Die Leute von Seldwyla, Vol. 1
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Gottfried Keller >> Die Leute von Seldwyla, Vol. 1
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Als Spiegel soweit erzaehlt hatte, sagte Pineiss: "Und liegt das
schoene Geld noch in dem Brunnen?" "Ja, wo sollte es sonst liegen?"
antwortete Spiegel, "denn nur ich kann es herausbringen und habe es
bis zur Stunde noch nicht getan!" "Ei ja so, richtig!" sagte Pineiss,
"ich habe es ganz vergessen ueber deiner Geschichte! Du kannst nicht
uebel erzaehlen, du Sapperloeter! Und es ist mir ganz geluestig
geworden nach einem Weibchen, die so fuer mich eingenommen waere; aber
sehr schoen muesste sie sein! Doch erzaehle jetzt schnell noch, wie
die Sache eigentlich zusammenhaengt!" "Es dauerte manche Jahre," sagte
Spiegel, "bis das Fraeulein aus bittern Seelenleiden so weit zu sich
kam, dass sie anfangen konnte, die stille alte Jungfer zu werden, als
welche ich sie kennen lernte. Ich darf mich beruehmen, dass ich ihr
einziger Trost und ihr vertrautester Freund geworden bin in ihrem
einsamen Leben bis an ihr stilles Ende. Als sie aber dieses herannahen
sah, vergegenwaertigte sie sich noch einmal die Zeit ihrer fernen
Jugend und Schoenheit und erlitt noch einmal mit milderen ergebenen
Gedanken erst die suessen Erregungen und dann die bittern Leiden jener
Zeit, und sie weinte still sieben Tage und Naechte hindurch ueber die
Liebe des Juenglings, deren Genuss sie durch ihr Misstrauen verloren
hatte, so dass ihre alten Augen noch kurz vor dem Tode erblindeten.
Dann bereute sie den Fluch, welchen sie ueber jenen Schatz
ausgesprochen, und sagte zu mir, indem sie mich mit dieser wichtigen
Sache beauftragte: 'Ich bestimme nun anders, lieber Spiegel! und gebe
dir die Vollmacht, dass du meine Verordnung vollziehest. Sieh dich um
und suche, bis du eine bildschoene, aber unbemittelte Frauensperson
findest, welcher es ihrer Armut wegen an Freiern gebricht! Wenn sich
dann ein verstaendiger, rechtlicher und huebscher Mann finden sollte,
der sein gutes Auskommen hat, und die Jungfrau ungeachtet ihrer Armut,
nur allein von ihrer Schoenheit bewegt, zur Frau begehrt, so soll
dieser Mann mit den staerksten Eiden sich verpflichten, derselben so
treu, aufopfernd und unabaenderlich ergeben zu sein, wie es mein
ungluecklicher Liebster gewesen ist, und dieser Frau sein Leben lang
in allen Dingen zu willfahren. Dann gib der Braut die zehntausend
Goldgulden, welche im Brunnen liegen, zur Mitgift, dass sie ihren
Braeutigam am Hochzeitmorgen damit ueberrasche!' So sprach die Selige,
und ich habe meiner widrigen Geschicke wegen versaeumt, dieser Sache
nachzugehen, und muss nun befuerchten, dass die Arme deswegen im Grabe
noch beunruhigt sei, was fuer mich eben auch nicht die angenehmsten
Folgen haben kann!"
Pineiss sah den Spiegel misstrauisch an und sagte: "Waerst du wohl
imstande, Buerschchen! mir den Schatz ein wenig nachzuweisen und
augenscheinlich zu machen?"
"Zu jeder Stunde!" versetzte Spiegel, "aber Ihr muesst wissen, Herr
Stadthexenmeister! dass Ihr das Gold nicht etwa so ohne weiteres
herausfischen duerftet. Man wuerde Euch unfehlbar das Genick umdrehen;
denn es ist nicht ganz geheuer in dem Brunnen, ich habe darueber
bestimmte Inzichten, welche ich aus Ruecksichten nicht naeher
beruehren darf!"
"Hei, wer spricht denn von Herausholen?" sagte Pineiss etwas
furchtsam, "fuehre mich einmal hin und zeige mir den Schatz! Oder
vielmehr will ich dich fuehren an einem guten Schnuerlein, damit du
mir nicht entwischest!"
"Wie Ihr wollt!" sagte Spiegel, "aber nehmt auch eine andere lange
Schnur mit und eine Blendlaterne, welche Ihr daran in den Brunnen
hinablassen koennt; denn der ist sehr tief und dunkel!" Pineiss
befolgte diesen Rat und fuehrte das muntere Kaetzchen nach dem Garten
jener Verstorbenen. Sie ueberstiegen miteinander die Mauer, und
Spiegel zeigte dem Hexer den Weg zu dem alten Brunnen, welcher unter
verwildertem Gebuesche verborgen war. Dort liess Pineiss sein
Laternchen hinunter, begierig nachblickend, waehrend er den
angebundenen Spiegel nicht von der Hand liess. Aber richtig sah er in
der Tiefe das Gold funkeln unter dem gruenlichen Wasser und rief:
"Wahrhaftig, ich seh's, es ist wahr! Spiegel, du bist ein
Tausendskerl!" Dann guckte er wieder eifrig hinunter und sagte:
"Moegen es auch zehntausend sein?" "Ja, das ist nun nicht zu
schwoeren!" sagte Spiegel, "ich bin nie da unten gewesen und hab's
nicht gezaehlt! Ist auch moeglich, dass die Dame dazumal einige
Stuecke auf dem Wege verloren hat, als sie den Schatz hierher trug, da
sie in einem aufgeregten Zustande war." "Nun, seien es auch ein
Dutzend oder mehr weniger!" sagte Herr Pineiss, "es soll mir darauf
nicht ankommen!" Er setzte sich auf den Rand des Brunnens, Spiegel
setzte sich auch nieder und leckte sich das Pfoetchen. "Da waere nun
der Schatz!" sagte Pineiss, indem er sich hinter den Ohren kratzte,
"und hier waere auch der Mann dazu; fehlt nur noch das bildschoene
Weib!" "Wie?" sagte Spiegel. "Ich meine, es fehlt nur noch diejenige,
welche die Zehntausend als Mitgift bekommen soll, um mich damit zu
ueberraschen am Hochzeitmorgen, und welche alle jene angenehmen
Tugenden hat, von denen du gesprochen !" "Hm!" versetzte Spiegel, "die
Sache verhaelt sich nicht ganz so, wie Ihr sagt! Der Schatz ist da,
wie Ihr richtig einseht; das schoene Weib habe ich, um es aufrichtig
zu gestehen, allbereits auch schon ausgespuert; aber mit dem Mann, der
sie unter diesen schwierigen Umstaenden heiraten moechte, da hapert es
eben; denn heutzutage muss die Schoenheit obenein vergoldet sein, wie
die Weihnachtsnuesse, und je hohler die Koepfe werden, desto mehr sind
sie bestrebt, die Leere mit einigem Weibergut nachzufuellen, damit sie
die Zeit besser zu verbringen vermoegen; da wird dann mit wichtigem
Gesicht ein Pferd besehen und ein Stueck Sammet gekauft, mit Laufen
und Rennen eine gute Armbrust bestellt, und der Buechsenschmied kommt
nicht aus dem Hause; da heisst es, ich muss meinen Wein einheimsen und
meine Faesser putzen, meine Baeume putzen lassen und mein Dach decken;
ich muss meine Frau ins Bad schicken, sie kraenkelt und kostet mich
viel Geld, und muss mein Holz fahren lassen und mein Ausstehendes
eintreiben; ich habe ein Paar Windspiele gekauft und meine Bracken
vertauscht, ich habe einen schoenen eichenen Ausziehtisch eingehandelt
und meine grosse Nussbaumlade drangegeben; ich habe meine
Bohnenstangen geschnitten, meinen Gaertner fortgejagt, mein Heu
verkauft und meinen Salat gesaet, immer mein und mein vom Morgen bis
zu Abend. Manche sagen sogar: ich habe meine Waesche die naechste
Woche, ich muss meine Betten sonnen, ich muss eine Magd dingen und
einen neuen Metzger haben, denn den alten will ich abschaffen; ich
habe ein allerliebstes Waffeleisen erstanden, durch Zufall, und habe
mein silbernes Zimmetbuechschen verkauft, es war mir so nichts nuetze;
alles das sind wohlverstanden die Sachen der Frau, und so verbringt
ein solcher Kerl die Zeit und stiehlt unserm Herrgott den Tag ab,
indem er alle diese Verrichtungen aufzaehlt, ohne einen Streich zu
tun. Wenn es hochkommt und ein solcher Patron sich etwa ducken muss,
so wird er vielleicht sagen: unsere Kuehe und unsere Schweine, aber--"
Pineiss riss den Spiegel an der Schnur, dass er miau! schrie, und
rief: "Genug, du Plappermaul! Sag' jetzt unverzueglich: wo ist sie,
von der du weisst?" Denn die Aufzaehlung aller dieser Herrlichkeiten
und Verrichtungen, die mit einem Weibergute verbunden sind, hatte dem
duerren Hexenmeister den Mund nur noch waesseriger gemacht. Spiegel
sagte erstaunt: "Wollt Ihr denn wirklich das Ding unternehmen, Herr
Pineiss?"
"Versteht sich, will ich! Wer sonst als ich? Drum heraus damit: wo ist
diejenige?"
"Damit Ihr hingehen und sie freien koennt?"
"Ohne Zweifel!" "So wisset, die Sache geht nur durch meine Hand! mit
mir muesst Ihr sprechen, wenn Ihr Geld und Frau wollt!" sagte Spiegel
kaltbluetig und gleichgueltig und fuhr sich mit den beiden Pfoten
eifrig ueber die Ohren, nachdem er sie jedesmal ein bisschen nass
gemacht. Pineiss besann sich sorgfaeltig, stoehnte ein bisschen und
sagte: "Ich merke, du willst unsern Kontrakt aufheben und deinen Kopf
salvieren!"
"Schiene Euch das so uneben und unnatuerlich?"
"Du betruegst mich am Ende und beluegst mich, wie ein Schelm!"
"Dies ist auch moeglich!" sagte Spiegel.
"Ich sage dir: Betruege mich nicht!" rief Pineiss gebieterisch.
"Gut, so betruege ich Euch nicht!" sagte Spiegel.
"Wenn du's tust!"
"So tu' ich's."
"Quaele mich nicht, Spiegelchen!" sprach Pineiss beinahe weinerlich,
und Spiegel erwiderte jetzt ernsthaft: "Ihr seid ein wunderbarer
Mensch, Herr Pineiss! Da haltet Ihr mich an einer Schnur gefangen und
zerrt daran, dass mir der Atem vergeht! Ihr lasset das Schwert des
Todes ueber mir schweben seit laenger als zwei Stunden, was sag' ich!
seit einem halben Jahre! und nun sprecht Ihr: Quaele mich nicht,
Spiegelchen!
"Wenn Ihr erlaubt, so sage ich Euch in Kuerze: Es kann mir nur lieb
sein, jene Liebespflicht gegen die Tote doch noch zu erfuellen und
fuer das bewusste Frauenzimmer einen tauglichen Mann zu finden, und
Ihr scheint mir allerdings in aller Hinsicht zu genuegen; es ist keine
Leichtigkeit, ein Weibstueck wohl unterzubringen, so sehr dies auch
scheint, und ich sage noch einmal: ich bin froh, dass Ihr Euch hierzu
bereitfinden lasset! Aber umsonst ist der Tod! Eh' ich ein Wort weiter
spreche, einen Schritt tue, ja eh' ich nur den Mund noch einmal
aufmache, will ich erst meine Freiheit wieder haben und mein Leben
versichert! Daher nehmt diese Schnur weg und legt den Kontrakt hier
auf den Brunnen, hier auf diesen Stein, oder schneidet mir den Kopf
ab, eins von beiden!"
"Ei du Tollhaeusler und Obenhinaus!" sagte Pineiss, "du Hitzkopf, so
streng wird es nicht gemeint sein? Das will ordentlich besprochen sein
und muss jedenfalls ein neuer Vertrag geschlossen werden!" Spiegel gab
keine Antwort mehr und sass unbeweglich da, ein, zwei und drei
Minuten. Da ward dem Meister baenglich, er zog seine Brieftasche
hervor, klaubte seufzend den Schein heraus, las ihn noch einmal durch
und legte ihn dann zoegernd vor Spiegel hin. Kaum lag das Papier dort,
so schnappte es Spiegel auf und verschlang es; und obgleich er heftig
daran zu wuergen hatte, so duenkte es ihn doch die beste und
gedeihlichste Speise zu sein, die er je genossen, und er hoffte, dass
sie ihm noch auf lange wohlbekommen und ihn rundlich und munter machen
wuerde. Als er mit der angenehmen Mahlzeit fertig war, begruesste er
den Hexenmeister hoeflich und sagte: "Ihr werdet unfehlbar von mir
hoeren, Herr Pineiss, und Weib und Geld sollen Euch nicht entgehen.
Dagegen macht Euch bereit, recht verliebt zu sein, damit Ihr jene
Bedingungen einer unverbruechlichen Hingebung an die Liebkosungen
Eurer Frau, die schon sogut wie Euer ist, ja beschwoeren und erfuellen
koennt! Und hiermit bedanke ich mich des vorlaeufigen fuer genossene
Pflege und Bekoestigung und beurlaube mich."
Somit ging Spiegel seines Weges und freute sich ueber die Dummheit des
Hexenmeisters, welcher glaubte, sich selbst und alle Welt betruegen zu
koennen, indem er ja die gehoffte Braut nicht uneigennuetzig, aus
blosser Liebe zur Schoenheit ehelichen wollte, sondern den Umstand mit
den zehntausend Goldgulden vorher wusste. Indessen hatte er schon eine
Person im Auge, welche er dem toerichten Hexenmeister aufzuhalsen
gedachte fuer seine gebratenen Krammetsvoegel, Maeuse und Wuerstchen.
Dem Hause des Herrn Pineiss gegenueber war ein anderes Haus, dessen
vordere Seite auf das sauberste geweisst war und dessen Fenster immer
frisch gewaschen glaenzten. Die bescheidenen Fenstervorhaenge waren
immer schneeweiss und wie soeben geplaettet, und ebenso weiss war der
Habit und das Kopf- und Halstuch einer alten Beghine, welche in dem
Hause wohnte, also dass ihr nonnenartiger Kopfputz, der ihre Brust
bekleidete, immer wie aus Schreibpapier gefaltet aussah, so dass man
gleich darauf haette schreiben moegen; das haette man wenigstens auf
der Brust bequem tun koennen, da sie so eben und so hart war wie ein
Brett. So scharf die weissen Kanten und Ecken ihrer Kleidung, so
scharf war auch die lange Nase und das Kinn der Beghine, ihre Zunge
und der boese Blick ihrer Augen; doch sprach sie nur wenig mit der
Zunge und blickte wenig mit den Augen, da sie die Verschwendung nicht
liebte und alles nur zur rechten Zeit und mit Bedacht verwendete. Alle
Tage ging sie dreimal in die Kirche, und wenn sie in ihrem frischen,
weissen und knitternden Zeuge und mit ihrer weissen spitzigen Nase
ueber die Strasse ging, liefen die Kinder furchtsam davon, und selbst
erwachsene Leute traten gern hinter die Haustuere, wenn es noch Zeit
war. Sie stand aber wegen ihrer strengen Froemmigkeit und
Eingezogenheit in grossem Rufe und besonders bei der Geistlichkeit in
hohem Ansehen, aber selbst die Pfaffen verkehrten lieber schriftlich
mit ihr als muendlich, und wenn sie beichtete, so schoss der Pfarrer
jedesmal so schweisstriefend aus dem Beichtstuhl heraus, als ob er aus
einem Backofen kaeme. So lebte die fromme Beghine, die keinen Spass
verstand, in tiefem Frieden und blieb ungeschoren. Sie machte sich
auch mit niemand zu schaffen und liess die Leute gehen, vorausgesetzt,
dass sie ihr aus dem Wege gingen; nur auf ihren Nachbar Pineiss schien
sie einen besonderen Hass geworfen zu haben; denn so oft er sich an
seinem Fenster blicken liess, warf sie ihm einen boesen Blick hinueber
und zog augenblicklich ihre weissen Vorhaenge vor, und Pineiss
fuerchtete sie wie das Feuer, und wagte nur zuhinterst in seinem
Hause, wenn alles gut verschlossen war, etwa einen Witz ueber sie zu
machen. So weiss und hell aber das Haus der Beghine nach der Strasse
zu aussah, so schwarz und raeucherig, unheimlich und seltsam sah es
von hinten aus, wo es jedoch fast gar nicht gesehen werden konnte, als
von den Voegeln des Himmels und den Katzen auf den Daechern, weil es
in eine dunkle Winkelei von himmelhohen Brandmauern ohne Fenster
hineingebaut war, wo nirgends ein menschliches Gesicht sich sehen
liess. Unter dem Dache dort hingen alte zerrissene Unterroecke, Koerbe
und Kraeutersaecke, auf dem Dache wuchsen ordentliche Eibenbaeumchen
und Dornstraeucher, und ein grosser russiger Schornstein ragte
unheimlich in die Luft. Aus diesem Schornstein aber fuhr in der
dunklen Nacht nicht selten eine Hexe auf ihrem Besen in die Hoehe,
jung und schoen und splitternackt, wie Gott die Weiber geschaffen und
der Teufel sie gern sieht. Wenn sie aus dem Schornstein fuhr, so
schnupperte sie mit dem feinsten Naeschen und mit laechelnden
Kirschenlippen in der frischen Nachtluft und fuhr in dem weissen
Scheine ihres Leibes dahin, indes ihr langes rabenschwarzes Haar wie
eine Nachtfahne hinter ihr herflatterte. In einem Loch am Schornstein
sass ein alter Eulenvogel, und zu diesem begab sich jetzt der befreite
Spiegel, eine fette Maus im Maule, die er unterwegs gefangen.
"Wuensch' guten Abend, liebe Frau Eule! Eifrig auf der Wacht?" sagte
er, und die Eule erwiderte: "Muss wohl! Wuensch' gleichfalls guten
Abend! Ihr habt Euch lange nicht sehen lassen, Herr Spiegel!"
"Hat seine Gruende gehabt, werde Euch das erzaehlen. Hier habe ich
Euch ein Maeuschen gebracht, schlecht und recht, wie es die Jahreszeit
gibt, wenn Ihr's nicht verschmaehen wollt! Ist die Meisterin
ausgeritten?"
"Noch nicht, sie will erst gegen Morgen auf ein Stuendchen hinaus.
Habt Dank fuer die schoene Maus! Seid doch immer der hoefliche
Spiegel! Habe hier einen schlechten Sperling zur Seite gelegt, der mir
heut zu nahe flog; wenn Euch beliebt, so kostet den Vogel! Und wie ist
es Euch denn ergangen?"
"Fast wunderlich," erwiderte Spiegel, "sie wollten mir an den Kragen.
Hoert, wenn es Euch gefaellig ist." Waehrend sie nun vergnueglich ihr
Abendessen einnahmen, erzaehlte Spiegel der aufmerksamen Eule alles,
was ihn betroffen und wie er sich aus den Haenden des Herrn Pineiss
befreit habe. Die Eule sagte: "Da wuensch' ich tausendmal Glueck, nun
seid Ihr wieder ein gemachter Mann, und koennt gehen, wo Ihr wollt,
nachdem Ihr mancherlei erfahren!"
"Damit sind wir noch nicht zu Ende," sagte Spiegel, "der Mann muss
seine Frau und seine Goldgulden haben!"
"Seid Ihr von Sinnen, dem Schelm noch wohlzutun, der Euch das Fell
abziehen wollte?"
"Ei, er hat es doch rechtlich und vertragsmaessig tun koennen, und da
ich ihn in gleicher Muenze wieder bedienen kann, warum sollt' ich es
unterlassen? Wer sagt denn, dass ich ihm wohltun will? Jene Erzaehlung
war eine reine Erfindung von mir, meine in Gott ruhende Meisterin war
eine simple Person, welche in ihrem Leben nie verliebt, noch von
Anbetern umringt war, und jener Schatz ist ein ungerechtes Gut, das
sie einst ererbt und in den Brunnen geworfen hat, damit sie kein
Unglueck daran erlebe. 'Verflucht sei, wer es da herausnimmt und
verbraucht,' sagte sie. Es macht sich also in Betreff des Wohltuns!"
"Dann ist die Sache freilich anders! Aber nun, wo wollt Ihr die
entsprechende Frau hernehmen?" "Hier aus diesem Schornstein! Deshalb
bin ich gekommen, um ein vernuenftiges Wort mit Euch zu reden!
Moechtet Ihr denn nicht einmal wieder freiwerden aus den Banden dieser
Hexe? Sinnt nach, wie wir sie fangen und mit dem alten Boesewicht
verheiraten!"
"Spiegel, Ihr braucht Euch nur zu naehern, so weckt Ihr mir
erspriessliche Gedanken."
"Das wusst' ich wohl, dass Ihr klug seid! Ich habe das Meinige getan
und es ist besser, dass Ihr auch Euren Senf dazugebt und neue Kraefte
vorspannt, so kann es gewiss nicht fehlen!"
"Da alle Dinge so schoen zusammentreffen, so brauche ich nicht lang zu
sinnen, mein Plan ist laengst gemacht!" "Wie fangen wir sie?" "Mit
einem neuen Schnepfengarn aus guten starken Hanfschnueren; geflochten
muss es sein von einem zwanzigjaehrigen Jaegerssohn, der noch kein
Weib angesehen hat, und es muss schon dreimal der Nachttau
daraufgefallen sein, ohne dass sich eine Schnepfe gefangen; der Grund
aber hiervon muss dreimal eine gute Handlung sein. Ein solches Netz
ist stark genug, die Hexe zu fangen."
"Nun bin ich neugierig, wo Ihr ein solches hernehmt," sagte Spiegel,
"denn ich weiss, dass Ihr keine vergeblichen Worte schwatzt!"
"Es ist auch schon gefunden, wie fuer uns gemacht; in einem Walde
nicht weit von hier sitzt ein zwanzigjaehriger Jaegerssohn, welcher
noch kein Weib angesehen hat; denn er ist blindgeboren. Deswegen ist
er auch zu nichts zu gebrauchen, als zum Garnflechten und hat vor
einigen Tagen ein neues, sehr schoenes Schnepfengarn zustande
gebracht. Aber als der alte Jaeger es zum ersten Male ausspannen
wollte, kam ein Weib daher, welches ihn zur Suende verlocken wollte;
es war aber so haesslich, dass der alte Mann voll Schreckens davonlief
und das Garn am Boden liegenliess. Darum ist ein Tau darauf gefallen,
ohne dass sich eine Schnepfe fing, und war also eine gute Handlung
daran schuld. Als er des andern Tages hinging, um das Garn abermals
auszuspannen, kam eben ein Reiter daher, welcher einen schweren
Mantelsack hinter sich hatte; in diesem war ein Loch, aus welchem von
Zeit zu Zeit ein Goldstueck auf die Erde fiel. Da liess der Jaeger das
Garn abermals fallen und lief eifrig hinter dem Reiter her und
sammelte die Goldstuecke in seinen Hut, bis der Reiter sich umkehrte,
es sah und voll Grimm seine Lanze auf ihn richtete. Da bueckte der
Jaeger sich erschrocken, reichte ihm den Hut dar und sagte: 'Erlaubt,
gnaediger Herr, Ihr habt hier viel Gold verloren, das ich Euch
sorgfaeltig aufgelesen!' Dies war wiederum eine gute Handlung, indem
das ehrliche Finden eine der schwierigsten und besten ist; er war aber
so weit von dem Schnepfengarn entfernt, dass er es die zweite Nacht im
Walde liegenliess und den naehern Weg nach Hause ging. Am dritten Tage
endlich, naemlich gestern, als er eben wieder auf dem Wege war, traf
er eine huebsche Gevattersfrau an, die dem Alten um den Bart zu gehen
pflegte und der er schon manches Haeslein geschenkt hat. Darueber
vergass er die Schnepfen gaenzlich und sagte am Morgen: 'Ich habe den
armen Schnepflein das Leben geschenkt; auch gegen Tiere muss man
barmherzig sein!' Und um dieser drei guten Handlungen willen fand er,
dass er jetzt zu gut sei fuer diese Welt, und ist heute Vormittag
beizeiten in ein Kloster gegangen. So liegt das Garn noch ungebraucht
im Walde und ich darf es nur holen." "Holt es geschwind!" sagte
Spiegel, "es wird gut sein zu unserm Zweck!" "Ich will es holen,"
sagte die Eule, "steht nur solang Wache fuer mich in diesem Loch, und
wenn etwa die Meisterin den Schornstein hinaufrufen sollte, ob die
Luft rein sei? so antwortet, indem Ihr meine Stimme nachahmt: 'Nein,
es stinkt noch nicht in der Fechtschul'!'" Spiegel stellte sich in die
Nische, und die Eule flog still ueber die Stadt weg nach dem Wald.
Bald kam sie mit dem Schnepfengarn zurueck und fragte: "Hat sie schon
gerufen?" "Noch nicht!" sagte Spiegel.
Da spannten sie das Garn aus ueber den Schornstein und setzten sich
daneben still und klug: die Luft war dunkel, und es ging ein leichtes
Morgenwindchen, in welchem ein paar Sternbilder flackerten. "Ihr sollt
sehen," fluesterte die Eule, "wie geschickt die durch den Schornstein
heraufzusaeuseln versteht, ohne sich die blanken Schultern schwarz zu
machen!" "Ich hab' sie noch nie so nah gesehen," erwiderte Spiegel
leise, "wenn sie uns nur nicht zu fassen kriegt!" Da rief die Hexe von
unten: "Ist die Luft rein?" Die Eule rief: "Ganz rein, es stinkt
herrlich in der Fechtschul'!" und alsobald kam die Hexe heraufgefahren
und wurde in dem Garne gefangen, welches die Katze und die Eule
eiligst zusammenzogen und verbanden. "Haltet fest!" sagte Spiegel, und
"Binde gut!" die Eule. Die Hexe zappelte und tobte maeuschenstill, wie
ein Fisch im Netz; aber es half ihr nichts und das Garn bewaehrte sich
auf das beste. Nur der Stiel ihres Besens ragte durch die Maschen.
Spiegel wollte ihn sachte herausziehen, erhielt aber einen solchen
Nasenstueber, dass er beinahe in Ohnmacht fiel und einsah, wie man
auch einer Loewin im Netz nicht zu nahe kommen duerfe. Endlich hielt
die Hexe still und sagte: "Was wollt ihr denn von mir, ihr
wunderlichen Tiere?" "Ihr sollt mich aus Eurem Dienste entlassen und
meine Freiheit zurueckgeben!" sagte die Eule. "So viel Geschrei und
wenig Wolle!" sagte die Hexe, "du bist frei, mach' dies Garn auf!"
"Noch nicht!" sagte Spiegel, der immer noch seine Nase rieb, "Ihr
muesst Euch verpflichten, den Stadthexenmeister Pineiss, Euren
Nachbar, zu heiraten auf die Weise, wie wir euch sagen werden, und ihn
nicht mehr zu verlassen!" Da fing die Hexe wieder an zu zappeln und zu
prusten wie der Teufel, und die Eule sagte: "Sie will nicht dran!"
Spiegel aber sagte: "Wenn Ihr nicht ruhig seid, und alles tut, was wir
wuenschen, so haengen wir das Garn samt seinem Inhalte da vorn an den
Drachenkopf der Dachtraufe, nach der Strasse zu, dass man Euch morgen
sieht und die Hexe erkennt! Sagt also: Wollt Ihr lieber unter dem
Vorsitze des Herrn Pineiss gebraten werden, oder ihn braten, indem Ihr
ihn heiratet?"
Da sagte die Hexe mit einem Seufzer: "So sprecht, wie meint Ihr die
Sache?" Und Spiegel setzte ihr alles zierlich auseinander, wie es
gemeint sei und was sie zu tun haette. "Das ist allenfalls noch
auszuhalten, wenn es nicht anders sein kann!" sagte sie und ergab sich
unter den staerksten Formeln, die eine Hexe binden koennen. Da taten
die Tiere das Gefaengnis auf und liessen sie heraus. Sie bestieg
sogleich den Besen, die Eule setzte sich hinter sie auf den Stiel und
Spiegel zuhinderst auf das Reisigbuendel und hielt sich da fest, und
so ritten sie nach dem Brunnen, in welchen die Hexe hinabfuhr, um den
Schatz heraufzuholen.
Am Morgen erschien Spiegel bei Herrn Pineiss und meldete ihm, dass er
die bewusste Person angehen und freien koenne; sie sei aber allbereits
so arm geworden, dass sie, gaenzlich verlassen und verstossen, vor dem
Tore unter einem Baum sitze und bitterlich weine. Sogleich kleidete
sich Herr Pineiss in sein abgeschabtes gelbes Sammetwaemschen, das er
nur bei feierlichen Gelegenheiten trug, setzte die bessere Pudelmuetze
auf und umguertete sich mit seinem Degen; in die Hand nahm er einen
alten gruenen Handschuh, ein Balsamflaeschchen, worin einst Balsam
gewesen und das noch ein bisschen roch, und eine papierne Nelke,
worauf er mit Spiegel vor das Tor ging, um zu freien. Dort traf er ein
weinendes Frauenzimmer sitzend unter einem Weidenbaum, von so grosser
Schoenheit, wie er noch nie gesehen; aber ihr Gewand war so duerftig
und zerrissen, dass, sie mochte sich auch schamhaft gebaerden wie sie
wollte, immer da oder dort der schneeweisse Leib ein bisschen
durchschimmerte. Pineiss riss die Augen auf und konnte vor heftigem
Entzuecken kaum seine Bewerbung vorbringen. Da trocknete die Schoene
ihre Traenen, gab ihm mit suessem Laecheln die Hand, dankte ihm mit
einer himmlischen Glockenstimme fuer seine Grossmut und schwur, ihm
ewig treu zu sein. Aber im selben Augenblicke erfuellte ihn eine
solche Eifersucht und Neideswut auf seine Braut, dass er beschloss,
sie vor keinem menschlichen Auge jemals sehen zu lassen. Er liess sich
bei einem uralten Einsiedler mit ihr trauen und feierte das
Hochzeitsmahl in seinem Hause, ohne andere Gaeste, als Spiegel und die
Eule, welche ersterer mitzubringen sich die Erlaubnis erbeten hatte.
Die zehntausend Goldgulden standen in einer Schuessel auf dem Tisch,
und Pineiss griff zuweilen hinein und wuehlte in dem Golde; dann sah
er wieder die schoene Frau an, welche in einem meerblauen Sammetkleide
dasass, das Haar mit einem goldenen Netze umflochten und mit Blumen
geschmueckt, und den weissen Hals mit Perlen umgeben. Er wollte sie
fortwaehrend kuessen, aber sie wusste verschaemt und zuechtig ihn
abzuhalten, mit einem verfuehrerischen Laecheln, und schwur, dass sie
dieses vor Zeugen und vor Anbruch der Nacht nicht tun wuerde. Dies
machte ihn nur noch verliebter und glueckseliger, und Spiegel wuerzte
das Mahl mit lieblichen Gespraechen, welche die schoene Frau mit den
angenehmsten, witzigsten und einschmeichelndsten Worten fortfuehrte,
so dass der Hexenmeister nicht wusste, wie ihm geschah vor
Zufriedenheit. Als es aber dunkel geworden, beurlaubten sich die Eule
und die Katze und entfernten sich bescheiden; Herr Pineiss begleitete
sie bis unter die Haustuere mit einem Lichte und dankte dem Spiegel
nochmals, indem er ihn einen trefflichen und hoeflichen Mann nannte,
und als er in die Stube zurueckkehrte, sass die alte weisse Beghine,
seine Nachbarin, am Tisch und sah ihn mit einem boesen Blick an.
Entsetzt liess Pineiss den Leuchter fallen und lehnte sich zitternd an
die Wand. Er hing die Zunge heraus, und sein Gesicht war so fahl und
spitzig geworden, wie das der Beghine. Diese aber stand auf, naeherte
sich ihm und trieb ihn vor sich her in die Hochzeitskammer, wo sie mit
hoellischen Kuensten ihn auf eine Folter spannte, wie noch kein
Sterblicher erlebt. So war er nun mit der Alten unaufloeslich
verehelicht, und in der Stadt hiess es, als es ruchbar wuerde: Ei
seht, wie stille Wasser tief sind! Wer haette gedacht, dass die fromme
Beghine und der Herr Stadthexenmeister sich noch verheiraten wuerden!
Nun, es ist ein ehrbares und rechtliches Paar, wenn auch nicht sehr
liebenswuerdig!
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