A / B / C / D / E /  F / G / H / I / J /  K / L / M / N / O /  P / R / S / T / UV / W / Z

Annual Bibliography of Commonwealth Literature 2007
This paper argues that discourses of love in Ghanaian market literature for youth offer a view into complex negotiations of agency and empowerment. Drawing on Deborah Durham's notion of youth as "social `shifters'" and Francis Nyamnjoh's conception of the "interconnectedness" of agency, I take Ghanaian market literature as one specific case of how African literature for youth foregrounds questions of continuity and change as African societies enter into increasingly complex global relations. In this literature for youth, received notions of love, often constructed out of impressions from American pop and hip hop music, carry new notions of agency that compete with existing "domesticated" forms. Authors like Ike Tandoh and Evelyn Tay employ discourses of love to offer youth alternative avenues for empowerment in a context of socio-economic disenfranchizement. In a creative process of "straddling", this writing both reveals and reproduces the contradictions that obtain in youth configurations of agency.

Flametti

H >> Hugo Ball >> Flametti

Pages:
1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13



Was Wunder, wenn das Geschaeft sich hob? Wenn die Zirkusleute mehr
und mehr in den Vordergrund traten, auch bei der Direktion?

Ein Feldwebel von der St. Gotthard-Festung kam als Konzertbesucher.
Er hatte Urlaub. Die Frau war gestorben. Was der Mann alles
spendierte! Sogar Leckerli brachte er mit, die ersten, die man bei
Schnepfes zu sehen bekam.

Auch zum Zoologischen Garten ging man jetzt und zur Messe. Und zwar
teilte sich hier das Ensemble. Die Zirkusleute gingen mit Jenny zum
"Zoo". Die andern mit Flametti zur "Mess".

Der Basler Zoologische Garten scheint nicht so UEppig bestueckt zu sein
wie Hagenbecks Tierpark zu Hamburg. Auch nicht so kuenstlerisch
interessant arrangiert wie etwa die kunstgewerbliche Menagerie zu
Muenchen. Wenigstens wusste der zoologisch interessierte Teil der
Vergnuegungspartie nur Unbedeutendes zu berichten.

Jenny war aufgefallen, dass die Strausse im Basler Zoo "echte
Straussfedern" trugen. Lydia klagte, die Papageien haetten erbaermlich
geschrien. Die Ohren gellten ihr jetzt noch davon. Man solle den
Viechern die Haelse abschneiden, statt ihnen die Baelge mit Brot
vollzustopfen. Nur Raffaela schien einen staerkeren Eindruck gerettet
zu haben.

"Kinder, der Elefant!" schlug sie die Haende zusammen und konnte sich
gar nicht genugtun, "so etwas Schamloses gibt es nicht mehr!"

Giraffen hatten sie nicht gesehen. Auch keine Wildschweine. Einige
Affen. Doch das war alles.

Die Messe war interessanter. Wer mit Flametti ging, fand keine
Enttaeuschung.

Erst im Panoptikum: "Der Feuerkessel von Tahure": da platzten die
Bomben! Da staunte das Volk! Da streckten die toten Poilus die
Beine zum Himmel, wie niedergeknallt auf der Hasenjagd!

Dann auf der Rutschbahn: zwei Karossen hintereinander: in der ersten
Flametti und Fraeulein Laura. In der zweiten Herr Engel und Meyer.
Wie flog man dahin! Wie flog man daher! Dann beim "Jaegersalon":
"Schiessen Sie mal, junger Herr!" Und Herr Engel schoss, auf den
Trommler. Und traf ihn; mitten in die Visage. Der rasselte los.
Aber unentgeltlich. Man war ja Artist. Es war eine Freude, zu leben!

Mittlerweile war es nun Winter geworden, ganz unvermerkt, ueber Nacht,
und man war gezwungen, sich enger zusammenzuschliessen. Da gab es
lange Gesichter.

"Jenny, wir haben ja gar keinen Ofen!" reklamierten Lydia und
Raffaela zugleich.

"Ist doch nicht kalt!" troestete Jenny, "je, seid ihr verfroren!"
Aber es waren fuenf Grad unter Null.

"Eene klappernde Kaelte!" meinte Herr Leporello in komischem Bass, mit
hervortretenden Augen, und stellte sich vor den Ofen im Wirtslokal.

"Sie, Leporello! In Mesopotamien Krieg!" verkuendete Bobby, der
eifrig die Zeitung studierte.

"Ha ick ja immer jesagt: in Mesopotamien fangen se ooch noch an!"

"Jenny", rief Raffaela ins Wirtslokal, schnatternd vor Kaelte und tief
beleidigt, "das geht so nicht! Ich muss einen Ofen haben! Wo soll
ich denn hin mit dem Kind?"

"Ich kann mir den Ofen doch nicht aus der Haut schneiden!" meinte
Jenny im blauen Schlafrock, am Ofen. "Hier ist es doch warm! Bleibt
doch hier unten im Wirtslokal!"

Das tat man denn auch. Raffaela, Lydia, Lotte und Lepo blieben im
Wirtslokal. Lepo las seine Kriegsberichte, von morgens bis abends.
Lotte machte die Hosen nass. Lydia und Raffaela schleppten einher in
den Schlafroecken und beschimpften einander.

Abends aber, waehrend der Vorstellung, sassen die fuenf Damen aufgeputzt
um Herrn Schnepfes Dauerbrandofen wie Papageien auf einem Eisenring
um den Dompteur.

"Kinder, nein, ist das eine Kaelte!" zitterte Lydia mit erfrorener
Nase und zog ein Gesicht, als sei sie hereingefallen und komme erst
jetzt allmaehlich dahinter.

Und zu der Soubrette: "Ihr habt es gut. Ihr habt einen Ofen!"

Und alle bebten und pressten die Schenkel zusammen.

"Menschenskind!" tanzte Engel naeher heran und rieb sich verbindlich
die Haende, "ist doch keene Kaelte: fuenf Grad! Haettest vergangenen
Winter dabei sein sollen!" und hob sich fast in die Luft, so betrieb
er mit beiden Armen gymnastische Packung. "Hauptsache ist: man
kriegt was Warmes in Magen!"

Nun, daran fehlte es nicht. Herr Schnepfe liess sich nicht lumpen.

Der Kaffee zum Fruehstueck liess zwar manches zu wuenschen uebrig. Die
Blechkanne, in der er serviert wurde, mochte innen ein wenig
verrostet sein. Die Damen erbrachen sich, wenn sie getrunken hatten.
Das konnte jedoch, wie Herr Schnepfe auf Reklamation hin bemerkte,
auch andere Ursachen haben.

Das Mittagessen war einfach tipp topp. "Sauerkraut, Wuerstel und
Pellkartoffel".--"Gulasch, Bohnen und Roesti".--"Hackfleisch, Erbsen
und Rettichsalat". Jennymama kochte besser; gewiss. Aber man war nun
einmal in der Fremde. Da war es, wie die Verhaeltnisse lagen, das
beste, den Magen zu heizen.

"Iss!" sagte Laura zu Meyer, "wer weiss, wann man wieder was kriegt!"

Eine kleine Rivalitaet brach aus zwischen den Zirkusartisten und dem
uebrigen Teil des Ensembles, dem "Bruch", wie die Zirkusleute alle
Kollegen nannten, die nicht von Kindesbeinen auf beim Metier waren.

Die Zirkusleute pochten auf ihre Familie, Herkunft, Tradition. Sie
waren exklusiv und sahen den "Bruch" veraechtlich an. Herr Leporello
etwa den kleinen Bobby. Beide waren sie Kontorsionisten. Bobby
arbeitete rueckwaerts, war also Schlangenmensch. Herr Leporello
arbeitete vorwaerts, war also Froschmensch. Herr Leporello hatte die
komplizierteren Balancen, den drehbareren Unterleib. Bobby hatte den
besseren Handstand, das biegsamere Rueckgrat.

Aber Herr Leporello aestimierte ihn nicht. Herr Leporello war
ausschliesslich Artist. Bobby ging im Nebenberuf zeitweilig "auf
Heizerfahrt".

Oder Miss Raffaela den Engel. Sie verlangte von ihm, dass er Einkaeufe
fuer sie besorge. Sie glaubte, der Buehnenmeister sei hier auch
Stiefelputzer. Aber Engel lehnte es ab, "Kommissionen" zu machen.

"Hab' keine Zeit! Hab' zu studieren! Bin selber Artist!" Und
Flametti bestaetigte das, indem er "Monteur" auf Engels Papier
durchstrich und "Artist" drueberschrieb.

Zwei Parteien bildeten sich. Die Partei der Zirkusartisten mit Jenny.
Die "Bruch"--und Apachenpartei mit Flametti.

Flametti waren die Zirkusdamen zuwider. Sie haenselten ihn. Er fand
sie verdorben, aufdringlich, utriert. Sein Herz war bei der andern
Partei, den Gestrandeten, den Gelegenheitskoennern, den Kindern Gottes.
Auch Meyer und Fraeulein Laura waren nur herverschlagen ins Variete.
Und doch--alle Hochachtung!

aeusserlich aber tat sich die Rivalitaet in folgendem kund: Die
Zirkusleute brachten das Geld. Die Bruchleute hatten--den Ofen.

Die Zirkusleute lagen den ganzen Tag in Flamettis geheizter Stube
herum oder im Wirtslokal, wo das Glasdach tropfte, die Ratten liefen,
die Windeln rochen. Sie schuerten und hetzten. Sie glaubten, wider
Verdienst schlecht weggekommen zu sein.

Die Bruchleute schlossen sich taeglich enger zusammen im Zimmer des
Pianisten, wo zwar die ungefegte Brikettasche Mumien aus ihnen machte,
wo aber der Ofen gluehte. Fraeulein Laura wusch der Maenner
gemeinsamen Kragen, Bobbys Eidechsenkostuem hing glitzernd ueber der
Waescheleine. Man sass auf Herrn Meyers entgleistem Rohrplattenkoffer
und sang Schnadahuepfl zur Laute. Man richtete Engel ein Bett her am
Ofen, damit er geborgen war, wenn die Malaria ihn ueberfiel.

Und Engel erzaehlte mit traurig schluckender Stimme von Gudrun, der
Baronesse, die ihn geliebt, als er noch Forsteleve in Deutschland war,
beim Grafen von Reiffenstein.

Das Exil dieser Tage erhielt eine Abwechslung dadurch, dass es
ploetzlich noch kaelter wurde.

Es war jetzt so kalt, dass es wirklich nicht anging, laenger zu singen:


"Die Luft ist lau, die Taeler prangen lenzesgruen",


wie es in jenem Begruessungsmarsch hiess, den man im "Krokodil" vor
Rosenlauben gesungen.

Die Damen rieben sich auf der Buehne ganz unverhohlen die Haende vor
Frost. Und wenn der Marsch auch ein heissbluetiges Tempo hatte: die
Worte konnten jetzt nicht mehr an gegen den Rauhreif der Wirklichkeit.

Die Varietebesucher: Totengraeber, Kirchendiener, Leichenbitter und
Maedchenjaeger sassen mit Zapfenschnurrbaerten, wenn sie zufaellig in die
Peripherie des Saales gerieten, in die Naehe eines der grossen Fenster.

Auch der Spitzentanz Raffaelas verfing nicht mehr. Vergebens suchte
sie mittels Duftigkeit, Sinnenrausch und Beschwingtheit der Schritte
die Illusion eines Maientags aufrechtzuhalten. Ihr Odem wehte wie
Hoehenrausch. Ihre Nase karfunkelte.

Man stellte wohl in die Damengarderobe einen Petroleumofen. Aber das
war wie ein Zuendholz im Eisschrank.

Es ging nun auch nicht mehr an, dass der Vetter Flamettis, Herr
Graumann, laenger mit einem Pappkarton die Gebirgsbewohner der Schweiz
photographierte.

So traf dieser Herr, Herr Graumann, Vetter Flamettis, eines Tags bei
Herrn Schnepfe ein, just in dem Augenblick, als die Generalprobe zum
"Friedhofsdieb" stattfand.

Sehr erstaunt war Herr Graumann, seinen Vetter Flametti in einem
langen, schwarzen Talar zu erblicken, als Richter vor einem Stoss
Aktenmappen. Eine kleine, zierliche Knabengestalt, dem Richterstuhl
gegenueber, schien prozessiert zu werden.

Es handelte sich um einen Friedhof und einen Topf, der gestohlen war;
Blumentopf.

Auf der Mitte der Buehne stand eine vornehme Dame, wohl eine Baronin,
mit Blicken, die halb auf den Richter, halb auf den Knaben gerichtet
waren. Neben ihr krauskoepfig ein schmae

Wenn aber Herr Leporello Sonntags seinen komischen Teufelsakt
brachte--er erschien dann als eine infernalische Klatschbase im
Korsett, einen Kamm in der Peruecke, das Hemd hing ihm hinten heraus
und der Rock aus Sackleinwand, mit roten Litzen benaeht, war ihm zu
kurz--, dann spielte sich in seinen Mienen eine so diabolische
Einfaeltigkeit ab, dass der Kontrast zwischen seinen gespreizten
Zirkusposen und dem dargestellten Objekt die Zuschauer zu hellem
Grinsen entflammte.

Was Wunder, wenn das Geschaeft sich hob? Wenn die Zirkusleute mehr
und mehr in den Vordergrund traten, auch bei der Direktion?

Ein Feldwebel von der St. Gotthard-Festung kam als Konzertbesucher.
Er hatte Urlaub. Die Frau war gestorben. Was der Mann alles
spendierte! Sogar Leckerli brachte er mit, die ersten, die man bei
Schnepfes zu sehen bekam.

Auch zum Zoologischen Garten ging man jetzt und zur Messe. Und zwar
teilte sich hier das Ensemble. Die Zirkusleute gingen mit Jenny zum
"Zoo". Die andern mit Flametti zur "Mess".

Der Basler Zoologische Garten scheint nicht so UEppig bestueckt zu sein
wie Hagenbecks Tierpark zu Hamburg. Auch nicht so kuenstlerisch
interessant arrangiert wie etwa die kunstgewerbliche Menagerie zu
Muenchen. Wenigstens wusste der zoologisch interessierte Teil der
Vergnuegungspartie nur Unbedeutendes zu berichten.

Jenny war aufgefallen, dass die Strausse im Basler Zoo "echte
Straussfedern" trugen. Lydia klagte, die Papageien haetten erbaermlich
geschrien. Die Ohren gellten ihr jetzt noch davon. Man solle den
Viechern die Haelse abschneiden, statt ihnen die Baelge mit Brot
vollzustopfen. Nur Raffaela schien einen staerkeren Eindruck gerettet
zu haben.

"Kinder, der Elefant!" schlug sie die Haende zusammen und konnte sich
gar nicht genugtun, "so etwas Schamloses gibt es nicht mehr!"

Giraffen hatten sie nicht gesehen. Auch keine Wildschweine. Einige
Affen. Doch das war alles.

Die Messe war interessanter. Wer mit Flametti ging, fand keine
Enttaeuschung.

Erst im Panoptikum: "Der Feuerkessel von Tahure": da platzten die
Bomben! Da staunte das Volk! Da streckten die toten Poilus die
Beine zum Himmel, wie niedergeknallt auf der Hasenjagd!

Dann auf der Rutschbahn: zwei Karossen hintereinander: in der ersten
Flametti und Fraeulein Laura. In der zweiten Herr Engel und Meyer.
Wie flog man dahin! Wie flog man daher! Dann beim "Jaegersalon":
"Schiessen Sie mal, junger Herr!" Und Herr Engel schoss, auf den
Trommler. Und traf ihn; mitten in die Visage. Der rasselte los.
Aber unentgeltlich. Man war ja Artist. Es war eine Freude, zu leben!

Mittlerweile war es nun Winter geworden, ganz unvermerkt, ueber Nacht,
und man war gezwungen, sich enger zusammenzuschliessen. Da gab es
lange Gesichter.

"Jenny, wir haben ja gar keinen Ofen!" reklamierten Lydia und
Raffaela zugleich.

"Ist doch nicht kalt!" troestete Jenny, "je, seid ihr verfroren!"
Aber es waren fuenf Grad unter Null.

"Eene klappernde Kaelte!" meinte Herr Leporello in komischem Bass, mit
hervortretenden Augen, und stellte sich vor den Ofen im Wirtslokal.

"Sie, Leporello! In Mesopotamien Krieg!" verkuendete Bobby, der
eifrig die Zeitung studierte.

"Ha ick ja immer jesagt: in Mesopotamien fangen se ooch noch an!"

"Jenny", rief Raffaela ins Wirtslokal, schnatternd vor Kaelte und tief
beleidigt, "das geht so nicht! Ich muss einen Ofen haben! Wo soll
ich denn hin mit dem Kind?"

"Ich kann mir den Ofen doch nicht aus der Haut schneiden!" meinte
Jenny im blauen Schlafrock, am Ofen. "Hier ist es doch warm! Bleibt
doch hier unten im Wirtslokal!"

Das tat man denn auch. Raffaela, Lydia, Lotte und Lepo blieben im
Wirtslokal. Lepo las seine Kriegsberichte, von morgens bis abends.
Lotte machte die Hosen nass. Lydia und Raffaela schleppten einher in
den Schlafroecken und beschimpften einander.

Abends aber, waehrend der Vorstellung, sassen die fuenf Damen aufgeputzt
um Herrn Schnepfes Dauerbrandofen wie Papageien auf einem Eisenring
um den Dompteur.

"Kinder, nein, ist das eine Kaelte!" zitterte Lydia mit erfrorener
Nase und zog ein Gesicht, als sei sie hereingefallen und komme erst
jetzt allmaehlich dahinter.

Und zu der Soubrette: "Ihr habt es gut. Ihr habt einen Ofen!"

Und alle bebten und pressten die Schenkel zusammen.

"Menschenskind!" tanzte Engel naeher heran und rieb sich verbindlich
die Haende, "ist doch keene Kaelte: fuenf Grad! Haettest vergangenen
Winter dabei sein sollen!" und hob sich fast in die Luft, so betrieb
er mit beiden Armen gymnastische Packung. "Hauptsache ist: man
kriegt was Warmes in Magen!"

Nun, daran fehlte es nicht. Herr Schnepfe liess sich nicht lumpen.

Der Kaffee zum Fruehstueck liess zwar manches zu wuenschen uebrig. Die
Blechkanne, in der er serviert wurde, mochte innen ein wenig
verrostet sein. Die Damen erbrachen sich, wenn sie getrunken hatten.
Das konnte jedoch, wie Herr Schnepfe auf Reklamation hin bemerkte,
auch andere Ursachen haben.

Das Mittagessen war einfach tipp topp. "Sauerkraut, Wuerstel und
Pellkartoffel".--"Gulasch, Bohnen und Roesti".--"Hackfleisch, Erbsen
und Rettichsalat". Jennymama kochte besser; gewiss. Aber man war nun
einmal in der Fremde. Da war es, wie die Verhaeltnisse lagen, das
beste, den Magen zu heizen.

"Iss!" sagte Laura zu Meyer, "wer weiss, wann man wieder was kriegt!"

Eine kleine Rivalitaet brach aus zwischen den Zirkusartisten und dem
uebrigen Teil des Ensembles, dem "Bruch", wie die Zirkusleute alle
Kollegen nannten, die nicht von Kindesbeinen auf beim Metier waren.

Die Zirkusleute pochten auf ihre Familie, Herkunft, Tradition. Sie
waren exklusiv und sahen den "Bruch" veraechtlich an. Herr Leporello
etwa den kleinen Bobby. Beide waren sie Kontorsionisten. Bobby
arbeitete rueckwaerts, war also Schlangenmensch. Herr Leporello
arbeitete vorwaerts, war also Froschmensch. Herr Leporello hatte die
komplizierteren Balancen, den drehbareren Unterleib. Bobby hatte den
besseren Handstand, das biegsamere Rueckgrat.

Aber Herr Leporello aestimierte ihn nicht. Herr Leporello war
ausschliesslich Artist. Bobby ging im Nebenberuf zeitweilig "auf
Heizerfahrt".

Oder Miss Raffaela den Engel. Sie verlangte von ihm, dass er Einkaeufe
fuer sie besorge. Sie glaubte, der Buehnenmeister sei hier auch
Stiefelputzer. Aber Engel lehnte es ab, "Kommissionen" zu machen.

"Hab' keine Zeit! Hab' zu studieren! Bin selber Artist!" Und
Flametti bestaetigte das, indem er "Monteur" auf Engels Papier
durchstrich und "Artist" drueberschrieb.

Zwei Parteien bildeten sich. Die Partei der Zirkusartisten mit Jenny.
Die "Bruch"--und Apachenpartei mit Flametti.

Flametti waren die Zirkusdamen zuwider. Sie haenselten ihn. Er fand
sie verdorben, aufdringlich, utriert. Sein Herz war bei der andern
Partei, den Gestrandeten, den Gelegenheitskoennern, den Kindern Gottes.
Auch Meyer und Fraeulein Laura waren nur herverschlagen ins Variete.
Und doch--alle Hochachtung!

aeusserlich aber tat sich die Rivalitaet in folgendem kund: Die
Zirkusleute brachten das Geld. Die Bruchleute hatten--den Ofen.

Die Zirkusleute lagen den ganzen Tag in Flamettis geheizter Stube
herum oder im Wirtslokal, wo das Glasdach tropfte, die Ratten liefen,
die Windeln rochen. Sie schuerten und hetzten. Sie glaubten, wider
Verdienst schlecht weggekommen zu sein.

Die Bruchleute schlossen sich taeglich enger zusammen im Zimmer des
Pianisten, wo zwar die ungefegte Brikettasche Mumien aus ihnen machte,
wo aber der Ofen gluehte. Fraeulein Laura wusch der Maenner
gemeinsamen Kragen, Bobbys Eidechsenkostuem hing glitzernd ueber der
Waescheleine. Man sass auf Herrn Meyers entgleistem Rohrplattenkoffer
und sang Schnadahuepfl zur Laute. Man richtete Engel ein Bett her am
Ofen, damit er geborgen war, wenn die Malaria ihn ueberfiel.

Und Engel erzaehlte mit traurig schluckender Stimme von Gudrun, der
Baronesse, die ihn geliebt, als er noch Forsteleve in Deutschland war,
beim Grafen von Reiffenstein.

Das Exil dieser Tage erhielt eine Abwechslung dadurch, dass es
ploetzlich noch kaelter wurde.

Es war jetzt so kalt, dass es wirklich nicht anging, laenger zu singen:


"Die Luft ist lau, die Taeler prangen lenzesgruen",


wie es in jenem Begruessungsmarsch hiess, den man im "Krokodil" vor
Rosenlauben gesungen.

Die Damen rieben sich auf der Buehne ganz unverhohlen die Haende vor
Frost. Und wenn der Marsch auch ein heissbluetiges Tempo hatte: die
Worte konnten jetzt nicht mehr an gegen den Rauhreif der Wirklichkeit.

Die Varietebesucher: Totengraeber, Kirchendiener, Leichenbitter und
Maedchenjaeger sassen mit Zapfenschnurrbaerten, wenn sie zufaellig in die
Peripherie des Saales gerieten, in die Naehe eines der grossen Fenster.

Auch der Spitzentanz Raffaelas verfing nicht mehr. Vergebens suchte
sie mittels Duftigkeit, Sinnenrausch und Beschwingtheit der Schritte
die Illusion eines Maientags aufrechtzuhalten. Ihr Odem wehte wie
Hoehenrausch. Ihre Nase karfunkelte.

Man stellte wohl in die Damengarderobe einen Petroleumofen. Aber das
war wie ein Zuendholz im Eisschrank.

Es ging nun auch nicht mehr an, dass der Vetter Flamettis, Herr
Graumann, laenger mit einem Pappkarton die Gebirgsbewohner der Schweiz
photographierte.

So traf dieser Herr, Herr Graumann, Vetter Flamettis, eines Tags bei
Herrn Schnepfe ein, just in dem Augenblick, als die Generalprobe zum
"Friedhofsdieb" stattfand.

Sehr erstaunt war Herr Graumann, seinen Vetter Flametti in einem
langen, schwarzen Talar zu erblicken, als Richter vor einem Stoss
Aktenmappen. Eine kleine, zierliche Knabengestalt, dem Richterstuhl
gegenueber, schien prozessiert zu werden.

Es handelte sich um einen Friedhof und einen Topf, der gestohlen war;
Blumentopf.

Auf der Mitte der Buehne stand eine vornehme Dame, wohl eine Baronin,
mit Blicken, die halb auf den Richter, halb auf den Knaben gerichtet
waren. Neben ihr krauskoepfig ein schmaechtiger Herr, der als Zeuge
Emil Schmidt figurierte und offenbar seine Rolle noch nicht
vollkommen beherrschte; er stammelte, stotterte, war in der groessten
Verlegenheit.

Herr Graumann trat naeher, ein wenig verschuechtert von solch
kuenstlicher Atmosphaere, und legte die Hand vor die Augen, die Szene
pruefend auf ihren photographischen Gehalt.

"Von vorn!" schrie Flametti. Und es wiederholte sich der Auftritt,
Zeuge Emil Schmidt,--Friedhofsdieb.

Und jener krauskoepfige Herr kam mit dem Knaben durch die Kulisse
herein, zitternd und bebend, so dass man ihn selbst fuer den
Delinquenten hielt. Er legte mit irren Augen die Hand auf die
Schulter des Knaben und sprach:


"Man immer ruhig, mein liebes Kind!
Die Wahrheit darf immer man sagen.
Dann kann man die Strafe, wie sie auch sei,
Mit leichterem Herzen ertragen.
Sprich frisch von der Leber weg....."


Engel hustete heftig. Das war nicht verwunderlich, denn hinter der
Buehne zog es abscheulich.

Flametti aber war wie ein Stier vor dem roten Tuch, diesem Husten
gegenueber.

"Lass das Husten sein!" schrie er und ruettelte seinen Amtstisch, "oder
ich werf' dir die Glocke vor den Kopf!"

Eine Glocke gab es auch auf dem Amtstisch, konstatierte Herr Graumann.

Und Engel hustete kurz noch zu Ende, raeusperte sich und fuhr fort:


"Sprich frisch von der Leber weg
Und was zur Tat dich getrieben.
Ein Richter ist streng nach Gebuehr, wenn es muss..."


"Hundsfott!" schrie Flametti, "ist das ein Vers?"

"Ein Richter ist streng, wenn sich's gebuehrt", berichtigte Engel,
zitternd vor Ergriffenheit,


"Doch weiss er auch Nachsicht zu ueben."


"Gut!" sagte Flametti, "weiter!" Und er selbst wandte sich an den
Knaben:


"Tritt naeher, mein Sohn, und habe nicht Scheu
Vor schreckender Tracht und Gebahren!
Und so du begangen hast, was es auch sei,
Hier kannst du es offenbaren.
Tritt naeher und sprich! Vielleicht dass alsdann
Ein mildernder Umstand dir etwas Luft schaffen kann."


Und Flametti begleitete seinen letzten Satz mit einer erleichternden
Bewegung beider Haende, von der Magengegend aufsteigend gegen den
Brustkorb.

Herr Graumann fand diese Gerichtssitzung ein wenig romantisch, wenn
auch nicht fremd. Hoerbar laechelte er.

"Wer ist da im Publikum?" bruellte Flametti, die Hand vor den Augen,
und aergerlich ueber die neue Stoerung.

"Hallo Flametti!" rief Herr Graumann hinauf.

Und Flametti: "Ja, Menschenskind, wo kommst denn du her?" Die Glocke
stellte er hin und sprang, im Richtertalar, herunter ueber die Rampe.

"Direkt vom Tessin!"

Da war die Probe vertagt. Die Probe war aus. Und Engel atmete auf.

Herr Graumann blieb, als Flamettis Gast, drei Tage, zur grossen Freude
des ganzen Ensembles, das er photographierte in allen moeglichen und
unmoeglichen Posen; immer mit dem Pappkarton, den er mit schwarzem
Tuch ueberzogen hatte, und mit dem er furchtbar penibel war. Die
Bilder versprach er spaeter zu schicken.

Herr Graumann war ein Original. Ein wenig glich er dem Wurzelsepp
aus der bayrischen Bauernkomoedie. Die ganze Schweiz bereiste er als
Photograph. Mit dem Pappkarton. In die entlegensten Doerfer kam er.
Und immer zu Fuss. Auch aus dem Tessin war er zu Fuss gekommen. Wind,
Wetter, Eis und Schnee vermochten ihm wenig anzuhaben. Es war sein
Beruf, zu wandern. Die Geschaefte brachten es mit sich.

Was wusste Herr Graumann fuer treffliche Schnurren zu erzaehlen! Manch
ernsthaftes Abenteuer und Rencontre mit der Polizei. Unter
Plattenreissern war er der yokerste.

"Herr Graumann!" rief Raffaela taktlos, "Wie riechen Sie schoen nach
den Kraeutern!" und schoepfte mit der Hand von Herrn Graumanns Luft.
"Ist wohl Farnkraut?"

Und Lydia: "Sagen Sie, Graumann, tragen die Wanzen auch Fahnenstangen,
wenn sie Versammlung haben?"

Und Fred: "Sie, Graumann, wie macht man das: "Graumannol"?"

Denn Herr Graumann hatte in knappen Zeiten ein Mittel erfunden gegen
Insektenstich.

"Man nehme", sprach er, "Urin und Brombeersaeure, fuege dazu ein
Fuenftel Salzwasser, das durch die Kiemen von Klippfisch ging.
Schuettle das Ganze."

Reissend waren sie abgegangen, die dreissig Flaschen von je einem
halben Liter a zwei Franken fuenfzig, die er an einem sonnigen Mittag
in Mussestunden verfertigt hatte am Ufer des Lago Maggiore, und die
den Vergleich aushielten mit jedem Salmiakpraeparat.

Herr Graumann nahm eine Prise, reichlich mit Glas untermischt, damit
es die Schleimhaeute redlich beize, und Raffaela und Lydia drangen ihn,
sie zu photographieren zusammen mit Lottely.

Das war nun nicht leicht, weil Lotte sich fuerchtete vor dem
zerfederten Eulengesicht des Herrn Graumann. Aber es ging. Ein
halbes Dutzend Visit. Ein halbes Dutzend Kabinett.

Und Herr Graumann griff nach Stativ und Kasten und sagte:

"Bitte, den Kopf etwas schief! Bitte die Hand etwas hoeher! Bitte
etwas freundlicher, sonst kann ich's nicht machen."

Und schrieb die Bestellung in sein Notizbuch und nahm eine laecherlich
kleine Anzahlung. Dann musste er weiter.

"Kinder!" rief Raffaela, "das wird ein Vergnuegen! Der Mama schicke
ich eins! Eins meinem Maenne ins Feld! Eins dem Farolyi!"

Doch als Herr Graumann gegangen war, kehrte die alte Langeweile
wieder.

Herr Engel, um eine Diversion zu haben, feierte den Namenstag seiner
Tante, indem er in fremden Lokalen fuer eigene Rechnung ausbrach und
sich entfesselte. Herr Schnepfe unterhielt sich mit seiner Frau ueber
Tunis, allwo Frau Schnepfe Koechin gewesen war.

Schnepfe konnte das gar nicht fuer wahr annehmen. Hotelkoechinnen in
Tunis? Nach seiner, Herrn Schnepfes unmassgeblicher Ansicht, waren
Hotels nicht angebracht in einer Himmelsregion, wo haarige Bestien
meckernd ueber die Wueste strichen; wo Totengerippe und Schaedel die
Wege markierten. Frauenzimmer hatten dort nichts zu suchen.

Und da man allgemach nicht mehr ausgehen konnte--die Kaelte riss einem
die Ohren vom Kopfe--, so suchte sich jeder zuhaus nach Neigung und
Temperament die Zeit zu vertreiben.

Pages:
1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13
Copyright (c) 2007. topboookz.com. All rights reserved.