Flametti
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Nein, es war gar nicht leicht, im "Krokodil" anzukommen. Denn es war
eine Ehre.
Wer bei Herrn Schnabel spielte, war ein gemachter Mann. Wen Herr
Schnabel auftreten liess, war ein Ehrenmann. Ein von Herrn Schnabel
vollzogener Kontrakt war ein Ausweis und Leumundszeugnis. Herr
Schnabel, mit Annahme und Ablehnung, teilte Zensuren aus.
Aber Flametti wuerde es schaffen. Er hatte sich's vorgenommen. Und
hier ist es am Platz, zu sagen, dass Flametti keineswegs unvorbereitet
um eine Konferenz mit Herrn Schnabel nachsuchte. Er hatte die
spielfreien Abende benuetzt: er hatte sich umgesehen. Mit Jenny im
"Germania-Cabaret": Stanislaus Rotter, Schnelldichter und
Conferencier--man hatte ihn seine Schmonzes vortragen hoeren; seinen
redegewandten Improvisationen nicht ohne Gewinn gelauscht. Er war es,
von dem Flametti das Heil erwartete.
Angenommen, der Rotter, alter Bekannter von Max, Stadtgroesse, wuerde
sich, nur fuer ein einziges Mal, bestimmen lassen, Flametti ein
Ensemble zu schreiben, ein unerhoertes, ein buntes, nie dagewesenes
Gesangstableau: es wuerde die Kassen fuellen, die Konkurrenz
totschlagen, und waere ein voller Ersatz fuer den Tuerken.
Freilich: hingehen musste man, zu ihm, in seine Wohnung; ihn bitten,
devotest, um soviel Guete. Aber wer weiss: vielleicht wuerde er's tun.
Ein gutes Ensemble von ihm, exotisch, wild, mit der Streitaxt,
brutal--und alles waere in Ordnung. Herr Schnabel wuerde nicht Nein
sagen koennen: schon wegen der Konkurrenz. Die Konkubinatsstrafe
koennte beglichen werden. Die Schwierigkeit waere behoben.
Flametti hatte, wie gesagt, den Tschibuk aus der Tasche genommen, und
was war natuerlicher, als dass er dabei an Ersatz fuer den Tuerken dachte?
"Lauf, hol' mir ein Paket Goldshag!" sagte er zur Kellnerin, die
neugierig den Tschibuk bewunderte, und gab ihr Geld. Steckte das
Rohr des Tschibuks in den Mund, blies hindurch, probierte den Zug und
besah die Arbeit. Es war die erste stille Minute seit frueh um halb
sechs.
"Ah, Flametti!" trat der Herr Wirt freundlich naeher, "wie geht's, wie
steht's? Pfeife rauchen?"
"Mein neuer Tschibuk", renommierte Flametti, "fuers "Harem"."
"Neue Ausstattung?" meinte Herr Schnabel. Und mit Bezug auf den
Tschibuk: "Schoenes Stueck.--Echtes Stueck?"
"Jawohl", bestaetigte Flametti prompt und zuvorkommend. "Tschibuk aus
Aleppo. Echte Arbeit."
"Ah, von dem Mechmed", riet Herr Schnabel aufs Geratewohl. Flamettis
Beziehungen zum Tuerken waren ihm nicht unbekannt.
"Nix Mechmed!" beeilte Flametti sich, mit gesundeter Selbstironie
hausbacken zurueckzuweisen. "Orientbazar. Sieben Franken fuenfzig."
"Ist auch besser so", meinte Herr Schnabel leichthin und nur halb bei
der Sache. Er drehte die Hand in der Hosentasche, verfolgte mit
wachsamen Augen den Hausknecht, der zapfte; die Kellnerinnen, die
sich anschickten, den Saal fuers Konzert herzurichten, und entschwand
zum Buefett. Er hatte offenbar viel zu tun.
Flametti war in Verlegenheit. Was sollte er tun?
Die Kellnerin brachte den Goldshag und Flametti stopfte die Pfeife.
Ein gluecklicher Umstand kam ihm zu statten: Frau Schnabel erschien im
Lokal, freundlich laechelnd nach allen Seiten, eine aufgehende Sonne.
"Sie, Herr Schnabel!" rief Flametti vertraulich, winkte mit dem Kopfe
und griff in die Brusttasche: "Was sagen Sie dazu? Kennen Sie den?"
Und laechelte Madame Schnabel ein "Guten Abend" zu.
Herr Schnabel, abgeloest am Buefett, trat wieder naeher. Aus Flamettis
Hand, zeremonioes umschlossen, stieg eine Photographie in
Postkartenformat, darstellend einen Herrn in den mittleren Jahren,
mit englisch gestutztem Schnurrbart, Schillerkragen und
Kuenstlerkrawatte.
"Das ist doch der--Rotter?" riet der Wirt. "Jerum, der Rotter!" rief
er erstaunt seiner Frau zu und beugte sich naeher, um ueber Flamettis
Schulter hinweg die Photographie zu betrachten. Auch Frau Schnabel
trat naeher.
"Ja, der Rotter", bestaetigte Flametti und stand auf, um die
Photographie auch Madame zugaenglich zu machen. "Wissen Sie, wo der
jetzt auftritt?" Er war ein wenig verwirrt, eine Supplikantenrolle
zu spielen, wurde verlegen und laechelte. "Als Schnelldichter im
Germania-Cabaret."
"So so!" meinte Frau Schnabel skeptisch und duenn, als habe sie den
Pips an der Zunge. Sie neigte den Kopf zur Schulter, drehte die Hand
in der Schuerzentasche und sah mit hochgezogenen Augenbrauen hinunter
auf ihren Spangenschuh.
"Conferencier und Improvisator-Beruehmtheit!" versicherte Flametti.
"Fuenfhundert Franken Gage. Karrieremacher. Feiner Kerl!"
"Waren ja Freunde, ich und der Rotter", wandte er sich an Madame.
"Je Gott! Dort drueben"--er zeigte nach einer Nische--"nebeneinander
sind wir gesessen und haben Asti gezecht!"
Und wieder zu Herrn Schnabel: "Erinnern Sie sich? Und im
"Bratwurstgloeckli" z'Basel: Sie kennen doch den Rotter, was der fuer
'nen Appetit hat!--Als der Kaiser nach Bern kam: wer hat das
Begruessungsgedicht verfasst? Erinnern Sie sich?"
Herr Schnabel hatte die Hand in Zangenform an die Stirne gelegt.
"Richtig!" fuhr er in grossem Bogen von der Stirn weg in die Luft.
"Macht ja Karriere!" ruehmte Flametti und schob klotzig den
Unterkiefer vor, um die brutal verdraengende Energie des Herrn Rotter
respektvoll zu charakterisieren. "Verdient ja ein Heidengeld!
Stadtgespraech!"
"Na und jetzt?" interessierte sich Herr Schnabel.
"Unnahbar. Nichts zu machen. Keiner kommt an ihn ran. Wie
abgeschnitten."
Und wieder mit unwiderstehlicher Grossartigkeit zu Madame Schnabel:
"Ein Talent! Der Kerl schuettelt die Verse nur so aus dem aermel.
Stundenlang. Phaenomenal."
"So so!" laechelte Frau Schnabel wie oben, mit einem so liebenswuerdig
knappen Misstrauen, dass es Flametti die Glieder laehmte.
"Elegant!" schwang Herr Schnabel sich auf und versuchte, mit einem
ermunternden Blick auch seine zurueckhaltende Ehehaelfte zu gewinnen.
"Tipp topp!" ueberbot Flametti. "Man muss ihn abends sehen, bei
Beleuchtung. Im Frack. "Elegant"! Das ist das Wort zu viel!" und
etwas wie Ironie und leise Verachtung mischte sich in Flamettis
unendlich ueberlegenes Interesse. Er war sich bewusst, seinen letzten
Trumpf auszuspielen. Jetzt oder nie.
"Siehst du, Flametti", sagte Herr Schnabel unvermittelt und setzte
sich an den Tisch, "so etwas muesstest du engagieren! Mich geht's ja
nichts an: aber lass doch den Kram mit dem Tuerken und such' dir 'nen
Schlager!"
Flametti klopfte gerade den Tschibuk aus. Er bekam Oberwasser. Das
alte, vertrauliche "Du" des Herrn Schnabel ehrte ihn. Er steckte die
Photographie ein. "Jawohl! Und wieviel Draufgeld zahlst du mir?"
"Was Draufgeld! Je nachdem! Zweihundert Franken, dreihundert
Franken. Haben schon vierhundert gezahlt im Monat."
""Je nachdem"!" laechelte Flametti gerissen und nahm sein Bierglas
zwischen die Haende. "Ist ja Stuss. Aber ich will dir was sagen: Was
zahlst du, wenn er mir ein Ensemble schreibt?"
"Was zahl' ich?" gigampfete Herr Schnabel. "Kommt drauf an!" Und er
stieg mit der Stimme. Er stand auf, drehte sich auf dem Absatz und
strich sich den Schnauzbart.
Frau Schnabel kannte das Gehaben ihres Gatten. Sie wusste: jetzt
kam's zum Geschaeft. Sie zeigte ein Laecheln, das schon im voraus ihre
Zustimmung zu allen etwaigen Massnahmen des Gatten zum Ausdruck
brachte. Ein Laecheln, das, drueber hinaus, Ermutigung zu bedeuten
schien fuer den gluecklichen Kontrahenten, dem es gelungen war, das
Interesse ihres Gemahls, des Herrn Schnabel vom "Krokodil" zu erregen.
"Minimum!" rief Flametti, der nun einmal den Schnabel gefasst hielt
und nicht gewillt war, ihn wieder loszulassen.
"Kommt darauf an, was ihr bringt!" schaukelte Herr Schnabel sich von
den Absaetzen auf die Zehenspitzen und von den Zehenspitzen wieder auf
die Absaetze.
Flametti zaehlte an den Fingern seine Mitglieder her: "Zehn Personen.
Drei Lehrmaedel."
"Gut", sagte Schnabel, "wenn du was bringst von dem Rotter, und alles
anstaendig, dezent--: dreihundert Franken und am fuenfzehnten koennt ihr
kommen."
"Abgemacht!" schwitzte Flametti und streckte Herrn Schnabel die Hand
zu ueber den Tisch. "Anna, 'ne Halbe!"
Jenny lag schon zu Bett, als Flametti von diesem an Aufregungen
reichen Tage nach Hause kam.
"Na, Max, was ist? Was hast du erreicht?" Sie war sehr besorgt.
"Engagement im "Krokodil". Fuenfzehnten fangen wir an."
Jenny setzte sich im Bett auf und strich sich das Haar aus der Stirn.
"Aber was spielen wir denn?"
"Morgen geh' ich zum Rotter."
III
Seltsame Dinge begaben sich im Hause Flamettis. Ein Brief kam an von
Mechmed. Darin stand:
"Mein lieber Freund!
Ein schamloser Verdacht! Ich sitze hier in den Haenden der Polizei
und kann nicht heraus. Mein ganzer Besitz, einige Kilo Haschisch,
konfisziert. Was wollen sie von mir? Ich habe keine Schuld an dem
Anlass. Hilf, Bruderherz! Im Namen der Freundschaft. Mechmed sitzt
in den Haenden der Polizei. Die Haende der Polizei geben schlechtes
Essen und kein Luft. Und die Seele schreit mit dem Dichter:
Eilende Wolken, Segler der Luefte, Wer mit euch wanderte, wer mit euch
schiffte!
Dein Freund Mechmed."
Und da der Brief keinen Stempel der Bezirksanwaltschaft trug, wusste
Flametti, dass Mechmed seinem Handwerk treu geblieben war, wuergte ein
schadenfrohes Gelaechter und beeilte sich, seine Probetueten zu Mutter
Dudlinger beiseite zu schaffen.
Und ein zweiter Brief kam an; fuer Frau Haesli; den sie vorlas mittags
bei Tisch. Darin stand:
"Mein heissgeliebtes Herz!"
"Hoert ihr?" rief sie, ""heissgeliebtes Herz" schreibt der Narr!"
"Mein heissgeliebtes Herz!
Sie haben mich genommen,..."
"Bein Militaer", erklaerte sie.
"... und es geht mir hier sehr gut. Ich habe acht Tage Dienst zu
machen. Dann werde ich beurlaubt. Nichts ist's mit dem Jodeln. Ich
blase die Trompete, trotz meiner Zahnluecke..."
"Er blost, er blost", schrie Frau Haesli und versuchte, den durch die
Zahnluecke blasenden Gatten mit schief gezogener Schnauze zu
vergegenwaertigen.
"Ich blase die Trompete und der Hauptmann ist sehr zufrieden mit mir.
Strenger Dienst, und ich denke Dein in Liebe. Bleibt mir treu..."
"Toni, bleib' ihm treu!" schwadronierte die Alte.
"Bleibt mir treu und ehret mein Angedenken."
Frau Haesli machte eine verdutzte Pause. ""Ehret mein Angedenken"?",
wiederholte sie befremdet. Dann auf jedes seiner Worte deutend:
"Meine Blicke ruhen auf euch und verfolgen jeden euerer Schritte."
"Jawohl", bemerkte Frau Haesli, "da kannst du lange verfolgen, mein
Lieber! Haehae! Seine Blicke verfolgen uns! Ja, uebermorgen! Blos du
die Trompet'! Er blost die Trompet'! Der Haesli blost und seine
Schritte verfolgen uns!"
"Suesse, geliebte Lotte",
fuhr sie fort,
"Schick' mir ein Paar warme Unterhosen und schreibe mir ausfuehrlich!
Ich sehne mich nach euch und zaehle die Tage bis zu meiner Rueckkehr."
"Gott sei Dank!" sagte Frau Haesli und schob den Brief in ihren
Brustlatz, "jetzt ham sie ihn. Sollen ihn nur recht zwiebeln. Ich
werd' dem Hauptmann schon schreiben, dass er ihn sobald nicht wieder
loslaesst. Wie gesund der ist, wenns ans Pruegeln geht! "Heissgeliebtes
Herz!" Ja, Scheibenhonig!"
Und ein dritter Brief kam an, fuer Flametti, aus Basel. Darin stand:
"Werter Freund und Kupferstecher! Flametti!
Indem uns Deine Karte sehr gefreut hat, haett'st auch einen Brief
schreiben koennen. Damit man weiss, was ihr bringt en detail. Ich bin
bereit, Dich zu akzeptieren fuer die fragliche Zeit und wenn ihr
gefaellt, dann noch laenger. Die Alte kommt zu euch hinuebergerutscht
fuer einen Tag, weil sie noch andere Affaeren hat, und dann koennt ihr
einig werden. Die Alte laesst gruessen. Gruess auch Jenny und bringt was
rechtes mit.
Sacre nom du dieu!
Dein Fritz Schnepfe und Frau, Varietelokal, Basel."
Und Flametti nahm den Ausbrecherkoenig beiseite und sagte: "Komm' mit!"
Und sie gingen zum Einkauf und brachten zurueck: Fuenf Bettvorleger
aus getigertem Fell und eine Negerlanze von den Sunda-Inseln, die sie
erstanden hatten bei Herrn C. Tipfel, Antiquariat, wo Briefmarken,
Seesterne und Smaragdkristalle in schillernder Auswahl das
Schaufenster zierten.
Und ueberhaupt: eine gesteigerte Taetigkeit bemaechtigte sich Flamettis.
Leben kam in die Bude.
Niemand ausser Jenny und Engel wusste, was die fuenf Bettvorleger
sollten. Aber sie waren da und jedermann, der zum Ensemble gehoerte,
musste mit den Haenden druebergestrichen und sie fuer gut befunden haben.
Sie blieben zunaechst im Esszimmer liegen. Sechs Franken neunzig das
Stueck. Fuenfunddreissig Franken die Partie.
Und Flametti richtete sein Schreibzeug her und nahm den Kapellmeister
beiseite und sagte: "Herr Meyer, morgen nachmittag fuenf Uhr:
Soloprobe. C-Dur." Und machte mit zappelnden Wurstelfingern die
Bewegung heftigen Klavierspielens.
Und kaufte sich einen neuen Schlips, ein Franken fuenfundsiebzig,
schwarz, beim "Globus".
Und der Herr Coiffeur Voegeli kam zu Besuch, eines Nachmittags, und
man servierte ihm im Schlafzimmer Wein, und Fraeulein Rosa musste ihn
unterhalten, weil Jennymama keine Zeit hatte, sondern roten Biber
einkaufen gehen musste, um aus den Bettvorlegern durch Aufnaehen der
Felle auf den roten Biber Kostueme zu fertigen von wilder, unerhoerter
Farbenpracht.
Und Herr Voegeli revanchierte sich fuer den liebenswuerdigen Empfang so
brillant, dass Jennymama in der Lage war, sich einen totschicken
Abendmantel zu kaufen, den sie zu tragen gedachte zur Premiere.
Und siehe da: zwei junge Damen kamen, aus Bern, zu Fuss, eine schoener
als die andre. Das waren Fraeulein Guessy und Fraeulein Traute.
Fraeulein Guessy lang, ueberlang, so was Langes haben Sie noch nicht
gesehen. Vorne platt wie ein Nudelbrett. Mit langen Zugstiefeln,
grossen dunklen Kuhaugen und langen, wehenden Armen: zwanzig Jahre.
Fraeulein Traute kraeftig, rosenrot, Hakennase. Stets kichernd und
schamrot ueber den eigenen Busen, der prall und anboetig vorn abstand,
und den sie stets eifrig bedacht war, mit beiden Haenden ueber die
Hueften hinunterzuglaetten: achtzehn Jahre.
Und Flametti sah sie an mit einem Auge voll Wohlgefallen beide. Und
all dies Weiberfleisch wurde einquartiert zu Fraeulein Rosa, hinter
den Bretterverschlag, zu den Turteltauben; wurde als Lehrkraft
dabehalten, und suchte sogleich mit Eifer sich nuetzlich zu zeigen.
Und Besuch kam nachmittags: Fraeulein Raffaela, Taenzerin, und Fraeulein
Lydia, Taenzerin; beide vom Zirkus. Mit ihrer gemeinschaftlichen
Mutter Donna Maria Josefa.
Donna Maria Josefa war eine sehr prezioese Dame. Sie setzte beide
Haende trommelnd auf die Tischplatte und liess ihre Augen schweifen,
ohne den Kopf zu bewegen.
Ihre Nase war etwas geroetet von Frost. Ihr Gesicht beherrscht. Ihre
schmalen, behaarten Lippen verbargen ein Gebiss, das mit wahren
Haifischzaehnen besetzt war.
Man stellte vorsichtig Kaffee vor sie hin, und die beiden Toechter
setzten sich zu ihrer Seite, je rechts und je links, und sagten:
"Mama, ach Mama! Mama, nimmst du Zucker? Mama, nimmst du Milch?
Mama, nimmst du Zwieback? Mama, nimmst du Honig oder Gelee?"
Und Flametti sagte: "Jaja, Frau Scheideisen!" So hiess Donna Maria
Josefa mit ihrem Privatnamen.
Und Jenny schob ihr in einem fort Zwieback hin und sagte zu den
Toechtern:
"Greif' zu, Raffaela! Greif' zu, Lydia!" wie zu alten Bekannten.
Und Donna Maria Josefa trommelte mit den Fingern, als saesse sie bei
einer Eroeffnungs-Gala-Festvorstellung an der Kasse. Und laechelte
gemessen, wenn man hoeflich war.
Das Ganze aber hatte Flametti, wahrlich nicht UEbel, arrangiert und
eingefaedelt, um die alte Haesli ein wenig in Schach zu halten, die
UEppiger wurde von Tag zu Tag.
Die sass jetzt auch am Kaffeetisch und platzte vor anerkennender
Bewunderung beim Anblick der Goldknoepfe von Donna Maria Josefas
Blusenbusen.
Es begab sich aber, dass auch zwei Detektivs erschienen, eines
Nachmittags--schon wieder, Kreuzdonnerkeil!--, an die Tuere klopften,
ganz sachte, und Flametti zu sprechen wuenschten, zwecks einer
Auskunft.
Und er ging hinaus vor die Tuer, nahm die Detektivs in die Kueche und
verhandelte mit ihnen.
Und eine innere Stimme sagte Flametti: Verdirb dir's nicht! Haeng'
sie nicht vors Fenster, sondern mach' Ihnen Vorschlaege zur Guete!
Und das tat er auch. Aber es nuetzte nicht viel. Noch immer wegen
der Quittung.
Und er stiess die Tuer auf und kam hereingestuerzt in die Stube, schloss
seine Hauptkasse auf, stuerzte den Inhalt auf den Esstisch und schrie
sehr erregt zu den skeptisch nachfolgenden beiden Beamten:
"Was wollt ihr denn? Seid doch vernuenftig! Kann ich denn zahlen?
Seht selbst! Habt doch in Teufelsnamen ein wenig Geduld! Da ist
mein Ensemble..."
"Jenny, Rosa, Guessy, Traute!" rief er, und die kamen von rechts und
links, im Unterrock, mit offenen Haaren, mit Lockenschere,
Schuhknoepfer und Seifenhaenden...
"Da ist mein Ensemble", rief er, und zerrte die Damen mit langen
Armen zu sich heran, "man arbeitet doch! Man rackert sich ab! Man
studiert, simuliert! Man zahlt seine Steuern, man tut sein
Moeglichstes..."
Aber die Beamten blieben trotz allem skeptisch. Und es ist nicht
einmal unwahrscheinlich, dass der Anblick so unterschiedlicher
Frauenspersonen, in Halbtoilette um einen einzigen Mann gruppiert,
ihr Misstrauen noch bestaerkte.
Sie notierten sich etwas und man begab sich zum zweitenmal in die
Kueche. Jetzt handelte sich's um den Mechmed.
"Haben Sie einen Tuerken gekannt: Ali Mechmed Bei?"
"Ja."
"Haben Sie mit ihm in Geschaeftsverbindung gestanden?"
"Nein."
"War Ihnen bekannt, dass er mit Kokain, Opium und Haschisch handelte?"
"Ja."
"Nehmen Sie selbst Opium?"
"Nein."
"Haben Sie Kommissionsdienste fuer ihn uebernommen?"
"Nein."
"War Ihnen bekannt oder mutmassten Sie, dass seine Waren geschmuggelt
waren?"
"Nein."
"Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?" etc.
Flametti gab Antwort auf all' diese Fragen nach bestem Wissen und
Gewissen. Denn er hatte nichts zu verbergen. Aufgeplustert vor Wut
und verlegen wie ein Schuljunge.
Und sie nahmen ihn nicht in Haft. Und wegen der Quittung wuerde er
eine Vorladung bekommen zwecks Auseinandersetzung seiner
Vermoegenslage.
Flametti wurde furchtbar nervoes im Lauf dieser Tage. Offenbar: grosse
Dinge standen bevor. Wichtige Dinge. Geheimnis tut not, wo
Schicksale schweben. Stoerung ist fernzuhalten.
Noch kannte Flametti von dem neuen Ensemble, das Herr Rotter ihm
zugesagt und bestimmtest versprochen hatte, nicht viel mehr, als dass
die Musik in C-Dur ging; dass es voraussichtlich "Die Delawaren" hiess,
und dass er selbst, Flametti, den Haeuptling Feuerschein vorstellen
wuerde, mit Lanze, Pfeilen und Tomahawk.
Aber gerade die letztere Aussicht, die Rolle des Haeuptlings
Feuerschein, die Flametti bevorstand in den Prachtworten, die Herr
Rotter sicherlich fuer ihn finden wuerde; im exotischen Aufputz voller
Glut, Farbenpracht und Majestaet;--Adlerfedern ueber den Ruecken
hinunter; Sandalen unten, Hakennase oben--veraenderte gewissermassen
Flamettis Gesichtskreis und seine Lebensnuance.
Jetzt erst verstand er, weshalb ihm zuletzt das ganze Ensemble,
Auftreten und Spielen verleidet gewesen; weshalb ihm all' seine
letzten Tableaus so seicht, geistlos und platt erschienen. Schon
diese Titel: "Die Modeweiber", "Die Nixen", "Die Nachtfalter"! Was
konnten sie einem geben? Weiberzeug, suesslicher Schnack. Kitsch,
Bruch.
Widerwillig hatte Flametti sie Abend fuer Abend im Repertoire gefuehrt.
Loeckchen, Gefaeltel, Plissees, Frou-Frou--: er konnte nicht mehr. Er
empfand einen Brechreiz.
Und die Weiber waren dabei immer aufdringlicher geworden. Was Wunder!
Sie standen im Mittelpunkt.
Dagegen: "Die Delawaren"! Wie das klang! Stierig, maennlich, farusch,
imposant! Das war eine Sache. Das schuf Respekt. Da liess sich was
ahnen!
Flamettis Benehmen wurde, schon jetzt, simpler, beruhigter, breiter.
Seine Energie zaeher, verbissen. Sein Selbstgefuehl maechtig. Die
Loewenbrust woelbte sich.
Wenn er die Hand auf den Tisch legte, zitterte dieser. Frueher hatte
er nicht gezittert. Wo Flametti hingriff, wuchs jetzt kein Gras mehr.
Wen Flametti ansah, zuckte zusammen, erbleichte.
Er liess, im Geist, seine Freunde Revue passieren und beschloss, zu
lieben und hassen nur noch toedlich. Frueher hatte er mit sich reden
lassen.
Er beschloss, alle minderen Qualitaeten aus seiner Gepflogenheit
auszumerzen. Beschloss, seine Gastfreundschaft auszudehnen und
selbstverstaendlicher zu gestalten. Beschloss, mehr zu sitzen, zu
liegen. Weniger Aufregung, mehr Schwere und Weihe.
Seine Leidenschaft fuer Narkotika und fuer Alkohol solle befestigt
werden. Opium: sehr gut. Feuerfressen: sehr gut. Das passte. Und
er beschloss, die Feuernummer von nun an wieder oefter und mit mehr
Finsternis in der Geste zum Vortrag zu bringen.
Nicht soviel Anpassung. Mehr Wuerde. Magie. Nicht soviel Worte.
Mehr lautlose Tat. Im ganzen: Vereinfachung. Wucht.
Und eines Morgens, als Flametti, in Traeume versunken, vor die Tuer
seines Wigwams trat, im vollen Waffenschmuck, mit vergifteten Pfeilen;
den Rauch seiner Pfeife blasend nach den vier Windrichtungen: erhob
sich ein solches Gekreische, Gelaechter und Girren im Lattenverschlag
bei den Tauben, dass Flametti beschloss, ein Exempel zu statuieren.
Heraus sprang Feuerschein aus dem Bett, im Hemd, mit Bravour, und
hinueber zum Lattenverschlag.
Das Weiberfleisch balgte sich in den Betten.
Drein fuhr Flametti mit derber Hand und luepfte die Decke.
Es leuchtet der Mond in der Gondelnacht
Blank, blaenker, am blaenksten.
Und Flametti griff zu und es klatschte.
Und die Lange fluechtete aus dem Bett. Und die Dralle mit dem
geschamigen Busen schrie. Und die, die es traf, Rosa, die Sklavin,
rang die gefalteten Haende, und flehte und straeubte sich fruchtlos
gegen die sehnigen Haeuptlingsarme.
Stolz kehrte Flametti zurueck, die Brust geschwellt von maennlichem
Furor, die Augen gerollt vor strahlender Lust, und sagte zu Jenny,
die neben ihm lag: "Die sollen mich kennenlernen!"
Neueinstudierungen wurden angeordnet unter Jennys Leitung, weil Max
anderweitig beschaeftigt war. Alte Kostueme wurden, unter Beteiligung
der Lehrkraefte, repariert und aufgebuegelt. Die neuen Kostueme
probiert.
Und auch die Damen Jenny und Laura bekamen jetzt Lanzen, aus
Besenstielen, rundum bemalt, gelb, gruen und blau. Oben eine Spitze
aus Goldblech.
Und damit auch das uebrige Ensemble nicht muessig ging, hatten Engel und
Bobby Beleuchtungsproben mit bengalischem Rot, wozu sie die Pfanne
und Pulver besorgen mussten.
Herr Arista studierte ein neues Lied:
"Nur immer raus damit, nur immer raus damit!
Wozu haben wir's denn? Na ja!",
was sich auf seinen Busen bezog.
Auch die Haeslis hatten fuer neues Programm zu sorgen und studierten
mit dem Pianisten das interessante Terzett "Schackerl, Schackerl,
trau di net!", das Frau Haesli ausgesucht hatte, an dem sich aber nach
seiner Rueckkehr vom Dienst auch Herr Haesli beteiligen sollte.
Es war offensichtlich Flamettis Ehrgeiz, aus der Premiere dieser
"Indianer" einen Festzug zu machen, ein Ruhm--und Gedenkblatt fuer
sich und das ganze Ensemble.
Wer weiss, was fuer Intentionen mehr er damit verband, was fuer
Erbauungen und Hintergedanken! Soviel Sorgfalt wie auf dieses
Ensemble hatte er noch auf keines verwandt. Soviel Aufwand und
Wichtigkeit waren kaum zu erklaeren.
Ein Plakat liess Flametti entwerfen von einem ersten Maler der
Fuchsweide. Darauf stand in Majuskeln: "Die Indianer." Abgebildet
war Flametti als Haeuptling Feuerschein in vollem Federnaufputz,
Rothaut ueber und ueber, mit Ohrringen, Funkelaugen und einer Kette aus
Baerenzaehnen.
Darunter aber stand: "Alleiniges Auffuehrungsrecht: Flamettis
Variete-Ensemble."
Hinging Max zu Herrn Fournier, dem Vorstand der Eisenbahner-Kapelle,
und fragte ihn, ob er bereit sei, mit fuenfzig Mann Blasorchester zur
Stelle zu sein. Und welche Konditionen.
Vorsprach Flametti beim Beizer und legte ihm den Gedanken nahe, um
Freinacht und Tanz einzugeben bei der Polizei, was Herr Schnabel zwar
ueberrascht, aber bereitwillig versprach. Er hatte ja keine Ahnung.
Und zur festgesetzten Stunde traf Flametti Herrn Rotter im
Terrassencafe.
Der Rotter war elegant wie immer. Er las gerade die "Daily Mail"--ob
er das konnte? Ob das nicht Getue war?--, lud Flametti mit einer
raschen, geschickten Handbewegung ein, Platz zu nehmen, setzte den
Kneifer vor seine lidlosen, entzuendeten Augen, rieb sich die Nase und
zueckte das Manuskript aus der Mappe.
Flametti bestellte ein Pilsner, und dann befummelten sie die Affaere.
"Also sieh her, Flametti!" sagte Herr Rotter, "das ist der Dreck."
Dabei wog er das Manuskript auf der Hand.
Flametti beugte den Oberkoerper herunter aufs Knie und rauchte Zigarre.
"Also es ist so: "Die Delawaren". Du machst den Feuerschein. Die
andern, die Weiber, fuenf Stueck, machen die Bande. Ausstattung:
Fellkostueme, wie gesagt, Lanze, Tomahawk, Kopfaufputz. Musik: C-Dur.
Beleuchtung: Rot. Einstudieren musst du's selbst. Hier ist der Text."
Flametti bemerkte sofort, dass Herr Rotter Eile hatte, und beeilte
sich seinerseits, aus der Brusttasche einen Fuenfzigfrankenschein in
Bewegung zu setzen, der als Honorar vereinbart und von Mutter
Dudlinger mit riskierender Teilnahme vorgestreckt worden war.
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