Die Leute von Seldwyla, Vol. 1
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Gottfried Keller >> Die Leute von Seldwyla, Vol. 1
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"Dergestalt war ich nun das merkwuerdigste Institut von der Welt; ich
ging unter diesen Palmen einher gravitaetisch und wortlos in meiner
Scharlachuniform, ein leichtes Schilfstoeckchen in der Hand und ueber
dem Kopfe ein weisses Tuch zum Schutze gegen die heisse Sonne. Ich war
Soldat, Verwaltungsmann, Gaertner, Jaeger, Hausfreund und
Zeitvertreiber, und zwar ein ganz sonderbarer, da ich nie ein Wort
sprach; denn obgleich ich jetzt nicht mehr schmollte und leidlich
zufrieden war, so hatte ich mir das Schweigen doch so angewoehnt, dass
meine Zunge durch nichts zu bewegen war, als etwa durch ein
Kommandowort oder einen Fluch gegen unordentliche Soldaten. Doch
diente gerade diese Weise dem Kommandeur, ich blieb so an die fuenf
Jahre bei ihm einen Tag wie den andern und konnte, wenn ich freie Zeit
hatte, im uebrigen tun, was mir beliebte. Diese Zeit benutzte ich
dazu, das Dutzend Buecher, so der alte Herr besass, immer wieder
durchzulesen und aus denselben, da sie alle dickleibig waren, ein
sonderbares Stueck von der Welt kennenzulernen. Ich war so ein
eifriger und stiller Leser, der sich eine Weisheit ausbildete, von der
er nicht recht wusste, ob sie in der Welt galt oder nicht galt, wie
ich bald erfahren sollte; denn obschon ich bereits vieles gesehen und
erfahren, so war dies doch nur gewissermassen strichweise und das
meiste, was es gab, lag zur Seite des Striches, den ich passiert.
"Mein Kommandeur wurde endlich zum Gouverneur des ganzen Landstriches
ernannt, wo wir bisher gestanden; er wuenschte mich in seiner Naehe zu
behalten und veranlasste meine Versetzung aus dem Regiment, welches
wieder nach England zurueckging, in dasjenige, welches dafuer ankam,
und so fand sich wieder Gelegenheit, dass ich als Militaerperson
sowohl wie in allen uebrigen Eigenschaften um ihn sein konnte, was mir
ganz recht war; denn so blieb ich ein auf mich selbst gestellter
Mensch, der keinen andern Herrn, als seine Fahne ueber sich hatte.
"Um die gleiche Zeit kam auch die Tochter aus dem alten irlaendischen
Turme an, um von nun an bei ihrem Vater, dem Gouverneur, zu leben. Es
war ein wohlgestaltetes Frauenzimmer von grosser Schoenheit; doch war
sie nicht nur eine Schoenheit, sondern auch eine Person, die in ihren
eigenen feinen Schuhen stand und ging und sogleich den Eindruck
machte, dass es fuer den, der sich etwa in sie verliebte, nicht leicht
hinter jedem Hag einen Ersatz oder einen Trost fuer diese gaebe, eben
weil es eine ganze und selbstaendige Person schien, die so nicht zum
zweiten Male vorkomme. Und zwar schien diese edle Selbstaendigkeit
gepaart mit der einfachsten Kindlichkeit und Guete des Charakters und
mit jener Lauterkeit und Rueckhaltlosigkeit in dieser Guete, welche,
wenn sie so mit Entschiedenheit und Bestimmtheit verbunden ist, eine
wahre Ueberlegenheit verleiht und dem, was im Grunde nur ein
unbefangenes urspruengliches Gemuetswesen ist, den Schein einer
weihevollen und genialen Ueberlegenheit gibt. Indessen war sie sehr
gebildet in allen schoenen Dingen, da sie nach Art solcher Geschoepfe
die Kindheit und bisherige Jugend damit zugebracht, alles zu lernen,
was irgend wohl ansteht, und sie kannte sogar fast alle neueren
Sprachen, ohne dass man jedoch viel davon bemerkte, so dass unwissende
Maenner ihr gegenueber nicht leicht in jene schreckliche Verlegenheit
gerieten, weniger zu verstehen, als ein muessiges Ziergewaechs von
Jungfraeulein. Ueberhaupt schien ein gesunder und wohldurchgebildeter
Sinn in ihr sich mehr dadurch zu zeigen, dass sie die vorkommenden
kleineren oder groesseren Dinge, Vorfaelle oder Gegenstaende durchaus
treffend beurteilte und behandelte, und dabei waren ihre Gedanken und
Worte so einfach und lieblich und bestimmt, wie der Ton ihrer Stimme
und die Bewegungen ihres Koerpers. Und ueber alles dies war sie, wie
gesagt, so kindlich, so wenig durchtrieben, dass sie nicht imstande
war, eine ueberlegte Partie Schach spielenzulernen, und dennoch mit
der froehlichsten Geduld am Brette sass, um sich von ihrem Vater
unaufhoerlich ueberrumpeln zu lassen. So ward es einem sogleich
heimatlich und wohl zumute in ihrer Naehe; man dachte unverweilt,
diese waere der wahre Jakob unter den Weibern und keine bessere gaebe
es in der Welt. Ihre schoenen blonden Locken und die dunkelblauen
Augen, die fast immer ernst und frei in die Welt sahen, taten freilich
auch das ihrige dazu, ja um so mehr, als ihre Schoenheit, so sehr sie
auffiel, von echt weiblicher Bescheidenheit und Sittsamkeit
durchdrungen war und dabei gaenzlich den Eindruck von etwas Einzigem
und Persoenlichem machte; es war eben kurz und abermals gesagt: eine
Person. Das heisst, ich sage es schien so, oder eigentlich, weiss
Gott, ob es am Ende doch so war und es nur an mir lag, dass es ein
solcher truegerischer Schein schien, kurz--"
Pankrazius vergass hier weiterzureden und verfiel in ein
schwermuetiges Nachdenken, wozu er ein ziemlich unkriegerisches und
beinahe einfaeltiges Gesicht machte. Die beiden Wachslichter waren
ueber die Haelfte heruntergebrannt, die Mutter und die Schwester
hatten die Koepfe gesenkt und nickten, schon nichts mehr sehend und
hoerend, schlaftrunken mit ihren Koepfen, denn schon seit Pankrazius
die Schilderung seiner vermutlichen Geliebten begonnen, hatten sie
angefangen, schlaefrig zu werden, liessen ihn jetzt gaenzlich im Stich
und schliefen wirklich ein. Zum Glueck fuer unsere Neugierde bemerkte
der Oberst dies nicht, hatte ueberhaupt vergessen, vor wem er
erzaehlte, und fuhr, ohne die niedergeschlagenen Augen zu erheben,
fort, vor den schlafenden Frauen zu erzaehlen, wie einer, der etwas
lange Verschwiegenes endlich mitzuteilen sich nicht mehr enthalten
kann.
"Ich hatte," sagte er, "bis zu dieser Zeit noch kein Weib naeher
angesehen und verstand oder wusste von ihnen ungefaehr soviel, wie ein
Nashorn vom Zitherspiel. Nicht dass ich solche etwa nicht von jeher
gern gesehen haette, wenn ich unbemerkt und ohne Aufwand von Muehe
nach ihnen schielen konnte; doch war es mir aeusserst zuwider, mit
irgendeiner mich in den geringsten Wortwechsel einzulassen, da es mir
von jeher schien, als ob es saemtlichen Weibern gar nicht um eine
vernunftgemaesse, klare und richtige Sache zu tun waere, dass es ihnen
unmoeglich sei, nur sechs Worte lang in guter Ordnung bei der Sache zu
bleiben, sondern dass sie einzig darauf ausgingen, wenn sie in diesem
Augenblicke etwas Zweckmaessiges und Gutes gesagt haben, gleich darauf
eine grosse Albernheit oder Verdrehtheit einzuwerfen, was sie dann als
ihre weibliche Anmut und Beweglichkeit ausgaeben, im Grunde aber eine
Unredlichkeit sei, und um so abscheulicher, als sie halb und halb von
bewusster Absicht begleitet sei, um hinter diesem Durcheinander allen
schlechten Instinkten und Querkoepfigkeiten desto bequemer zu froenen.
Deshalb schmollte und grollte ich von vornherein mit allem Weibervolk
und wuerdigte keines eines offenkundigen Blickes. In Indien, als ich
mehr zufrieden war und keinen Groll fuerder hegte, gab es zwar viel
Frauensleute, sowohl indischen Gebluetes, als auch eine Menge
englischer, da viele Kaufleute, Offiziere und Soldaten ihre Familie
bei sich hatten. Doch diese Indierinnen, die schoen waren wie die
Blumen und gut wie Zucker aussahen und sprachen, waren eben nichts
weiter als dies und ruehrten mich nicht im mindesten, da Schoenheit
und Guete ohne Salz und Wehrbarkeit, mir langweilig vorkamen, und es
war mir peinlich zu denken, wie eine solche Frau, wenn sie mein waere,
sich auf keine Weise gegen meine etwaigen schlimmen Launen zu wehren
vermoechte. Die europaeischen Weiber dagegen, die ich sah, welche
groesstenteils aus Grossbritannien herstammten, schienen schon eher
wehrhaft zu sein, jedoch waren sie weniger gut und selbst wenn sie es
waren, so betrieben sie die Guete und Ehrbarkeit wie ein abscheulich
nuechternes und hausbackenes Handwerk, und selbst die edle
Weiblichkeit, auf die sich diese selbstbewussten respektablen Weibsen
so viel zugute taten, handhabten sie eher als Wuerzkraemer, denn als
Weiber. Hier wird ein Quentchen ausgewogen und dort ein Quentchen
sorglich in die loeschpapierne Duete der Philisterhaftigkeit
gewickelt. Ueberdies war mir immer, als ob durch das Innerste aller
dieser abendlaendischen Schoenen und Unschoenen ein tiefer Zug von
Gemeinheit zoege, die Krankheit unserer Zeit, welche sie zwar nur von
unserem Geschlechte, von uns Herren Europaeern, ueberkommen konnten,
aber die gerade bei den anderen wieder zu einem neuen verdoppelten
UEbel wird. Denn es sind ueble Zeiten, wo die Geschlechter ihre
Krankheiten austauschen und eines dem andern seine angeborenen
Schwachheiten mitteilt. Dies waren so meine unwissenden
hypochondrischen Gedanken ueber die Weiber, welche meinem Verhalten
gegen sie zugrunde lagen und mit welchen ich meiner Wege ging, ohne
mich um eine zu bekuemmern.
"Als nun die schoene Lydia bei uns anlangte und ich mich taeglich in
ihrer Naehe befand, erhielt meine ganze Weisheit einen Stoss und fiel
zusammen. Es war mir gleich von Grund aus wohl zumute, wenn sie
zugegen war, und ich wusste nicht, was ich hieraus machen sollte.
Hoechlich verwundert war ich, weder Groll noch Verachtung gegen diese
zu empfinden, weder Geringschaetzung, noch jene Lust, doch verstohlen
nach ihr hinzuschielen; vielmehr freute ich mich ganz unbefangen ueber
ihr Dasein und sah sie ohne Unbescheidenheit, aber frei und offen an,
wenn ich in ihrer Naehe zu tun hatte. Dies fiel mir um so leichter,
als ich in meiner Stellung als armer Soldat kein Wort an sie zu
richten brauchte, ohne gefragt zu werden, und also kein anderes
Benehmen zu beobachten hatte, als dasjenige eines sich
aufrechthaltenden ernsthaften Unteroffiziers. Auch war mir das
Schweigen, besonders gegenueber den Weibern, so zur andern Natur
geworden durch das langjaehrige Kopfhaengen, dass ich beim besten
Willen jetzt nicht haette eine Ausnahme machen koennen, auch wenn es
sich geschickt haette. Dennoch fuehlte ich ein grosses und
ungewoehnliches Wohlwollen fuer diese Person, war in meinem Herzen
sehr gut auf sie zu sprechen und ihr zu Gefallen veraenderte ich meine
schlechten Ansichten von den Frauen und dachte mir, es muesste doch
nicht so uebel mit ihnen stehen, wenigstens sollten sie um dieser
einen willen von nun an mehr Gnade finden bei mir. Ich war sehr froh,
wenn Lydia zugegen war oder wenn ich Veranlassung fand, mich dahin zu
verfuegen, wo sie eben war; doch tat ich deswegen nicht einen Schritt
mehr, als im natuerlichen Gange der Dinge lag; nicht einmal blickte
oder ging ich, wenn ich mich im gleichen Raume mit ihr befand, ohne
einen bestimmten vernuenftigen Grund nach ihr hin und fuehlte
ueberhaupt eine solche Ruhe in mir, wie das kuehle Meerwasser, wenn
kein Wind sich regt und die Sonne obenhin daraufscheint.
"Dies verhielt sich so ungefaehr ein halbes Jahr, ein Jahr oder auch
etwas darueber, ich weiss es nicht mehr genau; denn die ganze
Zeitrechnung von damals ist mir verlorengegangen, der ganze Zeitraum
schwebt mir nur noch wie ein schwueler von Traeumen durchzogener
Sommertag vor. Waehrend dieses Anfanges nun, dessen laengere oder
kuerzere Dauer ich nicht mehr weiss, ging so alles gut und ruhig
vonstatten. Die Dame, obgleich sie mich oefters sehen musste, hatte
nicht besonders viel mit mir zu verkehren oder zu sprechen, wenn sie
es aber tat, so war sie ausserordentlich freundlich und tat es nie,
ohne mit einem kindlichen harmlosen Lachen ihres schoenen Gesichtes,
was ich dann dankbarst damit erwiderte, dass ich ein um so ehrbareres
Gesicht machte und den Mund nicht verzog, indem ich sagte: Sehr wohl,
mein Fraeulein! oder auch unbefangen widersprach, wenn sie sich irrte,
was indes selten geschah. War sie aber nicht zugegen oder ich allein,
so dachte ich wohl vielfaeltig an sie, aber nicht im mindesten wie ein
Verliebter, sondern wie ein guter Freund oder Verwandter, welcher
aufrichtig um sie bekuemmert war, ihr alles Wohlergehen wuenschte und
allerlei gute Dinge fuer sie ausdachte. Kaum ging eine leise
Veraenderung dadurch mit mir vor, wenn ich mich recht entsinne, dass
ich gegenueber dem Gouverneur ein wenig mehr auf mich hielt, ein wenig
mehr den Soldaten hervorkehrte, der nichts als seine Pflicht kennt,
und in meinen uebrigen Dienstleistungen mehr den Schein der
Unabhaengigkeit wahrte, wie ich denn auch in keinerlei Lohnverhaeltnis
zu ihm stand und, nachdem die eigentliche Arbeit auf seinem Bureau
getan, wofuer ich besoldet war, alles uebrige als ein guter Vertrauter
mitmachte und nur, da es die Gelegenheit mit sich brachte, etwa mit
ihm ass und trank. Und so war ich, wie schon gesagt, vollkommen ruhig
und zufrieden, was sich freilich auf meine besondere Weise ausnehmen
mochte.
"Da geschah es eines Tages, als ich unter den schattigen Baeumen mir zu
tun machte, dass die Lydia innerhalb einer kurzen Stunde dreimal
herkam, ohne dass sie etwas da zu tun oder auszurichten hatte. Das
erstemal setzte sie sich auf einen umgestuerzten Korb und ass ein
kleines Koerbchen voll roter Kirschen auf, indem sie fortwaehrend mit
mir plauderte und mich zum Reden veranlasste. Das andere Mal kam sie
und rueckte den Korb ganz nahe an das Rosenbaeumchen, das ich eben
saeuberte, setzte sich abermals darauf und naehte ein weisses seidenes
Band auf ein zierliches Nachthaeubchen oder was es war; denn genau
konnte ich es nicht unterscheiden, da ich diesmal kaum hinsah und ihr
nur wenig Bescheid gab, indem ich etwas verlegen wurde. Sie ging bald
wieder fort und kam zum dritten Male mit einem feinen kunstvoll in
Elfenbein gearbeiteten Geduldspiel aus China, packte den alten Korb
und schleppte ihn wieder weg, indem sie sich in einiger Entfernung
daraufsetzte, mir den Ruecken zuwendend, und ganz still das Spiel zu
loesen versuchte. Ich blickte jetzt unverwandt nach ihr hin, bis sie,
das Spielzeug in die Tasche steckend, unversehens sich erhob und einen
seltsamen wohllautenden Triller singend davonging, ohne sich wieder
nach mir umzusehen. Dies alles wollte mir nicht klar sein noch
einleuchten, und meine Seele ruempfte leise die Nase zu diesem Tun;
aber von Stund an war ich verliebt in Lydia.
"In der wunderbarsten gelinden Aufregung liess ich mein Baeumchen
stehen, holte die Doppelbuechse und streifte in den Abend hinaus weit
in die Wildnis. Viele Tiere sah ich wohl, aber alle vergass ich zu
schiessen; denn wie ich auf eines anschlagen wollte, dachte ich wieder
an das Benehmen dieser Dame und verlor so das Tier aus den Augen.
"Was will sie von dir, dachte ich, und was soll das heissen? Indem ich
aber hierueber hin und her sann, entstand und lohete schon eine grosse
Dankbarkeit in mir fuer alles moegliche und unmoegliche, was irgend in
dem Vorfalle liegen mochte, wogegen mein Ordnungssinn und das
Bewusstsein meiner geringen und wenig anmutigen Person den
widerwaertigsten Streit erhob. Als ich hieraus nicht klug wurde,
verfielen meine Gedanken ploetzlich auf den Ausweg, dass diese
scheinbar so schoene und tuechtige Frau am Ende ganz einfach ein
leichtfertiges und verbuhltes Wesen sei, das sich zu schaffen mache,
mit wem es sei, und selbst mit einem armen Unteroffizier eine
schlechte Geschichte anzuheben nicht verschmaehe. Diese verwuenschte
Ansicht tat mir so weh und traf mich so unvermutet, dass ich
wutentbrannt einen ungeheuren rauhen Eber niederschoss, der eben durch
die hohen Bergkraeuter heranbrach, und meine Kugel sass fast
gleichzeitig und ebenso unvermutet und unwillkommen in seinem Gehirn,
wie jener niedertraechtige Gedanke in dem meinigen, und schon war mir
zumute, als ob das wilde Tier noch zu beneiden waere um seine
Errungenschaft im Vergleich zu der meinigen. Ich setzte mich auf die
tote Bestie; vor meinen Gedanken ging die schoene Gestalt vorueber und
ich sah sie deutlich, wie sie die drei Male gekommen war, mit jeder
ihrer Bewegungen, und jedes Wort toente noch nach. Aber
merkwuerdigerweise ging dies gute Gedaechtnis noch ueber diesen Tag
hinaus und zurueck ueberhaupt bis auf den ersten Tag, wo ich sie
gesehen, den ganzen Zeitraum hindurch, wo ich doch gaenzlich ruhig
gewesen. Wie man bei ganz durchsichtiger Luft, wenn es Regen geben
will, an entfernten Bergen viele Einzelheiten deutlich sieht, die man
sonst nicht wahrnimmt, und in stiller Nacht die fernsten Glocken
schlagen hoert, so entdeckte ich jetzt mit Verwunderung, dass aus
jenem ganzen Zeitraume jede Art und Wendung ihrer Erscheinung, jedes
einzelne Auftreten sich ohne mein Wissen mir eingepraegt hatte, und
fast jedes ihrer Worte, selbst das gleichgueltigste und
voruebergehendste, hoerte ich mit klar vernehmlichem Ausdruck in der
Stille dieser Wildnis wieder toenen. Diese saemtliche Herrlichkeit
hatte also gleichsam schlafend oder heimlicherweise sich in mir
aufgehalten und der heutige Vorgang hatte nur den Riegel davor
weggeschoben oder eine Fackel in ein Bund Stroh geworfen. Ich vergass
ueber diesen Dingen wieder meinen schlechten Zorn und beschaeftigte
mich rueckhaltlos mit der Ausbeutung meines guten Gedaechtnisses und
schenkte demselben nicht den kleinsten Zug, den es mir von dem Bilde
Lydias irgend liefern konnte. Auf diese Weise schlenderte ich denn
auch wieder der Behausung zu und ueberliess mich allein diesen
angenehmen Vorstellungen; jedoch vermochte ich nun nicht mehr so
unbefangen und ruhig in ihrer Naehe zu sein, und da ich nichts anderes
anzufangen wusste noch gesonnen war, so vermied ich moeglichst jeden
Verkehr mit ihr, um desto eifriger an sie zu denken. So vergingen drei
oder vier Wochen, ohne dass etwas weiteres vorfiel, als dass ich
bemerkte, dass sie bei aller Zurueckhaltung, die sie nun beobachtete,
dennoch keine Gelegenheit versaeumte, irgend etwas zu meinen Gunsten
zu tun oder zu sagen, und sie fing an, mir voellig nach dem Munde oder
zu Gefallen zu sprechen, da sie Ausdruecke brauchte, welche ich etwa
gebraucht, und die Dinge so beurteilte, wie ich es zu tun gewohnt war.
Dies schien nun erst nichts Besonderes, weil es mich eben von jeher
angenehm duenkte, in ihr ganz dieselben Ansichten vom Zweckmaessigen
oder vom Verkehrten zu entdecken, deren ich mich selber befleissigte;
auch lachte sie ueber dieselben Dinge, ueber welche ich lachen musste,
oder aergerte sich ueber die naemlichen Unschicklichkeiten, so etwa
vorfielen. Aber zuletzt ward es so auffaellig, dass sie mir, da ich
kaum ein Wort mit ihr zu sprechen hatte, zu Gefallen zu leben suchte,
und zwar nicht wie eine schelmische Kokette, sondern wie ein einfaches
argloses Kind, dass ich in die groesste Verwirrung geriet und vollends
nicht mehr wusste, wie ich mich stellen sollte. So fand ich denn, um
mich zu salvieren, unverfaenglich mein Heil in meiner alten
wohlhergestellten Schmollkunst und verhaertete mich vollkommen in
derselben, zumal ich mich nichts weniger als gluecklich fuehlte in
diesem sonderbaren Verhaeltnis. Nun schien sie wahrhaft bekuemmert und
niedergeschlagen, kleinlaut und schuechtern zu werden, was zu ihrem
sonstigen resoluten und tuechtigen Wesen eine verfuehrerische Wirkung
hervorbrachte, da man an den gewoehnlichen Weibern und, je kleinlicher
sie sind, desto weniger gewohnt ist, sie durch solche schuechterne
Bescheidenheit glaenzen und bestechen zu sehen. Vielmehr glauben sie,
nichts stehe ihnen besser zu Gesicht, als eine schreckliche Sicherheit
und Unverschaemtheit. Da nun sogar noch der alte Gouverneur anfing, in
einer mir unverstaendlichen und wenig delikaten Laune zu sticheln und
zu scherzen und zehnmal des Tages sagte: 'Wahrhaftig, Lydia, du bist
verliebt in den Pankrazius!' so ward mir das Ding zu bunt; denn ich
hielt das fuer einen sehr schlechten Spass, in betreff auf seine
Tochter fuer geschmacklos und vom ordinaersten Tone, in bezug auf mich
aber fuer gewissenlos und roh, und ich war oft im Begriff, es ihm
offen zu sagen und mich den Teufel um ihn weiter zu kuemmern.
Letzteres tat ich auch insofern, als ich mich nun gaenzlich
zusammennahm und in mich selber verschloss. Lydia wurde eintoenig, ja
sie schien nun sogar bleich und leidend zu werden, was mich tief
bekuemmerte, ohne dass ich daraus etwas Kluges zu machen wusste. Als
sie aber trotz meines Verhaltens wieder anfing, mir nachzugehen und
sich fortwaehrend zu schaffen machte, wo ich mich aufhielt, geriet ich
in Verzweiflung und in der Verzweiflung begann ich, abgebrochene und
ungeschickte Unterhaltungen mit ihr zu pflegen. Es war gar nichts, was
wir sprachen, ganz unartikuliertes jaemmerliches Zeug, als ob wir
beide bloedsinnig waeren; allein beide schienen gar nicht hieran zu
denken, sondern lachten uns an wie Kinder; denn auch ich vergass
darueber alles andere und war endlich froh, nur diese kurzen Reden mit
ihr zu fuehren. Allein das Glueck dauerte nie laenger als zwei
Minuten, da wir den Faden aus Mangel an Ruhe und Besonnenheit sogleich
wieder verloren und dann zwei Kindern glichen, die ein Perlenband
aufgezettelt haben und mit Betruebnis die schoenen Perlen entgleiten
sehen. Alsdann dauerte es wieder wochenlang, bis eine dieser grossen
Unternehmungen wieder gelang, und nie tat ich den ersten Schritt dazu,
da ich gleich darauf wieder nur bedacht war, mir nichts zu vergeben
und keine Dummheiten zu begehen bei diesen etwas ungewoehnlichen
Leuten. Hundertmal war ich entschlossen, auf und davonzugehen, allein
die Zeit verging mir so eilig, dass ich die Tat immer wieder
hinausschieben musste. Denn meine Gedanken waren jetzt ausschliesslich
mit dieser Sache beschaeftigt und es ging mir dabei aeusserst seltsam.
"Mit den Buechern des Gouverneurs war ich endlich so ziemlich fertig
geworden und wusste nichts mehr aus denselben zu lernen. Lydia, welche
mich so oft lesen sah, benutzte diese Gelegenheit und gab mir von den
ihrigen. Darunter war ein dicker Band wie eine Handbibel und er sah
auch ganz geistlich aus, denn er war in schwarzes Leder gebunden und
vergoldet. Es waren aber lauter Schauspiele und Komoedien darin mit
der kleinsten englischen Schrift gedruckt. Dies Buch nannte man den
Shakespeare, welches der Verfasser desselben und dessen Kopf auch
vorne drin zu sehen war. Dieser verfuehrerische falsche Prophet
fuehrte mich schoen in die Patsche. Er schildert naemlich die Welt
nach allen Seiten hin durchaus einzig und wahr wie sie ist, aber nur
wie sie es in den ganzen Menschen ist, welche im Guten und im
Schlechten das Metier ihres Daseins und ihrer Neigungen vollstaendig
und charakteristisch betreiben und dabei durchsichtig wie Kristall,
jeder vom reinsten Wasser in seiner Art, so dass, wenn schlechte
Skribenten die Welt der Mittelmaessigkeit und farblosen Halbheit
beherrschen und malen und dadurch Schwachkoepfe in die Irre fuehren
und mit tausend unbedeutenden Taeuschungen anfuellen, dieser hingegen
eben die Welt des Ganzen und Gelungenen in seiner Art, d. h. wie es
sein soll, beherrscht, und dadurch gute Koepfe in die Irre fuehrt,
wenn sie in der Welt dies wesentliche Leben zu sehen und
wiederzufinden glauben. Ach es ist schon in der Welt, aber nur niemals
da, wo wir eben sind oder dann, wann wir leben. Es gibt noch verwegene
schlimme Weiber genug, aber ohne den schoenen Nachtwandel der Lady
Macbeth und das bange Reiben der kleinen Hand. Die Giftmischerinnen,
die wir treffen, sind nur frech und reulos und schreiben gar noch ihre
Geschichte oder legen einen Kramladen an, wenn sie ihre Strafe
ueberstanden. Es gibt noch Leute genug, die waehnen Hamlet zu sein,
und sie ruehmen sich dessen, ohne eine Ahnung zu haben von den grossen
Herzensgruenden eines wahren Hamlet. Hier ist ein Blutmensch, ohne
Macbeths daemonische und doch wieder so menschliche Mannhaftigkeit,
und dort ein Richard der Dritte, ohne dessen Witz und Beredsamkeit.
Hier ist eine Porzia, die nicht schoen, dort eine, die nicht
geistreich, dort wieder eine, die geistreich, aber nicht klug ist und
wohl versteht, Leute ungluecklich zu machen, nicht aber sich selbst zu
begluecken. Unsere Shylocks moechten uns wohl das Fleisch
ausschneiden, aber sie werden nun und nimmer eine Barauslage zu diesem
Behuf wagen, und unsere Kaufleute von Venedig geraten nicht wegen
eines lustigen Habenichts von Freund in Gefahr, sondern wegen
einfaeltigen Aktienschwindels und halten dann nicht im mindesten so
schoene melancholische Reden, sondern machen ein ganz dummes Gesicht
dazu. Doch eigentlich sind, wie gesagt, alle solche Leute wohl in der
Welt, aber nicht so huebsch beisammen, wie in jenen Gedichten; nie
trifft ein ganzer Schurke auf einen ganzen wehrbaren Mann, nie ein
vollstaendiger Narr auf einen unbedingt klugen Froehlichen, so dass es
zu keinem rechten Trauerspiel und zu keiner guten Komoedie kommen
kann.
"Ich aber las nun die ganze Nacht in diesem Buche und verfing mich ganz
in demselben, da es mir gar so gruendlich und sachgemaess geschrieben
schien und mir ausserdem eine solche Arbeit ebenso neu als
verdienstlich vorkam. Weil nun alles uebrige so trefflich, wahr und
ganz erschien und ich es fuer die eigentliche und richtige Welt hielt,
so verliess ich mich insbesondere auch bei den Weibern, die es
vorbrachte, ganz auf ihn, verlockt und geleitet von dem schoenen
Sterne Lydia, und ich glaubte, hier ginge mir ein Licht auf und sei
die Loesung meiner zweifelvollen Verwirrung und Qual zu finden.
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