Flametti
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Aber Traute fand das gar nicht absonderlich. Weder dass sie sich
Locken wickeln wollte, noch dass sie Flamettis Teekanne dazu nahm.
Sie ging deshalb ruhig weiter mit der Teekanne, nach dem Verschlag,
um ihre Lockenwickler aus der Schieblade zu nehmen.
Jenny hatte sie aber auch schon eingeholt.
"Her mit der Kanne!" schrie sie, "raus damit in die Kueche!" Traute
hielt fest.
"Gibst du die Teekanne her, du Mensch?" schrie Jenny.
Sie zerrten sich hin und her, bis die Hand der kraeftigeren Jenny mit
der Teekanne hoch in die Luft fuhr, dass das Wasser spritzte.
"Ich will dir Locken geben! Du gehst mir nicht aus dem Haus heut,
und kommst mir mittags nicht an den Tisch."
"Pah!" rief Traute, "was ich mir draus mache! Herr Flametti hat
drueber zu bestimmen. Er wird mich schon rufen."
"Hier drinnen bleibst du!" schrie Jenny ausser sich, versetzte ihr
einen Stoss, schlug die Tuere zu und schloss ab. "Theres!" rief sie zum
Schalter, "die bekommt heute nichts mehr zu essen!"
"Und wehe euch!" rief sie den beiden andern zu, "wenn ihr ihr was
zusteckt! Ich will euch zeigen, wer hier Meister ist!"
Vom Verschlag her hoerte man Traute trommeln und dazu singen:
"Der tapfre Haeuptling Feuerschein
Mit seinen wilden Maegdelein...."
in einem eigensinnig verliebten Rhythmus.
"Ah, so!" sagte Jenny. "Na, wart's nur ab!"
Guessy hatte mittlerweile das Handtuch aufgehoben, mit dem Traute sich
die Schuhcreme aus dem Gesicht gewischt hatte, und versuchte in einer
Anwandlung von Solidaritaet, es verschwinden zu lassen.
Aber Jenny bemerkte gerade, dass das Handtuch hinter die Gardine fiel,
und rief:
"Gib nur her, was du dort verschwinden lassen willst! Was ist denn
das?"
Guessy zoegerte.
"Her damit!" schrie Jenny und riss es ihr aus der Hand. "Wo kommt
dieser Fleck her?"
"Theres!" jammerte sie, "diese Schlampen haben mir das ganze Handtuch
eingeschmiert!"
Jetzt kam auch Fraeulein Theres herein. "Mein Gott", verwunderte sie
sich, "was ist denn jetzt das? Aber nein, das ist doch zuviel!" und
ihr Gesicht wurde lang wie ein Laib Brot.
"Theres, die bringen mich ganz herunter! Die aergern mir die
Schwindsucht an den Hals!"
"Rosa, jetzt sag mal du", wandte Jenny sich an die auf das
Jammergeschrei hin ebenfalls wieder hereingekommene Rosa.
"Ich kann nichts dafuer!" versicherte die. "Ich hab' der Traute die
Buerste auf die Nase geklopft und sie hat sich die Nase ins Handtuch
gewischt."
"So? Und warum das?"
"Weil sie mich aufzieht. Weil sie mich haenselt. Sie sagt, ich haette
was mit Ihrem Mann gehabt in der Garderobe. Und das lass ich mir
nicht gefallen. Ich hab' nie was mit Ihrem Mann gehabt. Aber sie
hat sich knutschen lassen. Hab' ich selbst gesehen. Sie ist ja ganz
verschossen in ihn! Und die Guessy hat's auch gesehen."
"Hast du das gesehen?"
"Ich habe nichts gesehen", meinte Guessy apathisch, "was geht es mich
an?"
"Jawohl hast du's gesehen!" fuhr Rosa sie an, "bist ja selbst
eifersuechtig auf ihn! Bist du's vielleicht nicht?"
"Pah!" warf Guessy weit weg, "eifersuechtig!"
"Raus in die Kueche!" schrie Jenny und packte eine nach der andern
beim aermel, "ihr sollt mich kennenlernen!"
Da ging auch Fraeulein Theres wieder hinaus, Stumpen rauchend, und
schloss die Tuere hinter sich.
Und Schritte liessen sich vernehmen auf der Treppe und Raffaela kam,
die Taenzerin, Tochter von Donna Maria Josefa, mit ihrem Kind, der
kleinen Lotte, die bamsig und fett an der Hand ihrer Mutter wackelte.
"Duden Morgen!" dehnte Raffaela bamsig und fett im Ton ihres Kindes,
"sag' schoen "Duden Morgen!", Lotte!"... "wir haben unsern Sirm
stehenlassen neulich, und wollen ihn wieder holen....."
"Dida holen", echote die kleine Lotte.
"Dieder holen", wiederholte Raffaela phlegmatisch.
"Ach, Raffaela!" klagte Jenny, "ich bin ganz ungluecklich! Gut, dass
du kommst. Setz' dich, trink' 'ne Tasse Kaffee"!
"Tasse Taffee!" wiederholte Lotte.
"Denk' dir", fuhr Jenny fort, "diese Menscher! Sie stellen mir das
ganze Haus auf den Kopf! Heut' abend haben wir doch die "Indianer".
Und zu Haus geht alles drunter und drueber. Locken brennen sie sich
am hellen Vormittag. Der einen hab' ich Ohrfeigen gegeben. Die
heult draussen. Die andere hab' ich eingesperrt. Hinter meinem Mann
sind sie her. Seit diese "Indianer" ins Haus kamen, hab' ich keine
ruhige Minute mehr. Er ist der Haeuptling Feuerschein, verstehst du,
und sie sind seine "Maegdelein", sein Harem. Er hat sie in der Kur,
alle drei, und sie trumpfen auf. Sie lassen sich nichts mehr bieten
von mir. Sie werden frech. Was mach' ich nur?"
Raffaela war sprachlos; fand aber soviel Besinnung, Lotte Kaffee
einzugiessen und Brote zu streichen.
"Nein", tat sie verbluefft, "so was! Geh', Jenny, 's ist nicht
moeglich!"--"Seine Maegdelein!" kraehte sie, "nein, so was!" Sie schien
fuer Flamettis Romantik noch weniger Sinn zu haben als Jenny.
"Geh', lach' nicht!" sagte die. "Er hat sie in der Kur. Ich weiss es
ganz genau. Und sie trumpfen auf. "Das werden wir schon sehen",
sagte dieser Fetzen, die Traute. Sie weiss, dass er ihr die Stange
haelt. Mit der Teekanne kommt sie an, gerade vorhin, und will sich
Locken wickeln. Meine Handtuecher schmieren sie mir ein. Die Betten
zerschneiden sie mir. Die Vorhaenge reissen sie mir herunter!"
"Na, das ist doch die Hoehe!" war Raffaela paff vor Erstaunen, und
setzte die Geleeschnitte ab, die sie gerade in den geoeffneten Mund
schieben wollte. "Ja, laesst du dir das gefallen?"
"Was soll ich denn tun? Er kommt mir ja nicht mehr nach Haus! Er
laesst sich ja nicht mehr blicken! Er verspielt ja das ganze Geld!
Sechshundert Franken hatten wir auf der Kasse. Alles ist fort. Auto
faehrt er mit ihnen. Ins Kino fuehrt er sie. Er ist der Haeuptling
Feuerschein und sie sind seine Trullen.--Mit der Soubrette hat er
auch was. Vor zwei Stunden ist er weggegangen. Heut nachmittag
kommt er zurueck. Und hier geht alles drunter und drueber. Der Engel
hat die Plakate noch nicht abgeholt und jetzt ist es zehn. Die Haesli
wollen nicht singen heut abend und wir haben doch niemanden. Kein
Geld laesst er mir fuer die Haushaltung und mutet den Leuten zu,
sechsmal Fisch zu essen in der Woche. Natuerlich laufen sie weg....."
Raffaela schuettelte den Kopf ob solcher Unglaublichkeiten:
"Ja, Jenny, ist das denn moeglich?"
"Ah, du hast 'ne Ahnung!" seufzte die, wirklich mitleiderregend, ganz
zersprengtes Gesicht, "ich weiss mir ja nicht mehr zu helfen!"
"Ja, Jenny!" rief Raffaela, "ich bin ja starr!"
Und Jenny bemerkte wohl den Erfolg der Affaere und ihrer Person und
begann, sich selber zu troesten:
"Aber lass nur gut sein", sagte sie, "ich hab' ja auch meine Leute an
der Hand! Ich hab' ja meinen Freund aus Baden! Heut abend kommt er
in die Vorstellung. Ich hab' ja Kavaliere. Ich brauche ja nur ein
Wort zu sagen. Brauche ja nur einen Wink zu geben... Ich lass ihn
ins Irrenhaus stecken..."
"Jenny!"
Aber Jenny, unbeirrt: "Ich lass ihn ins Irrenhaus stecken, meiner Seel.
Ich schaffe mir Geld beiseite und geh' mit meinem Freund auf und
davon."
Das schien Raffaela ein wenig zu abenteuerlich. "Ach, Jenny!"
laechelte sie beschwichtigend, und patschte liebreich nach Jennys Hand.
"Lottely, schau, wie sie eifersuechtig ist!" Und maestete sich
weiter.
"Eifersuechtig?" schepperte Jenny und zog den blauen Schlafrock mit
einem Rueckfall in fruehere chicke Allueren um den Leib, "nichts zu
machen! Wir verkehren nicht miteinander. Ich bin nicht eifersuechtig.
Ich hab' ihn genommen, weil er ein solcher Bauer war. Weil er mir
meine Pakete trug."
"Raffaela", sagte sie in ploetzlichem Einfall, "du musst mir helfen.
Wir stecken ihn ins Irrenhaus. Dann machen wir zusammen ein Ensemble.
Ich hab' die Kostueme. Du und Lydia, ihr tanzt. Leporello (das war
Lydias Partner) wird Direktor."
"Je, Jenny!" meinte Raffaela, "du phantasierst ja! Beruhig' dich
doch!" Und ass weiter, als muesse sie selbst sich beruhigen.
Schritte auf der Treppe liessen sich vernehmen. Flametti kam zurueck.
Er hing den Hut an den Nagel. "So!" sagte er, "das ist erledigt.
Wenn die Haesli nicht singen wollen...." "dann tanzt die Mabel",
wollte er sagen. Aber er bemerkte noch rechtzeitig Raffaela und
sagte: "Dann hab' ich Ersatz. Tag, Raffaela!"
Es sei hier angefuegt, dass Traute ueber das Mittagessen nicht
eingesperrt blieb.
"Dummes Zeug!" sagte Flametti, "das gibt es bei mir nicht. Bei mir
wird niemand eingesperrt!"
Und Fraeulein Traute wurde befreit aus dem Karzer und kam zum
Vorschein, den Kopf ueber und ueber voll Locken, die sie mit Hilfe von
Jennys Himbeersyrup, der im Taubenverschlag auf dem Schrank stand,
sehr kunstvoll ge--und entwickelt hatte.
Jenny war keine boese Frau von Natur. Sie war edel, hilfreich und gut.
Sie schenkte den Armen und liebte ihre Feinde. Aber sie wusste, was
sie sich schuldig war als Flamettis Weib. Einem solchen Manne
entsprach eine solche Frau.
Wenn sie in engerem Kreise versicherte, diese Person, diese Traute,
sei nicht die erste, die sie ins Arbeitshaus bringe, so brauchte man
das nicht woertlich zu nehmen. Es war ein Symbol gewissermassen fuer
ihre Anschauung, dass ein Mann von der Kuehnheit Flamettis einer Frau
gewiss zu sein habe, die gefaehrlich, herzlos, zum Handeln bereit, auch
Kanaille sein koenne, entschlossen, eiskalt und zu jedem Mittel bereit,
wenn es drauf ankam, sich Achtung und Furcht zu verschaffen.
Zu Mittag kamen auch Herr und Frau Haesli; beide ein wenig zerkratzt
und zerbeult, aber beide voll Liebe und Guete. Und daran war nicht zu
denken, dass sie das "Schackerl" nicht singen wollten. Im Gegenteil.
Und die Fuchsweide daemmerte. Bucklig und winkelig sank sie mit ihrem
Halbhundert Gassen verschmutzt und im Rauch ihrer Herdfeuer grau in
den Abend.
Die Giebel zerschnitten sich hoch in der Luft.
Die Haeuser barsten von Feuer und Licht. Die Osram--und Tristankerzen,
die Glasgluehlichter und Bogenlampen leuchteten auf. Die Metzgereien
und Magazine und Handwerksstaetten gluehten wie Einkaufsbuden des
Teufels.
Man legte die Arbeitsschuerzen jetzt ab in den Kellern. Im Hinterhaus,
in den Stuben und Giebeln frisierte man sich und machte Toilette.
Los gingen die Grammophone, Orchestrione und das Elektroklavier.
Auftauchten verwegne Gestalten beiderlei Geschlechts vor beleuchteten
Spiegeln, unter dem Haustor und auf der Strasse.
Auf ging der Mond, und in den Konzertlokalen tummelten freundliche
Saengerinnen und frueheste Zauberkuenstler bereits ihre Stimmen.
Schlaechtergesellen fuehrten den Wolfshund spazieren. Soldaten riefen
sich zu. Ausbuendige Eleganz gruesste "Salue!" Hoch aus dem fuenften
Stockwerk, wie von der Sternwarte weg, probierte Herr Bonifaz
Kaesbohrer in ueberschnappenden Toenen sein B-Klarinett, das er mit
Hilfe des "Tagblatts" nachmittags eingetauscht hatte gegen ein
abgenutztes Veloziped.
Dann aufdringlich und bunt: Die Rumaenische Damenkapelle begab sich
zum "Blauen Himmel". Ein Fraeulein knuepfte Bekanntschaften an.
Tirolerjodler gingen mit gruenen Hueten und Zitherkaesten. Ein Komiker
kam im Zylinderhut. Drei schaebig gekleidete Herren mit Jockeymuetzen,
wollenen Schal um den Hals, gaben, beim Gehen leicht ihre Schultern
drehend, einer pompaduresk hoch aufgeprotzten Dame unerbetenes Geleit.
Und hoellenhaft, magisch, radauend und zeternd: die Lichtreklame des
"Krokodil" entfaltete ihre chinesisch untereinander geordnete
Buchstabenreihe, die vom Dach bis zum Boden reichte. Der ganze
"Moenchsplatz" war rot ueberstrahlt. Die benachbarten Haeuserfronten
schienen von rotem Licht halb aufgefressen. Die Bummler, Passanten
und zeitungslesenden Gruppen der Arbeiter taumelten in einer Flut von
Licht.
Im Nebengebaeude negerten los: die Pauke und das Tschinell. UEber der
Strasse drueben rupften zwei rivalisierende Damen einander die Federn
aus.
"Ich nehme meinen Zauberstab zum zweitenmal in die Hand!" schrie es
aus der "Tulpenbluete".
"Hei, wie das prasselt und wie das herrlich zischt!
Das sieht nur einer, der in der Hoelle ist!"
stampfte und klatschte es aus dem "Vaterland". Dort schwangen
Ferreros "Lustige Teufel" die Zackenspiesse.
"Welch wunderschoener Klang
Toent durch die Strass' entlang!
Jetzt kommt auf Ehr
Das Militaer
In Reih' und Glied daher!"
wetterte es, weniger diabolisch, dafuer preussischer, aus der weiter
unten gelegenen "Wasserjungfer", wo auch Fraeulein Kunigunde, die
Schlangendame, zugegen war.
Weiter oben aber, jenseits des Platzes, uebertoente den Laerm die wie
eine Weckuhr losrasselnde franzoesische Soubrette des "Cafe Neptun":
"Einrich, lass die Osen runter,
Tu mir den Gefallen!
Lass sie bitte gance erunter
Auf die Struempfe fallen."
Unschluessig schwankte das Publikum zwischen "Grosse Trommel",
"Infernalische Leidenschaft", "Kaiser Wilhelm" und "Pariser Eleganz".
Hier war was geboten! Hier kam man auf seine Rechnung! Und was ein
richtiger Dandy war, der von der Welt etwas verstand, entschloss sich
ueberhaupt nicht, hineinzugehen, sondern die Sache mehr platonisch zu
geniessen, als Schauspiel gewissermassen, von aussen, als Zusammenklang,
mit der ueberlegenen Intelligenz dessen, den die Realitaet nur als
Widerspruch nicht mehr enttaeuschen kann.
Noch aber hatte die Fuchsweide ihre letzte Verfuehrung nicht
ausgespielt: die Echtheit inmitten einer Welt des Scheins; das Wunder
als Resultat unerhoerter Perversitaeten. Von wem aber konnte man
solche Leistung erwarten? Nur von Flametti.
Man staute sich vor den breiten Reklamefenstern des "Krokodilen". Da
stand vor dem grossen Aquarium voll blaugrauer Karpfen das Plakat der
"Indianer": Flametti als Haeuptling Feuerschein.
So sah er aus! So leibte und lebte er! Das war die Synthese seiner
inneren Eigenschaften!
Wer hatte ihn nicht gesehen, mittags um zwoelf, wenn man von der
Arbeit kam, vor der Haustuere, in Hemdaermeln, gutartig und freundlich?
Wer hatte ihn nicht gesehen frueh morgens, wenn er mit Jenny vom
Markte kam und die Markttasche trug mit den Karotten? Er war nicht
immer der Furchtbare, Blutige. Zahm und umgaenglich war er privatim,
ein friedlicher Buerger viel mehr als ein Menschenfresser.
Unter dem Plakat aber stand: "Alleiniges Auffuehrungsrecht: Flamettis
Variete-Ensemble", ein Hieb fuer die Herren Direktoren. Und der Satz:
"Wer die 'Indianer' nachmacht, wird gerichtlich verfolgt."
Das Publikum stiess sich und draengte sich; auch vor dem zweiten
Reklamefenster. Dort standen die Bildertafeln und ein zweites Plakat:
"50 Mann Blasorchester! Beginn: acht Uhr. Grossartiges,
allerneustes Programm! Tanz! Tanz! Tanz! Lauter Schlager! Es
wird kassiert!"
Las es und stroemte hinein ins "Krokodil".
Es kam, sah und stroemte: Herr Friedrich Naumann, kurzweg der
"Krematoriumfritze" genannt, einer von Jennys scharfen Verehrern.
Es kamen, sahen und stroemten: Fraeulein Annie nebst Herrn Engel, welch
letzterer seinen schwarzen Gehrock angezogen hatte: "Annie!" sagte er,
"es wird grossartig! Verlass dich drauf!"
Es kamen und stroemten: Raffaela und ihre Schwester Lydia, sowie deren
gemeinschaftliche Mutter Donna Maria Josefa, nebst einer ganzen
Anzahl maennlicher Zirkusmitglieder, die alle nicht zahlten, weil sie
Artisten waren.
Es kam, sah und stroemte: Frau Schnepfe, in Begleitung Flamettis und
der Hauptfrau im Abendmantel des Herrn Coiffeurs Voegeli. Das
Publikum wich ehrerbietig zurueck.
Es kamen, sahen und stroemten: zwei israelitische Handlungskommis,
rote Nelken im Knopfloch; der obgenannte Coiffeur Herr Voegeli, der
seinen Regenschirm ausschuettelte; denn es regnete inzwischen. Und
spaeterhin eine ganze Reihe Mannschaften des Fussballklubs "Hermes".
Drinnen aber herrschten Fieber und Spannung. Der ganze Raum war
verwandelt in ein Gehaenge bluehender Rosenranken. Kuenstliche Lauben
aus Birkenruten zogen sich an der Wand lang. Festtagscharakter trug
das Lokal.
Die Tische waren saemtlich mit rotgewuerfelten Decken belegt. Saftige
Kuchen--und Tortenstuecke strahlten auf blinkenden Nickeltellern. Die
Plattmenagen mit oel, Pfeffer und Salz warfen gescheuert das
elektrische Licht unzaehliger kleiner blutroter Birnen zurueck.
Verschwunden war der getrocknete Rand am Senfnapf. Und so man den
Loeffel bewegte, der darin steckte: heut war er nicht angeklebt. Es
liess sich bewegen.
Versammelt waren bereits saemtliche Damen von Ruf. Vorne am
Kuenstlertisch, wo sie heute nicht gerne gesehen war, sass Fraeulein
Amalie in braunem Samtkostuem mit Bolerohut, schon seit halb acht.
Den Zwergpintscher hatte sie auf den hohen Busen gesetzt. Das gab
ihr viel Air. Ihre Beine, elastische Saegmehlbeine, baumelten unter
den Tisch, und sie spielte mit einer der Haengrosenranken. Eine
Zigarette rauchte sie. Ihr Verhaeltnis war Eisenbahner; heute hatte
er Nachtdienst. Brillanten blitzten an ihren Fingern. Die spitzigen
Halbschuhe aus feinstem Rindsleder reichten nicht ganz auf den Boden.
Auch schien das Strumpfband gerissen: die braunen Wollstruempfe
knaeulten sich unter den Waden. Das Huendchen aber auf seiner
exponierten Stelle drehte den knappen Popo und konnte sich gar nicht
genugtun vor Freude, dabeizusein.
Weiter drueben, auf den besten Mittelplaetzen, sassen der runzliche
"Totenkopf" und seine Schwester. Der "Totenkopf" war die berufenste
Dame der Fuchsweide. Allabendlich Gast des Flametti-Ensembles. Weiss
geschminkt, die Augenhoehlen geroetet, sass ihr Gesicht auf dem
kropfigen Hals. Unruhig schob sie das Hinterquartier auf dem Stuhl
hin und her, blickte sich um nach den eintretenden Gaesten, band sich
das Strumpfband fester und schob waehrenddessen den sechsten Kuchen
zwischen das goldne Gebiss. Sie konnte sich's leisten. Die Schwester
des "Totenkopf" hatte das Ledertaeschchen ueber die Stuhllehne gehaengt,
tupfte die rote Nase ein wenig mit Puder und Taschentuch, und juckte
sich mit dem linken Fuss an der abgewetzten Innenseite des rechten
Knies.
An der Wand gegenueber, bescheiden in Rueckendeckung, hatte sich
Fraeulein Annie, die Freundin Engels, ein helles Bier bestellt, ihren
Fuchspelz loser gehaengt; besah sich die Fingernaegel, aus denen sie
mittels eines zerknickten Streichholzes die Erdkrumen zu verdraengen
suchte, und war sehr besorgt, mit der Manicure nicht fertig zu werden,
bevor sich ein Herr mit schottischem Schaeferhund, der jetzt eintrat,
allenfalls zu ihr setzte, um ihr Gesellschaft zu leisten.
Sie laechelte kopfschuettelnd, als sei sie erstaunt, zu laecheln, konnte
jedoch ihren Hals nicht recht drehen, weil ein Furunkel dransass.
Dieser Furunkel: ein Unglueck! Er wanderte ueber den ganzen Koerper.
Bald da, bald dort tauchte er auf, gesellte sich andern Furunkeln zu
und konnte schon bald den Eindruck erwecken, als sei er ein ganz
besondrer Furunkel. Annies fixe Idee war, er moechte von heute auf
morgen am Hals verschwinden und zwischen den Zaehnen auftauchen. Drum
zog sie die Oberlippe stets hoch und die Unterlippe hing ihr vom
Munde weg. Doch jener Furunkel tat das nicht.
Der Herr trat naeher und sagte verbindlich:
"Wenn Sie gestatten, Fraeulein!"
"Oh, bitte!" sagte Annie und nahm zugleich mit dem Stuhl ihre Roecke
zusammen, um Platz zu machen. Und in ihr silbernes Etui greifend:
"Rauchen Sie eine Zigarette?"
"Sehr liebenswuerdig!" sagte der fremde Herr und zog das
Zigarettenetui naeher zu sich heran.
Herein trat Fraeulein Frieda, der "Hinkepott", aufgetakelt in
Seidengrimmer, mit ausgeleierter Huefte verschoben haxend. Ihr folgte
Fraeulein Dada in einem Schneiderkleid a la feldgraue Uniform, nach
neuestem Schick. Der Unterkiefer hing ihr sehr lang, ein verfettetes
Dreieck. Mit den Haenden stuetzte sie sich, im Vorbeigehen, langsam
und sehr elegant auf die Tische. Das feldgraue Schneiderkleid machte
Furore. Aller Augen sahen nach ihr. Auch diese beiden Damen begaben
sich moeglichst nach vorne, um in der besten Gesellschaft zu sein und
ein wenig zu profitieren vom Rampenlicht.
Neben der Buehne aber versammelte sich das Orchester des Herrn
Fournier: fuenfzig Mann mit Schlagzeug und Basstrompeten.
Die Lehrmaedel, Jenny und die Soubrette erschienen in tangofarbenen
Babyhaengern, Schleifen im Haar, neigten die Koepfe, schwaenzelten,
nickten den Gaesten zu und gruppierten sich um den Kuenstlertisch.
Engel vom Vorhang aus machte verrenkt pathetische Zeichen zum Buefett
fuer die Beleuchtung. Sein Gehrock flatterte. Hinter der Buehne zog
es. Herr Meyer entfaltete die Noten seiner Begleitmusik und
probierte, fuer alle Faelle, das Pedal. Er war auf der ganzen Linie
fuer Pedalisierung. Ein Leben ohne Pedal schien ihm scheusslich und
abgeschmackt.
Flametti, den Herrn Farolyi vom Zirkus Donna Maria Josefa mit
vorgestreckter Hand fachmaennisch begruesste, wischte sich mit dem
Sacktuch ueber die Stirn. Jenny stellte die Kasse nebst Zubehoer auf
den Kuenstlertisch. Und Fraeulein Traute, den Kopf wippend voll Locken,
setzte sich plumpsend daneben.
Herr Haesli hatte eben noch Zeit, seine Krawatte zurechtzuzupfen.
Frau Haesli, den Brustlatz ihrer Tochter zu arrangieren. Dann
begann's.
"Mtata, mtata, umba, umba, umba, umba!", und Herr Fournier schlug mit
dem Taktstock, als waer's eine Peitsche.
Die Musik ging denn auch merklich vorwaerts. Nur der linke Trompeter,
der die Posaune bediente, kam nicht zurecht. Doch das war jetzt
nicht mehr von Belang. Los ging die Musik, dass die Schwarten
knackten.
"Ptuhh dada dada da, umba, umba!" blies die Basstrompete in idealer
Konkurrenz mit Pauke und Schrummbass. Dieser Schrummbass war die
Spezialitaet des Herrn Fournier. Es war phaenomenal.
Immer mehr Volks stroemte hinzu. Soldaten kamen, rote Gesichter,
silberne Epauletten, und sassen zu beiden Seiten eines mittleren
Laengstisches wie Ruderer bei der Regatta. Studenten warfen mit
Schokoladeplaetzchen verstohlen nach der festlich grinsenden Rosa, die,
von Tisch zu Tisch Billette verkaufend, gar artig die Beine setzte.
Rechts von der Buehne, nahe beim Kuenstlertisch, steckte Fraeulein Guessy
in Eile der Soubrette eine halb aufgebluehte Rose ins Haar. Herr
Haesli suchte die Noten heraus. An der Kasse, mit Frau Schnepfe, sass
Jenny, gravitaetisch, bonzenhaft, ihrer Bedeutung vollkommen bewusst;
die Repraesentation verkoerpernd. Neben ihr Traute.
Auch Guessy und die Soubrette eilten jetzt mit Billetten ins Publikum.
Frau Haesli trat mit dem Fuss den Takt zur Musik. Toni, die Tochter,
aeugte nach Kavalieren.
"Dadadadada umba, umba, um!" machte die Musik. Sie war angekommen am
Ziel. Das Stueck war zu Ende.
Langsamer Beifall erhob sich. Flametti fuhr sich nervoes durchs Haar.
Er schob sein Roellchen zurueck, nahm einen Schluck Helles. Dann trat
er vor und sprach:
"Meine Damen und Herrn! Ich heisse Sie herzlich willkommen und danke
Ihnen fuer Ihren zahlreichen und glaenzenden Besuch. Ich gebe mir die
Ehre, Ihnen mitzuteilen"--lautlose Stille--, "dass es mir gelungen ist,
Ihnen heute abend ein ganz besonders interessantes Programm zu
bieten. Herr Generalmusikdirektor Fournier mit seiner fuenfzig Mann
starken Eisenbahnerkapelle hat Ihnen bereits eine Probe seiner
bewaehrten Kunst vorgelegt. Er wird bei uns bleiben nicht nur bis elf,
wie es sonst ueblich ist, sondern bis drei Uhr. Denn: es wird
getanzt.
Sie sagen vielleicht: wie kann man hier tanzen, unter den
Heckenrosen? Aber das ist gerade die Kunst. Wir werden den Fruehling
in Herbst verwandeln durch Aufgebot unserer dienstbaren Geister vom
"Krokodil" und Umgebung. Durch eine geheimnisvolle Mechanik hat
unser Gastgeber, Herr Hotelier Schnabel, es moeglich gemacht, im
Handumdrehen die haengenden Gaerten der Semiramis in ein Palais
Mascotte, ein Moulin Rouge, in ein Tivoli zu verwandeln."
Flametti laechelte. Der "Totenkopf" warf ihm mit offenem Mund
befremdete Blicke zu.
"Meine Damen und Herrn!" fuhr Flametti fort, "Das ist ja ein Schmus,
was ich Ihnen da sage. Das merkt ja der Duemmste. Das ist ja Stuss.
Aber Sie sehen heute zum erstenmal hier das beruehmte Jodlerterzett
Haesli aus Bern, dessen Scherzos und herzerquickende
Jodlerlieder--"--Flametti sah sich nach Frau Haesli um--"Ihnen einen
Begriff geben werden, mit was fuer angenehmen, soliden und
renommierten Kuenstlern Sie es zu tun haben. Ich fuehre Ihnen sodann
zum erstenmal hier im "Krokodil" unseren Herrn Damenimitator Arista
vor:
"Nur immer raus damit, nur immer raus damit!
Wozu haben wir's denn? Na ja!""
Flametti kam in Stimmung. Er zitierte und gab Probegesten....
"Ich fuehre Ihnen endlich hier zum erstenmal "Die Indianer" vor,
verfasst von meinem Freunde St. Rotter, Conferencier und Improvisator
am Germania-Cabaret.
Meine Damen und Herrn! Keine richtigen, echten, wirklichen Indianer.
Keine Sioux, Apachen, Komantschen. Keiner wird mit die Ketten
rasseln wie auf dem Jahrmarkt, oder auf der Mess' z' Basel. Sie
brauchen keine Angst zu haben. Es schreckt nicht. Es passiert Ihnen
nichts. Sondern: Sie sehen die Wirklichkeit. Das aussterbende Volk
der Indianer auf dem Kriegspfad. Die Rache und die Verklaerung. Den
Haeuptling mache ich selbst."
"Ich selbst", wiederholte Flametti, indem er in Selbstpersiflage
komisch an sich hinunterstrich. "Die Musik macht Herr Meyer", und
stellte mit einer seitlichen Handbewegung den Pianisten vor.
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