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Annual Bibliography of Commonwealth Literature 2007
This paper argues that discourses of love in Ghanaian market literature for youth offer a view into complex negotiations of agency and empowerment. Drawing on Deborah Durham's notion of youth as "social `shifters'" and Francis Nyamnjoh's conception of the "interconnectedness" of agency, I take Ghanaian market literature as one specific case of how African literature for youth foregrounds questions of continuity and change as African societies enter into increasingly complex global relations. In this literature for youth, received notions of love, often constructed out of impressions from American pop and hip hop music, carry new notions of agency that compete with existing "domesticated" forms. Authors like Ike Tandoh and Evelyn Tay employ discourses of love to offer youth alternative avenues for empowerment in a context of socio-economic disenfranchizement. In a creative process of "straddling", this writing both reveals and reproduces the contradictions that obtain in youth configurations of agency.

Flametti

H >> Hugo Ball >> Flametti

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Herr Haesli sass noch immer erstarrt in furchtbarer Pose, eine
knoedelessende Schiessbudenfigur. Von der Mutter weg wandte er seine
Augen zur Tochter. Ohne viel Erfolg. Toni setzte sich zwar wieder
hin, konnte sich aber nicht verkneifen, die Mutter darauf aufmerksam
zu machen: "Es sind ja gar keine Forellen. Es sind ja Rotaugen."

"Na", beschwichtigte Jenny, "sie ist ja noch jung. Versoehnt euch!
Morgen gibt's Paprikabraten mit Spaghetti und Tomatensauce. Kinder!
Ein feiner Frass!" Und sie hob den Zeigefinger hoch und liess einige
fettgurgelnde, selige Laute hoeren.

Flametti hatte das Hemdboerdchen geoeffnet, um es bequemer zu haben.
Mit den Oberarmen den Tisch festhaltend, lag er vor seinem Teller,
den Kopf hart ueber dem Tellerrand, und schlarpste gierig die Suppe.

Das Plueschsofa hatte sich unter seinem Druck gesenkt mit einem
Knacken der Federn, das wie ein Magenknurren Flamettis fortdroehnte.
Als er nun die baumwollenen Hemdaermel aufkrempelte, konnte man so
recht sehen, was fuer ein Riese er war.

Die Muskeln der Oberarme stiegen in einer steilen Schwellung zum
Schulterblatt. Teller, Arme und Kopf bildeten ein einziges,
muskuloeses Dreieck. Blutunterlaufen, vom Sitzen, schwollen seine
Augen.

Ganz allein hielt er das Sofa und von dort aus den Tisch in Schach.
Er sprach nicht viel. Fuer die Worte der Haesli wegen der Gage hatte
er nur ein kurzes, brummiges "Ja, ja. Sowie das Essen vorbei ist".
Was ihn ein wenig wurmte, war die Aufdringlichkeit dieser Person, die
immer etwas zu bestellen hatte, immer Stank mitbrachte.

Als Herr Haesli dann jene Schiessbudenpose annahm, konnte Flametti
sogar ein heimliches Gaudium nicht verbergen. Er senkte den Kopf
noch tiefer und blies die Backen auf, um nicht loszuprusten.

Ihm machte es einen Heidenspass, wenn das Ehepaar sich "anblies".
Eine boesartige Rippe, diese Alte. Der kleine Haesli ein Schlappier,
dass er sich das so gefallen liess. Aber ihr Gesang: alle Hochachtung!
Das musste man ihnen lassen. Was Exaktheit, Klangfarbe und Schulung
betraf: weit und breit keine Besseren.

Flametti war mit der Suppe fertig. Ein einziger Fisch lag noch auf
der Platte, und Engel holte weit aus, um ihn an sich zu bringen.

Rosa beeilte sich, aufzufuellen. Jenny, gesaettigte nahm ihr offenes
Haar aus dem Nacken und flocht es zusammen.

"Na, kommt das Zeugs bald?" rief Flametti zum Schalter, legte mit
breiter Oberlippe den Essloeffel trocken, drehte ihn um und leckte auch
die Kehrseite gruendlich ab.

Bobby zerriss ein Stueck Brot und stopfte es in den Mund. Die Haeslis
standen auf, sagten "Mahlzeit!", gingen aber noch nicht, denn es
sollte ja Gage geben.

Auch der Pianist und die Soubrette standen jetzt auf. Der
Damenimitator, aus Hoeflichkeit, blieb noch sitzen.

"Mahlzeit!" rief Flametti. Aber fuer ihn begann die Sache jetzt erst.
Und auch Herr Engel wurde loyal, fasste Mut, und sie stocherten um
die Wette nach den pauvren Fischleins.

Engeln drohte dabei die Hose zu rutschen. Aber er hielt sie fest mit
der linken Hand und rief zu Flametti hinueber: "Max, weisst du noch:
"Bratwurstgloeckli"?"

Dort muss vor Zeiten eine ungeheure Fresserei stattgefunden haben.
Denn die beiden lachten einander an, verstaendnisinnig, und
verdoppelten ihre Anstrengungen.

Flamettis Variete-Ensemble hatte einen Ruf und war beliebt.
"Bestrenommiert" stand auf den Plakaten. Und durch "bestes Renomme",
von dem nur die Neider behaupteten, es ruehre von Flamettis Renommage
her, unterschied sich das Ensemble von der Konkurrenz.

Ferreros "Damen-Gesangs--und Possen-Ensemble" war "geschaetzt",
"glaenzendst", "weltbekannt". Aber beliebt? Nein. Bestrenommiert?
Nein. Es war "vornehmst", infolge der vereinten Eleganz und
Reserviertheit seiner Damen.

Auch Pfaeffers "Spatzen" konnten da nicht mit. Sie hatten weder jene
geheimnisvolle Anziehungskraft, die Flamettis Ensemble eigen war,
noch jene gewisse Eigenart und Popularitaet.

Pfaeffers "Spatzen" waren, wenn man ihren Wert auf einen Nenner
bringen wollte, "altbewaehrt", "solid", "reichhaltig", "anerkannt".
Ihre Force: "dezentes Familienprogramm", mit ausgeschnittenen
Kleidern und Broschen, die, wie Flametti hoehnte, am Bauchnabel sassen.

Nein! Auch von ihnen ging jene Wirkung nicht aus, die Waerme und
Begeisterung verbreitete, Einladungen zu Bier, Wein und Sekt mit sich
brachte; Wagenpartien, Abenteuer und Schicksale im Gefolge hatte.

Worin lag die geheimnisvolle Anziehungskraft der Flamettis?

Darueber zerbrach sich mancher den Kopf.

Flametti zahlte weder die besten Gagen, hatte infolgedessen auch
nicht die ersten Kraefte, wie Ferrero. Noch hatte er die besten
Schlager, wie ebenfalls Ferrero, der Jude war, raffiniert, geschickt,
tuechtig, und der infolge seiner "Vornehmheit" die besten Verbindungen
hatte. Noch waren Flamettis Nummern mit soviel Fleiss, Sorgfalt und
Interesse herausgebracht wie etwa die Gesangs-Ensembles von Pfaeffers
"Spatzen". Auch deren farbenpraechtige, teure Matrosen-,
Schornsteinfeger--und Mausfallenhaendler-Kostueme hatte er nicht, die
Fabrikware waren und Gespraechsthema weit und breit.

Worin also bestand Flamettis UEberlegenheit?

Er war ein Kerl sozusagen, ganz persoenlich. Artist von reinstem
Wasser. Er hatte ein Auge, verstand, seine Leute sich auszusuchen.
Er war: eine Persoenlichkeit gewissermassen. Kein Ferrero, der frueher
mit Lumpen gehandelt hatte. Kein Pfaeffer, der seinen Weibern zurief:
"Kinder, macht's euch bequem!" und dann im Hemd mit ihnen den
"Kleinen Kohn" einstudierte.

Fleiss? Verachtete er. Der echte Artist schlaeft morgens bis gegen
elf. Wenn man bis in die Nacht hinein gearbeitet hat, oft die
schwierigsten Nummern, kann man nicht in aller Herrgottsfruehe wieder
auf den Beinen sein.

Proben? Jawohl! Aber mit Mass und Ziel. Es hat keinen Sinn, den
Leuten die Lust an der Arbeit zu nehmen, sie tot zu hetzen mit Proben.
Auf die Eingebung kommt es an. Nicht auf den Drill. Wer es nicht
in den Fingerspitzen hat, der wird es auch auf der zwanzigsten Probe
nicht haben. Man ist doch nicht beim Kommiss! Artisten sind keine
Studiermaschinen. Und wenn schon Proben, dann nicht zuviel
Puenktlichkeit. Puenktlichkeit soll der Teufel holen. Es muss aus dem
Handgelenk kommen, spontan.

Flamettis Proben waren unberechenbar. Wenn eine angesetzt war, fand
sie sicher nicht statt. Wenn eine stattfand, war sie sicher nicht
angesetzt. Das Ganze blieb mehr der Inspiration, dem persoenlichen
Einfall und Zufall belassen.

Extempores? Prachtvoll! Er selbst war ein Extempore von Kopf bis zu
Fuss. Vielseitig, unberechenbar, auch in seinem Repertoire. Nur kein
festes Programm! Nichts langweiliger als das. Bei Ferrero hing das
Programm jeden Abend punkt acht beim Kapellmeister am Klavier. Bei
Flametti gab's ueberhaupt keines. Oft wusste er fuenf Minuten vor
seinem Auftritt noch nicht, solle er den "Mann mit der
Riesenschnauze" bringen oder die "Feuernummer". Sprudeln muss man:
das war sein oberster Grundsatz.

Auch bei Engagements: Flametti hatte das renommierteste Ensemble.
Und doch keineswegs die renommiertesten Kraefte.

Im Gegenteil: darin gerade bestand sein Genie, dass er verstand,
Kraefte zu entdecken, zu finden, ja aus dem Nichts zu stampfen.

Flamettis Personal war: interessant. Er hatte eine Nase fuer
natuerliche Begabung. Auf Agenten, Kritiken und Renommage gab er
nichts. Selber sehen! Kerle brauchte er, Personnagen. Talent kam
in zweiter Linie. Mochte das Talent einen Knacks haben, die Stimme
einen Knacks, die Figur einen Knacks. Wenn nur der Kerl, der
dahinterstand, etwas zu sagen hatte.

Flametti hatte einen Blick fuer die gebrochene Linie. Einen Blick fuer
jenen Moment, in dem etwa eine Kabarettistin reif wurde fuers Variete.
Da setzte er ein. Da bemuehte er sich. Da lief er.

Und immer: das menschliche Interesse an seinem Mitglied stand im
Vordergrund. Herr oder Dame: ihn interessierte zumeist, was sie
erlebt und gesehen hatten. Gute Manieren. Kein Engagement ohne
tagelange vorherige Beobachtung. Schicksale muss jemand gehabt haben,
um interessant zu sein fuer Flamettis Ensemble. Schicksal brachte
Vielseitigkeit mit sich, UEberraschungen, Anlagen, Geist. Seine
Mitglieder mussten sich bewegen koennen. Welt mussten sie haben.
Versiert mussten sie sein. Vornehmheit war nicht seine Sache.
Dahinter steckte nicht viel. Deklassierte Menschen, gerempelte
Personnagen sind die gebornen Artisten. Im Druck muss man gewesen
sein, um Artist zu werden.

Unter fuenfzig Maedels, die auf der Strasse das Taeschchen schwenkten,
waren zwanzig Soubretten. Es kam nur darauf an, sie davon zu
ueberzeugen. Unter fuenfzig Apachen, die keiner beachtete, zwanzig
Ausbrecherkoenige, Zauberkuenstler, Jongleure. Es kam nur darauf an,
sie zu finden und durchzusetzen. Und gerade darin bestand Flamettis
Genie, seine Popularitaet, seine Magie.

In seinem Ensemble wurden Sprachen gesprochen: englisch, franzoesisch,
daenisch, sogar malayisch. Man hatte die Welt gesehen. Man hatte
sich redlich bemueht und kannte das Leben.

Gefaengnis, Skandal, Freudenhaus, Fahnenflucht waren kein Einwand.
Artisten kommen aus einer anderen Welt. Sind keine Buerger. Aus
Unterdrueckung werden Artisten. Wo keine Defekte sind, sind keine
Menschen. Buntheit, Zauber, Exotik: nur aus Verzweiflung.

Dementsprechend war auch Flamettis Verhaeltnis zu seinen Artisten.
Kameradschaft, nicht Abhaengigkeit. Freiheit, nicht Zwang. Vertrauen,
keine Vertraege. Gage muss sein: sowieso. Aber was nuetzte der beste
Vertrag, wenn der Direktor einmal nicht zahlen konnte?

Hier setzte Flamettis Verlaesslichkeit ein. Er war dann imstande, mit
Angeln sein ganzes Ensemble zu halten. Ein anderer Direktor stellte
die Zahlungen ein.

Bei Flametti konnte man aus--und eingehen, auch wenn man nicht mehr
auf seinen Brettern stand. Bei welch anderem Direktor noch? Was
Flametti besass, gehoerte auch seinem Ensemble. Es war nicht sein
Ehrgeiz, Geld zu machen, Bankkonto und dergleichen. Sein Ehrgeiz war,
eine Truppe zu haben.

Kostueme? Machte man selbst. Nummern? Erfand man sich. Er selbst,
Flametti, hatte er nicht aus einer Robbe ein Seeweibchen gemacht, als
Not am Mann war? Und aus Engel einen Ausbrecherkoenig? Demselben
Engel, der Speckschneider gewesen war bei der Handelsmarine? Eine
Kiste hatte er ihm gebaut, woraus mittels einer im Innern
angebrachten Mechanik selbst bei vernageltstem Zustand leicht zu
entkommen war. Handfesseln hatte er ihm gearbeitet mit einem
Raffinement, dass "Henry" mit einem Ruck seiner zarten Gelenke
innerhalb drei Minuten im Freien stand.

Freilich: Solche Gelenke aus gutem Hause gehoerten dazu und ein wenig
Geschick. Aber "Henry" schaffte es. Kein Mensch haette vorher daran
geglaubt. Eine Beruehmtheit war aus ihm geworden, ueber Nacht.

Welcher Direktor erlebte die UEberraschung, dass seine Soubrette als
Gamsbua auftrat und Schnadahuepfl sang, nur aus Jokus? Oder dass der
Pianist die Klampfn nahm und der Jodler das Piston?

Flametti legte auch keineswegs Wert darauf, jeden Abend zu spielen.
Besonders nicht in den kleinen Beiseln, wo man um sechs Uhr abends
schon auf dem Posten sein musste, wo das Wasser von der Decke tropfte
und die Klaviere jaemmerliche Drahtkommoden waren, unmoeglich, Toene
darauf hervorzubringen.

Mochte Jenny recht haben: man solle auch die kleinen Geschaefte
annehmen; man muesse ja auch die Gagen zahlen. Aber man war doch
nicht in der Tretmuehle! Man war doch nicht auf der Welt, um sich
abzustrapazieren!

Keine UEberarbeitung: das war man seinem Ensemble schuldig. Flametti
verlangte dafuer nur seinerseits etwas Entgegenkommen: Anstand und
guten Willen. Benehmen. Oder er wurde "verruckt", was besagte:
schlug alles kurz und klein, rannte Koepfe an die Wand, ging mit dem
Messer los auf die Bande.

"So, Kinder", rief Flametti, wischte sich den Mund ab und legte die
Serviette hin, "jetzt kommt die Gage!"

Er nahm den Schluessel aus der Hosentasche, schloss die Schieblade auf
und rief, auf das Essgeschirr zeigend: "Weg mit dem Zeugs!"

Rosa beeilte sich, das Geschirr wegzutragen. Das Ensemble spitzte
die Ohren. Auch Engel hoerte nun auf zu essen. Und alle kamen naeher.

"Monsieur Arista", begann Flametti, "sechzig Franken. Stimmt's?
Quittieren Sie."

"Stimmt", sagte Arista, "danke schoen." Quittierte mit dem
Tintenstift, den Flametti ihm hinschob, und strich das Geld ein.

"Bobby--zwei Franken siebenundzwanzig--hier. Stimmt's? A conto
zweiten soundsoviel, a conto vierten soundsoviel, a conto fuenften, a
conto achten." Er zeigte auf die einzelnen auf der Quittung
verrechneten Posten.

"Stimmt, stimmt", sagte Bobby. "Danke!"

"Hier--quittieren!"

Bobby quittierte.

"Herr Meyer--zehn Franken. A conto vierten--fuenf Franken. A conto
achten--fuenfzehn Franken. A conto zwoelften--fuenf Franken. Stimmt's?"

"Ja, stimmt. Danke."

"Laura--fuenf Franken. A conto, a conto, a conto, a conto." Flametti
zeigte wieder die einzelnen Posten auf der Quittung.

"Ja, stimmt schon", zoegerte die Soubrette, ein wenig verwirrt und
enttaeuscht. Eigentlich hatte sie zehn Franken erwartet. Sie konnte
sich aber auch irren.

"Immer dieselbe Sache", massregelte Flametti. Nie wusste sie, wieviel
sie zu bekommen habe, und immer handelte es sich um etliche fuenf
Franken, die sie vergass. Aber die Sache klaerte sich auf, und auch
diese Auszahlung ging glatt vonstatten.

"Quittieren Sie", sagte Flametti und schob dem
Pianisten-Soubrettenpaar die Formulare hin.

Herr Meyer wollte die fuenfzehn Franken einstweilen zusammen an sich
nehmen. Aber Laura war keineswegs einverstanden.

"Nein, das gibt es nicht!" erklaerte sie ziemlich verliebt, "das ist
mein Geld! Das habe ich verdient!" und suchte ihrem Freunde Meyer
den Fuenfliver zu entreissen. Und als ihr das nicht sofort glueckte,
ein wenig aergerlich: "Was faellt dir denn ein? Wir haben doch keine
Guetergemeinschaft", was Herr Meyer spoettisch zugab.

"Wie sie sich haben!" floetete suess Frau Haesli. "Wie sie sich necken!
Seht nur!" Wo ein Krakeel in Aussicht stand, war sie stets voller
Freundschaft und Sympathie.

"Na so nimm schon deinen Fuenfliver!" murrte der Pianist und schob
sehr unwirsch der Soubrette das Geldstueck hin.

"Grueatzi!" sagte der Schlangenmensch, steckte sich eine Zigarette an
und verschwand.

"Addio", sagte Herr Arista, machte der Jodeltochter insgeheim ein
feuriges Zeichen und verschwand.

"Netter Mensch", bemerkte Frau Haesli zu seinem Abgang. "So
bescheiden und lieb!"

"Mahlzeit!" sagte Herr Engel, der hier nichts zu erwarten hatte,
"komme spaeter nochmal vorbei", und ging ebenfalls; was Fraeulein Rosa
sehr komisch fand, denn sie bueckte sich blitzschnell nach Nettchen,
dem Dackel, hob ihn hoch und drehte sich tanzend mit ihm auf dem
Absatz.

"Wer kommt jetzt?" fragte Flametti geschaeftig, aber mit ein wenig
verringerter Sicherheit. "Richtig: Haesli." Und beeilte sich, die
Summe aufzuzaehlen. "Siebenundzwanzig Franken fuenfzig."

"Waaaas?" rief Frau Haesli, wie von der Tarantel gestochen. Sie
beugte den Oberkoerper weit in den Hueften vor und blieb wie erstarrt
so stehen.

"Siebenundzwanzig Franken fuenfzig", wiederholte Flametti und setzte
den Tintenstift ueberrascht mit dem stumpfen Teil auf den Tisch.

"Siebenundzwanzig Franken fuenfzig? Haesli, komm!" Sie packte den
Gatten am aermel. "Haesli, komm! Das ist nichts fuer uns."

Haesli drehte sich auf dem Absatz und machte sich los. Er war
unangenehm beruehrt.

"Marsch, marsch, fort, komm!" draengte die Jodlerin und packte ihn von
neuem heftig am aermel. Sie gab keinen Pardon.

"Na, mal langsam!" brummte Flametti. Und ihre Tochter zog eine
missmutige Schnute und stampfte hoerbar ungehalten "Mutter!"

Aber Frau Haesli liess sich nicht beirren. "Nein, das ist nichts fuer
uns!" tobte sie und schuettelte abweisend die erhobene Hand. "Die
Haeslis sind nicht diejenigen, die sich druecken lassen, ich kenne das
schon! Ich weiss schon, worauf das hinauslaeuft. Haesli, komm!"

"Na was ist denn?" interessierte sich Jenny, beguetigend und
phlegmatisch. Sie kam aus dem Schlafzimmer und steckte sich
friedlich das Haar auf.

"Himmelherrgottsakrament!" fluchte jetzt Flametti und schnellte vom
Sofa auf. "Was gibt's denn? Was passt euch denn nicht? Was wollt
ihr denn? Macht doch den Schnabel auf, wenn euch etwas nicht passt!"
Die Zornadern waren ihm angeschwollen. Er sah aus wie ein tanzender
Fakir.

Haesli bekam's mit der Angst, schuettelte die Frau ab und meinte
kleinlaut: "Max, rechn' 's mal vor!"

"Da ist gar nichts vorzurechnen!" schnitt ihm die Alte das Wort ab.
"Gar nicht noetig. Wenn ich hoer: siebenundzwanzig Franken fuenfzig,
dann hab' ich schon genug. Dann braucht man mir gar nichts mehr
vorzurechnen!" Und nestelte zitternd an ihrer Bluse.

"Was wollt ihr denn?" schrie Flametti noch lauter und tippte sich mit
dem Zeigefinger an die Stirn. "Fuenfzig Franken Vorschuss bei
Engagementsantritt--"

Beide nickten, Frau Haesli so hastig, als ob sie nicht abwarten koenne,
weiter zu hoeren.

"Dreissig a conto an Haesli nach Bern--"

"So? So?" unterbrach Frau Haesli. "Dreissig a conto nach Bern fuer die
Lumpenmenscher, fuer die Reitschuldamen, fuer die Fetzen?" Ihre Stimme
schnappte ueber.

"Dreissig a conto nach Bern", bestaetigte Herr Haesli in aller Ruhe.

"Toni, komm!" rief Frau Haesli und packte die Tochter am Arm. "Toni,
komm! Spuck deinem Vater ins Gesicht! Sieh ihn an, wie er dasteht!
Als wenn er nicht auf drei zaehlen koennte! Dreissig a conto nach Bern!
Und wir hungern zuhaus!"

Jetzt wurde aber auch Herr Haesli fuchtig. "Soll ich vielleicht von
der Luft leben? Hab' ich dir nicht zehn Franken davon geschickt und
den Koffer ausgeloest?"

"Was fuer einen Koffer ausgeloest? Die alte Scharteke! Den Koffer hat
er ausgeloest! Dreissig Franken braucht er dazu. Wasserrutschbahn
fahren mit den Menschern! Mit den Kellnerinnen scharwenzeln! Herr
Haesli hinten, Herr Haesli vorne! Schau mich nicht so an, Mensch!"
Mit ausgebreiteten Haenden und vorgereckter Stirn stand sie da, im
Begriff, ihm an die Gurgel zu fahren.

"Mutter!" suchte die Tochter zu beschwichtigen.

"Dummes Weib!" brachte Herr Haesli mit aller Ruhe und Verachtung auf,
sah die Alte an, als zweifle er an ihrem Verstand, und sah wieder von
ihr weg.

"Na, was wollt ihr also?" schrie Flametti und wuehlte krampfhaft und
hitzig in seinen Papieren, um die Belege zu finden.

"Weiter!" draengte die Alte, "nur weiter!"

"Zwanzig a conto an Toni am siebenten."

"Stimmt, stimmt!" draengte die Alte, "nur weiter!" Die zwanzig
Franken waren fuer eine Seidenbluse der Mutter.

Jetzt war aber Herr Haesli seinerseits erstaunt. "Zwanzig Franken?
Fuer was?" fragte er sprachlos.

"Kuemmer' dich nicht!" rief Frau Haesli. "Lass dir lieber vorrechnen,
was noch weiter kommt. Damit du siehst, was fuer ein Peter du bist!"

"Ja, dann freilich!" verzichtete Herr Haesli. "Da hat ja alles keinen
Zweck! Da kann man ja schuften wie man will! Wenn es hier nur so
zwanzigfrankenweise weggeht! Fuenf Tage ist man fort, und zu Haus
verbrauchen sie zwanzig Franken fuer Kino, Schokolade, fuer Putz und
Schnecken!"

"Kuemmer' dich um dich!" schrie Frau Haesli. Der Geifer stand ihr in
den Mundwinkeln. "Auf den Hund moecht' er einen bringen, und einem
nicht einmal die paar Fetzen goennen, die man auf dem Leibe hat! Dich
kenn' ich, mein Lieber! Ich weiss ganz genau, was du vorhast mit uns!"

Nun muss man wissen, dass mit Frau Haesli nicht zu spassen war. In
Antwerpen und St. Pauli hatte sie Matrosen bedient. Ein Gummiknuettel
gehoerte zu ihrer Ausruestung, und die Kassiertasche war mit
Eisenketten am Lederriemen befestigt. Kerle hatte sie
niedergeschlagen, baumslang, wenn es drauf ankam. Der Varieteberuf
war ihr zu still. Mit der liess sich nicht spassen.

Also gab auch Herr Haesli klein bei, und weiter ging's mit der
Abrechnung.

"Dann am zwoelften zweiundzwanzig Franken fuenfzig vorgestreckt fuer
Zimmer und Konsumation--" Die Haeslis bewohnten zusammen ein Zimmer in
einem Gasthof, das sich die Damen selbst ausgesucht hatten, das aber
Flametti bezahlte, weil er Verbindungen hatte mit dem Wirt.

"Schon gut, schon gut", winkte Frau Haesli ab, "ich weiss schon genug.
Bleiben siebenundzwanzig Franken fuenfzig. Stimmt schon. Ja, stimmt
schon. Haesli, quittier! Wir gehen." Dabei schob sie die Tochter
mit beiden Haenden wie aus einer Verbrecherkneipe vor sich zur Tuer.
"Wir verzichten. Kannst alles selber nehmen. Ich fuer meinen Teil
will nichts davon haben. Wir verdienen uns schon unser Brot."

Und Frau Haesli nebst Tochter waren verschwunden.

Nettchen bellte. Jenny faerbte sich rosenrot im Gesicht vor
verhaltenem aerger. Herr Haesli quittierte, und Flametti schob ihm das
Geld hin.

"Mahlzeit, Max!" sagte Herr Haesli geknickt und bedauernd. "Nichts
fuer ungut!" und reichte Flametti die Hand.

"Salue!" sagte Flametti offizioes und packte seine Sachen ein.

Auch Herr Meyer und Fraeulein Laura gingen. Eigentlich hatten sie um
Zulage bitten wollen. Die Gelegenheit schien ihnen aber nicht
guenstig.




II




"Siehst du die Anarchisten", sagte Jenny, als alle gegangen waren,
"siehst du sie jetzt? Brauchst nur mal ein paar Tage kein Geschaeft
zu haben--gleich werden sie ueppig. Nur in Verlegenheit braucht man
zu kommen--schon laufen sie fort. Forellen muesst ich ihnen vorsetzen,
das Kilo fuer acht Franken. Dann solltest du sehen! Diese Haesli--ach
du mein Gottchen, wie sie hier ankam! Aus Gnade und Barmherzigkeit
hat man sie aufgenommen. Das ist der Dank. Ausgehungert waren sie,
dass Gott erbarm. Jetzt sind sie auf einmal vornehm.--Was machen wir
nur, Max? Du wirst sehen, sie laufen uns fort!"

Aber Max hatte keine Lust zu Meditationen. "Ah was!" sagte er
unwirsch und kramte veraergert in seiner Tischschublade.

Die Tuer ging auf, und herein kam Fraeulein Theres, lendenlahm und
verdriesslich. Der Rheumatismus plagte sie heut ganz besonders. In
der matt herunterhaengenden Hand hielt sie einen angerauchten Stumpen
und blies mit spitzem Munde den Rauch von sich. Unaufgefordert nahm
sie Platz, knetete schmerzhaft ihren Gichtschenkel und drehte sich
schnaufend auf dem Stuhl.

"Frau", sagte sie, "wird gebuegelt?"

"Jawohl, Theres, mach' die Eisen heiss."

Und Theres erhob sich muehsam und trosste ab, um die Eisen heiss zu
machen.

Und Fraeulein Rosa legte den Buegelteppich auf den Tisch und holte den
Waeschekorb aus dem Bretterverschlag, um die Waesche einzuspritzen.

Flametti aber hatte beim Abschliessen der Schieblade einen Schaden am
Schloss gefunden, zueckte den Hausschluessel und haemmerte damit am
Schluesselloch.

Es klopfte. Die Tuere ging auf, und herein trat Fraeulein Lena,
vormals Pianistin bei Flametti.

"Grueatzi!" sagte sie und schob sich in drei freundlichen Wellen
herein.

"Tag, Lena!" nickte Jenny, "komm nur herein!"

"Wenns erlaubt ist!" sagte Lena.

"Tag, Lena!" bekraeftigte Flametti, ohne aufzusehen; so versunken war
er in seine Reparatur.

"Buegelt ihr?" fragte Lena.

"Ja, wir buegeln", wischte Jenny sich die Schweisshaende an den Busen.

Theres brachte das Buegeleisen, und Lena nahm ihren Stuhl.

"Schoene Sachen hoert man!" rueckte sich Lena auf ihrem Stuhl zurecht.

"Um Gotteswillen, Lena, was gibt es denn?"

"Ja, ja", seufzte Lena.

"Was denn, Lena? Sprich doch!"

Und zu Rosa: "Geh mal raus in die Kueche! Ich ruf' dich dann!"

Flametti haemmerte angelegentlich und beflissen am Schluesselloch.

"Also hoert zu", strich Lena ihren Rock zu den Fuessen, "sie machen euch
aus, wo sie koennen. Sie erzaehlen, dass es rutschab geht: ihr zahlt
keine Gagen mehr; es gibt nichts zu essen. Ihr bekommt keine
Geschaefte mehr. Grad hab' ich den Bollacker getroffen. Mit dem
hat's doch die Haesli. Von einem Tuerken haben sie erzaehlt und von
Opium. Ich weiss ja nicht, was ihr da habt. Aber sie sagten, es sei
ihnen zu brenzlich und sie saehen sich nach einem anderen Engagement
um."

"Was haben sie erzaehlt?" duckte sich Jenny. "So eine Gemeinheit! So
eine Niedertracht! Hoerst du, Max, was sie ausstreuen? Wie sie sich
raechen? Ihren Gadsch hat sie instruiert, dass er herumgeht und uns
das Geschaeft verdirbt! So eine Infamie!--Weisst du was, Max? Die
wollen selbst anfangen. Die laufen uns fort.--Wir, keine Geschaefte
mehr! Lena, man laeuft sich die Fuesse wund, dass wir spielen! An der
Haustuer faengt man uns ab! Wir brauchten nur ruebergehen zum
"Krokodil"!--Du kennst doch das "Krokodil"! Eins A, dreihundert
Franken Draufgeld! Aber wir wollen nicht, weil wir neu einstudieren.
Weisst du: der Braten war bisschen angebrannt. Das hat diese Alte so
verbiestert, dass sie jetzt ueberall ausschreit, sie haette zu hungern
bei uns. Du kennst doch unsere Kost! Warst drei Jahre bei uns.
Hast du dich je zu beklagen gehabt? Ist dir je etwas abgegangen?"

Lena schuettelte den Kopf. Nein, sie hatte sich nie zu beklagen
gehabt, noch war ihr je etwas abgegangen.

Max haemmerte gewaltsam mit seinem Hausschluessel am Schiebladenschloss.

"Na, gut' Nacht!" rief Jenny, "ich sollte der Direktor sein! Ich
wuerde sie anders zwiebeln! Hier die Gage, soundsoviel Abzug und den
Schuh an den Hintern! Treppe hinunter."

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