Das hohe Ziel der Erkenntnis
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Omar Al Raschid Bey >> Das hohe Ziel der Erkenntnis
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Keine Zeit, kein Raum ohne Ich: einen Augenblick bewusstlos--eine
Ewigkeit bewusstlos.
'In der 'Zeit' heisst vom Ich-bewusstsein als Zustand in sich
unmittelbar umfasst; 'im Raum' heisst mittelbar, vermittelst der Sinne
erfasst. Im Bereich des Ich-bewusstseins heisst Zeit, was darueber hinaus
Raum heisst. Vom Ich empfunden--Zeit, vom Ich angeschaut--Raum;
seelisch empfunden--Zeit, sinnlich angeschaut--Raum.
Bei gedankenlosem Hinschauen zwar erscheint Zeit und Raum
verschieden, verschieden wie Tag und Nacht, wie Vergangenheit und
Zukunft, unvereinbar, ewig voneinander getrennt. Ansicht--nicht
Einsicht; Wahr-nehmung--nicht Wahrheit.
Zeit und Raum sind nicht auseinanderzuhalten: --frage dich, o Teurer,
durch welche Bestimmung koennten Zeit und Raum, beide an sich leer an
Bestimmung, voneinander verschieden sein? Eines ist, was du in dir
Zeit, was du ausser dir Raum nennst--zwei Namen fuer das Selbe:
atmendes Verlangen in dir.
Sprich es unverstanden nach--mit vorschreitender Erkenntnis gelangst
du zu vollem Verstaendnis.
*
Wie du, dich selber taeuschend, den Raum ueber dir vom Raum unter
dir unterscheidest, wie du, dich selber taeuschend, Zeit vor dir von
Zeit nach dir unterscheidest, so unterscheidest du, dich selber
taeuschend, Zeit in dir von Raum ausser dir.
Wie deine Gegenwart im Raum bestimmt, was du hier und was du dort
nennst, wie deine Gegenwart in der Zeit bestimmt, was du als vorher
und was du als nachher unterscheidest, so bestimmt deine Gegen-wart im
Da-sein, was in dir zeitlich, was ausser dir raeumlich erscheint.
Wie deine Gegenwart in Zeit und Raum die Teilung eines Ganzen
bestimmt--ein willkuerlich gewaehlter Scheidepunkt, der dir das Recht
zu geben scheint, Gegenteiligkeit zu schaffen, ein rechts und ein
links, ein oben und ein unten zu unterscheiden, ein vorher und ein
nachher, so schafft dein Da-sein, deine Gegen-wart, dein
Ich-Bewusstsein,--du selbst--Unterscheidung in einem ungeschiedenen
Ganzen, macht dich in Zeit und Raum unterscheiden, was eines ist.
Eines--scheinbare Zweiheit.
In deinem Herzen sind die Auseinandertretungen, deine eigene
Schoepfung die Unterscheidung Zeit und Raum.--Als Zeit empfindest du,
was dein eigen, als Raum, was dir entfremdet. Entlassend schaffst du
Raum, aufnehmend Zeit, was aus-wendig Raum ist, ist in-wendig Zeit.
Dein eigener Widerschein im Ich-Gedanken nennt sich Bestand,
Dauer, Wechsel, Zeit; deinen eigenen Widerschein im entlassenen
Gedanken nennst du draussen, Gegenstand, Raum.
Unterscheidung Zeit und Raum ist Unterscheidung: in dir--ausser
dir; ist Empfndung und nach aussen Verlegung--Auslegung deines
inne-Befindens; ist Ein-bildung: Zeit, und Widerspiegelung deiner
Einbildung, Vor-stellung: Raum; Ich-zu-stand und Ich-gegen-stand--
Ausdruck deiner wechselnden Gesinnung, deiner Zuneigung und Abneigung,
Anziehung und Abstossung, Lust und Unlust, Liebe und Hass, Bejahung und
Verneinung, Wille-wider-Wille im Verlangen--Abbild deiner selbst.
Zeit und Raum sind nur andre Worte fuer Ich und du; Unterscheidung
Zeit und Raum ist Unterscheidung Ich und Welt--Ausdruck des Zerfalls
im Ursprung. Davon wird dir in weiterer Unterweisung volle Klarheit.
*
Besinne dich und du erkennst: ununterschieden in sich ist Zeit und
Raum; eines, was du mit ent-zwei-enden Namen bezeichnest; wie rechts
und links, wie oben und unten, wie hier und dort, wie jetzt und einst
--willkuerliche, in sich nichtige Unterscheidung in dir. Und wie du
solches von dem Gegen-sinn 'rechts und links', von dem Gegen-sinn
'oben und unten' klar erkannt hast, so wird dir klare Erkenntnis auch
vom scheinbaren Gegensinn Zeit und Raum.
Aller Gegensatz, alle Einheit ist in dir.
Zeit und Raum sind Gestaltung deines Willens; Zeit und Raum sind
andre Worte fuer deinen Willen und fuer das, was wider deinen Willen--
wieder dein Wille ist;--Gestaltung deiner selbst!
Eigene Lust dein Wandel; nach eigenem Gefallen wandelst du dich zu
Zeit und Raum, wandelst Zeit zu Raum wie rechts zu links, wandelst
Raum zu Zeit wie unten zu oben.
Es ist so--sprich es unverstanden nach. Die die Welten
voneinander haelt, diese Bruecke ueberschreite als ein Blinder.
Aufleuchten wird einst in dir die Erkenntnis, aus welcher Tiefe
solches fliesst.
*
Ausgeloescht der Gegensinn von Zeit und Raum; auf Worten beruhend
die erscheinende Verschiedenheit; ununterschieden an sich, weder das
eine noeh das andre; dasselbe doppelt benannt, zwei Namen fur eines.
Und gewiss: ist Zeit gleich Raum, so ist weder Zeit noch Raum.
Was du Zeit und Raum nennst--in Gegenteile zerfallene, an sich
nichtige Unterscheidung in dir--in Gegensinn auseinanderspaltendes
Urteil, deine Willensgestaltung, Spiel deiner Seele, deine eigene
Schoepfung--du selbst.
*
"Was du Zeit und Raum nennst, o Gargi, ist eingewoben und verwoben
in Akasha."
Durch Raum und Zeit wird alles dieser Welt, was Leben heisst, was
Tod genannt wird--ewiger Kreislauf--Geburt und Tod dieser Welt
durch Raum-Zeit-Erscheinung:
-- AKASHA --
dieser Welt Erscheinung--deines Verlangens sinnlicher wieder-Schein
--dieser Welt wesenlose Erscheinung--Erscheinung des Wesens dieser
Welt.
Aufleuchten moege in dir die weltschoepferische Bedeutung des
Wortes.
*
Darum ist gesagt: "auf Akasha geht diese Welt zurueck"--
"Einklang von Seele und Leib."
Darum ist gesagt: "Akasha--des Brahma Standort"--"Brahma
leibhaftig geworden"--"deiner Seele Leib."
"Darum soll man als dieser Welt Keim Akasha wissen."
Sehend geworden erkennst du:
--Es ist der Welt, die dich lebt, Atmen--
--atma--
* * *
So, o Teurer, koennen wir Menschen, der Erscheinung nachdenkend,
uns dieses vorstellen; der Erkenntnis ehernes Tor, verhuellte Wahrheit
dem nicht Erkennenden--Upanishad.
*
So lautet in Aranada Upanishad der zweite Abschnitt: zeit-
raeumlicher Erscheinung Urbestand; nunmehr kama, Verlangen.
III.
DAS VERLANGEN DIESER WELT
-- kama --
Zu dem, was ich dir ferner zu sagen gedenke, o Teurer! behalte vor
Augen:
Es geschieht wohl, dass von den dickkopfigen Ameisen eine
mitten-von-einander bricht; alsbald kehren sich die getrennten Teile
feindlich gegen einander: der Kopf greift mit den Kiefer an, der Leib
wehrt sich mit dem Stachel.
Eben noch einheitlicher Bestand, Ein Ich mit Einem Bewusstsein,
Einer Empfindung, Einem Willen, von gleicher Sorgfalt fuer alle Teile
seines Koerpers erfuellt--zerfaellt es vor deinen Augen in zwei
Bewusstsein, zwei Empfindungen, zwei Willen, zwei Seelen; jedes der
beiden Teile fuehlt sich selbstaendig, ein "Ich", und seine erste Tat
ist Kampf gegen das, was es nicht mehr als sein Ich erkennt.
Zwiespalt koerperlich-seelisch; Gedanke dieser im Zwiespalt
atmenden Welt; Ausdruck des ur-Sprungs: Kama, Verlangen.
Durch ur-Sprung: ur-TeilIch und gegen-TeilIch. Durch solche
Teilung Verlangen in Ich und Ich;--das Ausser-einander von Ich und
Ich ist Verlangen:
-- KAMA --
*
Also ist die Unterweisung:
Ich knuepfe an Gesagtes an, o Teurer!
Der Erreger, savitar, die Sonne, weckt die Geschoepfe--alsbald
beseelt diese der Gedanke des Lebens: Kama, Verlangen, und es folgt
Jagd und Kampf.
Brennend vor Begier wirft sich der Eine auf den Anderen: "du bist
meine Nahrung"--und der Sieger frohlockt: "ich toete dich: es ist
mein Recht."
Vom Unterliegenden jedoch schallt voller Widerspruch zurueck: "ich
will nicht sterben, du darfst mich nicht toeten, es ist unrecht und
boese!"
Du erwaegst zuvoerderst den Gegensatz im atmenden Verlangen im
'Raum' erscheinend.
Jeder der Beiden, hier wie dort, der Sieger sowohl wie der
Unterliegende, will dasselbe: will leben, nicht sterben; will toeten
und fressen, will nicht getoetet und gefressen werden.
Hier wie dort Ein Gedanke, dasselbe Verlangen, dennoch
Widerspruch, Zwiespalt, Gegensatz.
*
Du schaust den Gedanken unbewegt, einheitlich, ungeteilt: Kama,
Verlangen, Frass; Frass ist sinnfaelliger Ausdruck des Verlangens.
Es ist kein Zwiespalt, kein Gegensatz im Gedanken, im Wollen und
Tun an sich; Zwiespalt, Gegensatz ist durch Ich und Ich.
Zwiespalt, Teilung erscheint mit be-Teil-igung des Ich am
Gedanken. Der Gegensatz entsteht durch zwiefachen Standort des Ich; im
Ich, das hier will, und im gegenueber stehenden, entgegen stehenden,
widerstehenden Ich, das dort wieder will--zwei gegen-staendliche
Standorte des Ich--das ist Raumerscheinung:
I. Ich--hier:
"ich will dich fressen."
II. Ich--dort:
"ich will dich fressen."
*
Ich auf beidem Standort spricht den einheitlichen Gedanken, das
einheitliche Verlangen: 'Frass' zwiefach aus, bejahend--verneinend.
Ich auf beidem Standort bejaht den Satz und verneint damit den
Gegensatz. Ich will--und will nicht das Gegenteil des Gewollten;
Wille zur Tat, Unwille zur Duldung der Tat. Ich hier wie Ich dort:
"ich will leben--nicht sterben, ich will fressen--nicht gefressen
werden."
Es ist Ein Gedanke, Ein Verlangen, Ein Vorgang: 'Frass'; 'fressen
--nicht gefressen werden' ist nur Lautverschiedenheit, nur sprachlich
doppelter Ausdruck, dem Sinne nach dasselbe; nur Gewolltes bejahende,
nicht-Gewolltes verneinende Redewendung, doppelte Bezeichnung fuer
Eines. Ich spricht in zwiefachen, Eines bedeutenden Worten
einheitliches Wollen, den Einen ungespaltenen Gedanken aus;
Gegensatz erscheint im raum-gespaltenen, im ent-zwei-ten Ich; im Ich,
das hier will, und im Ich, das dort will, dort wieder will, das heisst
--wider will:
[Ich:]
I. Ich, angreifend und siegend will die Tat, bejaht, die Tat,
spricht den bejahenden taetigen Sprachausdruck des Verlangens--in
Lust aufflammend:
"ich will dich fressen."
[Ich im raeumlichen 'Gegen'stand:]
II. Ich, angegriffen und unterliegend, will die Tat nicht,
verneint was ihm Leid antut, spricht den verneinenden, leidenden
Sprachausdruck des Verlangens--in Leid aufflammend:
"ich will mich nicht fressen lassen."
Kein Gegensatz im Verlangen, kein Zwiespalt, keine Teilung--
gleichviel, ob sich der Gedanke in Einem Ich in zwiefacher Redewendung
--bejahend--verneinend--ausspricht, oder ob sich der Gedanke in
zwiefacher Redewendung als Wille und Unwille auf zwei Ich verteilt--
zweiheitlicher Ausdruck des einheitlichen Gedankens: Verlangen.
Kein Gegensatz in Gedanken--gleichviel, ob sich der Gedanke im
tuenden Ich in Tat ausdrueckender Redeform ausspricht, oder ob sich der
Gedanke im leidenden Ich in Leid ausdrueckender Redewendung
widerspricht; gleichviel, ob der Gedanke im Ich, fressend, sich
bejaht, im Ich, gefressen, sich verneint: --einheitliches Verlangen.
Unberuehrt bleibt der Gedanke, ungeteilt--Unterscheidung,
Teilung, Entzweiung, Zwiespalt und Gegensatz ist durch Ich und Ich
Dies ist kama, Verlangen, in gegen-Teile ent-zweit, als Wille und
wider-Wille erscheinend; im zu-Stand-Ich und im gegen-Stand-Ich; Ich
raeumlich auf zwei Standorten. Ich-ent-Zwei-ung.
*
Nunmehr der Gegensatz im atmenden Verlangen in der Zeit
erscheinend.
Nichts weset ohne ein Zweites, kein Ding ohne seinen Gegensatz,
kein Willen ohne gegen-Willen--kein Leben ohne Atem des Willens, wie
kein Atem ohne Einhauch und Aushauch.
Es geschieht, dass in den Beiden, die sich bekaempfen, eine Wendung
im Verlangen eintritt:
Im Sieger nach geschehener Tat: die Gier ist befriedigt, die Lust
verraucht. Wie am bewegten Schoepfrad der Eimer gefuellt emporsteigt und
entleert wieder herabsinkt, so fuellt sich das Verlangen, uebersteigt
den Hoehepunkt und faellt. Bisher zurueckgedraengte Gedanken draengen vor.
Der Sieger versetzt sich in die Lage des Opfers; das Mitleid erwacht,
der Umschlag erfolgt; man sagt wohl: er ist nicht mehr derselbe, er
ist ein anderer geworden: "ich will nicht toeten, es ist Unrecht.
Lieber Unrecht leiden als Unrecht tun, lieber selber den Tod erdulden,
als andere toeten."
Sodann im Unterliegenden: "mein Widerstand ist vergeblich; ich
unterliege." Bisher zurueckgedraengte Gedanken draengen vor. Erinnerung
an eigene Untat wird wach, der Umschlag erfolgt: "es geschieht mir
Recht, ich verdiene den Tod; ich will mein Unrecht buessen, will meine
Suende suehnen: toete mich, ich sterbe freudig."
Der Kampf ist aufgegeben, Frieden ist gewonnen; Aufopferung hat
Raubgier abgeloest. Verraucht ist das Verlangen, aller Sittlichkeit
hoechstgepriesenes Ziel erreicht--erstanden das Wunder:
Selbstlosigkeit.
*
Du erwaegst zuvoerderst den zeitlich erscheinenden Gegensatz im
Willen des angreifenden Ich--Wechsel von Tat zu nicht-Tat.
Der Gegensatz erscheint als geaenderter Wille im Ich. Das Verlangen
atmet, lebt, bewegt sich, wandelt, wechselt im lch. Ich verlaesst seinen
Stand, ver-stellt sich, nimmt andere Stellung zum Gedanken:
"Ich wollte leben, wollte nicht sterben; wollte die Tat tun,
wollte die Tat nicht dulden, wollte toeten und fressen, wollte nicht
getoetet und gefressen werden"--
"jetzt will ich sterben, will nicht leben; will nicht toeten, nicht
fressen, will getoetet und gefressen werden."
Im Willen des Ich ist Wandlung eingetreten--Gegensatz im
wechselnden Willen in der Zeit erscheinend.
*
Du schaust den Gedanken unbewegt, einheitlich: kama, Verlangen.
Tat und Frass ist sinnfaelliger Ausdruck des Verlangens, Ausdruck des
Wirkens dieser Welt.
Es ist keine AEnderung, kein Gegensatz in Verlangen an sich;
AEnderung und Gegensatz ist im be-Stand des verlangenden Ich.
Unterscheidung, Zwiespalt, Teilung erscheint mit be-Teil-igung,
mit an-Teil-nahme des Ich am Gedanken. Der Gegensatz entsteht im Ich,
das, wollend, in sich spaltet; das Verlangen bleibt, nur das zeitliche
Ziel des Verlangens im Ich wechselt: Ich, das wollte--Ich, das
anders will; zweierlei Verhalten, zwiespaltiger Zustand im Ich--das
ist Zeiterscheinung.
I. Ich erst in Lust aufflammend, erst:
"ich will fressen;"
III. Ich dann lustlos verloeschend, dann:
"ich will gefressen werden."
*
Der Gedanke bleibt Einer, einheitlich, ungeteilt: Frass. Kein Frass
ohne fressen und gefressen werden; beides liegt unmittelbar im
Gedanken "Frass", "Fressen--gefressen werden" ist nur sprachlich
verschiedener Ausdruck des Einen Gedankens; nur zweierlei Benennung
fuer ein-und-denselben Vorgang, nur taetige und leidende Sprachform: nur
Laut-Verschiedenheit, nicht Gegensatz in sich--Eines: Kama,
Verlangen.
Wandel und Gegensatz erscheint im zeitgespaltenen Willen des Ich:
Ich wollte und will das Gegenteil des zuerst Gewollten. Alles Wollen
ist aus Tun und Dulden: Ich wollte die Tat tun--ich will die Tat
dulden.
[Ich:]
I. Ich, erst, in Verlangen, Urteil, Tat sich schaffend, will das
Leben, begehrt, hofft, will tun, bejaht den Gedanken zu solcher Zeit
blind:
"ich will dich fressen, will nicht von dir gefressen werden."
[Ich in zeitlichem Gegensinn:]
III. Ich, dann, nach aufgegebenem Tun, von treibender
Lustempfindung frei, nicht mehr begehrend, ver-setzt sich in die Lage
des Opfers, ver-stellt sich auf den Standpunkt des Gegners, versteht
ihn, mit leidend, steht ihm bei,--urteilt nun von also
entgegengesetztem Stand mit der Zeit ver-staendig, erkennend, wechselt
mit gewechseltem Stand seine Ansicht, wendet sich im Gedanken,
widerspricht sich selbst, gibt sich auf, will dulden, will den Tod:
lustlos vergehend:
"ich will mich fressen lassen, will nicht fressen"
Es ist ein Gedanke, der sich im Ich ausspricht, gleichviel wie
sich das Ich verlangend zum Gedanken stellt, es bleibt Ein Gedanke,
gleichviel ob Ich den Gedanken tun, oder ob Ich den Gedanken dulden
will, gleichviel ob das Ich, erfuellt vom Gedanken, sich Henker oder
Opfer fuehlt--kama, Verlangen.
*
Dieselbe zeitliche Wendung im angegriffenen, im widerstehenden Ich
--Wechsel von nicht-Duldung zu Duldung--
Ich wollte nicht und will dann nicht das Gegenteil des zuerst
nicht Gewollten. Ich wollte die Tat nicht dulden--jetzt will ich die
Tat nicht tun.
[Ich im 'Gegen'stand, das ist: nicht-Ich:]
II. Ich, angegriffen, verabscheut die Tat, widersteht, verteidigt
blind seinen Standort, will nicht dulden; in Leid aufflammend:
"ich will nicht von dir gefressen werden, will dich fressen!"
[nicht-Ich im zeitlichem Gegensinn:]
IV. Ich, nach aufgegebenem Widerstand, im UEbermass des Leides
nichts mehr erhoffend, weder begehrend noch verabscheuend, gibt den
bisher verteidigten Standort auf, ver-stellt sich auf den Standort des
Henkers, ver-steht ihn, urteilt jetzt vom also entgegengesetzten
Standort erkennend, will dulden, nicht tun, leidlos vergehend:
"ich will dich nicht fressen, will mich von dir fressen lassen!"
Unberuehrt bleibt der Gedanke--Unterscheidung ist im Ich, im
zeitgespaltenen, im gewechselten Willen des Ich. Wille ist Ausdruck
des Ich. Kein Wille ohne Ich, kein Ich ohne Willen. Wille ist Ich, Ich
ist Wille.
Dies ist Kama, Verlangen im Ich als wechselnder Wille atmend;
Verlangen im selben Ich zeitlich in gegen-Teile gespalten erscheinend
im Ich und wieder im Ich; Ich in zwei Zeit-zu-Staenden; Ich-zwie-Spalt.
*
Erkenne zunaechst:
Gegensatz, Widerspruch, Zwiespalt, Entzweiung, Teilung, im
Verlangen erscheinend, ist nicht an sich, ist willkuerliche, durch
gegensaetzlichen Ich-stand--in sich, ausser sich--in-gegen-Teile
aus-ein-ander-spaltende, an sich nichtige Unterscheidung in dir, von
scheinbarer Verschiedenheit,--ununterschieden in sich; von
scheinbarer Bedeutung--bedeutungslos an sich; aus dir gewirkt--auf
dich wirkend, Wirkung und Wirklichkeit dieser deiner
eigen-geschaffenen Welt--nicht Wahrheit.
Was als Gegensatz im Verlangen erscheint, ist in dir, ist
Kennzeichnung deiner zeitraeumlichen gegen-Wart, deines da-Seins, ist
Ausdruck deiner Beziehung zum gegen-Stand, ist deine Auffassung, deine
Gesinnung, deine an-Teil-nahme, deine Stimmung, deine Lust oder
un-Lust zum eigenen, gegen-staendlich auf gefassten Gedanken, ist
Empfindung in dir und Auslegung, das ist nach aussen ver-Legung deines
inne-Befindens, ist deine ein-Bildung und wider-Spiegelung deiner
Einbildung, das ist: Vorstellung; Inhalt deiner Seele, Verlangen, aus
dir geboren, deine eigene Schoepfung--du selbst.
Unberuehrt bleibt der Gedanke, unbewegt wie im Sturm der
Sonnenstrahl, gleichviel, ob Ich das Verlangen aufnimmt oder abweist,
den Gedanken hofft oder fuerchtet, liebt oder hasst, bejaht oder
verneint, anzieht oder abstosst, tut oder duldet, will oder nicht will;
gleichviel, ob Ich, vom Gedanken beseelt Lust oder Unlust empfindet,
ob Ich sich Freund oder Feind, Herr oder Knecht, Henker oder Opfer
fuehlt, gleichviel ob Ich frei will oder wollen muss, gleichviel ob der
Gedanke in Ich oder Ich im Gedanken oder der Gedanke Ich ist.--
Alle Unterscheidung ist im Ich, im atmenden Willen Ich. Wille ist
Ich Zustand, Wille ist Ich Ausdruck. Kein Willen ohne Ich, kein Ich
ohne Willen. Wille ist Ich, Ich ist Wille--kama, Verlangen.
Die Welt denkt nur einen Gedanken--aus dem 'Ich' ist endlose
Mannigfaltigkeit dieser Welt.
* * *
Und noch einmal:
Der Gedanke dieser Welt--Verlangen--atmet im Ich; Ich, atmend,
spaltet--: zwiespaeltige Beziehung des Ich zu seinem eigenen
Gedanken, zu sich selbst. Ich will--will nicht: will tun, nicht
dulden; will dulden, nicht tun; in sich--ausser sich; in Zeit--in
Raum.--Alles Geschehen dieser Welt--alle Moeglichkeit dieser Welt;
aller Gedanken, alles Werdens und Verwerdens--alle Welten umfassende
Moeglichkeit.
SAMSARA.
Ich aufflammend:
| Raum.
V
I. "ich will dich fressen, II. "ich will nicht von dir gefressen werden,
ich will nicht von dir
gefressen werden." ich will dich fressen."
Ich verloeschend:
Zeit. ->
III. "ich will von dir IV. "ich will dich nicht fressen,
gefressen werden, ich ich will von dir
will dich nicht fressen." gefressen werden."
NIRVANA.
*
Das ist:
Ich, im Verlangen atmend,
will tun, nicht dulden;
will dulden, nicht tun.
*
Vierfacher Ausdruck fuer Eines: Ich auf vier Standorten--die vier
sogenannten Denkgesetze des Yavana.
Ich, im Verlangen atmend, bejaht und verneint in sich--bejaht
und verneint ausser sich.--
Ich--in sich--ausser sich--bejahend--verneinend--nennt
sich mit allen Namen dieser Welt:
Die Welt ist im verlangenden Ich--so erkennst du.
*
Also ist der erscheinende Wandel des Verlangens vom Ich zum
nicht-Ich, vom nicht-Ich zu s-Ich zurueck; aus Tat--durch Widerstand
--zu Duldung; Ich-Atem--atma.
*
Mit dem Zerfall im Ur-sprung erscheint Zerfall in Ich und
nicht-Ich, erscheint Zerfall in Willen und Unwillen, erscheint Zerfall
in Zeit und Raum--erscheint Welt-wirklichkeit.
*
Folge meinen Worten, o Teurer, mit offener Seele--ich fuehre dich
sicheren Weg. Doch lass dein Verstaendnis nicht an Worten haften,
erfasse ueber Worte hinaus; Worte sind Hindernis der Erkenntnis. Mit
wachsender Einsicht offenbart sich dir die gegensinnliche Einheit von
Erscheinung und Verlangen. Sprich es unverstanden nach--was
unverstaendlich scheint wird selbstverstaendlich.
* * *
Einheitliches Verlangen erscheint im Ich in Willen und Unwillen
gespalten.
*
Ich, zum Ziele wollend, stoesst Ungewolltes unwillig von sich ab,
schafft im eigen-Willen Widerwillen. Widerwillen weicht vom Ich, wird
im gegen-Stand selbst-staendig, ist fremdes entgegenstehendes Wollen--:
Willen in mir--Willen ausser mir--das ist Raum.
Raumerscheinung schafft sich durch Aus-legung des Widerwillens im
Ich.
*
Ich-willen, zum Hohenziele des Verlangens rastlos irrend, von
selbstgeschaffenem gegen-Stand zurueckgestossen, bleibt wollend,
wechselt im Willenszustand--: Willen in mir erst--Willen in mir
dann--das ist Zeit.
Zeiterscheinung schafft sich im Ich durch wechselnden Willen.
*
Das verlangende Ich schafft zeitraeumliche Erscheinung.
Verlangen treibt dich zu Ausdehnung in Zeit und Raum. Je nachdem
du dich im atmenden Verlangen gefordert oder gehemmt empfindest, ist
Willen oder Widerwillen in dir. Verlangen der Welt willig ergriffen
ist eigener Willen; Verlangen der Welt unwillig abgewiesen ist
Widerwillen in dir. Was in dir seelisch empfunden Widerwille ist, ist
sinnlich aufgefasst Widerstand im Raum, das ist fremder Wille wider
dich: 'ich will nicht' das heisst: 'du willst'. Was Ich aus sich
unwillig entlaesst, wird raeumliche Vorstellung: Du.
Der Atem des Verlangens in Anziehung oder Abstossung erscheint im
Ich als Willensgegensatz. Willensgegensatz in sich fasst Ich zeitlich
auf; Willensgegensatz zu sich ist dem Ich Raum. Wechselnder Willen ist
Zeit; zu Unwillen gewechselter Willen ist Raum. Willig-un-williges
Verlangen in dir erscheint als zeit-raeumliche Wirklichkeit ausser dir.
Endloses Verlangen in dir erscheint als endloses Werden--
erscheint und ist.
Mit dem Zerfall im Ur-sprung erscheint Zerfall in Ich und
nicht-Ich, erscheint Zerfall in Willen und Gegenwillen, erscheint
Zerfall in Zeit und Raum
--erscheint und ist--
*
Wie du, von dir aus ut-teilend, Willen von Widerwillen
unterscheidest--beides in dir, beides Eines--du selbst, so unter-
scheidest du, von dir aus urteilend, Zeit von Raum--beides in dir,
beides Eines--du selbst.
Wie Unwillen in eigenem Willen zu fremdem Gegenwillen wird, so
wird Ein-bildung Zeit zu gegensaetzlicher Vor-stellung Raum. Wie
'fressen' und 'gefressen werden' Eines ist im 'Frass', wie Willen und
Unwillen Eines ist im Verlangen, so ist Zeit Erscheinung und
Raum-Erscheinung Eines in dir--dein Verlangen, du selbst.
Verlangen, vom Ich ausgesprochen, vom Widerschein des Ich--dem
nicht-Ich--wieder ausgesprochen, das ist: widersprochen--sieht
sich selbst gegenueber, tritt sich selbst entgegen, ist sich selbst
Gegensatz.
Suchender Wille ist Raum, im Suchen wechselnder Wille ist Zeit.
Also wurzelt in deinem Willen-un-Willen Zeit und Raum; also ist
Zeit-Raum-Erscheinung dein Verlangen.
Erkenntnis hiervon ist Loesung des Raetsels: Raum-Zeit-Einheit.
* * *
Was von Empfindungswellen dir erwuenscht, willkommen zustroemt, was
du dir anzueignen gewillt bist, was du willfaehrig aufnimmst, was du
zustimmend bejahend wohlwollend auffasst, was sich dir willig fuegt, dir
zu Willen ist, worein du einwilligst, was zu deinem eigenen Willen, zu
dir selbst wird, dein Zustand, erscheint in dir--deine Seele
bewegend--in zeitlichen Formen.
Was, aus dir geboren, dich unwillkuerlich befremdet, was du nicht
fuer dein eigen haeltst, was nicht mehr du selbst bist, was du
unerwuenscht erleidest, was dich anwidert, was dir widrig, widerwaertig,
zuwider ist, dein wider-Wille erscheint--deine Sinne bewegend--
ausser dir, raeumlich, als wider-Stand, als widerstehende Kraft aus dem
Raum.
Atmet Verlangen in dir, wandelst du Willen zu Unwillen, so
wandelst du Empfindung zu Anschauung, Einbildung zu Vorstellung,
Zustand zu Gegenstand, wandelst zeitlichen Wechsel zu raeumlicher
Verschiedenheit, Zeit zu Raum: --und umgekehrt: ziehst du unwillig
Abgestossenes, Gegenstand, Raum Gewordenes wieder willig an dich,
nimmst du, durch Aufhebung der Verneinung, den Gegensatz willig in
dich auf, so wandelst du deine Anschauung zu Empfindung, deine
Vorstellung zu Einbildung, deinen Gegenstand zu deinem Zustand,
raeumliche Mannigfaltigkeit zu zeitlichem Wechsel, fremde Kraft zu
eigenem Willen, Raum zu Zeit.
Willenswandel deine Seele bewegend--seelisch empfunden--
erscheint dir zeitlich, Willenswandel deine Sinne bewegend--sinnlich
angeschaut--erscheint dir raeumlich. Seelischer Wandel ist Zeit;
sinnlich koerperlicher Wandel ist Raum. Bewegung deiner Seele--Zeit;
Bewegung deiner Sinne--Raum. Verlangen treibt dich und es wird Zeit
und Raum; beides Bewegung, beides Empfindung in dir.
Eigene Lust dein Wandel im Verlangen; eigenes Gefallen dein Wandel
in Zeit und Raum. Verlangend wandelst du in Zeit und Raum, verlangend
wandelst du dich zu Zeit und Raum, wandelst Zeit zu Raum, wie rechts
zu links, wandelst Raum zu Zeit, wie unten zu obem.
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