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Annual Bibliography of Commonwealth Literature 2007
This paper argues that discourses of love in Ghanaian market literature for youth offer a view into complex negotiations of agency and empowerment. Drawing on Deborah Durham's notion of youth as "social `shifters'" and Francis Nyamnjoh's conception of the "interconnectedness" of agency, I take Ghanaian market literature as one specific case of how African literature for youth foregrounds questions of continuity and change as African societies enter into increasingly complex global relations. In this literature for youth, received notions of love, often constructed out of impressions from American pop and hip hop music, carry new notions of agency that compete with existing "domesticated" forms. Authors like Ike Tandoh and Evelyn Tay employ discourses of love to offer youth alternative avenues for empowerment in a context of socio-economic disenfranchizement. In a creative process of "straddling", this writing both reveals and reproduces the contradictions that obtain in youth configurations of agency.

Grosse und Kleine Welt

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HONORE DE BALZAC


GROSSE UND KLEINE WELT


MIT HOLZSCHNITTEN VON DAUMIER UND GAVARNI




PIERRE GRASSOU



Wer als ernsthafter Betrachter die Kunstausstellungen, die nach der
Revolution von 1830 stattfanden, besucht hat, wird sich beim Anschauen
der endlosen, ueberhaeuften Galerien kaum eines Gefuehls des Unbehagens
und der Langeweile, vielleicht sogar der Trauer haben erwehren koennen.
Seit 1830 gibt es keinen "Salon" mehr. Der Louvre ist ein zweites Mal
erstuermt worden durch die Kuenstler; und sie haben es verstanden, sich
dort zu behaupten. Die Zulassung zum "Salon" bedeutete ehemals fuer den
kleinen Kreis, der in Frage kam, bereits eine hohe Auszeichnung, und
ueber die bedeutendsten der etwa zweihundert Bilder, die ausgewaehlt
worden, entspann sich beim Publikum und bei der Kritik ein
leidenschaftlicher Widerstreit der Meinungen. Die Ueberfuelle der
Gemaelde, vor die sich heute der Besucher gestellt sieht, erschoepft
seine Aufmerksamkeit, und die Ausstellung wird geschlossen, bevor er
aus der Menge das wenige Gute ausfindig gemacht hat. Statt eines
Ritterspiels haben wir einen Volksjahrmarkt, statt eines kuenstlerischen
Ereignisses ein lautes Warenhaus, statt sorgfaeltiger Auslese--alles.
Was ist die Folge? In der Menge verliert sich das Genie. Der Katalog
ist zu einem dicken Buch angewachsen, in dem mancher Name auch dadurch
nicht bekannter wird, dass zehn oder zwoelf ausgestellte Bilder dahinter
aufgefuehrt sind. Unter allen aber am unbekanntesten ist vielleicht
derjenige des Malers Pierre Grassou aus Fougeres, den man in der
Kuenstlerwelt einfach Fougeres nennt.

Fougeres wohnte 1832 im vierten Stockwerk eines jener hohen, schmalen
Haeuser der Rue de Navarin, die aussehen wie der Obelisk von Luxor. Sie
besitzen einen Hausflur, eine enge, duestere, halsbrecherische
Wendeltreppe, in jedem Stock nicht mehr als drei Fenster und einen Hof,
der nicht mehr als ein viereckiger Schacht ist.

Ueber den drei oder vier Raeumen, die Grassou von Fougeres bewohnte, lag
ein Atelier, dessen Fenster auf Montmartre hinausgingen. Die Waende
waren rot gestrichen, der Boden braun gewaechst, auf jedem Stuhl lag ein
gesticktes Deckchen, das altmodische Sofa war sauber wie das im
Schlafzimmer einer Kraemerin. Alles liess auf das wohlgeordnete Dasein
eines gesetzten Buergers von engem Horizont schliessen. Das Atelier
enthielt ausserdem eine Kommode zum Aufbewahren der Malgeraete, einen
Fruehstueckstisch, einen Schreibtisch und einen grossen Ofen, ferner die
zum Malen erforderlichen Gegenstaende. Alles dies war sauber und in
guter Ordnung.

Eines Tages zu Anfang Dezember, dieses fuer den Portraetisten besonders
guenstigen Monats, war Pierre Grassou fruehzeitig aufgestanden, hatte den
Ofen angezuendet, die Palette hergerichtet, und wartete nun, dass die
Scheiben des Atelierfensters auftauen wuerden, um das Tageslicht
ungehindert einzulassen. Unterdessen verzehrte er gedankenlos sein
Fruehstueck, ein in Milch getunktes Hoernchen.

Da klang von der Treppe her ein wohlbekannter Schritt. Als der Maler
eben mit der Arbeit beginnen wollte, ueberraschte ihn Elias Magus,
Bilderhaendler und Leinwandwucherer.

"Wie gehts, alter Halunke?" begruesste ihn Grassou. Elias nahm ihm seine
Gemaelde ab, das Stueck fuer zweibis dreihundert Francs. Sie liebten es,
im Verkehr mit einander sich des sogenannten Kuenstlertons zu bedienen.

"Schlechte Geschaefte," sagte Elias. "Ihr Kuenstler stellt unverschaemte
Forderungen. Wenn Ihr fuer sechs Sous Farbe auf die Leinwand klext,
verlangt Ihr gleich zweihundert Francs dafuer. Aber Sie, Fougeres, sind
ein anstaendiger Kerl. Darum lasse ich Ihnen auch etwas Gutes zukommen."

"Timeo Danaos et dona ferentes," sagte Fougeres; "verstehen Sie
lateinisch?"

"Nein."

"Nun, das heisst soviel, als dass die Griechen den Trojanern nichts
anboten, ohne selbst einen Profit dabei zu haben. Und so wirds wohl
auch heute noch sein, Herr Odysseus-Magus!" Diese Worte waren eine
Musterwendung des unter den Malern gebraeuchlichen Atelierstils, den
Fougeres, wie man sieht, vollkommen beherrschte.

"Ich verlange doch nicht, dass Sie mir Ihre Bilder umsonst geben sollen!
Sie sind ein ehrenwerter Kuenstler."

"Nun--und?"

"Also kurzum: Ich bringe Ihnen einen Vater, eine Mutter und eine
Tochter."

"Alle drei auf einen Schlag?"

"Meiner Treu, ja! Sie wollen sich portraetieren lassen. Diese
Spiessbuerger, die sich fuer Kunst begeistern, haben es noch nie gewagt,
ein Atelier zu betreten. Uebrigens hat die Tochter eine Mitgift von
hunderttausend Francs zu erwarten. Malen Sie die Leute nur ruhig.
Vielleicht werden es einmal Ihre Familienbilder." Dieser alte Klotz von
Mensch, Elias Magus genannt, unterbrach sich hier mit einem so heiseren
Lachen, dass der Maler erschrak. Es war ihm, als haette der Teufel selbst
diese Worte vom Heiraten gesprochen. "Fuenfhundert Francs sind fuer jedes
Portraet gezahlt. Sie koennen also drei Bilder machen."

"Natuerlich, mit Freuden!" rief Fougeres.

"Und sollten Sie die Tochter heiraten, so erinnern Sie sich hoffentlich
meiner."

"Ich heiraten!?" rief Pierre Grassou. "Wo ich gewohnt bin, ganz allein
schlafen zu gehen und mit der Morgensonne aufzustehen? Ich, der sein
Leben geregelt hat...."

"Hunderttausend Francs," sagte Magus, "und ein entzueckendes Maedchen,
mit Goldton wie ein echter Tizian."

"Was fuer Leute sind es?"

"Der Alte war Kaufmann. Jetzt ist er Kunstliebhaber und Besitzer eines
Landhauses in Ville d'Avray mit zehn--bis zwoelftausend Pfund Rente."

"Und worin bestand sein Handel?"

"In Flaschen."

"Beim Himmel, hoeren Sie auf! Mir ist, als hoerte ich schon Pfropfen
knallen...."

"Darf ich die Leute herbringen?"

"Drei Portraets.... Ich werde sie in den 'Salon' schicken.... Ich werde
ins Fach des Portraetisten uebergehen. Nun denn, in Gottes Namen!"

Der alte Elias entfernte sich, um die Familie Vervelle zu verstaendigen.
Werfen wir inzwischen einen Blick auf die Vergangenheit Pierre Grassous
de Fougeres, um ermessen zu koennen, von welcher Bedeutung ein solcher
Auftrag fuer ihn sein konnte und welchen Eindruck das Ehepaar Vervelle
mit seiner einzigen Tochter auf ihn machen musste.

Bei Servin, der in der Kuenstlerwelt den Ruf als Meister des Stiftes
genoss, hatte Fougeres zeichnen gelernt und war dann als Schueler zu
Schinner gegangen, um von ihm in das Geheimnis seiner wunderbaren
Farben eingeweiht zu werden. Aber der Meister gab seinem Schueler nichts
von diesem Geheimnis preis--Pierre entlockte ihm nichts. Hierauf
besuchte er das Atelier Sommervieux, um die Gesetze der Komposition zu
studieren, aber sie blieben ihm ein versiegeltes Buch. Er ging zu
Granet und Drolling, um ihnen die Technik ihrer effektvollen Interieurs
abzusehen, doch vergebens, auch ihnen war nichts zu entreissen. Endlich
beschloss Fougeres seine Studienzeit bei Duval-Lecamus. Sein stilles,
gemaessigtes Wesen wurde in den Ateliers zur Zielscheibe des Spottes,
doch entwaffnete seine Bescheidenheit und ruehrende Geduld bald die
Kameraden. Bei den Lehrern fand er wenig Sympathie; sie bevorzugten das
exzentrische, uebermuetige, spruehende Temperament, oder aber den ernsten,
grueblerischen Charakter, der das Zeichen des Genies ist; bei Fougeres
fanden sie nichts als Mittelmaessigkeit.

Sein Aeusseres entsprach seinem Namen, er war fett und plump, mittelgross
von Gestalt und von blasser Gesichtsfarbe. Er hatte schwarze Haare,
braune Augen, lange Ohren, eine aufwaerts gebogene Nase und einen
breiten Mund. Keinem dieser Merkmale seines gesunden aber
ausdruckslosen Gesichtes verlieh sein mildes, leidendes, resigniertes
Wesen irgendwie eine besondere Bedeutung. Ihn beunruhigte weder das
leidenschaftliche Draengen des Blutes, noch die Uebermacht der Gedanken,
noch die maechtige Begeisterung, die das Zeichen der genialen Kuenstler
sind.

Geboren, ein ehrenwerter Buerger zu sein, war dieser junge Mann nach
Paris gekommen, um hier bei einem Farbenhaendler Gehilfe zu werden; aber
in seiner bretonischen Hartnaeckigkeit hatte er es sich in den Kopf
gesetzt, Maler zu werden, Gott mag wissen, was er aushielt, wie er es
zuwege brachte, sich durch seine Studienjahre durchzudarben. Er
durchlitt die Entbehrungen der Grossen, die das Unglueck verfolgt und die
wie wilde Tiere von der Meute der Mittelmaessigkeit und der Neider
verfolgt werden. Kaum meinte er auf eigenen Fuessen stehen zu koennen, so
nahm er ein Atelier in der Rue des Martyrs und fing an, zu arbeiten. Im
Jahre 1819 trat er mit seinem ersten Werk an die Oeffentlichkeit. Das
der Jury zur Ausstellung im Louvre eingereichte Gemaelde stellte eine
Bauernhochzeit dar und war eine wohlgelungene Nachahmung des bekannten
Bildes von Greuze. Es wurde zurueckgewiesen. Fougeres, als er diese
enttaeuschende Mitteilung erhielt, tobte nicht, wie es die Grossen tun,
verfiel auch nicht einer jener epileptischen Anwandlungen, die so
haeufig mit einer Herausforderung des Direktors oder des Sekretaers der
Ausstellung oder mit blutduerstigen Drohungen enden. Nichts von alledem
geschah, sondern Fougeres nahm seelenruhig seine Leinwand zurueck,
bedeckte sie mit seinem Taschentuch und trug sie wieder in sein Atelier
zurueck. Aber er schwur es sich zu, ein grosser Kuenstler zu werden. Das
Bild stellte er auf eine Staffelei und begab sich zu seinem frueheren
Lehrer Schinner, einem Maler von ausserordentlichem Talent, einem
weichen und geduldigen Menschen, dem die letzte Ausstellung des
"Salons" seinen Erfolg garantiert hatte. Grassou bat ihn, er moege das
zurueckgewiesene Werk seiner Kritik unterziehen. Der grosse Maler kam
sofort von seiner Arbeit weg. Kaum hatte er das Bild mit einem Blick
gestreift, drueckte er dem armen Fougeres die Hand: "Guter Junge, du
hast ein Herz von Gold, man darf dich nicht hintergehen. Also hoere: du
hast alles gehalten, was du als Schueler versprachst. Mein lieber
Fougeres, statt dass man etwas Derartiges zusammenpinselt, tut man
besser, den andern nicht Farbe und Leinwand zu stehlen. Sattle um,
solange es noch Zeit ist! Zieh dir eine Schlafmuetze ueber und kriech um
neun Uhr ins Bett. Morgen aber, gegen zehn, gehst du zu irgend einem
Bureau und suchst dir einen Posten. Von der Kunst aber lass die Finger!"

"Mein Freund," sagte Fougeres, "mein Werk ist bereits verurteilt
worden, und ich bat dich nicht, es zu tadeln, sondern mir die Gruende
fuer seine Ablehnung auseinanderzusetzen."

"Nun also: du hast keine Farbe, du malst alles grau und tot, du siehst
die Natur durch einen Schleier. In der Zeichnung bist du grob und
ungeschickt, in der Komposition kopierst du Greuze, den zu verbessern
du nicht berufen bist." Als Schinner die Fehler des Bildes aufzaehlte,
bemerkte er in den Zuegen des jungen Malers den Ausdruck einer so tiefen
Traurigkeit, dass er ihn zum Mittagessen einlud und ihn zu troesten
suchte.

Am naechsten Tage sass Fougeres schon um sieben in der Fruehe vor der
Staffelei und pinselte an seinem verworfenen Bilde herum. Er vertiefte
die Farben, beseitigte die von Schinner geruegten Maengel und arbeitete
die Koepfe besser heraus. Als ihn die Korrekturarbeit anwiderte, trug er
das Bild zu Elias Magus. Dieser Herr Magus war ein hollaendisch-
belgischer Flame, und in dieser Mischung lag wohl die dreifache
Vorbedingung fuer das, was er geworden war: geizig und reich. Von
Bordeaux nach Paris gekommen, eroeffnete er auf dem Boulevard Bonne-
Nouvelle eine Gemaeldehandlung. Das erste Bild, das Pierre ihm brachte,
betrachtete er sehr genau; dann zahlte er ihm fuenfzehn Francs dafuer.

Fougeres, der von der Palette leben musste, und, wie es die Jahreszeit
brachte, Brot und Nuesse oder Brot und Milch oder Brot und Kirschen oder
Brot und Kaese verzehrte, laechelte und meinte: "Fuenfzehn Francs
verdienen und tausend Francs verbrauchen, damit kann man es weit
bringen."

Elias Magus zuckte die Achseln. Er nagte an den Fingernaegeln und
dachte, dass er das Bild auch schon fuer hundert Sous haette erhandeln
koennen.

Jeden Morgen spazierte Fougeres nun von der Rue des Martyrs nach dem
Boulevard Bonnes-Nouvelle hinab und mischte sich der Gemaeldehandlung
gegenueber unter die Passanten. Seine Augen hingen an dem Bilde, das
aber selten einmal die Aufmerksamkeit eines Voruebergehenden auf sich
lenkte. Aber eines Morgens, gegen Ende der Woche, war das Bild
verschwunden. Fougeres schlenderte die Strasse zurueck, ging auf die
andere Seite hinueber und schritt gerade auf den Laden zu, indem er tat,
als fuehre ein Zufall ihn des Weges. Der Haendler stand auf der Schwelle.

"Nun, haben Sie mein Bild verkauft?"

"Nein," sagte Magus, "ich lasse einen Rahmen darum machen, damit ich es
einem anbieten kann, der glaubt, er verstehe etwas von Bildern."

Fougeres wagte nicht mehr, sich auf dem Boulevard zu zeigen. Er
arbeitete an einem neuen Gemaelde. Mit der Unermuedlichkeit eines Mannes
plagte er sich zwei Monate lang wie ein Galeerensklave. Eines Tages
ging er, fast ohne es zu wollen, wieder zum Laden des Magus. Das Bild
war nicht mehr da.

"Ich habe Ihr Bild verkauft," sagte der Haendler.

"Zu welchem Preise?"

"Ich habe meine Unkosten eingebracht und noch eine Kleinigkeit daran
verdient. Malen Sie mir flaemische Interieurs, eine Anatomiestudie, eine
Landschaft. Ich werde sie Ihnen abkaufen," sagte Magus.

Fougeres waere dem Alten am liebsten um den Hals gefallen. Er blickte zu
ihm wie zu einem Vater auf. Freude im Herzen, kehrte er heim. Also
hatte der grosse Schinner sich doch in ihm getaeuscht. Noch gab es in
dieser Riesenstadt Herzen, die in gleichem Takt mit seinem eigenen
schlugen. Man erkannte und schaetzte seine Begabung. Dieser arme Bursche
von siebenundzwanzig Jahren besass die Einfalt eines sechzehnjaehrigen
Juenglings. Jedem andern wuerde die diabolische Miene des Elias Magus
aufgefallen sein. Das Beben der Bartspitzen, die Haltung des Kopfes
waeren ihm nicht entgangen.

Wie ein Schueler, der eine Dame begleiten darf, stolzierte Fougeres mit
freudestrahlendem Gesicht durch die Strassen. Er begegnete seinem
ehemaligen Mitschueler Josef Bridau, einem vom Unglueck verfolgten,
vielversprechenden Talente. Da Bridau, wie er erklaerte, noch ein paar
Sous in der Tasche hatte, nahm er Fougeres mit in die Oper. Aber
Fougeres sah nichts von dem Ballet, hoerte nichts von der Musik; er
entwarf Bilder, er malte. Noch waehrend der Vorstellung verabschiedete
er sich von seinem Freunde und eilte nach Hause. Er fing an, beim
Schein der Lampe zu skizzieren, erfand dreissig Bilder voll von
Reminiszenzen und hielt sich fuer ein Genie.

Gleich am andern Morgen kaufte er Farben und Leinwand in allen Groessen.
Brot und Kaese stellte er auf den Tisch, fuellte den Krug mit frischem
Wasser und haeufte Brennholz auf. Dann ging er an die Arbeit. Er hatte
einige Modelle, und Magus lieh ihm ein paar Gewaender. Nach zwei Monaten
vollkommener Zurueckgezogenheit hatte der Bretone vier Gemaelde
vollendet. Wieder bat er Schinner um sein Urteil und lud auch Josef
Bridau dazu ein. Die beiden Maler bezeichneten die Bilder als treue
Kopien der Hollaendischen Landschaften und der Interieurs von Metsu,
waehrend das vierte eine missratene Nachbildung von Rembrandts Anatomie
sei.

"Nichts als Nachahmungen," sagte Schinner; "Fougeres wird es schwerlich
dazu bringen, etwas Eigenes zu geben."

"Du solltest etwas anderes tun als Bilder malen," sagte Bridau.

"Was denn?" fragte Fougeres.

"Wirf Dich auf die Literatur," sagte Bridau.

Fougeres liess den Kopf haengen wie ein Schaf im Regen. Dennoch liess er
sich einige technische Winke geben und arbeitete danach noch an seinen
Bildern, bevor er sie zu Elias brachte. Dieser zahlte ihm
fuenfundzwanzig Francs fuer das Stueck. Fougeres verdiente dabei nichts,
verlor aber auch nichts, denn er lebte sehr anspruchslos.

Wieder nahm er nun seine Spaziergaenge auf, um das Schicksal seiner
Bilder zu verfolgen. Da hatte er eine merkwuerdige Halluzination: seine
so klar und genau gemalten Bilder, die von der Haltbarkeit des
Eisenblechs und glaenzend wie Porzellan waren, schienen wie von einem
grauen Nebel ueberzogen; sie glichen alten Gemaelden. Elias war
ausgegangen, und so konnte sich Fougeres keine Erklaerung dieses
Phaenomens einholen. Er dachte, es muesse eine Taeuschung sein. Er kehrte
heim und fing von neuem an, alte Bilder zu malen.

Nach sieben Jahren unermuedlicher, eifriger Arbeit brachte Fougeres es
so weit, dass er ertraegliche Bilder komponieren und ausfuehren konnte. Er
leistete etwas Mittelmaessiges, wie viele andere Maler auch. Elias kaufte
und verkaufte alle diese Bilder des armen Bretonen, der jaehrlich muehsam
hundert Louis verdiente, waehrend er kaum zwoelfhundert Francs
verbrauchte. Bei der Ausstellung des Jahres 1829 wurden Leon de Lora,
Schinner und Bridau, die von grossem Einfluss waren und an der Spitze der
kuenstlerischen Bewegung standen, so ergriffen von der Beharrlichkeit
und der Armut ihres einstigen Kameraden, dass sie eines seiner Bilder
zum grossen Salon der Ausstellung zuliessen. Dies Gemaelde zeigte einen
jungen Straefling, dem die Haare geschoren wurden. Er sass zwischen einem
Priester und einem jungen und einem alten Weibe, die weinten, waehrend
ein Schreiber ein gestempeltes Schriftstueck las. Unberuehrt standen auf
einem schmutzigen Tische Speisen; zwischen den Gitterstaeben eines
hochgelegenen Fensters fiel das erste Tageslicht herein. Ein Etwas in
diesem Bilde musste die Buerger erschauern lassen--und sie erschauerten.
Unverkennbar war Fougeres von Gerard Dous bekanntem Meisterwerk
beeinflusst worden; er hatte die Gruppe im Gemaelde "Die wassersuechtige
Frau" zum Fenster gedreht, statt sie von vorne zu zeigen und die
Sterbende durch den Verurteilten ersetzt; es war dasselbe fahle
Gesicht, derselbe Blick, derselbe Aufschrei zu Gott. Statt des
flaemischen Arztes hatte er den schwarzgekleideten Schreiber mit seiner
kalten Amtsmiene hingemalt, und dem Maedchen auf dem Bilde Gerard Dous
ein greises Weib zugesellt. Beherrscht wurde die Gruppe von dem brutal
gleichgueltigen Gesicht des Henkers. Das Plagiat war raffiniert
ausgefuehrt, und niemand erkannte es als solches. Der Katalog vermerkte:
"No. 510. Grassou de Fougeres, Pierre, 2 Rue de Navarin. Toilette eines
im Jahre 1809 zum Tode verurteilten Verbrechers".

Trotz seiner Talentlosigkeit wurde dem Bilde ein beispielloser Erfolg
zuteil; erinnerte es doch an den Fall der Heizer von Mortagne. Das
Publikum sammelte sich. Tag fuer Tag vor dem Bilde, das die Sensation
von Paris bildete. Auch Karl X. blieb davor stehen. Madame, der man von
dem kuemmerlichen Dasein des Bretonen erzaehlt hatte, begeisterte sich
fuer ihn. Der Herzog von Orleans bemuehte sich um das Gemaelde. Von
Praelaten hoerte Madame la Dauphine, dass das Bild eine gute Moral
enthalte, und es war in der Tat von sympathischen religioesen Gedanken
erfuellt. Monseigneur le Dauphin bewunderte, wie der Staub auf den
Mauersteinen gemalt sei, worin er uebrigens irrte, denn Fougeres hatte
durch gruenliche Reflexe die schimmlige Feuchtigkeit der Waende andeuten
wollen. Madame erwarb das Bild fuer tausend Francs, und der Dauphin
erteilte dem Kuenstler den Auftrag auf ein zweites, aehnliches. Fougeres,
dessen Vater 1799 fuer die Sache des Koenigs gefochten hatte, wurde von
Karl X. durch Verleihung des Ehrenkreuzes ausgezeichnet, waehrend Josef
Bridau, der grosse Kuenstler, leer ausging. Der Minister des Innern
uebertrug Fougeres die Ausfuehrung zweier Kirchengemaelde. Somit bedeutete
diese Ausstellung des Salon fuer Pierre Grassou Reichtum, Ruhm und
Zukunft. Schoepfer sein, heisst am langsamen Feuer schmoren; nachahmen,
das heisst leben!

Eine Goldquelle hatte sich Grassou eroeffnet. In seinem skrupellosen
Missbrauch der Kunst war er wieder einmal ein Beispiel dafuer, dass die
ueberwaeltigende Mehrheit der Unfaehigen in unseren Tagen ueberall das
Aufkommen der wahrhaft Begabten erschwert und einen erbarmungslosen
Kampf gegen das wirkliche Talent fuehrt. Fougeres wunderte sich selbst
ueber seinen Erfolg, und seine Bescheidenheit und Schlichtheit liessen
Neid und Missgunst verstummen. Ausserdem hatte er alle Grassous, die
schon ihr Glueck gemacht hatten, auf seiner Seite, mehr aber noch jene,
die darauf hofften. Einige waren von der Willenskraft dieses Mannes,
den nichts hatte niederwerfen koennen, begeistert und sagten: "Man muss
seinen Willen zur Kunst anerkennen! Grassou hat sein Glueck nicht
gestohlen; der arme Kerl hat sich zehn Jahre lang hart darum
geschunden!" Alle Glueckwuensche, die dem Maler dargebracht wurden,
klangen aus in diesem Ausruf: "Der arme Kerl!" Vom Mitleid wird ja
ebensoviel Mittelmaessigkeit erhoben, als vom Neid Groesse und Bedeutung
gestuerzt. Die Zeitungen hatten in ihren Kritiken nicht mit bitterer
Schaerfe gespart, aber Fougeres schluckte sie, ebenso wie die
verbessernden Ratschlaege seiner Kameraden, mit Engelsgeduld hinunter.

Nachdem er sich nun im Besitz von fuenfzehntausend Francs sah, die sauer
genug verdient worden waren, richtete er sich in der Rue de Navarin
seine Wohnung und sein Atelier ein und gab sich an das vom Dauphin in
Auftrag gegebene Gemaelde. Auch die vom Ministerium bestellten beiden
Kirchenbilder lieferte er so genau am festgesetzten Termin ab, dass der
Minister ebenso wie seine Kasse von der unerwarteten Puenktlichkeit des
Kuenstlers aufs hoechste ueberrascht und in Verlegenheit gebracht wurde.
Allein den ordnungsliebenden Leuten ist das Glueck wohlgesonnen. Haette
Grassou mit der Ablieferung gesaeumt, so waere er wohl infolge der
Julirevolution niemals bezahlt worden. Mit siebenunddreissig Jahren
hatte Fougeres fuer Elias Magus nahezu zweihundert Bilder fabriziert.
Sie blieben zwar gaenzlich unbekannt, aber er war zufrieden damit, und
diese Arbeit hatte sein Schaffen so zum Handwerk gemacht, dass die
Kuenstler die Achseln zuckten. Die Buerger liebten ihn. Die Freunde
schaetzten Fougeres wegen seines biederen und mitfuehlenden Wesens, wegen
seiner Freundlichkeit und Anhaenglichkeit. Waehrend sie seine Palette
missachteten, achteten sie doch den Mann, der sie hielt. "Ein Jammer,
dass Fougeres dem Laster des Malens verfallen ist," sagten die Freunde
untereinander.

Trotz seiner Talentlosigkeit war Grassou ein schaetzenswerter Berater,
wie es auch in der Literatur Leute gibt, die selbst kein brauchbares
Buch zustandebringen, aber einen guten Blick fuer die Fehler anderer
Werke haben. Dennoch war zwischen dieser Art literarischer Kritik und
der Fougeres ein Unterschied; Grassou war im hoechsten Grade empfaenglich
fuer das Schoene, er war dankbar dafuer, und so kamen seine Ratschlaege aus
einem aufrichtigen Empfinden, dem man wirklich vertrauen durfte.

Seit der Julirevolution schickte Fougeres zu jeder Ausstellung ein
Dutzend Bilder, von denen vier oder fuenf durch die Jury zugelassen
wurden. Der Maler lebte aeusserst bescheiden und hielt sich zur Bedienung
nur eine Haushaelterin. Seine einzige Unterhaltung fand er in Besuchen
bei seinen Freunden, im Anschauen von Kunstsammlungen und hin und
wieder in einer kleinen Reise, die ihn aber nie ueber die Grenzen
Frankreichs hinausfuehrte. Er beabsichtigte aber, sich demnaechst in der
Schweiz neue Anregung zu holen. Unser Kuenstler war ein durchaus
einwandfreier Staatsbuerger, der seiner Wehrpflicht genuegte, sich zu den
Musterungen einstellte und seine Steuern ebenso wie seine Miete mit
peinlicher Puenktlichkeit entrichtete.

Da sein Leben in Arbeit und Sorgen aufgegangen war, hatte er keine Zeit
gefunden, an die Liebe zu denken. Dem armen Junggesellen kam es auch
garnicht in den Sinn, sein einsames Leben aufzugeben, und da er nicht
wusste, wie er sein Geld nutzbringend anlegen koenne, brachte er jeweils
die Ersparnisse des Quartals zu seinem Notar Cardot. Als die Summe auf
tausend Taler angewachsen war, legte dieser sie als erste Hypothek an.
Der Maler wartete auf den gluecklichen Augenblick, wo seine Papiere die
imposante Summe von zweitausend Francs Rente abwerfen wuerden, um sich
das otium cum dignitate des Kuenstlers zu geben und Bilder zu malen, oh,
wirkliche, vollendete Kunstwerke. Seine Zukunft, seinen Traum von
Glueck, seiner Hoffnungen Superlativ--wollt ihr ihn hoeren? Mitglied des
Instituts werden und die Rosette der Offiziere der Ehrenlegion
erwerben. Seite an Seite mit Schinner und Leon de Lora sitzen, frueher
als Bridau. Eine Rosette im Knopfloch tragen! Welcher Traum!--Welch
kleiner Geist, der nur an diese Dinge denkt!...

Als Fougeres Schritte aus der Treppe vernahm, fuhr er sich durch das
Haar, knoepfte seine flaschengruene Sammetweste zu und war nicht wenig
entsetzt, als er gleich darauf ein Gesicht vor sich sah, das man in der
Sprache der Ateliers treffend "Melone" nennt. Diese Frucht sass auf
einem mit blauem Tuch bekleideten und mit einem Gehaenge klingender
Berlocks geschmueckten Kuerbis, dem zwei Steckrueben, die man nur
irrtuemlicherweise als Beine bezeichnen konnte, zum Gehen dienten. Die
Melone schnaufte wie ein Walross. Ein echter Kuenstler haette den hiermit
charakterisierten kleinen Flaschenhaendler unverzueglich vor die Tuer
gesetzt, mit dem Bedauern, dass er leider kein Gemuese male. Fougeres
aber sah sich seine Kundschaft erst, ohne eine Miene zu verziehen, an,
denn im Vorhemd des Herrn Vervelle prangte ein Diamant von tausend
Talern Wert. Der Blick, den hierauf Fougeres dem Magus zuwarf,
bedeutete etwa: "Ein feister Brocken!", waehrend Herr Vervelle die Stirn
runzelte. Der Ehrenmann fuehrte noch zwei andere Gemuesesorten in Gestalt
seiner Frau und seiner Tochter mit sich. Die Gattin glich mit ihrem
mahagonifarbenen Gesicht einer auf unfoermlichen Fuessen stehenden
Kokosnuss, die nur mit einem Kopf gekroent und von einem Guertel
eingeschnuert war. Sie trug ein gelbes Kleid mit schwarzen Streifen.
Ihre geschwollenen Haende staken kokett in unvorstellbaren
Fausthandschuhen, die einem Korporal haetten gehoeren koennen. Ihren
riesigen Hut ueberfluteten maechtige Straussenfedern, und ihre runden
massigen Schultern waren mit Spitzen geschmueckt. Dergestalt war die
elfenhafte Erscheinung der Kokosnuss. Die Fuesse, die man treffender als
Wurzelkloetze bezeichnen wuerde, quollen in sechs Wuelsten ueber die
Lackschuhe hervor. Wie waren sie nur in die Schuhe hineingekommen?! Man
weiss es nicht.

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