Flametti
H >>
Hugo Ball >> Flametti
Pages:
1 |
2 |
3 |
4 |
5 |
6 |
7 |
8 |
9 |
10 |
11 | 12 |
13
Behaupten musste man sich, Respekt und Vertrauen einfloessen. Zu Hause
und im Ensemble. Dann wuerde man vor Gericht schon sehen!
Und Jenny legte sich einen Bluff zurecht, der zunaechst das Vertrauen
der Zirkusartisten wieder gewinnen sollte, und der auch seine Wirkung
nicht verfehlte.
"Kinder!" verkuendigte sie eines Tags in der Garderobe, "naechstens
gibt's eine Gans! Mein Alter spendiert eine Gans!"
Das wirkte wie eine Brandbombe.
"Eine Gans?" fuhren Lydia und Raffaela zugleich auf ihren Stuehlen
herum, als haetten sie nicht recht gehoert.
"Ja, eine Gans!" versetzte Jenny mit Zier und aeusserster Delikatesse,
"eine Gans!" und sie unterstrich den in Aussicht stehenden Braten,
indem sie mit beiden emporgehobenen Haenden durch Zusammenruenden von
Daumen und Zeigefinger Engelsfluegel in der Luft bildete. "Piekfeine
Sache! Oh, das Gaensefett! Das Kastanienfuellsel! Oh, die knusprigen
Schlegel, und die Brust und die Gaenseleberpastete!"
Jenny wusste die Vorzuege der vorlaeufig noch in ihrem Heimatsort
weidenden Gans so jesuitisch ins Licht zu setzen, dass Lydia, die
gerade die traenenbenetzte Photographie ihres Emil am rechten Schenkel
der uebereinander geschlagenen Beine abgewischt hatte, den Arm sinken
liess und traeumerisch verzueckt an Jennys Augen hing.
"Nein, Jenny, sag' wirklich, gibt's eine Gans?"
"Werdet schon sehen!" tat Jenny geheimnisvoll.
Da konnte man denn so recht sehen, wie solche Bravourstuecke einer
auf's Ganze gerichteten Erfindungsgabe niemals ihre gute Wirkung
verfehlen.
Gebaendigt waren Lydia und Raffaela mit einem Schlage. Um den Finger
konnte man sie wickeln. Puenktlich wurden sie wie Normaluhren. Zahm
wie Tauben.
Ja, der Ruf von Flamettis Solvenz verbreitete sich im Handumdrehn.
"Wie sind Sie eigentlich zufrieden mit Ihrem Engagement?"
"Oh, danke, sehr gut! Verpflegung vorzueglich. Alle drei Tage
Gefluegel. Das Geschaeft geht famos. Heute ausnahmsweise schlechtes
Haus. Aber sonst: glaenzend!"
So und aehnlich sprach man im "Krokodil" und in der Umgebung des
Kuenstlertischs.
Ja, Donna Maria Josefa, alias Frau Scheideisen, und Herr Farolyi
erfuhren von der Gans.
"Na, steht's doch nicht schlecht mit dem armen Flametti!" meinte Herr
Farolyi, "wenn er sich noch Gefluegel leisten kann. Kinder, der hat
gewiss Geld auf der Kasse. War ja ein Bombengeschaeft damals, die
"Indianer"!"
Und eines Tags kam sie denn auch wirklich, die Gans; aus Rapperswyl.
Weiss, ohne Kopf, Klauen und Federn, lag sie auf einer Schuessel.
"Sehen Sie mal, Laura: schoene Gans, was?--Aber die kriegen nichts
davon", deutete Jenny gegen die Treppe, ueber die Lydia und Raffaela
kommen mussten. "Die sollen sich mal trompieren!"
Und die schoene Gans, die fette Gans, die Riesengans wurde gebraten
und lag nun huebsch gebraeunt und knusperig, foermlich zerblaetternd vor
Knusprigkeit, auf derselben Schuessel, verschlossen im Buefett.
"Laura", sagte Jenny abermals, "glauben Sie, die kriegen was davon?"
Und zeigte wiederum zur Treppe. "Nicht das Schwarze unterm Nagel!
Geben Sie acht, was die fuer Gesichter machen werden! Das wird ein
Fez! Jawohl: Gans! Husten werd' ich ihnen was!"
Als aber Raffaela und Lydia kamen, oeffnete Jenny das Buefett wie man
das Triptychon eines Altars oeffnet.
"Seht her", sagte sie, "die herrliche Gans!" Und sie nahm die
Schuessel aus dem Schrank und hob sie hoch, wie Salome die Schuessel
mit dem Haupt des Jochanaan hochhob, und Raffaela schrie auf:
"Aehhh, die Gans!"
Fanatisiert und rabiat warf sie die beiden Arme hoch, auf die
Schuessel zustuerzend und sie umtanzend.
Lydia aber ueberkam es wie Verklaerung. In den naechsten besten Stuhl
sank sie.
"Die schoene Gans!" hauchte sie, ganz versunken und vertraeumt, mit
gefalteten Haenden und gottergebenen Augen.
"Wann wird sie gegessen?" Und ihr Unterkiefer bebberte gierig und
erregt, wie einer Katze das Maul zittert, wenn sie den Kanarienvogel
sieht.
Jenny weidete sich an der Qual der Opfer.
Mit der einen freien Hand hielt sie sich Raffaela vom Leib, die alle
Anstalten machte, in den Besitz der Gans zukommen.
"Wann wird sie gegessen? Wann wird sie verzehrt? Wann wird sie
verspeist?" rief nun auch Raffaela.
Lydia sass noch immer mit funkelnd hingegebenen Augen.
Und Jenny, amuesiert, grausam, pervers:
"Vielleicht morgen. Vielleicht uebermorgen. Vielleicht schon heute
nacht. Je nachdem!"
"Wieso heute nacht?" dehnte Raffaela betroffen.
"Nun", sagte Jenny, ganz grande dame, "vielleicht kommen ein paar
Freunde von mir und meinem Mann, und wir feiern einen kleinen
Abschied."
"Aehhh!" rief Raffaela, "wir kommen auch! Wir kommen auch!"
Aber Lydia war schon wieder sentimental geworden. Emils gedachte sie
beim Anblick der Gans, dieses Wahrzeichens von Kultur und Wohlstand,
dieses Inbegriffs aller heimischen Geborgenheit und ehelichen Einfalt.
Ihres fernen Emils gedachte sie und gluecklicherer, vergangener
Zeiten. Salzige Traenen rannen ihr ueber die schlaff geweinten Wangen..
.
Gelang es Jenny auf diese Weise, den am Verfall sich maestenden
Zynismus der beiden Scheideisen zu knebeln, so sah sie doch ein, dass
damit nur die Haelfte der Arbeit geleistet war.
Gefaehrlicher drohten die stilleren Elemente des Ensembles: Herr Meyer,
dieser Idealist, dem es nicht passte, dass Flamettis Flagge auf
Halbmast wehte; der sich ganz persoenlich betroffen fuehlte von
Flamettis Fehltritt und seinem Verzicht auf ein erstklassiges Renomee.
Fraeulein Laura, die gewiss an dem Meyer schuerte, weil es sie jueckte,
selbst die Direktorin zu spielen, an der Kasse zu sitzen und das Geld
einzuheimsen, statt mit der Kassiermuschel durch das Lokal zu tippeln.
Jenny entging nicht die heimliche Verschwoerung, die man im
"Krokodilen" geschmiedet hatte.
Freilich musste der Meyer sich einbilden, er koenne so gut wie Flametti
ein Variete aufmachen. Was war leichter als das?
Freilich glaubte diese Laura, sie kenne den verstohlensten
Geschaeftskniff, weil es ihr gelungen war, Jenny den Seidel & Sohn
auszuspannen.
Aber sie sollten sich verrechnet haben.
"Bis hierher und nicht weiter", sagte sich Jenny. "Wenn sie weggehen,
sind wir pleite."
Max, dieser gutmuetige Taps, merkte ja nichts! Wenn sie, Jenny, nur
ein Wort gegen diesen Meyer sagte, fuhr er sie an wie ein boeses Tier.
Auf den Meyer liess er nichts kommen.
Sorgfaeltig ging Jenny zu Werk.
Zunaechst kaufte, sie sich den Engel.
Nachdem sie ihm verschiedentlich Zigaretten und Biermarken zugesteckt
hatte, fragte sie ihn eines Abends geradezu:
"Du, Engel, sag' mal, was ist das eigentlich mit dem Ensemble, das
der Meyer vorhat? Brauchst dich nicht zu genieren. Kannst es frei
heraussagen."
Engel wurde sehr verlegen.
"Was weiss ich von einem Ensemble!" stotterte er. "Da weiss ich nichts
von." Und harmlos: "Das Apachenstueck haben wir zusammen geschrieben,
Herr Meyer und ich..."
"Mach' mir nichts vor!" unterbrach Jenny ihn streng. "Das haben wir
nicht verdient um dich, dass du uns jetzt so kommst. Du wirst dich
wohl erinnern, was du uns alles verdankst. Immer ist man dagewesen
fuer dich. Nichts hat man auf dich kommen lassen. Du wirst dich wohl
erinnern, wie du zu uns kamst, abgerissen und ausgehungert. Du wirst
wohl wissen, dass Max dich in der Hand hat. Brauchst bloss an die
Annie zu denken. Na, davon spricht man nicht."
Engel wurde noch verlegener. Die Szene war peinlich. Er rueckte den
Stuhl hin und her, den er oben an der Lehne gefasst hielt, liess ihn
tanzen auf dem einen Hinterbein.
"Jenny", sagte er mit dem ratlosen Achselzucken eines gealterten
Barons, den die leidenschaftlichen Regungen einer frueheren Geliebten
bis in die Retirade seines Landschloesschens verfolgen, "Jenny, ich
kann nicht...., ich weiss nicht..... ich hab' dir nichts zu sagen....
ich weiss nicht, was ich dir sagen soll...." Doch sich erinnernd: "Ja,
gewiss: es war wohl die Rede davon..."
Er raeusperte sich. "Ja, ganz richtig! Aber du weisst doch Bescheid!
Du kennst doch den Meyer! Bisschen litti titti!"
Als aber Jenny kurz abschnitt: "Na, schon gut! Lass nur!", da nahm er
das fuer ein Zeichen ihrer gekraenkten Maedchenwuerde, und bemuehte sich,
zart abzuschliessen:
"Mir koennt' es ja gleich sein! Was hab' ich davon? Ich hab' ja
abgedankt! Mir ist alles gleich!"
"Gut, gut!" sagte Jenny, "streng' dich nicht an! Ich weiss schon
Bescheid!"
"Lena", sagte Jenny zu der frueheren Pianistin, als die einmal wieder
zu Besuch kam, "du kommst gerade recht. Jeden Moment kann die
Soubrette kommen. Die wollen doch weg von uns. Der Meyer will eine
eigene Truppe machen. Du sollst mal sehen, wie ich die ins Gebet
nehme!"
"Wollte dir nur sagen", dienerte Lena, "dass ich die zwei
Unterschriften mitgebracht habe. Schon besorgt. Hier ist die eine,
von meinem Mann; hier die andere, von dem Leinvogel."
Sie entfaltete zwei Papiere, breitete sie auf den Tisch, plaettete sie
mit der Hand, und sah Jenny aus fallsuechtigen Fanatikeraugen
abwartend an.
"Lass mal sehen!" sagte Jenny. Sie las. "Gut, gut. Hast du gut
gemacht. Sollst du nicht umsonst getan haben. Komm', trink 'ne
Tasse Kaffee!" Und sie goss Kaffee ein.
Es klopfte. Herein trat die Soubrette.
"Tag, Laura!" sagte Jenny.
"Tag, Fraeulein!" sagte Lena versteckt.
Laura trug eine schwarze Bolerojacke aus Samt, Geschenk ihrer
russischen Freundin, und eine gruene Strickmuetze, von der ihr
kurzgeschnittenes, struppiges Blondhaar vorteilhaft abstach.
Sie wollte Einkaeufe machen, Meyer treffen, und fuer Jenny
verschiedenes mitbesorgen.
Die beiden Weiber musterten sie nicht ohne Schadenfreude und Neid.
"Setzen Sie sich, Laura! Trinken Sie doch 'ne Tasse Kaffee mit!"
Fraeulein Laura wurde ein wenig aengstlich.
"Eigentlich habe ich Eile", meinte sie.
"Na, setzen Sie sich nur!" sprach Jenny ihr zu, "behalten Sie Ihr
Jackett nur an!"
Fraeulein Laura setzte sich und Jenny beeilte sich einzugiessen.
"Wir sprachen gerade von unsrem Prozess", begann Jenny. Sie wusste,
dass es zunaechst darauf ankam, der Soubrette das Heikle der Situation
Flamettis auszureden.
"Ja, wir haben gerade vom Prozess gesprochen. Jetzt ist es aus mit
der Guessy, aus mit der Traute. Jetzt koennen sie einpacken, die
beiden. Sehen sie her: da haben Sie's schwarz auf weiss!" Und sie
zeigte Fraeulein Laura die beiden Papiere, die Lena mitgebracht hatte.
Lena laechelte.
Die Soubrette nahm einen Schluck Kaffee, schob ihre Muetze ein wenig
zurueck und las.
Aber dann laechelte auch sie, nicht unhoeflich, nur etwas ironisch und
gab die Papiere zurueck.
"Glauben Sie, dass das etwas nuetzen wird?" fragte sie malizioes. Die
Wahrheit der hier verbrieften Aussagen ging ihr nicht ohne weiteres
ein. Auch schien sie Zweifel zu leiden am notariellen Kredit der
unterschriebnen Persoenlichkeiten. Lenas Gemahl war eben aus dem
Gefaengnis entlassen, wo er fuer einen Wellblechdiebstahl zwei Monate
Aufenthalt hatte. Der andere Herr, Herr Leinvogel war Laura nicht
bekannt, aber eben deshalb wohl eine noch zweifelhaftere Notabilitaet.
Die beiden Herren versicherten an Eidesstatt, die Liebe der beiden
Lehrmaedchen Guessy und Traute zu der und der Zeit zu mehreren Malen
besessen und kaeuflich erworben zu haben.
Jenny riss der Soubrette die beiden Papiere aus der Hand, faltete sie
zusammen und laechelte:
"Ob das wirken wird! Ob das nuetzt! Da hat man's ja schwarz auf weiss,
was das fuer Daemchen waren! Und ausserdem: fechte ich ihre
Glaubwuerdigkeit an."
Der Soubrette gab's einen Ruck. Doch sie besann sich und parierte
mit einem mitleidigen Achselzucken.
Lena war sichtlich ueberrascht.
"Was heisst anfechten?" nahm die Soubrette jetzt offen die Partei
ihrer Kolleginnen.
"So?" schrie Jenny, aufgebracht durch die offensichtliche Renitenz.
"Ich habe die Beweise!"
Und mit ausgestrecktem Arm in eine vage Richtung zeigend: "Die eine
hat einen Meineid geleistet. Kann ich beweisen. In meiner eigenen
Stube. Die andre hat eine ganze Wachtstube von Schutzleuten, denen
sie Rippchen brachte--damals war sie noch Kellnerin--ins Krankenhaus
gebracht und drei Jahre Arbeitshaus dafuer abgesessen...!"
Und da sie merkte, das seien unwahrscheinliche Dinge, so fuegte sie
bei: "Von Rechts wegen haette sie gar nicht auftreten duerfen. Aber
was tut man nicht!"
Sie machte eine Pause, um Luft zu schnappen und die Wirkung
abzuwarten.
Lena laechelte, ein Lachen, das etwa besagte: Siehst du wohl! Nimm
dich in acht!
"Die sollen mir nur kommen!" fuhr Jenny gefaehrlich fort, "die sollen
was erleben! Die haben's noetig, zur Polizei zu laufen! Von wegen
Unbescholtenheit! Von wegen Misshandlung!"
Sie war wuetend. All ihr Bemuehen, alle ihre plausiblen Gruende
verfingen nicht. Ein neuer Beweis, dass Komplotte geschmiedet waren.
Der Soubrette schien es durchaus gleichgueltig, ob Flametti seinen
Prozess verlor oder gewann. Ja, sie schien bei Jennys heftigen
Argumenten nur noch entschiedener abzuruecken. Unerhoert!
Und als Fraeulein Laura jetzt mit einem energischen Ruck ihren Kaffee
austrank und sich zu gehen anschickte, da fuehlte Jenny nicht nur, dass
der Anschlag missglueckt war, sondern dass jetzt alles auf dem Spiele
stand.
Sie hatte dieser Person in fuenf Minuten das ganze System ihrer
Verteidigung aufgedeckt. Da es ihr nicht gelungen war, sie zu
gewinnen, so konnte die Sache gefaehrlich werden. Der staerkste Trumpf
musste heran. Nichts durfte unversucht bleiben, die neue Truppe zu
verhindern. Der offne Verrat an Flametti musste die letzten Freunde
noch gegen ihn bringen, alle Aussenstehenden ueberzeugen. Das war
gleichbedeutend mit dem Ruin.
"Wissen Sie, Laura", begann Jenny von neuem, "--bleiben Sie doch noch
'nen Moment!--wissen Sie: schliesslich ist's ja egal, ob wir den
Prozess gewinnen oder verlieren. Da bleiben noch allerhand
Moeglichkeiten. Wir brauchten uns nur zum Beispiel Paesse zu
verschaffen nach Deutschland und die "Indianer" fuer grosses Variete zu
bearbeiten. Es ist ja borniert von uns, hier zu sitzen mit einem
solchen Schlager! Deutschland waer' wie geschaffen dafuer! Saecke voll
Geld koennten wir machen. Aber das will mein Mann nicht. Im
schlimmsten Fall und wenn alle Stricke reissen, wird er ein paar Tage
eingesperrt. Aber dann sollen Sie mich mal kennen lernen!" Und sie
tippte so erregt mit dem Zeigefinger auf den Tisch, dass die Tassen
wackelten. "Dann sollen Sie mal sehen, wer ich bin!"
Laura stand unwillkuerlich auf und zog sich, vor ihrem Stuhle stehend,
ein wenig zurueck gegen den Spiegelschrank.
"Soll das eine Drohung sein?" fragte sie nervoes, und ihre
unterstrichenen Wimpern flogen.
"Sie brauchen gar nicht so vornehm zu tun!" rief Jenny, mit einer
Handbewegung, die die Zweideutigkeit der Soubrette sehr unzweideutig
beschrieb. "Ich weiss Bescheid. Ich verstehe, was man mir gackst.
Bin nicht auf den Kopf gefallen. Eine warme Tasse Kaffee im Leib: da
gacksen sie alle! Von wegen Spionage: Sie werden sich wohl erinnern,
wie Sie hier ankamen mit diesem Meyer! Dass Sie dabei nicht ganz
sauber waren, haben Sie selbst gesagt. Man renommiert nicht mit
solchen Dingen. Da wird schon was Wahres hinter gewesen sein. Und
von wegen Sage-femme laufen! Man kennt das! Das laesst sich
konstatieren!..."
"Unverschaemtheit!" schrie die Soubrette. "Das ist eine masslose
Dreistigkeit! Was unterstehen Sie sich!"
Sie stand jetzt knapp vor dem Spiegelschrank, der ihre Erscheinung in
merkwuerdiger Weise verdoppelte. Ihr blondes Haar zischte. Ihr
schmaler Koerper kruemmte sich vor Ekel und Abscheu.
"Ah, Sie haben's gar nicht noetig, sich aufzuregen! Man weiss Bescheid
ueber Sie. Auch ueber Ihren Meyer! Lassen Sie nur gut sein!"
"Geh', Jenny, reg' dich doch nicht auf!" beruhigte Lena, "wir haben
sie ja in der Hand! Wir wissen ja Bescheid!"
"Was wollen Sie von mir? Was koennen Sie mir nachsagen?" schluckte
die Soubrette.
"Nun, Ihr Herr Meyer--erinnern Sie sich mal!--wo haben Sie denn
gewohnt, bevor Sie zu Flametti kamen?"
Laura erinnerte sich wohl. Sie wurde merklich blass und zitterte.
"Was geht Sie das an!" rief sie und fuhr sich mit der Hand an den
Kopf.
"Oh, nichts! Mich geht das nichts an. Aber die Polizei vielleicht.
Sie werden nicht vergessen haben, womit Sie damals Ihr Brot
verdienten und was Ihr Herr Meyer dabei fuer eine Rolle spielte."
"Ich reisse Ihnen die Haare aus, Sie Miststueck!" schrie die Soubrette,
packte jene Lena am Kragen und zerrte sie hin und her.
Jenny loeste die beiden Damen.
"Na", sagte sie abschliessend, "Sie wissen Bescheid. Sie koennen sich
ja nun ueberlegen, was Ihnen lieber ist. Wir zwingen Sie nicht. Es
steht ganz bei Ihnen... Sie brauchen mir auch keine Kommissionen zu
besorgen. Danke schoen! Tun Sie nur, was Sie nicht lassen koennen!"
"Gehen Sie nur zur Druckerei", assistierte Lena, "lassen Sie Ihre
Plakate drucken! Wir wissen schon, dass sie Plakate bestellt haben.
Man hat nicht umsonst seine Freunde!"
"Plakate bestellt?" fragte Jenny, die davon nicht einmal wusste. "So
so! Na, das muss ich doch Max erzaehlen!"
"Adieu!" rief Laura, "ich habe nichts mehr zu sagen" Und damit schlug
sie die Tuere zu.
"Alles nichts!" sagte Herr Meyer, als Laura ihn traf im "Lohengrin",
"wir muessen heraus aus dem Pfuhl. Kann alles nichts helfen. Wir
haben sie ja in der Hand! Sie hat sich ja selbst verraten! Du
brauchst dich nicht aufzuregen. Was kann sie wissen von uns?"
Und sie begaben sich selbander zur Druckerei, um nach dem Preis
beschlossener Plakate zu fragen.
An der Ecke aber, beim Rudolf Mosse-Haus, kamen ihnen entgegen Guessy
und Traute, sehr frisch, sehr wirsch und vertraut, mit roten Backen,
in roten und braunen Strickjacketts.
"Ah, Laura! Ah, der Herr Meyer!" riefen sie schon von weitem, "wie
geht's? Wie steht's? Koennt ihr uns nicht brauchen? Wir haben
gehoert, ihr macht eine Truppe!"
"Wo denkt ihr hin, eine Truppe!" warf Laura weit weg.
"Keine Spur!" bekraeftigte Meyer.
"Fesch seht ihr aus! Geht euch gut, was?"
"Oh", meinte Traute quick und bezueglich, "uns geht es gut", und sie
strich sich in der gewohnten Weise den Busen herunter, "wir finden
schon, was wir brauchen."
"Na, das ist recht!" meinte Herr Meyer praktisch. Und Fraeulein Guessy
versuchte, mit schweren Augen sich in ihn versenkend, seine Hand zu
erreichen.
"Na, und was macht der Prozess?"
"Oh", schnalzte Traute, "er wird schon sehen, Flametti, was er
angestellt hat! Er wird's schon erfahren! Und sie auch, diese
Verbrechergustel! Denen wird man das Handwerk legen!"
Mehr schien sie fuer jetzt nicht sagen zu wollen, denn sie schwenkte
sogleich ueber:
"Was macht denn der Bobby? Netter Kerl war er doch! Wie er sich
aergerte, dass ich's mit dem Flametti hatte! Immer wollte er Geld von
mir haben. Und ich hatte doch selbst keins!"
"Oh, er hat sich getroestet!" meinte Laura. "Fuenf andre seitdem!"
Herr Meyer wurde unruhig.
"Na, Adieu!" sagte Laura, "wir haben's eilig!"
"Adieu, adieu!" riefen die Maedels frisch.
Man hatte sich schon ein wenig entfernt von einander, aber die Hand
Fraeulein Guessys ruhte noch immer in der des Herrn Meyer. Ihr langer
Arm glich einer Rosengirlande, die sich am Kleid verhakt, wenn man
voruebergeht.
Als Flametti diesen Abend zur Vorstellung kam, pfifferte er viel vor
sich hin, wie es seine Gewohnheit war, wenn ihn Unangenehmes heftig
beschaeftigte.
Er zerbrach Zuendhoelzchen zwischen den Fingern, untersuchte die
Leuchter am Klavier, untersuchte die Vorhangschnur, kratzte mit der
Stiefelspitze an Papierschnitzeln, die auf dem Boden lagen, und ging
auf und ab.
"Na, Herr Meyer, warum so ein finstres Gesicht?" meinte er
unvermittelt zum Pianisten.
Der sass, die Beine uebereinandergeschlagen, auf dem wackligen
Klavierstuhl, blaetterte in den Noten und nahm eine Zigarette, die
Flametti leger spendierte.
"Ah, nichts!" versuchte Meyer zu laecheln, "kalt ist's!" und rieb sich
die Haende.
Es war viertel nach acht. Langsam kamen die Gaeste.
"Anfangen! Die Leute kommen! Vorspiel!"
Flametti machte Betrieb.
Und Herr Meyer begann "Mysterious Rag", indem er mit krampfhaft
erhobenen Adlerfaengen, die Fuesse in die Pedale gestemmt, auf die
Klaviatur loshackte.
An diesem Abend aber sagte Flametti in der Garderobe:
"Hoeren Sie mal, Laura, wie ist das eigentlich mit dem Ensemble, das
Meyer plant? Man sagt mir da alles moegliche. Sie haetten sogar schon
Plakate in Druck gegeben. Und Meyer hat mir bis jetzt noch kein Wort
gesagt, dass ihr wegwollt. Ich habe bis jetzt keine Kuendigung."
Laura wurde verlegen. Flamettis Ton klang befremdet, aber nicht
bitter.
"Ist er vielleicht nicht zufrieden mit seiner Gage? Steht ihr was
aus? Seht ihr denn nicht, dass es unmoeglich ist, mehr Gage zu zahlen?
Sie sehen doch selbst am besten, wie das Geschaeft geht. Ihr koennt's
euch doch an den Fingern abzaehlen, was uebrig bleibt! Zehn Leute
ernaehren--glauben Sie nicht, dass das einfach ist! Ich kann euch ja
eine Kleinigkeit zulegen, ab fuenfzehnten. Aber mehr kann ich nicht
tun. Wenn Meyer will--ich mach' ihn zum Regisseur. Ich habe jetzt
meinen Prozess. Meyer ist tuechtig, Meyer ist still, Meyer ist
anstaendig. Man hat Respekt vor ihm. Er kann mich vertreten.
Vertrauensstellung. Vielleicht vergroessern wir, wenn erst der Prozess
vorbei ist, und teilen die Truppe. Er kann die eine Haelfte leiten,
ich nehme die andre. Aber man muss sich doch aussprechen! Ich kann's
ihm doch nicht am Gesicht ablesen! Tut doch den Mund auf, wenn ihr
was zu sagen habt!"
Die Soubrette schwieg.
"Jenny hat mir erzaehlt. Sie wissen ja, ich liebe meine Frau. Sie
uebertreibt manchmal; das duerfen Sie nicht tragisch nehmen! Ich weiss
ja nicht, was sie gesagt hat. Aber Herrgott! Wir sind doch alle
Menschen! Man spricht sich aus. Man sagt sich auch einmal was ins
Gesicht. Aber man ruehrt sich doch!"
"Nein, wissen Sie", tischte Laura jetzt auf, "das war ein bisschen
zuviel, heute nachmittag! Das kann ich mir denn doch nicht sagen
lassen. Es ist ja laecherlich: sie tut ja, als haette sie uns auf der
Strasse aufgelesen! Das geht zuweit. Das war eine Drohung. So kann
sie mich nicht behandeln. Sie ist Ihre Frau--gut! Aber ich kann
mich nicht ins Verhoer nehmen lassen. Sie koennen sich nicht beklagen,
dass ich meine Pflicht nicht getan habe, immer..."
"Und Sie nicht, dass ich Ihnen nicht immer puenktlich die Gage zahlte;
dass ich nichts auf euch kommen liess!..."
"Gewiss!" sagte Laura, "aber sie darf uns nicht mit Apachen
verwechseln. Das sind wir nicht. Spionin soll ich sein... und...
und... von der Strasse sprach sie... und... und Sage-femme und das ist
mir zuviel! Das tu' ich nicht! Das kann sie dieser Lena sagen!"
"Na, Sie haben doch selbst erzaehlt, dass Sie Nacktphotographien von
sich verkauft haben! Dass Sie sich haben photographieren lassen!"
nahm Flametti abweisend, aber nicht unberuehrt, die Partei seiner Frau.
"Wen geht es was an?" zuckte die Soubrette und schluchzte. "Wer hat
mir was dreinzureden? Wenn ich mich ausbiete auf der Strasse, wenn
ich jede Nacht in einem andern Hotel schlafe--wen geht es was an?
Kuemm're ich mich um andre? Mische ich mich in die Angelegenheiten
der andern? Laufe ich zur Polizei, wenn man mir was anvertraut? Mir
hat Ihre Frau das Zehnfache anvertraut! Was hat sie mir alles
vertraut! Wollte ich's wissen? Hab' ich Gebrauch davon gemacht?"
"Na, das tun Sie ja auch wohl nicht!" beguetigte Flametti und
streichelte ihr Haar. "So weit kommt's ja wohl nicht! Eine Hand
waescht die andere. Ich hoffe ja, dass wir uns verstehen. Wir werden
ja keinen Gebrauch davon machen. Und ich werde auch mit Jenny
sprechen. Ist ja alles dummes Zeug! Ihr habt eine Zukunft bei uns.
Sagen Sie das dem Meyer! Aber ich hasse dieses Hintenherum. Das ist
Weibermanier. Ziehen Sie sich jetzt an und gehen Sie runter! Ich
weiss schon, von wem all diese Dinge kommen. Ich werde dafuer sorgen,
dass das ein Ende hat."
Und Laura wischte sich die Traenen und stieg, Rinnen im Schminkgesicht,
die Huehnertreppe hinunter ins Lokal.
Am Klavier sass Meyer. Er hatte soeben sein Zwischenstueck beendet und
machte ein Gesicht wie der Teufel bei Regenwetter.
"Was hast du mit Flametti gehabt?" fuhr er die Braut an, "wie siehst
du aus? Ihr wart allein in der Garderobe! Was habt ihr gehabt?"
"Nichts! Lass mich!"
Raffaela und Lydia warfen sich bedeutungsvolle Blicke zu.
Bobby meinte ungeruehrt: "Ach, Laura, das muss man sich nicht so zu
Herzen nehmen!" Zu gerne haette er gewusst, worum es sich handelte.
An der Kasse sass Jenny, kalt und unnahbar, grande dame vom Scheitel
bis zur Sohle.
Und Engel bediente ergebenst die Vorhangschnur....
"Kinder!" sagte Raffaela nach der Vorstellung, "die Nacht, diese
Nacht!"
Sie meinte die Nacht, in der die Gans verzehrt wurde.
"Das war ja toll! Das sind ja Falschspieler der schlimmsten Sorte!
Vier Kerls waren da. Und Flametti war angetrunken. Sein ganzes Geld
hat er verspielt! Und dann ging er auf seine Frau los: "Du hast mich
verraten! Du bist schuld an allem! Du hast mir das eingebrockt!
Jetzt holst du mir noch deine Liebhaber ins Haus und lockst mir das
letzte Geld aus der Tasche!".... Das war ja nicht mehr schoen! Die
Gans hatte Flametti gar nicht bezahlt! Die Kerls hatten sie bezahlt!
Wie die gegessen haben, davon macht ihr euch keinen Begriff! Das
ganze Geld haben sie ihm abgenommen, und dann brachten sie ihn ins
Bett. Getobt hat er! Und gingen zu der Dudlinger hinunter, Jenny
und die vier Brueder! Das ganze Haus stand auf dem Kopf!"
Pages:
1 |
2 |
3 |
4 |
5 |
6 |
7 |
8 |
9 |
10 |
11 | 12 |
13