Flametti
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"Ja ja, ich hoer' schon!" fuhr Flametti jetzt auf. "Ich hoer' schon.
Bin doch nicht schwerhoerig! Dummes Geschwaetz!"
Jenny war ueberrascht. Fraeulein Lena ebenfalls. Er hatte doch gar
nicht zugehoert! Er hatte doch an dem Schloss laboriert!
Flametti stand auf, sehr rasch, krempelte seine Hemdaermel herunter,
knoepfte das Halsboerdchen zu und ging in die Kueche, um sich die Haende
zu waschen. Er kam zurueck, nahm Joppe und Hut und ging.
"Da hast du es!" klagte Jenny, "da geht er. Ach Lena, ich bin ganz
verzweifelt! So macht er es immer. Seit er die Geschichte hat mit
dem Tuerken, ist er wie verdreht. Kaum den Loeffel aus dem Mund--fort
ist er. Alles moegliche hab' ich versucht. Er hoert mich nicht einmal
an. Wir gehen zu Grund. Ich seh's ja. Was soll ich nur machen?"
"Tja", meinte Lena, "was ist da zu machen?"
Flametti war dieser "Summs" zuwider.
Gewiss, er liebte seine Frau. Sie war ein wenig furchtsam von Gemuet
und leicht zu uebertreibungen geneigt, wie alle furchtsamen und
aufgeregten Gemueter. Aber sie meinte es gut, war keine boese Natur
und er haette ihr gerne ein wenig Gehoer schenken duerfen. Doch er
schaetzte es nicht, seine innersten Geschaefts--und Familiengeheimnisse
coram publico verhandelt zu sehen.
Gewiss, das Geschaeft ging schlecht. Schlechte Zeiten und keine
Schlager.
Gewiss, ein Ensemble von zehn lebendigen Menschen verlangt, sich
standesgemaess zu naehren, zu kleiden und zu Triumphen gefuehrt zu werden.
Obendrein: eine Konkubinatsstrafe von hundertachtzig Franken war zu
zahlen--der Beamte der Kriminalabteilung hatte zweimal bereits die
Quittung praesentiert--und von der Fischerei konnte man das nicht
bestreiten. Das wusste Flametti selbst.
Aber Schlager fallen nicht vom Himmel. Er hatte schon seine Plaene.
Man brauchte ihn nicht zu hetzen und die halbe Nachbarschaft dabei
zuzuziehen.
Gar diese Lena: Ein schoenes Stueck Malheur! Die musste dann gerade
noch kommen! Grausliches Weib! Keine galante Erinnerung aus seiner
Direktorenzeit war Flametti unangenehmer als diese. Ein Vampir.
Nicht von der Spur wich sie, wenn sie einmal Blut geleckt hatte.
Tuechtig war sie, als Pianistin. Russisch sprach sie auch, von Lodz
her. Aber ein Mundwerk hatte sie wie ein Schwert. Eine boese Zunge.
Und das nun verstand Flametti nicht, wie Jenny sich mit ihr einlassen
konnte.
Man soll ihn in Ruhe lassen. Er wird es schon machen.
Die Haende in beide Hosentaschen gesteckt, so dass der Rockschoss weit
hinten abstand, den breitkraempigen Filzhut tief in die Stirne gerueckt,
froh, seinem haeuslichen Glueck entronnen zu sein, schickte Flametti
sich an, einen Gang zu unternehmen durch sein Revier.
Dieses Revier nannte sich "Fuchsweide" und war der Konzert--und
Vergnuegungsrayon aller lebenslustig-abseitigen Kreise der Stadt.
Treffpunkt der grossen Welt, Schlupfwinkel einiger unsicherer Elemente,
zugegeben. Aber alles in allem ein Monaco und Monte Carlo im
kleinen.
Flametti fuehlte sich frei wie ein Fuerst. Aller Hader fiel von ihm ab.
Aller Kleinmut verliess ihn. Hier kannte er jeden Weg, jeden Steg;
jede Kneipe, jede Latrine. Hier war der Felsen, hier musste
gesprungen werden. Hier fielen die Wuerfel, hier war man zu Hause.
Vorbei am Alteisengeschaeft des Herrn Ruppel und an der "Drachenburg";
vorbei an der Fischhandlung "Teut" mit ihren Riesenaquarien voll
stumpfsinniger Hechte und Karpfen, vorbei an "Haehnleins Kleiderbazar"
und "Lichtlis Frisiersalon"; vorbei am "Olivenbaum" und an der
"Tulpenbluete", schwenkte Flametti in die Hauptverkehrsader der
Fuchsweide, die bucklige Quellenstrasse ein.
Er verlangsamte seine Schritte und klimperte, ueberlegend, mit dem
Geld in der Tasche. Er schnupperte in der Luft, die nach Kaffee roch,
und zuendete sich eine Zigarette an.
Hier war der Korso! Hier war der Betrieb! Es weitete sich seine
Brust und er atmete auf. Kein Gesicht, das er nicht kannte. Kein
Laden, mit dessen Inhaber er nicht schon Tausch und Geschaefte hatte.
Auf dem "Moenchsplatz" sassen die Katzen und putzten sich in der Sonne.
Es war eine Unmenge Katzen, graue, schwarze und rote. Aber es war
Platz genug fuer sie da. Nachts sangen sie hoch auf den Daechern.
Auf dem "Moenchsplatz" laermten die Kinder. Sie putzten einander die
Nasen, banden einander die Hosen zu, saeuberten sich die Koepfe. Aber
um jeden Kopf legte die Sonne eine kleine Gloriole.
ueber den "Moenchsplatz" sprang Fraeulein Frieda, die Kellnerin, dass die
Roecke flogen.
"Servus Flametti!" rief sie. Es war eine Lust zu leben.
Die Niedermeyers hatten Umzug heute. Auf ein Rollwaegelchen hatten
sie ihre Sachen gepackt; auch den Kanarienvogel. Der Mann schob.
Die Frau half druecken. Die Kinder halfen auch druecken und der kleine
Peter hob die Sachen auf, die vom Wagen herunterfielen.
"Wo wohnt ihr jetzt?" rief Flametti.
Und Herr Niedermeyer rief: "Kuttelgasse 33, V.!"
"Angenehmer Flohbiss!" rief Flametti zurueck. Er war ein grosser Mann
und konnte sich's leisten.
Die Haende in den Hosentaschen, breitspurig und schwer, den Schritt
wuchtig aufs Pflaster gesetzt, ging er hinueber zur Postfiliale.
"Eine Fuenferkarte!"
Der Beamte haendigte ihm die Karte aus und Flametti schrieb an Herrn
Fritz Schnepfe, Varietelokal, Basel:
"Werter Freund!
Teile mir, bitte, umgehendst mit, ob du geneigt bist, Flamettis
Varieteensemble zu engagieren fuer die Zeit vom 1. bis 31. Dezember
laufenden Jahres, sowie die Bedingungen. Wir haben lauter neue
Nummern, erstklassige Attraktionen, und es duerfte nur in deinem
Interesse sein, dir mein Ensemble fuer die allfaellige Zeit zu sichern.
Hochachtungsvoll Dein Flametti."
Kehrte dann zurueck in die Quellenstrasse und lenkte, am Luftgaesslein
vorbei, vorbei an dem kleinen, aber seiner Weine wegen beruehmten
Gasthaus zu den "Drei Sternen", vorbei am Mordloch mit den
Gastwirtschaften "Hopfenzwilling" und "Jerichobinde", vorbei an der
Stutenreite, in die Obere Traeufe.
Es war ein Gang voller angestrengter Gedankenarbeit. Im Gehen
pflegte Flametti zu denken. Bei scheinbarem Schlendern fand er die
besten Entschluesse.
Zwei Herren kamen die Strasse herunter, geradenwegs auf ihn zu.
Verflucht nochmal!
Der eine elegant, schwarzer Schnurrbart aufgekraeuselt, glattes,
feistes Gesicht und glaenzende Drehaugen. Der andere hager, fanatisch,
nervoes: "Peter und Paul". Ein Schaeferhund, leichte Patten, tief
wehender Haengeschwanz, folgte ihnen wippend auf dem Fuss.
Flametti steckte die Haende noch tiefer in seine Taschen, festigte
seinen Gang um ein Erhebliches und gruesste forciert: "Salue!"
Die beiden nahmen ihn scharf aufs Korn, musterten unauffaellig mit
einem kurzen Blick seinen Anzug und gingen vorueber.
Herr Abraham Cohn stand unter der Tuer seines Magazins "Zum
Chnusperhuesli". Er deutete mit dem Kopf nach den beiden sacht
gehenden Beamten.
Flametti benutzte die Gelegenheit, stehenzubleiben und meinte: "Die
Apostel gehen um!"
"Was wolln se?" meinte Herr Cohn, "mer muss se hamm. Waer mer sonst
sicher?"
Flametti trat ein und kaufte eine Tuete Leckerli.
Er ging weiter und kehrte ein im Gasthaus "Zum Vogel Strauss" wo die
ausgestopfte Gebirgsgemse und der balzende Auerhahn standen, rechts
und links vom Entree.
Der Auerhahn trug die Fischkarte mit beigedruckten Preisen um den
Hals gehaengt. Die Gebirgsgemse fletschte die Zaehne, ganz
unnoetigerweise, und sah todesmutig gen Himmel, ein Symbol ihrer
Heimat. Auf dem Sockel aus Felsen und Moos lagen zerstreut die Haare,
die sie gelassen hatte im Kampf mit der Scheuerbuerste des
Hausknechts.
Flametti trat ein und ueberflog mit einem Adlerblick die drei Gaeste,
die hier versammelt waren.
Verflucht nochmal! In der Ecke sass Kranemann! Kranemann, das
Moskitogesicht; Kranemann, die geschniegelte Niedertracht und
Korrektheit; Kranemann, Flamettis erbittertster Feind. Das war nicht
vorauszusehen.
Einen Moment ueberlegte Flametti. Sollte er umkehren? Soller tun,
als habe er sich im Lokal geirrt? Sollte er an den Hut fassen und
gruessen: "Salue! Komme spaeter"?
Da stand aber Kranemann schon auf, kam auf ihn zu, wie von ungefaehr,
und sagte: "Ah, Flametti!--was ist mit der Quittung? Wann wird sie
eingeloest? Hoechster Termin!"
"Hoi, hoi, hoi!" bockte der und trat einen Schritt zurueck. "Nur
langsam! Lass erst mal absitzen, damischer Kerl!" Und beschloss jetzt
zu bleiben.
"Nix da!" rief Kranemann und fasste ihn leicht beim Kragen, "heut ist
der letzte Termin! Zahlen!" und warf ein Zwanzig-Centimes-Stueck auf
den Tisch.
Und wieder zu Flametti: "Den "damischen Kerl" werden wir uns merken.
Wir sprechen uns noch!" Schob seine Roellchen zurueck und verschwand.
"Was hat's denn?" fragte der Wirt neugierig, drueckte den schwarzen
Kneifer fester auf die Nase und kam naeher. Auch die Gaeste am
Kartentisch waren aufmerksam geworden.
"Na", sagte Flametti, "was hat's? Du kennst doch das damische Luder!"
Der Wirt schien das "damische Luder" durchaus nicht zu kennen.
"Ne Halbe?" rief die Kellnerin. Und Flametti nahm Platz.
"Du musst naemlich wissen", vertraute er dem Wirt, "ich hab' doch die
Konkubinatsstrafe, weil wir nicht verheiratet waren. Nun hab' ich
doch inzwischen geheiratet und prozessiert. Und da haben sie
abgelehnt. Nun macht's mit den Prozesskosten zusammen seine
hundertachtzig Stein. Und die wollen sie haben von mir. Und dieser
Kerl war doch frueher Latrinenbesitzer. Dann ist er zur Polizei
uebergegangen. Das ist dieser Kranemann. Und das dumme Luder meint
nun, er kann mich schikanieren.--Siehst du, er tut mir ja leid. Aber
es ist doch zu fad: wo man hinspuckt, stolpern einem diese traurigen
Kreaturen ueber die Fuesse!"
"Ah, so so so so!" verstand jetzt der Wirt, "das ist der Kranemann.
Ja, so zahl' doch die paar Stein! Dann hast du doch Ruhe! Man immer
berappen!"
"Siehst du", kippte Flametti sein Bier, "jetzt erst recht nicht!
Jetzt sollen sie sich mal die Beine in den Leib laufen!"
"Tja", meinte der Wirt bedenklich, "die verstehen keinen Spass. Da
ist's schon das Gescheitste, man gibt nach." Er laechelte schablonig
und strich sich die Haende.
"Maidche, komm her!" rief Flametti der Kellnerin und zog die Tuete mit
den Leckerli aus der Rocktasche. "Das ist fuer dich!" Und Maidche
nahm beschaemt die Leckerli in Empfang.
"Ein Don Juan, dieser Flametti!" versicherte der Wirt seinen
schmunzelnd weitertrumpfenden Gaesten.
"War der Mechmed da?" fragte Flametti die Kellnerin.
"Nein, bis jetzt nicht."
Flametti sah nach der Uhr, geschaeftsmaessig, ohne indessen verabredet
zu sein. Nach der dritten Halben, als er eben gehen wollte, oeffnete
sich die Tuer und herein trat Mechmed.
Ali Mechmed Bei hiess der Tuerke. Er wohnte im Parkhotel und kam aus
Aleppo. Und darin hatte Jenny wohl recht, dass Flametti ein wenig
verdreht war im Kopf, seit er den Tuerken kannte.
Ali Mechmed Bei: schon der Name faszinierte Flametti. Eunuchen,
Sklaven und Harem wirbelten vor seinen aufleuchtenden Augen, wenn er
in heimlichen Stunden den Namen vor sich hinsprach.
Ali Mechmed Bei: enorme Gelder musste er haben. Man wusste nicht recht,
was er eigentlich trieb. Aber er kam haeufig in den "Vogel Strauss",
und dort hatte Flametti seine Bekanntschaft gemacht.
Ein grosses Tier musste er sein unter seinesgleichen. Denn er hatte
noble Allueren an sich. Daemonisch zog er die dichten, weissen
Augenbrauen hoch, wenn man ihn ansprach, und pflegte mit den Fingern
zu trommeln auf der Tischdecke. "Tja, mein lieber Freund!" sagte er
dann, nickte mit dem Kopfe in einer weltmaennisch-gewitzigten Weise
und sah nach der Decke, wo er jede Fliege, jeden Schnoerkel der
Tuencherarbeit eingehend verfolgte.
Tiefe kaffeebraune Traenensaecke hingen ihm unter den Augen, und diese
Augen selbst blickten in abgruendiger Melancholie.
Horrende Trinkgelder gab er, besass einen Geldbeutel aus Affenhaut und
roch, seiner orientalischen Herkunft gemaess, nach Zwiebel, Henna und
Kokosnuss.
Dieser Tuerke Mechmed trat jetzt ins Lokal, und Flametti verfolgte
jede seiner Bewegungen mit gluehender, heisshungriger Sympathie.
Paletot und Regenschirm hing Herr Mechmed an den Kleiderhaken, und es
kann zugestanden werden, dass die kleine, untersetzte Gestalt, die
jetzt, zerfallen und morbid, aber freundlich laechelnd auf Flametti
zukam, den mysterioesen Gestus jener Leute hatte, die im Traum
wiederkehren. Jener Leute, die sehr wohl die Macht besitzen, ein
Varieteunternehmen zugrunde zu richten, dessen Direktor nicht
Zurueckhaltung zu wahren weiss.
Dieser Tuerke Mechmed naemlich, dessen Smoking oelig glaenzte, dessen
aeusseres fadenscheinig war, besass ein Opiumlager, hier am Platz, auch
Kokain und Haschisch, im beilaeufigen Werte von vierzigtausend Franken,
nur prima reine, unverfaelschte Ware, erste Qualitaet, das er--je nun!
--geschmuggelt hatte, und das er--verstehen Sie!--ohne Profit, nur
weil es ihn behinderte, bereit war, bei konvenierender Gelegenheit
abzustossen.
Und da Flametti sozusagen Fachmann war--er rauchte Opium in der
Zigarette, nahm es wohl auch im Bier--, den Rummel verstand, ein Kerl
war, so sollte er, bei Gelegenheit, mal sehen, was sich tun liess.
Man hat Bekannte, einen Arzt, einen Advokaten, einen Geschaeftsfreund.
Ist ja 'ne Bagatelle, vierzig Mille, liegt ja auf der Strasse, ist ja
gefunden, ist ja ein Dusel. So sollte er also mal sehen, ob man
nicht, unter der Hand, vielleicht einen Interessenten faende.
Und Flametti hatte sich auch umgesehen, seit acht Tagen--Geschaeft ist
Geschaeft! Spitzbuben gibt es hier wie dort!--und einen Interessenten
gefunden. Aber jetzt wollte er auch wissen, wofuer.
"Siehst du, Mechmed", begann Flametti, als Mechmed Platz genommen,
die Nase geschneuzt und sich ein Helles hatte kommen lassen, das er
mit den Haenden waermte, "ist ja alles schoen und gut. Wir kennen uns
jetzt seit vierzehn Tagen. Wir haben Bruederschaft getrunken. Aber
wir muessen doch jetzt einmal weiterkommen. Dein Pass ist
abgelaufen--wann?"
"Zweiundzwanzigsten."
"Zweiundzwanzigsten. Bis dahin musst du das Quantum los sein."
Mechmed nickte, allem Anschein nach ganz vertrottelt und schlaefrig.
Flametti rueckte seinen Stuhl naeher ran und zuendete sich eine neue
Zigarette an.
"Hoer' mal zu: ich bin doch kein dummes Luder, versteht sich."
Mechmed nickte.
"Du brauchst also innerhalb vierzehn Tagen einen Kaeufer.--Zwanzig
Prozent!"
Mechmed nahm die Zigarette aus dem Mund, hielt sie zwischen
Zeige--und Mittelfinger weit von sich weg, blies langsam den Rauch
aus und ueberlegte einen Moment.
"Zwanzig Prozent Provision?" sagte er dann und wiegte den Kopf, "gut!
Abgemacht! Was heisst?" und war sehr verwundert, wie man an seiner
Courtoisie zweifeln konnte.
"Langsam!" sagte Flametti. "Ich hab' den Kaeufer. Drei Tage
Bedenkzeit. Vierzig Mille bar auf den Tisch des Hauses."
Mechmed wurde ploetzlich sehr lebendig. Mit einem Ruck fuhr er auf
seinem Stuhle herum. Sein Ellbogen auf der Stuhllehne stach spitz
gegen die Kellnerin, die mit einem geschickten Seitwaertsschwenken der
Hueften den Tisch passierte.
"Aber", sagte Flametti und kreuzte die Arme vor sich auf dem Tisch,
"ich muss nochmal Proben haben und zwei Mille Vorschuss." Wenn man
acht Mille Provision zu erwarten hatte, konnte man wohl zwei Mille
Vorschuss verlangen.
"Nix Proben!" lehnte Mechmed schwerfaellig ab, die Hand am Ohr, um
besser folgen zu koennen.
Flametti laechelte.
"Sei mal vernuenftig, Mechmed", begann er von vorne, "mein Geschaeft
leidet. Seit acht Tagen bin ich nun unterwegs, dir einen Kaeufer zu
suchen. Rechne die Spesen! Man trifft sich im Cafe, zahlt die Zeche
standesgemaess. Verabredungen da und dort, hin und her. Du weisst
selbst, wie das ist--"
"Wie heisst der Kaeufer?" fragte Mechmed, ohne den Kopf zu drehen.
Flametti wich aus. "Wie heisst er? Tut nichts zur Sache. Prima
prima. Kassa. Zahnarzt." Es handelte sich also um den Zahnarzt,
der Jennys Goldkronen geliefert hatte, einen Herrn von
unzweifelhafter Solvenz, gewiss, der aber bis dato weder von des Herrn
Mechmed Opiumlager, noch von Flamettis Hoffnung und Agentur die
leiseste Ahnung hatte.
"Tja, mein lieber Freund!" trommelte Mechmed auf der Tischkante und
sah zur Decke, "wird sich nicht machen lassen. Sieh mal her!" und er
entnahm seinem Portefeuille einen ganzen Pack fremdartig kuvertierter
Briefe, mit denen er eine Hausse aller orientalischen Narkotika und
die gierige Nachfrage nach diesen Artikeln spielend belegte.
"Was heisst das?" stutzte Flametti, ein wenig rauh.
"Das heisst--:"--der Tuerke gaehnte, schuettelte den Kopf und bestellte
einen Zwiebelsalat--"laesst sich nicht machen. Unter fuenfzig Mille
ausgeschlossen. Offerten: Papierkoerbe voll." Und er zog die Briefe
aus den Kuverts.
Flametti sah den Tuerken in blaue Fernen entschwinden. Perdu. Futsch.
Aus. Ihm schwindelte. Aber er versuchte, der Situation gewachsen
zu sein.
"Mechmed", sagte er, raesonnabel genug, "du bist kein Filz und ich bin
kein Ganeff. Ich weiss: es kommt dir nicht darauf an, wenn du siehst,
dass was laeuft. Gut: ich verzichte auf die Proben. Macht fuenfzig
Franken. Weg damit! Aber die zwei Mille Vorschuss--man muss sich
bewegen, auftreten koennen. Nimm doch Vernunft an! Das ist ja nicht
so! Wir sind doch gut Freund! Du verstehst schon!"
Mechmed verstand. Er nickte. Aber dann schuettelte er ablehnend den
Kopf--er schluckte dabei den Zwiebelsalat--: "Nicht zu machen.
Gefaehrliche Sache." Und musterte jenen mit einem profunden Blick.
"Variete", meinte er, "Weiber, Feuer, Indianer: ja. Ja, ja. Aber
Opium--." Er schuettelte.
"Mein lieber Freund", sagte er vaeterlich, "schwierige Sache.
Diffizile Sache. Nicht zu machen." Und dabei verblieb er. Den
Daumen hatte er in den Hosenbund eingehaengt. Den linken Arm liess er
ueber die Stuhllehne herunterbaumeln. Er schien darueber nachzudenken,
wen er zum Nachfolger ernennen koennte.
"So?" rief Flametti erbost, "das sagst du mir heut? Nach acht Tagen?
Das haett'st du mir wohl auch acht Tage frueher sagen koennen."
"Nix Proben!" schuettelte Mechmed versunken den Kopf und suchte den
Zahnstocher in seiner Westentasche.
"Ah, ich pfeif' dir auf deine Proben! Hier und hier und hier, wenn
du sie wieder haben willst." Aus der inneren Rocktasche brachte
Flametti dreimal je eine kleine Papiertuete, Haschisch-, Opium--und
Kokainprobe zum Vorschein, die er heftig in einer Reihe nebeneinander
auf den Tisch schlug und dem Mechmed zuschob.
Aber Mechmed hatte die ueberlegene Geste des pere noble. "Merci, mon
cher ami, c'est pour bonhomie!" und schob Flametti, ohne einen Blick
darauf zu werfen, die Pulvertueten wieder zu. "Zahlen!" rief er und
schlug den Geldbeutel aus Affenhaut, den er an einer Ecke gefasst
hielt, grandenhaft auf den Tisch.
Flametti raffte die Proben zusammen, steckte sie ein und sprang auf.
"Wieso Merci? Wieso Proben? Weisst du, Mechmed, das ist--das ist--"
Seine Augen funkelten. Er schien zu Taetlichkeiten geneigt. "Also
weisst du--"
Aber Mechmed hatte sich, etwas schwach auf den Waden, schon zum
Kleiderhaken begeben, nahm Paletot, Hut und Regenschirm herunter;
sagte, mit einer einzigen, grossen, zauberhaften Handbewegung ueber den
Tisch und Flametti wegsegnend zur Kellnerin: "Deux francs, l'addition.
Bonjour die Herrn!" und wandte sich wackelnd zum Ausgang.
Flametti stand gebannt und entwaffnet. Und da er die Blicke der
Gaeste auf sich gerichtet sah, liess er seinen aerger in ein
entschuldigendes Laecheln uebergehen, setzte sich wieder hin und drehte
an seinen Ringen.
Zu dumm, diese ganze Affaere! Was wuerde Jenny dazu sagen? Was war
nun das Resultat von vierzehn Tagen? Drei Tueten Niespulver.
Er musste laecheln, wenn er an den alten Knacker dachte, der es
verstanden hatte, ihn hinzuhalten. Aber es war ein Laecheln, das
saurer wurde, je laenger es waehrte.
Eigentlich hatte er gehofft, der Tuerke wuerde ihm aus der Klemme
helfen. Und mehr:
Beim brasilianischen Konsulat hatte er vorgesprochen zwecks
Auskuenften. Auszuwandern gedachte er, wenn die acht Mille vom Tuerken
erst fluessig wuerden.
Sich in der Schweiz mit den Loelis placken? Man ist doch kein Narr.
Die brasilianische Regierung stellt Land zur Verfuegung, soviel man
haben will. Baut einen Rancho. Zwanzig Jahre Kredit. Jenny wird
Kaffee pflanzen. Max Sumpfhuehner schiessen. Ein Pferd kostet dreissig
Franken. Eine Kuh zwanzig. Ein Kalb zehn. Und man atmet in freier
Luft; Brust an Brust mit den Botokuden.
"Das machen Sie gut!" unterbrach sich Flametti mit einer Floskel aus
seinem Varietejargon, "freie Luft!"
Ihm fiel die Konkubinatsstrafe ein. Was wird nun damit geschehen?
Nachdem der Tuerke versagt hat? Kranemann wird keinen Pardon mehr
geben. In die Wohnung wird er kommen mit dem Arrestbefehl. Mit dem
Loch wird er drohen.
Er, Kranemann, ihn, Flametti arretieren! Flametti lachte. Zur
Treppe wird er ihn spedieren, den Herrn Kranemann. Vors Fenster wird
er ihn haengen, wie er die Moebel seiner ersten Frau, dieser Xanthippe,
vors Fenster gehaengt hat: den Nachtstuhl, den Schrank, die Kommode,
alles hinaus vors Fenster, an langen Stricken. Da hol' dir's!
Das war ein Auflauf auf der Strasse. Mit Fingern zeigten sie auf die
Hausfront.
Nun, man soll erst mal sehen, wenn die Detektivs draussen haengen!
Jeder am Rockkragen saeuberlich zum Lueften aufgehaengt. Ist's ein
Wunder? Geld hat man keins. Fuers Loch hat man keine Zeit. Und doch
wird man aufs Blut kuranzt...
Wenn man's bei Licht besieht: die sind doch die eigentlichen Apachen.
Mit diesem Beruf! Warum betreiben sie ihn? Aus Rechtlichkeit?
Ganz gewiss nicht. Aus Ordnungsliebe? Keine Spur. Raufbrueder sind
es, verkappte. Herausfordernde Protzen. Leisetreter. Drohnen der
Gesellschaft.
Auch diese Schaeferhunde: das sind schon die rechten! So ein Vieh,
ansehen muss man's: entartete Bestien. Wirf ihnen einen Brocken hin:
sie schnuppern nicht einmal dran. Hochverraeter an ihrer ganzen Rasse.
Leisetreter wie ihre Herrn.
In seinem, Flamettis Fall: wowohl, er hatte in Konkubinat gelebt.
Die Scheidung von seiner ersten Frau war noch nicht durchgefuehrt.
Wer beklagte sich drueber? Niemand. Macht hundertfuenfzig Franken
Busse. Inklusive Prozesskosten: hundertachtzig Franken. Sah man von
diesem Geld je etwas wieder? Wurde dafuer die Fuchsweide verschoenert?
Ein neuer Bahnhof gebaut? Flametti reiste wenig. Ihn interessierte
es nicht. Aber die hundertachtzig Franken, die interessierten ihn.
"Zahlen!" rief er laut und patzig.
Als er auf die Strasse trat, fielen ihm Jenny und das Geschaeft wieder
ein.
Hinueber lenkte er zur Filiale des "Tagblatt" und gab eine Annonce auf:
"Lehrmaedchen gesucht. Kostenlose Aufnahme und Ausbildung.
Flamettis Variete-Ensemble."
Kostete drei Franken achtzig. Er nahm die Quittung und seinen
Ausweis in Empfang und kehrte um. Seine Stimmung, so sehr er auch
gruebelte, klaerte sich auf.
Auf dem Brunnplatz hielt ein kleines Geruempelauto. Ein Mechaniker in
blauem Arbeitsanzug flickte am Reifen. Eine Anzahl Kinder um ihn
herum. Die Verwegensten drueckten verstohlen auf die Gummiblase der
Hupe, was einige grunzende, missfarbige Laute zur Folge hatte.
Flametti stoppte und sah sich den Karren an.
"Panne?" fragte er den Chauffeur.
"Panne", erwiderte dieser, eifrig beschaeftigt.
Der Schaden war rasch repariert. Die Kinder des Autobesitzers
stiegen auf. Der Chauffeur ebenfalls. Einige grunzende Laute der
Hupe und der Kraftwagen setzte sich unter dem lauten Johlen der
schmutzigen Kinderschar, die sich aus allen Loechern und Winkeln
eingefunden hatte, in Bewegung. Die Kinder des Besitzers spuckten
dabei von ihrem Sitz aus in weitem Bogen und mit aller Anstrengung
auf die Proletarierkinder, die sich hinten angehaengt hatten und mit
geknickten Beinen, trompetend, nachschleppen liessen. Ein Auto in der
Fuchsweide, so frueh am Abend, war ein Ereignis.
Die Quellenstrasse wieder hinunter schritt Flametti, vorbei an Ismaels
"Hollaenderstuebli", vorbei an "Muselmanns Zigarettengeschaeft", wo im
Schaufenster der Philipp sass, den roten Fes auf dem Kopf, Zigaretten
fabrizierend; vorbei am "Schlankeren Jacob" und an den
Geschaeftslokalitaeten der Heilsarmee, hinein ins "Krokodil".
"Salue!" gruesste er, setzte sich, kramte in seinen Taschen und brachte
zum Vorschein: ein altes Trambahnbillett und den in der Fruehe
gekauften hellblauen Tschibuk.
"Ist der Beizer da?" Beizer nannte man in der Fuchsweide den Wirt.
"Jawohl, kommt gleich!" sagte die Kellnerin. Die hiess Anna.
"Gut!" sagte Flametti und nahm einen kraeftigen Schluck aus der
frischen Halben.
Der delikatere Teil seiner Aufgabe stand ihm bevor.
So leicht, wie Jenny sich vorstellte, war es nicht, im "Krokodil"
engagiert zu werden. Herr Schnabel, der Krokodilwirt, kannte die
Vorzuege seines Lokals zu gut, als dass er fuer jeden Schnorrer waere zu
haben gewesen. "Centrale Lage" stand auf den Empfehlungskarten
seines Hotels. Und dem Krokodil, das ueber dem Eingang prangte, sagte
man nach, dass es vorzeiten wirklich am Nil sein Unwesen getrieben,
allwo es, etliche Heiden und Christen im Magen, dem Buechsenschuss
eines Verwandten des Herrn Schnabel erlegen war, um gegerbt und
entkroest als Emblem dem Ruf des Herrn Schnabel zu mehrerem Glanz zu
verhelfen.
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