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Flametti
oder
Vom Dandysmus der Armen
Roman
Hugo Ball
Emmy Hennings zugeeignet
I
Flametti zog die Hosen an, spannte die Hosentraeger und brachte durch
mehrfaches Wippen der Beine die etwas straff ansetzende Hosennaht in
die angaengigste Lage. Er zuendete sich eine Zigarette an, stuelpte die
Hemdaermel auf und trat aus dem Schlafgemach in das Gasfruehlicht
seiner geheizten Stube.
"Kaffee!" befahl er mit etwas verschlafener, rauh gepolsterter Stimme.
Er strich sich die haarigen Arme und gaehnte. Trat vor den
Spiegelschrank, zog sich den Scheitel. Er buerstete Hosen und Stiefel
ab, setzte sich dann auf das weinrote Plueschsofa und oeffnete zoegernd
die Schieblade des vor dem Sofa stehenden Esstisches.
Dort befanden sich seine Rechnungsbuecher, seine verschiedenen Kassen,
Quittungshefte und die brandroten Briefkuverte, die die Anschrift
trugen "Flamettis Variete-Ensemble".
Er stellte die Gagen zusammen--es war der fuenfzehnte--und fand, dass
er zu zahlen habe:
dem Jodlerterzett (Vater, Mutter und Tochter), nach Abzug der a conti
Fr. 27.50
dem Kontorsionisten, nach Abzug der a conti " 2.27
dem Damenimitator (keine a conti) " 60.—
der Soubrette und dem Pianisten (zusammengenommen, sie lebten
zusammen), nach Abzug der a conti " 15.—
Zusammen Fr. 104.77
Dagegen befanden sich in der Kasse:
fuer das Terzett (hier war Genauigkeit geboten, die Leute waren
unruhig, aufsaessig und Anarchisten) Fr. 27.50
fuer den Kontorsionisten (dem gab er die Gage unter der Hand) " —.—
fuer den Damenimitator (bei schlechtem Geschaeftsgang hatte Flametti
fuer ihn nur jeweils die Haelfte der Gage allabends zurueckgelegt) " 30.—
fuer das Pianisten-Soubrettenpaar (strebsame, ruhige Leute, die
Anspruch machten auf Soliditaet) " 15.—
Flametti addierte Fr. 72.50
Er zog die Summe von den Fr. 104.77 ab. Blieben Fr. 32.27, die aus
der Haupt--und Betriebskasse noch nachzuzahlen waren.
Er oeffnete auch diese Kasse und fand darin bar Fr. 41.81.
"Neun Franken vierundfuenfzig Vermoegen!" Er schloss die verschiedenen
Kassen ab, schob die Schieblade zurueck, schloss auch diese und steckte
die Schluessel zu sich.
Seine linke Augenbraue flog hoch, fuer einen Moment. Er tat einen
kraeftigen Zug aus der Zigarette und blies den Rauch aus der Lunge.
"Lausige Zeiten!" brummte er. "Aber wird sich schon geben. Nur kalt
Blut!"
Ein kleiner Schalter oeffnete sich, der das Wohnzimmer mit der Kueche
verband, und ein uebergross langes, muerrisches Gesicht erschien in der
oeffnung. Eine grosse, magere Hand schob ein Tablett mit Kaffee, Milch
und Zucker durch die oeffnung. Dann ging auch die Tuere und eine
hoerbar schnaubende aeltere Frau erschien, missmutig, verdriesslich,
russig, in schleppenden, grauen Pantoffeln, mit schmutzigem Rock von
undefinierbarer Farbe und mit aufgestecktem Haar, das wie das Nest
einer Rauchschwalbe aussah: Theres, die Wirtschafterin.
Sie schleppte sich zum Tisch, zog die Tischdecke weg und legte sie
knurrend zusammen. Schlappte langsam und uninteressiert zum Schalter,
nahm das Tablett und stellte es auf den Tisch.
Ohne ein Wort gesprochen zu haben, brummte sie wieder hinaus, die Tuer
lehnte sich hinter ihr an, und von draussen schloss sich der Schalter.
Flametti goss sich Kaffee ein. Er nahm den Hut vom Haken, legte die
Joppe an, die ueber der Stuhllehne hing, holte aus einer Ecke sein
Angelgeraet, aus dem Buefett einige Blechdosen von unterschiedlicher
Groesse und war bereit.
Nein, die Ringe! Er drehte die Ringe von den geschwollenen Fingern,
den Totenkopfring und den Ehering, legte sie in das Geheimfach im
Schrank, schloss den Schrank ab, steckte den Schluessel zu sich und
ging. Auf der Postuhr schlug es halb sechs.
Er hatte ein kleines Stueck Fluss gepachtet, inmitten der Stadt, nahe
der Fleischerhalle. Dahin begab er sich.
Eine kurz angebundene Melodie vor sich hinpfeifend, den Kopf
energisch gegen das Pflaster gesenkt, bog er aus der kleinen,
verraeucherten Gasse.
Im Automatenrestaurant nebenan fegte, gaehnte und scheuerte man. Ein
Polizist auf der anderen Strassenseite, nahe beim uebernaechtig nach
Salmiak duftenden Urinoir, sah ziemlich gelangweilt, die Fruehluft
schnuppernd, ueber das Kaigelaender ins Wasser.
"Salue!" gruesste Flametti, knapp und geschaeftig an ihm vorueberstapfend,
mit dem guten Gewissen des Buergers, der seinen Angelschein wohl in
der Tasche traegt und die Obrigkeit, ihre unteren Chargen insonders,
nicht zu umgehen braucht. "Salue!" rief er und fuhr mit der Hand
gradaus vom Hutrand weg in die Luft.
Der Polizist brummte etwas zur Antwort, das etwa "Guten Morgen"
heissen sollte. Der Gruss war aber nicht eben freundlich. Auch nicht
unfreundlich. Vielmehr: verschlafen beherrscht. Man kann nicht
leugnen, dass sogar Sympathie darin lag, jedoch in wohldosierter
Mischung mit einer Art Misstrauen, das auf der Hut ist. Die Gasse,
aus der Flametti kam, stand nicht eben im besten ortspolizeilichen
Ruf.
Der Morgen indessen war viel zu verheissend, als dass Flametti sich
haette die Laune verderben lassen. An der Fleischerhalle vorbei, die
Kaitreppe hinunter, begab er sich, guter Beute gewiss, an den Steg.
Er pruefte die Angelschnur, machte den Koeder zurecht, klappte den
Rockkragen hoch--es war frisch--und blies sich die Haende.
Gleich der erste Fang war ein riesiger Barsch. Der Fisch flirrte und
glaenzte, flutschte und klatschte.
Das Wetter war grau. Blaugrauer Nebel blaehte die Tuerme am Wasser,
die Schifflaende mit ihren gruenweiss gestrichenen, sechsstoeckigen
Haeusern, den rasch vorueberstrudelnden Fluss und die jenseits hoch ueber
die Haeuser haengenden Stadtgartenstraeucher.
Flametti loeste die Angel, liess den Fisch in das Netz hineinschnellen,
brachte den Koeder in Ordnung und warf die Angel zum zweitenmal aus.
Er sah sich um nach dem Polizisten. Der war verschwunden.
"UEberfluessiges Element!" brummte er, zupfte am Koeder, um die
Aufmerksamkeit der Fische zu erregen, machte die rechte Hand frei und
schneuzte sich kraeftig in ein derbes, rotbedrucktes Taschentuch.
"Geschmeiss! Groessere Faulenzer gibt es nicht!"
Auf der Strasse liess sich ein drohendes Brummen und Surren vernehmen,
das ratternd und knatternd naeherkam: ein fruehester Autowagen der
"Waschanstalt A.-G.". Das Vehikel puffte, boellerte, walzte vorueber.
Der ganze Kai vibrierte. Ein Ruck an der Angel: ein zweites Tier
hatte angebissen. Diesmal ein Rotauge.
"Gut so", zwinkerte Flametti, "darf so weitergehen!"
Fabrikarbeiter kamen vorueber. Sie markierten zur Bahn.
"Hoi", riefen sie hinunter, "gibt's aus?"
"Salue!" drehte sich Flametti um. Sie gestikulierten in Eile vor sich
hin und verschwanden.
Das Wasser floss graugruen und undurchsichtig. Die Moewen strichen sehr
niedrig und zischten ueber die Bruecken hinweg. An der Haeuserfront der
Schifflaende oeffnete sich ein Fenster, und eine junge Frau sah nach
dem Wetter.
"Salue!" rief Flametti hinueber.
Sie lachte und schloss das Fenster.
Ein Kind schrie, und eine Turmuhr schlug. Die Glocken einer
katholischen Kirche laeuteten. Auch in der Fleischerhalle regte es
sich. Auf der Gemuesebruecke fuhren die Haendler Obst und Kartoffeln an.
Der dritte Fang war ein armslanger Aal. An der Grundangel kam er
nach oben. Schwarz wie der Schlamm und die Planken, aus denen er kam,
trug er deutliche Spuren von Rattenbiss.
Auf den Kaiquadern schlug ihn Flametti zu Schanden.
Schulkinder und ein von entmutigendem Beruf heimkehrendes Fraeulein,
die sich oben am Gelaender versammelt hatten, schrien laut auf vor
Entsetzen. Das Fraeulein laechelte.
"Servus, Margot!" rief Flametti hinauf aus der Kniebeuge, eifrigst
mit seinen Geraeten beschaeftigt.
Sie lachte und hielt die ringbesaete Hand in Verlegenheit vor ihre
schlechten Zaehne. Die Kinder sahen sie neugierig an und musterten
ihren bunten Aufputz.
uebers Gelaender gebeugt, liess sie ihr Taeschchen schaukeln, die Hand am
Munde, und rief, auf den heftig sich kruemmenden Fisch hinzeigend:
"Noch so einen, fuer mich!"
"Was zahlst du?" wischte Flametti sich die Haende ab, um
weiterzufischen.
"Zahlen?" rief sie und schaute dabei unternehmend nach allen Seiten,
"erst heraus damit!"; was der Dienstmann im blauen Leinenkittel, der
sich inzwischen mit seinem Karren an der Ecke der Fleischerhalle
versammelt hatte, als den besten Witz des bisherigen Morgens
verstaendnisinnig zur Kenntnis nahm und laechelnd quittierte.
Flametti hatte Glueck. Als die Uhr acht schlug, nahm er seine Buechsen,
Angeln und Netze und begab sich nach Hause.
Auf zehn Kilo schaetzte er, was er gefangen hatte. Damit liess sich
leben.
Er stellte das Angelgeraet an seinen Platz zurueck, ging in die Kueche
und suchte der Wirtschafterin aus dem Netz die Rotaugen heraus fuer
den Mittagstisch. Nahm dann mit einem kraeftigen Ruck seine Last
wieder auf und stapfte davon.
Schnurstracks begab er sich ins Hotel Beau Rivage, wo er bekannt war,
verlangte den Kuechenmeister zu sprechen und bot ihm die Fische an.
"Schau her", sagte er, "hast du so einen Aal gesehen?"
Er packte den schleimigen Aal, der sich zu unterst ins Netz
verkrochen hatte, und liess das Tier, das sich heftig straeubte und
ringelte, durch die geschlossene Faust in das Netz zurueckgleiten.
"Schau den Barsch!" sagte er und jonglierte den fettesten Barsch auf
der flachen Hand. Dann wischte er sich mit dem Taschentuch seine
Finger ab.
Man wurde handelseinig. Der Kuechenmeister stellte einen Schein aus,
und Flametti nahm bei der Buefettdame dreissig Franken in Empfang. Er
hatte das leere Netz zusammengerollt, dankte verbindlichst und machte
sich auf den Heimweg.
Das Wetter hatte sich aufgeklaert. Die herbstgelben Baeume der
Seepromenade hoben sich scharf und klar gegen den hellblauen Himmel
ab. Die Moewen strichen mit schwerem Fluegelschlag langsam und maechtig
den Fluss entlang, ballten sich kreischend zu einem wirren Schwarm und
kreisten in schoenem Bogen, eine leis auf die andre folgend, vor einem
Spaziergaenger, der ihnen Broesel zuwarf. Mit langen Schnaebeln
haschten sie geschickt im Flug.
Flametti war bester Laune. Er schwenkte in eines der kleinen, am Kai
liegenden Zigarrengeschaefte und erstand sich eine frische Schachtel
"Philos gruen".
Mit Gentlemanpose warf er ein Fuenffrankenstueck auf den Ladentisch.
Er schob das Wechselgeld in die Hosentasche, ohne viel nachzuzaehlen,
klimperte, fuhr mit der Hand an den Hut, sagte "Salue!" und
marschierte weiter.
"Salue, Fritz!" rief er, die Hand am Hut, einem Bekannten zu, der aus
einer kleinen Seitengasse bog.
"Was kosten die Kressen?" fragte er im Vorbeigehen einen
Gemuesehaendler unter den Arkaden.
Und vor dem Fenster eines Bazars blieb er stehen, musterte mit
Kennerblick die ausgestellten orientalischen Waren, ging hinein und
erstand einen hellblauen Tschibuk mit Goldschnur, der ihm fuer seine
Ausstattungsnummer "Im Harem" fehlte zum Sultanskostuem.
Er war sehr zufrieden mit seinem Kauf, stapfte den Kai entlang und
begegnete Engel, dem Ausbrecherkoenig, Engel, seiner Kreatur, die vor
kurzem noch Monteur gewesen, dann zum Variete uebergegangen war.
"Salue Max!" gruesste Engel familiaer, doch in respektvoller Distanz.
"Auch schon munter?"
Max machte Halt, ein wenig degoutiert, seinen Lieblingsgruss aus
fremdem Mund zu vernehmen. Ziemlich nachlaessig und nebenhin sagte er
"Salue!", nahm die Zigarette aus dem Mund und kniff das rechte Auge zu.
"Das war ein Gaudi heut nacht!" legte Engel los, "haettest dabei sein
muessen! Der Pips war mit und die Margot und die lange Mary und eine
ganze Gesellschaft aus Chaux-de-Fonds. Unten bei Mutter Dudlinger.
Fuenf Schampusflaschen haben wir die Haelse gebrochen. Und ein Laerm!
Da war Pinke-Pinke!"
Mit sportsmaennischer Nachlaessigkeit hielt er den Arm lang
ausgestreckt und tippte die Zigarettenasche gegen die Gosse.
Max war sehr uninteressiert. Die Abenteuer seines schmaechtigen, fuer
Zusteckereien allzu empfaenglichen Ausbrecherkoenigs imponierten ihm
nicht.
"Komm mit!" sagte er unvermittelt und packte den Ausbrecherkoenig beim
Arm, "trinken wir im "Ochsen" 'ne Halbe!"
Und sie schwenkten hinueber ueber die Gemuesebruecke zum "Roten Ochsen".
"Du, Max", meinte Engel und versuchte, mit dem maechtig
ausschreitenden Flametti gleichen Schritt zu halten, "sag' mal
aufrichtig: Hast du der Margot einen Aal versprochen? Sie sagt's
naemlich."
Flametti blieb stehen. "Jawohl, ich, einen Aal, der Margot! Hab'
die Aale grad zum Verschenken! So seh' ich aus!"
"Na, also!" beschwichtigte Engel. "Weisst du, Margot ist man 'n
verrucktes Frauenzimmer. Hab's ja gleich gesagt."
Der Ochsenwirt war nicht zu Hause. Eigentlich war man hingegangen,
um ein Geschaeft auszumachen. Man nahm einige Glas Muenchner,
standesgemaess, Flametti zahlte, Engel nahm die Huete vom Haken. Dann
ging man zum Essen.
Mutter Dudlinger, die Dame, bei der sich Herr Engel mit der
Gesellschaft aus Chaux-de-Fonds ein so lustiges und vornehmes
Rendez-vous gegeben hatte, Eigentuemerin des Hauses, in dem auch
Flametti wohnte, lag ihrer Gewohnheit gemaess unterm Fenster, als die
beiden Maenner in die kleine Gasse bogen.
Sie sonnte den Busen und laechelte ihnen mit einem wohlwollenden
Nicken des Kopfes Willkomm zu.
Dieser Busen! Er nahm die ganze Breite des Fensters ein und draengte
dabei den wahrlich ungrazioesen, fast koennte man sagen plumpen Koerper
zurueck, der auch seinerseits aus dem grauen, schmuggeligen Hause
heraus nach Licht und Sonne begehrte.
Diese Brueste! Sie blaehten sich auf, quollen ueber, und nur mit Muehe
hielt sie der speckige Rand der schwarzen, zusammengehaftelten
Kammgarnbluse zurueck, sich ueber die Fensterbank auf das holprige
Pflaster zu stuerzen. Die Sonnenstrahlen vom Giebel des
Automatenrestaurants kamen der Bluse zu Hilfe. Steil stellten sie
sich--es war Mittag--gegen besagte Fleischesfuelle.
Mutter Dudlinger allein schien nichts zu bemerken vom Widerstreit
ihrer Massen im Kampf ums Licht. Harmlos und freundlich lag ihre
Seele gewissermassen zwischen Busen und Koerper mitten inne und schaute,
umhegt von sanft haengendem Speck, aus listigen aeuglein gutmuetig
heraus.
Flametti gruesste hinauf, den Kopf stark in den Nacken gebeugt. Die
Gasse war eng. Und Herr Engel ebenfalls gruesste hinauf, rief wie
Flametti "Salue!" und griff an den Hut.
Mutter Dudlinger streckte den Kopf aus dem Fenster, schluckte den
Speiserest, der sich vom Mittagessen unversehens noch irgendwo
zwischen den Speicheldruesen gefunden hatte, und verfolgte voll
Sympathie den Eintritt der stattlichen Maenner in ihr gastfreies Haus.
Sie bemerkte dabei zu ihrer Verwunderung heute zum ersten Mal, dass
unter dem Fenstersims eine ganze Anzahl hoechst niedlicher
Schmutzfaehnchen flatterten, die sich aus langen, auf das Gesims
gefallenen Regentropfen gebildet hatten und ueber die Hausfront
hinunterwehten.
Die Maenner stiegen indessen die steile Treppe hinauf, und Engel
befand sich, immer hinter Flametti stapfend, von Stufe zu Stufe mit
kindlicheren Gefuehlen den rueckwaertigen Massen seiner muetterlichen
Protektorin gegenueber, die mit geluepftem Posterieur noch immer die
Regenfaehnchen der Hausfront bestaunte.
Es war eminent! Ein laecherlich kleiner Erker war der Unterbau dieser
ganzen bedenklichen Last, die man Mutter Dudlinger nannte. Unterbau
einer Fuelle, von der man sich von der Strasse aus nicht einmal einen
Begriff machen konnte.
Ein Wunder, dass dieser Erker im naechsten Moment nicht krachend
zusammenbrach und samt der guten Mutter Dudlinger in eine mysterioese
Tiefe hinunterstuerzte. Erstaunlich, wenn man's bei Tag besah, dass
man in diesem Erker sogar zu dreien sitzen konnte! Und Engel hatte
mit Mutter Dudlinger und Mary zu dreien darin gesessen. Man hatte
gesprochen vom Krieg, vom Konzert, von den schlechten Zeiten; im
Zimmer nebenan hatten die Sektpfropfen geknallt, und Mary hatte
gegaehnt, weil ihr Kavalier aus Chaux-de-Fonds eine Anspielung machte
auf ihre Gesundheit. Da hatte sie sich natuerlich zurueckgezogen und
spielte die Beleidigte. Und Mutter Dudlinger hatte die Blaetter der
kuenstlichen Rebe zurechtgebogen und eingesprochen auf Mary. Aber es
half nichts. Sie war beleidigt.
Als Flametti und Engel oben in die Stube traten, stand die Suppe
bereits auf dem Tisch. Um den Tisch sassen: Herr und Frau Haesli nebst
Tochter, das Jodlerterzett; Herr Arista, der Damenimitator; Fraeulein
Laura, die Soubrette, und Herr Meyer, der Pianist; Bobby, der
Schlangenmensch, und das Lehrmaedchen Rosa. Saemtlich mit Loeffeln und
Schlucken beschaeftigt.
Herr Haesli hatte die Serviette vorgebunden, damit er sein gutes Hemd
nicht beflecke. Bobby schlarpste. Jennymama, Flamettis Frau, sass
malerisch auf der Sofakante bei der Schlafzimmertuer, rosig wie eine
Venus, im lachsfarbenen Schlafrock, den sie mit der rechten Hand
sorgsam ueber die Hueften geschlossen hielt. Das offene Haar, mit
Wasserstoffsuperoxyd gebeizt, war fluechtig zurueckgestrichen. Die
Suppenschuessel dampfte. Und der Pianist benutzte den guenstigen
Augenblick, um sich zum dritten Mal Suppe zu schoepfen.
"Mahlzeit!" sagte Flametti breit.
"Mahlzeit!" erwiderten saemtliche Mitglieder des Ensembles.
Flametti haengte seinen Hut an die Tuer und begab sich, um den Tisch
herum, an seinen frei gebliebenen Platz auf dem Sofa.
Fraeulein Rosa stand sogleich auf und griff nach der Terrine, um Suppe
nachzufuellen. Fraeulein Theres, die Wirtschafterin, kam herein, um
nach den Beduerfnissen zu sehen. Durch den offenstehenden
Bretterverschlag aus dem Nebenzimmer gruesste das Krukru der kichernden
Turteltauben, die Flametti fuer seine Zauberkunststuecke pflegte.
"Setz dich, Engel!" rief Flametti guetig dem zoegernden Ausbrecherkoenig
zu, der nicht zum Ensemble gehoerte, aber darin nach Bedarf gastierte
und fuer tausend wichtige Buehnenzwecke bestens verwendbar war.
"Merci, Max! Lass nur! Ich finde schon Platz!" Er nahm den Stuhl,
den Rosa ihm aus dem Verschlag herbeiholte, und setzte sich zu dem
Schlangenmenschen. Die beiden mussten sich so in das obere Tischende
teilen; aber sie kamen zurecht miteinander, sie waren ja Freunde.
Schwieriger gestaltete sich die Platzfrage an der Laengsseite des
Tisches, wo der Damenimitator, das Jodlerterzett und die Soubrette
sassen.
Fraeulein Laura und Herr Arista waren vertraeglich. Sie fanden sich ab.
Ganz unvertraeglich aber und bissig, sowohl untereinander wie den
anderen gegenueber, waren die Jodler, die Mutter insonders. Frau
Lotte Haesli spie Gift und Galle, wenn man nur an sie tippte.
Nun sassen die drei eng aneinandergedrueckt. Kaum konnten sie mit den
Gabeln auslangen, um einen Fisch zu spiessen. Kaum mit den Ellbogen
hervorkommen, um eine Platte zu greifen.
Frau Haesli auf dem Mittelplatz, zwischen Herrn Haesli und seiner
Tochter, warf wuetende Blicke voller Verachtung und Hohn auf den
Gatten, der lammfromm dasass und mit hochgezogenen Augenbrauen den
Mund vollstopfte, statt sich zu beschweren. Sie fletschte die Zaehne
und trat ihm wohl fuenfmal hintereinander in einem bestimmten,
boesartigen Rhythmus auf den Fuss.
Die Tochter, herausgefordert durch solche forcierte Unvertraeglichkeit
der Mutter, puffte ihr mit dem linken Arm in die rechte Seite,
anscheinlich, um sie auf die Blamage aufmerksam zu machen, in
Wahrheit aber mit solch erbittertem Nachdruck, dass jeder Unbefangene
merken musste, sie nuetze nur die Gelegenheit aus, ihr eins zu
versetzen.
Der Pianist, dem Ausbrecherkoenig gegenueber, schmunzelte in seinen
Teller hinein und erwiderte sehr belustigt die Zeichen des mit dem
Kopf andeutenden Schlangenmenschen, der seinerseits mit Messer und
Gabel den Fisch zerhackte, dass sich die Graeten bogen.
Frau Haesli wurde aufmerksam und war rot vor Wut. Doch beherrschte
sie sich, draengte den aerger zurueck und rief mit unglaublich gesuesster,
doch etwas gewaltsam flott gemachter Zutraulichkeit:
"Na, Herr Direktor, wie geht's, wie steht's? Geld brauchen wir.
Koennen wir dann auch die Gage kriegen?"
Herr Haesli war konsterniert. Eben wollte er eine neue Fracht Fisch
auf der Gabel zum Munde fuehren und hatte schon auf dem Messerruecken
den Kartoffelsalat bereit, um ihn zum selben Zweck auf die Gabel zu
waelzen. Da musste er dieses unglaublich taktlose Wort vernehmen,
jetzt bei Tisch, wo man ass, wo Flametti gerade gekommen war und kaum
sass.
Die schon erhobene Gabel senkte sich auf den Teller zurueck. Herrn
Haeslis straffes Gesicht bekam Kaesefarbe. Die Augen, eben noch
versoehnlich und ungestoert an der spitzen Nase vorbei auf das Messer
gerichtet, schnellten mit einem hoerbaren Ruck nach rechts gegen die
biestige Ehehaelfte, und es haette nicht viel gefehlt, so waere er
aufgesprungen, ihr eine Watsche herunterzuhauen.
Aber dabei haetten Stuehle umfallen muessen, weil man so eingekeilt sass.
Dabei waere notwendig das Tischtuch heruntergezerrt worden. Also
beherrschte er sich und blieb, zitternd vor Empoerung, in drohendster
Pose erstarrt, still sitzen.
Das war doch die Hoehe! Herr Haesli kannte Flametti seit Jahren.
Wusste, dass er die Gagen nie schuldig blieb. Wusste, dass die
Verlegenheit, in der sich Flametti befand, nur momentan war und
nichts besagte. Wusste auch, dass die vielen Fischgerichte, die
Flametti da auftischen liess, nur seinen guten Willen verrieten,
durchzuhalten um jeden Preis. Da soll einem nun die Geduld nicht
reissen, wenn solch obstinates Weibsstueck in ihrer spitzigen
Kribbeligkeit keine Raison annahm! Man hat doch Erziehung! Man ist
doch kein Schubiack! Man hat doch, zum Teufel, die Welt gesehen!
Herr Haesli hatte indessen gut denken! Er war ein Faulenzer, ein
Nichtstuer, er hatte sich immer nur den Magen gestopft und die Frau
schuften lassen. Beim Norddeutschen Lloyd war er Steward gewesen.
In unterschiedliche Phonographen hatte er gejodelt zu Berlin und
Paris. War auch mal II. Klasse gefahren, von Potsdam nach Wien,
eines Phonogramms wegen. Aber was schon! Das war vor Jahren, als er
die Stimme noch hatte. Das war vorbei. Jetzt hatte sie, Lotte Haesli,
ihn durchzuschleppen. Wie ein Lastvieh kuranzte er sie. Immer
singen und singen. Bei zwanzig Grad Kaelte in den eiskalten,
verschmierten, kleinen Hotels. Tagaus, tagein. In Bern: dreissig
Nummern an einem Sonntag, von nachmittags drei bis nachts elf. Sie
hatte es durchgemacht. Sie hatte genug. Sie kannte die Herren
Direktoren. Aus war's. Sie wollte nichts mehr wissen davon. Wenn
einer ihr nur in die Naehe kam--genuegte schon, dass er ein Mannskerl
war--fuchtig wurde sie. Die Hand weg! Wenn man nicht einmal
ordentlich zu essen kriegen sollte bei solchem Betrieb, ja
geschuriegelt wurde--immer nur singen und singen und etwa noch
Schlaege--lieber den Strick um den Hals!
Frau Haesli hatte zu essen nicht nachgelassen. Mit Messer und Gabel
hantierte sie eifrig. Zwei schwarze Loeckchen fielen ihr zier und
adrett, schwarze Bockshoerner, leicht in die Stirn. Diese Stirn,
eigensinnig, gedrungen, von einer kurzen, nur schlecht verheilten
Narbe gezeichnet, war nicht eben haesslich.
"Mach' mal 'n bisschen Platz!" rief sie der Tochter zu, um deren Fuss
sich unter dem Tisch der Damenimitator lebhaft und dringend bewarb.
Frau Haesli gelang es, durch Aufwaertsschieben der Ellbogen ihrem
Brustkorb etwas mehr Luft zu verschaffen.
Toni, die Tochter aber, kam sich ganz persoenlich verletzt und
gepiesackt vor.
Was konnte sie dafuer, dass dieser verfettete Damenimitator so
aufdringlich war! Sie hatte ihm ihren Fuss ueberlassen, weil sie sich
doch vergewissern musste, ob er auch wirklich angelte. In diesem
Moment war ihr das haessliche "Mach' mal 'n bisschen Platz!" ans Ohr
gedrungen. UEberhaupt: mit dem Damenimitator hatte sie nichts, wenn
er auch Lackschuhe trug und einen gebuegelten, kaffeebraunen Anzug.
Wer weiss, ob er ueberhaupt bei einer Jungfrau schlafen konnte. Es war
eine bekannte Sache, dass es Damenimitatoren an so manchem fehlte, was
eine Toni Haesli reizen konnte.
Sie schob ihren Stuhl zurueck, stand auf und sagte ziemlich
schnippisch: "Ich kann ja auch in der Kueche essen, wenn hier zu wenig
Platz ist!"
Die Mutter hatte sich aber bereits zurechtgefunden, das Rotauge, auf
das sie es abgesehen hatte, aufgespiesst und auf den Teller
herueberbefoerdert. Mit einem hoerbaren Plumps liess sie sich auf den
Stuhl zurueckfallen und sagte verwundert:
"Was willst du denn? Was passt dir denn nicht? Kannst du dich nicht
ein bisschen schicken? Wenn der Platz knapp ist? Sei froh, dass du so
gutes Essen bekommst. Schau mal diese Forelle an"--dabei zerrte sie
den Fisch mit der Gabel auf ihrem Teller hin und her--"so was Feines
verdienst du gar nicht! Dankbar solltest du sein, dass man dich
durchschleppt."
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