Die Leute von Seldwyla, Vol. 1
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Gottfried Keller >> Die Leute von Seldwyla, Vol. 1
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Doch war sein Vater Manz nun der erste von den beiden Feinden, der
sich nicht mehr halten konnte und von Haus und Hof springen musste.
Dieser Vortritt ruehrte daher, dass er eine Frau besass, die ihm
geholfen, und einen Sohn, der doch auch einiges mit brauchte, waehrend
Marti der einzige Verzehrer war in seinem wackeligen Koenigreich, und
seine Tochter durfte wohl arbeiten wie ein Haustierchen, aber nichts
gebrauchen. Manz aber wusste nichts anderes anzufangen, als auf den
Rat seiner Seldwyler Goenner in die Stadt zu ziehen und da sich als
Wirt aufzutun. Es ist immer betrueblich anzusehen, wenn ein ehemaliger
Landmann, der auf dem Felde alt geworden ist, mit den Truemmern seiner
Habe in eine Stadt zieht und da eine Schenke oder Kneipe auftut, um
als letzten Rettungsanker den freundlichen und gewandten Wirt zu
machen, waehrend es ihm nichts weniger als freundlich zumut ist. Als
die Manzen vom Hofe zogen, sah man erst, wie arm sie bereits waren;
denn sie luden lauter alten und zerfallenden Hausrat auf, dem man es
ansah, dass seit vielen Jahren nichts erneuert und angeschafft worden
war. Die Frau legte aber nichtsdestominder ihren besten Staat an, als
sie sich oben auf die Geruempelfuhre setzte, und machte ein Gesicht
voller Hoffnungen, als kuenftige Stadtfrau schon mit Verachtung auf
die Dorfgenossen herabsehend, welche voll Mitleid hinter den Hecken
hervor dem bedenklichen Zuge zuschauten. Denn sie nahm sich vor, mit
ihrer Liebenswuerdigkeit und Klugheit die ganze Stadt zu bezaubern,
und was ihr versimpelter Mann nicht machen koenne, das wolle sie schon
ausrichten, wenn sie nur erst einmal als Frau Wirtin in einem
stattlichen Gasthofe saesse. Dieser Gasthof bestand aber in einer
truebseligen Winkelschenke in einem abgelegenen schmalen Gaesschen,
auf der eben ein anderer zugrunde gegangen war und welche die
Seldwyler dem Manz verpachteten, da er noch einige hundert Taler
einzuziehen hatte. Sie verkauften ihm auch ein paar Faesschen
angemachten Weines und das Wirtschaftsmobiliar, das aus einem Dutzend
weissen geringen Flaschen, ebensoviel Glaesern und einigen tannenen
Tischen und Baenken bestand, welche einst blutrot angestrichen gewesen
und jetzt vielfaeltig abgescheuert waren. Vor dem Fenster knarrte ein
eiserner Reifen in einem Haken, und in dem Reifen schenkte eine
blecherne Hand Rotwein aus einem Schoeppchen in ein Glas. Ueberdies
hing ein verdorrter Busch von Stechpalme ueber der Haustuere, was Manz
alles mit in die Pacht bekam. Um deswillen war er nicht so wohlgemut
wie seine Frau, sondern trieb mit schlimmer Ahnung und voll Ingrimm
die magern Pferde an, welche er vom neuen Bauern geliehen. Das letzte
schaebige Knechtchen, das er gehabt, hatte ihn schon seit einigen
Wochen verlassen. Als er solcherweise abfuhr, sah er wohl, wie Marti
voll Hohn und Schadenfreude sich unfern der Strasse zu schaffen
machte, fluchte ihm und hielt denselben fuer den alleinigen Urheber
seines Unglueckes. Sali aber, sobald das Fuhrwerk im Gange war,
beschleunigte seine Schritte, eilte voraus und ging allein auf
Seitenwegen nach der Stadt.
"Da waeren wir!" sagte Manz, als die Fuhre vor dem Spelunkelein
anhielt. Die Frau erschrak darueber, denn das war in der Tat ein
trauriger Gasthof. Die Leute traten eilfertig unter die Fenster und
vor die Haeuser, um sich den neuen Bauernwirt anzusehen, und machten
mit ihrer Seldwyler Ueberlegenheit mitleidig spoettische Gesichter.
Zornig und mit nassen Augen kletterte die Manzin vom Wagen herunter
und lief, ihre Zunge vorlaeufig wetzend, in das Haus, um sich heute
vornehm nicht wieder blicken zu lassen; denn sie schaemte sich des
schlechten Geraetes und der verdorbenen Betten, welche nun abgeladen
wurden. Sali schaemte sich auch, aber er musste helfen und machte mit
seinem Vater einen seltsamen Verlag in dem Gaesschen, auf welchem
alsbald die Kinder der Falliten herumsprangen und sich ueber das
verlumpte Bauernpack lustig machten. Im Hause aber sah es noch
truebseliger aus, und es glich einer vollkommenen Raeuberhoehle. Die
Waende waren schlechtgeweisstes, feuchtes Mauerwerk, ausser der
dunklen, unfreundlichen Gaststube mit ihren ehemals blutroten Tischen
waren nur noch ein paar schlechte Kaemmerchen da, und ueberall hatte
der ausgezogene Vorgaenger den trostlosesten Schmutz und Kehricht
zurueckgelassen.
So war der Anfang, und so ging es auch fort. Waehrend der ersten Woche
kamen, besonders am Abend, wohl hin und wieder ein Tisch voll Leute
aus Neugierde, den Bauernwirt zu sehen, und ob es da vielleicht
einigen Spass absetzte. Am Wirt hatten sie nicht viel zu betrachten,
denn Manz war ungelenk, starr, unfreundlich und melancholisch und
wusste sich gar nicht zu benehmen, wollte es auch nicht wissen. Er
fuellte langsam und ungeschickt die Schoeppchen, stellte sie muerrisch
vor die Gaeste und versuchte etwas zu sagen, brachte aber nichts
heraus. Desto eifriger warf sich nun seine Frau ins Geschirr und hielt
die Leute wirklich einige Tage zusammen, aber in einem ganz anderen
Sinne, als sie meinte. Die ziemlich dicke Frau hatte sich eine eigene
Haustracht zusammengesetzt, in der sie unwiderstehlich zu sein
glaubte. Zu einem leinenen, ungefaerbten Landrock trug sie einen
alten, gruenseidenen Spenzer, eine baumwollene Schuerze und einen
schlimmen, weissen Halskragen. Von ihrem nicht mehr dichten Haar hatte
sie an den Schlaefen possierliche Schnecken gewickelt und in das
Zoepfchen hinten einen hohen Kamm gesteckt. So schwaenzelte und
taenzelte sie mit angestrengter Anmut herum, spitzte laecherlich das
Maul, dass es suess aussehen sollte, huepfte elastisch an die Tische
hin, und das Glas oder den Teller mit gesalzenem Kaese hinsetzend,
sagte sie laechelnd: "So so? so soli! herrlich, herrlich, ihr Herren!"
und solches dummes Zeug mehr; denn obwohl sie sonst eine geschliffene
Zunge hatte, so wusste sie jetzt doch nichts Gescheites vorzubringen,
da sie fremd war und die Leute nicht kannte. Die Seldwyler von der
schlechtesten Sorte, die da hockten, hielten die Hand vor den Mund,
wollten vor Lachen ersticken, stiessen sich unter dem Tisch mit den
Fuessen und sagten: "Potz tausig! Das ist ja eine Herrliche!" "Eine
Himmlische!" sagte ein anderer, "beim ewigen Hagel! Es ist der Muehe
wert, hierherzukommen, so eine haben wir lang nicht gesehen!" Ihr Mann
bemerkte das wohl mit finsterem Blicke; er gab ihr einen Stoss in die
Rippen und fluesterte: "Du alte Kuh! Was machst du denn?" "Stoere mich
nicht," sagte sie unwillig, "du alter Tolpatsch! Siehst du nicht, wie
ich mir Muehe gebe und mit den Leuten umzugehen weiss? Das sind aber
nur Lumpen von deinem Anhang! Lass mich nur machen, ich will bald
vornehmere Kundschaft hier haben!" Dies alles war beleuchtet von einem
oder zwei duennen Talglichten; Sali, der Sohn, aber ging hinaus in die
dunkle Kueche, setzte sich auf den Herd und weinte ueber Vater und
Mutter.
Die Gaeste hatten aber das Schauspiel bald satt, welches ihnen die
gute Frau Manz gewaehrte, und blieben wieder, wo es ihnen wohler war
und sie ueber die wunderliche Wirtschaft lachen konnten; nur dann und
wann erschien ein einzelner, der ein Glas trank und die Waende
angaehnte, oder es kam ausnahmsweise eine ganze Bande, die armen Leute
mit einem voruebergehenden Trubel und Laerm zu taeuschen. Es ward
ihnen angst und bange in dem engen Mauerwinkel, wo sie kaum die Sonne
sahen; und Manz, welcher sonst gewohnt war, tagelang in der Stadt zu
liegen, fand es jetzt unertraeglich zwischen diesen Mauern. Wenn er an
die freie Weite der Felder dachte, so stierte er finster bruetend an
die Decke oder auf den Boden, lief unter die enge Haustuere und wieder
zurueck, da die Nachbarn den boesen Wirt, wie sie ihn schon nannten,
angafften. Nun dauerte es aber nicht mehr lange und sie verarmten
gaenzlich und hatten gar nichts mehr in der Hand; sie mussten, um
etwas zu essen, warten, bis einer kam und fuer wenig Geld etwas von
dem noch vorhandenen Wein verzehrte, und wenn er eine Wurst oder
dergleichen begehrte, so hatten sie oft die groesste Angst und Sorge,
dieselbe beizutreiben. Bald hatten sie auch den Wein nur noch in einer
grossen Flasche verborgen, die sie heimlich in einer andern Kneipe
fuellen liessen, und so sollten sie nun die Wirte machen ohne Wein und
Brot und freundlich sein, ohne ordentlich gegessen zu haben. Sie waren
beinahe froh, wenn nur niemand kam, und hockten so in ihrem Kneipchen,
ohne leben noch sterben zu koennen. Als die Frau diese traurigen
Erfahrungen machte, zog sie den gruenen Spenzer wieder aus und nahm
abermals eine Veraenderung vor, indem sie nun, wie frueher die Fehler,
so nun einige weibliche Tugenden aufkommen liess und mehr ausbildete,
da Not an den Mann ging. Sie uebte Geduld und suchte den Alten
aufrechtzuhalten und den Jungen zum Guten anzuweisen; sie opferte sich
vielfaeltig in allerlei Dingen, kurz sie uebte in ihrer Weise eine Art
von wohltaetigem Einfluss, der zwar nicht weit reichte und nicht viel
besserte, aber immerhin besser war als gar nichts oder als das
Gegenteil und die Zeit wenigstens verbringen half, welche sonst viel
frueher haette brechen muessen fuer diese Leute. Sie wusste manchen
Rat zu geben nunmehr in erbaermlichen Dingen, nach ihrem Verstande,
und wenn der Rat nichts zu taugen schien und fehlschlug, so ertrug sie
willig den Grimm der Maenner, kurzum, sie tat jetzt alles, da sie alt
war, was besser gedient haette, wenn sie es frueher geuebt.
Um wenigstens etwas Beissbares zu erwerben und die Zeit zu verbringen,
verlegten sich Vater und Sohn auf die Fischerei, d. h. mit der
Angelrute, soweit es fuer jeden erlaubt war, sie in den Fluss zu
haengen. Dies war auch eine Hauptbeschaeftigung der Seldwyler, nachdem
sie falliert hatten. Bei guenstigem Wetter, wenn die Fische gern
anbissen, sah man sie dutzendweise hinauswandern mit Rute und Eimer,
und wenn man an den Ufern des Flusses wandelte, hockte alle Spanne
lang einer, der angelte, der eine in einem langen, braunen
Buergerrock, die blossen Fuesse im Wasser, der andere in einem
spitzen, blauen Frack auf einer alten Weide stehend, den alten Filz
schief auf dem Ohre; weiterhin angelte gar einer im zerrissenen,
grossblumigen Schlafrock, da er keinen andern mehr besass, die lange
Pfeife in der einen, die Rute in der andern Hand, und wenn man um eine
Kruemmung des Flusses bog, stand ein alter, kahlkoepfiger Dickbauch
faselnackt auf einem Stein und angelte; dieser hatte, trotz des
Aufenthaltes am Wasser, so schwarze Fuesse, dass man glaubte, er habe
die Stiefel anbehalten. Jeder hatte ein Toepfchen oder ein
Schaechtelchen neben sich, in welchem Regenwuermer wimmelten, nach
denen sie zu andern Stunden zu graben pflegten. Wenn der Himmel mit
Wolken bezogen und es ein schwueles, daemmeriges Wetter war, welches
Regen verkuendete, so standen diese Gestalten am zahlreichsten an dem
ziehenden Strome, regungslos gleich einer Galerie von Heiligen, oder
Prophetenbildern. Achtlos zogen die Landleute mit Vieh und Wagen an
ihnen vorueber, und die Schiffer auf dem Flusse sahen sie nicht an,
waehrend sie leise murrten ueber die stoerenden Schiffe.
Wenn man Manz vor zwoelf Jahren, als er mit einem schoenen Gespann
pfluegte auf dem Huegel ueber dem Ufer, geweissagt haette, er wuerde
sich einst zu diesen wunderlichen Heiligen gesellen und gleich ihnen
Fische fangen, so waere er nicht uebel aufgefahren. Auch eilte er
jetzt hastig an ihnen vorueber hinter ihrem Ruecken und eilte
stromaufwaerts gleich einem eigensinnigen Schatten der Unterwelt, der
sich zu seiner Verdammnis ein bequemes, einsames Plaetzchen sucht an
den dunkeln Waessern. Mit der Angelrute zu stehen hatten er und sein
Sohn indessen keine Geduld, und sie erinnerten sich der Art, wie die
Bauern auf manche andere Weise etwa Fische fangen, wenn sie
uebermuetig sind, besonders mit den Haenden in den Baechen; daher
nahmen sie die Ruten nur zum Schein mit und gingen an den Borden der
Baeche hinauf, wo sie wussten, dass es teure und gute Forellen gab.
Dem auf dem Lande zurueckgebliebenen Marti ging es inzwischen auch
immer schlimmer, und es war ihm hoechst langweilig dabei, so dass er,
anstatt auf seinem vernachlaessigten Felde zu arbeiten, ebenfalls auf
das Fischen verfiel und tagelang im Wasser herumplaetscherte. Vrenchen
durfte nicht von seiner Seite und musste ihm Eimer und Geraete
nachtragen durch nasse Wiesengruende, durch Baeche und Wassertuempel
aller Art, bei Regen und Sonnenschein, indessen sie das Notwendigste
zu Hause liegenlassen musste. Denn es war sonst keine Seele mehr da
und wurde auch keine gebraucht, da Marti das meiste Land schon
verloren hatte und nur noch wenige Aecker besass, die er mit seiner
Tochter liederlich genug oder gar nicht bebaute.
So kam es, dass, als er eines Abends einen ziemlich tiefen und
reissenden Bach entlang ging, in welchem die Forellen fleissig
sprangen, da der Himmel voll Gewitterwolken hing, er unverhofft auf
seinen Feind Manz traf, der an dem andern Ufer daherkam. Sobald er ihn
sah, stieg ein schrecklicher Groll und Hohn in ihm auf; sie waren sich
seit Jahren nicht so nahe gewesen, ausgenommen vor den
Gerichtsschranken, wo sie nicht schelten durften, und Marti rief jetzt
voll Grimm: "Was tust du hier, du Hund? Kannst du nicht in deinem
Lotterneste bleiben, du Seldwyler Lumpenhund?"
"Wirst naechstens wohl auch ankommen, du Schelm!" rief Manz. "Fische
faengst du ja auch schon und wirst deshalb nicht viel mehr zu
versaeumen haben!"
"Schweig, du Galgenhund!" schrie Marti, da hier die Wellen des Baches
staerker rauschten, "du hast mich ins Unglueck gebracht!" Und da jetzt
auch die Weiden am Bache gewaltig zu rauschen anfingen im aufgehenden
Wetterwind, so musste Manz noch lauter schreien: "Wenn dem nur so
waere, so wollte ich mich freuen, du elender Tropf!" "O du Hund!"
schrie Marti herueber und Manz hinueber: "O du Kalb, wie dumm tust
du!" Und jener sprang wie ein Tiger den Bach entlang und suchte
herueberzukommen. Der Grund, warum er der Wuetendere war, lag in
seiner Meinung, dass Manz als Wirt wenigstens genug zu essen und zu
trinken haette und gewissermassen ein kurzweiliges Leben fuehre,
waehrend es ungerechterweise ihm so langweilig waere auf seinem
zertruemmerten Hofe. Manz schritt indessen auch grimmig genug an der
andern Seite hin, hinter ihm sein Sohn, welcher, statt auf den boesen
Streit zu hoeren, neugierig und verwundert nach Vrenchen hinuebersah,
welche hinter ihrem Vater ging, vor Scham in die Erde sehend, dass ihr
die braunen, krausen Haare ins Gesicht fielen. Sie trug einen
hoelzernen Fischeimer in der einen Hand, in der andern hatte sie Schuh
und Struempfe getragen und ihr Kleid der Naesse wegen aufgeschuerzt.
Seit aber Sali auf der andern Seite ging, hatte sie es schamhaft
sinken lassen und war nun dreifach belaestigt und gequaelt, da sie all
das Zeug tragen, den Rock zusammenhalten und des Streites wegen sich
graemen musste. Haette sie aufgesehen und nach Sali geblickt, so
wuerde sie entdeckt haben, dass er weder vornehm noch sehr stolz mehr
aussah und selbst bekuemmert genug war. Waehrend Vrenchen so ganz
beschaemt und verwirrt auf die Erde sah und Sali nur diese in allem
Elende schlanke und anmutige Gestalt im Auge hatte, die so verlegen
und demuetig dahinschritt, beachteten sie dabei nicht, wie ihre Vaeter
stillgeworden, aber mit verstaerkter Wut einem hoelzernen Stege
zueilten, der in kleiner Entfernung ueber den Bach fuehrte und eben
sichtbar wurde. Es fing an zu blitzen und erleuchtete seltsam die
dunkle, melancholische Wassergegend; es donnerte auch in den
grauschwarzen Wolken mit dumpfem Grolle, und schwere Regentropfen
fielen, als die verwilderten Maenner gleichzeitig auf die schmale,
unter ihren Tritten schwankende Bruecke stuerzten, sich gegenseitig
packten und die Faeuste in die vor Zorn und ausbrechendem Kummer
bleichen, zitternden Gesichter schlugen. Es ist nichts Anmutiges und
nichts weniger als artig, wenn sonst gesetzte Menschen noch in den
Fall kommen, aus Uebermut, Unbedacht oder Notwehr unter allerhand
Volk, das sie nicht naeher beruehrt, Schlaege auszuteilen oder welche
zu bekommen; allein dies ist eine harmlose Spielerei gegen das tiefe
Elend, das zwei alte Menschen ueberwaeltigt, die sich wohl kennen und
seit lange kennen, wenn diese aus innerster Feindschaft und aus dem
Gange einer ganzen Lebensgeschichte heraus sich mit nackten Haenden
anfassen und mit Faeusten schlagen. So taten jetzt diese beiden
ergrauten Maenner; vor fuenfzig Jahren vielleicht hatten sie sich als
Buben zum letztenmal gerauft, dann aber fuenfzig lange Jahre mit
keiner Hand mehr beruehrt, ausgenommen in ihrer guten Zeit, wo sie
sich etwa zum Grusse die Haende geschuettelt, und auch dies nur selten
bei ihrem trockenen und sicheren Wesen. Nachdem sie ein= oder zweimal
geschlagen, hielten sie inne und rangen still zitternd miteinander,
nur zuweilen aufstoehnend und elendiglich knirschend, und einer suchte
den andern ueber das knackende Gelaender ins Wasser zu werfen. Jetzt
waren aber auch ihre Kinder nachgekommen und sahen den erbaermlichen
Auftritt. Sali sprang eines Satzes heran, um seinem Vater beizustehen
und ihm zu helfen, dem gehassten Feinde den Garaus zu machen, der
ohnehin der schwaechere schien und eben zu unterliegen drohte: Aber
auch Vrenchen sprang, alles wegwerfend, mit einem langen Aufschrei
herzu und umklammerte ihren Vater, um ihn zu schuetzen, waehrend sie
ihn dadurch nur hinderte und beschwerte. Traenen stroemten aus ihren
Augen, und sie sah flehend den Sali an, der im Begriff war, ihren
Vater ebenfalls zu fassen und vollends zu ueberwaeltigen.
Unwillkuerlich legte er aber seine Hand an seinen eigenen Vater und
suchte denselben mit festem Arm von dem Gegner loszubringen und zu
beruhigen, so dass der Kampf eine kleine Weile ruhte oder vielmehr die
ganze Gruppe unruhig hin und her draengte, ohne auseinander zu kommen.
Darueber waren die jungen Leute, sich mehr zwischen die Alten
schiebend, in dichte Beruehrung gekommen, und in diesem Augenblicke
erhellte ein Wolkenriss, der den grellen Abendschein durchliess, das
nahe Gesicht des Maedchens, und Sali sah in dies ihm so wohlbekannte
und doch so viel anders und schoener gewordene Gesicht. Vrenchen sah
in diesem Augenblicke auch sein Erstaunen, und es laechelte ganz kurz
und geschwind mitten in seinem Schrecken und seinen Traenen ihn an.
Doch ermannte sich Sali, geweckt durch die Anstrengungen seines
Vaters, ihn abzuschuetteln, und brachte ihn mit eindringlich bittenden
Worten und fester Haltung endlich ganz von seinem Feinde weg. Beide
alten Gesellen atmeten hoch auf und begannen jetzt wieder zu schelten
und zu schreien, sich voneinander abwendend; ihre Kinder aber atmeten
kaum und waren still wie der Tod, gaben sich aber im Wegwenden und
Trennen, ungesehen von den Alten, schnell die Haende, welche vom
Wasser und von den Fischen feucht und kuehl waren.
Als die grollenden Parteien ihrer Wege gingen, hatten die Wolken sich
wieder geschlossen, es dunkelte mehr und mehr und der Regen goss nun
in Baechen durch die Luft. Manz schlenderte voraus auf den dunklen,
nassen Wegen, er duckte sich, beide Haende in den Taschen, unter den
Regenguessen, zitterte noch in seinen Gesichtszuegen und mit den
Zaehnen, und ungesehene Traenen rieselten ihm in den Stoppelbart, die
er fliessen liess, um sie durch das Wegwischen nicht zu verraten. Sein
Sohn hatte aber nichts gesehen, weil er in glueckseligen Bildern
verloren daherging. Er merkte weder Regen noch Sturm, weder
Dunkelheit, noch Elend; sondern leicht, hell und warm war es ihm innen
und aussen, und er fuehlte sich so reich und wohlgeborgen wie ein
Koenigssohn. Er sah fortwaehrend das sekundenlange Laecheln des nahen
schoenen Gesichtes und erwiderte dasselbe erst jetzt, eine gute halbe
Stunde nachher, indem er voll Liebe in Nacht und Wetter hinein und das
liebe Gesicht anlachte, das ihm allerwegen aus dem Dunkel
entgegentrat, so dass er glaubte, Vrenchen muesse auf seinen Wegen
dies Lachen notwendig sehen und seiner innewerden.
Sein Vater war des andern Tags wie zerschlagen und wollte nicht aus
dem Hause. Der ganze Handel und das vieljaehrige Elend nahm heute eine
neue, deutlichere Gestalt an und breitete sich dunkel aus in der
drueckenden Luft der Spelunke, also dass Mann und Frau matt und scheu
um das Gespenst herumschlichen, aus der Stube in die dunklen
Kaemmerchen, von da in die Kueche und aus dieser wieder sich in die
Stube schleppten, in welcher kein Gast sich sehen liess. Zuletzt
hockte jedes in einem Winkel und begann den Tag ueber ein muedes,
halbtotes Zanken und Vorhalten mit dem andern, wobei sie zeitweise
einschliefen, von unruhigen Tagtraeumen geplagt, welche aus dem
Gewissen kamen und sie wieder weckten. Nur Sali sah und hoerte nichts
davon, denn er dachte nur an Vrenchen. Es war ihm immer noch zumut,
nicht nur als ob er unsaeglich reich waere, sondern auch was Rechtes
gelernt haette und unendlich viel Schoenes und Gutes wuesste, da er
nun so deutlich und bestimmt um das wusste, was er gestern gesehen.
Diese Wissenschaft war ihm wie vom Himmel gefallen, und er war in
einer unaufhoerlichen gluecklichen Verwunderung darueber; und doch war
es ihm, als ob er es eigentlich von jeher gewusst und gekannt haette,
was ihn jetzt mit so wundersamer Suessigkeit erfuellte. Denn nichts
gleicht dem Reichtum und der Unergruendlichkeit eines Glueckes, das an
den Menschen herantritt in einer so klaren und deutlichen Gestalt, vom
Pfaefflein getauft und wohlversehen mit einem eigenen Namen, der nicht
toent wie andere Namen.
Sali fuehlte sich an diesem Tage weder muessig noch ungluecklich,
weder arm noch hoffnungslos; vielmehr war er vollauf beschaeftigt,
sich Vrenchens Gesicht und Gestalt vorzustellen, unaufhoerlich, eine
Stunde wie die andere; ueber dieser aufgeregten Taetigkeit aber
verschwand ihm der Gegenstand derselben fast vollstaendig, das heisst,
er bildete sich endlich ein, nun doch nicht zu wissen, wie Vrenchen
recht genau aussehe, er habe wohl ein allgemeines Bild von ihr im
Gedaechtnis, aber wenn er sie beschreiben sollte, so koennte er das
nicht. Er sah fortwaehrend dies Bild, als ob es vor ihm staende, und
fuehlte seinen angenehmen Eindruck, und doch sah er es nur, wie etwas,
das man eben nur einmal gesehen, in dessen Gewalt man liegt und das
man doch noch nicht kennt. Er erinnerte sich genau der Gesichtszuege,
welche das kleine Dirnchen einst gehabt, mit grossem Wohlgefallen,
aber nicht eigentlich derjenigen, welche er gestern gesehen. Haette er
Vrenchen nie wieder zu sehen bekommen, so haetten sich seine
Erinnerungskraefte schon behelfen muessen und das liebe Gesicht
saeuberlich wieder zusammengetragen, dass nicht ein Zug daran fehlte.
Jetzt aber versagten sie schlau und hartnaeckig ihren Dienst, weil die
Augen nach ihrem Recht und ihrer Lust verlangten, und als am
Nachmittage die Sonne warm und hell die oberen Stockwerke der
schwarzen Haeuser beschien, strich Sali aus dem Tore und seiner alten
Heimat zu, welche ihm jetzt erst ein himmlisches Jerusalem zu sein
schien mit zwoelf glaenzenden Pforten, und die sein Herz klopfen
machte, als er sich ihr naeherte.
Er stiess auf dem Wege auf Vrenchens Vater, welcher nach der Stadt zu
gehen schien. Der sah sehr wild und liederlich aus, sein
graugewordener Bart war seit Wochen nicht geschoren, und er sah aus
wie ein recht boeser, verlorener Bauersmann, der sein Feld verscherzt
hat und nun geht, um andern Uebles zuzufuegen. Dennoch sah ihn Sali,
als sie sich voruebergingen, nicht mehr mit Hass, sondern voll Furcht
und Scheu an, als ob sein Leben in dessen Hand staende und er es
lieber von ihm erflehen als ertrotzen moechte. Marti aber mass ihn mit
einem boesen Blicke von oben bis unten und ging seines Weges. Das war
indessen dem Sali recht, welchem es nun, da er den Alten das Dorf
verlassen sah, deutlicher wurde, was er eigentlich da wolle, und er
schlich sich auf altbekannten Pfaden so lange um das Dorf herum und
durch dessen verdeckte Gaesschen, bis er sich Martis Haus und Hof
gegenueber befand. Seit mehreren Jahren hatte er diese Staette nicht
mehr so nah gesehen; denn auch als sie noch hier wohnten, hueteten
sich die verfeindeten Leute gegenseitig, sich ins Gehege zu kommen.
Deshalb war er nun erstaunt ueber das, was er doch an seinem eigenen
Vaterhause erlebt, und starrte voll Verwunderung in die Wuestenei, die
er vor sich sah. Dem Marti war ein Stueck Ackerland um das andere
abgepfaendet worden, er besass nichts mehr als das Haus und den Platz
davor nebst etwas Garten und dem Acker auf der Hoehe am Flusse, von
welchem er hartnaeckig am laengsten nicht lassen wollte.
Es war aber keine Rede mehr von einer ordentlichen Bebauung, und auf
dem Acker, der einst so schoen im gleichmaessigen Korne gewogt, wenn
die Ernte kam, waren jetzt allerhand abfaellige Samenreste gesaet und
aufgegangen, aus alten Schachteln und zerrissenen Tueten
zusammengekehrt, Rueben, Kraut und dergleichen und etwas Kartoffeln,
so dass der Acker aussah wie ein recht uebel gepflegter Gemueseplatz,
und eine wunderliche Musterkarte war, dazu angelegt, um von der Hand
in den Mund zu leben, hier eine Handvoll Rueben auszureissen, wenn man
Hunger hatte und nichts Besseres wusste, dort eine Tracht Kartoffeln
oder Kraut, und das uebrige fortwuchern oder verfaulen zu lassen, wie
es mochte. Auch lief jedermann darin herum, wie es ihm gefiel, und das
schoene breite Stueck Feld sah beinahe so aus, wie einst der
herrenlose Acker, von dem alles Unheil herkam. Deshalb war um das Haus
nicht eine Spur von Ackerwirtschaft zu sehen. Der Stall war leer, die
Tuere hing nur in einer Angel, und unzaehlige Kreuzspinnen, den Sommer
hindurch halbgross geworden, liessen ihre Faeden in der Sonne glaenzen
vor dem dunklen Eingang. An dem offenstehenden Scheunentor, wo einst
die Fruechte des festen Landes eingefahren, hing schlechtes
Fischergeraete, zum Zeugnis der verkehrten Wasserpfuscherei; auf dem
Hofe war nicht ein Huhn und nicht eine Taube, weder Katze noch Hund zu
sehen; nur der Brunnen war noch als etwas Lebendiges da, aber er floss
nicht mehr durch die Roehre, sondern sprang durch einen Riss nahe am
Boden ueber diesen hin und setzte ueberall kleine Tuempel an, so dass
er das beste Sinnbild der Faulheit abgab. Denn waehrend mit wenig
Muehe des Vaters das Loch zu verstopfen und die Roehre herzustellen
gewesen waere, musste sich Vrenchen nun abquaelen, selbst das lautere
Wasser dieser Verkommenheit abzugewinnen und seine Waescherei in den
seichten Sammlungen am Boden vorzunehmen, statt in dem vertrockneten
und zerspellten Troge. Das Haus selbst war ebenso klaeglich anzusehen;
die Fenster waren vielfaeltig zerbrochen und mit Papier verklebt, aber
doch waren sie das Freundlichste an dem Verfall; denn sie waren,
selbst die zerbrochenen Scheiben, klar und sauber gewaschen, ja
foermlich poliert und glaenzten so hell, wie Vrenchens Augen, welche
ihm in seiner Armut ja auch allen uebrigen Staat ersetzen mussten. Und
wie die krausen Haare und die rotgelben Kattunhalstuecher zu Vrenchens
Augen, stand zu diesen blinkenden Fenstern das wilde gruene Gewaechs,
was da durcheinander rankte um das Haus, flatternde Bohnenwaeldchen
und eine ganze duftende Wildnis von rotgelbem Goldlack. Die Bohnen
hielten sich, sogut sie konnten, hier an einem Harkenstiel, oben an
einem verkehrt in die Erde gesteckten Stumpfbesen, dort an einer von
Rost zerfressenen Helbarte oder Sponton, wie man es nannte, als
Vrenchens Grossvater das Ding als Wachtmeister getragen, welches es
jetzt aus Not in die Bohnen gepflanzt hatte; dort kletterten sie
wieder lustig eine verwitterte Leiter empor, die am Hause lehnte seit
undenklichen Zeiten, und hingen von da an in die klaren Fensterchen
hinunter wie Vrenchens Kraeuselhaare in seine Augen. Dieser mehr
malerische als wirtliche Hof lag etwas beiseit und hatte keine
naeheren Nachbarhaeuser, auch liess sich in diesem Augenblicke
nirgends eine lebendige Seele wahrnehmen; Sali lehnte daher in aller
Sicherheit an einem alten Scheunchen, etwa dreissig Schritte entfernt,
und schaute unverwandt nach dem stillen, wuesten Hause hinueber. Eine
geraume Zeit lehnte und schaute er so, als Vrenchen unter die Haustuer
kam und lange vor sich hinblickte, wie mit allen ihren Gedanken an
einem Gegenstande haengend. Sali ruehrte sich nicht und wandte kein
Auge von ihr. Als sie endlich zufaellig in dieser Richtung hinsah,
fiel er ihr in die Augen. Sie sahen sich eine Weile an, herueber und
hinueber, als ob sie eine Lufterscheinung betrachteten, bis sich Sali
endlich aufrichtete und langsam ueber die Strasse und ueber den Hof
ging auf Vrenchen los. Als er dem Maedchen nahe war, streckte es seine
Haende gegen ihn aus und sagte: "Sali!" Er ergriff die Haende und sah
ihr immerfort ins Gesicht. Traenen stuerzten aus ihren Augen, waehrend
sie unter seinen Blicken vollends dunkelrot wurde, und sie sagte: "Was
willst du hier?" "Nur dich sehen!" erwiderte er, "wollen wir nicht
wieder gute Freunde sein?" "Und unsere Eltern?" fragte Vrenchen, sein
weinendes Gesicht zur Seite neigend, da es die Haende nicht frei
hatte, um es zu bedecken. "Sind wir schuld an dem, was sie getan und
geworden sind?" sagte Sali, "vielleicht koennen wir das Elend nur
gutmachen, wenn wir zwei zusammenhalten und uns recht lieb sind!" "Es
wird nie gut kommen," antwortete Vrenchen mit einem tiefen Seufzer,
"geh in Gottes Namen deiner Wege, Sali!" "Bist du allein?" fragte
dieser, "kann ich einen Augenblick hineinkommen?" "Der Vater ist zur
Stadt, wie er sagte, um deinem Vater irgend etwas anzuhaengen; aber
hereinkommen kannst du nicht, weil du spaeter vielleicht nicht so
ungesehen weggehen kannst wie jetzt. Noch ist alles still und niemand
um den Weg, ich bitte dich, geh jetzt!" "Nein, so geh' ich nicht! Ich
musste seit gestern immer an dich denken, und ich geh' nicht so fort,
wir muessen miteinander reden, wenigstens eine halbe Stunde lang oder
eine Stunde, das wird uns gut tun!" Vrenchen besann sich ein Weilchen
und sagte dann: "Ich geh' gegen Abend auf unsern Acker hinaus, du
weisst welchen, wir haben nur noch den, und hole etwas Gemuese. Ich
weiss, dass niemand weiter dort sein wird, weil die Leute anderswo
schneiden; wenn du willst, so komm dorthin, aber jetzt geh und nimm
dich in acht, dass dich niemand sieht! Wenn auch kein Mensch hier mehr
mit uns umgeht, so wuerden sie doch ein solches Gerede machen, dass es
der Vater sogleich vernaehme." Sie liessen sich jetzt die Haende frei,
ergriffen sie aber auf der Stelle wieder, und beide sagten
gleichzeitig: "Und wie geht es dir auch?" Aber statt sich zu
antworten, fragten sie das gleiche aufs neue, und die Antwort lag nur
in den beredten Augen, da sie nach Art der Verliebten die Worte nicht
mehr zu lenken wussten und ohne sich weiter etwas zu sagen, endlich
halb selig und halb traurig auseinanderhuschten. "Ich komme recht bald
hinaus, geh nur gleich hin!" rief Vrenchen noch nach.
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