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Annual Bibliography of Commonwealth Literature 2007
This paper argues that discourses of love in Ghanaian market literature for youth offer a view into complex negotiations of agency and empowerment. Drawing on Deborah Durham's notion of youth as "social `shifters'" and Francis Nyamnjoh's conception of the "interconnectedness" of agency, I take Ghanaian market literature as one specific case of how African literature for youth foregrounds questions of continuity and change as African societies enter into increasingly complex global relations. In this literature for youth, received notions of love, often constructed out of impressions from American pop and hip hop music, carry new notions of agency that compete with existing "domesticated" forms. Authors like Ike Tandoh and Evelyn Tay employ discourses of love to offer youth alternative avenues for empowerment in a context of socio-economic disenfranchizement. In a creative process of "straddling", this writing both reveals and reproduces the contradictions that obtain in youth configurations of agency.

Flametti

H >> Hugo Ball >> Flametti

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Nach der Kassierung aber kamen die dienstbaren Geister vom "Krokodil"
und Umgebung und raeumten mit Hilfe des Publikums die Rosenhecken weg,
soweit sie im Wege waren. Ein anstossender zweiter Saal wurde
geoeffnet. Eine Vermischung des Variete-Ensembles mit dem Publikum
fand statt: es wurde getanzt.

"Nein, Jenny, was ihr fuer ein Glueck habt!" rief Raffaela, "ich muss
mich ein bisschen zu euch setzen!" und sah Jenny traeumerisch in die
Augen.

"Fraeulein Raffaela", stellte Jenny vor, "Herr Seidel, mein Freund aus
Baden; Fraeulein Amalie, Frau Schnepfe."

Und Raffaela, da Jenny gerade damit beschaeftigt war, die Kassierung
nachzuzaehlen: "Was fuer ein Glueck!"

"Ach, Raffaela", seufzte Jenny, "wenn du wuesstest!"

"Was macht er denn?" fluesterte Raffaela.

Und Jenny, unendlich traurig, die Hand am Munde, dann abwinkend:

"Ach, ich will lieber schweigen!"

Herr Seidel aus Baden zwirbelte unternehmend, mit disziplinierter
Eleganz, seinen Schnurrbart. Er stuetzte die Hand auf den Schenkel.
Der Ellbogen stand weit ab.

"Boston!" rief der Tanzordner und rutschte mit schleifenden Fuessen
durch den gebohnerten Saal.

Frau Schnepfe schuettelte den Kopf ob solchen Tumults.

Fraeulein Amalie, den Ruecken an die Wand gelehnt, streichelte ihren
Zwergpintsch mit der gepflegten Haltung einer Dame, die in der
Hofloge sitzt.

Flametti, noch im Indianerkostuem, ging durch den Saal und quittierte,
mit seiner Stattlichkeit renommierend, die fluessig ihm dargebotenen
Glueckwunschbeweise. Man befuehlte die Lanze, die Lederhosen, den
Halsschmuck. Auch Herr C. Tipfel von den Sunda-Inseln war da.

"Du poussierst mit Flametti!" warf Bobby der treulosen Traute vor,
mit der er seit Wochen in zuenftigem Briefwechsel stand. Sie standen
beim Vorhang. "Ich hab' es gesehen. Er hat dich ans Bein gefasst,
als du die Treppe hinaufgingst. Ich hab' auch gesehen, wie ihr
getuschelt habt miteinander."

"Dummer Fatzke!" gab Traute zurueck, "was bild'st du dir eigentlich
ein? Bist ja zwei Koepfe kleiner als ich! Willst du eine Frau
ernaehren!"

"Na, schoen!" sagte Bobby und musterte sie von oben bis unten. "Pfui
Teufel!" Er nahm seinen Regenschirm, zog den Paletot an, sagte
"Grueatzi!" und ging in den "Hopfenzwilling".

"Ach, Raffaela!" sagte Jenny, "du glaubst es ja nicht! Aber wart'
nur ab! Ich werde mich revanchieren!"

Die Soubrette kam an den Tisch.

"Na, Fraeulein", sagte Herr Seidel freundlich, "was trinken Sie?"

Die Soubrette zierte sich.

"Einen Eierkognak?"

"He, Fraeulein!" hielt er die Kellnerin fest, "einen Eierkognak!"

Die Soubrette nahm Platz. "Laura heisse ich."

"Fraeulein Laura--huebscher Name!" sagte Herr Seidel und legte den Arm
um ihre Stuhllehne.

Jenny entging es nicht. Sie hatte die Kasse gezaehlt und winkte
Flametti. "Da nimm: Hundertneunzig Franken."

Flametti schob das Geld mit gekrampfter Hand in die Hosentasche und
fuehlte sich verpflichtet, eine Weile stehen zu bleiben.

"Wo ist die Traute?" fragte Jenny.

"Was weiss ich, wo die Traute ist!" fuhr er auf, "sie wird tanzen."

Jawohl, Fraeulein Traute tanzte. In ausgelassenem Vorueberschieben
warf sie Flametti einen kokett-auffordernden Blick zu. Hei, flog ihr
Kopf in den Nacken!

"Ja ja, die Jugend!" traeumte Frau Schnepfe resigniert.

"Uff!" schnaubte Flametti, "das war eine Hetze!" Jetzt lief es von
selbst.

Vorbei schob: Herr Scherrer, Handlungskommis aus Wien, mit Fraeulein
Rosa. Vorbei schob: Herr Glatt, turmhoher Stehkragen,
Handlungskommis aus der Mark Brandenburg, mit Fraeulein Guessy. Vorbei
schob: Herr Pips mit der hueftengewaltigen Lydia. Vorbei schob: der
Herr Krematioriumfritze, mit der in Feldgrau.

"Das ist der andere!" fluesterte Jenny vertraulich Raffaela zu.
"Schwer reich. Der spendiert nachher Sekt. Immer franzoesischen Sekt.
Er tut jetzt so, als saeh' er mich nicht."

"Stattlicher Mann!" gab Raffaela sich Muehe. Es schien ihr ein wenig
drauf anzukommen, Jenny die Ruhe zu nehmen.

Aus der Garderobe kam als der letzte Herr Meyer. Er hatte die Noten
hinaufgetragen. Unschluessig blieb er stehen, Jennys gespicktes
Portemonnaie in der Tasche, das ihm bei jedem Schritt wie ein Klotz
an den Schenkel schlug.

"Ach, Herr Meyer", sagte Jenny und streckte sich ueber den Stuhl zu
ihm hin, "geben Sie her! Es ist nicht mehr noetig!" und liess das
Monstrum von Portemonnaie, das Meyer ihr gleichgueltig gab, in den
Busen rutschen.

Und Herr Meyer trat zu Flametti, sah in das Gewuehl und meinte: "Pfui
Teufel, ist das eine Hitze!"

Und den Walzer tanzte auch Mutter Dudlinger. Sie hielt den Herrn
Pips fest um die Taille gefasst und drehte sich auf den Zugstiefeln.
Herr Pips aber drehte sich wie ein Trabant um die Sonne.
Meistenteils war er verfinstert.

Und Engel machte auch Jennymama seine Aufwartung, animiert wie man's
werden kann, erhielt aber glatt einen Korb. "Ach, der Engel!"
laechelte Jennymama.

Und noch um ein Uhr kam ein Rudel Studenten: hollaendische Forsteleven.
Die schoben und pfiffen und klatschten dazu. Und hatten eine
eigene Laute dabei und stellten das ganze Lokal auf den Kopf.



Wer dem Indianerfeste nicht bis zum Ende beiwohnte, und wer Jenny
nicht kannte, erlebte am naechsten Tag ueberraschungen.

Flamettis Erfolg war unbestritten. Und galt ihm allein, nur ihm. Er
wurde gefeiert in allen Toenen.

Aber gerade das vertrug Jenny nicht. Gerade das lehnte sie ab. Sie
konnte in ihrer offenbaren Beschraenktheit nicht einsehen, dass fuer
Flametti dieses Indianerspielen ein Bild, ein Symbol war, ja eine
Lebensfrage; begriff nicht, wie ein vernuenftiger Mensch, ein Mann,
sich so kindisch benehmen konnte. Sie hatte, kurzum, keinen Sinn fuer
die Illusion, verstand auch nicht, was der Farolyi gekauderwelscht
hatte. Spielen, Wetten, Revolverschiessen; Pariser Apachen,
Felsengebirge und Honolulu; ein Ritt durch die Wueste, Komantschen,
Bluthunde und Polizei: das alles waren ihr spanische Doerfer.

Weltfremd war Jenny und eitel dazu. Sie konnte fuer moeglich halten,
das ganze Fest sei nur fuer sie arrangiert gewesen; Flametti nur fuer
sie, fuer Jennymama, geboren, sei es, indem er den Diener machte, wenn
sie Karotten einkaufte; sei es, indem er Mannderl und Weiberl
schnitzte fuers Wetterhaeuschen.

Und ganz besonders: fuer "Wigwams" hatte sie gar keinen Sinn. Sie
hielt das fuer Humbug. In kleinlicher Missgunst klammerte sie sich an
aeusserlichkeiten, warf ihm gewoehnliche Vielweiberei vor. Als ob sich
ein Mann seiner Art von der Fertigkeit eines einzigen Weibes
gefesselt, entzueckt und versorgt fuehlen konnte.

Flametti versuchte umsonst, es ihr klar zu machen, morgens um zehn
Uhr, im Bett. Sie verstand nicht.

"Also was heisst das?" setzte sie sich verbissen und leidenschaftlich
im Bett auf.

"Dass ich meine Ruhe haben will!" erklaerte Flametti abschliessend und
drehte sich nach der anderen Seite.

Aber damit gab Jenny sich nicht zufrieden. So liess sie sich nicht
abspeisen. Klarheit wollte sie haben von wegen dieser Person, dieser
Traute, der Schlampen, die nicht einmal wusste, wozu die Klosettschnur
da war, und die es doch wagte, ihr dreist ins Gesicht zu sagen, man
habe sie "abgesetzt".

"Du, Max, ich will Antwort!" drohte sie, "wie ist das mit der Traute?
Mach' mich nicht wild! Ich hab' euch wohl tuscheln sehen, gestern
im "Krokodil"! Gut: es war Publikum da. Aber heut will ich's wissen."

"Himmelherrgottsakrament, lass mir jetzt meine Ruhe!" setzte Flametti
sich ebenfalls auf. "Was soll ich denn machen mit ihr? Was willst
du denn? Soll ich vielleicht den Heiligen spielen? Darf ich nicht
meine Nachtruhe haben? Plag' ich mich immer noch nicht genug?" Eine
Pruegelszene im Bett stand bevor.

"Gut!" sagte Jenny, "lass nur!" Sie wusste Bescheid. Heraus sprang
sie aus dem Bett, warf sich den Schlafrock ueber und war schon im
Lattenverschlag.

"Traute raus!" schrie sie und packte die schlafende Traute beim
Kragen.

"Pack' deine Sachen zusammen. Vorwaerts marsch, marsch! Und heraus
aus der Wohnung!"

Traute fuhr auf. Der Ton, der ihr ans Ohr drang, war zu energisch,
als dass es ein Weigern gab. Schlaftrunken, eben noch mit dem Kommis
aus Brandenburg Twostep schiebend, glitt sie ueber die Bettkante
herunter. Unterkleider und Schuhzeug griff sie, stuerzte das
Tanzkleid ueber den Kopf und bemerkte erst jetzt, worum es sich
handelte. "Raus, wohin?" fragte sie erstaunt.

"Raus aus der Wohnung! Raus auf die Strasse! Ins Arbeitshaus, wenn
du Lust hast! Nur raus, und zwar sofort, oder ich hole die Polizei!"

Grosse Augen machte Fraeulein Traute. Arbeitshaus? Strasse? Polizei?
Was war denn passiert? Was war denn geschehen? Warum? Wieso? Was
hatte sie denn getan?

Sie bekam's mit der Angst. Verstoert und verdattert riss sie die Augen
auf. Ihr Mund hing schief. Zitternd und bebend beeilte sie sich,
ihr Kleid zu schliessen.

"Was hab' ich denn getan? Ich habe doch nichts getan!" stotterte sie.

"Du wirst schon wissen, was du getan hast!" schrie Jenny. "Fort!
sag' ich dir! Raus! Nur raus! Ich werde dir Beine machen!"; riss
Trautes Sachen vom Haken und warf sie ihr zu. "Das andere kannst du
dir holen lassen. Nur raus, auf der Stelle!"

"Sie haben mich hier nicht rauszuwerfen. Flametti hat mich hier
rauszuwerfen!" versuchte Traute.

"Was hab' ich?" schrie Jenny, jetzt vollends rabiat, und keilte die
Kuenstlerin aus dem Verschlag.

Die hielt sich mit beiden Haenden fest an der Tuer. Die Tuere schlug zu.
Zwei Vasen mit Binsen und Klatschmohn fielen zerschellend hoch vom
Buefett. Nettchen, der Dackel, schoss, ein fauchendes Krokodil mit
zwei Reihen Saegezaehnen, hervor aus den Sofafransen.

Die Maedel kreischten. Flametti, im Hemd, mit haarigen Beinen, drang
aus dem Hauptfrauzimmer.

"Was gibt's denn da?" riss er die Sklavin der Hauptfrau weg.

"Hier gibt's eine Kindsleiche, wenn sie nicht rauskommt."

"Hilfe! Hilfe!" schrie Traute, als sei ihr der Hals bereits
abgeschnitten, und rannte zum Fenster.

"Bist du ruhig!" drohte Flametti mit aufgeblasenen Backen. Schon war
die ganze Nachbarschaft an den Fenstern. Eine Scheibe klirrte.

"Raus kommt sie!" arbeitete Jenny.

"Willst du ruhig sein!" schaeumte Flametti, ergriff das Brotmesser,
das auf dem Tisch lag, und ging auf die Frau los.

"Hilfe! Hilfe!" Jenny stiess auf der Flucht mit dem Kopf an den
Spiegelschrank. Nettchen, gurgelnd und seibernd, sprang hoch an
Flamettis Brust und verbiss sich im rot-weiss gestreifelten
Baumwollhemd.

Flametti kam zur Besinnung und liess das erhobene Messer sinken.

"Machst du jetzt, dass du hinauskommst!" funkelte er Traute an und
bedeutete ihr mit dem Zeigefinger den Weg.

Und Traute, entsetzt, in die Enge getrieben, lief heulend ueber das
Plueschsofa, am Rocke den wuetenden Hund nachschleifend, nahm einen
viertel Fusstritt Flamettis mit, schrie Zeter und Mordio, rannte die
Treppe hinunter zur Strasse, und lief, was sie laufen konnte.

Die Mittagstafel war schlecht besucht. Auch die Haeslis fehlten. Sie
hatten Kontrakt gemacht mit Ferrero, gestern noch spaet in der Nacht,
nach dem "Schackerl", und fanden es nicht uebertrieben, Flametti
Adieus zu ersparen.




V




Herr Meyer sah aus wie Friedrich Haase als Richard der Dritte. Man
fuhr nach Basel. Herr Meyer sah aus, als sei er, Herr Meyer,
verantwortlich fuer diese Partie. Man fuhr zu Herrn Schnepfe nach
Basel, und dieser Herr Meyer sah aus, als sei's eine Fahrt nach dem
Feuerland.

"Sehen Sie mal, Herr Meyer", sagte Flametti, "ich kenne doch
Schnepfes Lokal. Keine Sorge! Wochentags leer. Aber Sonntags
brillant. Und jetzt zur Messzeit, mit unseren Schlagern...! Das
Wichtigste ist: man muss ihm den Schneid abkaufen, dem Schnepfe. Von
vornherein. Gar nicht aufkommen lassen. So und so sieht es aus bei
uns. Das und das brauchen wir.--Grosses Lokal bei den Schnepfes.
Prachtvolle Zimmer. Guter Kontrakt."

Aber Herr Meyer schien seine Bedenken zu haben. Er hoerte kaum zu.
Rauchte 'ne Zigarette und spuckte wegwerfend durchs Coupefenster.

"Sehen Sie mal", sagte Flametti und tippte die Asche weltmaennisch auf
die vorbeisausende Landschaft, "wir haben: die "Indianer", den
"Harem", den Friedhofsdieb", den "Mann mit der Riesenschnauze", die
"Nixen", die "Ausbrechernummer"...." Er zaehlte das alles an den
Fingern her.

"Die "Indianer"?" warf Herr Meyer ein.

"Na ja, die "Indianer"."

"Wieso die "Indianer"?"

"Na: ich, meine Frau, die Soubrette und Rosa."

"Schoene "Indianer"!" meinte Herr Meyer. Ihm konnt' es ja recht sein.

"Was wollen Sie?" meinte Flametti, "genuegt das nicht?" Er wurde
heftig. "Jawohl! Werde mir fuenf Soubretten engagieren! Zehn
Lehrmaedel dazu!"

"Feine Stadt, Basel!" rief Jenny mit erhobenem Zeigefinger und
entnahm ihrer Handtasche zwei Schinkenbrote. "Gelt, Max, auf die
Mess' gehen wir? Und die Kavaliere bringen uns Leckerli?"

"In Basel gibt's doch die Leckerli", erklaerte sie Fraeulein Laura, die
ebenfalls skeptisch schien. "Solchene Tueten bringen sie an!" Sie
zeigte eine Tuetengroesse von reichlich einem halben Meter. "Und einen
zoologischen Garten gibt es: Wildschweine, Strausse, Giraffen! Feine
Stadt!"

Fraeulein Laura schien ganz Ohr. Nervoes sah sie von Flametti zu Meyer,
von Meyer zu Jenny.

"Der Herr Meyer meint, das Repertoire reiche nicht aus", laechelte Max
zu Jenny.

"Nimm ein Schinkenbrot, Max!"

Herr Meyer spuckte wegwerfend und finster. Und Jenny fuehlte sich
verpflichtet, deutlichere Begriffe zu geben von dieser gesegneten
Stadt.

"Und der Rhein ist da", sagte sie kauend im huebsch ansitzenden
Reisekleid, "und die Polizei ist sehr streng. Papiere und
Heimatschein, da darf nicht das Tuepfel fehlen. Wenn dort eine auf
der Strasse geht: zwei Tage. Schon ist sie weg."

Stosshaft belustigt spuckte Herr Meyer. Doch seine Skepsis war
abgruendig finster. Jeder Versuch, ihn aufzuhellen, schien vergebens.
Und Fraeulein Laura zuckte nervoes mit den Augenlidern. Sie schien
sich gar nicht zurechtzufinden.

Engel langte die Sachen herunter aus dem Gepaecknetz. Bobby sah nach
der Uhr und griff die Plakate. Rosa bemuehte sich um den Kaefig der
Turteltauben.

"Ist's schon so weit?" fragte Jenny erstaunt und steckte ihr
Schinkenbrot halb in den Mund, halb in die Reisetasche.

"Basel!" bestaetigte Flametti.



"Ah, das ist recht!" rief Frau Schnepfe, als das Ensemble eintrat.
"Das ist recht!" und drehte an ihrem Ehering. "Guten Tag! Guten Tag!
Guten Tag!" und gab jedem einzelnen die Hand.

"Salue!" gruesste Flametti, "da sind wir!" und blieb mit Reisetasche und
Regenschirm ostentativ inmitten der Wirtsstube stehen, als wolle er
sagen: jetzt geht der Kontrakt an. Jetzt habt ihr zu sorgen fuer uns.

Frau Schnepfe bekam einen gelinden Schreck. Und die Soubrette, als
"Stimmungsmacherin" angezeigt, nahm sogleich einen Stuhl, ganz
erschoepft von Influenza, stuetzte den Kopf auf und begann
einzuschlafen.

"Wo ist der Beizer?" fragte Flametti forsch.

"Fritz!" rief Frau Schnepfe in irgendein Kellerloch, "da sind sie.
Komm einmal rauf, die Artisten sind da." Und Engel und Bobby
stapelten das Gepaeck auf, schleppten den grossen Koffer herein.

Da kam auch Herr Schnepfe zum Vorschein, blinzelnd und etwas verrusst
von der Kellerarbeit.

"Salue Max!" gruesste er mit salopp geschwungener Schneidigkeit und
bloedem Gesichtsausdruck. Er trug eine Schnurrbartbinde, war klein
von Gestalt, und es fehlte der Kragenknopf.

"Salue Fritz!" gruesste Flametti souveraen und stellte den Handkoffer ab.
Herr Schnepfe sah aus, als sei ihm nicht wisslich, um was es sich
handle.

"Das ist die Frau", stellte Flametti vor, "das ist die Soubrette, das
der Pianist, das die Rosa. Das der Engel und das unser Herr Bobby."

"Frueh auf den Beinen!" meinte Herr Schnepfe.

"Schweinskopf mit Senf", portraetierte Engel, indem er den Koffer zum
andern Gepaeck hinschob.

"Alles parat?" fragte Flametti militaerisch.

"Alles parat!" rapportierte Herr Schnepfe, die Hand an der Hosennaht.
Den Scheitel hatte er sich mit Wasser und mit Pomade
zurechtgeplaetscht. Doch straeubten sich seine Borsten.

"Wo sind denn die zwei andern Fraeulein?" erkundigte sich Frau
Schnepfe freundlich und suess.

"Kommt Ersatz!" troestete Flametti und hing nun auch seine Schirme auf.

"Na, dann zeig' mal die Zimmer!" gebot Herr Schnepfe und zog sich mit
einem kommissartigen Ruck die Kellerschuerze ueber den Kopf.

"Wollt ihr nicht erst einen Kaffee trinken?"

Oh, das war eine freundliche Frau Schnepfe! Oh, die war nett!

"Oh ja", nickte Jenny mit ihrem suessesten Laecheln und gab der Frau
Schnepfe das Reiseplaid. Die gab's einer Kellnerin weiter.

Flametti nahm Rosa die Tauben ab, hing seinen Hut an den Haken und
nahm seine "Philos" heraus.

Die Kellnerin brachte Helles. Herr Schnepfe hantierte am Bierhahn,
gab seine Befehle. Jenny ging mit Frau Schnepfe die Wohnung besehen.
Und man war angekommen.

Nachmittags ging man zur Polizei, von wegen der Anmeldung. Die Stadt
war grau. Hohe Haeuser, elektrische Strassenbahnen. Regenwetter und
Nebel.

Das Polizeihaus war ein efeuumwachsener, burgaehnlicher Bau. Der Weg
hinauf fuehrte vorbei am Gefaengnis. Ein Straefling sah mit
verwildertem Kasperlgesicht durchs Eisengitter herab auf die Strasse.
Schweigend ging man vorbei, gedrueckt, wie Katholiken voruebergehen am
Kreuz. Man nimmt seinen Hut ab.

Der Rueckweg fuehrte vorbei an der Messe. Das elektrische Karussel war
in vollem Betrieb. Eine blau gestrichne Karosse kam, zitternd und
rasselnd, in majestaetischer Fahrt aus dem Tunnel. An der Stirnseite
des Wagens prangte ein Seeweibchen, Bruststueck. Das schlug die
Tschinelle. Rot waren die Backen, weiss ihre Brueste gelackt. Stolz
flog sie dahin und zog einen ganzen Schwarm hochfarbig lackierter
Wagen aus dem Tunnel. Die Dampfpfeife schrillte.

Herrn Schnepfes Varietelokal war unschwer zu finden. Wenn man oefters
den Weg machte, fand man es spielend. Bei einem grossen Bankhaus
schwenkte man ab nach rechts, in die Vorstadt. Vor dem Haus stand
ein Brunnen mit grossem Bassin voll grasgruenen Wassers. Darueber der
heilige Bartholomaeus, aus Stein gehauen, mit segnenden Haenden. An
den Fenstern hingen Flamettis Plakate. In der Strasse, am Abend,
schaukelte blau eine Bogenlampe.

Die Zimmer waren ein wenig kalt und schreckend im ersten Moment.
Mattscheiben und die gekalkten Waende erinnerten barsch an
Krankenbaracken in einem Gefaengnisbau. Doch waren sie teilweise
huebsch mit oefen versehen und geraeumig, ebenso wie das Konzertlokal.

Zwei ineinandergehende Kammern gleich ueberm Wirtslokal bekamen
Flametti und seine Frau, nebst Rosa. Eine Kammer im dritten Stock
die Herren Engel und Bobby. Ein Dienstmaedchenzimmer im Seitenfluegel
Herr Meyer und Fraeulein Laura.

"Sagen Sie nur", meinte Frau Schnepfe zu Jenny, "warum haben Sie nur
die zwei netten Fraeulein nicht mitgebracht?"

"Ach, Frau Schnepfe", winkte Jenny ab, "Sie haben ja keine Ahnung,
was in unsrem Beruf alles vorkommt: Die eine hab' ich entlassen
muessen--schlimme Geschichten! Die andre hat man mir abgenommen."

"Abgenommen?"

"Ja, denken Sie sich: die Mutter kam mir ins Haus und sagte, sie
dulde nicht laenger, dass ihre Tochter Artistin ist. Wegen der Kerls."

"Was Sie nicht sagen!"



Die Vorstellungen waren nicht gut besucht. Trotz pomphafter
Vorreklame. Ein Dutzend Leute sassen wohl in den Ecken. Aber sie
"jassten" und liessen sich weiter nicht stoeren. Keine Hand ruehrte sich,
wenn eine Nummer zu Ende war. Keine Miene verzog sich.

"Man muss sich einleben", meinte Flametti. "Es muss sich herumsprechen,
was wir zu bieten haben. Nur keine Sorge! Kommt schon."

Herr Meyer musste sich jedenfalls bald ueberzeugen, dass die "Indianer"
auch ohne Guessy und Traute gingen.

"Sehen Sie", sagte Flametti, "Basel ist eine ernste Stadt. Religioes.
Das vornehme Buergertum klatscht nicht gern. Lassen Sie uns etwas
Ernstes bringen, den "Friedhofsdieb", und wir haben ein volles Haus."

Also bekam Engel die Rolle der Zeugin Emilie Schmidt im
"Friedhofsdieb", was Frau Haesli frueher zu spielen hatte, und lief
tagsueber ungluecklich zwischen den Tischen und Stuehlen umher und rang
mit dem Ausdruck.

Herr Meyer aber blieb skeptisch. Auch die Wirtsleute gefielen ihm
nicht.

Ihm war nicht entgangen, dass Herr Schnepfe auf seinem Glasdach einen
Wurf junger Wolfshunde aufzog. Die heulten dort naechtlich herum,
wenn die Ratten ueber das Dach wegstoben.

Eine innige Antipathie empfand Herr Meyer gegen Herrn Schnepfe. Auch
diese Frau, Frau Schnepfe, gefiel ihm nicht. Ihr gedrehtes Wesen
belaestigte ihn. Herr Meyer war ein Poet. Wie sollte das Publikum
Zutrauen fassen, wenn die blutleckenden Wolfshundsbestien mit ihren
Haengeschwaenzen das Haus durchstrichen und jedermann an den Waden
schnupperten; wenn die gedrehte Frau Schnepfe auf ihre gedrehte Art
"Guten Morgen!" sagte und einem die Hand gab, geziert-religioes, wie
Nonnen sich in der Kirche an Fingerspitzen das Weihwasser reichen!

Flametti aber versuchte es analytisch.

"Was ist Bloedsinn?" philosophierte er in dem "Mann mit der
Riesenschnauze". "Bloedsinn ist: wenn das Kind keinen Kopf hat.
Bloedsinn ist aller Jammer der Welt. Bloedsinn ist die Enttaeuschung
der Seele, die Quintessenz der Melancholie. Bloedsinn ist ueberhaupt
ein Bloedsinn."

Das war Herrn Meyer so recht aus der Seele gesprochen. Das loeste
seine Komplexe. Doch auch Erkenntnis vermochte die Basler nicht
aufzuheitern.

Mit ringfoermigen Fischaugen sassen sie da, tranken ihr Bier aus,
zahlten und gingen. Die Soubrette hatte ein wenig Erfolg. Das Ganze
schien hoffnungslos.

"Alles nichts", sagte Jenny, "wir muessen Artisten haben!" Und eines
Tags bei Tisch verkuendete sie dem erregten Ensemble: "Neue Artisten
kommen. Vornehme Artisten. Kinder, da muesst ihr euch fein benehmen!"

Zwei Tage spaeter war's auch schon da. Die Tuer ging auf. Ankamen die
neuen Artisten. Herr Leporello und Lydia, Herr Leporello und Lotte,
Herr Leporello und Raffaela, nebst vielem Gepaeck, darunter auch
Eisenstangen.

Das war ein Getue! Das war ein Geschmatze! Das war die lauterste
Seligkeit!

Lottely hinten, Lottely vorne! "Gut, dass ihr da seid!"--"Trinkst du
Helles, Lepo?"--"Wollt ihr einen Kaffee trinken?"--"Wie geht es der
Mutter?" und was dergleichen Begruessungsformalitaeten mehr sind.

Sogar Herr Meyer taute jetzt auf. Leben und Lebensart kamen ins Haus.
Die Reserviertheit Schnepfes verfing nicht mehr.

Und diese Nummern! Drahtseilakt und Czardas. Spitzentanz,
Matschiche und Drehbarer Unterleib! Ein wirklicher Zuwachs!
Akquisition! Das liess sich hoeren!

Auch die neuen Artisten wurden untergebracht: Zimmer Numero 6 und 7.
Engel und Bobby beschaeftigten sich mit dem neuen Gepaeck und den
Eisenstangen. Herr Leporello gab Anweisungen. Und man begab sich
zur Polizei.

Eine Stunde spaeter schon waren fuer Raffaelas Drahtseilakt im Parkett
quer vor der Buehne die Stuetzen befestigt, die Zeitungsannonce war
aufgegeben, und der Erfolg war freundlichst gebeten, sich einzufinden.

Kam auch. Gleich der erste Abend gab einen hohen Begriff von den
Faehigkeiten der neuen Artisten. Die Kostueme waren zwar etwas
zerknittert. Sie hatten zu lange im Korb gelegen, und von Frau
Schnepfe war kein Buegeleisen zu erhalten. Auch missglueckte Herrn
Leporellos "Drehbarer Unterleib", weil Lepo zu Mittag infolge der
langen Bahnfahrt zuviel gegessen hatte.

Aber Raffaelas "Matschiche auf dem hohen Seil" mit japanischem Schirm
und im Himbeertrikot--Teufel, hatte das Frauenzimmer Schenkel!
--ermunterte selbst die griesgraemigen Basler. Und als Fraeulein Lydia
Czardas tanzte--verflucht noch einmal! Sie schlug auf das Tamburin
und ging mit pferdhaftem Posterieur stampfend und taenzelnd gegen die
graetschende Schwester los--, da gab es auch bei den Baslern keine
Bedenken mehr: laut und vernehmlich klatschten sie.

Am naechsten Abend gab es schon Ehrengaeste: Herr Bums-die-Lerche, der
Komikerkoenig, und Fraeulein Nandl, das Wunder der Taetowierung, welch
letztere im Haus des Herrn Schnepfe auch wohnte, der guten Adresse
wegen.

In den naechsten Tagen brachte Raffaela als Neuheit ihren
"Spitzentanz"--immer auf den Fussspitzen, nach der Melodie:


"Fruehling ist's, die Blumen bluehen wieder,
Suess berauschend duftet jetzt der Flieder",


immer auf den Fussspitzen; die Pointen markiert durch ein
Hochschnellen des Koerpers, die Arme mit grazienhaft hinauf--und
hinuntergebogenen Handflaechen ausgebreitet; immer so:


"Alle Voegel jauchzen, jubeln, si-hi-ngen,
Die Natur scheint neu sich zu verjue-hi-ngen."


Und Herr Leporello, wenn er eklatante Beweise seiner trommlerischen
Begabung bei der Begleitmusik abgelegt hatte, produzierte sein
"Teufelskabinett", bei dem er unter Zischen und Pfeifen auf einer
Sirene, mit zusammengelegten Gliedern durch einen Schornstein aus
Pappkarton, den Lydia festhielt, borstig herniederfuhr.

Wenn aber Herr Leporello Sonntags seinen komischen Teufelsakt
brachte--er erschien dann als eine infernalische Klatschbase im
Korsett, einen Kamm in der Peruecke, das Hemd hing ihm hinten heraus
und der Rock aus Sackleinwand, mit roten Litzen benaeht, war ihm zu
kurz--, dann spielte sich in seinen Mienen eine so diabolische
Einfaeltigkeit ab, dass der Kontrast zwischen seinen gespreizten
Zirkusposen und dem dargestellten Objekt die Zuschauer zu hellem
Grinsen entflammte.

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