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Annual Bibliography of Commonwealth Literature 2007
This paper argues that discourses of love in Ghanaian market literature for youth offer a view into complex negotiations of agency and empowerment. Drawing on Deborah Durham's notion of youth as "social `shifters'" and Francis Nyamnjoh's conception of the "interconnectedness" of agency, I take Ghanaian market literature as one specific case of how African literature for youth foregrounds questions of continuity and change as African societies enter into increasingly complex global relations. In this literature for youth, received notions of love, often constructed out of impressions from American pop and hip hop music, carry new notions of agency that compete with existing "domesticated" forms. Authors like Ike Tandoh and Evelyn Tay employ discourses of love to offer youth alternative avenues for empowerment in a context of socio-economic disenfranchizement. In a creative process of "straddling", this writing both reveals and reproduces the contradictions that obtain in youth configurations of agency.

Flametti

H >> Hugo Ball >> Flametti

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"Sie werden dieses Ensemble sehen und ergriffen sein. Sie werden uns
staunend Ihren Bekannten rekommandieren, wenn es Ihnen gefallen hat.

Sie koennen sich denken, dass solche Ausstattungspiecen bei den
heutigen Zeiten fast unerschwinglich sind. Sie werden befuerchten,
dass eine Extrakassierung stattfinden wird. Nichts von alledem! Wir
kassieren wie sonst. Ohne Extraeerhebung. Dafuer hoffe ich aber, dass
auch Sie sich erkenntlich zeigen und ein wenig tiefer in den
Geldbeutel greifen. Besonders die "Galerie". Bei der Kassierung
bleibt die Toilette geschlossen.

Wir beginnen also jetzt mit dem Eroeffnungslied. Mister Bobby wird
Ihnen sodann seinen neu einstudierten Kautschuk--und Exzentrikakt
vorfuhren."

Er trat zurueck. Freundlicher Beifall erhob sich: man dankte fuers
Arrangement.

"Sehr huebsch", sagte Donna Maria Josefa ueberrascht zu Herrn Leporello,
demselben Herrn Leporello, den Jenny morgens im Gespraech mit
Raffaela als Direktor bezeichnet hatte.

Mister Bobby, der Exzentrikmann, war inzwischen ebenfalls erschienen,
in schillerndem Eidechsenkostuem; einen hellbraunen, vom Regen
verwaschenen Sommerpaletot ueber den Schultern, Zigarette rauchend.

Man diskutierte die zart gesetzte Rede Flamettis und stimmte allseits
darin ueberein, dass Flametti in solchen sarkastisch-sachlichen Gaengen
unuebertroffen sei.

Der Ausfall gegen das Jodlerterzett, bei aller Anerkennung der
Haeslischen Leistungen, bildete eine ganz besondere Sensation.
Solcherlei Ausfaelle liebte Flametti. Sie erweckten im Zuschauerkreis
ein Interesse, das ueber die rein artistische Leistung hinaus die
Person des Artisten auch von der menschlichen Seite ins Auge fasste.
Sie boten Flametti Gelegenheit, zu privaten und haeuslichen Dingen
summarisch Stellung zu nehmen. Der Vortrag vor oeffentlichkeit und
Gesellschaft wurde in seinen Haenden ein starkes Mittel, die Seinen an
exponierter Stelle im Zaume zu halten.

Frau Haesli war denn auch reichlich aufgebracht.

"Flametti!" stellte sie ihn zur Rede, "das war nicht noetig! Das
haben wir nicht verdient um euch. So eine Blamage! Ich hab' nun
gesehen, wie man mit uns verfaehrt. Ich habe nie noetig gehabt, im
Haeuschen zu sitzen!",--das war eine Anspielung auf Jennys
Vergangenheit--, "na, gut, dass ich's weiss."

Hastig strich sie sich die Loeckchen aus der Stirn.

"Jenny", rief sie, "das haette ich nicht erwartet. Pfui Teufel. Da
sieht man's!"

Auch Haesli fand solche Manier despektierlich. Er spuckte aus. Sagte
aber nichts. Rosa feixte.

Es war keine Zeit, sich aufzuhalten.

"Fort, Kinder! Anfangen, anfangen!" draengte Flametti. "Engel, den
Vorhang! Fertig? Herr Meyer!"

Die Maedel rannten hinter die Buehne. Flametti stuerzte sein Helles
hinunter. Der Zwergpintscher auf Fraeulein Amaliens Busen klaeffte,
weil ihn Amalie kitzelte. Die Rosenlauben schwankten. Das Publikum
rueckte gespannt auf den Stuehlen.

Klingelzeichen. Der Vorhang ging auf, und in einer Reihe standen:
Jenny, Rosa, die Soubrette, Fraeulein Guessy und Fraeulein Traute; alle
in Tangokostuemen. Rot, blau, gruen, gelb, violett die Schleifen im
Haar. UEberflutet von Buehnenlicht. Ein zaertlicher Anblick.

Die hochgeschminkten Gesichter strahlten. Die fuenf Paar Beine in
farbigen Seidenstruempfen standen adrett geschlossen, Kadettenbeine.
Die duftigen Haenger in suessen Farben stuetzten kokett die baumelnden
Lockenkoepfe.

Mehr oder weniger Busen sog sich voll Luft. Herr Meyer schlug den
Akkord an. Die ziegelrot uebermalten Muender oeffneten sich, und ein
Fruehlings-Begruessungsmarsch erfuellte die Buehne, das Publikum und die
Rosenlauben mit unternehmendem Marschrhythmus:


"Freunde, rasch voran, lasst die Becher kreisen!
Heiter immerdar Lieb' und Jugend preisen.
Freude nur allein kann das Leben schoenen.
Schenket Kraft, spendet Mut, macht die Alten jung."


Der Beifall wurde lebhaft. Das Orchester richtete seine Instrumente
und die Notenblaetter her fuer die zweite Unternehmung. Das Publikum
kam in Stimmung.

Glaeser klapperten. Stimmen schwirrten. Satzfragmente zerknaeulten
sich im Zigarettenhimmel. Die Kellnerinnen riefen einander zu und
Herr Schnabel legte die Hand an die zurueckfliehende Stirn wie ein
kleines Dach und uebersah das Gewuehl. "Mehr Stuehle!" Man schleppte
noch Stuehle herbei.

Die Kassierungen kamen herein: Glaenzend! Exzentrik-, Zauber-,
Gesangs--und Ensemblenummern loesten einander ab in wohlarrangierter
Steigerung. Zwischenmusik: die Kapelle des Herrn Fournier.

An der Kasse aber sass einheimsend Jennymama, Silber--und Kleingeld
ordnend, Fuenffrankenscheine wechselnd, die ankommenden Muschelschalen
ihrer kassierenden Damen so distinguiert in die Kasse kippend, als
fuerchte sie, sich die Finger zu netzen.

Und als Fraeulein Amalie mit dem Pintsch so nebenhin fragte: "Gutes
Geschaeft?" erhielt sie die sehr reservierte Antwort: "O ja!"

Frau Schnepfe, obgleich es ihrem Geschaeftsinteresse zuwiderlief,
konnte sich nicht versagen, anzuerkennen, wie huebsch der Saal
arrangiert, wie interessant das Programm und wie tuechtig Herr
Fournier sei.

Und Traute nahm die Gelegenheit wahr, sich ein wenig zu beschaeftigen,
indem sie Frau Schnepfes Halsboerdchen schloss, dessen mittlerer
Druckknopf entgegenkommenderweise verbogen war und allen Versuchen,
ihn mit der Nabe zu einem Ganzen zu vereinigen, beharrlichst
widerstand.

Was fuer einen langen Hals die Frau Schnepfe hatte! Und wie sie nach
"Wurmsamen" roch!

Mittlerweile hatte nun Jennymama ein Portemonnaie da, nahm eine
Handvoll Silber, tat es hinein, stand auf, ging zu Herrn Meyer ans
Klavier und sagte:

"Lieber Herr Meyer", fluesternd, "ach, nehmen Sie doch mein
Portemonnaie zu sich bis nachher! Es stoert mich beim Umziehn. Ich
habe keine Tasche im Kleid. Gell ja?" Und legte Herrn Meyer
vertraulich die Hand auf die Schulter.

Und Herr Meyer steckte das Portemonnaie zu sich, ohne viel Worte zu
machen, und wischte die schweissenden Tasten ab.

"Dank' Ihnen!" sagte Jennymama, "puh, welche Hitze!" und streckte
sich im Korsett, dass das Fischbein knackte, und setzte sich wieder
zur Kasse.

Und Traute stand auf, unauffaellig, duckte sich, schlich zu Flametti
und raunte hastig mit fliegenden Augen an ihm empor:

"Man nimmt Geld aus der Kasse!"

"Wer?"

"Jenny!"

"Dann gib acht, wieviel sie nimmt!"

Und Traute fuehlte: Triumph!, setzte sich harmlos wieder zur Kasse und
begann ein Verlegenheitsspiel mit Amaliens Seidenpintsch.

Jenny fiel auf, dass die nicht von der Stelle wich.

"Zieh' dich um!" rief sie, "die "Nixen" kommen!"

"Ist noch Zeit!" flegelte Traute sich hin, "erst kommt ja noch Engel!"

Kam auch. Mit seiner Ausbrechernummer.

"Sie sehen hier eine Kiste...", rief Flametti auf der Buehne und
klopfte mit einem Hammer eine grosse quadratische Holzkiste ab. "Aus
solidem Holz", und drehte die Kiste nach allen Seiten. "Stand auf
dem Hofe der Firma Maulig & Kopp bis gestern. Kein Schwindel! Innen
fest, aussen fest. Keine Einlagebretter! Keine Vexierwand.--Ich
werde Monsieur Henry (das war Engels Buehnenname) in diese Kiste legen.
..." Engel war bereits gefesselt und in einen Sack eingenaeht...
"Ich werde die Kiste verschliessen!"... er legte den Deckel drauf...
"Sie selbst, meine Herren", zum Publikum gewandt, "werden die Kiste
vernageln."

Eine Bewegung ging vor sich im Publikum. Mutter Dudlinger kam; spaet,
doch sie kam; in Begleitung des ihr ergebenen Herrn Pips, der von
Beruf ein Student war.

Man musste aufstehen, damit Mutter Dudlinger durchkonnte. Man wurde
gestoert, weil droben gerade der interessanteste Teil der Nummer
verhandelt wurde. Man nahm aergernis, machte Bemerkungen, ward
unwirsch.

"Setzen!" rief man von hinten.

"Ruhe!" rief man von vorne.

Mutter Dudlinger stand eingepfercht in der Mitte, gutmuetig laechelnd,
Popoansaetze am ganzen Koerper, gestuetzt auf den Regenschirm. Vom
Velvethut nickte die goldene Troddel. Vom Antlitz tropfte die
Anstrengung. Am Korsett stieg ihr der Rock hoch, weil sich der Leib
darunter, von rechts und links eingezwaengt, nicht anders zu helfen
wusste.

Warum kam sie auch so spaet?

Weil sie zu den Eingeweihten zaehlte. Weil sie wusste, dass vor halb
zehn Uhr nichts von Belang gegeben wurde, was sie nicht kannte.

"Sie selbst, meine Herren", betonte Flametti mit ingrimmig rollenden
Augen und einem vielsagenden Blick auf den "Frauenverein", von dem
einmal wieder die Stoerung kam, "sie selbst, meine Herren, haben
Gelegenheit, die Kiste zu pruefen, den Deckel daraufzunageln."

Jenny winkte Mutter Dudlinger zu, unterdrueckt, aber deutlich:

"Hierher, Mutter Dudlinger, hier gibt es noch Platz!" und deutete
dabei auf einen freigewordenen Stuhl in der ersten Laube, die an den
Kuenstlertisch grenzte.

Aber Mutter Dudlinger blieb stehen, laechelnd ob soviel Guete. Mit dem
schwitzenden Zeigefinger luepfte sie eingegergelt das samtene
Kropfband. Mit dem Regenschirm gab sie Erklaerung, sie wolle lieber
an Ort und Stelle warten, bis diese Nummer vorueber sei.

Herr Pips seinerseits versuchte mit ploetzlichen, wohlorientierten und
freudige ueberraschung bekundenden Gesten Jennymama zu bedeuten, der
Herr Krematoriumfritze saesse ja ganz in der Naehe, und ihm, dem Herrn
Pips, sei es unverstaendlich, wie Jennymama bei der langweiligen Kasse
sitzen koenne, statt hier, hier, hier bei dem Krematoriumfritze.

Der Herr Krematoriumfritze aber verleugnete voellig jedes Interesse.
Breitknochigen Angesichts sass er finster vor seinem Veltliner,
Zigarre rauchend, und tat, als ob er die Jenny nicht saehe noch sehen
wolle, heimlich doch gar voll schnackelnder Gedanken.

Es ist so schwer, Gefuehle bemerkbar zu machen. Am besten, man tut,
als habe man keine, noch irgendwelche Absichten. Moeglich auch, dass
sein ingrimmiger Ernst von seinem Beruf herruehrte. Wenn man jahraus,
jahrein Leichen verbrennt, kann man nicht ohne weiteres und im
Handumdreh'n das Gehaben finden, das eine Primadonna bestrickt.
Deren in Fleischeslust bebende Schwanenbrust hatte er laengst
bemerkt--so mal seitwaerts--, und wieviele Fuenfliver er in der Tasche
hatte, wusste er auch.

Und Herr Pips wieder seinerseits, der dies missverstand, suchte Herrn
Naumann--Friedrich Naumann hiess der Herr Krematoriumfritze, genau wie
der deutsche Nationaloekonom--diskret auf Jennymama hinzulenken,
ebenfalls mit Gesten. Doch gelang es ihm nicht, ein gegenseitiges
Verstaendnis zu erzielen.

"Sie sehen", sagte Flametti und stuerzte die Kiste, "die Kiste ist
voellig geschlossen."

"Wissen wir schon!" sagte Herr Pips halblaut und winkte ab mit der
flachen Hand.

Die Gaeste seiner Umgebung wussten sofort: der gehoert zur Familie. Und
dem war auch so. Herr Pips war der erklaerte Freund der Artisten,
haeufigster Gast Mutter Dudlingers und der Flamettis. Er bezog einen
Monatswechsel von dreihundert Franken.

Es kam, wie es kommen musste: auch diese Piece war schliesslich zu Ende.
Man machte Platz und Mutter Dudlinger und Herr Pips fanden
Unterkunft in der Rosenlaube, wo sich Herr Pips sofort unbehaglich
fuehlte, weil er nicht nach Wunsch Fuehlung nehmen konnte.

Das Orchester spielte den Hindenburgmarsch, breit, wuchtig und forsch,
wie es der Denkungsart dieses obersten Heerfuehrers entspricht, als
eben mit ihrem Impresario Miss Ranovalla de Singapore eintrat, ein
siamesisches Gegenstueck zu Mutter Dudlinger, schwarz von Gesicht, ein
zinnoberrotes Maentelchen um die Schultern gehaengt, aufgeputzt wie ein
Affe.

Und das Haesliterzett sang soeben das "Schackerl", als wie auf
Verabredung auch Herr Direktor Ferrero erschien, der heute abend
nicht spielte.

Einige Gaeste, die zur Bahn mussten, standen auf. So bekam er rasch
Platz, abseits vom Kuenstlertisch.

"Schackerl, Schackerl trau di net!" gingen Mutter und Tochter singend
mit neckischem Mienenspiel und erhobenem Zeigefinger auf den
ungluecklich die Mitte behauptenden Haesli los.

"Trau mi net", erwiderte Herr Haesli aengstlich und sehr verschuechtert,
aber mit einem ploetzlichen Aufschauen und Horchen, das unsagbar
drollig wirkte.

"Hoam zu deiner Alten", sangen Mutter und Tochter, indem sie ihn
ausspotteten.

"Dreahn ma lieber weiter no", sangen alle drei und fassten sich bei
den Haenden. Die Musik hielt drohend das "no" aus.

"Trink ma no an Kalten!" sank die Musik.

"An Kalten", wiederholte Herr Haesli mit aufleuchtendem Grinsen, und
persiflierte Bauerneleganz.

Die Liebenswuerdigkeit seiner Damen war bezaubernd. Sie waren so
recht in ihrem Element. Und Herr Haesli machte also doch "das Kalb".

Die Musik aber--hier begleitete nicht Herr Meyer, sondern das
Orchester--feierte eine Orgie.

Hoerner, Piston, Bassklarinett; Tuba, Trommel und Fagott schrieen,
zeterten, kreischten, groehlten. Die Schalloecher der Trompeten
stachen wie Sternwartenrohre nach allen Seiten gelb in die Luft; sie
spieen Musik. Die Augen der Blaeser verdrehten sich und drohten als
blanke Kugeln aus ihren Hoehlen zu fallen. Die Disharmonieen
zerfetzten einander. Und Herr Fournier, der fuer das Ganze
verantwortlich war, gebaerdete sich wie ein Wilder.

"Kriagst dei Murrer sowieso..."

"sowieso", nickte Herr Haesli vergelstert. Das ganze Lokal bruellte
mit: "sowieso". Die Damen kreischten auf, weil sie sich in einer
Eigentuemlichkeit ihres Idioms erkannt sahen.

"Tu' jetzt drauf vergessen", lenkten Frau Haesli und ihre Tochter ein;
mit ihnen die Musik, die ploetzlich zartest und pianissimo wurde.

"Lass dei Alte Alte sei!" johlte die Musik--Herr Haesli improvisierte
ein "Juhu!", das er mit einem Freudensprung begleitete, und schlug
sich auf sein nacktes Tirolerknie-"Die wird di net fressen."

"Net fressen", wiederholte Herr Haesli mit taeppischer Sorglosigkeit,
begleitet von der magenerschuetternd drohenden Basstrompete, die wie
der "Murrer" der Alten klang, so dass Herr Haesli entsetzt und mit
offenem Mund nach Herrn Fournier stierte.

Der laechelte. Das Publikum raste. Die Rosenhecken wackelten. Einem
Herrn fiel der Kneifer herunter. Der "Totenkopf" streckte die Beine
weit von sich und hielt sich den Leib vor Lachen. Annie bog sich vor
Lachen wiehernd auf die Seite zu ihrem Kavalier, dass sich die Koepfe
beruehrten.

"Hoh, hoh!" bruellte die "Galerie".

Flametti allein schmunzelte nur.

Und jetzt begann der Jodler:

"Hollo dero hi, hollo dero....", schnackelten, klatschten und
plattelten die drei auf der Buehne. Es war ueberwaeltigend. So ein
Erfolg war noch nicht. Unerhoert! Festrausch verbreitete sich. Das
war Stimmung!

"Jesses, Jenny!" rief Fraeulein Amalie voller Entzuecken und doch
kopfschuettelnd, "Trau mi net": wie er das singt! Wie er das singt!"

"Kassieren!" rief Jenny.

Rosa, Guessy und die Soubrette rannten mit den Muscheln.

"Los, kassieren!" schrie Jenny auch Fraeulein Traute zu, die noch
immer am Tische sass und nicht von der Kasse wich.

Fraeulein Amalie nahm die Gelegenheit der Pause wahr, einmal
hinauszugehen. Frau Schnepfe stand auf, um die Haeslis und Flametti
zu beglueckwuenschen.

"Gehen Sie doch selbst kassieren!" antwortete Traute gereizt, aber
schlicht.

"Gehst du kassieren oder nicht?" drohte Jenny unterdrueckt, um keinen
Skandal zu machen.

"Ich habe hier aufzupassen!" antwortete Traute.

"Was hast du hier?"

"Aufzupassen", sagte Traute. "Sie nehmen Geld aus der Kasse."

"Was tu' ich, Lumpenmensch?" knirschte Jenny und packte Traute trotz
Publikum und Konzert ueber den Tisch beim Kragen.

"Lassen Sie mich los!" rief Traute. "Ich habe den Auftrag,
aufzupassen. Ich habe gesehen, wie Sie dem Pianisten Geld zusteckten.
Ich kann aber jetzt auch gehen, wenn Sie wollen. Ich habe keine
Lust, mich von Ihnen misshandeln zu lassen. Sie werden das weitere
sehen. Sie sind abgesetzt. Sie machen fuer uns die Kassiererin
solange, bis wir uns eine andere nehmen."

"Max!" rief Jenny und fegte hinter die Buehne, "Max!" ganz hysterisch.
Das war ihr zuviel!

Man wurde aufmerksam, reckte die Haelse. Traute zuckte die Achseln,
mitleidig, und schnickte mit dem Kopfe.

Da spuerte Jenny eine Hand auf ihrer Schulter und drehte sich um. Der
Freund aus Baden stand hinter ihr.

Auch er war gekommen, soeben, hatten den Steifen noch auf dem Kopf,
den Regenschirm haengend am Arm. Schnurrbart kurz aufgekraeuselt.
Paletot zugeknoepft, Teilhaber der Firma Seidel & Sohn, Waesche engros.

"Na, was gibt es denn, Jenny?" fragte er ruhig, beguetigend.

"Ah, guten Abend!" fasste sie sich, "nichts weiter."

"Setz' dich doch her!" sprach er ihr zu, hing Paletot, Hut und Schirm
an den Haken, und setzte sich, seinen Smoking glaettend, zum
Kuenstlertisch.

"Nichts, nichts!" versicherte Jenny.

"Na, siehst du!" meinte Herr Seidel, stolz auf die Suggestion, die
auszuueben er sich befaehigt fuehlte.

Traute ging selbstgefaellig in die Garderobe. Sie hatte es ihr
gegeben, dieser Bordelldame.

Flametti kam und fragte ein wenig unsicher:

"Was gibt's?" und begruesste Herrn Seidel. Frau Haesli sass bei Direktor
Ferrero.

"Siehst du dort?" zeigte Jenny auf das verhandelnde Paar.

"Meinetwegen!" zuckte Flametti die Achseln. "Wer kassiert?"

"Rosa, Guessy und die Soubrette."

"Wo ist die Traute?"

"In der Garderobe."

"Gut!" sagte Flametti, sehr in Gedanken, und setzte sich, aufgedunsen
und abgehetzt, an Donna Maria Josefas Tisch.

"Das ist ja fabelhaft!" glueckwuenschte Herr Farolyi, der Kunstreiter,
und schob Flametti einen Kognak hin. "Na, ihr habt euch ordentlich
rausgemacht!"

"Jo!" meinte Flametti wegwerfend, stuerzte den Kognak, stand auf und
begruesste Miss Ranovalla.

Das Lokal war jetzt ueberfuellt. Wenn das Orchester spielte, verstand
man sein eigenes Wort nicht mehr.

Herr Arista war ganz vergebens bemueht, sich Geltung zu verschaffen.

"Nur immer raus damit, nur immer raus damit!" sang er in hohem
Diskant. Ein Schleppkleid trug er, reichlich mit Spitzen besetzt.
Seine Allueren waren von jener holzigen Grazie alttoskanischer
Edelfrauen.

Aber man hoerte ihn nicht. Vergebens kaempfte er gegen das laute
Interesse der animierten Habitues. Man sah nur die Gesten, die zu
besagen schienen, dass er sich uebergeben wolle. Man fand es degoutant.
So sehr Dandy war man schon, dass man die Aristokratie im grossen und
ganzen gelten liess. Es bedurfte so peinlicher Hinweise auf deren
Materialismus nicht, um ihn abzulehnen.

Es war indessen ein Missverstaendnis. Die Gesten des Herrn Arista
bezogen sich auf seinen Busen, ganz und gar nur auf seinen Busen, von
dem das Couplet von A bis Z handelte. Damen, Damen, Damen stellte er
dar. Aber eben: man verstand ihn nicht.

Herr Pips gab die Anschauung von sich, ein Damenimitator ueberhaupt
sei ihm widerlich. "Nicht Fisch, nicht Fleisch."

"Komm doch mit mir, mein Auto steht draussen!" arbeitete Herr Seidel
von der Firma Seidel & Sohn an Jenny, "mein Auto steht draussen. Du
brauchst nur einzusteigen."

"Umziehen! Indianer!" draengte Flametti vorn bei der Rampe.

"Jetzt kommt's!" sagte Engel zu Annie, einen Moment ueber ihren Tisch
gebeugt mit aufgestuetzten Haenden und ohne Ruecksicht auf den
zigarettenrauchenden Kavalier. "Na, es ist ein Erfolg!"

"Sehen Sie die kleine Soubrette?" sagte Frau Schnepfe zu Mutter
Dudlinger, "wie die kassiert! Die versteht's! Das ist ein Geschaeft!"

"Geschaeft glaenzend!" erwiderte Mutter Dudlinger, ganz verfettet, doch
freundlich sympathisierend. Flametti war ja ihr vorzugsweise
beguenstigter Protege.

Der "Totenkopf" und seine Schwester aber standen auf mit zwei
Kavalieren, die etwas wuest aussahen, und verliessen ostentativ das
Lokal. Ostentativ bezueglich einiger ihrer Kolleginnen, die denn auch
nicht ermangelten, den Abgang spitz zu glossieren.

"Mba, mba, mba!" droehnte die Musik.

Und Herr Direktor Farolyi vom Zirkus Donna Maria Josefa, ein
Pferdekenner wie kein zweiter, Flamettis erklaerter Freund, kam aus
der Garderobe, steifte sich auf vor der Rampe, klopfte ans Glas und
sprach:

"Meine verehrten Herrschaften! Sie erleben jetzt die Sensation
dieses Abends. Unser Freund Flametti wird Ihnen jetzt seine von St.
Rotter bearbeiteten "Indianer" vorfuehren. Gestatten Sie mir, mit
kurzen Worten meiner Freude ueber den wohlgelungenen Abend und meiner
Bewunderung fuer unsren verehrten Flametti Ausdruck zu verleihen.
"Die Indianer": welche Gefuehle durchwandern unsere Brust beim Klang
dieses Wortes! Welche Ahnungen entzuecken das Herz! Welche
Hoffnungen und Erinnerungen liegen darin begraben! Der Rausch
unserer Kindheit, die Freude unserer Mannbarkeit! Wer hoffte nicht
selbst, als Indianer die Gefilde unserer Heimat zu durchschweifen.
Wem zuckt die Hand nicht nach Feuerwasser, dem Bowiemesser, nach dem
Skalp unserer Feinde!..."

Die Damen laechelten hold. Die Augen ihrer Freunde blitzten
verstaendnisinnig, verlegen.

"Wir alle kennen die Namen unserer Unterdruecker. Ich brauche sie
nicht zu nennen...."

Herr Detektiv Steix, der auch von der Partie war, zog sein Notizbuch
heraus und notierte sich etwas.

"Wir alle lieben die Freiheit, die Pferde, den Wigwam, den Kriegspfad.

Das alles sehen Sie in den "Indianern", die unser verehrter Freund
Ihnen jetzt vorfuehren wird. Sie sehen sogar noch mehr. Rache und
Vergeltung im Jenseits.

Unterdrueckt von der brutalen Gewalt der Eindringlinge muessen sich die
Indianer verstecken in Urwald und Sumpf, zwischen Nattern und
Schlangen. Das sind wir, lieber Leser, das sind wir, teure Freundin.
Die Luft unseres stillen Quartiers wird mehr und mehr erfuellt von
den Klagen der Opfer, die sich die Polizei herausgreift. Das Volk
der Indianer geht dem Verfall entgegen.


"Doch dort oben in dem ew'gen Jagdgebiet
Singt der Indianer Volk sein Siegeslied",


und so schliesse auch ich mit dem Ausruf:


"Doch dort oben in dem ew'gen Jagdgebiet
Singt der Indianer Volk sein Siegeslied."


In diesem Sinne erhebe ich mein Glas und stosse an auf das Wohl und
Gedeihen, das Glueck und Genie unseres einzigartigen Flametti. Er
lebe hoch!"

Herr Farolyi, der Ungar, hatte sein Glas erhoben und leerte es in
einem Zug.

"Flametti, der Haeuptling, hoch! Flametti, Flametti!" tobte das
Publikum. Man stampfte und johlte...

Der Vorhang hob sich. Leer war die Buehne, und die "Indianer" fanden
statt.

Erst die Ouvertuere mit den worgelnden Donner--und Blitz-Akkorden.

Dann der Kriegspfad:


"Die Letzten von dem Stamm der Delawaren,
Die Kriegerscharen
Der Delawaren--"


Dann der zweite Vers:


"Wenn man das Letzte uns genommen,
Wenn unsre Besten umgekommen,
Ziehn Falkenaug' und Feuerschein
Zum grossen Geist dort oben ein.
Dann heben sich die Roten Brueder
Zu neuem Reich und Glanze wieder,
Und es erreicht das Blassgesicht
Fuer seinen Raub ein Strafgericht."


Dann der dritte Vers, den Herrn Farolyi als Ausklang zitiert hatte:


"Und dort oben in dem ew'gen Jagdgebiet
Singt der Indianer Volk sein Siegeslied.
Einmal wieder ziehn wir noch auf Kriegespfad,
Einmal noch, wenn der Tag der Rache naht."


Und die Lichter im Saal waren verdunkelt. Und die Indianer, Flametti,
Jenny, die Soubrette, Fraeulein Rosa, Fraeulein Guessy und Fraeulein
Traute schwenkten die roten Laternchen, in hohem Federschmuck, und
sangen so monoton-klagend, so herzergreifend-verschollen, dass
Fraeulein Amalien und Mutter Dudlinger die Traenen in die Augen traten;
dass Herr Meyer ploetzlich glaubte, er habe falsch gespielt, und
infolgedessen fuer einen Moment wirklich daneben griff; dass Engel beim
Vorhang seine Erregung nicht anders mehr bemeistern konnte, als indem
er zitternd eine Zigarette anzuendete; und Herr Farolyi, der wieder
bei Donna Maria Josefa sass, ein ueber das andere Mal ausrief: "Macht
er wirklich huebsch, der Flametti!"

Gewiss haette jetzt auch Herr Rotter seine Freude gehabt; denn die
Nasen, besonders die Flamettis, waren ueberraschend gut geklebt. Und
fuer den dritten Vers hatte sich Max eine so prachtvolle Apotheose
ausgedacht,--er allein stand aufrecht. Die Weiber knieten mit
gesenkten Koepfen und Lanzen um ihn herum. Dann sprangen alle auf,
ganz vor an die Rampe in eine Reihe, und drohten mit geschwungenem
Tomahawk--, dass auch der stumpfeste Batzenbengel solcher Auffassung
Unuebertrefflichkeit haette zusprechen muessen. Besonders die Damen
hielten sich ueber Erwarten gut.

Es war ein runder, glatter Erfolg.

"Flametti! Flametti! Feuerschein!" schrieen die , als
der Vorhang fiel und sich noch einmal hob.

Herr Farolyi in vehementem Enthusiasmus, ging klatschend bis vor die
Rampe. Donna Maria Josefa winkte mit Flatterhand. Mutter Dudlinger,
die so selbstlos den Fuenfzigfrankenschein vorgestreckt hatte,
strahlte ein Strahlen, das ueber das ganze Lokal hinstrahlte. Miss
Ranovalla de Singapore, speckiges Wunder, stand auf und liess ihre
beschatteten Augen schweifen. Sie empfand die Exotik dieser
"Indianer" als eine ihr ganz persoenlich gewidmete Ovation. Und
Flametti verbeugte sich baerig, laechelnd, mit leuchtenden Jungensaugen,
ob all dem Glueck und Erfolg.

Die Musik intonierte, wie auf Verabredung, den Missouristep, von
Engel mit selbstgefertigtem Plakat zu Bewusstsein gebracht. Bobby zog
seinen Sommerpaletot aus und parodierte in glitzernd zur Schau
gestelltem Eidechsenkostuem.

"Flametti! Flametti! Feuerschein raus!" tobte das Publikum immer
noch, und Flametti musste allein erscheinen. Kuehn, leuchtend und gross
stand er inmitten der Buehne, Delaware von Kopf bis zu Fuss, Held
dieses Abends, Wuerdentraeger und Haeuptling seines Reviers.

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