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Annual Bibliography of Commonwealth Literature 2007
This paper argues that discourses of love in Ghanaian market literature for youth offer a view into complex negotiations of agency and empowerment. Drawing on Deborah Durham's notion of youth as "social `shifters'" and Francis Nyamnjoh's conception of the "interconnectedness" of agency, I take Ghanaian market literature as one specific case of how African literature for youth foregrounds questions of continuity and change as African societies enter into increasingly complex global relations. In this literature for youth, received notions of love, often constructed out of impressions from American pop and hip hop music, carry new notions of agency that compete with existing "domesticated" forms. Authors like Ike Tandoh and Evelyn Tay employ discourses of love to offer youth alternative avenues for empowerment in a context of socio-economic disenfranchizement. In a creative process of "straddling", this writing both reveals and reproduces the contradictions that obtain in youth configurations of agency.

Die Leute von Seldwyla, Vol. 1

G >> Gottfried Keller >> Die Leute von Seldwyla, Vol. 1

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"Gut! dachte ich, wenn ich diese schoenen Bilder der Desdemona, der
Helena, der Imogen und anderer sah, die alle aus der hohen
Selbstherrlichkeit ihres Frauentums heraus so seltsamen Kaeuzen
nachgingen und anhingen, rueckhaltlos wie unschuldige Kinder, edel,
stark und treu wie Helden, unwandelbar und treu wie die Sterne des
Himmels: gut! hier haben wir unsern Fall! Denn nichts anderes als ein
solches festes, schoengebautes und gradausfahrendes Frauenfahrzeug ist
diese Lydia, die ihren Anker nur einmal und dann in eine
unergruendliche Tiefe auswirft und wohl weiss, was sie will. Diese
Meinung ging gleich einer strahlenden heissen Sonne in mir auf und in
deren Licht sah ich nun jede Bewegung und jede kleinste Handlung,
jedes Wort des schoenen Geschoepfes, und es dauerte nicht lange, so
ueberbot sie in meinen Augen alles, was der gute Dichter mit seiner
maechtigen Einbildungskraft erfunden, da dies lebendige Gedicht im
Lichte der Sonne umherging in Fleisch und Blut, mit wirklichen
Herzschlaegen und einem tatsaechlichen Nacken voll goldener Locken.

"Das unheimliche Raetsel war nun geloest und ich hatte nichts weiter zu
tun, als mich in diese mit dem Shakespeare in die Wette
zusammengedichtete Seligkeit zu finden und mit Muehe meine
geringfuegige und unliebliche Person fuer eine solche Laune des
Schicksals oder des koeniglich grossmuetigen Frauengemuetes
einigermassen leidlich zurechtzustutzen mittelst hundertfacher Plaene
und Aussichten, welche sich an das grosse schoene Luftschloss
anbaueten. Die unendliche Dankbarkeit und Verehrung, welche ich
solchergestalt gegen die Geliebte empfand, hatte allerdings zum guten
Teil ihren Grund in meiner sich geschmeichelt fuehlenden Eigenliebe;
aber gewiss auch zum noch groesseren Teile darin, dass diese
Erklaerungsweise die einzige war, welche mir moeglich schien, ohne
dies teuerste Wesen verachten und bemitleiden zu muessen; denn eine
hohe Achtung, die ich fuer sie empfand, war mir zum Lebensbeduerfnis
geworden und mein Herz zitterte vor ihr, das noch vor keinem Menschen
und vor keinem wilden Tiere gezittert hatte.

"So ging ich wohl ein halbes Jahr lang herum wie ein Nachtwandler, von
Traeumen so vollhaengend, wie ein Baum voll Aepfel, alles, ohne mit
Lydia um einen Schritt weiterzukommen. Ich fuerchtete mich vor dem
kleinsten moeglichen Ereignis, etwa wie ein guter Christ vor dem Tode,
den er zagend scheut, obgleich er durch selbigen in die ewige
Seligkeit einzugehen gewiss ist. Desto bunter ging es in meinem Gehirn
zu und die Ereignisse und aufregendsten Geschichten, alles aufs
schoenste und unzweifelhafteste sich begebend, draengten und bluehten
da durcheinander. Ich versaeumte meine Geschaefte und war zu nichts zu
gebrauchen. Das Aergste war mir, wenn ich stundenlang mit dem Alten
Schach spielen musste, wo ich dann gezwungen war, meine Aufmerksamkeit
an das Spiel zu fesseln, und die einzige Musse fuer meine schweren
Liebesgedanken gewaehrte mir die kurze Zeit, wenn ein Spiel zu Ende
war und die Figuren wieder aufgestellt wurden. Ich liess mich daher
sobald als immer moeglich, ohne dass es zu sehr auffiel, matt machen
und hielt mich so lange mit dem Aufstellen des Koenigs und der
Koenigin, der Laeufer, Springer und Bauern auf und rueckte so lange an
den Tuermen hin und her, dass der Gouverneur glaubte, ich sei kindisch
geworden und taendle mit den Figuerchen zu meinem Vergnuegen.

"Endlich aber drohete meine ganze Existenz sich in muessige
Traumseligkeit aufzuloesen, und ich lief Gefahr, ein Tollhaeusler zu
werden. Zudem war ich trotz aller dieser goldenen Luftschloesser
unsaeglich kleinmuetig und traurig, da, ehe das letzte Wort gesprochen
ist, die solchen wuchernden Traeumen gegenueber immer zurueckstehende
Wirklichkeit niederdrueckt und die leibhafte Gegenwart etwas
Abkuehlendes und Abwehrendes behaelt. Es ist das gewissermassen die
schuetzende Dornenruestung, womit sich die schoene Rose des
koerperlichen Lebens umgibt. Je freundlicher und zutunlicher Lydia
wurde, desto ungewisser und zweifelhafter wurde ich, weil ich an mir
selbst entnahm, wie schwer es einem moeglich wird, eine wirkliche
Liebe zu zeigen, ohne sie ganz bei ihrem Namen zu nennen. Nur wenn sie
streng, traurig und leidend schien, schoepfte ich wieder einen halben
Grund zu einer vernuenftigen Hoffnung, aber dies quaelte mich alsdann
noch viel tiefer und ich hielt mich nicht wert, dass sie nur eine
schlimme Minute um meinetwillen erleiden sollte, der ich gern den Kopf
unter ihre Fuesse gelegt haette. Dann aergerte ich mich wieder, dass
sie, um guter Dinge zu sein, verlangte, ich sollte etwa aussehen wie
ein verliebter naerrischer Schneider, da ich doch kein solcher war und
ich auf meine Weise schon gedachte, beweglich zu werden zu ihrem
Wohlgefallen. Kurz, ich ging einer gaenzlichen Verwirrung entgegen,
war nicht mehr imstande, ein einziges Geschaeft ordnungsgemaess zu
verrichten, und lief Gefahr, als Soldat rueckwaerts zu kommen oder gar
verabschiedet zu werden, wenn ich nicht als ein abhaengiger
dienstbarer Lueckenbuesser, der zu weiter nichts zu brauchen, mich an
das Haus des Gouverneurs haengen wollte.

"Als daher die Englaender in bedenkliche Feindseligkeiten mit indischen
Voelkern gerieten und ein Feldzug eroeffnet wurde, der nachher
ziemlich blutig fuer sie ausfiel, entschloss ich mich kurz und trat
wieder in meine Kompanie als guter Kombattant, vom Gouverneur meinen
Abschied nehmend. Derselbe wollte zwar nichts davon wissen, sondern
polterte, bat und schmeichelte mir, dass ich bleiben moechte, wie alle
solche Leute, die glauben, alles stehe mit seinem Leib und Leben, mit
seinem Wohl und Wehe nur zu ihrer Verfuegung da, um ihnen die Zeit zu
vertreiben und zur Bequemlichkeit zu dienen. Lydia hingegen liess sich
waehrend der drei oder vier Tage, waehrend welcher von meinem Abzug
die Rede war, kaum sehen. Geschah es aber, so sah sie mich nicht an
oder warf einen kurzen Blick voll Zornes auf mich, wie es schien; aber
nur das Auge schien zornig, ihr Gang und die uebrigen Bewegungen waren
dabei so still, edel und an sich haltend, dass dieser schoene Zorn mir
das Herz zerriss. Auch hoerte ich, dass sie des Morgens sehr spaet zum
Vorschein kaeme und dass man sich darueber den Kopf zerbraeche; denn
es deutete darauf, dass sie des Nachts nicht schlafe, und als ich sie
am letzten Tage zufaellig hinter ihrem Fenster sah, glaubte ich zu
bemerken, dass sie ganz verweinte Augen hatte; auch zog sie sich
schnell zurueck, als ich vorueberging. Nichtsdestominder schritt ich
meinen steifen Feldwebelsgang ruhig fort und verrichtete alles, weder
rechts noch links sehend. So ging ich auch gegen Abend mit einem
Burschen noch einmal durch die Pflanzungen, um ihm die Obhut derselben
einigermassen zu zeigen und ihn, so gut es ging, zu einem
provisorischen Gaertner zuzustutzen, bis sich ein tauglicheres Subjekt
zeigen wuerde. Wir standen eben in einem schlanken Rosenwaeldchen, das
ich gezogen hatte; die Baeumen ragten just in die Hoehe des Gesichtes
und waren so dicht, dass, wenn man darin herumging, die Rosen einem an
der Nase streiften, was sehr artig und bequem war und wozu der
Gouverneur sehr gelacht hatte, da er sich nun nicht mehr zu buecken
brauchte, um an den Rosen zu riechen. Als ich dem Burschen meine
Anweisungen erteilte, kam Lydia herbei und schickte ihn mit
irgendeinem Auftrage weg, und indem sie gleich mitzugehen willens
schien, zoegerte sie doch eine kurze Zeit, einige Rosen brechend, bis
der Diener weg war. Ich zerrte ebenfalls noch ein Weilchen an einem
Zweige herum und wie ich mich umdrehte, um zu gehen, sah ich, dass ihr
Traenen aus den Augen fielen. Ich hatte Muehe, mich zu bezwingen, doch
tat ich, als ob ich nichts gesehen, und eilte hinweg. Doch kaum war
ich zehn Schritte gegangen, als ich hoerte und fuehlte, wie sie, bald
laufend, bald stehenbleibend, hinter mir herkam, und so eine ganze
Strecke weit. Ich hielt dies nicht mehr aus, wandte mich ploetzlich um
und sagte zu ihr, die kaum noch drei Schritte von mir entfernt war:
'Warum gehen Sie mir nach, Fraeulein?'

"Sie stand still, wie von einer Schlange erschreckt, und wurde, den
Blick zur Erde gesenkt, gluehendrot im Gesicht; dann wurde sie bleich
und weiss und zitterte am ganzen Leibe, waehrend sie die grossen
blauen Augen zu mir aufschlug und nicht ein Wort hervorbrachte.
Endlich sagte sie mit einer Stimme, in welcher empoerter Stolz mit
gern ertragener Demuetigung rang: 'Ich denke, ich kann in meinem
Besitztume herumgehen, wo ich will!'

"'Gewiss!' erwiderte ich kleinlaut und setzte meinen Weg fort. Sie war
jetzt an meiner Seite und ging neben mir her. Ich ging aber in meiner
heftigen Aufregung mit so langen und raschen Schritten, dass sie trotz
ihrer kraeftigen Bewegungen mir mit Muehe folgen konnte, und doch tat
sie es. Ich sah sie mehrmals gross an von der Seite und sah, dass ihr
die Augen wieder voll Wasser standen, indessen dieselben wie
kummervoll und demuetig auf den Boden gerichtet waren. Mir brannte es
ebenfalls siedendheiss im Gesicht und meine Augen wurden auch nass.
Die Sache stand jetzt dergestalt auf der Spitze, dass ich entweder
eine Dummheit oder eine Gewissenlosigkeit zu begehen im Begriffe
stand, wovon ich weder das eine noch das andere zu tun gesonnen war.
Doch dachte ich, indem ich so neben ihr herschritt, in meinen armen
Gedanken: Wenn dies Weib dich liebt und du jemals mit Ehren an ihre
Hand gelangest, so sollst du ihr auch dienen bis in den Tod, und wenn
sie der Teufel selbst waere!

"Indem erreichten wir eine Staette, wo ein oder zwei Dutzend
Orangenbaeume standen und die Luft mit Wohlgeruch erfuellten, waehrend
ein suesser frischer Lufthauch durch die reinlichen edelgeformten
Staemme wehte. Ich glaube diesen betoerenden Hauch und Duft noch jetzt
zu fuehlen, wenn ich daran denke, wahrscheinlich uebte er eine
aehnliche Wirkung auf das Geschoepf, das neben mir ging, dass es seine
wundersame Leidenschaft, welche die Liebe zu sich selbst war, so aufs
aeusserste empfand und darstellte, als ob es eine wirkliche Liebe zu
einem Manne waere; denn sie liess sich auf eine Bank unter den Orangen
nieder und senkte das schoene Haupt auf die Haende; die goldenen Haare
fielen darueber und reiche Traenen quollen durch ihre Finger.

"Ich stand vor ihr still und sagte mit versagender Stimme: 'Was wollen
Sie denn, was ist Ihnen, Fraeulein Lydia?'

"'Was wollen Sie denn!' sagte sie, 'ist es je erhoert, eine schoene und
feine Dame so zu quaelen und zu misshandeln! Aus welchem barbarischen
Lande kommen Sie denn? Was tragen Sie fuer ein Stueck Holz in der
Brust?'

"'Wie quaele, wie misshandle ich denn?' erwiderte ich unschluessig und
betreten; denn obgleich sie einen guten Sinn haben konnte, schien mir
diese Sprache dennoch nicht die rechte zu sein.

"'Sie sind ein grober und uebermuetiger Mensch!' sagte sie, ohne
aufzublicken.

"Nun konnte ich nicht mehr an mich halten und erwiderte, 'Sie wuerden
dies nicht sagen, mein Fraeulein, wenn Sie wuessten, wie wenig grob
und uebermuetig ich in meinem Herzen gegen Sie gesinnt bin! Und es ist
gerade meine grosse Hoeflichkeit und Demut, welche--'

"Sie blickte, als ich wieder verstummte, auf, und das Gesicht mit einem
schmerzlichen, bittenden Laecheln aufgehellt, sagte sie hastig: 'Nun?'
Wobei sie mir einen Blick zuwarf, der mich jetzt um den letzten Rest
von Ueberlegung brachte. Ich, der ich es nie fuer moeglich gehalten
haette, selbst dem geliebtesten Weibe zu Fuessen zu fallen, da ich
solches fuer eine Torheit und Ziererei ansah, ich wusste jetzt nicht,
wie ich dazu kam, ploetzlich vor ihr zu liegen und meinen Kopf ganz
hinzugeben und zerknirscht in den Saum ihres Gewandes zu verbergen,
den ich mit heissen Traenen benetzte. Sie stiess mich jedoch
augenblicklich zurueck und hiess mich aufstehen; doch als ich dies
tat, hatte sich ihr Laecheln noch vermehrt und verschoenert und ich
rief nun: 'Ja--so will ich es Ihnen nur sagen', und so weiter, und
erzaehlte ihr meine ganze Geschichte mit einer Beredsamkeit, die ich
mir kaum je zugetraut. Sie horchte begierig auf, waehrend ich ihr gar
nichts verschwieg vom Anfang bis zu dieser Stunde und besonders ihr
auch aus ueberstroemendem Herzen das Bild entwarf, das von ihr in
meiner Seele lebte und wie ich es seit einem halben Jahre oder mehr so
emsig und treu ausgearbeitet und vollendet. Sie lachte, vor sich
niedersehend und voll Zufriedenheit lauschend, die Hand unter das Kinn
stuetzend, und sah immer mehr einem seligen Kinde gleich, dem man ein
gewuenschtes Spielzeug gegeben, als sie hoerte und vernahm, wie nicht
einer ihrer Vorzuege und Reize und nicht eines ihrer Worte bei mir
verlorengegangen war. Dann reichte sie mir die Hand hin und sagte,
freundlich erroetend, doch mit zufriedener Sicherheit: 'Ich danke
Ihnen sehr, mein Freund, fuer Ihre herzliche Zuneigung! Glauben Sie,
es schmerzt mich, dass Sie um meinetwillen so lange besorgt und
eingenommen waren; aber Sie sind ein ganzer Mann und ich muss Sie
achten, da Sie einer so schoenen und tiefen Neigung faehig sind!'

"Diese ruhige Rede fiel zwar wie ein Stueck Eis in mein heisses Blut;
doch gedachte ich sogleich, es ihr wohl und von Herzen zu goennen,
wenn sie jetzt die gefasste und sich zierende Dame machen wolle, und
mich in alles zu ergeben, was sie auch vornehmen und welchen Ton sie
auch anschlagen wuerde.

"Doch erwiderte ich bekuemmert: 'Wer spricht denn von mir, schoene,
schoene Lydia! Was hat alles, was ich leide oder nicht leide, erlitten
habe oder noch erleiden werde, zu sagen, gegenueber auch nur einer
unmutigen oder gequaelten Minute, die Sie erleiden? Wie kann ich
unwerter und ungefueger Geselle eine solche je ersetzen oder
vergueten?'

"'Nun,' sagte sie, immer vor sich niederblickend und immer noch
laechelnd, doch schon in einer etwas veraenderten Weise, 'nun, ich
muss allerdings gestehen, dass mich Ihr schroffes und ungeschicktes
Benehmen sehr geaergert und sogar gequaelt hat; denn ich war an so
etwas nicht gewoehnt, vielmehr dass ich ueberall, wo ich hinkam,
Artigkeit und Ergebenheit um mich verbreitete. Ihre scheinbare grobe
Fuehllosigkeit hat mich ganz schaendlich geaergert, sage ich Ihnen,
und um so mehr, als mein Vater und ich viel von Ihnen hielten. Um so
lieber ist es mir nun, zu sehen, dass Sie doch auch ein bisschen
Gemuet haben, und besonders, dass ich an meinem eigenen Werte nicht
laenger zu zweifeln brauche; denn was mich am meisten kraenkte, war
tiefer Zweifel an mir selbst, an meinem persoenlichen Wesen, der in
mir sich zu regen begann. Uebrigens, bester Freund, empfinde ich keine
Neigung zu Ihnen, so wenig als zu jemand anderm, und hoffe, dass Sie
sich mit aller Hingebung und Artigkeit, die Sie soeben beurkundet, in
das Unabaenderliche fuegen werden, ohne mir gram zu sein!'

"Wenn sie geglaubt, dass ich nach dieser unbefangenen Eroeffnung
gaenzlich rat- und wehrlos vor ihr darniederliegen werde, so hatte sie
sich getaeuscht. Vor dem vermeintlich guten und liebevollen Weibe
hatte mein Herz gezittert, vor dem wilden Tiere dieser falschen
gefaehrlichen Selbstsucht zitterte ich so wenig mehr, als ich es vor
Tigern und Schlangen zu tun gewohnt war. Im Gegenteil, anstatt
verwirrt und verzweifelt zu sein und die Taeuschung nicht aufgeben zu
wollen, wie es sonst wohl geschieht in dergleichen Auftritten, war ich
ploetzlich so kalt und besonnen, wie nur ein Mann es sein sonnte, der
auf das schmaehlichste beleidigt und beschimpft worden ist, oder wie
ein Jaeger es sein kann, der statt eines edlen scheuen Rehes
urploetzlich eine wilde Sau vor sich sieht. Ein seltsam gemischtes,
unheimliches Gefuehl von Kaelte freilich, wenn ich bei alledem die
Schoenheit ansehen musste, die da vor mir glaenzte. Doch dieses ist
das unheimliche Geheimnis der Schoenheit.

"Indessen, waere ich nicht von der Sonne ganz braungebrannt gewesen,
so wuerde ich jetzt dennoch so weiss ausgesehen haben, wie die
Orangenblueten ueber mir, als ich ihr nach einigem Schweigen
erwiderte. 'Und also um Ihren edlen Glauben an Ihre Persoenlichkeit
herzustellen, war es Ihnen moeglich, alle Zeichen der reinen und
tiefen Liebe und Selbstentaeusserung zu verwenden? Zu diesem Zwecke
gingen Sie mir nach, wie ein unschuldiges Kind, das seine Mutter
sucht, redeten Sie mir fortwaehrend nach dem Munde, wurden Sie bleich
und leidend, vergossen Sie Traenen und zeigten eine so goldene und
rueckhaltlose Freude, wenn ich mit Ihnen nur ein Wort sprach?'

"'Wenn es so ausgesehen hat, was ich tat,' sagte sie noch immer
selbstzufrieden, 'so wird es wohl so sein. Sie sind wohl ein wenig
boese, eitler Mann! dass Sie nun doch nicht der Gegenstand einer gar
so demutvollen und grenzenlosen weiblichen Hingebung sind?' 'Dass ich
Aermste nicht das sehnlich bloekende Laemmlein bin, fuer das Sie mich
in Ihrer Vergnuegtheit gehalten?'

"'Ich war nicht vergnuegt, Fraeulein!' erwiderte ich. 'Indessen wenn
die Goetter, wenn Christus selbst einer unendlichen Liebe zu den
Menschen vielfach sich hingaben und wenn die Menschheit von jeher ihr
hoechstes Glueck darin fand, dieser rueckhaltlosen Liebe der Goetter
wert zu sein und ihr nachzugehen: warum sollte ich mich schaemen, mich
aehnlich geliebt gewaehnt zu haben? Nein, Fraeulein Lydia! Ich rechne
es mir sogar zur Ehre an, dass ich mich von Ihnen fangen liess, dass
ich eher an die einfache Liebe und Guete eines unbefangenen Gemuetes
glaubte, bei so klaren und entschiedenen Zeichen, als dass ich
verdorbenerweise nichts als eine einfaeltige Komoedie dahinter
gefuerchtet. Denn einfaeltig ist die Geschichte! Welche Garantie haben
Sie denn nun fuer Ihren Glauben an sich selbst, da Sie solche Mittel
angewendet, um nur den aermsten aller armen Kriegsleute zu gewinnen,
Sie, die schoene und vornehme englische Dame?'

"'Welche Garantie?' antwortete Lydia, die nun allmaehlich blass und
verlegen wurde, 'ei! Ihre verliebte Neigung, zu deren Erklaerung ich
Sie endlich gezwungen habe! Sie werden mir doch nicht leugnen wollen,
dass Sie hingerissen waren und mir soeben erzaehlten, wie ich Ihnen
von jeher gefallen? Warum liessen Sie das in Ihrer Grobheit nicht ein
klein weniges merken, so wie es dem schlichtesten und
anspruchslosesten Menschen wohl ansteht, und wenn er ein Schafhirt
waere, so wurde uns diese ganze Komoedie, wie Sie es nennen, erspart
worden sein und ich haette mich begnuegt!'

"'Haetten Sie mich in meiner Ruhe gelassen, meine Schoene', erwiderte
ich, 'so haetten Sie mehr gewonnen. Denn Sie scheinen zu vergessen,
dass dies Wohlgefallen sich jetzt notwendig in sein Gegenteil
verkehren muss, zu meinen eigenen Schmerzen!'

"'Hilft Ihnen nichts,' sagte sie, 'ich weiss einmal, dass ich Ihnen
wohlgefallen habe und in Ihrem Blute wohne! Ich habe Ihr Gestaendnis
angehoert und bin meiner Eroberung versichert. Alles uebrige ist
gleichgueltig; so geht es zu, bester Herr Pankrazius, und so werden
diejenigen bestraft, die sich vergehen im Reiche der Koenigin
Schoenheit!' 'Das heisst,' sagte ich, 'es scheint dies Reich eher
einer Zigeunerbande zu gleichen. Wie koennen Sie eine Feder auf den
Hut stecken, die Sie gestohlen haben, wie eine gemeine Ladendiebin?
gegen den Willen des Eigentuemers?'

"Sie antwortete: 'Auf diesem Felde, bester Herr Eigentuemer, gereicht
der Diebstahl der Diebin zum Ruhm, und Ihr Zorn beweist nur aufs neue,
wie gut ich Sie getroffen habe!'

"So zankten wir noch eine gute halbe Stunde herum in dem suessen
Orangenhaine, aber mit bittern harten Worten, und ich suchte
vergeblich ihr begreiflich zu machen, wie diese abgestohlene und
erschlichene Liebesgeschichte durchaus nicht den Wert fuer sie haben
koennte, den sie ihr beilegte. Ich fuehrte diesen Beweis nicht nur aus
philisterhafter Verletztheit und Dummheit, sondern auch um irgendeinen
Funken vom Gefuehl ihres Unrechtes und der Unsittlichkeit ihrer
Handlungsweise in ihr zu erwecken. Aber umsonst! Sie wollte nicht
einsehen, dass eine rechte Gemuetsverfassung erst dann in der vollen
und rueckhaltlosen Liebe aufflammt, wenn sie Grund zur Hoffnung zu
haben glaubt; und also diesen Grund zu geben, ohne etwas zu fuehlen,
immer ein grober und unsittlicher Betrug bleibt, und um so
gewissenloser, als der Betrogene einfacher, ehrlicher und argloser Art
ist. Immer kam sie auf das Faktum meiner Liebeserklaerung zurueck, und
zwar warf sie, die sonst ein so gesundes Urteil zu haben schien, die
unsinnigsten, kleinlichsten und unanstaendigsten Reden und Argumente
durcheinander und tat einen wahren Kindskopf kund. Waehrend der ganzen
Jahre unsers Zusammenseins hatte ich nicht so viel mit ihr gesprochen,
wie in dieser letzten zaenkischen Stunde, und nun sah ich, o gerechter
Gott! dass es ein Weib war von einem grossangelegten Wesen, mit den
Manieren, Bewegungen und Kennzeichen eines wirklich edeln und seltenen
Weibes, und bei alledem mit dem Gehirn--einer ganz gewoehnlichen
Soubrette, wie ich sie nachmalen zu Dutzenden gesehen habe auf den
Vaudevilletheatern zu Paris! Waehrend dieses Zankes aber verschlang
ich sie dennoch fortwaehrend mit den Augen und ihre unbegreifliche
grundlose, so persoenlich scheinende Schoenheit quaelte mein Herz in
die Wette mit dem Wortwechsel, den wir fuehrten. Als sie aber zuletzt
ganz sinnlose und unverschaemte Dinge sagte, rief ich, in bittere
Traenen ausbrechend: 'O Fraeulein! Sie sind ja der groesste Esel, den
ich je gesehen habe!'

"Sie schuettelte heftig die Wucht ihrer Locken und sah bleich und
erstaunt zu mir auf, wobei ein wilder schiefer Zug um ihren sonst so
schoenen Mund schwebte. Es sollte wohl ein hoehnisches Laecheln sein,
ward aber zu einem Zeichen seltsamer Verlegenheit.

"'Ja,' sagte ich, mit den Faeusten meine Traenen zerreibend, 'nur wir
Maenner koennen sonst Esel sein, dies ist unser Vorrecht, und wenn ich
Sie auch so nenne, so ist es noch eine Art Auszeichnung und Ehre fuer
Sie. Waeren Sie nur ein bisschen gewoehnlicher und geringer, so wuerde
ich Sie einfach eine schlechte Gans schelten!'

"Mit diesen Worten wandte ich mich endlich von ihr ab und ging, ohne
ferner nach ihr hinzublicken, aber mit dem Gefuehle, dass ich das, was
mir jemals in meinem Leben von reinem Glueck beschieden sein mochte,
jetzt fuer immer hinter mir lasse, und dass es jetzt vorbei waere mit
meiner glaeubigen Froemmigkeit in solchen Dingen.

"Das hast du nun von deinem unglueckseligen Schmollwesen! sagte ich zu
mir selbst, haettest du von Anbeginn zuweilen nur halb so lange mit
ihr freundlich gesprochen, so haette es dir nicht verborgen bleiben
koennen, wes Geistes Kind sie ist, und du haettest dich nicht so
groeblich getaeuscht! Fahr hin und zerfliesse denn, du schoenes
Luftgebilde!

"Als ich mich nun mit zerrissenen Gedanken vom Gouverneur
verabschiedete, sah mich derselbe vergnueglich und verschmitzt an und
blinzelte spoettisch mit den Augen. Ich merkte, dass er meine Affaere
wohl kannte, ueberhaupt dieselbe von jeher beobachtet hatte und eine
Art von schadenfrohem Spass darueber empfand. Da er sonst ein ganz
biederer und honetter Mann war, so konnte das nichts anderes sein, als
die einfaeltige Freude aller Philister an grausamen und schlechten
Bratenspaessen. Im vorigen Jahrhundert belustigten sich grosse Herren
daran, ihre Narren, Zwerge und sonstigen Untergebenen betrunken zu
machen und dann mit Wasser zu begiessen oder koerperlich zu
misshandeln. Heutzutage wird dies bei den Gebildeten nicht mehr
beliebt; dagegen unterhaelt man sich mit Vorliebe damit, allerlei
feine Verwirrungen anzuzetteln, und je weniger solche Philisterseelen
selber einer starken und gruendlichen Leidenschaft faehig sind, desto
mehr fuehlen sie das Beduerfnis, dergleichen mit mehr oder weniger
plumpen Mitteln in denen zu erwecken, die sich dazu eignen, in solche
herzlos aufgestellte Mausefallen zu geraten. Wenn nun der Gouverneur
seinerseits es nicht verschmaehte, seine eigene Tochter als gebratenen
Speck zu verwenden, so war hiergegen nichts weiter zu sagen, und ich
nahm, obschon noch ein guter Gepaeckwagen abfuhr, eigensinnig meinen
schweren Tornister und die Muskete auf den Ruecken und fuehrte einen
zurueckgebliebenen Trupp in die Nacht hinaus dem Regimente nach, das
schon in der Fruehe abmarschiert war.

"Ich sah mich nach einem muehseligen und heissen Marsch nun in eine
neue Welt versetzt, als die Kampagne eroeffnet war und die Truppen der
ostindischen Kompanie sich mit den wilden Bergstaemmen an der
aeussersten Grenze des indo-britischen Reiches herumschlugen. Einzelne
Kompanien unseres Regimentes waren fortwaehrend vorgeschoben; eines
Tages aber wurde die meinige so moerderisch umzingelt, dass wir uns
mitten in einem Knaeuel von banditenaehnlichen Reitern, Elefanten und
sonderbar bemalten und vergoldeten Wagen befanden, auf denen stille
schoene hindostanische Scheinfuersten sassen, von den wilden
Haeuptlingen als Puppen mitgefuehrt. Unsere saemtlichen Offiziere
fielen an diesen Tagen und die Kompanie schmolz auf ein Drittel
zusammen. Da ich mich ordentlich hielt und einige Dienste leistete, so
erlangte ich das Patent des ersten Leutnants der Kompanie und nach
Beendigung des Feldzuges war ich deren Kapitaen.

"Als solcher hielt ich mit etwa hundertundfuenfzig Mann zwei Jahre lang
einen kleinen Grenzbezirk besetzt, welcher zur Abrundung unseres
Gebietes erobert worden, und war waehrend dieser Zeit der oberste
Machthaber in dieser heidnischen Wildnis. Ich war nun so einsam, als
ich je in meinem Leben gewesen, misstrauisch gegen alle Welt und
ziemlich streng in meinem Dienstverkehr, ohne gerade boese oder
ungerecht zu sein. Meine Haupttaetigkeit bestand darin, christliche
Polizei einzufuehren und unsern Religionsleuten nachdruecklichen
Schutz zu gewaehren, damit sie ungefaehrdet arbeiten konnten.
Hauptsaechlich aber hatte ich das Verbrennen indischer Weiber zu
verhueten, wenn ihre Maenner gestorben, und da die Leute eine
foermliche Sucht hatten, unser englisches Verbot zu uebertreten und
einander bei lebendigem Leibe zu braten zu Ehren der Gattentreue, so
mussten wir stets auf den Beinen sein, um dergleichen zu
hintertreiben. Sie waren dann ebenso muerrisch und missvergnuegt, wie
wenn hierzulande die Polizei ein unerlaubtes Vergnuegen stoert. Einmal
hatten sie in einem entfernten Dorfe die Sache ganz schlau und
heimlich soweit gebracht, dass der Scheiterhaufen schon lichterloh
brannte, als ich atemlos herzugeritten kam und das Voelkchen
auseinanderjagte. Auf dem Feuer lag die Leiche eines uralten,
gaenzlich vertrockneten Gockelhahns, welcher schon ein wenig
brenzelte. Neben ihm aber lag ein bildschoenes Weibchen von kaum
sechzehn Jahren, welches mit laechelndem Munde und silberner Stimme
seine Gebete sang. Gluecklicherweise hatte das Geschoepfchen noch
nicht Feuer gefangen und ich fand gerade noch Zeit, vom Pferde zu
springen und sie bei den zierlichen Fuesschen zu packen und vom
Holzstoss zu ziehen. Sie gebaerdete sich aber wie besessen und wollte
durchaus verbrannt sein mit ihrem alten Staenker, so dass ich die
groesste Muehe hatte, sie zu baendigen und zu beschwichtigen. Freilich
gewannen diese armen Witwen nicht viel durch solche Rettung; denn sie
fielen hernach unter den Ihrigen der aeussersten Schande und
Verlassenheit anheim, ohne dass das Gouvernement etwas dafuer tat,
ihnen das gerettete Leben auch leichtzumachen. Diese Kleine gelang es
mir indessen zu versorgen, indem ich ihr eine Aussteuer verschaffte
und an einen getauften Hindu verheiratete der bei uns diente, dem sie
auch getreulich anhing.

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