Die Leute von Seldwyla, Vol. 1
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Gottfried Keller >> Die Leute von Seldwyla, Vol. 1
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"Allein diese wunderlichen Vorfaelle beschaeftigten meine Gedanken und
erweckten allmaehlich in mir den Wunsch nach dem Genusse solcher
unbedingten Treue, und da ich fuer diese Laune kein Weib zu meiner
Verfuegung hatte, verfiel ich einer ganz weichlichen Sehnsucht, selber
so treu zu sein, und damit zugleich einer heissen Sehnsucht nach
Lydia. Da ich nun Rang und gute Aussichten besass, schien es mir nicht
unmoeglich, bei einem klugen Benehmen die schoene Person, falls sie
noch zu haben waere, dennoch erlangen zu koennen, und in dieser tollen
Idee bestaerkte mich noch der Umstand, dass sie sich doch so viel
aufrichtige und sorgenvolle Muehe gegeben, mir den Kopf zu verdrehen.
Irgendeinen Wert musst du doch, dachte ich, in ihren Augen gehabt
haben, sonst haette sie gewiss nicht so viel darangesetzt. Also
gedacht, getan; naemlich ich geriet jetzt auf die fixe Idee, die
Lydia, wenn sie mich moechte, zu heiraten, wie sie eben waere, und ihr
um ihrer schoenen Persoenlichkeit willen, fuer die es nichts
Aehnliches gab, treu und ergeben zu sein ohne Schranken noch Ziel,
auch ihre Verkehrtheit und schlimmen Eigenschaften als Tugenden zu
betrachten und dieselben zu ertragen, als ob sie das suesseste
Zuckerbrot waeren. Ja, ich phantasierte mich wieder so hinein, dass
mir ihre Fehler, selbst ihre teilweise Dummheit zum wuenschbarsten
aller irdischen Gueter wurden, und in tausend erfundenen Variationen
wandte ich dieselben hin und her und malte mir ein Leben aus, wo ein
kluger und geschickter Mann die Verkehrtheiten und Maengel einer
liebenswuerdigen Frau taeglich und stuendlich in ebensoviel artige und
erfreuliche Abenteuer zu verwandeln und ihren Dummheiten mittels einer
von Liebe und Treue getragenen Einbildungskraft einen goldenen Wert zu
verleihen wisse, so dass sie lachend auf dieselben sich noch etwas
zugut tun koenne. Gott weiss, wo ich diese geschaeftige
Einbildungskraft hernahm, wahrscheinlich immer noch aus dem
ungluecklichen Shakespeare, den mir die Hexe gegeben und womit sie
mich doppelt vergiftet hatte. Es nimmt mich nur wunder, ob sie auch
selbst je mit Andacht darin gelesen hat!
"Kurz, als ich hinlaenglich wieder berauscht war von meinen Traeumen
und von meinem entlegenen Posten zugleich abgeloest wurde, nahm ich
Urlaub und begab mich Hals ueber Kopf zu dem Gouverneur. Er lebte noch
in den alten Verhaeltnissen und empfing mich ganz gut und auch die
Tochter war noch bei ihm und empfing mich freundlicher, als ich
erwartet. Kaum hatte ich sie wieder gesehen und einige Worte sprechen
gehoert, so war ich wieder ganz in sie vernarrt und in meiner fixen
Idee vollends bestaerkt, und es schien mir unmoeglich, ohne die
Verwirklichung derselben je frohzuwerden.
"Allein sie betrieb nun das Geschaeft in krankhafter Ueberreizung ganz
offen und grossartig und froente ihrer ungluecklichen Selbstsucht ohne
allen Rueckhalt. Sie war jetzt umgeben von einer Schar ziemlich roher
und eitler Offiziere, die ihr auf ganz ordinaere Weise den Hof machten
und sagten, was sie gern hoeren mochte, kam es auch heraus, wie es
wollte. Es war eine vollstaendige Hetzjagd von Trivialitaeten und
hohlem Wesen, und die derbsten Zudringlichkeiten wurden am liebsten
angenommen, wenn sie nur aus gaenzlicher Ergebenheit herzuruehren
schienen und die Unglueckliche in ihrem Glauben an sich selbst
aufrecht erhielten. Ausserdem hatte sie zur Zeit einem armen Tambour
mit einem einzigen Blick den Kopf verdreht, der nun ganz aufgeblasen
umherging und sich ihr ueberall in den Weg stellte; und einen
Schuster, der fuer sie arbeitete, hatte sie dermassen betoert, dass er
jedesmal, wenn er ihr Schuhe brachte, auf dem Hausflur ein Buerstchen
mit einem Spiegelchen hervorzog und sich sorgfaeltig den Kopf putzte,
wie eine Katze, da er zuverlaessig erwartete, es wuerde diesmal etwas
vorgehen. Wenn man ihn kommen sah, so begab sich die ganze
Gesellschaft auf eine verdeckte Galerie, um dem armen Teufel in seinem
feierlichen Werke zuzusehen. Das Sonderbarste war, dass niemand an
diesem Wesen ein Aergernis nahm, man also nichts Besseres von Lydia zu
erwarten schien und ihre Auffuehrung ihrer wuerdig hielt und also ich
der einzige war, der so grosse Meinungen von ihr im Herzen trug, so
dass alle diese Hausnarren, die ich verachtete, die sie aber nahmen,
wie sie war, klueger zu sein schienen, als ich in meiner tiefsinnigen
Leidenschaft. Aber nein! rief ich, sie ist doch so, wie ich sie denke,
und eben weil das alles Strohkoepfe sind, sind sie so frech gegen sie
und wissen nicht, was an ihr ist oder sein koennte! Und ich zitterte
danach, ihr noch einmal den Spiegel vorzuhalten, aus dem ihr besseres
Bild zurueckstrahlte und alles Wertlose um sie her wegblendete. Allein
der aeussere Anstand und die Haltung, welche ich auch bei aller
Anstrengung nicht aufgeben konnte, machten es mir unmoeglich, mich
unter diese Affenschwaenze zu mischen und nur den kleinsten Schritt
gegen Lydia zu tun. Ich ward abermals konfus, ungeduldig, nahm
ploetzlich meinen Abschied aus der indischen Armee und machte mich
davon, um heimzukehren und die Unselige zu vergessen.
"So gelangte ich nach Paris und hielt mich daselbst einige Wochen auf.
Da ich eine grosse Menge schoener und kluger Weiber sah, dachte ich,
es waere das beste Mittel, meine unglueckliche Geschichte loszuwerden,
in recht viele huebsche Frauengesichter zu blicken, und ging daher von
Theater zu Theater, und an alle Orte, wo dergleichen beisammen waren;
liess mich auch in verschiedene gute Haeuser und Gesellschaften
einfuehren. Ich sah in der Tat viele tuechtige Gestalten von edlem
Schwung und Zuschnitt und in deren Augen nicht unebene Gedanken lagen;
aber alles was ich sah, fuehrte mich nur auf Lydia zurueck und diente
zu deren Gunsten. Sie war nicht zu vergessen und ich war und blieb
aufs neue elend verliebt in sie. Ich hatte das allerunheimlichste,
sonderbarste Gefuehl, wenn ich an sie dachte. Es war mir zumute, als
ob notwendigerweise ein weibliches Wesen in der Welt sein muesste,
welches genau das Aeussere und die Manieren dieser Lydia, kuerz deren
bessere Haelfte besaesse, dazu aber auch die entsprechende andere
Haelfte, und dass ich nur dann wuerde zur Ruhe kommen, wenn ich diese
ganze Lydia faende; oder es war mir, als ob ich verpflichtet waere,
die rechte Seele zu diesem schoenen halben Gespenste zu suchen; mit
einem Worte, ich wurde abermals krank vor Sehnsucht nach ihr, und da
es doch nicht anging, zurueckzukehren, suchte ich neue Sonnenglut,
Gefahr und Taetigkeit und nahm Dienste in der franzoesisch-
afrikanischen Armee. Ich begab mich sogleich nach Algier und befand
mich bald am aeussersten Saume der afrikanischen Provinz, wo ich im
Sonnenbrand und auf dem gluehenden Sande mich herumtummelte und mit
den Kabylen herumschlug."
Da in diesem Augenblick das schlafende Estherchen, das immer einen
Unfug machen musste, traeumte, es falle eine Treppe hinunter, und
demgemaess auf seinem Stuhle ein ploetzliches Geraeusch erregte,
blickte der erzaehlende Pankrazius endlich auf und bemerkte, dass
seine Zuhoererinnen schliefen. Zugleich entdeckte er erst jetzt, dass
er denselben eigentlich nichts als eine Liebesgeschichte erzaehlt,
schaemte sich dessen und wuenschte, dass sie gar nichts davon gehoert
haben moechten. Er weckte die Frauen auf und hiess sie ins Bett gehen,
und er selbst suchte ebenfalls das Lager auf, wo er mit einem langen,
aber gemuetlichen Seufzer einschlief. Er lag wohl so lange im Bette,
wie einst, als er der faule und unnuetze Pankraezlein gewesen, so dass
ihn die Mutter wie ehedem wecken musste. Als sie nun zusammen beim
Fruehstueck sassen und Kaffee tranken, sagte er, mit seinem Bericht
fortfahrend: "Wenn ihr nicht geschlafen haettet, so wuerdet ihr
gehoert haben, wie ich in Ostindien im Begriffe war, aus einem
Murrkopf ein aeusserst zutunlicher und wohlwollender Mensch zu werden
um eines schoenen Frauenzimmers willen, wie aber eben meine
Schmollerei mir einen argen Streich gespielt hat, da sie mich
verhinderte, besagtes Frauenzimmer naeher zu kennen und mich
blindlings in selbe verlieben liess; wie ich dann betrogen wurde und
als ein neugestaehlter Schmoller aus Indien nach Afrika ging zu den
Franzosen, um dort den Burnustraegern die laecherlichen turmartigen
Strohhuete herunterzuschlagen und ihnen die Koepfe zu zerblaeuen, was
ich mit so grimmigem Eifer tat, dass ich auch bei den Franzosen
avancierte und Oberst ward, was ich geblieben bin bis jetzt. Ich war
wieder so einsilbig und truebselig als je und kannte nur zwei Arten,
mich zu vergnuegen: die Erfuellung meiner Pflicht als Soldat und die
Loewenjagd. Letztere betrieb ich ganz allein, indem ich mit nichts als
mit einer guten Buechse bewaffnet zu Fuss ausging und das Tier
aufsuchte, worauf es dann darauf ankam, dasselbe sicher zu treffen,
oder zugrunde zu gehen. Die stete Wiederholung dieser einen grossen
Gefahr und das moegliche Eintreffen eines endlichen Fehlschusses sagte
meinem Wesen zu und nie war ich behaglicher, als wenn ich so
seelenallein auf den heissen Hoehen herumstreifte und einem starken
wilden Burschen auf der Spur war, der mich gar wohl bemerkte und ein
aehnliches schmollendes Spiel trieb mit mir, wie ich mit ihm. So war
vor jetzt ungefaehr vier Monaten ein ungewoehnlich grosser Loewe in
der Gegend erschienen, dieser, dessen Fell hier liegt, und lichtete
den Beduinen ihre Herden, ohne dass man ihm beikommen konnte; denn er
schien ein durchtriebener Geselle zu sein und machte taeglich grosse
Maersche kreuz und quer, so dass ich bei meiner Weise zu Fuss zu jagen
lange Zeit brauchte, bis ich ihn nur von ferne zu Gesicht bekam. Als
ich ihn zwei- oder dreimal gesehen, ohne zum Schuss zu kommen, kannte
er mich schon und merkte, dass ich gegen ihn etwas im Schilde fuehre.
Er fing gewaltig an zu bruellen und verzog sich, um mir an einer
andern Stelle wieder zu begegnen, und wir gingen so umeinander herum
waehrend mehreren Tagen wie zwei Kater, die sich zausen wollen, ich
lautlos, wie das Grab, und er mit einem zeitweiligen wilden Geknurre.
"Eines Tages war ich vor Sonnenaufgang aufgebrochen und nach einer noch
nie eingeschlagenen Richtung hingegangen, weil der Loewe tags vorher
sich auf der entgegengesetzten Seite herumgetrieben und einen
vergeblichen Raubversuch gemacht; da die dortigen Leute mit ihren
Tieren abgezogen waren, so vermutete ich, der hungrige Herr werde
vergangene Nacht wohl diesen Weg eingeschlagen haben, wie es sich denn
auch erwies. Als die Sonne aufging, schlenderte ich gemaechlich ueber
ein huegeliges gold-gelbes Gefilde, dessen Unebenheiten lange
himmelblaue Schatten ueber den goldenen Boden hinstreckten. Der Himmel
war so dunkelblau wie Lydias Augen, woran ich unversehens dadurch
erinnert wurde; in weiter Ferne zogen sich blaue Berge hin, an welchen
das arabische Staedtchen lag, das ich bewohnte, und am andern Rande
der Aussicht einige Waelder und gruene Fluren, auf denen man den Rauch
und selbst die Zelte der Beduinen wie schwarze Punkte sehen konnte. Es
war totenstill ueberall und kein lebendes Wesen zu erspaehen. Da
stiess ich an den Rand einer Schlucht, welche sich durch die ganze
steinige Gegend hinzog und nicht zu sehen war, bis man dicht an ihr
stand. Es floss ein kuehler, frischer Bach auf ihrem Grunde, und wo
ich eben stand, war die Vertiefung ganz mit gluehendem
Oleandergebuesch angefuellt. Nichts war schoener zu sehen, als das
frische Gruen dieser Straeucher und ihre tausendfaeltigen rosenroten
Blueten und zu unterst das fliessende klare Waesserlein. Der Anblick
liess eine verjaehrte Sehnsucht in mir aufsteigen und ich vergass,
warum ich hier herumstrich. Ich wuenschte, in den Oleander
hinabzugehen und aus dem Bach zu trinken, und in diesen zerstreuten
Gedanken legte ich mein Gewehr auf den Boden und kletterte eiligst in
die Schlucht hinunter, wo ich mich zur Erde warf, aus dem Bache trank,
mein Gesicht benetzte und dabei an die schoene Lydia dachte. Ich
gruebelte, wo sie wohl sein moechte, wo sie jetzt herumwandle und wie
es ihr ueberhaupt gehen moechte? Da hoerte ich ganz nah den Loewen ein
kurzes Gebruell ausstossen, dass der Boden zitterte. Wie besessen
sprang ich auf und schwang mich den Abhang hinauf, blieb aber wie
angenagelt oben stehen, als ich sah, dass das grosse Tier, kaum zehn
Schritte von mir, eben bei meinem Gewehr angekommen war. Und wie ich
dastand, so blieb ich auch stehen, die Augen auf die Bestie geheftet.
Denn als er mich erblickte, kauerte er zum Sprunge nieder, gerade
ueber meiner Doppelbuechse, dass sie quer unter seinem Bauche lag, und
wenn ich mich nur geruehrt haette, so wuerde er gesprungen sein und
mich unfehlbar zerrissen haben. Aber ich stand und stand so einige
lange Stunden, ohne ein Auge von ihm zu verwenden und ohne dass er
eines von mir verwandte. Er legte sich gemaechlich nieder und
betrachtete mich. Die Sonne stieg hoeher; aber waehrend die
furchtbarste Hitze mich zu quaelen anfing, verging die Zeit so
langsam, wie die Ewigkeit der Hoelle. Weiss Gott was mir alles durch
den Kopf ging: ich verwuenschte die Lydia, deren blosses Andenken mich
abermals in dieses Unheil gebracht, da ich darueber meine Waffe
vergessen hatte. Hundertmal war ich versucht, allem ein Ende zu machen
und auf das wilde Tier loszuspringen mit blossen Haenden; allein die
Liebe zum Leben behielt die Oberhand und ich stand und stand wie das
versteinerte Weib des Loth oder wie der Zeiger einer Sonnenuhr; denn
mein Schatten ging mit den Stunden um mich herum, wurde ganz kurz und
begann schon wieder sich zu verlaengern. Das war die bitterste
Schmollerei, die ich je verrichtet, und ich nahm mir vor und gelobte,
wenn ich dieser Gefahr entraenne, so wolle ich umgaenglich und
freundlich werden, nach Hause gehen und mir und andern das Leben so
angenehm als moeglich machen. Der Schweiss lief an mir herunter, ich
zitterte vor krampfhafter Anstrengung, um mich auf selbem Fleck
unbeweglich aufrechtzuhalten, leise an allen Gliedern, und wenn ich
nur die vertrockneten Lippen bewegte, so richtete sich der Loewe halb
auf, wackelte mit seinem Hintergestell, funkelte mit den Augen und
bruellte, so dass ich den Mund schnell wieder schloss und die Zaehne
aufeinander biss. Indem ich aber so eine lange Minute um die andere
abwickeln und erleben musste, verschwand der Zorn und die Bitterkeit
in mir, selbst gegen den Loewen, und je schwaecher ich wurde, desto
geschickter ward ich in einer mich angenehm duenkenden, lieblichen
Geduld, dass ich alle Pein aushielt und tapfer ertrug. Es wuerde aber,
als endlich der Tag schon vorgerueckt war, doch nicht mehr lange
gegangen sein, als eine unverhoffte Rettung sich auftat. Das Tier und
ich waren so ineinander vernarrt, dass keiner von uns zwei Soldaten
bemerkte, welche im Ruecken des Loewen hermarschiert kamen, bis sie
auf hoechstens dreissig Schritte nahe waren. Es war eine Patrouille,
die ausgesandt war, mich zu suchen, da sich Geschaefte eingestellt
hatten. Sie trugen ihre Ordonnanzgewehre auf der Schulter und ich sah
gleichzeitig dieselben vor mir aufblitzen gleich einer himmlischen
Gnadensonne, als auch mein Widersacher ihre Schritte hoerte in der
Stille der Landschaft; denn sie hatten schon von weitem etwas bemerkt
und waren so leise als moeglich gegangen. Ploetzlich schrien sie
jetzt: 'Schau die Bestie! Hilf dem Oberst!' Der Loewe wandte sich um,
sprang empor, sperrte wuetend den Rachen auf, erbost wie ein Satan,
und war einen Augenblick lang unschluessig, auf wen er sich zuerst
stuerzen solle. Als aber die zwei Soldaten als brave lustige
Franzosen, ohne sich zu besinnen, auf ihn zusprangen, tat er einen
Satz gegen sie. Im gleichen Augenblick lag auch der eine unter seinen
Tatzen und es waere ihm schlecht ergangen, wenn nicht der andere im
gleichen Augenblicke dem Tier, zugleich den Schuss abfeuernd, das
Bajonett ein halbes Dutzendmal in die Flanke gestossen haette. Aber
auch diesem wuerde es schliesslich schlimm ergangen sein, wenn ich
nicht endlich auf meine Buechse zugesprungen, auf den Kampfplatz
getaumelt waere und dem Loewen, ohne weitere Vorsicht, beide Kugeln in
das Ohr geschossen haette. Er streckte sich aus und sprang wieder auf,
es war noch der Schuss aus der andern Muskete noetig, ihn abermals
hinzustrecken, und endlich zerschlugen wir alle drei unsere Kolben an
dem Tiere, so zaeh und wild war sein Leben. Es hatte
merkwuerdigerweise keiner Schaden genommen, selbst der nicht, der
unter dem Loewen gelegen, ausgenommen seinen zerrissenen Rock und
einige tuechtige Schrammen auf der Schulter. So war die Sache fuer
diesmal gluecklich abgelaufen und wir hatten obenein den lange
gesuchten Loewen erlegt. Ein wenig Wein und Brot stellte meinen guten
Mut vollends wieder her, und ich lachte wie ein Narr mit den guten
Soldaten, welche ueber die Freundlichkeit und Gespraechigkeit ihres
boesen Obersten sehr verwundert und erbaut waren.
"Noch in selber Woche aber fuehrte ich mein Geluebde aus, kam um meine
Entlassung ein, und so bin ich nun hier." So lautete die Geschichte
von Pankrazens Leben und Bekehrung, und seine Leutchen waren hoechlich
verwundert ueber seine Meinungen und Taten. Er verliess mit ihnen das
Staedtchen Seldwyla und zog in den Hauptort des Kantons, wo er
Gelegenheit fand, mit seinen Erfahrungen und Kenntnissen ein dem Lande
nuetzlicher Mann zu sein und zu bleiben, und er ward sowohl dieser
Tuechtigkeit, als seiner unverwuestlichen ruhigen Freundlichkeit wegen
geachtet und beliebt; denn nie mehr zeigte sich ein Rueckfall in das
fruehere Wesen.
Nur aergerten sich Estherchen und die Mutter, dass ihnen die
Geschichte mit der Lydia entgangen war, und wuenschten unaufhoerlich
deren Wiederholung. Allein Pankraz sagte, haetten sie damals nicht
geschlafen, so haetten sie dieselbe erfahren; er habe sie einmal
erzaehlt und werde es nie wieder tun, es sei das erste und letzte Mal,
dass er ueberhaupt gegen jemanden von diesem Liebeshandel gesprochen,
und damit Punktum. Die Moral von der Geschichte sei einfach, dass er
in der Fremde durch ein Weib und ein wildes Tier von der Unart des
Schmollens entwoehnt worden sei.
Nun wollten sie wenigstens den Namen jener Dame wissen, welcher ihnen
wegen seiner Fremdartigkeit wieder entfallen war, und fragten
unaufhoerlich: "Wie hiess sie denn nur?" Aber Pankraz erwiderte ebenso
unaufhoerlich: "Haettet ihr aufgemerkt! Ich nenne diesen Namen nicht
mehr!" Und er hielt Wort; niemand hoerte ihn jemals wieder das Wort
aussprechen und er schien es endlich selbst vergessen zu haben.
* * * * *
ROMEO UND JULIA AUF DEM DORFE
Diese Geschichte zu erzaehlen, wuerde eine muessige Nachahmung sein,
wenn sie nicht auf einem wirklichen Vorfall beruhte, zum Beweise, wie
tief im Menschenleben jede jener Fabeln wurzelt, auf welche die
grossen alten Werke gebaut sind. Die Zahl solcher Fabeln ist maessig;
aber stets treten sie in neuem Gewande wieder in die Erscheinung und
zwingen alsdann die Hand, sie festzuhalten.
An dem schoenen Flusse, der eine halbe Stunde entfernt an Seldwyl
vorueberzieht, erhebt sich eine weitgedehnte Erdwelle und verliert
sich, selber wohlbebaut, in der fruchtbaren Ebene. Fern an ihrem Fusse
liegt ein Dorf, welches manche grosse Bauernhoefe enthaelt, und ueber
die sanfte Anhoehe lagen vor Jahren drei praechtige lange Aecker
weithingestreckt, gleich drei riesigen Baendern nebeneinander. An
einem sonnigen Septembermorgen pfluegten zwei Bauern auf zweien dieser
Aecker, und zwar auf jedem der beiden aeussersten; der mittlere schien
seit langen Jahren brach und wuest zu liegen, denn er war mit Steinen
und hohem Unkraut bedeckt und eine Welt von gefluegelten Tierchen
summte ungestoert ueber ihm. Die Bauern aber, welche zu beiden Seiten
hinter ihrem Pfluge gingen, waren lange, knochige Maenner von
ungefaehr vierzig Jahren und verkuendeten auf den ersten Blick den
sichern, gutbesorgten Bauersmann. Sie trugen kurze Kniehosen von
starkem Zwillich, an dem jede Falte ihre unveraenderliche Lage hatte
und wie in Stein gemeisselt aussah. Wenn sie, auf ein Hindernis
stossend, den Pflug fester fassten, so zitterten die groben Hemdaermel
von der leichten Erschuetterung, indessen die wohlrasierten Gesichter
ruhig und aufmerksam, aber ein wenig blinzelnd in den Sonnenschein vor
sich hinschauten, die Furche bemassen, oben auch zuweilen sich
umsahen, wenn ein fernes Geraeusch die Stille des Landes unterbrach.
Langsam und mit einer gewissen natuerlichen Zierlichkeit setzten sie
einen Fuss um den andern vorwaerts und keiner sprach ein Wort, ausser
wenn er etwa dem Knechte, der die stattlichen Pferde antrieb, eine
Anweisung gab. So glichen sie einander vollkommen in einiger
Entfernung; denn sie stellten die urspruengliche Art dieser Gegend
dar, und man haette sie auf den ersten Blick nur daran unterscheiden
koennen, dass der eine den Zipfel seiner weissen Kappe nach vorn trug,
der andere aber hinten im Nacken haengen hatte. Aber das wechselte
zwischen ihnen ab, indem sie in der entgegengesetzten Richtung
pfluegten; denn wenn sie oben auf der Hoehe zusammentrafen und
aneinander vorueberkamen, so schlug dem, welcher gegen den frischen
Ostwind ging, die Zipfelkappe nach hinten ueber, waehrend sie bei dem
andern, der den Wind im Ruecken hatte, sich nach vorne straeubte. Es
gab auch jedesmal einen mittleren Augenblick, wo die schimmernden
Muetzen aufrecht in der Luft schwankten und wie zwei weisse Flammen
gen Himmel zuengelten. So pfluegten sie beide ruhevoll und es war
schoen anzusehen in der stillen goldenen Septembergegend, wenn sie so
auf der Hoehe aneinander vorbeizogen, still und langsam und sich
maehlich voneinander entfernten, immer weiter auseinander, bis beide
wie zwei untergehende Gestirne hinter die Woelbung des Huegels
hinabgingen und verschwanden, um eine gute Weile darauf wieder zu
erscheinen. Wenn sie einen Stein in ihren Furchen fanden, so warfen
sie denselben auf den wuesten Acker in der Mitte mit laessig
kraeftigem Schwunge, was aber nur selten geschah, da derselbe schon
fast mit allen Steinen belastet war, welche ueberhaupt auf den
Nachbaraeckern zu finden gewesen. So war der lange Morgen zum Teil
vergangen, als von dem Dorfe her ein kleines artiges Fuhrwerklein sich
naeherte, welches kaum zu sehen war, als es begann, die gelinde Hoehe
heranzukommen. Das war ein gruenbemaltes Kinderwaegelchen, in welchem
die Kinder der beiden Pflueger, ein Knabe und ein kleines Ding von
Maedchen, gemeinschaftlich den Vormittagsimbiss heranfuhren. Fuer
jeden Teil lag ein schoenes Brot, in eine Serviette gewickelt, eine
Kanne Wein mit Glaesern und noch irgendein Zutaetchen in dem Wagen,
welches die zaertliche Baeuerin fuer den fleissigen Meister
mitgesandt, und ausserdem waren da noch verpackt allerlei seltsam
gestaltete angebissene Aepfel und Birnen, welche die Kinder am Wege
aufgelesen, und eine voellig nackte Puppe mit nur einem Bein und einem
verschmierten Gesicht, welches wie ein Fraeulein zwischen den Broten
sass und sich behaglich fahren liess. Dies Fuhrwerk hielt nach manchem
Anstoss und Aufenthalt endlich auf der Hoehe im Schatten eines jungen
Lindengebuesches, welches da am Rande des Feldes stand, und nun konnte
man die beiden Fuhrleute naeher betrachten. Es war ein Junge von
sieben Jahren und ein Dirnchen von fuenfen, beide gesund und munter,
und weiter war nichts Auffaelliges an ihnen, als dass beide sehr
huebsche Augen hatten und das Maedchen dazu noch eine braeunliche
Gesichtsfarbe und ganz krause, dunkle Haare, welche ihm ein feuriges
und treuherziges Ansehen gaben. Die Pflueger waren jetzt auch wieder
oben angekommen, steckten den Pferden etwas Klee vor und liessen die
Pfluege in der halbvollendeten Furche stehen, waehrend sie als gute
Nachbarn sich zu dem gemeinschaftlichen Imbiss begaben und sich da
zuerst begruessten; denn bislang hatten sie sich noch nicht gesprochen
an diesem Tage.
Wie nun die Maenner mit Behagen ihr Fruehstueck einnahmen, und mit
zufriedenem Wohlwollen den Kindern mitteilten, die nicht von der
Stelle wichen, solange gegessen und getrunken wurde, liessen sie ihre
Blicke in der Naehe und Ferne herumschweifen und sahen das Staedtchen
raeucherig glaenzend in seinen Bergen liegen; denn das reichliche
Mittagsmahl, welches die Seldwyler alle Tage bereiteten, pflegte ein
weithin scheinendes Silbergewoelk ueber ihre Daecher emporzutragen,
welches lachend an ihren Bergen hinschwebte.
"Die Lumpenhunde zu Seldwyl kochen wieder gut!" sagte Manz, der eine
der Bauern, und Marti, der andere, erwiderte: "Gestern war einer bei
mir wegen des Ackers hier." "Aus dem Bezirksrat? bei mir ist er auch
gewesen!" sagte Manz. "So? und meinte wahrscheinlich auch, du solltest
das Land benutzen und den Herren die Pacht zahlen?" "Ja, bis es sich
entschieden habe, wem der Acker gehoere und was mit ihm anzufangen
sei. Ich habe mich aber bedankt, das verwilderte Wesen fuer einen
anderen herzustellen, und sagte, sie sollten den Acker nur verkaufen
und den Ertrag aufheben, bis sich ein Eigentuemer gefunden, was wohl
nie geschehen wird; denn was einmal auf der Kanzlei zu Seldwyl liegt,
hat da gute Weile, und ueberdem ist die Sache schwer zu entscheiden.
Die Lumpen moechten indessen gar zu gern etwas zu naschen bekommen
durch den Pachtzins, was sie freilich mit der Verkaufssumme auch tun
koennten; allein wir wuerden uns hueten, dieselbe zu hoch
hinaufzutreiben, und wir wuessten dann doch, was wir haetten und wem
das Land gehoert!"
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