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Editorial
This paper argues that discourses of love in Ghanaian market literature for youth offer a view into complex negotiations of agency and empowerment. Drawing on Deborah Durham's notion of youth as "social `shifters'" and Francis Nyamnjoh's conception of the "interconnectedness" of agency, I take Ghanaian market literature as one specific case of how African literature for youth foregrounds questions of continuity and change as African societies enter into increasingly complex global relations. In this literature for youth, received notions of love, often constructed out of impressions from American pop and hip hop music, carry new notions of agency that compete with existing "domesticated" forms. Authors like Ike Tandoh and Evelyn Tay employ discourses of love to offer youth alternative avenues for empowerment in a context of socio-economic disenfranchizement. In a creative process of "straddling", this writing both reveals and reproduces the contradictions that obtain in youth configurations of agency.

Die Mitschuldigen

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"Die Mitschuldigen" (The fellow-culprits) by Johann Wolfgang Goethe
[in German]

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Johann Wolfgang Goethe

Die Mitschuldigen

Ein Lustspiel in drei Aufzuegen



Personen

Der Wirt
Sophie, seine Tochter
Soeller, ihr Mann
Alcest
Ein Kellner

Der Schauplatz ist im Wirtshause.



Erster Aufzug

Erster Auftritt

Die Wirtsstube.

[Soeller sitzt im Domino an einem Tischchen, worauf ein Licht, eine
Bouteille Wein und ein Glas steht. Sophie gegenueber sitzt und naeht
eine Feder und eine Schleife auf einen Hut. Der Wirt kommt herein. In
der Tiefe des Theaters steht ein Tisch, darauf ein Licht, Buecher und
Tintenfass, dabei ein Lehnsessel.]

Wirt [zu Soellern].
Schon wieder auf den Ball! Im Ernst, Herr Schwiegersohn,
Ich bin Sein Rasen satt und daecht, Er blieb davon.
Mein Maedchen hab ich Ihm wahrhaftig nicht gegeben,
Um so in' Tag hinein von meinem Geld zu leben.
Ich bin ein alter Mann, ich sehnte mich nach Ruh,
Ein Helfer fehlte mir, nahm ich Ihn nicht dazu?
Ein schoener Helfer! Ja, mein bisschen durchzubringen!

[Soeller summt ein Liedchen vor sich.]

Wirt.
O sing Er, sing Er nur, ich will ihm auch eins singen!
Er ist ein dummer Kerl, der doch zu gar nichts taugt,
Als dass er sich besaeuft und etwas Tabak raucht.
Die ganze Nacht geschwaermt, den halben Tag im Bette!
Kein Herzog ist im Reich, der besser leben haette.
Da sitzt das Ebenteur mit weiten Aermeln da,
Der Koenig Hasenfuss!

Soeller [trinkt].
Ihr Wohlergehn, Papa!

Wirt.
Ein saubres Wohlergehn! Das Fieber moecht ich kriegen.

Sophie.
Mein Vater, sein Sie gut.

Soeller [trinkt].
Mein Fiekchen, dein Vergnuegen!

Sophie.
Das Groesste waere mir, euch nicht entzweit zu sehn.

Wirt.
Wenn er nicht anders wird, so kann das nie geschehn.
Ich bin wahrhaftig lang des ewgen Zankens muede,
Doch wie er's taeglich treibt, da halt der Henker Friede!
Er ist ein schlechter Mensch, so kalt, so undankbar!
Er sieht nicht, was er ist, er denkt nicht, was er war,
Nicht an den povern Stand, aus dem ich ihn gerissen,
An seine Schulden nicht; davon will er nichts wissen.
Man sieht, es bessert doch nicht Elend, Reu noch Zeit; -
Einmal ein Lumpenhund, der bleibt's in Ewigkeit.

Sophie.
Er aendert sich gewiss.

Wirt.
Muss er's so lang verschieben?

Sophie.
Das tut die Jugend meist.

Soeller.
Ja, Fiekchen, was wir lieben!
[Er trinkt.]

Wirt [aufgebracht].
Dem einen Ohr hinein, dem andern grad heraus!
Er hoert mich nicht einmal. Was bin ich denn im Haus?
Ich hab schon zwanzig Jahr mit Ehren mich gehalten.
Meint Er, was ich erwarb, das wollt Er nun verwalten,
Und wollt's so nach und nach verteilen? Nein, mein Freund,
Das lass Er sich vergehn! So boes ist's nicht gemeint!
Mein Ruf hat lang gewaehrt, und soll noch laenger waehren;
Es kennt die ganze Welt den Wirt zum schwarzen Baeren.
Es ist kein dummer Baer, und konserviert sein Fell;
Jetzt wird mein Haus gemalt, und dann heiss ich's Hotel.
Da regnet's Kavaliers, da kommt das Geld mit Haufen.
Doch da gilt's fleissig sein, und nicht sich dumm zu saufen!
Des Abends spaet zu Bett, und morgens auf bei Zeit,
So heisst es!

Soeller.
Bis dahin ist es noch ziemlich weit.
Bleibt es nur, wie es ist, und wird nicht etwa schlimmer.
Wer wohnt denn viel bei uns? Da droben stehn die Zimmer.

Wirt.
Ach wer verreist auch jetzt? Das ist nun so einmal,
Und hat nicht Herr Alcest die Zimmer an dem Saal?

Soeller.
Nun ja, das ist wohl was, der ist ein guter Kunde;
Allein, Minuten sind erst sechzig eine Stunde.
Und dann weiss Herr Alcest, warum er hier ist.

Wirt [pikiert].
Wie?

Soeller [greift nach dem Glas].
Ach, apropos, Papa. Es lebe Paoli.

Wirt [freundlich].
Proficiat, Herr Sohn! Der brave Mann soll leben.
Solch eine Tapferkeit hat es nicht leicht gegeben;
Auch in dem Unglueck selbst verlaesst der Mut ihn nie.
Gewiss, ich nenn mein Haus Hotel de Paoli.

Soeller.
O ja, das gibt ein Schild recht nach der Zeitungsmode.
Wenn's nicht zustande kommt, ich graeme mich zu Tode. -
Wie kommt es, haben Sie die Zeitung nicht gesehn
Von heut?

Wirt.
Sie ist nicht da. Der Jung muss nach ihr gehn.
Wenn er noch Koenig wird, so sollt ihrs all geniessen.
Das Herz huepft mir im Leib, als hoert ich wirklich schiessen.
[Ab.]



Zweiter Auftritt

[Soeller. Sophie.]

Soeller.
Ha, es ist nichts so schlimm, die Zeitung macht es gut.

Sophie.
Ja, gib ihm immer nach!

Soeller.
Ich hab kein schnelles Blut,
Das ist sein Glueck; denn sonst mich immer so zu schelten,
Als waer ich -

Sophie.
Lieber Mann!

Soeller.
Beim Kuckuck! Beim St. Velten!
Ich weiss das alles wohl, dass ich vor einem Jahr
Ein lockrer Passagier und voller Schulden war.

Sophie.
Mein Guter, sei nicht boes!

Soeller.
Und wenn ich sonst nichts taugte,
So war ich doch ein Mann wie ihn mein Fiekchen brauchte.

Sophie.
Dein ewger Vorwurf laesst mir keine Stunde froh.

Soeller.
Ich werfe dir nichts vor, ich meine ja nur so.
Denn eine schoene Frau ergoetzet uns unendlich,
Wenn man sie auch nicht liebt, so ist man doch erkenntlich.
Sophie wie schoen bist du, und ich bin nicht von Stein,
[Er kuesst sie.]
Ich kenne nur zu wohl das Glueck, dein Mann zu sein;
Ich liebe dich -

Sophie.
Und doch kannst du mich immer plagen?

Soeller.
Eh geh, was liegt denn dran? Das darf ich ja wohl sagen;
Dass dich Alcest geliebt, dass du fuer ihn gebrannt,
Und ihn auch wohl vielleicht - dass du ihn lang gekannt.

Sophie.
Oh!

Soeller.
Nein, ich wuesste nicht, was ich da Boeses saehe!
Ein Baeumchen, das man pflanzt, das schiesst zu seiner Hoehe;
Und wenn es Fruechte bringt, eh! da geniesset sie,
Wer da ist; uebers Jahr gibt's wieder. Ja, Sophie,
Ich weiss das gar zu wohl, um etwas draus zu machen.
Mir ist's nur laecherlich.

Sophie.
Ich finde nichts zu lachen.
Dass mich Alcest geliebt, dass er fuer mich gebrannt,
Und ich ihn auch geliebt, und ich ihn lang gekannt,
Was ist's denn weiter?

Soeller.
Nichts! das will ich auch nicht sagen,
Dass es was weiter ist. Denn in den ersten Tagen,
Wenn so das Maedchen keimt, da liebt sie eins zum Spass,
Es krabbelt ihr ums Herz, doch sie versteht nicht, was.
Mit sanfter Freundlichkeit schleicht Amor, der Betrueger;
Wer keinen Tiger kennt, der laeuft vor keinem Tiger.
Und sie versteht es nicht, warum die Mutter schmaelt.
Voll Tugend, wenn sie liebt, ist's Unschuld, wenn sie fehlt.
Und kommt Erfahrenheit zu ihren andern Gaben,
So sei ihr Mann vergnuegt, ein kluges Weib zu haben!

Sophie.
Du kennst mich nicht genug.

Soeller.
O lass das immer sein!
Den Maedchen ist ein Kuss, was uns ein Glas voll Wein,
Eins, und dann wieder eins, und noch eins, bis wir sinken.
Wenn man nicht taumeln will, so muss man gar nicht trinken!
Genug, du bist nun mein! - Ist es nicht vierthalb Jahr,
Dass Herr Alcest dein Freund und hier im Hause war?
Wie lange war er weg? Zwei Jahre, denk ich.

Sophie.
Drueber.

Soeller.
Nun ist er wieder da, schon vierzehn Tage -

Sophie.
Lieber,
Zu was dient der Diskurs?

Soeller.
Eh nun, dass man was spricht.
Denn zwischen Mann und Frau red't sich so gar viel nicht.
Warum ist er wohl hier?

Sophie.
Ei, um sich zu vergnuegen.

Soeller.
Ich glaube wohl, du magst ihm sehr am Herzen liegen.
Wenn er dich liebte, he! gaebst du ihm wohl Gehoer?

Sophie.
Die Liebe kann wohl viel, allein die Pflicht noch mehr.
Du glaubst!

Soeller.
Ich glaube nichts, und kann das wohl begreifen;
Ein Mann ist immer mehr als Herrchen, die nur pfeifen.
Der allersuesste Ton, den auch der Schaefer hat,
Es ist doch nur ein Ton, und der wird endlich matt.

Sophie [ungeduldig].
Ja, ja, das weiss ich wohl; doch ist der deine besser?
Die Unzufriedenheit in dir wird taeglich groesser.
Nicht einen Augenblick bist du mit Necken still.
Man sei erst liebenswert, wenn man geliebt sein will.
Warst du denn wohl der Mann, ein Maedchen zu begluecken?
Erwarbst du dir ein Recht, mir ewig vorzuruecken,
Was doch im Grund nichts ist? Es wankt das ganze Haus;
Du nimmst allein nichts ein, und gibst allein fast aus.
Du lebst in Tag hinein; fehlt dir's, so machst du Schulden,
Und wenn die Frau was braucht, so hat sie keinen Gulden,
Und du fragst nicht darnach, wie sie ihn kriegen kann.
Willst du ein braves Weib, so sei ein rechter Mann.
Ach, es versucht uns nichts so maechtig als der Mangel;
Die kluegsten Fische treibt der Hunger an die Angel.
Mein Vater gibt mir nichts, und hat der Mann nicht recht?
Wir brauchen so genug, und alles geht so schlecht.
Doch heute musst ich ihn notwendig etwas bitten.
Ha, sagt er, du kein Geld, und Soeller faehrt im Schlitten?
Er gab mir nichts und laermt mir noch die Ohren voll.
Nun sag mir denn einmal, woher ich's nehmen soll?
Denn du bist nicht der Mann, fuer eine Frau zu sorgen.

Soeller.
O warte, liebes Kind, vielleicht empfang ich morgen
Von einem guten Freund -

Sophie.
Wenn er ein Narr ist, ja!
Zu holen sind gar oft die guten Freunde da;
Doch einen, der was bringt, den hab ich noch zu sehen!
Nein, Soeller, kuenftighin kann es nicht mehr so gehen.

Soeller.
Du hast ja, was man braucht.

Sophie.
Schon gut, das ist wohl was.
Doch wer nie duerftig war, der will noch mehr als das.
Von Jugend auf verwoehnt durch's Glueck und seine Gaben,
Hat man, soviel man braucht, und glaubt noch nichts zu haben.
Die Lust, die jede Frau, die jedes Maedchen hat,
Ich bin nicht hungrig drauf, doch bin ich auch nicht satt.
Der Putz, der Ball - Genug, ich bin ein Frauenzimmer.

Soeller.
Eh nun, so geh dann mit: ich sage dir's ja immer.

Sophie.
Dass wie das Karneval auch unsre Wirtschaft sei,
Die kurze Zeit geschwaermt, dann auf einmal vorbei!
Viel lieber sitz ich hier allein zu ganzen Jahren!
Wenn er nicht sparen will, so muss die Frau wohl sparen.
Mein Vater ist genug schon ueber mir erbost:
Ich stille seinen Zorn und bin sein ganzer Trost.
Nein, Herr! Ich helf Ihm nie mein eigen Geld verschwenden:
Spar Er es erst an sich, um es an mich zu wenden!

Soeller.
Mein Kind, fuer diesmal nur lass mich noch lustig sein,
Und wenn die Messe kommt, so richten wir uns ein.



Dritter Auftritt

[Die Vorigen, ein Kellner.]

Kellner.
Herr Soeller!

Soeller.
Nun, was soll's?

Kellner.
Der Herr von Tirinette!

Sophie.
Der Spieler!

Soeller.
Schick ihn fort! Dass ihn der Teufel haette!

Kellner.
Er sagt, er muss Sie sehn.

Sophie.
Was will er dann bei dir?

Soeller [verwirrt zu Sophie].
Ach, er verreist -
[Zum Kellner.]
Ich komm!
[Zu Sophie.]
und er empfiehlt sich mir.
[Ab.]



Vierter Auftritt

Sophie.
Der mahnt ihn ganz gewiss! Er macht beim Spiele Schulden.
Er bringt noch alles durch, und ich, ich muss es dulden.
Dies ist nun alle Lust und mein getraeumtes Glueck!
So eines Menschen Frau! Wie weit kamst du zurueck!
Wo ist sie hin, die Zeit, da sie zu ganzen Scharen,
Die suessten jungen Herrn, zu deinen Fuessen waren?
Da jeder sein Geschick in deinen Blicken sah?
Ich stand im Ueberfluss wie eine Goettin da,
Aufmerksam um mich her die Diener meiner Grillen!
Es war nur allzuviel, dies Herz mit Stolz zu fuellen.
Und ach! ein Maedchen ist wahrhaftig uebel dran!
Ist man ein bisschen huebsch, so steht man jedem an;
Da summt uns unser Kopf den ganzen Tag von Lobe!
Und welches Maedchen haelt wohl diese Feuerprobe?
Ihr koennt so ehrlich tun, man glaubt euch wohl aufs Wort,
Ihr Maenner! Auf einmal fuehrt euch der Henker fort.
Wenn's was zu naschen gibt, so sind wir all beim Schmause,
Doch macht ein Maedchen Ernst, da ist kein Mensch zu Hause.
So ist's mit unsern Herrn in dieser schlimmen Zeit;
Es gehen zwanzig drauf, bis dass ein halber freit.
Ich sah mich manchesmal betrogen und verlassen:
Wer vierundzwanzig zaehlt, hat nichts mehr zu verpassen.
Der Soeller kam mir vor, und ich, ich nahm ihn an;
Es ist ein schlechter Mensch, allein er ist ein Mann.
Da sitz ich nun und bin nicht besser als begraben.
Anbeter koennt' ich zwar noch in der Menge haben;
Allein wenn eine Frau ein bisschen Tugend hat,
So ist's der junge Herr in wenig Stunden satt.
Bei Maedchen ist er gern mit Taendelei zufrieden,
Er redet Sentiments, und ist nicht zu ermueden;
Doch wenn nur eine Frau ein wenig sproede tut,
So wundert er sich sehr und greift nach seinem Hut.
Alcest ist wieder hier. Er ist's zu meiner Plage.
Ach ehmals war er da, da waren's andre Tage.
Wie liebt ich ihn! - Und noch! - Ich weiss nicht, was ich will!
Ich flieh ihn, wo ich kann. Er ist nachdenkend, still,
Ich fuerchte mich vor ihm; die Furcht ist wohl gegruendet.
Ach wuesst er, was mein Herz noch jetzt fuer ihn empfindet!
Er kommt! Ich zittre schon, mein Herz ist gar zu voll,
Ich weiss nicht, was ich will, noch wen'ger, was ich soll.



Fuenfter Auftritt

[Sophie. Alcest.]

Alcest.
Sind Sie einmal allein, und darf ein Freund es wagen?

Sophie.
Mein Herr.

Alcest.
Mein Herr! So klang's nicht in vergangnen Tagen.

Sophie.
Ja wohl, die Zeit verfliegt, und alles aendert sich.

Alcest.
Erstreckt sich denn die Macht der Zeit auch ueber dich,
O Liebe! Bin ich's selbst, der mit Sophien redet?
Bist du Sophie?

Sophie [bittend].
Alcest!

Alcest.
Bist du's?

Sophie.
Ihr Vorwurf toetet
Mein armes Herz. Alcest! Mein Freund, ich bitte Sie!
Ich muss, ich muss hinweg!

Alcest.
Unzaertliche Sophie!
Verlassen Sie mich, nur! - In diesem Augenblicke,
Dacht ich, ist sie allein. Ich segnete mein Gluecke.
Nun, hofft ich, redet sie ein zaertlich Wort mit dir.
O gehn Sie! Gehn Sie nur! - In diesem Zimmer hier
Entdeckte mir Sophie zuerst die schoensten Flammen,
Hier schloss sich unsre Brust zum erstenmal zusammen;
An eben diesem Platz - erinnerst du dich noch? -
Schwurst du mir ewge Treu!

Sophie.
O schonen Sie mich doch!

Alcest.
Ein schoener Abend war's - ich werd ihn nie vergessen!
Dein Auge redete, und ich, ich ward vermessen.
Mit Zittern botst du mir die heissen Lippen dar.
Mein Herze fuehlt es noch, wie sehr ich gluecklich war.
Da hattest du nicht Zeit, was sonst als mich zu denken,
Und jetzo willst du mir nicht eine Stunde schenken?
Du siehst, ich suche dich, du siehst, ich bin betruebt -
Geh nur, du falsches Herz, du hast mich nie geliebt!

Sophie.
Ich bin geplagt genug, willst du mich auch noch plagen?
Sophie dich nicht geliebt! Alcest, das darfst du sagen?
Du warst mein ganzer Wunsch, du warst mein hoechstes Gut;
Fuer dich schlug dieses Herz, dir wallte dieses Blut.
Und dieses Herz, mein Freund, das du einst ganz besessen,
Kann nicht unzaertlich sein, es kann dich nicht vergessen.
Die Liebe widersteht der Zeit, die alles raubt,
Man hat nie recht geliebt, wenn man sie endlich glaubt.
Allein - Es kommt jemand.

Alcest.
Nein!

Sophie.
Es ist hier gefaehrlich.

Alcest.
Auch nicht ein einzig Wort. O es ist zu beschwerlich.
So geht's den ganzen Tag! Wie ist man nicht geplagt!
Schon vierzehn Tage hier, und dir kein Wort gesagt!
Ich weiss, du liebst mich noch, allein das wird mich toeten.
Niemals sind wir allein, was unter uns zu reden;
Nicht einen Augenblick ist hier im Zimmer Ruh,
Bald ist der Vater da, dann kommt der Mann dazu.
Lang bleib ich dir nicht hier, das ist mir unertraeglich.
Allein, Sophie, wer will, ist dem nicht alles moeglich?
Sonst war dir nichts zu schwer, du halfest dir geschwind;
Ein Drach war eingewiegt, und hundert Augen blind.
O, wenn du wolltest -

Sophie.
Was?

Alcest.
Wenn du nur denken wolltest,
Dass du Alcesten nicht verzweifeln machen solltest!
Geliebte, suche dir doch nur Gelegenheit
Zur Unterredung auf, die dieser Ort verbeut.
O hoere, heute nacht! dein Mann geht aus dem Hause,
Man glaubt, ich gehe selbst zu einem Fastnachtsschmause;
Allein, das Hintertor ist meiner Treppe nah -
Es merkt's kein Mensch im Haus und ich bin wieder da.
Den Schluessel hab ich hier, und willst du mir erlauben -

Sophie.
Alcest, ich wundre mich -

Alcest.
Und ich, ich soll es glauben,
Dass du kein hartes Herz, kein falsches Maedchen bist?
Du schlaegst das Mittel aus, das uns noch uebrig ist.
Wir kennen uns ja schon; was brauchst du dich zu schaemen?
Waer etwas anders da, ich wollte das nicht nehmen.
Allein genug: heut nacht, Sophie, besuch ich dich.
Doch kommt dir's sichrer vor, so komm, besuche mich!

Sophie.
Alcest, das ist zu viel!

Alcest.
Zu viel! O, schoen gesprochen!
Verflucht! zu viel! zu viel! Verderb ich meine Wochen
Hier so umsonst? - Verdammt! was haelt mich dieser Ort,
Wenn mich Sophie nicht haelt? Ich gehe morgen fort.

Sophie.
Geliebter! Bester!

Alcest.
Nein, du siehst, du kennst mein Leiden,
Und du erbarmst dich nicht. Ich will dich ewig meiden!



Sechster Auftritt

[Vorige. Der Wirt.]

[Alcest geht in der Stube auf und nieder. Sophie steht unentschlossen
da. Der Wirt kommt mit einem Briefe.]

Wirt.
Da ist ein Brief; er muss von jemand Hohes sein;
Das Siegel ist sehr gross, und das Papier ist fein.

[Alcest nimmt den Brief und reisst ihn auf.]

Wirt.
In Stuecken das Couvert, nur um geschwind zu wissen.

Alcest [der den Brief kaum angesehen hat].
Ich werde morgen frueh von hier verreisen muessen.
Die Rechnung!

Wirt.
So geschwind! In dieser schlimmen Zeit
Verreisen? Dieser Brief ist wohl von Wichtigkeit?
Duerft ich mich unterstehn und Ihro Gnaden fragen?

Alcest.
Nein!

Wirt [heimlich zu Sophien].
Frag ihn doch einmal, gewiss, dir wird er's sagen.
[Er geht an den Tisch im Fond, schlaegt in seinen Buechern nach, und
schreibt die Rechnung.]

Sophie [zaertlich].
Alcest, ist es gewiss?

Alcest [weggewendet].
Das schmeichelnde Gesicht!

Sophie.
Alcest, ich bitte dich, verlass Sophien nicht!

Alcest.
Nun gut, entschliesse dich, mich heute nacht zu sehen.

Sophie [vor sich].
Was soll, was kann ich tun? Er darf, er darf nicht gehen;
Er ist mein einzger Trost, ich tue, was ich kann.

Alcest.
Nun, Liebste?

Sophie.
Doch mein Mann -

Alcest.
Der Henker hol den Mann!
Nun, willst du?

Sophie.
Ob ich will?

Alcest.
Nun?

Sophie.
Ich will zu dir kommen.

Alcest.
Herr Wirt, ich reise nicht!

Wirt [hervortretend].
So!
[Zu Sophien.]
Hast du was vernommen?

Sophie.
Er will nichts sagen.

Wirt.
Nichts?



Siebenter Auftritt

[Die Vorigen. Soeller.]

Soeller.
Mein Hut!

Sophie.
Da ist er. Hier!

Alcest.
Adieu, ich muss zum Schmaus.

Soeller.
Ich wuensche viel Plaisir.

Alcest [fasst Sophien bei der Hand].
Adieu, scharmante Frau!

Soeller [vor sich].
Der Kerl wird taeglich kuehner.

Alcest [zum Wirt].
Ein Licht! Ich muss hinauf.

Sophie.
Adieu, Alcest!

Wirt [begleitet ihn].
Ihr Diener.

Alcest.
Sie bleiben!

Wirt.
Gnaedger Herr -

Alcest.
Herr Wirt, nicht einen Schritt!
[Er geht ab.]

Sophie.
Nun, Soeller, gehst du denn! Wie waer's, du naehmst mich mit?

Soeller.
Warum sagst du's nicht eh.

Sophie.
O geh! es war im Scherze.

Soeller.
Nein, nein, ich weiss es schon, es wird dir warm ums Herze.
Wenn man so jemand sieht, der sich zum Balle schickt,
Und man soll schlafen gehn, da ist hier was, das drueckt.
Es ist ein andermal.

Sophie.
O ja, ich kann wohl warten.
Noch etwas: sei gescheit und huet dich vor den Karten.
Geruhge Nacht, Papa, ich will zu Bette gehn.
Es ist schon spaet.

Wirt.
Schlaf wohl!

Soeller [sieht ihr nach].
Nein, sie ist wahrlich schoen!
[Er laeuft ihr nach und kuesst sie.]
Schlaf wohl, mein Schaefchen!
[Sophie geht ab.]
[Zum Wirt.]
Nun, geht Er nicht auch zu Bette?

Wirt.
Das ist ein Teufelsbrief; wenn ich den Brief nur haette!
[Zu Soeller.]
Nun, Fastnacht! gute Nacht!

Soeller.
Dank's! angenehme Ruh!

Wirt.
Herr Soeller, wenn Er geht, mach Er das Tor recht zu!

Soeller.
Ja, sorgen Sie fuer nichts!



Achter Auftritt

Soeller [allein].
Was ist nun anzufangen?
O, das verfluchte Spiel! Ich wollt, er waer gehangen,
Der Karo-Koenig - Ja - Nun gilt es witzig sein.
Der Spieler borgt nicht mehr. Ich weiss nicht aus noch ein.
Wie waer's? Alcest hat Geld, und hier: da hab ich Schluessel
Zu mehr als einem Schloss. Er greift nach meiner Schuessel
Ja auch; und meine Frau ist ihm nicht sehr verhasst -
Eh nun! da lad ich mich einmal bei ihm zu Gast.
Allein, kommt es heraus, so geben's schlimme Sachen.
Ja, ich bin in der Not, was kann ich anders machen?
Der Spieler will sein Geld, sonst pruegelt er mich aus.
Courage, Soeller! Fort! Es schlaeft das ganze Haus.
Und wird es auch entdeckt, so bist du wohl gebettet,
Denn eine schoene Frau hat manchen Dieb gerettet.



Zweiter Aufzug

Erster Auftritt

[Das Theater ist geteilt, der Hauptteil stellt das Zimmer Alcests, der
kleinere einen Alkoven vor.]

Soeller, [im Domino, den Hut auf, die Maske vorm Gesicht, ohne Schuhe,
kommt ganz leise zur Nebentuere herein, leuchtet vorsichtig mit einer
Blendlaterne umher; da er alles still findet, kommt er mit leisen
Schritten hervor an den Rand des Theaters, nimmt die Maske und den Hut
ab und wischt sich das Gesicht].
Zum Leben braucht's nicht just, dass man so tapfer ist.
Man kommt auch durch die Welt mit Schleichen und mit List.
Der eine geht euch hin, bewaffnet mit Pistolen,
Sich einen Sack mit Geld, vielleicht den Tod zu holen,
Und ruft: Den Beutel her! Her! Ohn euch viel zu sperrn!
Mit so gelassnem Blut, als spraech er: Prost, ihr Herrn!
Ein andrer zieht herum, mit zauberischen Haenden
Und Volten wie der Blitz die Uhren zu entwenden.
Und wenn ihr's haben wollt, er sagt euch ins Gesicht:
Ich stehle, gebt wohl acht! Er stiehlt, ihr seht es nicht.
Mich machte die Natur nun freilich viel geringer;
Mein Herz ist allzuleicht, zu plump sind meine Finger;
Und doch kein Schelm zu sein, wird heutzutage schwer,
Das Geld nimmt taeglich ab, und taeglich braucht man mehr.
Doch ist's ein schlechtes Ding um halbe Boesewichter.
Ich seh's, man wird zum Dieb geboren wie zum Dichter;
Und pfuscht nur einer drein, so fuehlt er wie der Blitz
Die Peitsche der Kritik, die Rute der Justiz.

Du bist nun einmal drin; nun hilf dich aus der Falle!
Ach! alles meint zu Haus, ich sei schon lang beim Balle.
Mein Herr Alcest, der schwaermt, mein Weibchen schlaeft allein;
Die Konstellation wie kann sie schoener sein?
[Er nimmt die Schatulle vom Tisch.]
O komm, du Heiligtum! Du Gott in der Schatulle!
Ein Koenig ohne dich waer eine grosse Nulle.
[Er zieht die Diebesschluessel aus der Tasche und sagt unter dem
Aufbrechen.]
Habt Dank, ihr Dietriche! ihr seid der Trost der Welt!
Durch euch erlang ich ihn, den grossen Dietrich, Geld!
Ich war einst Sekretaer bei einem Buergermeister.
Ein Sekretaer! Das ist kein Werk fuer kleine Geister,
Es ist ein kuenstlich Amt und will getrieben sein.
Ja, wie ich das noch war, da bild't ich mir was ein,
Da ging ich wie ein Prinz. Ein Dieb wurd eingefangen,
Die Schluessel fanden sich, und er, er ward gehangen.
Nun weiss man, die Justiz behaelt stets was fuer sich;
Ich war nur Subaltern, das Eisen kam an mich;
Ich hob es auf. Ein Ding mag noch so wenig taugen,
Es kommt ein Augenblick, und man kann alles brauchen.
Und jetzt -
[Das Schloss geht auf.]
O schoen gemuenzt! Ja, das ist wahre Lust!
Die Tasche schwillt von Geld, von Freuden meine Brust -
Wenn es nicht Angst ist.
[Er horcht.]
Horch! Verflucht! ihr feigen Glieder!
Was zittert ihr?
[Er faehrt zusammen.]
Horch! - Nichts!
[Er macht die Schatulle zu.]
Genug! Nun gut!
[Er will gehen, erschrickt, und steht still.]
Schon wieder!
Es geht was auf dem Gang! Es geht doch sonst nicht um.
Der Teufel hat vielleicht sein Spiel. Das Spiel waer dumm!
Ist's eine Katze? Nein! Das geht nicht wie ein Kater.
Geschwind! Es dreht am Schloss.
[Er springt in den Alkoven und sieht durch die Vorhaenge.]
Behuet! mein Schwiegervater.

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