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Annual Bibliography of Commonwealth Literature 2007
This paper argues that discourses of love in Ghanaian market literature for youth offer a view into complex negotiations of agency and empowerment. Drawing on Deborah Durham's notion of youth as "social `shifters'" and Francis Nyamnjoh's conception of the "interconnectedness" of agency, I take Ghanaian market literature as one specific case of how African literature for youth foregrounds questions of continuity and change as African societies enter into increasingly complex global relations. In this literature for youth, received notions of love, often constructed out of impressions from American pop and hip hop music, carry new notions of agency that compete with existing "domesticated" forms. Authors like Ike Tandoh and Evelyn Tay employ discourses of love to offer youth alternative avenues for empowerment in a context of socio-economic disenfranchizement. In a creative process of "straddling", this writing both reveals and reproduces the contradictions that obtain in youth configurations of agency.

Flametti

H >> Hugo Ball >> Flametti

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Bobby unternahm umfassende Korrespondenzen zwecks Wiederherstellung
vernachlaessigter finanzieller Beziehungen. Seine Mussestunden widmete
er der Pflege der kleinen Lotte, schneuzte sie, traenkte sie, legte
sie trocken.

Engel gab Herrn Meyer sachdienliche Ticks fuer ein Apachenstueck, das
Meyer zu Ehren Flamettis entwarf, und versenkte sich in das Studium
medizinischer Schriften aus des Herrn Meyer Handbibliothek. Auch
schrieb er die Saetze druckfertig ab, die sich aus dieses Meyer
strotzender Feder woelbten.

Jenny und Rosa, ein Stockwerk tiefer, schneiderten orangefarbene
Matrosenkostueme fuer ein neues Ensemble, die "Commis voyageusen".

Herr Leporello, Parterre, hatte vertrackte politische Disputationen
mit einem vierzigjaehrigen zelotischen Schriftsetzer, der
selbstverfasste revolutionaere Verse voller aesthetischen Klangs jeden
Nachmittag, eh' er zur Arbeit ging, eine Viertelstunde lang,
zielbewusst rezitierte.

Weniger friedlich beschaeftigten sich die Damen Raffaela und Lydia.

Solange noch Aussicht war auf Einladungen und Unterhaltung, auf
Kavaliere und Konditorei, ging es an. Solange waren sie guter Laune
und UEppig.

Da ihnen Haushalt und Belletristik nicht lagen, gaben sie selbdritt
der kleinen Lotte franzoesischen Unterricht.

"Lottely, sag': "Bon jour!" kreischte Raffaela.

"Lottely, sag' "Rabenmutter"!" aergerte sich Lydia und gab Raffaela
einen Stoss.

"Lottely, sag' "Voulez-vous coucher avec moi?"!" stichelte Raffaela
und schoss den Vogel ab.

"Gib das Kind her! Halt' doch deinen Mund!", entruestete sich Lydia.
"Ich wuerde mich schaemen! Was die dem Kind beibringt, diesem
unschuldigen Seelchen! Gib das Kind her, du Fetzen!"

Und sie zerrten das schreiende Lottely hin und her, dass Lottely
selbst nicht mehr wusste, wer da die Mutter war.

Am Abend indes bei der Vorstellung waren Mutter und Tante laengst
wieder versoehnt.

uebermuetig und ausgelassen stocherten sie, wenn Bobby seinen Bogen
schlug, mit den Angelruten der "Nixen" durch die Kulissenwand nach
Bobbys Baeuchlein und knaebischer Druse.

In der Garderobe kneipten sie mit den Lockenscheren die sanftmuetige
Rosa, dass diese, halb ausgezogen und mit beiden Haenden den wertvollen
Busen schuetzend, laut kreischend, bis auf die Buehne rannte.

Als aber die Kavaliere ausblieben und sich auch sonst nichts regte,
wandte sich auch bei ihnen das Temperament mehr nach innen.

Das bisschen Vorstellung, die paar Taenze, der Schnack, das alles
resorbierte sie nicht. Der Zirkus beschaeftigt mehr, fordert mehr
Kraftaufwand, bietet indes auch mehr Sensation und Belustigung.

Sie vermissten die noetige Reibung, den Zug, den Elan. Die
Verpflanzung bekam ihnen nicht. Die Stille reizte sie auf.

Als man am Mittagstisch sass, kamen zwei Briefe an: einer fuer Lydia,
einer fuer Raffaela.

"Ein Brief von meiner Mama!" rief Lydia, riss das halbe Tischtuch mit,
als sie aufsprang, und las gierig, mit langem Gesicht.

"Ein Brief von meinem geliebten Maenne!" schrie Raffaela und tanzte,
den Brief in der Luft mit Kuessen bedeckend, auf den Filzpantoffeln.

Leporello, neugierig, brachte seinen Kaumechanismus ins Stocken.

"Was schreibt se denn?" fragte er und schnitt auf dem Holztisch sein
Brot.

"Ach, unsre liebe Mama! Das ist eine gute Mutter!", schmachtete
Lydia. "Meine lieben Kinder! Seid ja recht artig und zankt euch
nicht!"..."

"Ach, mach' nicht so'n Getoese!" rief Raffaela. "Du mit deinem
Geschmachte! Als wenn es nur deine Mutter waere! Meine Mutter ist's
ebensogut!"

"An mich ist der Brief adressiert!"

"Weil du bestaendig den Hader bringst!"

"Ich?" kreischte Lydia, durchschaut. "Unverschaemte Person!"

Und schon lagen sie sich in den Haaren.

Die Briefe von Mutter und Gatte vermischten sich unter dem Tisch.
Lottely, die soeben noch munter mit ihrem Zinnloeffel den Tisch
bearbeitet hatte, liess ab von dieser Beschaeftigung und suchte mit
einem resolut angesetzten, heulenden "Baeh!" die Aufmerksamkeit ihrer
Mutter von der sympathischen Lydia abzulenken.

Flametti schimpfte und Lepo zog unter dem Tisch sein Sprungbein an,
um einzugreifen, falls der Streit peinlichere Dimensionen annehmen
sollte.

Jenny allein beschwichtigte:

"Kinder, na setzt euch! Das Fleisch wird ja kalt!"

Es wurde schlimmer von Tag zu Tag. Die wahre, die Zirkusnatur kam
zum Vorschein.

Welch ein Schreck fuer das ganze Ensemble und auch fuer Herrn Schnepfe,
als eines Tags in der Vorstellung die Eisenstuetze des Drahtseils, die
am Parkett des Herrn Schnepfe festgeschraubt war, ganz unvermittelt
herausbrach, samt einem halben Quadratmeter Parkett!

Raffaela tanzte gerade den Matchiche. In fliederfarbenem
Satinroeckchen, den einen Fuss vorschiebend ueber den "Telegraphendraht",
wie Flametti zu sagen pflegte, den andern Fuss nach rueckwaerts hoch in
die Luft geschlagen, den Japanschirm in gezierter Hand, hielt sie
bedacht die Balance, so heftig schaukelnd und mit dem Japanschirm
schlagend, dass die Petroleumhaengelampen des Herrn Schnepfe in
blutiger Majestaet sich verfinsterten.

Schon hatte sie die Mitte des Seils erreicht: da krachte der Boden.
Der Eisentraeger neigte sich und das ganze Spektakel, Raffaela im
Fliederkostuem, der Japanschirm, das vorgeschobene Bein und das
hochgeschlagene Bein, fielen auf dem geknickten Telegraphendraht
ineinander.

"Ach Gott, meine Schwester!" schrie Lydia, als stuerzte ein Neubau
zusammen, "helft ihr doch! Zieht sie doch heraus! Ach, ihr lieben
Leute, helft ihr doch!"

Es war jedoch nicht viel passiert. Das Seil war nur ein Meter
achtzig hoch gespannt. Raffaela lag wohl am Boden, der Schirm
daneben. Aber sie schien sich nur auszuruhen. Abgestuerzt war sie
aus luftiger Hoehe und dem Publikum bot sich Gelegenheit, ihre
Schenkel zu besehen, wie man eine Schwalbe besieht, die sich an
schwindelnder Kirchturmspitze den Kopf einstiess und nun ploetzlich,
den Blicken der Gaffer preisgegeben, ganz nahe am Boden liegt.

Aus dem Schreck kam man nicht mehr heraus. Immer fiel seit diesem
Begebnis Raffaela irgendwo herunter.

Von der Buehne fiel sie herunter und haette sich fast das Bein
gebrochen.

Von der Treppe fiel sie herunter; polternd kam sie angerutscht. Und
man musste den Arzt holen.

Vom Draht, der jetzt der Laenge nach durch das Lokal gespannt war,
fiel sie ein zweites Mal herunter, mitten auf einen mit Gaesten
besetzten Tisch, wo sie, zwischen Bierglaesern, verdutzt und verschaemt
einen Augenblick laechelnd stehen blieb, eine bierschaumgeborene Venus.

Boesartig aber gebaerdete sich Lydia.

Sie schimpfte aufs Essen, auf ihr kaltes Zimmer, auf die Maenner, die
samt und sonders Sklavenhalter und Ausbeuter, Tagediebe und
Unterdruecker seien, die kein Geld herausrueckten.

Sie lieh Jennys Petroleumofen aus und gab ihn, ausgebrannt, ruiniert
und durchloechert zurueck.

Hin war der Respekt vor Flametti und seinen "Indianern".

Wenn sie Flametti sorgfaeltig sich schminken sah in der Garderobe,
schminkte sie selbst sich in niedriger Farcerie ostentativ einen
Koerperteil, von dessen Ausbeutung fuer Theaterzwecke selbst die Wilden
der Suedsee sich nichts haetten traeumen lassen.

"Wart' nur! Ich werd' es der Mama schon schreiben!" rief Raffaela
verletzt und entruestet.

Aber dann brach die empfindsam Lydia in heftige Traenen aus:

"Nicht einmal Spass darf man machen! Was hat man denn noch vom Leben?
Aufhaengen moechte man sich!"

Und als eines Tages sich Leporello die Freiheit nahm, mit Flametti
zusammen einen Rennstall zu besichtigen, brach zwischen Lydia und
Lepo ein solch abgruendiger Hass aus, dass sich Herr Schnepfe genoetigt
sah, noch spaet in der Nacht mit seinem praemierten Wolfshunde
einzuschreiten.

"Judenverkaeufer! Bandit! Unterdruecker! Schmierfink!" schrie Lydia,
von Raffaela gezaust und von Lepo zerdroschen, dass es weithin den
Gang und das Haus durchgellte.

Sogar Jenny, die sich in Wahrheit aufopfernd benahm--sie lieh ihren
Proteges das halbe Boudoir aus, Brennschere, Seife, Nachttopf,
Benzin--, wurde in Mitleidenschaft gezogen.

"Du, Jenny", sondierte Raffaela, als sie an Jennys Namenstag
traulichen Streuselkuchen zum Kaffee bekam, "Wie ist das denn mit der
Traute geworden? Schreibt er ihr noch? Der schreibt ihr doch sicher
noch! Meinst du nicht auch?"

"Nein, nein", meinte Jenny bedeutungsvoll, "der schreibt ihr nicht
mehr. Dem ist die Lust vergangen. Das hat sich ausgeschrieben."

Und einige Tage spaeter: "Du, Jenny, der hat was mit der Soubrette.
Der Lepo auch. Gib mal acht, wenn sie singt! Ist dir denn das noch
nicht aufgefallen?"

"Geh'", sagte Jenny, "du traeumst!" Aber sie nahm sich vor, auf der
Hut zu sein.

Und Raffaela in ihrer Strohwitwenschaft, leistete sich's, mit
Flametti anzubaendeln.

Sie hielt ihn nach alledem, was Jenny ihr anvertraut hatte, fuer einen
Naivling.

Schon duzten sie sich, trotz Flamettis erklaerter Antipathie, als
eines Tags Jenny dahinterkam in der Garderobe.

"Was ist denn nun das?" schrie sie, hochrot und abgetrieben von
dieser ewigen Hetzjagd hinter dem Gatten her, "mit einer
verheirateten Frau faengst du auch noch an? Hast du noch nicht genug
mit dem einen Prozess? Willst du uns ganz ruinieren?"

"Und du, Raffaela, schaemst du dich nicht?"

"Prozess? Prozess?" staunten Lydia und die Soubrette zugleich.

Herr Meyer aber verfinsterte sich noch tiefer.

Waehrend Herr Engel, sein Sekretaer, Fortschritte machte in der
druckfertigen Abschrift des langsam anschwellenden Apachenstuecks,
goennte Herr Meyer seiner Inspiration nicht Ruhe noch Rast.

Tag und Nacht sass Herr Meyer, durchstreichend, was er geschrieben,
neu ordnend, was sich nicht fuegen wollte. Ja, es konnte passieren,
dass die Inspiration ihn in Momenten heimsuchte, die in der rastlosen
Hingabe an Fraeulein Laura gipfelten; dass es ihn aus dem Schlaf
auftrieb inmitten der Nacht. Dann schnellte er aus dem Bett mit
gestraeubten Haaren, und nicht liess er locker, bis dass der Gedanke
gefesselt war.

"Laura", sagte Flametti, als eines Tags Herr Meyer wieder mit voellig
gelaehmten Augenlidern bei Tisch erschien, "sagen sie doch dem Meyer,
er soll sich nicht gar so quaelen mit seinem Ensemble. Wissen Sie:
"Die Apachen"--offen gestanden--gefaellt mir nicht recht. Verstehen
Sie wohl: gefaellt mir schon. Aber es ist zu direkt. Das Publikum
stoesst sich dran. Man muss Ruecksicht nehmen. Ausserdem wird es
naechstens bei uns entscheidende Veraenderungen geben."

Fraeulein Laura machte grosse Augen.

Sie hatte mit Engel bereits den "Apachentanz" einstudiert, der
zwischen Messergefunkel und einem entrissenen Portemonnaie viel ruede
Koerpergymnastik und mancherlei Aneinanderpressen der Hueftbecken mit
sich brachte.

"Veraenderungen?"

"Ja, Veraenderungen. Im Vertrauen gesagt: Mit den Zirkusleuten--das
geht so nicht mehr. Leporello--allen Respekt. Aber die
Weiber--unmoeglich. Meine Frau hat sie engagiert. Wir brauchten
Ersatz fuer die Haeslis. Gut. Aber jetzt ist es so weit, dass sie
selbst schon verrueckt wird."

Und als Fraeulein Laura erschrocken und sehr besorgt nach Worten
suchte:

"Der ganze Kram ist mir ueber. Es gibt keine Achtung mehr, keinen
Respekt in der Welt. Keine...."

"Grandezza", wollte er sagen. Er suchte das Wort, fand es nicht und
ersetzte es durch eine Geste.

"Nur Gemeinheit. Auch meine Frau: sie meint es ja gut. Aber vom
Hoeheren versteht sie halt nichts. Die Weiber haben das an sich: sie
sind gemein. Niedertraechtig alle. Das ist es. Sie sind aus Prinzip
gegen das... das..."

Wieder blieb ihm das Wort aus.

"Sie sind aus Prinzip dagegen. Leer sind sie und dumm wie der Teufel.
Alles ziehen sie in den Dreck.--Sie hat mir den Zirkus ins Haus
gebracht. Wer weiss, warum. Vielleicht nur, weil sie's allein nicht
schaffen konnte. Man kommt auf den Hund."

Laura versuchte zu laecheln.

"Ach was! Depressionen!" rief sie und schwenkte den Lockenkopf.
"Geht vorueber. Sowie der Besuch sich hebt. Sowie der Erfolg
einsetzt. Muessen es denn gerade die "Indianer" sein? Es gibt doch
andere Nummern!"

Aber Flametti schuettelte den Kopf.

"Unverstand von der Jenny. Ah, diese ganze schaebige Wirklichkeit!
--Schad', dass der Tuerke hoch ging. Es war eine Beruhigung, so einen
Mann in der Welt zu wissen; solch eine Quantitaet von Opium, Kokain
und Haschisch."

Laura laechelte, guetig, bewundernd.

"Eine Freundin von mir, Russin, hat Kokain. Ich werde ihr schreiben..
."

Und eine zarte Sympathie entstand zwischen beiden, Anlass zu manchem
Vertrauen.

Eines Tags aber sah man Flametti ganz besonders niedergeschlagen.

Eine Vorladung war gekommen, vom Bezirksanwalt. "Missbrauch und
Misshandlung von Dienstpersonal, Verfuehrung Minderjaehriger". Traute
und Guessy hatten Anzeige erstattet.

"Was hast du gesagt?" bestuermte Jenny den Gatten, als er vom
Untersuchungsrichter zurueckkam.

"Was hab' ich gesagt?" brummte Flametti, "das kannst du dir denken.
Es kommt zum Prozess."




VI




Herr Leporello hiess mit Vornamen Emil.

Er war schlank, lang, geschmeidig. Zwei maechtige Eckzaehne, blitzende
Augen, ein heiserer Bass geben einen Begriff seiner Persoenlichkeit.
Besonderes Merkmal: steifer, schleifender Gang der Zirkusleute, die
sich bei einer verwegenen Piece einen Bruch geholt haben. Auch seine
Weste war eine Weste, wie man sie nur beim Zirkus traegt: goldfarbig,
Tapetenmuster mit allerhand Schnoerkeln und Tressen.

Dieser Leporello Emil, Artist, geboren 17. Maerz 1883, bekam seine
Kriegsbeorderung just an dem Tage, da seine Tante Geburtstag hatte.

"Emil!" wehklagte Lydia, "ach, Emil! Die Beorderung!"

Ihr Schmerz kannte keine Grenzen. Und obzwar dieser Schmerz
keineswegs affektiert war, stand er doch in einem so auffallenden
Gegensatz zu Lydias frueherem Benehmen, ihrem Hass, ihrer Verachtung,
wovon man in Basel gelegentlich der naechtlichen Szene mit Herrn
Schnepfes praemiertem Wolfshund ein Beispiel gesehen hat, dass es Lydia
selbst zu Bewusstsein kam.

"Ach, ich weiss gar nicht", seufzte sie und die Haende fielen ihr in
den Schoss, "ich moechte gar nichts mehr hoeren und sehen, seit ich weiss,
dass mein Emil in den Krieg muss. Ach Emil, wie wird das enden!"

Aber Emil war guten Mutes.

"Ho ho!" lachte er gedrueckt, ohne die Eckzaehne zu zeigen, "lass man
jehen! Ick bin froh drum. Det Vaterland ruft. Da jibts keene
Zicken."

Und dann nahm er sein Handkoefferchen eines Tags und hatte den Paletot
an und den Regenschirm in der Hand und verabschiedete sich.

Lydias Augen hingen an ihm wie leere Sonnenblumen im Herbst, auf die
es geregnet hat.

"Ach, ihr lieben Leute! Mein guter, lieber Emil! jetzt geht er dahin
und wer weiss, ob er wiederkommt."

Und sie streckte sich auf den Zehenspitzen, umarmte und kuesste ihn,
und stellte immer wieder ihr eigenes Handtaeschchen dabei auf den
Boden; denn sie begleitete ihn bis zur Grenze.

Aber Emil war guten Mutes und sagte:

"Herrjott nochmal! Man meent ja, es jeht in die Ewigkeit!"

Er hoffte, draussen schon Kameraden zu finden. Es gab dort gewiss
lustige Brueder genug. Tarock spielen wuerde man sicher auch dort.
Als Froschmensch wird es ihm leichter fallen, sich in der
Kriegsgymnastik zurechtzufinden. Und es gab Bilder in den
"Illustrierten", aus denen hervorging, dass auch da draussen nicht
immer nur die Granaten platzten.

Und so reiste er ab.

Man spielte jetzt wieder im "Krokodil". Basel war doch nicht das
Richtige. Man war zur Fuchsweide zurueckgekehrt. Warum auch nicht?
Die Polizeibusse war bezahlt. In der Fuchsweide war man zu Hause.
Und wo man zu Hause ist, da soll man sich naehren.

Freilich hatte sich hier in der Zwischenzeit vieles geaendert. Es war
nicht die alte Fuchsweide mehr. Ein neues Polizeiregiment war
aufgekommen. Ein andrer Inspektor. Es wehte ein schaerferer Wind.

Die Annehmlichkeiten des "Krokodilen" waren die alten. Das Klavier
vorzueglich. Die Heizung brillant. Biermarken im ueberfluss.

Aber die Polizei hatte heftige Luecken gerissen ins Publikum. Hin war
der mondaene Glanz. Hin war die Freude. Verschwunden die Habitues.
Verschwunden der "Totenkopf" und seine Schwester. Verschwunden
Fraeulein Amalie. Verschwunden Herr Pips. Verschwunden der Herr
Krematoriumfritze, der all sein Geld verjuckt und mit der Dame in
Feldgrau ein von der Polizei nicht gern gesehenes Verhaeltnis auf
Gegenseitigkeit unterhalten hatte.

Dagegen gab es nun in der Fuchsweide ein "Organ": "Die Zuendschnur.
Organ gegen die UEbergriffe der Polizei und des Kapitalismus",
redigiert von Herrn Dr. Asfalg, einem ehemaligen Freund und
Studiengenossen des derzeitigen Polizeihauptmanns.

Herr Dr. Asfalg, ein Schwaermer und Utopist, liess sich die Interessen
der Fuchsweidenbewohner sehr angelegen sein.

Als der neue Polizeihauptmann, Herr Adalbert Schumm, eines Tages
hoechst persoenlich im "Krokodil" erschien, um nach dem Rechten zu
sehen, kam es zu ganz privaten Auseinandersetzungen und Ohrfeigen
zwischen ihm und seinem ehemaligen Keilfuchs, und die Szene endete so,
dass Herr Polizeihauptmann Schumm, der incognito da war, den
Schauplatz mit Schimpf und Schande verlassen musste, weil ihn anders
das schwere Geschuetz des Dr. Asfalg, eine Gruppe Schlachthausgehilfen,
in Grund und Boden geschlagen haette.

Und wenn auch Herr Dr. Asfalg den Kampf in der Folge mehr ins ideelle
Gebiet hinueberspielte, so waren doch solche erregte Laeufte den Musen
nicht guenstig.

Herr Polizeihauptmann Schumm dekretierte:

"In allen Konzert--und Vergnuegungslokalen der Fuchsweide untersage
ich hiermit ab 1. Dezember die Schaustellung wilder Tiere,
dressierter Loewen, Baeren, Affen; Baerenringkampf, singende Schakale,
sogenannte Meerweibchen etc. Dergleichen untersage ich die Verwendung
von Schlagzeug, grosse Trommel, Pauke, Tschinelle, Schrummbass bis auf
weiteres. Wer diesem Verbot zuwiderhandelt, wird mit Polizeibusse
bestraft bis zu dreihundert Franken."

Und Herr Dr. Asfalg erwiderte in der "Zuendschnur":

"Wir kennen die wilden Tiere, Tiger, Fuechse und Affen der Polizei.
Es bedarf keiner Hinweise. Wir werden uns bemuehen, sie um die Ecke
zu bringen.

Wir kennen auch den Schrummbass der Polizei. Es ist ein Instrument,
das rasselt, wenn man es auf den Boden stoesst. Wir werden dahin
wirken, dass auch dies Instrument verschwindet.

Wir stellen uns auf den Boden der nacktesten Wirklichkeit. Wir
werden in Unterhosen die Nationalhymne singen. Wir werden in
Schnurrbartbinden unsre Ensembles auffuehren, statt uns Masken zu
schminken. Wir werden uns Baeuche stopfen und Scheitel ziehen wie sie
Herr Adalbert Schumm zur Schau traegt, und werden auf diese Weise
hottentottischer wirken als, nach dem Urteil der Polizei, alle wilden
Tiere und Pauken zusammengenommen." ("Zuendschnur", Nummer 3, vom 18.
Dezember).

Und ein andermal, (Nummer 4, Seite 3): "Man lasse dem Volk seine
harmlosen Freuden. Wie sagt doch der Dichter: "Freude, schoener
Goetterfunke, Tochter aus Elysium!""

"Jene aber, Verraeter an der Notdurft der Menschheit gehen darauf aus,
dem Leben seinen holden Schimmer, seinen Flaum zu nehmen. gez. Dr. A."

Und als eine neue Razzia stattfand, konnte man in der "Zuendschnur",
Nummer 6, Jahrgang I, die Saetze lesen:

"Freunde! Mitbuerger! Genossen!

Hoert! Euer Bestes, euer Gemuet ist verdaechtig. Vor Gericht ist alles
Gemuet verdaechtig. Gemuet kennzeichnet unseren Henkern Menschen, die
auf suspekten Wegen gelitten haben und zermuerbt sind. Gemuet ist fuer
sie Opposition und Verschwoerung. Gemuet ist das Merkmal von Menschen,
die renitent sind, waren oder sein werden. Gemuet ist Eigenduenkel und
eine Gefahr fuer sie. Leute von Gemuet gehoeren in Untersuchungshaft.
Man recherchiert mit Recht und Erfolg nach kriminellen Akten von
ihnen. Legt euer Gemuet ab!"

Bei solchen Erguessen war es erklaerlich, dass das Geschaeft litt, dass
sich die Habitues verflogen.

Gerade der letztere Artikel wurde deshalb von direktorialer Seite
sehr angefeindet. Sein ironischer Ton war leicht misszuverstehen.

"Legt euer Gemuet ab!", das konnte auch heissen: Meidet die
Vorstellungen! Gebt keine Gelegenheit, euch zu fassen!

Das musste dem Publikum Angst einjagen, es abhalten, zu kommen.

Der Dr. Asfalg in seinem Fanatismus ging entschieden zu weit, begann
der Sache zu schaden. Und erreichen, der Polizei gegenueber, konnte
er doch nichts. Sie hatte die Macht. Sie hatte vom Staat die
Befugnis, zu "saeubern". Und wenn man Sauberkeit, Ordnung und
Rechtlichkeit anerkannte, dann musste man auch die Polizei anerkennen.

Nur den vereinten rhetorischen Anstrengungen der Direktionen gelang
es, den Besuch ein wenig zu heben.

Neben herausgebuegelten Bauernweibern, die in der Stadt ihre Einkaeufe
besorgten, sass ein franzoesischer Invalide, dem beim Aufstehen die
Kruecken fielen. Neben dem Seifensieder, den die Reklameaufsaetze der
"Zuendschnur" angelockt hatten, sass eine brotlose Koechin, voller
Entschluss, unsittlich zu werden und sich im Variete den
entscheidenden Stoss zu holen.

Dabei reklamierte Herr Schnepfe von Basel aus zwei turmhohe
Rechnungen ueber gehabte Extraschnitzel, Haehnchen, Schnecken der Damen
Raffaela und Lydia, die unter Nichtbegleichung der Zeche Knall und
Fall abgereist waren.

Man trat im "Krokodil" jetzt auf in Jennys neuen Orangekostuemen.

Es war eine Sensation.

Jenny in diesem Matrosenkostuem sah aus wie Suppenkaspar auf Reisen.
Rosas gemaessigte Hammelbeine daneben standen mit durchgedrueckten Waden
wie gedrechselt aus einem Stueck, ohne Gelenke und Knoechel. Die
Spatzenbeine der Soubrette gaben der Linie der drei Chanteusen einen
wenigstens in der Perspektive harmonischen Abschluss.

Interessanter wurde das Bild, wenn die drei Damen sich dann vom
Profil her boten.

Mit einem gerissenen Haken schwenkte Herr Meyer auf dem Klavier:


"Da geh'n die Maedchen hin,
Da sitzt der Juengling drin,
Da ist's, wohin sich alles zieht."


Das rechte Bein der Damen hob sich dreifach. Die hinterste Hosennaht
der Matrosenkostueme, prall ausgefuellt mit Unterwaesche, schwankte,
zuckte, zackte.

Losmarchierten die drei, mit zum Publikum geneigten Koepfen und
gewinnender Eleganz.

Aber es war kein Erfolg. Und das hatte weniger aesthetische als
moralische Gruende.

Es gelang den Damen Raffaela und Lydia nach Leporellos Einberufung
nicht laenger, ihre Renommee aufrechtzuerhalten. Die Hochachtung
schwand. Der Respekt der Apachenpartei erfuhr eine Ernuechterung.
Man kam dahinter, dass die Vornehmheit der Zirkusartisten nur Getue
gewesen war.

Es stellten sich allerhand ehrenruehrige Fakta heraus. In frueheren
Zirkusengangements sollen sie schuerzenvoll das Kleingeld
weggeschleppt haben. Noch jetzt fand man unten am See, wo die
Zirkusse standen, bei eifrigem Suchen und zufaelligen Gaengen
Kupfer--und Silbermuenzen, die beim Wegschleppen der Gelder zu Boden
gefallen waren.

Es stellte sich auch heraus, dass Lydia und Raffaela keineswegs
Artisten von Kindesbeinen auf waren, Artisten, die gewissermassen
schon an der Mutterbrust in Spagat ausbrachen. Im Gegenteil: Frau
Scheideisen war Hebamme gewesen, eh' sie zum Zirkus ging und sich
Donna Maria Josefa nannte.

Raffaela und Lydia legten auch keineswegs Wert darauf, muehevoll
Renommee und Distanz zu wahren.

Raffaela hatte die Haende voll Arbeit mit ihrem Kinde. Lydia ging auf
in der Sehnsucht nach dem entschwundenen Gatten.

"Ach, mein Emil! ach, mein Emil!" jammerte sie und die Traenen standen
ihr in den Augen.

Die Sehnsucht verstoerte ihr kleines Gehirn. Die Augen flossen ihr
aus.

"Ach, Emil! ach, Emil! wer haette das denken koennen!"

Hinauf lief sie in ihr Zimmer und schleppte die Photographiestaender
herunter, waehrend der Vorstellung, um sie den Gaesten zu zeigen.

"So hat er ausgesehen. Das ist er. Ach, mein guter Emil! Sie haben
ihn sicher schon totgeschossen!"

Und wenn sie dann die Photographien ansah--da stand Emil Leporello,
freundlich laechelnd mit Augen eines Dompteurs, den Arm in die Seite
gestuetzt, die Beine uebereinander geschlagen--und sich
vergegenwaertigte, wie er zerhackt und gevierteilt auf einer Rasenbank
in Sibirien den Raben zum Frass ueberlassen dalag und nach ihr rief:
"Lydia, hierher, zu mir!" dann brach ihr das Herz. Herunter hing ihr
der Unterkiefer, herunter hingen ihr die Augenlider, die Arme. Ein
kleiner Tropfen bildete sich an der spitzen Nase. Ausbrach sie in
lautes Heulen und war untroestlich.

Umsonst versicherte man ihr, er sei gewiss noch in der Kaserne, und
wer weiss, ob er jemals, wenn er doch nur seine Eckzaehne habe und
nicht gut beissen koenne, hinauskomme in den Schuetzengraben.

Kein vernuenftiges Wort verfing. Kein Scherzwort genuegte ihr. Sie
hatte genug von der Welt. Dem Hauptmann wollte sie schreiben,
hinreisen zu ihm, sich niederwerfen vor ihm, sich ihm anbieten zu
jeder Schmach, wenn er ihr nur ihren Emil wiedergebe. Eine
Deklassierung der Zirkusartisten fand statt, eine Nivellierung
innerhalb des Ensembles.

Ja die Apachenpartei, die unter empfindsamen Regungen weniger litt,
gewann langsam wieder die Oberhand.

Monsieur Henry, der Ausbrecherkoenig, beherrschte jetzt voellig die
Rolle der Zeugin Emilie Schmidt. Und Herr Piener, der
Schlangenmensch, unter dem ueberragenden Druck der Begabung Leporellos
nicht laenger leidend, arbeitete sich unter taeglichen Trainagen und
Fraeulein Lauras geneigter Assistenz langsam wieder in den Vordergrund.

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