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Annual Bibliography of Commonwealth Literature 2007
This paper argues that discourses of love in Ghanaian market literature for youth offer a view into complex negotiations of agency and empowerment. Drawing on Deborah Durham's notion of youth as "social `shifters'" and Francis Nyamnjoh's conception of the "interconnectedness" of agency, I take Ghanaian market literature as one specific case of how African literature for youth foregrounds questions of continuity and change as African societies enter into increasingly complex global relations. In this literature for youth, received notions of love, often constructed out of impressions from American pop and hip hop music, carry new notions of agency that compete with existing "domesticated" forms. Authors like Ike Tandoh and Evelyn Tay employ discourses of love to offer youth alternative avenues for empowerment in a context of socio-economic disenfranchizement. In a creative process of "straddling", this writing both reveals and reproduces the contradictions that obtain in youth configurations of agency.

Flametti

H >> Hugo Ball >> Flametti

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"Hier", sagte Flametti, indem er den Schein auseinanderfaltete,
"jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert."

"Ah was, Bagatelle!" sagte Herr Rotter und steckte den Schein
nachlaessig in die Rocktasche.

Flametti hatte sofort das Gefuehl: "der ist das Einheimsen gewohnt!"
und erinnerte sich jener erstaunlichen Fertigkeit, mit der Herr
Rotter im Germania-Cabaret die Pausen fuellte durch Selbstverkauf
seiner "Gesammelten Werke".

Flametti nahm das Ensemble jetzt an sich mit beiden Haenden und begann
zu lesen.

"Na, kannst es zuhaus in Ruhe studieren!" meinte Herr Rotter, "es
klappt. Sei versichert!", und intonierte probeweise die erste
Strophe.

Flametti gingen die Augen ueber vor Bewunderung.


"Die letzten von dem Stamm der Delawaren,
Die Kriegerscharen
Der Delawaren--"


Ausschritten die Rhythmen in gravitaetischer Folge.

Flametti fuehlte, wie seine Nase schaerfer wurde, energischer: eine
Adlernase. Seine Augen kuehner, verwegener, spruehend. Er fuehlte die
Lanze in seiner Faust. Die Federbueschel liefen ihm kalt ueber den
Ruecken hinunter. Sein Unterkiefer schob sich vor in bestialischer
Vehemenz.

Der Ober, beladen mit einem Pack Zeitungen und einem Cafecreme,
schlaengelte sich zwischen den Tischen hindurch und stiess an den Stuhl.
Flametti waere ihm knapp an die Gurgel gefahren. So schreckte es
ihn aus der Illusion.

"Klappt alles. Unbesorgt!" versicherte Rotter.

"Hoeren Sie zu", sagte Flametti, "ich hab' ein Plakat machen lassen:
"Die Indianer". Grossartig, imposant. Dreissig Franken. Beim
Lemmerle. Kennst ihn doch!"

"Schon gut! Mach' was du willst mit dem Dreck!" sagte Herr Rotter
und drueckte den Klemmer fest. "Ist ja nicht mein Beruf. Macht man
so nebenbei."

"Schau", meinte Flametti treuherzig und verlegen, "mich packt's.
Musst nicht so sprechen. Mir tut's weh. Mich freut's halt. Akkurat
weil du mir die "Indianer" gemacht hast. Siehst du, ich haette dir
auch einen Hunderter gegeben, wenn du's verlangt haett'st."

Rotter kraulte sich mit dem Taschentuchzipfel im Nasenloch und sah
ueber den Kneifer weg Flametti an, als traue er seinen Ohren nicht.

"Wirst mal sehen", meinte der, "wenn die Beleuchtung dazu kommt,
Musik, Reklame, der ganze Klimbim!" Und er versuchte, durch
gleichzeitige Anspannung aller Gesichtsmuskeln, Wackeln der Ohren,
vorgeschobenen Unterkiefer, Hochziehen der Brauen, einen Begriff zu
geben von der Schlagkraft der Dinge, die dann kommen wuerden.

"Apropos", behielt Rotter sich vor, "bei der Hauptprobe will ich
dabei sein. Damit ich auch sehe, was ihr draus macht."

"Sowieso", beruhigte Flametti. Und um zuverlaessig zu beweisen, dass
das Ensemble in guten Haenden sei: "Fuenfzig Mann Blasorchester!" Und
nahm einen tiefen Schluck Pilsner.

"Das ist alles nichts", meinte Rotter, "wenn ihr den Schick nicht
trefft. Wenn das gewisse Etwas fehlt."

"Es kommt", versicherte Flametti, "da ist das Wort zuviel."

"Na, wollen mal sehen", schloss Rotter und griff nach der Daily Mail,.

Flametti fuehlte sich unbehaglich.

"Zahlen!" rief er, "hab's pressant!" und der Kellner kam, und
Flametti reichte Herrn Rotter indianisch die Hand, sagte "Salue!" und
"Merci!" und ging. Ein unerhoert despektierliches Wort unterdrueckte
er, als er das Lokal verliess.

Zu Hause aber warf er sich aufs Sofa und las. Las mit immer wilderem
Entzuecken, immer hellerer Begeisterung. Las das Ensemble von A bis Z,
ertrank darin; ritt, galoppierte, rasselte, tobte; donnerte, blitzte
und fluchte; strahlte und weinte, lachte und staunte.

Setzte sich hin und schrieb mit kalligraphischen Lettern, Silbe klar
an Silbe reihend--er war ja der Sohn eines Lehrers--die Rollen heraus.

Sprechproben wurden angesetzt; Ensembleproben. Die Rollen wurden
verteilt. Persoenlich probte Flametti vor dem Spiegel.

Probierte mit den Maedels, teilte Ohrfeigen aus, rannte Koepfe an die
Wand; schrie, bruellte und fluchte.

Konnte gar nicht Worte genug finden, sein Erstaunen ueber die
Borniertheit dieser Weiber, Jenny und die Soubrette mit
eingeschlossen, kundzugeben.

Es ging denn auch rapid vorwaerts. Nach drei Tagen sass schon der Text.
Nach weiteren drei Tagen sassen auch die Bewegungen, Auf--und Umzug
des Ensembles auf der Buehne.

Was hatten die armen Weiber alles fuer Vorstufen durchzumachen, bis
sie wirkliche, richtige, echte Indianer waren! Kalb, Ochs, Esel,
saebelbeiniges Frauenzimmer, Schmerbauch, Mistvieh, Bauer! Was alles
mussten sie anhoeren in hartem Ringen um die Kunst!

Und erst die Bewegungen! Bis die sassen! "Links! Links! Links
herum, Stoffel!!!"... "Vor, die Lanzen! Hoch den Tomahawk! Runter
aufs Knie!"... "Um mich herum! Vor mich hin! Ich beschuetze euch!"..
. "Apotheose! Verklaerung! Verklaerte Augen sollst du machen,
Mistvieh damisches!"

Und die Musik, bis die sass! "Hoerst du denn nicht?? Sperr' deine
Loeffel auf! Wozu hast du denn deine Windfaenger! Die Nasenloecher
kannst du doch auch aufsperren!"... "Den Allerwertesten werd' ich
dir treffen, wenn du nicht aufpassen willst. Himmelherrgottsakrament,
sperr' deine Ohren auf!!!!"

Aber dann ging's auch wie am Schnuerchen, nach sechs Tagen, und alle
waren des Lobes voll und bekamen allmaehlich Geschmack an der Sache
und machten die Bewegungen von selbst; auch bei Tisch, beim
Zubettgehen, beim Morgenkaffee; im Hemd und in Unterkleidern. Sangen,
pfiffen und traellerten die Musik vor sich hin, die Herr Meyer
feinsinnig aufgefasst hatte und kongenial wiedergab.

Und Flametti studierte solo mit Meyer ein: den Auftritt des
Haeuptlings.

Unten in der Musik muss es donnern und blitzen: Brwrr, brwrrrr,
worgeln und tremolieren. Dann muss die rechte Hand hoeherlaufen.
Feuerschein kommt von links, spaeht durch das Kulissenfenster der
Bauernstube, drohend, erschrecklich, in hohem, daemonischem
Federnschmuck, mit der Lanze. Kommt dann heraus auf die Buehne,
vorsichtig, schleichend, verfolgt, den Kopf spaehend vorgestreckt, die
Halsmuskeln gespannt, den Tomahawk mordbereit. Verschwindet unter
Donner und Blitz der Musik in der Kulisse rechts. Es beginnt das
eigentliche Ensemble. C-Dur. Andante. Maechtig und breit: Auf dem
Kriegspfad:


"Die Letzten von dem Stamm der Delawaren,
Die Kriegerscharen
Der Delawaren..."


Dann haben zu singen die Weiber, mit vorstellender Handbewegung zu
Flametti gewandt:


"Der tapfre Haeuptling Feuerschein..."


Und Flametti antwortet mit stolz erhobenem Haupt und gestrafften
Zuegen:


"Mit seinen wilden Maegdelein..."


Dann tutti, zum Publikum gewandt mit dargebotener Rechten:


"Entbieten euch die Freundeshand Zum Gruss. Schlagt ein!"


An den Tuerken dachte Flametti nicht mehr, seit er Indianer geworden
war. Aus dem Opiumhandel war nichts geworden. Desto besser. "Wenn
nicht, dann nicht!" hiess es in einem Couplet der Soubrette.

Dafuer hatte Flametti jetzt selbst einen Harem, und gewissenhaft war
er darauf bedacht, seiner Illusion Greifbarkeit zu verleihen.
Einteilte er seinen Wigwam in drei Gemaecher.

In der Mitte die Stube wurde das Haeuptlingszelt, wo man Beratung
pflog, Botschaften empfing, Mahlzeiten einnahm, Siesta hielt. Das
Schlafzimmer rechts davon ward zum Gemach der obersten Lieblings--und
Hauptfrau. Der Bretterverschlag links Kemenate der Favoritinnen und
Nebenfrauen.

Das ideal in der Mitte gelegene "Hauptgemach" erregte zwar den
heftigen und unverhohlenen Widerspruch der Lieblings--und Hauptfrau,
aber Flametti liess sich nicht beirren, und bald hatte er es denn auch
dahin gebracht, den Begriff seiner maennlichen Wuerde und ueberlegenheit
von den Kebsweibern akzeptiert zu sehen. Und es war ein zwar
ungewoehnlicher, aber in seiner Totalitaet strammer Anblick fuer Mutter
Dudlinger, eines Tags den Haeuptling in vollem Kriegsschmuck zu finden
beim Anprobieren der fertigen Fransenhosen, um ihn herum die
Haupt--und die Nebenfrauen, hockend mit Herstellung kleiner roter
Laempchen beschaeftigt, die dazu bestimmt waren, von den Delawaren auf
dem Kriegspfad an langen Schnueren als Beleuchtungskoerper geschwungen
zu werden. Herr Schnabel, der Wirt, hatte sich naemlich das
bengalische Pulver verbeten, des unbaendigen Gestanks wegen, den die
beiden Feuerwerker schon auf der Probe damit hervorgebracht hatten.

Solcherlei Zuruestungen konnten der Konkurrenz nicht verborgen bleiben.

Der Neid war grenzenlos. Die Versuche, Flametti das Wasser
abzugraben, gingen ins Laecherliche.

Pfaeffer zeigte an:

"Die exzentrische Schwiegermutter oder eine Nacht am Orinoko. Posse
in drei Akten!"

Einen absonderlichen alten Onkel mit Botanisierbuechse und rotem
Regenschirm sollte Fraeulein Mary singen, eine zwar nicht mehr
jugendliche, aber sympathische Darstellerin, von der Jenny beruhigt
voraussah, dass sie mit ihren Beinen eines alten Kaleschengauls,
abgewetzt, knollig und duerr, notwendig muesse Fiasko machen.

Ein andrer Direktor begann ebenfalls "Indianer" einzustudieren, die
er "Komantschen" nannte. So dass Flametti sich genoetigt sah, unter
das Plakat des Herrn Lemmerle noch setzen zu lassen: "Jede Nachahmung
verboten! Wer die Indianer nachmacht, wird gerichtlich verfolgt!"

Den Vogel aber schoss Ferrero ab. Unter Zuhilfenahme massloser Reklame
zeigte er an: "Lullu Cruck, Koenig aller Bauchredner! Man lacht,
lacht, lacht!"

"Krampf!" lachte Flametti, "Macht er ja selbst."

Flamettis Selbstgefuehl erreichte den Gipfel. Und als eines Tages die
Zusage des Herrn Fournier eintraf wegen der fuenfzig Mann Blechmusik;
als Herr Schnabel die Erlaubnis vorzeigte fuer Freinacht und Tanz; als
endlich die Hauptprobe angesetzt werden konnte, da fand er sogar den
Mut, dem Rotter die Spitze zu bieten. Und das war gut, denn um ein
Haar waere durch Rotters provozierendes Benehmen noch auf der
Hauptprobe alles gescheitert.

Haltlos ironisch, wie es seiner Gemuetsart entsprach, kam Herr Rotter
am Tage der Hauptprobe an in Lackstiefeletten und Streifenhosen, den
Koks keck auf den Kopfwirbel geschoben: Dandy, Geniesser und Zyniker.

"Nu man los!" rief er, indem er sich vorn an die Buehne placierte,
Arme und Beine verschraenkt, an den Wirtstisch gelehnt.

"Hoch mit die Roecke!" rief er dem vorhangbedienenden Engel zu.

"Wa?" schnodderte er die Kellnerin an, die ihn nach seinen Belieben
fragte.

Flametti verstand nicht, wie sich ein Mensch seinem eigenen
Geisterprodukt gegenueber so heillos frivol benehmen koenne. Ihn
schauderte. Doch er versuchte, gute Miene zum boesen Spiel zu machen,
und schwieg.

Als aber der Auftritt kam:

"Die Letzten von dem Stamm der Delawaren"--die selbstverfasste
Haeuptlingsouvertuere unterdrueckte Flametti in einer Anwandlung von
Unsicherheit--, als also der Auftritt kam und Herr Rotter in ein
prustendes Gelaechter ausbrach, und als infolge der hoechlichen Laune
des Herrn Autors auch die fellgeguerteten Weiber auf der Buehne
anfingen, die Sache lustig zu finden, da riss Flametti die Geduld.

Auf den Hacken drehte er sich vor Wut wie ein kirrender Hahn. Die
Lanze stiess er auf den Boden, dass das Bauernhaus rechts und die
Renaissancelandschaft im Hintergrund ins Wackeln gerieten. Hochrot
wurde er im Gesicht wie ein Puter. Und er schrie mit drosselnd
erhobenen Haenden im Dialekt seiner Heimat ueber die Rampe hinunter:

"Wellet Se sich nit einen Augenblick auf Ihre vier Buchstaben setzen,
Herr Dichter? Nur einen Augenblick, wenn es gefaellig ist! Sie seh'n
doch, dass hier gearbeitet wird."

Der Rotter war ganz ueberrascht. Das war ja eine unglaubliche
Frechheit von diesem Flametti! Was fiel dem eigentlich ein! Das war
doch die Hoehe!

Hoch hob er sein Stoeckchen, fitzte es durch die Luft und rief auf die
Buehne hinauf:

"Sie, hoeren Sie mal: Hab' ich mit Ihnen vielleicht mal die Schweine
gehuetet oder hab' ich Ihnen das Ensemble geschrieben? Das
Frauenzimmer dort mit der Gurkennase ist doch unmoeglich!"

Das Frauenzimmer mit der Gurkennase war Fraeulein Rosa. Und Flametti
sah hin und stand einen Moment lang betroffen.

"Ich hab' das Ensemble doch, Gott verdamm' mich, fuer Hakennasen und
nicht fuer Himmelfahrtsnasen gemacht!"

Er schlug mit dem Stoeckchen C-Dur an und rief:

"Na, mal weiter!"

Aber Flametti war jetzt die Lust vergangen.

"Lassen Sie das Klavier in Ruh!" schrie er herunter und fuchtelte mit
der Lanze. "Was faellt Ihnen eigentlich ein? Sind Sie hier Direktor
oder ich?"

Herr Rotter jedoch wurde auffallend ruhig, nahm sachte sein Stoeckchen
von den Tasten, rueckte die Muetze zurecht und sagte:

"Hoeren Sie mal! Wenn Sie glauben, Sie Botokude, mich fuer Ihre
fuenfzig Franken hier anschreien zu koennen, dann sind Sie im Irrtum."

"Und Sie", rief Flametti, stellte die Lanze hin und sprang, in vollem
Haeuptlingsschmuck, ueber die Buehne herunter, "machen Sie, dass Sie
rauskommen. Raus! Ich habe genug von Ihnen."

Und da Herr Rotter als Antwort hierfuer nur ein spoettisches Grinsen
hatte, die Stirnhaut hochzog, die Ohren bewegte und den Bloeden
spielte, packte Flametti den Patron am aermel und spedierte ihn hoechst
persoenlich durch das Lokal zum Buefett, wo Herr Schnabel automatisch
und ohne zu fragen sich seiner annahm und ihn im Hinblick auf seine
moralische Zweideutigkeit vor die Tuere setzte.

Nachdem der Dichter entfernt war, ging alles glatt. Von vorne, von
vorne, und nochmal von vorne, bis dass es sass.




IV




Am siebzehnten fand die Premiere statt. Schon am fruehen Morgen
herrschte im Hause Flametti betraechtliche Aufregung.

Es war noch nicht sieben Uhr frueh, als sich die Frauen aus dem
Favoritinnengemach schon stritten um das Vorrecht, fuer diesen
Ehrentag Flametti-Feuerscheins Stiefel putzen zu duerfen.

Fraeulein Traute hatte sich im Lauf der letzten Tage das Reinigen der
Haeuptlingsstiefel zu ihrer ganz besonderen Domaene gemacht. Kaum
regte sich in der Fruehe das erste Gurren und Flattern der
Turteltauben, so sprang sie schon aus dem Bett, hin zum Gemach der
Hauptfrau, vor dessen Tuere die Knoepfelschuhe der Frau und die
Zugstiefel Flamettis in trunken uebernaechtiger Kameradschaft
beisammenstanden, nahm die Haeuptlingsstiefel weg, liess die
Hauptfraustiefel stehen und rannte in die Kueche nach dem Putzzeug, um
den beiden anderen Favoritinnen zuvorzukommen.

Heute aber hatte sie sich verrechnet. Denn waehrend sie in fliegendem
Neglige zu der Schlafzimmertuer rannte, rutschte auch Fraeulein Rosa
ueber die Bettkante herunter und eilte hinaus in die Kueche, um Buerste
und Putzzeug an sich zu nehmen.

Guessy aber, die im Nu, zurueckbleibend, die Chancen des kommenden
Streits berechnet hatte, langte sich ihre Beinkleider und zog sich an,
fieberhaft. Ihr Temperament war stiller, phlegmatischer, heiss.
Aber soviel wusste sie: Angekleidet wuerde sie bei einem Streit vor
ihren im Hemd stehenden Rivalinnen im Vorteil sein.

Der Streit liess nicht auf sich warten. Unter der Tuere zwischen
Esszimmer und Kueche begegneten sich Traute und Rosa. Die eine mit den
Stiefeln, die andere mit Buerste und Creme. Guessy knoepfte sich gerade
die Spangenschuhe zu.

"Gib die Stiefel her!" rief Rosa, "sie gehen dich nichts an! Ich bin
laenger im Hause als ihr!" Sie wollte sich gerade heute ein Vorrecht
nicht nehmen lassen, auf das sie frueher gerne verzichtete.

Aber Traute dachte nicht dran, die Stiefel aus der Hand zu geben.

"Hast du sie gestern gewichst? Hast du sie vorgestern gewichst?
Verstehst du ueberhaupt was davon? Fuetter' deine Tauben!"

Guessy lachte. Aber Rosa hatte keine Lust zu weitschweifigen
Auseinandersetzungen.

"Gib sie her!" rief sie entruestet und klopfte der Traute die
Wichsbuerste auf die Nase.

Guessy kam naeher aus dem Lattenverschlag, lachend. Die Stiefel fielen
zu Boden. Die Wichsbuerste ebenfalls. Die Creme rollte unter den
Schrank. Traute und Rosa kriegten sich bei den Haaren.

In diesem Moment aber klopfte es und herein trat: Frau Schnepfe aus
Basel. Sie war mit dem Fruehzug heruebergefahren, um ihre Visite zu
machen, ihre "Affaeren" zu erledigen und abends zur Premiere zu kommen.

"Guten Morgen!" sagte sie freundlich und stand unter der Tuere. "Bin
ich hier recht bei Flametti?"

"Ah, die Frau Schnepfe!" rief Rosa freundlich ueberrascht und liess
ihre Partnerin los. "Ja, ja, natuerlich sind Sie hier recht! Setzen
Sie sich, Frau Schnepfe!" und lachte sich tot.

Guessy nahm die Stiefel und das Putzzeug an sich. Traute war in den
Verschlag gefluechtet. Auch Rosa, kichernd hinter dem Spalt der
Lattentuere, beeilte sich, einen Rock anzuziehen.

Frau Schnepfe war etwas befremdet von solch halbnackter Tummelei der
Kuenstlerinnen. Musternd sah sie sich im Esszimmer um. Hier also
wohnte Flametti!

"Er schlaeft noch", entschuldigte Rosa und kam, die Druckknoepfe
schliessend, wieder zum Vorschein. Dann vorstellend: "Das ist
Fraeulein Guessy. Das ist Fraeulein Traute!" Die rieb sich mit dem
Handtuchzipfel die Schuhcreme aus dem Gesicht. "Noch ein bisschen
frueh. Er steht immer erst auf gegen elf. Heute steht er wohl frueher
auf, weil wir heut' abend die "Indianer" haben. Aber ich darf ihn
nicht wecken."

"Gut, gut!" sagte Frau Schnepfe und stand auf, den Schirm in der Hand.
"Ich komme spaeter vorbei. Gruessen Sie ihn! Die Frau Schnepfe war
da."

"Es ist recht", verbeugte sich Rosa grazioes, ihres stellvertretenden
Amtes bewusst. "Ich werd' es bestellen. Adieu, Frau Schnepfe!"

"Adieu!" dehnte Frau Schnepfe und ging, nicht ohne im Vorbeigehen
einen Blick auch in die russige Kueche geworfen zu haben, wo inzwischen
Fraeulein Theres hantierte, verdriesslich und Stumpen rauchend.

Dann kam Engel, um acht.

"Schlaeft er noch?"

"Ja, er schlaeft noch."

"Wo hast du das Plakat?"

"Hier", sagte Rosa und holte das schoene Plakat des Herrn Lemmerle aus
der Ecke beim Spiegelschrank, blieb bei Herrn Engel stehen und lachte
ihn an.

Auch die beiden andern kamen naeher und lachten.

Engels milde Augen waren Wolfsaugen geworden.

"Das ist ein Plakat! Was?" sah er sich nach den Weibern um, als
haette er das Plakat selbst gemacht.

Rosa lachte. Guessy kicherte verschaemt. Sie kannten doch Flametti!
Und wenn man das Bild ansah, wo er so feierlich aussah, als Indianer,
--wie sollte man da nicht lachen!

Aber Traute lachte nicht. Sie fand es dumm, da zu lachen. Was gab
es da zu lachen? Gar nichts gab es zu lachen.

Sie aergerte sich ueber diese Gaense. Diese Rosa, die Trulle, was die
schon davon verstand! Das ist doch nur fuer die Reklame! Er hat ein
Geschaeft, der Flametti. Das ist das Indianerspielen. Das macht ihm
Spass. Und wenn er ein Plakat machen laesst, ist's schade, dass es nur
ein Brustbild ist; dass nicht auch die Beine drauf sind mit den
Fransenhosen, und die Stiefel. Und man muss froh sein, wenn man ihm
die Stiefel putzen darf, damit er sich freut. Und wenn er manchmal
"verruckt" wird und toll zuschlaegt, dann ist das auch nicht so
schlimm! Weiber brauchen das, sonst werden sie frech. Man sieht's
ja. Und wenn er einen anfasst, dann ist's, als ob einem Hoeren und
Sehen vergeht und man moechte am liebsten zurueckschlagen, weil er sich
gar nicht geniert und sich nichts draus macht. Das ist schon ein Aas,
dieser Flametti.

Und sie sagte es ganz laut, ein wenig schmollend und sehr verliebt:
"Das ist schon ein Aas, dieser Flametti!"

Rosa kraehte vor UEbermut und sah die ungluecklich im Fensterwinkel
sitzende Traute foerderlich an. Die hatte es maechtig!

Guessy aber, still und heiss, hatte ein Geschaeker mit dem Engel
angebahnt. Sie hatten ihre Haende zum Tric-Trac ineinandergesteckt
und Guessy, lang wie sie war, versuchte, den schmaechtigen
Ausbrecherkoenig unterzukriegen.

Rosa hielt, versunken, das Plakat vor sich hin.

Und Traute kam naeher und warf dem "tapfren Haeuptling Feuerschein"
singend einen Handkuss zu, indem sie Theater machte aus ihrer
Verliebtheit.

Und Rosa fiel ihr um den Hals und tanzte mit ihr im Zimmer herum.

"Lass los, Guessy!" meinte Engel ernsthaft, "hab' keine Zeit. Muss
weiter. Das Plakat aushaengen."

"Frau Schnepfe war da!" rief Rosa.

"Aus Basel?"

"Ja, aus Basel!"

"Fein wird's heut' abend: "Die Letzten von dem Stamm der Delawaren"",
sang Traute mit uebertriebenen Gesten, die ihr im Ernstfall gewiss
nicht so leicht gefallen waeren.

"Ja, Frau Schnepfe war da", quittierte Engel, "und das ist auch eine
Neuigkeit: dass die Haesli nicht singen wollen. Herr Haesli will den
Schackerl nicht machen. Weil's ihm nicht passt."

"Ach, der!" maulte Rosa gegen Engel, "was der nicht alles weiss!" Und
sie intonierte:


"Schackerl, Schackerl, trau di net!",


was sie auf der Probe gehoert hatte, und kopierte dabei Frau Haeslis
neckische Vortragsart.

UEberhaupt: die Weiber waren ausser Rand und Band, schon so frueh am
Morgen, und Engel warnte:

"Wenn ihr mal nicht andre Augen macht, eh' es Abend wird!"

Und Engel schickte sich an, zu gehen, das Plakat unterm Arm nebst den
beiden Bildertafeln, die er sich selber langte und auf denen die
Mitglieder des Flametti-Ensembles in ihren entboetigsten Privat--und
Theaterposen photographisch zugegen waren.

"Engel!" rief Flametti, dessen nackter Kopf an der Schlafzimmertuer
erschien, und die Maedels fuhren auseinander.

"Ja, Max?" drehte Engel, schon bei der Treppe, noch einmal um.

"Komm mal her!"

Rosa nahm Guessy die Stiefel ab und stellte sie schleunigst an die Tuer.
Traute rief durch den Schalter: "Theres, den Kaffee!"

Guessy nahm schleunigst die Tischdecke weg und deckte den Kaffeetisch.
Engel folgte Flametti ins Allerheiligste.

"Was gibts?" fragte Flametti.

"Plakate holen", berichtete Engel.

"Sonst was?" Flametti war wieder ins Bett gestiegen.

"Guten Morgen, Jenny!" machte Engel seine Reverenz. "Nein, sonst
nichts. Ja doch: Die Haesli machen solchene Zicken. Er ist ganz
blutig gekratzt und er will nicht singen, sagt er."

Engel bibberte heftig, wie immer, wenn er solchene Hiobsposten zu
bringen hatte.

"Was will er?" setzte Flametti sich auf.

"Na, weisst du", beguetigte Engel, "es passt ihm nicht. Er ist doch
gestern zurueckgekommen vom Militaer. Und es passt ihm nicht, dass die
Alte das Lied ausgesucht hat mit dem Schackerl."

"Was ist das?" setzte sich nun auch Jenny auf, indem sie das Hemd
ueber der schoenen vollen Brust zusammenzog.

"Na, du weisst doch, Jenny", erklaerte Engel, "Sie katzen sich doch
immer. Und nun ist mir der Haesli schon frueh um sieben, wie ich von
der Annie kam, auf der Strasse begegnet, ganz zerkratzt um die
Schnoerre herum, und hat mir gesagt, dass er nicht singen will wegen
dem "trau mi net". Und er will nicht das Kalb machen."

"Gut!" sagte Flametti, "haeng' die Plakate aus! Er wird schon singen.
Ich werde schon sorgen dafuer, dass er singt!"

Und Jenny rief: "Max, geh' rueber zu ihnen! Setz' sie vor die Tuer!
Hol' dir Ersatz! Hab' ich dir's nicht gesagt, dass sie uns aufsitzen
lassen? Hab' ich's nicht immer gesagt? Da hast du's! Aus der
Nachtruhe stoeren sie einen auf, die Anarchisten!"

Und Max sprang aus dem Bett, zog die Hosen an, schnackelte die
Hosennaht zurecht und trat ins Esszimmer, unwirsch. Der Kaffee stand
auf dem Tisch. "Wer hat die Stiefel geputzt?" rief er.

"Ich!" riefen Traute, Rosa und Guessy zugleich.

"Gut!" sagte Flametti, zog die Stiefel an, setzte den Hut auf und
stapfte davon.

Er ging aber nicht zu den Haeslis, sondern begab sich schnurstracks zu
Fraeulein Mabel Magorah, der indischen Traumtaenzerin, Ruebengasse 16.IV,
die er als Ersatz benoetigte.

Auch Jenny stand jetzt auf, gar nicht guter Laune, zog den blauen
Schlafrock ueber, der wie ein Buegelteppich aussah, band ihn ueber dem
Leib zusammen und kam zum Vorschein.

Das erste war, dass sie ihre ungeputzten Knoepfelschuhe bemerkte. Sie
tat, als merke sie gar nichts, und fragte harmlos, indem sie sich zum
Kaffeetisch setzte:

"Wer hat meinem Mann die Stiefel geputzt?"

Schweigen.

"Na, werd' ich's erfahren, wer meinem Mann die Stiefel geputzt hat?"

Guessy frech und phlegmatisch:

"Ich. Warum?"

"Weil du auch meine zu putzen hast, wenn sie dabeistehen."

Und Jenny nahm die Knoepfelschuhe und warf sie der Guessy vor die Fuesse.

"Na!" maulte Guessy, "ich bin doch keine Dienstmagd hier im Hause!
Soll doch die Rosa die Stiefel putzen! Ich bin hier als Saengerin
engagiert!"

"Was bist du?" rief Jenny erbost, "Saengerin? Was sagst du?
Einsperren werd' ich euch! Nichts zu essen werd' ich euch geben!
Ich werd' euch Mores lehren! Fuer die Kerls habt ihr Augen. Fuer's
Arbeiten nicht!"

Traute stand irgendwo beim Fenster, abgewandt, und kicherte in sich
hinein. Rosa war hinterruecks in die Kueche verschwunden.

"Rosa!" rief Jenny hinaus, "hast du dein Kleid ausgebuegelt?"

"Nein, noch nicht!" antwortete es von draussen.

"Du buegelst dann dein Kleid aus! Theres soll die Eisen einlegen.
Und dann tragt ihr die Kostueme rueber in die Garderobe!"

Traute bekam einen Einfall. Sie ging hinaus in die Kueche und kam
zurueck mit einer Teekanne.

"Na, was hast denn du da?" fragte Jenny.

"Teewasser!" sagte Traute.

"Teewasser?" fragte Jenny, "wozu Teewasser?"

"Ich will meine Locken wickeln."

Jenny schlug mit der Hand auf den Tisch und fuhr auf. "Na, da hoert
doch die Weltgeschichte auf! Du bist wohl ganz und gar
uebergeschnappt? Locken jetzt um neun Uhr vormittags? Und aus meiner
Teekanne? Deine Dreckfinger willst du in meine Teekanne stecken, aus
der ich Tee trinke?"

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