raum erscheinende
Koerperlichkeit ist endlos teilbar, also koerperlos und nur in Gedanken
zu fassen. Urteil von Zeit--nicht Zeit; Urteil von Raum--nicht
Raum; Urteil von Koerper--nicht Koerper. Das letzt Denkbare von Zeit,
das letzt Denkbare von Raum, das letzt Denkbare von Koerper ist Gedanke
im Ich. Das letztdenkbare Urteil der Welt ist Ich-urteil.
Im Ich ist Bindung und Loesung dieser Welt.
Ich, erscheinend, ist Zeit in Raum, ist Empfindung in Bewegung,
Willen in Kraft, Ursache in Wirkung, Freiheit in Notwendigkeit,
Selbigkeit in Ursaechlichkeit, Seele in Leib, Wahrheit in Taeuschung,
Wesen in Schein.--Denkt die Welt, so denkt sie: Ich.
Zeiteinbildung, Raumvorstellung, Koerperwahrnehmung--die Welt--
entspringt und endet im Ich. Ich-gegenwart ist Zeitewigkeit, ist
Raumunendlichkeit, ist Koerper und Wirklichkeit.
Zeit-raeumliches Ich aus raum-zeitloser Seele.
Davon ist gesagt: >>das Weltall hat nur in mir Bestand.<<
*
Ich ist ur-Teil im entzweienden Ursprung der Welt. Ich ur-Teil,
vom All abgesondert--un-zu-langend--ver-langt zum All zurueck;
darum ist Ich Verlangen. Ich ist ungestilltes Verlangen; Ich ist
unstillbares Verlangen; Ich ist nur durch Verlangen. Ich, sich selbst
wollend, muss Alles zu sich wollen, so lange Ich--Ich ist.
Ich ist worin Ich erwacht. Ich ist was sich im Ich bewusst wird,
was Ich sich einbildet, was sich im Ich bildet, was Leben im Ich
gewinnt nennt sich Ich. Ich-inhalt erachtet sich fuer "Ich".
Ich ragt ueber sich hinaus: Ich ist was Ich wollend umfasst, was Ich
nicht wollend umfasst, was Ich wollend nicht umfasst; Ich ist soweit
Ich-auffassung reicht. Kein Ich, wenn nichts umfassend; kein Ich, wenn
allumfassend.
Ich entspringt, Ich endet im Verlangen; Ich wechselt in sich mit
seinem Verlangen; Ich wechselt in sich mit wechselndem Gegenstand; mit
anderem nicht-Ich ist anderes Ich.
Ich besteht ohne eigenen Bestand--ewig neu geborene Gegenwart,
ewig erneute, ewig vernichtete Selbstherrlichkeit; das ewig
Vergaengliche aus dem ewig Unvergaenglichen.
Der Glaube, als habe das Ich ein Sein in sich, schafft Ich, erhaelt
Ich, endet mit Ich--ein Nichts, das Alles ist. Ich ist Teil, so
lange es sich Teil glaubt. Gibt Ich sich auf, so ist Ich alles.
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Ist Einbildung Ich, so ist Vorstellung nicht-Ich. Alles Ich baut
sich auf am nicht-Ich; am nicht-Ich-gegen-stand findet Ich seinen
Rueck-halt; durch Wider-stand gegen alles nicht-Ich ist das Ich.
Ich lebt nur durch Gegensatz--durch Gegensatz zu sich: Raum,
durch Gegensatz in sich: Zeit. Verlangend einigt Ich allen raeumlichen,
allen zeitlichen Gegensatz in sich.
Ich, alles nicht-Ich zu sich anziehend, stoesst alles nicht-Ich von
sich ab. Verlangend schwankt Ich von s-Ich zu nicht-Ich, von nicht-Ich
zu s-Ich zurueck. Ich verlangen spiegelt sich im nicht-Ich; nicht-Ich
wirft das Ich verlangen zurueck. In dem Masse wie Ich verlangt,
widersteht das nicht-Ich dem Verlangen; in dem Masse wie Ich zu sich
verlangt, wird Ich vom nicht-Ich verlangt--Ergreifend, ist Ich
ergriffen.
Also ist zwischen Ich und Ich Anziehung im Verlangen; also ist
zwischen Ich und Ich Abstossung im Verlangen; also ist Verlangen
Anziehung und Abstossung zugleich; also haelt Verlangen Ich und Ich
auseinander; also ist Verlangen nach Vereinigung zu sich Hindernis der
Einigung--das Verbindende ist das Trennende.
Ich will das All zu sich, enwill sich zum All--
weltschoepferischer Irrtum.
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Ich uebertraegt sich ins nicht-Ich.
Verlangend tritt Ich aus sich hinaus, langt ausser sich, ist nicht
mehr bei sich, ist ausser sich, ist in seinem Gegenstand--Ich im
nicht-Ich.
Ich weiss nur von sich; Ich empfindet immer nur sich selbst; s-Ich
einbildend stellt Ich s-Ich vor; vorstellend fasst Ich sich selbst
gegen-staendlich auf. Wie Ich sich im gegen-Stand empfindet, so
empfindet Ich den Gegenstand. Gegenstand dem Ich ist Ich im
gegen-Stand. Soweit Ich den Gegenstand empfindet, soweit ist
Zerklueftung im Ursprung ueberwunden, soweit ist das Empfindende und das
Empfundene Eines. Die Empfindung ist das Empfundene.
Ich-zu-stand im Gegen-stand nennt sich selbst mit anderen Namen.
Ich verkennt sich im du--wie ein Hund sein eigenes Bild im Spiegel
anknurrt. Eines ist Zustand und Gegenstand. Eines ist Ich und du--
Einheit in sich, in dir unterscheidende Namen.
Im Verlangen liegt Ich und nicht-Ich; im Verlangen faellt Ich und
nicht-Ich aus-einander. Was Ich verlangend nicht will, will nicht Ich,
will ein nicht-Ich--"ich will nicht" das heisst: "du willst".
Ich und Ich--zerfallene Einheit, geschaffen und auseinander
gehalten durch blindes Verlangen.
Davon ist gesagt: "ich bin du".
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Alles was ausser Ich ist, ist aus Ich. Alles nicht-Ich beginnt und
endet im Herzen des Ich. Wie im Willen Unwillen liegt, so liegt im Ich
das nicht-Ich.
Ich will durch Willen und Unwillen; Willen wie Unwillen ist
Ich-verlangen. Willen wie Unwillen hat dasselbe Ziel. Ich-loser Wille
undenkbar; ziel-loser Wille, Wille ohne Gegen-stand des Wollens
undenkbar.
Ich will durch Bejahung und Verneinung: sogenannte Verneinung des
Willens ist Bejahung geaenderten Willens--das Eine Verlangen bei
gewechseltem Ziel.
In sich verneinen heisst ausser sich bejahen; in sich vernichten
heisst aus sich hinaus schaffen; aus sich hinaus schaffen heisst ausser
sich schaffen. Unwillig aus dir Entlassenes weicht aus dem Bereich
deiner Seele, faellt in den Bannkreis deiner Sinne, tritt, selbstaendig
geworden--ein eigenes Ich--dir sinnlich gegenueber.
Abstossung im Ich ist das Abgestossene, ist aus eigenem Zustand
geschaffener Gegen-stand. Das Angezogene ist im Ich Anziehung; das
Angezogene ist Gegenstand im Zustand Ich:
--Verlangen im Ich ist das nicht-Ich--
Verlangen vom Ich ausgesprochen, vom nicht-Ich, dem Widerschein
des Ich, 'wieder' ausgesprochen, das ist 'wider'sprochen, sieht sich
selbst gegenueber, tritt sich selbst entgegen, ist sich selbst
Gegenstand des Verlangens.
Die Welt sich selbst wollend--darum ist Welt.
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Das Aussereinander von Ich und Welt ist Erscheinung; das
Durchschauen des Scheines ist Erloesung.--Verlangen im Ich ist das
nicht-Ich; Verlangen im Ich ist die sich schaffende Welt; alles
Geschaffene erkennt sich im erkennenden Ich.
Kein Ich ohne Welt; das Verlangen in dir schafft die Welt, darum
ist die Welt dein Verlangen; darum verlangt dich nach der Welt. Die
Welt wird und wirkt wie du, verlangend, die Welt wirkst. Die Welt ist,
so lange du an dich und deine Welt glaubst--mit dir entsteht, mit
dir vergeht deine Welt.
Keine Welt ohne Ich--: Ich geht in der Welt auf, die Welt geht
im Ich auf; darum loesen sich vom Ich aus alle Fragen dieser Welt--:
endlos wechselnde Namen endlos wechselnden Verlangens in dir--
Widerschein deiner selbst--Und die ganze Welt erlangend, erlangst du
dich selbst--nichts mehr.
Verlangen ist Gedanke in dir; denken heisst urteilen, urteilen
heisst zeugen. Dein Gedanke ist Dasein, dein Glaube ist Schoepfung,
deine UEberzeugung ist Zeugung. Eines ist der Schaffende mit dem
Geschaffenen, Eines ist Ich und Welt.
Davon ist gesagt: "der, fuerwahr, baut aus sich diese ganze Welt--
und ist ihre Vernichtung, der solches weiss."
Du schaffst die Welt, die Welt schafft dich--schafft sich in
dir. Die Welt sich selbst schaffend, sich selbst schauend, sich selbst
verlangend, sich selbst vernichtend.
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Vielfach ist in Suchenden der Gedanke aufgestiegen, in Erkenntnis
suchenden Weisen mancher Voelker alter und neuer Zeiten; ausgesprochen
hat die Lehre von den Gegensaetzen Bhagavad-gita-upanishad mit
deutlichen Worten, aber unverstanden von der Menschheit blieb die
Erkenntnis, unerkannt in ihren Tiefen:
"Alle Geschoepfe dieser Welt lassen sich vom Trugbild der
Gegensaetze betoeren, die sie, liebend oder hassend, sich selber
schaffen."
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Uraltes Wissen, o Teurer, verkuendige ich dir wieder, Loesung nie
geloester Raetsel, Loesung des Weltwiderspruchs; der Erkenntnis Urgrund,
die Lehre vom Gegensinn in der Erscheinung--dvamdva-vidya--die
Lehre von der sich selbst aufhebenden Welt.
*
Also ist die Unterweisung:
Weltursprung--durch Ur-sprung: Ent-zweiung in ur-Teil und
gegen-Teil, Ich und nicht-Ich.
Weil durch Ur-sprung Kluft ist, darum steht alles dieser Welt
ein-ander unerkannt gegen-ueber, darum ist alles dieser Welt durch
Gegen-sinn, darum sieht alles dieser Welt einander als Gegen-stand,
darum ist Widerspruch in der Erscheinung endlos, darum ist ewiger
Kampf
Davon ist gesagt: "Zweiheitlich ward All-Einheit, Wahrheit und
Taeuschung an sich zu erleben."
"Ich weiss warum die Welt ist: Gott wollte leiden".
*
Gegenteile schaffen sich aus-ein-ander, Gegenteile heben einander
auf; Gegenteile scheinen endlos weit von einander, Gegenteile beruehren
einander; Gegenteile fallen, auseinander tretend, in einander; wie Ost
und West auseinandertretend im Ruecken der Erde ineinanderfallen, wie
West im Osten, wie Ost im Westen wiederkehrt; wie Ost zu Ende gedacht
zu West wird und West zu Ost; wie aller Gedanke zu Ende gedacht, durch
seinen Gegensinn hindurch in sich selbst zurueckkehrt--der geraden,
nach durch messenem All in sich zurueckkehrenden Linie vergleichbar.
Wie farbloses Licht in Gegenfarben zerfaellt, wie Gegenfarben,
vereint, einander zu Farblosigkeit ergaenzen, so ergaenzen aus-ein-ander
gefallene Gegenteile, vereint, einander zu nichts.
Aller Gegensatz ist den Gegensaetzen an einer Kugel vergleichbar;
Vergleichbar den Gegensaetzen eines im Kreise schwingenden Pendels.
Aller Gegensatz dieser Welt erscheint durch wechselndes Urteil
sinnlicher Wahrnehmung--blosse Auffassung im Ich.
Maechtig bewegte Sterne stehen deinen Sinnen still; still stehende
Sterne siehst du mit dem Himmelsgewoelbe maechtig ueber dir bewegt.--
Savitar hebt sich aus dem Meere: du schaust Sonnenaufgang; was dir
Sonnenaufgang ist, ist Anderen Sonnenuntergang; was dir oder Anderen
Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang, ist weder Aufgang noch Untergang
--Savitar strahlt ewigen Tag. Indessen du die Sonne steigen siehst,
sehen andere dieselbe Sonne fallen; es vermag die Sonne nicht zu
steigen ohne zu fallen, vermag nicht zu fallen ohne zu steigen, steigt
und faellt zu gleicher Zeit--steigt weder noch faellt.--Innere Erden
scheinen im rechten Laufe umzukehren; Wandelsterne und Monde, Sonnen
und Erden, nach ueberstiegenem Hoehepunkt, werden ruecklaeufig. Kein
Gegensatz im rechten Laufe, keine Umkehr, kein Ruecklauf--irriges
Urteil vom wechselnden Standort des irrig schauenden Ich.
Ich, zeitraeumlich atmend, wechselt Standort, Ansicht, Urteil.
Durch Ich-urteil-wechsel ist Gegensatz. Ur-teilend schafft Ich in sich
zeitlichen Gegensatz--ausser sich raeumlichen Gegensatz.
Wechselndes Urteil im Ich zeugt fuer Gegensinn im Einheitlichen--
zeugt fuer Einheit im Gegensatz.
Aller Gegensatz geht auf--wird und vergeht--im Ich; Ich
schafft, Ich vernichtet allen Gegensatz. Nur in einem 'Ich' ist
Willenswechsel, nur in einem 'Ich' ist Urteilsgegensatz; mit
aufgehobenem 'Ich' ist aller Gegensatz aufgehoben.
Scheinen Gegensaetze, so ist Einheit. Ist das Eine Gegensatz des
Anderen, so ist das Eine gleich dem Anderen--so ist weder das Eine
noch das Andere.
*
Raum-anstoss ist Zeitfolge:
Wechselt Ich aus sich hinaus, so empfindet Ich durch nicht-Ich
raeumliche Wider-stand-wirkung, das ist--: wirklicher Gegensatz.
Durch Widerstand Empfindung wechselt Ich in sich zeitlich eigene
Empfindung, das ist--: eigentlicher Gegensatz.--Ur sache aus mir
--Wirkung auf mich: Ich-m-Ich; wirklich raeumlicher--eigentlich
zeitlicher Gegensatz.--: Beid-einheit.--Raumanstoss ist Zeitfolge.
Durch Zerfall im Ur-sprung: Urgegensinn; das ist sinnlich-
seelische Auffassung in Ich und Ich.
Eines ist innen und aussen, Eines Ursache und Wirkung, Eines Zeit
und Raum, Eines eigentlich und wirklich, Eines Bewegung und
Empfindung, Eines Seele und Leib, Eines Ich und nicht-Ich--: durch
Ich-ur-Teil, das ist durch Ich-Urteil sinnlich geschaffene
Teilungserscheinung--Ur-sprung im Ich.
Dvamdva--: aus Einheit Ich gezeugte gegen-Teile, Gegensinn und
Gegenstand, Gedanken und Dinge gegenseitig gezeugt, gegenseitig
gepaart; Haelften, die getrennt, einander zu nichts aufheben; die
vereint, einander zu nichts ergaenzen; Eigenschaffungen, die durch
Spaltung sind und nicht sind--getrennt und vereint nicht sind.
Daraus ist: Gegensinn im einheitlichen Wort, daraus ist: Einheit
gegensaetzlicher Worte. Nimmerrastender Widerschein des spaltenden
Ursprungs, nichtige Schoepfung im Ich--Trugbild des Seins.
*
Sinnlich geschaut:
Durch Ursprung Raum, durch Raum Zeit; im Ursprung inzwischen
entzweiten Teilen die sich schaffende Welt; die Welt in der Kluft
inzwischen Ich und nicht Ich. Alle Wirklichkeit dieser Welt rastlos
wechselnde Beziehung inzwischen Ich-zustand in sich--Ich-zustand im
Gegen-Stand. Endloser Kreislauf der Erscheinung von Gegensinn zu
Gegenstand, von Ich zu nicht-Ich, von nicht-Ich zu Ich zurueck.--
Gegensinn in s-Ich die werdende, Gegenstand zu s-Ich die gewordene
Welt.
Alles zeitraeumliche Aussereinander ist im Ich, alle Unterscheidung,
aller Gegensatz, alle Worte, alle Vielheit--im Ich ist Ur-sprung
und Unendlichkeit dieser Welt.
Eines ist was du, durch ur-teilenden Willensgegensatz in dir, zu
Gegensaetzen ausser dir praegst; Eines ist was du, ur-teilend, entzweit
schaust--: willkuerliche, an sich nichtige Unterscheidung, endlose
Gestaltung deines in Einhauch und Aushauch atmenden Verlangens--
deine eigene Schoepfung--du selbst.
Davon sagt des Heilweges Buch des Lehrers Lao: "Diese Einheit der
Gegensaetze bezeichne ich als den Urgrund, die grosse Tiefe und das der
Erkenntnis geoeffnete Tor."
*
Und noch einmal:
Durch Ur-sprung-erscheinung scheint Entzweiung. Jedes der beiden
Teile lebt das Leben des anderen--gleichwertige Bruchstuecke. Durch
Kluft geblendet verkennt sich eines im anderen--Suendenfall.
Dem also gewordenen Zwiespalt folgt alle Erscheinung: aller
Gedanke, alles Urteil, alles Wort--Wille und Tat gegen sich selbst
gerichtet. Alles Urteil Widerspruch in sich;--Sinn und Widersinn
in-ein-ander. Alle Unterscheidung in Wort und Urteil bedeutungslos--
in sich selbst aufgehoben--blosse Lautver-schiedenheit.
Nur Eines ist--alles Erscheinende ist irrendes Verlangen im Ich
zum Ziel, nichts mehr.
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Wahn-sinn das Wesen der Welt in Worte fassen zu wollen. Seele,
Kraft, Geist, Stoff, Gedanke--Gottheit--gleichviel mit welchen
Lauten du das benennst, was dich lebt.
Erscheinung dieser Welt schafft sich, durchschaut sich, hebt sich
auf.
Was sich also erscheinend schafft, ist nicht Wahrheit--ist nicht
Taeuschung--ist ewig vergaengliches Sinn-bild des Ewigen.
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So lautet die Lehre von der sich selbst als nichtig aufweisenden
Erscheinungswelt--der Erkenntnis Hoehe und Tiefe, der Erkenntnis
eherner Kern und Anker.
Und was du, o Teurer, durch solche Erkenntnis verlierst ist ein
Nichts; und was du durch solche Erkenntnis gewinnst ist Alles.
So lange dir der tiefen Lehre volles Verstaendnis nicht aufgegangen
ist, o Teurer! so lange wisse dich fern vom Hohenziele der Erkenntnis.
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Die ganze Sinnenwelt waechst, sich verklaerend, zu Gottheit. Alles
Samsara ist Verlangen nach Nirvana. Je nach dem Ziele deines eigenen
Verlangens, nach Samsara oder nach Nirvana erscheint dir das Geschehen
dieser Welt Vorgang oder Rueckschritt, ziellos oder zielbewusst, blinder
Zufall oder unabwendbare Bestimmung. Weder das Eine noch das Andere--
in sich freie, durch Gegensinn in der Erscheinung gebrochene Kraft in
dir--dein schaffendes Verlangen.
Das Ziel der Welt bist du selbst, o Teurer! In dir, mit jedem
Atemzug wechselnd, alle Stufen der Weltenschoepfung--
Weltenvernichtung; von Samsara zu Nirvana, von Nirvana zu Samsara
rastlos gegeneinander schwankend.
Samsara heisst sich in irdischer Anschauung verlieren. Nirvana
heisst sich wiederfinden. Irdisches Verlangen rueckt Nirvana in
zeit-raeumliche Fernen--Nirvana ist--wenn dich nicht mehr
nach Nirvana verlangt.
Ewigkeit des Ursprungs im Ich, Ewigkeit der Weltenschoepfung und
Weltenvernichtung. Ich, besinnungslos Seeligkeit ausser sich suchend,
jagt nach selbstgeschaffenen Trugbildern--Sinnenkampf zu Samsara;
Ich, sich auf sich selbst besinnend, wendet sich von irdischen
Trugbildern ab--Seelenkampf zu Nirvana.
Verlangend schafft Ich Samsara, Verlangen verklaerend schafft Ich
Nirvana; Samsara und Nirvana schafft sich im verlangenden Ich. Blinder
Kreislauf des Verlangens, Kreislauf der Wiedergeburt.--Samsara ist
Verlangen; mit schweigendem Verlangen ist Nirvana.
Wie ein Kind im nichtigen Spiele zum Manne waechst, so wachsen wir
Menschen in Samsara zu Nirvana. Samsara haelt uns das blendende Schild
vor--glaeubig hasten wir danach--und erwachen in Nirvana.
Die grosse Taeuschung, o Teurer, die ewige Torheit--Samsara--der
weite Irrweg zu Nirvana!--Du folgst dem ewigen Kreislauf erkennend
oder blind; du nahst dem ewigen Ziele unwillig-willig--aus Gottheit
zu Gott und Gottheit--unser aller Ziel.
Samsara ein Alles, das nichts ist; Nirvana ein Nichts, das alles
ist--unendlich das eine, ewig das Andere--dem Erkennenden Einheit.
*
Solches lehren seit Jahrtausenden unsere Brueder, Hohemeister in
Tibet, Sser-od in Ka'gdschur:
"Wisse o Sohn der Erhabenen! um dem nach hoechstem Ziele strebenden
Bodhisattva alle Schranken und Hindernisse aus dem Wege zu raeumen,
lehren Wissende die unwandelbare Wahrheit vom ungetrennten Samsara und
Nirvana." "Wisse, dass die Buddha Samsara und Nirvana auf das Klarste
als unverschieden erkannt haben."
* * *
Keine Wahrheit im vielheitlichen Samsara: Vielheit muss sich selbst
widersprechen; zerfallene Einheit hebt sich selbst auf Samsara zeugt
blinde Kinder. Erscheinung wie Worte wandeln sinnlos von Sinn zu
Gegensinn. Nur dem selbstisch verlangenden, dem einseitig wertenden
Ich scheint Sinn in Samsara--wie dem Traeumenden Sinn im sinnlosen
Traume scheint. Alle Wahrnehmung in Samsara, alle Empfindung, und alle
Deutung von Wahrnehmung und Empfindung--bedeutungslos. Lust wie
Qual, Bewunderung wie Abscheu und alle Worte aller Welten--
bedeutungslos, sinnlos, weil sinnlich.
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Ich, im Gefuehl seiner Unzulaenglichkeit, verlangt nach Ergaenzung
ausser sich. Zeitlich wechselnde Empfindung im Verlangen, vom Ich
ausgelegt, gewinnt sinnliche Gestalt im Raum. Mit Wechsel seelischer
Empfindung wird Wechsel sinnlicher Anschauung. Im Ich zeitlich
Geschiedenes erscheint, raeumlich vorgestellt, als Verschiedenheit--
erscheint und ist. Nach ein-ander wird neben-ein-ander; in-ein-ander
wird ausser-ein-ander. Seelisch empfunden: Gegen-sinn, zeitlich endlos
wechselnd; sinnlich angeschaut: Gegen-stand, raeumlich endlos
vervielfacht. Folge in der Zeit ist Vielheit im Raum. Beid-einheit dem
Wissenden.
Endloses Verlangen in dir erscheint als endloses Werden--
Gedanken zu Worten, Worte zu Dingen verkoerpert.
Die verlangende Welt denkt durch zahllose Worte Einen Gedanken.
Alle Gedanken und alle Worte dieser Welt sagen nur Eines; alle Worte
aller Sprachen aller Welten--endlos wechselnder Ausdruck endlosen
Verlangens nach Alleinheit. Aus wechselnder Empfindung, wechselndem
Urteil, wechselnden Worten schafft sich die Vielheit dieser Welt--die
vielheitliche Welt aus dem schaffenden Wort.
Davon sagt Tschhandogya-Upanishad: "an Worten haftend ist alle
Umwandlung der Erscheinung."
*
Aufleuchten moege in dir, o Teurer, voll die Einheitserkenntnis!
Der Welten ewiger Ursprung hat nur Ein Ziel; dein rastlos wechselndes
Irren nach dem Einen Ziele benennst du mit wechselnden Namen. Dein
Wort benennt, dein Wort wertet, dein Wort schafft die Dinge--ein
Zweites, glaubst du, sei es, wenn du es anders benennst--Aus
Vielheit wertender Worte des wechselnden Urteils in dir schafft sich
die Vielheit der Dinge. Endlose Sinnbilder des Einen Gedankens deuten
wir sehend Blinden als endlose Vielheit verschiedener Dinge. Erfass
erbarmend wohl die tiefe Blindheit der Menschen!--Blindheit der
Fuehrenden und Gefuehrten, Blindheit der Weisesten aller Voelker und
aller Zeiten--uns Armseligen der Weg zu Erkenntnis--Befangenen
unnahbar--Suchenden die offene Schranke--lichte Einsicht dem
Erwachenden.
Nur Eines ist im Kreislauf der Erscheinung: Ver-langen!
schlaftrunken suchendes Verlangen nachdem letzten Ziele.--Erwachen
fuehrt aus Verlangen und Tat, aus Gedanken und Worten zu willenloser,
zu wortloser Wahrheit.
--Wer also sieht, der ist sehend.--
Davon sagt Taittitiya-Upanishad: "Erkenntniswonne wird von keiner
Sprache erreicht; vor der Wonne der Erkenntnis kehren alle Worte um,
und alle Gedanken."--Ananda.
*
Unsere Brueder, Hohepriester in Tuebet, lehren seit Jahrtausenden:
"Es ist, o Rabdschor, alles Erfassen in der Ichheit ein
Nichterfassen. Wissende, o Rabdschor, gehen nicht in die Einbildung:
'Ich' ein.
"Wenn ein Wissender also denkt: Wesen ist ohne Ich--Ichlos ist
Wesen, solchen nennt De-schin-scheg-pa, der Feindbesieger und heilig
vollendete Buddha einen erwacht Erkennenden.
"O Rabdschor! Wenn du denken solltest, dass die in wahrhafte
Reinheit Eingegangenen jegliches Sein voellig zerstoert und demselben
ein Ende gemacht haben, so gib, o Rabdschor, solcher Meinung nicht
Raum... Es sind dies nur Worte--das Wesen selbst ist unausdenkbar
und wird von Unmuendigen nicht erkannt.
"Das Wesen, o Rabdschor, ist in sich--und ist weder
Verschiedenheit noch auch Gleichheit in ihm, weder Sein noch
Nichtsein, und volle Erkenntnis hievon wird das allerhoechste wahrhaft
rein vollendete Erwachen genannt.
"Der Name dieses Lehrbegriffs lautet: "der an das jenseitige Ufer
der Erkenntnis Gelangte." Dieser Lehrbegriff, o Rabdschor! ist
unergruendlich und seine voll gereiften Fruechte stelle dir als
unergruendlich vor."
* * *
Aus Nebelgluten sondern sich Schlacken, ballen sich, erkaltend, zu
Sonnen und Erden; aus lebender Flut starre Gebilde, aus Gottheit--
-- Ich --
--ur-sprung-er-schein-ung-ur-teil-gegen-teil-ver-langen--
ein unabsehbarer Strom, der das All durchmessend, in seiner eigenen
Quelle muendet--: Samsara!
*
Uns schauend Blinden--Nichts. Da geschieht im All Einen das
Unergruendbare: Absonderung 'Ich'. Absonderung haelt sich zurueck--der
Strom ueberflutet; Absonderung draengt vor--der Strom hemmt;
Empfindung und Empfundenes--Wirkung aus dir und Wirkung auf dich.--
Das Eine, Einheitliche, Ungeteilte, Unteilbare--: als sei zwiefach
Sein. Es scheint als seist du--es scheint als sei ausser dir, es
scheint, erscheint, und ist wirklich: Ich und Sinnenwelt, ja und nein,
Lust und Leid, und alle Worte.
Aus dem seelisch Einen das sinnlich Zerklueftete: die im
Ich-bewusstsein erwachte Welt. Aus dem Ewigen das ewig Vergaengliche--
Vergaengliche Welten zeugen wider sich selbst:
Absonderung "Ich" aus Gottheit ist Suendenfall.
Ur-sprung--atmende Kluft, die trennend verbindet--Anziehung und
Abstossung, Entzweiug und Zu-eins-paarung, Werden-Verwerden zugleich
--Spiel in sich selbst--unsere Welt--
--eine Welt durch ewig erneuten Ursprung in sich; eine Welt in
ewiger Selbstentzweiung, in ewigem Kampfe gegen sich selbst, in ewiger
Blindheit sich selbst gebaerend, sich selbst vernichtend--die im Wahn
gewordene, im Wahnsinn verharrende Welt.
Unabsehbar grauenerfuellte Wahlstatt nie gestillten Verlangens,
nimmer endender Tat--Ringen um verlorenes Paradies, Ringen um
Erkenntnis, Ringen um Erloesung--Seele wider Sinne, Gedanke wider
Tat, Himmel wider Hoelle; endloses Ringen von Lust wider Seeligkeit,
Samsara wider Nirvana, Abgott 'Ich' wider Gottheit
--allueberall blind stuermende Erscheinung, von Sinneswahn zu
Widersinn sinnlos wechselnd; hinfaellige Gebilde, Scheingestalten,
fluechtige Schatten, im Entstehen dem Untergang, in der Geburt dem Tode
geweiht--Trugbilder, blosse Namen, blosse Worte im nichtigen Urteil
Ich--
--endloser Widersinn ewig erneuter Entzweiung, ewig neuer
Wiedervereinigung--werdend verwerdende, seiend nicht seiende Welten.
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