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Annual Bibliography of Commonwealth Literature 2007
This paper argues that discourses of love in Ghanaian market literature for youth offer a view into complex negotiations of agency and empowerment. Drawing on Deborah Durham's notion of youth as "social `shifters'" and Francis Nyamnjoh's conception of the "interconnectedness" of agency, I take Ghanaian market literature as one specific case of how African literature for youth foregrounds questions of continuity and change as African societies enter into increasingly complex global relations. In this literature for youth, received notions of love, often constructed out of impressions from American pop and hip hop music, carry new notions of agency that compete with existing "domesticated" forms. Authors like Ike Tandoh and Evelyn Tay employ discourses of love to offer youth alternative avenues for empowerment in a context of socio-economic disenfranchizement. In a creative process of "straddling", this writing both reveals and reproduces the contradictions that obtain in youth configurations of agency.

Flametti

H >> Hugo Ball >> Flametti

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Einen wirklichen Knacks aber erlitt die moralische Situation des
Ensembles, als man dahinterkam, Flametti habe einen Prozess, und als
man erfuhr, um was fuer einen Prozess es sich handelte.

"Kinder!" rief Raffaela, und ein Licht ging ihr auf, "habt ihr gehoert,
was der Alte fuer einen Prozess hat? Verfuehrung Minderjaehriger, das
Schwein. Soll man das glauben? Schabernackelt hat er mit der Guessy
und mit der Traute!"

Sie setzte sich--es war im Zimmer des Pianisten und der
Soubrette--und liess die Hand auf die Tischkante fallen.

"Das ist nichts Neues", meinte Bobby, der fuer Laura Zigaretten
besorgt hatte und den fadenscheinigen Wollschal, der ihm von der
Schulter gerutscht war, ueber die Schulter zurueckwarf. "Schon in Bern
hat er mit denen was gehabt, bevor sie noch zu uns kamen."

"Ja, Kinder, das ist ja die Hoehe!" rief Raffaela in ihrer
emphatischen Weise. "Die stecken ihn ja ins Zuchthaus! Was machen
wir nur?"

"O jeh!" winkte die Soubrette ab und verkniff zynisch das linke Auge.
Sie wusste noch ganz andere Dinge. Aber sie wollte nicht reden.

Auch Lydia kam jetzt ins Zimmer.

"Hm, so was!" sagte sie und nickte sorgenschwer. "Das ist doch ein
Skandal! Der alte Esel!"

Man wohnte jetzt im "Krokodil". Lydia, Raffaela und Lottely, der
Pianist und die Soubrette hatten je ein Zimmer im kleinen Hotel. Zu
den Mahlzeiten ging man hinueber in Flamettis Wohnung.

Herr Meyer kam zurueck von der Bibliothek. Er arbeitete noch immer an
seinem Apachenstueck.

"Vor allem eins", sagte er. "Ruhig Blut. Ich habe das lange kommen
sehen. Schon in Basel. Es ist mir nichts Neues. Im schlimmsten
Fall machen wir selbst ein Ensemble. Wir sind eins, zwei, drei, vier,
fuenf, sechs Leute, die alle etwas koennen. Engel macht seine
Ausbrechernummer. Bobby macht den Schlangenmenschen. Sie beide
tanzen. Ich spiele Klavier. Es muesste doch mit dem Teufel zugehen,
wenn wir keinen Erfolg haetten. Ausserdem habe ich ein Apachenstueck
geschrieben, glaenzend. Das fuehren wir auf. Aber: Diskretion!"

Damit waren alle einverstanden. Leise sprach man, denn die Waende im
"Krokodil" waren duenn wie Papier. Lattenverschlaege waren die Zimmer,
mit Tapeten bezogen. Meterlange Risse klafften hinter den Betten.
Und wenn ein Bekannter Flamettis, etwa der Hausknecht, zufaellig
horchte, war man verkauft und verraten.

Nur Engel hatte Bedenken. Ihm war die Karriere verleidet.

"Nein, nein", sagte er traurig und am Ende mit seiner Kraft, "ich
hab's satt. Ich mache nicht mehr mit. Mich muesst ihr streichen."

Und sei es nun, dass er an Flametti nicht zum Verraeter werden wollte,
oder die Luft zu brenzlich fand, oder noch litt unter den Nachwehen
der Proben zum "Friedhofsdieb": er lehnte ab, gab es auf,
"verzichtete auf seine Mitwirkung".

Meyer war ueberrascht.

"Das ist unmoeglich, Engel! Das tun Sie uns nicht an. Das geht nicht."

Aber Engel zuckte die Achseln:

"Ich hab' ja ein wenig Geld auf der Kasse. Ich brauche nur zu
schreiben und fuenfhundert Franken sind da. Ich kann mich beteiligen.
Aber nein, nein. Ich hab' keine Lust mehr. Ich nehme eine
Vertretung an. Ich habe Beziehungen."

Und er zog eine Geschaeftskarte aus der Tasche. Darauf stand:
"Original--Ideal--Perplexund Simplex-Muehlen Schrot--und Mahlmuehlen
fuer Zerkleinerungen jeder Art Plupper & Co. Vertretung."

Und spuckte aus, die Zunge ueber den Zaehnen, und ging mit vermiestem,
voellig desillusioniertem Gesichtsausdruck, die Beine schlenkernd,
durchs Zimmer.

"Da ist nichts zu machen", bedauerte Meyer.

Er legte Engel die Hand auf die Schulter, sah ihm tief in die Augen
und sagte:

"Na schoen, Engel, dann nicht. Aber bleiben Sie uns gut Freund."

"So weit es an mir liegt", versicherte der und reichte dem Meyer
zitternd vor Ergriffenheit die Hand, "ein Mann, ein Wort."

Flamettis Prozess war binnen kurzem stadtbekannt. Und wie es zu gehen
pflegt, wenn eine solche Sache publik wird: man zog sich zurueck von
ihm, nahm Partei gegen ihn, fand ihn uebertrieben naiv und reichlich
ungeschickt. Man verurteilte ihn.

Im "Intelligenzblatt" erschien ein Brandartikel, "Moderne
Sklavenhalterei", worin Punkt fuer Punkt Flamettis unhaltbare
Geschaefts--und Familienpraxis ans Licht gezerrt wurde.

"Ein Direktor, der zugestandenermassen nichts von Gesang versteht",
hiess es in jenem Artikel, dessen Verfasser keinen Anspruch erhob, als
Autor genannt zu werden, "ein Direktor, der zugegebenermassen nicht
das leiseste Tonunterscheidungsvermoegen besitzt, haelt sich eine
Anzahl Gesangseleven, denen er seine sauberen Kuenste beibringt;
Gesangseleven, die er zugleich als Dienstboten benutzt; die er zwingt,
ihm zu Willen zu sein, und denen er doch als Entgelt nur schlechte
Behandlung verabfolgt.

"Ein Morast sittlicher Verkommenheit enthuellt sich, wenn man die
Schlupfwinkel dieser modernen Sklavenhalterei, diese Brutstaetten des
Elends aufsucht. In Kellern und Hinterhaeusern hausen die Kondottieri
der Lasterquartiere und Dirnenviertel. Ein Absteigequartier dient
als Schauplatz wilder Gelage, als Treff--und Versammlungspunkt, wo
man die Beute verspielt. Maedchenhaendler und Bauernfaenger, Roues der
hintersten Sorte geben sich hier ein Stelldichein. Und der Direktor
preist seine Ware an. Wahrlich, es ist an der Zeit, dass die Polizei
einschreitet und diese Schlupfwinkel saeubert."

So stand es geschrieben und wenn auch Flamettis Name nicht genannt
war, so wusste doch jeder, dass der Artikel auf ihn ging.

Beim grossen Artistenfest in der "Weissen Kuh" reichte man sich den
Artikel von Hand zu Hand, ein klebriges Heiligtum, mit
verstaendnissinnigem Laecheln und unterdruecktem Gezwinker.

Da war besonders Herr Koeppke, Baritonsolo und Offiziersdarsteller bei
Ferrero, der laut Partei nahm fuer die beiden Maedel und die Moralitaet.

"Schweinerei von dem Menschen", erklaerte Herr Koeppke mit der Resonanz
eines Gemeindesaengers, "Blamage fuer unseren ganzen Stand. Die
Konzession werd' ich ihm entziehen lassen. Seinen Ausschluss aus dem
Klub werde ich beantragen. Das geht doch zu weit!"

Herr Koeppke war Schriftfuehrer der Artistenloge "Edelstein", deren
Logenbruder auch Flametti war.

"Haben Sie schon gelesen?" sagte Herr Koeppke und steckte Meyer das
"Intelligenzblatt" zu. "Lesen Sie mal!"

Und Herr Meyer las, und Herr Koeppke begab sich unauffaellig an seinen
Platz zurueck.

Eine Schlaegerei fand statt zwischen Flametti und Herrn Koeppke in der
"Rabenschmiede", einige Tage spaeter, dass zwei Tische und drei Stuehle
in Truemmer gingen, sowie zwei praeparierte Hasenkoepfe mit Glasaugen,
die der Beizer der "Rabenschmiede" aus seinem Privatbesitz zur
Ausschmueckung des Lokals herangezogen hatte.

Das Renommee Flamettis ging floeten. Langsam, aber sicher.

Noch hatte er viele Freunde, und seine treueste Helferin war Mutter
Dudlinger, die ihm, stets laechelnd, im Hintergrund heimlich die
Stange hielt.

Noch hatte Flametti das Kapital hinter sich.

Noch konnte er auftrumpfen, sich sehen lassen, wenn das Geschaeft auch
taeglich schlechter ging.

Als aber in der Silvesternacht die Polizei vier Mann hoch in Mutter
Dudlingers Wohnung eindrang, wobei Herr Engel in knapper Not durch
das Lokusfenster ueber die Daecher entkam, da schloss Mutter Dudlinger
die offene Hand und versagte.

Lydia und Raffaela rebellierten jetzt ganz offen.

Geschaeft und Auftreten wurden ihnen taeglich mehr Nebensache. In der
Garderobe sassen sie herum, wenn das Klingelzeichen laengst gegeben war.
Sie beeilten sich gar nicht sonderlich, sich zu schminken, noch
legten sie Wert darauf, puenktlich zur Vorstellung zu erscheinen.
Herr Meyer war gezwungen, von Tag zu Tag laengere Zwischenstuecke zu
spielen. Andere Nummern mussten eingeschoben werden, weil Raffaela
mit ihrer Frisur nicht fertig war fuer den Drahtseilakt, weil Lydia
zum Cakeswalk erschien ohne das Zierstoeckchen und ohne Knoepfe am
Anzug, die ihr die Schwester in der Garderobe mutwillig abgetrennt
hatte.

Sie aasten ganz offensichtlich, Flametti zum Trotz. Sie tanzten ihm
auf der Nase.

Wenn Flametti mit einem Donnerwetter dreinfuhr und sich beklagte,
nahmen sie wohl die Kassiermuschel und gingen sammeln. Doch sie
vergassen dann ganze Reihen zu kassieren, tauschten Spaesse mit den
Gaesten und schienen auf alles andere eher bedacht als auf gute
Kassierung.

Sie hatten Interesse nur noch fuer die Mahlzeiten, die Flametti ihnen
zu bieten hatte.

Puenktlich um zehn Uhr frueh erschienen sie zum Kaffee. Flametti und
Jenny schliefen dann noch.

Sie drangen in die Kueche, schoben die bloede Rosa beiseite und
durchstoeberten Kisten und Kasten nach Honig, Gelee und Butter. Was
ihnen bei solcher Razzia in die Haende fiel, assen sie auf.

Die kleine Lottely hatten sie mitgebracht. Die stopften sie voll
Brot, Kaffee und Gelee, dass der Mund des Kindes aussah wie ein
Kleistertopf.

Puenktlich um zwoelf Uhr stellten sie sich zum Mittagbrot ein; rasch,
unverschaemt und gefraessig.

Besonders Lydia uebertraf alle Begriffe von Gier. Kaum erschien die
Platte mit Fleisch oder Gemuese, so hatte sie schon die Gabel oder den
Loeffel zur Hand, und wer sich nicht seinerseits sehr beeilte, ging
leer aus.

Sie assen systematisch, ueberzeugt, mit Absicht. Sie assen, als gelte
es Vorrat zu essen ohne Ruecksicht auf diesen geschwollnen Patron, der
ihnen durch seinen ganzen Prozess, durch sein ganzes schuldbewusstes
Benehmen die UEberzeugung eingab, es komme nun nicht mehr drauf an,
Ruecksicht walten zu lassen.

Waehrend des Mittagessens aber machte Lottely einen Finger gegen
Flametti und drohte klug: "Du, du!" schlug mit dem Suppenloeffel auf
den Tisch, dass die Koerner der Reissuppe spritzten; schnellte sich in
unbewachten Momenten mit beiden schmutzigen Schuhchen auf dem
gebuersteten Plueschsofa, hopsend und kraehend; warf die grosse steinerne
Vase mit dem impraegnierten Binsenstrauss um, hinter der Tuer; heulte
und quaekte.

Mutter und Tante assen ruhig weiter, in wetteiferndem Tempo,
unbekuemmert, sachlich, eilig, wie Harpyen, deren Geschaeft es ist,
moeglichst viel Frass zu schlucken und zu verdauen.

Flametti versuchte die Luecken in seinem Ensemble auszufuellen und eine
Geigerin kam ins Haus, eines Tags, um Probe zu spielen.

Leider: sie war nicht geschaffen fuers rauhe Leben. Von einer
gottergebenen Friedlichkeit war sie und Naivitaet. Hatte bis dato ihr
Brot verdient durch Aufspielen von Kinderstuecken in den Kneipen und
Spelunken der Fuchsweide.

Erst war sie mit dem Zitherkasten gegangen, allabendlich. Dann hatte
sie das Violinspielen gelernt.

Bleichsuechtig und hager, von einer ruehrenden Gottseligkeit war sie.
Sie saeen nicht, sie ernten nicht, und doch ernaehret sie der Herr.

Manch einer hatte sie mitgenommen aus Mitleid und ihr ein warmes
Nachtlager gegeben, wenn sie noch spaet nach der Polizeistunde auf der
Strasse irrte.

Engbruestig und schmal war sie von Gestalt, ein Lehrerinnentyp.

Einen Kneifer trug sie und strich mit dem Fiedelbogen so ausdruckslos
freundlich und doch akkurat und energisch ihr Instrument, dass man ihr
wirklich nicht boese sein konnte.

"Soll ich mal was spielen?" fragte sie harmlos.

"Ja, fiedel mal los!" sagte Raffaela.

Aber die Geigen-Marie genierte sich.

"Draussen in der Kueche", sagte sie forsch.

Und sie ging hinaus in die Kueche, oeffnete den Schalter, damit man
auch drinnen etwas hoeren koenne, und dann spielte sie los. "Stille
Nacht, heilige Nacht", oder "Behuet' dich Gott, es waer' so schoen
gewesen", oder "Die Rasenbank am Elterngrab".

Kam dann wieder herein und laechelte jeden einzeln der Reihe nach an,
als wolle sie fragen:

"Na, wie war's? Schoen, nicht wahr?"

Aber Lydia meinte:

"Komm' mal her! Was hast du denn da fuer ein Faehnchen?" und zog ihr
ein kleines Metallfaehnchen aus dem Brustlatz.

Lydia war neugierig wie ein Tier; beschnupperte sie, federte sie ab.

Den Brustlatz knoepften sie ihr auf. Ihre Strumpfbaender sahen sie
nach, den Stoff ihrer blauen Glockenhosen rieben sie zwischen den
Fingern.

"Ja", meinte Raffaela bedenklich, "wenn du zu uns ins Ensemble willst,
da musst du vor allem gerade Beine haben und einen schoenen Koerper.
Zeig' mal her!"

Und die Geigerin, immer freundlich laechelnd, ein Sonntagskind, zog
sich aus und zeigte ihre Beine.

Raffaela kraehte vor Vergnuegen.

"Ja, das ist ganz gut", sagte sie, "bisschen mager, aber es geht schon.
Kannst du auch tanzen?"

Nein, tanzen konnte sie nicht.

"Musst du noch lernen. Eine Taenzerin brauchen wir. Fiedeln kannst du
nebenbei."

Marie war argwoehnisch geworden.

"Ihr macht Spass mit mir!" sagte sie ein wenig rauh und erkaeltet.

"Nein, nein", versicherte Raffaela, "das ist bei uns anders als bei
der Heilsarmee. Bei uns gibt es Kavaliere, Lebewelt. Da muss man
herzeigen, was man zu bieten hat."

Flametti fuehlte sehr wohl, dass die Frivolitaet dieser Szene nur gegen
ihn gerichtet war; dass man sich lustig machte.

Auf dem Sofa sass er, dunkel vor Wut und Scham, und biss sich die
Lippen.

"Zieh' dich an!" sagte er zu der Geigerin. "Du spielst sehr gut.
Mancher waer froh, wenn er so spielen koennte. Kannst heut' abend in
die Vorstellung kommen und dir mal ansehen, was wir machen. Wenn du
Lust hast, kannst du den Herrn Meyer begleiten zum Klavier."

"Das ist wohl zu schwer", meinte Marie.

"Ja, dann ist nichts zu machen", bedauerte Flametti, "dann kann ich
nicht helfen."

"Tut nichts", laechelte die Geigerin, "dann geh' ich wieder in die
Wirtschaften und spiel' auf."

Und sie packte sorgfaeltig ihre Geige ein.

Einige Tage spaeter, als Flametti die Gagen auszahlen wollte,
entdeckte er zu seinem Schreck, dass Quittungen ueber a conti, die er
an Raffaela, Lydia und Bobby ausgezahlt zu haben genau sich erinnerte,
aus seinem Quittungsblock verschwunden waren.

Herausgerissen waren drei Formulare mit einer Dreistigkeit und Gewalt,
dass an der Perforiernaht die Fetzen noch hingen.

"Das ist doch die Hoehe!" rief Jenny, ganz in Raffaelas Weise, "das
ist doch die Hoehe! Max, du zahlst ihnen nichts aus, bis sie die
Quittungen wieder beigeschafft haben. Du zeigst sie an. Das ist
Einbruch. Sie haben die Tischschublade aufgebrochen. Sie wollen den
Verdacht auf den kleinen Bobby lenken. Sie haben einen Dietrich
gehabt. Das sind Verbrecher. Das laesst du dir nicht bieten!"

Aber Flametti laechelte, bitter und verlegen: "Wer kann's ihnen
beweisen? Die Quittungen sind fort. Ein Esstisch ist kein
Kassenschrank. Vielleicht hatte ich nicht abgeschlossen. Vielleicht
hab' ich selbst die Blaetter in der Aufregung herausgerissen. Lass nur!
Die paar Franken tun's auch nicht!"

Und er zahlte die vollen Betraege aus.

Am Abend aber, in der Garderobe, als er sich Maske schminkte und mit
der Soubrette allein war, draengte es ihn doch, sich auszusprechen.

"Wissen Sie, Laura, es liegt mir ja nichts an den paar Franken. Aber
das haette ich doch nicht geglaubt von den Weibern."

Fraeulein Laura sass vor dem langen Schminktisch, auf dem die
Schminkschatullen der Damen standen und tupfte sich mit der
Puderquaste die Nase.

Flametti, stehend, Laura den Ruecken zugekehrt, zog sich, ein wenig
unbeholfen, Indianerfalten zwischen Nasenfluegel und Oberlippe.

Von unten hoerte man Herrn Meyer das Zwischenstueck, den Missouri-Step,
spielen.

Flametti kam auf seinen Prozess zu sprechen.

"Wissen Sie", meinte er seitwaerts durch die geluepfte Oberlippe, "das
ist ja ganz anders, als die alle glauben. Das weiss ja meine Alte
selbst nicht."

Fraeulein Laura malte sich mit dem Augenstift japanische Monde.

"Mit der Traute, das stimmt. Aber mit der Guessy--schon in Bern--das
war ein Gewaltsakt. Wenn man dahinterkommt, geht's mir nicht gut."

Fuer einen Moment verstummte unten im Saal Herrn Meyers Missouri-Step.

Laura sprang auf und horchte ueber das Treppengelaender hinunter.

"Haben noch Zeit!" meinte Flametti.

Und Herr Meyer legte auch sofort mit der Wiederholung los. Fraeulein
Laura eilte zurueck zur Schminkschatulle.

Flametti warf seinen Haeuptlingsrock ueber den Kopf.

"Jenny versucht ja alles. Sie schafft Geld und sie hat sich ihre
Aussage so zurechtgelegt, das man den beiden nicht glauben wird...
Wenn der Schwindel glueckt....!"

Er selbst schien nur halb dran zu glauben. Trotzdem konnte er sich
nicht verkneifen, ein wenig zu renommieren. Im Indianerkostuem ging's
wohl nicht anders.

"Man kennt mich zu gut! Weiss, dass ich ein Gewaltsmensch bin; wen man
vor sich hat, und dass es nicht so glatt abgeht, wenn man mir an den
Kragen will!"

Er stellte sich, in Unterhosen, den Speer zurecht.

"Achtzehn war ich alt,--in Bern, mit ein paar Kollegen--, einen
ganzen Schlag haben wir in die Aare geschaufelt bei Nachtzeit, das
Fundament weggegraben. Die ganze Bescherung mitsamt den Weibern fiel
in die Aare...."

Er sah sich vorsichtig um, ob es auch keinen Zeugen gaebe, und lachte
belustigt.

"Das war ein Gezeter! Das haetten Sie hoeren sollen!"

Schluepfte in die Fransenhosen und schlenkerte das Bein.

Die Soubrette wandte aufhorchend den Kopf. Als die Erzaehlung aber
nicht weiter ging, komplizenhaft und verkniffen:

"Diese Maedel, natuerlich! Unschuldig sind die auch nicht!"

"Ob die unschuldig sind!" blies Flametti durch die Nuestern und langte
sich den Kitt fuer die Nase. "Ich soll die Weiber nicht kennen! Mir
muss man's sagen!"

"Na also!" meinte die Soubrette und beeilte sich, fertig zu werden.
"Wenn sich ein Mann in den besten Jahren ein Maedel greift..."

Und ordnete ihre Turnuere.

Drunten im Lokal wiederholte Herr Meyer zum zweiten Male den
Mittelsatz des Missouri-Step.

Flametti setzte den Kopfputz auf, strich sich mit beiden Haenden ueber
den Perueckenansatz.

"Das ist es ja nicht!" zwinkerte er, "sie hat geschrien. Sie hat
sich gewehrt. Und gerade das hat mich gereizt, verstehen Sie?"

Er drueckte sich den Indianerkitt auf die Nasenkante.

Die Soubrette verstand. Und nickte bedenklich.

"Haben Sie einen Anwalt?"

"Selbstverstaendlich!" laechelte Flametti in aller Seelenruhe aus der
Kniebeuge; er musste sich buecken, um in den Spiegel sehen zu koennen.

"Na also!" griff die Soubrette rasch noch einmal zum Spiegel, "was
kann da geschehen?"

Von unten ertoente das Klingelzeichen.

Die "Indianer" zogen nicht mehr. Das Publikum war wie veraendert.
Was ihm frueher als ein Exzess von Libertinage erschienen war, hielt
es jetzt fuer Zynismus.

Wie doch? Dieser Flametti, der allen Grund hatte, sich zu ducken,
der solche Sachen auf dem Kerbholz hatte, setzte sich ueber die
einfachsten Anstandsregeln hinweg? Spielte die "Indianer" und machte
sich lustig? Was fuer eine sittliche Verrohung in dem Menschen! Was
fuer eine unerhoerte Missachtung der Ruecksichten auf die Gesellschaft!
Soviel Taktgefuehl musste man haben, einzusehen, dass die Auffuehrung
dieser "Indianer" unter sotanen Umstaenden kompromittabel war fuer die
ganze moralische Tradition der Fuchsweide! Nein, nein, das ist
Freibeuterei, das ist Laesterung. So sind wir nicht. Da tun wir
nicht mit. Man verschone uns!

Flametti fuehlte wohl, dass man sich zurueckzog von ihm, dass er umsonst
sein Talent ausspielte. Es verfing nicht mehr. Die russischen
Freunde Fraeulein Lauras waren die einzigen Gaeste, die noch immer
klatschten, wenn er mit Augen, blutunterlaufen vor aesthetischer
Anstrengung, auf der Buehne laechelnd seine Feuer--und Fakirnummer
absolvierte; die ihn einluden, Platz zu nehmen, wenn die Nummer
vorbei war und er, an ihrem Tisch stehend, mit souveraen-salopper
Indifferenz von seinem speckigen Gehrockkragen die verirrten Spritzer
des Petroleums wischte, das er in langen, brausenden Flammen, einem
Hoellenfuersten vergleichbar, ausgespuckt hatte.

Seine Feuernummer liebte Flametti abgoettisch. Ein Pyromane und
Sadist war er von Natur. Und wenn er, ein wenig angetrunken, oder
berauscht von Opium, darauf verzichtete, das Petroleum, das ihm vom
Mund tropfte, abzuwischen, dann schimmerten seine wulstigen Lippen in
jenem blaeulichen Faeulnisschein, der gemischt mit Trauer und
Melancholie, jenen Sendboten der Hoelle eignet, die in Wahrheit
Zeloten des Edelsinns und Verdammte der himmlischen Bourgeoisie sind.

Der Polizeihauptmann Schumm schickte seine Kommissare immer haeufiger
um Auskuenfte, Recherchen und Feststellungen.

Flametti, an unbehelligte Freiheit gewoehnt, riss die Geduld.

Er empfand die Besuche als Verletzungen seines Hausrechts, Eingriffe
in seine Familienehre. Das Misstrauen der Polizei kraenkte ihn.

"Sie kujonieren mich! Sie kuranzen mich!" schrie er im Jaehzorn.
"Ich schlag sie tot, diese Hunde! Das ist mir zu viel!"

Und er beschloss, ihnen aufzulauern, im Hausflur, und den ersten
besten, der seine Schwelle uebertreten wuerde, zu erschlagen.

Mit einem kopfgrossen Pflasterstein bewaffnete sich Flametti, um dem
ersten besten, der sich blicken liesse, den Schaedel zu zertruemmern.

Und als man ihm sagte: "Flametti, die Polizei kommt!" eilte er in die
Kueche, trotz Jennys Geschrei, packte den Stein und lief die Treppe
hinunter.

Jenny stand oben am Treppengelaender, entsetzt, einer Ohnmacht nahe,
und hielt sich mit beiden Haenden die Ohren zu. Mutter Dudlinger
schnaubte und bebte.

Aber es war nur ein Gast Mutter Dudlingers, den Flametti, am Kragen
gepackt, in den Hausflur schleppte. Ein Missverstaendnis, ein Irrtum.
Die Verwechslung klaerte sich auf.

Mutter Dudlinger stand laechelnd, mit brennender Kerze. Jenny atmete
auf: "Ach, Max, hast du mir einen Schreck eingejagt!"

Mutter Dudlinger spendierte zwei Flaschen Asti und man sass oben in
Flamettis Stube, zu vieren, und feierte Bruderschaft.

Ein alter, eidgenoessischer Burschenschaftler war jener Gast,
gemuetlich, breit, keine Spur von Spitzel oder Detektiv; das Gegenteil
davon: ein weinseliger Zecher mit Riesenbizeps und Goliathstirn.

Auf streifte er seinen Hemdaermel, ballte die Faust, eine Seele von
Mensch, und liess den Muskel schwellen.

Flametti tat das gleiche. So sass man sich gegenueber auf dem Kanapee
und sah sich voll trunkener Sympathie tief in die Augen.

Anstiess jener, dass der Wein ueberschwappte und rief mit voelkischer
Urwuechsigkeit:

"Prosit Flametti!"

Mutter Dudlinger aber, die ihn liebte in ihrer Seele, setzte sich auf
seinen Schoss, bruenstigen Gemuetes, und umhalste ihn. Und ihr Speck
hing ueber seine breiten Schenkel in vollen Schwaden.


"Wer nicht liebt Wein, Weib, Gesang,
Der bleibt ein Tropf sein Leben lang."


Jenny war keineswegs gewillt, die Dinge gehen zu lassen, wie sie
gingen.

Sie beschloss, strengere Saiten aufzuziehen dem Ensemble gegenueber und
auch zu Hause; Contenance zu bewahren. Ihre Massnahmen richteten sich
zunaechst gegen Fraeulein Theres.

Fraeulein Theres mit ihren gichtbruechigen Haenden und erfrorenen Fuessen
litt unter der Kaelte furchtbar.

Schon als die Herrschaft in Basel war, sass Fraeulein Theres in stillen
Stunden weinend in der leeren Wohnung, fuer deren Heizung man ihr kein
Geld schickte, und gedachte trauernd der Maienzeiten, da sie mit
Loeckchen und Stoeckelschuhen noch ging auf der Neuhauserstrasse zu
Muenchen und selig verliebte Blicke den jungen Herren zuwarf.

Vierzig Jahre waren seither mit grauen Schleppen ins Land gegangen.
Fraeulein Theresens Gesicht war lang geworden, ihre Nase spitz, ihre
Augen grell. Die Jahre, die so himmelblau und sommerlich begonnen,
hatten sich verschwaerzt.

Ein verschwaerztes Maedchen, sass Fraeulein Theres in der verlassenen
Stube, wenn ihre Herrschaft zum Konzert gegangen war.

Eine Halbe Bier stand vor ihr auf dem Tisch und Fraeulein Theres
rauchte Stumpen, den Arm auf den Tisch gestuetzt, die mueden Glieder
nur mit Seufzen hebend, wenn das Gas heruntergebrannt war und man ein
neues Zwanzigcentimes-Stueck in den Automaten werfen musste.

Alle vierzig grauen Schleppen der vergangenen vierzig grauen Jahre
schleppte Fraeulein Theres mit in ihren Roecken. Und jetzt goennte man
ihr sogar das Bier nicht mehr und die Stumpen.

Eine Erbitterung ueberkam Fraeulein Theres und sie beschloss, selbst
wenn sie taeglich "geschumpfen" wuerde, ihren Gliedern eine strengere
Leistung nicht mehr zuzumuten.

Was konnte geschehen? Mochte man sie wegschicken! Irgendeine
Lebensfreude muss der Mensch haben. Die Zigaretten ihrer Jugend hatte
sie sich abgewoehnt. Auf die Stumpen ihres Alters wuerde sie nicht
verzichten. Nie und nimmer. Zuletzt blieb immer noch eine
Freistelle im Spital oder in einem Siechenheim. Sie verdiente das.
Sie hatte sich redlich geschunden.

Und wenn Jenny ihr dann vorhielt:

"Theres, wir muessen frueher aufstehen! Theres, ich kann keine
Bierschulden mehr fuer Sie zahlen!" dann gab Fraeulein Theres
gleichgueltig brummend und grob zur Antwort:

"Ja, dann muessen wir Kohlen haben, damit ich einheizen kann! Ja,
dann kann ich's nicht mehr schaffen, ich bin krank!" und die roten
Traenen rannen ihr ueber das alte, lange Gesicht.

"Max", sagte Jenny, "das geht so nicht mehr. Die Haushaltung
verschlampt mir."



Der Prozess war Jennys geringste Sorge. Das wuerde sich schon
arrangieren lassen. Sie war der begruendeten Meinung, dass in der
Fuchsweide viel aergere Suender ungeschoren ihr Wesen trieben.

"Mach' dir keine Sorge!" sagte sie zu Max, "der Ferrero hat ganz
andere Sachen hinter sich. Und der Pfaeffer--was der fuer eine
Wirtschaft hatte! Ich weiss doch! Ich war doch Soubrette bei ihm!
Die reine Haremsagentur nach Konstantinopel. Das sind ja
Falschspieler alle durch die Bank! Seine Lehrmaedels muessen mit den
Metzgerburschen anbaendeln, damit er das Fleisch gratis hat. Das sag'
ich dir: wenn wir reinfallen: die ganze Fuchsweide lasse ich
hochgehen!"

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