Die Leute von Seldwyla, Vol. 1
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Gottfried Keller >> Die Leute von Seldwyla, Vol. 1
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Sobald er in der Stadt war, trug er seine Uhr zu einem Uhrmacher, der
ihm sechs oder sieben Gulden dafuer gab; fuer die silberne Kette bekam
er auch einige Gulden, und er duenkte sich nun reich genug, denn er
hatte, seit er gross war, nie so viel Geld besessen auf einmal. Wenn
nur erst der Tag vorueber und der Sonntag angebrochen waere, um das
Glueck damit zu erkaufen, das er sich von dem Tage versprach, dachte
er; denn wenn das Uebermorgen auch um so dunkler und unbekannter
hereinragte, so gewann die ersehnte Lustbarkeit von morgen nur einen
seltsamern erhoehten Glanz und Schein. Indessen brachte er die Zeit
noch leidlich hin, indem er ein Paar Schuhe fuer Vrenchen suchte, und
dies war ihm das vergnuegteste Geschaeft, das er je betrieben. Er ging
von einem Schuhmacher zum andern, liess sich alle Weiberschuhe zeigen,
die vorhanden waren, und endlich handelte er ein leichtes und feines
Paar ein, so huebsch, wie sie Vrenchen noch nie getragen. Er verbarg
die Schuhe unter seiner Weste und tat sie die uebrige Zeit des Tages
nicht mehr von sich; er nahm sie sogar mit ins Bett und legte sie
unter das Kopfkissen. Da er das Maedchen heute frueh noch gesehen und
morgen wieder sehen sollte, so schlief er fest und ruhig, war aber in
aller Fruehe munter und begann seinen duerftigen Sonntagsstaat
zurechtzumachen und auszuputzen, so gut es gelingen wollte. Es fiel
seiner Mutter auf und sie fragte verwundert, was er vorhabe, da er
sich schon lange nicht mehr so sorglich angezogen. Er wolle einmal
ueber Land gehen und sich ein wenig umtun, erwiderte er, er werde
sonst krank in diesem Hause. "Das ist mir die Zeit her ein
merkwuerdiges Leben," murrte der Vater, "und ein Herumschleichen!"
"Lass ihn nur gehen," sagte aber die Mutter, "es tut ihm vielleicht
gut, es ist ja ein Elend, wie er aussieht!" "Hast du Geld zum
Spazierengehen? Woher hast du es?" fragte der Alte. "Ich brauche
keines!" sagte Sali. "Da hast du einen Gulden!" versetzte der Alte und
warf ihm denselben hin. "Du kannst im Dorf ins Wirtshaus gehen und ihn
dort verzehren, damit sie nicht glauben, wir seien hier so uebel
dran." "Ich will nicht ins Dorf und brauche den Gulden nicht, behaltet
ihn nur!" "So hast du ihn gehabt, es waere schad, wenn du ihn haben
muesstest, du Starrkopf!" rief Manz und schob seinen Gulden wieder in
die Tasche. Seine Frau aber, welche nicht wusste, warum sie heute
ihres Sohnes wegen so wehmuetig und geruehrt war, brachte ihm ein
grosses schwarzes Mailaender Halstuch mit rotem Rande, das sie nur
selten getragen und er schon frueher gern gehabt haette. Er schlang es
um den Hals und liess die langen Zipfel fliegen; auch stellte er zum
erstenmal den Hemdkragen, den er sonst immer umgeschlagen, ehrbar und
maennlich in die Hoehe, bis ueber die Ohren hinauf, in einer
Anwandlung laendlichen Stolzes, und machte sich dann, seine Schuhe in
der Brusttasche des Rockes, schon nach sieben Uhr auf den Weg. Als er
die Stube verliess, draengte ihn ein seltsames Gefuehl, Vater und
Mutter die Hand zu geben, und auf der Strasse sah er sich noch einmal
nach dem Hause um. "Ich glaube am Ende," sagte Manz, "der Bursche
streicht irgendeinem Weibsbild nach; das haetten wir gerade noch
noetig!" Die Frau sagte: "O wollte Gott! dass er vielleicht ein Glueck
machte! Das taete dem armen Buben gut!" "Richtig!" sagte der Mann,
"das fehlt nicht! Das wird ein himmlisches Glueck geben, wenn er nur
erst an eine solche Maultasche zu geraten das Unglueck hat! Das taete
dem armen Buebchen gut! Natuerlich!"
Sali richtete seinen Schritt erst nach dem Flusse zu, wo er Vrenchen
erwarten wollte; aber unterwegs ward er anderen Sinnes und ging
geradezu ins Dorf, um Vrenchen im Hause selbst abzuholen, weil es ihm
zu lang waehrte bis halb elf! "Was kuemmern uns die Leute!" dachte er.
"Niemand hilft uns und ich bin ehrlich und fuerchte niemand!" So trat
er unerwartet in Vrenchens Stube und ebenso unerwartet fand er es
schon vollkommen angekleidet und geschmueckt dasitzen und der Zeit
harren, wo es gehen koenne, nur die Schuhe fehlten ihm noch. Aber Sali
stand mit offenem Munde still in der Mitte der Stube, als er das
Maedchen erblickte, so schoen sah es aus. Es hatte nur ein einfaches
Kleid an von blaugefaerbter Leinwand, aber dasselbe war frisch und
sauber und sass ihm sehr gut um den schlanken Leib. Darueber trug es
ein schneeweisses Musselinehalstuch und dies war der ganze Anzug. Das
braune gekraeuselte Haar war sehr wohl geordnet und die sonst so
wilden Loeckchen lagen nun fein und lieblich um den Kopf; da Vrenchen
seit vielen Wochen fast nicht aus dem Hause gekommen, so war seine
Farbe zarter und durchsichtiger geworden, so wie auch vom Kummer; aber
in diese Durchsichtigkeit goss jetzt die Liebe und die Freude ein Rot
um das andere, und an der Brust trug es einen schoenen Blumenstrauss
von Rosmarin, Rosen und praechtigen Astern. Es sass am offenen Fenster
und atmete still und hold die frischdurchsonnte Morgenluft; wie es
aber Sali erscheinen sah, streckte es ihm beide huebsche Arme
entgegen, welche vom Ellbogen an bloss waren, und rief: "Wie recht
hast du, dass du schon jetzt und hierher kommst! Aber hast du mir
Schuhe gebracht? Gewiss? Nun steh' ich nicht auf, bis ich sie anhabe!"
Er zog die ersehnten aus der Tasche und gab sie dem begierigen
schoenen Maedchen; es schleuderte die alten von sich, schluepfte in
die neuen und sie passten sehr gut. Erst jetzt erhob es sich vom
Stuhl, wiegte sich in den neuen Schuhen und ging eifrig einigemal auf
und nieder. Es zog das lange, blaue Kleid etwas zurueck und beschaute
wohlgefaellig die roten wollenen Schleifen, welche die Schuhe zierten,
waehrend Sali unaufhoerlich die feine reizende Gestalt betrachtete,
welche da in lieblicher Aufregung vor ihm sich regte und freute. "Du
beschaust meinen Strauss?" sagte Vrenchen, "hab' ich nicht einen
schoenen zusammengebracht? Du musst wissen, dies sind die letzten
Blumen, die ich noch aufgefunden in dieser Wuestenei. Hier war noch
ein Roeschen, dort eine Aster, und wie sie nun gebunden sind, wuerde
man es ihnen nicht ansehen, dass sie aus einem Untergange
zusammengesucht sind! Nun ist es aber Zeit, dass ich fortkomme, nicht
ein Bluemchen mehr im Garten und das Haus auch leer!" Sali sah sich um
und bemerkte erst jetzt, dass alle Fahrhabe, die noch dagewesen,
weggebracht war. "Du armes Vreeli!" sagte er, "haben sie dir schon
alles genommen?" "Gestern," erwiderte es, "haben sie's weggeholt, was
sich von der Stelle bewegen liess, und mir kaum mehr als mein Bett
gelassen. Ich hab's aber auch gleich verkauft und hab' jetzt auch
Geld, sieh!" Es holte einige neue glaenzende Talerstuecke aus der
Tasche seines Kleides und zeigte sie ihm. "Damit," fuhr es fort,
"sagte der Waisenvogt, der auch hier war, solle ich mir einen Dienst
suchen in einer Stadt und ich solle mich heute gleich auf den Weg
machen!" "Da ist aber auch gar nichts mehr vorhanden," sagte Sali,
nachdem er in die Kueche geguckt hatte, "ich sehe kein Hoelzchen, kein
Pfaennchen, kein Messer! Hast du denn auch nicht zu Morgen gegessen?"
"Nichts!" sagte Vrenchen, "ich haette mir etwas holen koennen, aber
ich dachte, ich wolle lieber hungrig bleiben, damit ich recht viel
essen koenne mit dir zusammen, denn ich freue mich so sehr darauf, du
glaubst nicht, wie ich mich freue!" "Wenn ich dich nur anruehren
duerfte," sagte Sali, "so wollte ich dir zeigen, wie es mir ist, du
schoenes, schoenes Ding!" "Du hast recht, du wuerdest meinen ganzen
Staat verderben, und wenn wir die Blumen ein bisschen schonen, so
kommt es zugleich meinem armen Kopf zugut, den du mir uebel
zuzurichten pflegst!" "So komm, jetzt wollen wir ausruecken!" "Noch
muessen wir warten, bis das Bett abgeholt wird; denn nachher schliesse
ich das leere Haus zu und gehe nicht mehr hierher zurueck! Mein
Buendelchen gebe ich der Frau aufzuheben, die das Bett gekauft hat."
Sie setzten sich daher einander gegenueber und warteten; die Baeuerin
kam bald, eine vierschroetige Frau mit lautem Mundwerk, und hatte
einen Burschen bei sich, welcher die Bettstelle tragen sollte. Als
diese Frau Vrenchens Liebhaber erblickte und das geputzte Maedchen
selbst, sperrte sie Mund und Augen auf, stemmte die Arme unter und
schrie: "Ei, sieh da, Vreeli! Du treibst es ja schon gut! Hast einen
Besucher und bist geruestet wie eine Prinzess?" "Gelt aber!" sagte
Vrenchen freundlich lachend, "wisst Ihr auch, wer das ist?" "Ei, ich
denke, das ist wohl der Sali Manz? Berg und Tal kommen nicht zusammen,
sagt man, aber die Leute! Aber nimm dich doch in acht, Kind, und denk,
wie es euren Eltern ergangen ist!" "Ei, das hat sich jetzt gewendet
und alles ist gut geworden," erwiderte Vrenchen laechelnd und
freundlich mitteilsam, ja beinahe herablassend, "seht, Sali ist mein
Hochzeiter!" "Dein Hochzeiter! Was du sagst!" "Ja und er ist ein
reicher Herr, er hat hunderttausend Gulden in der Lotterie gewonnen!
Denket einmal, Frau!" Diese tat einen Sprung, schlug ganz erschrocken
die Haende zusammen und schrie: "Hund--hunderttausend Gulden!"
"Hunderttausend Gulden!" versicherte Vrenchen ernsthaft. "Herr du
meines Lebens! Es ist aber nicht wahr, du luegst mich an, Kind!" "Nun,
glaubt was Ihr wollt!" "Aber, wenn es wahr ist und du heiratest ihn,
was wollt ihr denn machen mit dem Gelde? Willst du wirklich eine
vornehme Frau werden?" "Versteht sich, in drei Wochen halten wir die
Hochzeit!" "Geh mir weg, du bist eine haessliche Luegnerin!" "Das
schoenste Haus hat er schon gekauft in Seldwyl mit einem grossen
Garten und Weinberg; Ihr muesst mich auch besuchen, wenn wir
eingerichtet sind, ich zaehle darauf!" "Allweg, du Teufelshexlein, was
du bist!" "Ihr werdet sehen, wie schoen es da ist! Einen herrlichen
Kaffee werde ich machen und Euch mit seinem Eierbrot aufwarten, mit
Butter und Honig!" "O du Schelmenkind! Zaehl' drauf, dass ich komme!"
rief die Frau mit luesternem Gesicht und der Mund waesserte ihr.
"Kommt Ihr aber um die Mittagszeit und seid ermuedet vom Markt, so
soll Euch eine kraeftige Fleischbruehe und ein Glas Wein immer
bereitstehen!" "Das wird mir bass tun!" "Und an etwas Zuckerwerk oder
weissen Wecken fuer die lieben Kinder zu Hause soll es Euch auch nicht
fehlen!" "Es wird mir ganz schmachtend!" "Ein artiges Halstuechelchen
oder ein Restchen Seidenzeug oder ein huebsches altes Band fuer Eure
Roecke, oder ein Stueck Zeug zu einer neuen Schuerze wird gewiss auch
zu finden sein, wenn wir meine Kisten und Kasten durchmustern in einer
vertrauten Stunde!" Die Frau drehte sich auf den Hacken herum und
schuettelte jauchzend ihre Roecke. "Und wenn Euer Mann ein
vorteilhaftes Geschaeft machen koennte mit einem Land- oder
Viehhandel, und er mangelt des Geldes, so wisst Ihr, wo Ihr anklopfen
sollt. Mein lieber Sali wird froh sein, jederzeit ein Stueck Bares
sicher und erfreulich anzulegen! Ich selbst werde auch etwa einen
Sparpfennig haben, einer vertrauten Freundin beizustehen!" Jetzt war
der Frau nicht mehr zu helfen, sie sagte geruehrt: "Ich habe immer
gesagt, du seiest ein braves und gutes und schoenes Kind! Der Herr
wolle es dir wohlergehen lassen immer und ewiglich und es dir
gesegnen, was du an mir tust!" "Dagegen verlange ich aber auch, dass
Ihr es gut mit mir meint!" "Allweg kannst du das verlangen!" "Und dass
Ihr jederzeit Eure Ware, sei es Obst, seien es Kartoffeln, sei es
Gemuese, erst zu mir bringet und mir anbietet, ehe Ihr auf den Markt
gehet, damit ich sicher sei, eine rechte Baeuerin an der Hand zu
haben, auf die ich mich verlassen kann! Was irgendeiner gibt fuer die
Ware, werde ich gewiss auch geben mit tausend Freuden, Ihr kennt mich
ja! Ach, es ist nichts Schoeneres, als wenn eine wohlhabende
Stadtfrau, die so ratlos in ihren Mauern sitzt und doch so vieler
Dinge benoetigt ist, und eine rechtschaffene ehrliche Landfrau,
erfahren in allem Wichtigen und Nuetzlichen, eine gute und dauerhafte
Freundschaft zusammen haben! Es kommt einem zugut in hundert Faellen,
in Freud und Leid, bei Gevatterschaften und Hochzeiten, wenn die
Kinder unterrichtet werden und konfirmiert, wenn sie in die Lehre
kommen und wenn sie in die Fremde sollen! Bei Misswachs und
UEberschwemmungen, bei Feuersbruensten und Hagelschlag, wofuer uns
Gott behuete!" "Wofuer uns Gott behuete!" sagte die gute Frau
schluchzend und trocknete mit ihrer Schuerze die Augen; "welch ein
verstaendiges und tiefsinniges Braeutlein bist du, ja, dir wird es gut
gehen, da muesste keine Gerechtigkeit in der Welt sein! Schoen,
sauber, klug und weise bist du, arbeitsam und geschickt zu allen
Dingen! Keine ist feiner und besser als du, in und ausser dem Dorfe,
und wer dich hat, der muss meinen, er sei im Himmelreich, oder er ist
ein Schelm und hat es mit mir zu tun. Hoer', Sali! Dass du nur recht
artlich bist mit meinem Vreeli, oder ich will dir den Meister zeigen,
du Glueckskind, das du bist, ein solches Roeslein zu brechen!" "So
nehmt jetzt auch hier noch mein Buendel mit, wie Ihr mir versprochen
habt, bis ich es abholen lassen werde! Vielleicht komme ich aber
selbst in der Kutsche und hole es ab, wenn Ihr nichts dagegen habt!
Ein Toepfchen Milch werdet Ihr mir nicht abschlagen alsdann, und etwa
eine schoene Mandeltorte dazu werde ich schon selbst mitbringen!"
"Tausendskind! Gib her den Buendel!" Vrenchen lud ihr auf das
zusammengebundene Bett, das sie schon auf dem Kopfe trug, einen langen
Sack, in welchen es sein Plunder und Habseliges gestopft, so dass die
arme Frau mit einem schwankenden Turme auf dem Haupte dastand. "Es
wird mir doch fast zu schwer auf einmal," sagte sie, "koennte ich
nicht zweimal dran machen?" "Nein, nein! Wir muessen jetzt
augenblicklich gehen, denn wir haben einen weiten Weg, um vornehme
Verwandte zu besuchen, die sich jetzt gezeigt haben, seit wir reich
sind! Ihr wisst ja, wie es geht!" "Weiss wohl! So behuet' dich Gott,
und denk' an mich in deiner Herrlichkeit!"
Die Baeuerin zog ab mit ihrem Buendelturme, mit Muehe das
Gleichgewicht behauptend, und hinter ihr drein ging ihr Knechtchen,
das sich in Vrenchens einst buntbemalte Bettstatt hineinstellte, den
Kopf gegen den mit verblichenen Sternen bedeckten Himmel derselben
stemmte und, ein zweiter Simson, die zwei vorderen zierlich
geschnitzten Saeulen fasste, welche diesen Himmel trugen. Als
Vrenchen, an Sali gelehnt, dem Zuge nachschaute und den wandelnden
Tempel zwischen den Gaerten sah, sagte es: "Das gaebe noch ein artiges
Gartenhaeuschen oder eine Laube, wenn man's in einen Garten pflanzte,
ein Tischchen und ein Baenklein dreinstellte und Winden drum
herumsaete! Wolltest du mit darin sitzen, Sali?" "Ja, Vreeli!
Besonders wenn die Winden aufgewachsen waeren!" "Was stehen wir noch?"
sagte Vrenchen, "nichts haelt uns mehr zurueck!" "So komm und schliess
das Haus zu!" "Wem willst du denn den Schluessel uebergeben?" Vrenchen
sah sich um. "Hier an die Helbart wollen wir ihn haengen; sie ist
ueber hundert Jahr in diesem Hause gewesen, habe ich den Vater oft
sagen hoeren, nun steht sie da als der letzte Waechter!" Sie hingen
den rostigen Hausschluessel an einen rostigen Schnoerkel der alten
Waffe, an welcher die Bohnen rankten, und gingen davon. Vrenchen wurde
aber bleicher und verhuellte ein Weilchen die Augen, dass Sali es
fuehren musste, bis sie ein Dutzend Schritte entfernt waren. Es sah
aber nicht zurueck. "Wo gehen wir nun zuerst hin?" fragte es. "Wir
wollen ordentlich ueber Land gehen," erwiderte Sali, "wo es uns freut
den ganzen Tag, uns nicht uebereilen, und gegen Abend werden wir dann
schon einen Tanzplatz finden!" "Gut!" sagte Vrenchen, "den ganzen Tag
werden wir beisammensein und gehen, wo wir Lust haben. Jetzt ist mir
aber elend, wir wollen gleich im andern Dorf einen Kaffee trinken!"
"Versteht sich!" sagte Sali, "mach' nur, dass wir aus diesem Dorf
wegkommen!" Bald waren sie auch im freien Felde und gingen still
nebeneinander durch die Fluren; es war ein schoener Sonntagmorgen im
September, keine Wolke stand am Himmel, die Hoehen und die Waelder
waren mit einem zarten Duftgewebe bekleidet, welches die Gegend
geheimnisvoller und feierlicher machte, und von allen Seiten toenten
die Kirchenglocken herueber, hier das harmonische tiefe Gelaeute einer
reichen Ortschaft, dort die geschwaetzigen zwei Bimmelgloecklein eines
kleinen armen Doerfchens. Das liebende Paar vergass, was am Ende
dieses Tages werden sollte, und gab sich einzig der hochaufatmenden
wortlosen Freude hin, sauber gekleidet und frei, wie zwei Glueckliche,
die sich von Rechts wegen angehoeren, in den Sonntag hineinzuwandeln.
Jeder in der Sonntagsstille verhallende Ton oder ferne Ruf klang ihnen
erschuetternd durch die Seele; denn die Liebe ist eine Glocke, welche
das Entlegenste und Gleichgueltigste widertoenen laesst und in eine
besondere Musik verwandelt. Obgleich sie hungrig waren, duenkte sie
die halbe Stunde Weges bis zum naechsten Dorfe nur ein Katzensprung
lang zu sein und sie betraten zoegernd das Wirtshaus am Eingange des
Ortes. Sali bestellte ein gutes Fruehstueck, und waehrend es bereitet
wurde, sahen sie maeuschenstill der sichern und freundlichen
Wirtschaft in der grossen reinlichen Gaststube zu. Der Wirt war
zugleich ein Baecker, das eben Gebackene durchduftete angenehm das
ganze Haus, und Brot aller Art wurde in gehaeuften Koerben
herbeigetragen, da nach der Kirche die Leute hier ihr Weissbrot holten
oder ihren Fruehschoppen tranken. Die Wirtin, eine artige und saubere
Frau, putzte gelassen und freundlich ihre Kinder heraus, und sowie
eines entlassen war, kam es zutraulich zu Vrenchen gelaufen, zeigte
ihm seine Herrlichkeiten und erzaehlte von allem, dessen es sich
erfreute und ruehmte. Wie nun der wohlduftende starke Kaffee kam,
setzten sich die zwei Leutchen schuechtern an den Tisch, als ob sie da
zu Gast gebeten waeren. Sie ermunterten sich jedoch bald und
fluesterten bescheiden, aber glueckselig miteinander; ach, wie
schmeckte dem aufbluehenden Vrenchen der gute Kaffee, der fette Rahm,
die frischen noch warmen Broetchen, die schoene Butter und der Honig,
der Eierkuchen und was alles noch fuer Leckerbissen da waren! Sie
schmeckten ihm, weil es den Sali dazu ansah, und es ass so vergnuegt,
als ob es ein Jahr lang gefastet haette. Dazu freute es sich ueber das
feine Geschirr, ueber die silbernen Kaffeeloeffelchen; denn die Wirtin
schien sie fuer rechtliche junge Leutchen zu halten, die man
anstaendig bedienen muesse, und setzte sich auch ab und zu plaudernd
zu ihnen, und die beiden gaben ihr verstaendigen Bescheid, welches ihr
gefiel. Es war dem guten Vrenchen so waehlig zumut, dass es nicht
wusste, mochte es lieber wieder ins Freie, um allein mit seinem Schatz
herumzuschweifen durch Auen und Waelder, oder mochte es lieber in der
gastlichen Stube bleiben, um wenigstens auf Stunden sich an einem
stattlichen Orte zu Hause zu traeumen. Doch Sali erleichterte die
Wahl, indem er ehrbar und geschaeftig zum Aufbruch mahnte, als ob sie
einen bestimmten und wichtigen Weg zu machen haetten. Die Wirtin und
der Wirt begleiteten sie bis vor das Haus und entliessen sie auf das
wohlwollendste wegen ihres guten Benehmens, trotz der durchscheinenden
Duerftigkeit, und das arme junge Blut verabschiedete sich mit den
besten Manieren von der Welt und wandelte sittig und ehrbar von
hinnen. Aber auch als sie schon wieder im Freien waren und einen
stundenlangen Eichwald betraten, gingen sie noch in dieser Weise
nebeneinander her, in angenehme Traeume vertieft, als ob sie nicht aus
zank- und elenderfuellten vernichteten Haeusern herkaemen, sondern
guter Leute Kinder waeren, welche in lieblicher Hoffnung wandelten.
Vrenchen senkte das Koepfchen tiefsinnig gegen seine
blumengeschmueckte Brust und ging, die Haende sorglich an das Gewand
gelegt, einher auf dem glatten feuchten Waldboden; Sali dagegen
schritt schlank aufgerichtet, rasch und nachdenklich, die Augen auf
die festen Eichenstaemme geheftet wie ein Bauer, der ueberlegt, welche
Baeume er am vorteilhaftesten faellen soll. Endlich erwachten sie aus
diesen vergeblichen Traeumen, sahen sich an und entdeckten, dass sie
immer noch in der Haltung gingen, in welcher sie das Gasthaus
verlassen, erroeteten und liessen traurig die Koepfe haengen. Aber
Jugend hat keine Tugend, der Wald war gruen, der Himmel blau und sie
allein in der weiten Welt, und sie ueberliessen sich alsbald wieder
diesem Gefuehle. Doch blieben sie nicht lange mehr allein, da die
schoene Waldstrasse sich belebte mit lustwandelnden Gruppen von jungen
Leuten, sowie mit einzelnen Paaren, welche schaekernd und singend die
Zeit nach der Kirche verbrachten. Denn die Landleute haben so gut ihre
ausgesuchten Promenaden und Lustwaelder, wie die Staedter, nur mit dem
Unterschied, dass dieselben keine Unterhaltung kosten und noch
schoener sind; sie spazieren nicht nur mit einem besonderen Sinn des
Sonntags durch ihre bluehenden und reifenden Felder, sondern sie
machen sehr gewaehlte Gaenge durch Gehoelze und an gruenen Halden
entlang, setzen sich hier auf eine anmutige, fernsichtige Hoehe, dort
an einen Waldrand, lassen ihre Lieder ertoenen und die schoene Wildnis
ganz behaglich auf sich einwirken; und da sie dies offenbar nicht zu
ihrer Poenitenz tun, sondern zu ihrem Vergnuegen, so ist wohl
anzunehmen, dass sie Sinn fuer die Natur haben, auch abgesehen von
ihrer Nuetzlichkeit. Immer brechen sie was Gruenes ab, junge Bursche
wie alte Muetterchen, welche die alten Wege ihrer Jugend aufsuchen,
und selbst steife Landmaenner in den besten Geschaeftsjahren, wenn sie
ueber Land gehen, schneiden sich gern eine schlanke Gerte, sobald sie
durch einen Wald gehen, und schaelen die Blaetter ab, von denen sie
nur oben ein gruenes Bueschel stehenlassen. Solche Rute tragen sie wie
ein Zepter vor sich hin; wenn sie in eine Amtsstube oder Kanzlei
treten, so stellen sie die Gerte ehrerbietig in einen Winkel,
vergessen aber auch nach den ernstesten Verhandlungen nie, dieselbe
saeuberlich wieder mitzunehmen und unversehrt nach Hause zu tragen, wo
es erst dem kleinsten Soehnchen gestattet ist, sie zugrunde zu
richten.--Als Sali und Vrenchen die vielen Spaziergaenger sahen,
lachten sie ins Faeustchen und freuten sich, auch gepaart zu sein,
schluepften aber seitwaerts auf engere Waldpfade, wo sie sich in
tiefen Einsamkeiten verloren. Sie hielten sich auf, wo es sie freute,
eilten vorwaerts und ruhten wieder, und wie keine Wolke am reinen
Himmel stand, truebte auch keine Sorge in diesen Stunden ihr Gemuet;
sie vergassen, woher sie kamen und wohin sie gingen, und benahmen sich
so fein und ordentlich dabei, dass trotz aller frohen Erregung und
Bewegung Vrenchens niedlicher einfacher Aufputz so frisch und
unversehrt blieb, wie er am Morgen gewesen war. Sali betrug sich auf
diesem Wege nicht wie ein beinahe zwanzigjaehriger Landbursche oder
der Sohn eines verkommenen Schenkwirtes, sondern wie wenn er einige
Jahre juenger und sehr wohlerzogen waere, und es war beinahe komisch,
wie er nur immer sein feines lustiges Vrenchen ansah, voll
Zaertlichkeit, Sorgfalt und Achtung. Denn die armen Leutchen mussten
an diesem einen Tage, der ihnen vergoennt war, alle Manieren und
Stimmungen der Liebe durchleben und sowohl die verlorenen Tage der
zarteren Zeit nachholen als das leidenschaftliche Ende vorausnehmen
mit der Hingabe ihres Lebens.
So liefen sie sich wieder hungrig und waren erfreut, von der Hoehe
eines schattenreichen Berges ein glaenzendes Dorf vor sich zu sehen,
wo sie Mittag halten wollten. Sie stiegen rasch hinunter, betraten
dann ebenso sittsam diesen Ort, wie sie den vorigen verlassen. Es war
niemand um den Weg, der sie erkannt haette; denn besonders Vrenchen
war die letzten Jahre hindurch gar nicht unter die Leute und noch
weniger in andere Doerfer gekommen. Deshalb stellten sie ein
wohlgefaelliges ehrsames Paerchen vor, das irgendeinen
angelegentlichen Gang tut. Sie gingen ins erste Wirtshaus des Dorfes,
wo Sali ein erkleckliches Mahl bestellte; ein eigener Tisch wurde
ihnen sonntaeglich gedeckt, und sie sassen wieder still und bescheiden
daran und beguckten die schoengetaefelten Waende von gebohntem
Nussbaumholz, das laendliche aber glaenzende und wohlbestellte Buefett
von gleichem Holze, und die klaren weissen Fenstervorhaenge. Die
Wirtin trat zutulich herzu und setzte ein Geschirr voll frischer
Blumen auf den Tisch. "Bis die Suppe kommt", sagte sie, "koennt ihr,
wenn es euch gefaellig ist, einstweilen die Augen saettigen an dem
Strausse. Allem Anschein nach, wenn es erlaubt ist zu fragen, seit ihr
ein junges Brautpaar, das gewiss nach der Stadt geht, um sich morgen
kopulieren zu lassen?" Vrenchen wurde rot und wagte nicht aufzusehen,
Sali sagte auch nichts, und die Wirtin fuhr fort: "Nun, ihr seid
freilich beide noch wohl jung, aber jung geheiratet lebt lang, sagt
man zuweilen, und ihr seht wenigstens huebsch und brav aus und braucht
euch nicht zu verbergen. Ordentliche Leute koennen etwas zuwege
bringen, wenn sie so jung zusammenkommen und fleissig und treu sind.
Aber das muss man freilich sein, denn die Zeit ist kurz und doch lang,
und es kommen viele Tage, viele Tage! Je nun, schoen genug sind sie
und amuesant dazu, wenn man gut haushaelt damit! Nichts fuer ungut,
aber es freut mich, euch anzusehen, so ein schmuckes Paerchen seid
ihr!" Die Kellnerin brachte die Suppe, und da sie einen Teil dieser
Worte noch gehoert und lieber selbst geheiratet haette, so sah sie
Vrenchen mit scheelen Augen an, welches nach ihrer Meinung so
gedeihliche Wege ging. In der Nebenstube liess die unliebliche Person
ihren Unmut frei und sagte zur Wirtin, welche dort zu schaffen hatte,
so laut, dass man es hoeren konnte: "Das ist wieder ein rechtes
Hudelvoelkchen, das wie es geht und steht nach der Stadt laeuft und
sich kopulieren laesst, ohne einen Pfennig, ohne Freunde, ohne
Aussteuer und ohne Aussicht, als auf Armut und Bettelei! Wo soll das
noch hinaus, wenn solche Dinger heiraten, die die Jueppe noch nicht
allein anziehen und keine Suppe kochen koennen? Ach, der huebsche
junge Mensch kann mich nur dauern, der ist schoen petschiert mit
seiner jungen Gungeline!" "Bscht! Willst du wohl schweigen, du
gehaessiges Ding!" sagte die Wirtin, "denen lasse ich nichts
geschehen! Das sind gewiss zwei recht ordentliche Leutlein aus den
Bergen, wo die Fabriken sind; duerftig sind sie gekleidet, aber
sauber, und wenn sie sich nur gernhaben und arbeitsam sind, so werden
sie weiter kommen, als du mit deinem boesen Maul! Du kannst freilich
noch lang warten, bis dich einer abholt, wenn du nicht freundlicher
bist, du Essighafen!"
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