A / B / C / D / E /  F / G / H / I / J /  K / L / M / N / O /  P / R / S / T / UV / W / Z

Annual Bibliography of Commonwealth Literature 2007
This paper argues that discourses of love in Ghanaian market literature for youth offer a view into complex negotiations of agency and empowerment. Drawing on Deborah Durham's notion of youth as "social `shifters'" and Francis Nyamnjoh's conception of the "interconnectedness" of agency, I take Ghanaian market literature as one specific case of how African literature for youth foregrounds questions of continuity and change as African societies enter into increasingly complex global relations. In this literature for youth, received notions of love, often constructed out of impressions from American pop and hip hop music, carry new notions of agency that compete with existing "domesticated" forms. Authors like Ike Tandoh and Evelyn Tay employ discourses of love to offer youth alternative avenues for empowerment in a context of socio-economic disenfranchizement. In a creative process of "straddling", this writing both reveals and reproduces the contradictions that obtain in youth configurations of agency.

Die Leute von Seldwyla, Vol. 1

G >> Gottfried Keller >> Die Leute von Seldwyla, Vol. 1

Pages:
1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20 | 21



Dieser Mann sperrte ungeachtet des ernsten Gesichtes, das er machte,
die Augen weit auf und suchte mit denselben rings auf dem Platze ein
Haus, wie einer, der aus einem schweren Traume erwacht. Beinahe
taumelnd, sprang er aus dem Wagen, der von ungefaehr auf der Mitte des
Plaetzchens stillhielt; doch ergriff er die Loewenhaut und seinen
Saebel und ging sogleich sicheren Schrittes in das Haeuschen der
Witwe, als ob er erst vor einer Stunde aus demselben gegangen waere.
Die Mutter und Estherchen sahen dies voll Verwunderung und Neugierde
und horchten auf, ob der Fremde die Treppe heraufkaeme; denn obgleich
sie kaum noch von Pankrazius gesprochen, hatten sie in diesem
Augenblick keine Ahnung, dass er es sein koennte, und ihre Gedanken
waren von der ueberraschten Neugierde himmelweit von ihm weggefuehrt.
Doch urploetzlich erkannten sie ihn an der Art, wie er die obersten
Stufen uebersprang und ueber den kurzen Flur weg fast gleichzeitig die
Klinke der Stubentuer ergriff, nachdem er wie der Blitz vorher den
lose steckenden Stubenschluessel fester ins Schloss gestossen, was
sonst immer die Art des Verschwundenen gewesen, der in seinem
Muessiggange eine seltsame Ordnungsliebe bewaehrt hatte. Sie schrien
laut auf und standen festgebannt vor ihren Stuehlen, mit offenem Munde
nach der aufgehenden Tuere sehend. Unter dieser stand der fremde
Pankrazius mit dem duerren und harten Ernste eines fremden
Kriegsmannes, nur zuckte es ihm seltsam um die Augen, indessen die
Mutter erzitterte bei seinem Anblick und sich nicht zu helfen wusste
und selbst Estherchen zum erstenmal gaenzlich verbluefft war und sich
nicht zu regen wagte. Doch alles dies dauerte nur einen Augenblick;
der Herr Oberst, denn nichts Geringeres war der verlorene Sohn, nahm
mit der Hoeflichkeit und Achtung, welche ihn die wilde Not des Lebens
gelehrt, sogleich die Muetze ab, was er nie getan, wenn er frueher in
die Stube getreten; eine unaussprechliche Freundlichkeit, wenigstens
wie es den Frauen vorkam, die ihn nie freundlich gesehen noch also
denken konnten, verbreitete sich ueber das gefurchte und doch noch
nicht alte Soldatengesicht und liess schneeweisse Zaehne sehen, als er
auf sie zueilte und beide mit ausbrechendem Herzensweh in die Arme
schloss.

Hatte die Mutter erst vor dem martialischen und vermeintlich immer
noch boesen Sohne sonderbar gezittert, so zitterte sie jetzt erst
recht in scheuer Seligkeit, da sie sich in den Armen dieses
wiedergekehrten Sohnes fuehlte, dessen achtungsvolles Muetzenabnehmen
und dessen aufleuchtende nie gesehene Anmut, wie sie nur die Ruehrung
und die Reue gibt, sie schon wie mit einem Zauberschlage beruehrt
hatten. Denn noch ehe das Buerschchen sieben Jahre alt gewesen, hatte
es schon angefangen, sich ihren Liebkosungen zu entziehen und seither
hatte Pankraz in bitterer Sproedigkeit und Verstockung sich gehuetet,
seine Mutter auch nur mit der Hand zu beruehren, abgesehen davon, dass
er unzaehlige Male schmollend zu Bett gegangen war, ohne Gutenacht zu
sagen. Daher beduenkte es sie nun ein unbegreiflicher und wundersamer
Augenblick, in welchem ein ganzes Leben lag, als sie jetzt nach wohl
dreissig Jahren sozusagen zum erstenmal sich von dem Sohne umfangen
sah. Aber auch Estherchen beduenkte dieses veraenderte Wesen so
ernsthaft und wichtig, dass sie, die den Schmollenden tausendmal
ausgelacht hatte, jetzt nicht im mindesten den bekehrten Freundlichen
anzulachen vermochte, sondern mit klaren Traenen in den Augen nach
ihrem Sesselchen ging und den Bruder unverwandt anblickte.

Pankraz war der erste, der sich nach mehreren Minuten wieder
zusammennahm und als ein guter Soldat einen Uebergang und Ausweg
dadurch bewerkstelligte, dass er sein Gepaeck heraufbefoerderte. Die
Mutter wollte mit Estherchen helfen; aber er fuehrte sie aeusserst
holdselig zu ihrem Sitze zurueck und duldete nur, dass Estherchen zum
Wagen herunterkam und sich mit einigen leichten Sachen belud. Den
weiteren Verlauf fuehrte indessen Estherchen herbei, welche bald ihren
guten Humor wiedergewann und nicht laenger unterlassen konnte, die
Loewenhaut an dem langen gewaltigen Schwanze zu packen und auf dem
Boden herumzuziehen, indem sie sich kranklachen wollte und einmal
ueber das andere rief: "Was ist dies nur fuer ein Pelz? Was ist dies
fuer ein Ungeheuer?"

"Dies ist," sagte Pankraz, seinen Fuss auf das Fell stossend, "vor
drei Monaten noch ein lebendiger Loewe gewesen, den ich getoetet habe.
Dieser Bursche war mein Lehrer und Bekehrer und hat mir zwoelf Stunden
lang so eindringlich gepredigt, dass ich armer Kerl endlich von allem
Schmollen und Boessein fuer immer geheilt wurde. Zum Andenken soll
seine Haut nicht mehr aus meiner Hand kommen. Das war eine schoene
Geschichte!" setzte er mit einem Seufzer hinzu.

In der Voraussicht, dass seine Leutchen, im Fall er sie noch lebendig
antraefe, jedenfalls nicht viel Kostbares im Hause haetten, hatte er
in der letzten groesseren Stadt, wo er durchgereist, einen Korb guten
Weines eingekauft, sowie einen Korb mit verschiedenen guten Speisen,
damit in Seldwyla kein Gelaufe entstehen sollte und er in aller Stille
mit der Mutter und der Schwester ein Abendbrot einnehmen konnte. So
brauchte die Mutter nur den Tisch zu decken und Pankraz trug auf,
einige gebratene Huehner, eine herrliche Suelzpastete und ein Paket
feiner kleiner Kuchen; ja noch mehr! Auf dem Wege hatte er bedacht,
wie dunkel einst das armselige Tranlaempchen gebrannt und wie oft er
sich ueber die kuemmerliche Beleuchtung geaergert, wobei er kaum seine
muessigen Siebensachen handhaben gekonnt, ungeachtet die Mutter, die
doch aeltere Augen hatte, ihm immer das Laempchen vor die Nase
geschoben, wiederum zum grossen Ergoetzen Estherchens, die bei jeder
Gelegenheit ihm die Leuchte wieder wegzupraktizieren verstanden. Ach,
einmal hatte er sie zornig weinend ausgeloescht, und als die Mutter
sie bekuemmert wieder angezuendet, blies sie Estherchen lachend wieder
aus, worauf er zerrissenen Herzens ins Bett gerannt. Dies und noch
anderes war ihm auf dem Wege eingefallen, und indem er schmerzlich und
bang kaum erleben mochte, ob er die Verlassenen wiedersehen wuerde,
hatte er auch noch einige Wachskerzen eingekauft, und zuendete jetzo
zwei derselben an, so dass die Frauensleute sich nicht zu lassen
wussten vor Verwunderung ob all der Herrlichkeit.

Dergestalt ging es wie aus einer kleinen Hochzeit in dem Haeuschen der
Witwe, nur viel stiller, und Pankraz benutzte das helle Licht der
Kerzen, die gealterten Gesichter seiner Mutter und Schwester zu sehen,
und dies Sehen ruehrte ihn staerker, als alle Gefahren, denen er ins
Gesicht geschaut. Er verfiel in ein tiefes trauriges Sinnen ueber die
menschliche Art und das menschliche Leben, und wie gerade unsere
kleineren Eigenschaften, eine freundliche oder herbe Gemuetsart, nicht
nur unser Schicksal und Glueck machen, sondern auch dasjenige der uns
Umgebenden und uns zu diesen in ein strenges Schuldverhaeltnis zu
bringen vermoegen, ohne dass wir wissen wie es zugegangen, da wir uns
ja unser Gemuet nicht selbst gegeben. In diesen Betrachtungen ward er
jedoch gestoert durch die Nachbarn, welche jetzt ihre Neugierde nicht
laenger unterdruecken konnten und einer nach dem andern in die Stube
drangen, um das Wundertier zu sehen, da sich schon in der ganzen Stadt
das Geruecht verbreitet hatte, der verschollene Pankrazius sei
erschienen, und zwar als ein franzoesischer General in einem
vierspaennigen Wagen.

Dies war nun ein hoechst verwickelter Fall fuer die in ihren
Vergnuegungslokalen versammelten Seldwyler, sowohl fuer die Jungen als
wie fuer die Alten, und sie kratzten sich verdutzt hinter den Ohren.
Denn dies war gaenzlich wider die Ordnung und wider den Strich zu
Seldwyl, dass da einer wie vom Himmel geschneit als ein gemachter Mann
und General herkommen sollte gerade in dem Alter, wo man zu Seldwyl
sonst fertig war. Was wollte der denn nun beginnen? Wollte er wirklich
am Orte bleiben, ohne ein Herabgekommener zu sein die uebrige Zeit
seines Lebens hindurch, besonders wenn er etwa alt wuerde? Und wie
hatte er es angefangen? Was zum Teufel hatte der unbeachtete und
unscheinbare junge Mensch betrieben die lange Jugend hindurch, ohne
sich aufzubrauchen? Das war die Frage, die alle Gemueter bewegte, und
sie fanden durchaus keinen Schluessel, das Raetsel zu loesen, weil
ihre Menschen- oder Seelenkunde zu klein war, um zu wissen, dass
gerade die herbe und bittere Gemuetsart, welche ihm und seinen
Angehoerigen so bittere Schmerzen bereitet, sein Wesen im uebrigen
wohl konserviert, wie der scharfe Essig ein Stueck Schoepfenfleisch,
und ihm ueber das gefaehrliche Seldwyler Glanzalter hinweggeholfen
hatte. Um die Frage zu loesen, stellte man ueberhaupt die Wahrheit des
Ereignisses in Frage und bestritt dessen Moeglichkeit, und um diese
Auffassung zu bestaetigen, wurden verschiedene alte Falliten nach dem
Plaetzchen abgesandt, so dass Pankraz, dessen schon versammelte
Nachbarn ohnehin diesem Stande angehoerten, sich von einer ganzen
Versammlung neugieriger und gemuetlicher Falliten umgeben sah, wie ein
alter Heros in der Unterwelt von den herbeieilenden Schatten.

Er zuendete nun seine tuerkische Pfeife an und erfuellte das Zimmer
mit dem fremden Wohlgeruch des morgenlaendischen Tabaks; die Schatten
oder Falliten witterten immer neugieriger in den blauen Duftwolken
umher, und Estherchen und die Mutter bestaunten unaufhoerlich die
Leutseligkeit und Geschicklichkeit des Pankraz, mit welcher er die
Leute unterhielt, und zuletzt die freundliche, aber sichere
Gewandtheit, mit welcher er die Versammlung endlich entliess, als es
ihm Zeit dazu schien.

Da aber die Freuden, welche auf dem Familienglueck und auf frohen
Ereignissen unter Blutsverwandten beruhen, auch nach den laengsten
Leiden die Beteiligten ploetzlich immer jung und munter machen, statt
sie zu erschoepfen, wie die Aufregungen der weitern Welt es tun, so
verspuerte die alte Mutter noch nicht die geringste Muedigkeit und
Schlaflust, so wenig als ihre Kinder, und von dem guten Weine
erwaermt, den sie mit Zufriedenheit genossen, verlangte sie endlich
mit ihrer noch viel ungeduldigeren Tochter etwas Naeheres von
Pankrazens Schicksal zu wissen.

"Ausfuehrlich," erwiderte dieser, "kann ich jetzt meine truebselige
Geschichte nicht mehr beginnen und es findet sich wohl die Zeit, wo
ich euch nach und nach meine Erlebnisse im einzelnen vorsagen werde.
Fuer heute will ich euch aber nur einige Umrisse angeben, soviel als
noetig ist, um auf den Schluss zu kommen, naemlich auf meine
Wiederkehr und die Art, wie diese veranlasst wurde, da sie eigentlich
das rechte Seitenstueck bildet zu meiner ehemaligen Flucht und aus dem
gleichen Grundtone geht. Als ich damals auf so schnoede Weise entwich,
war ich von einem unvertilgbaren Groll und Weh erfuellt; doch nicht
gegen euch, sondern gegen mich selbst, gegen diese Gegend hier, diese
unnuetze Stadt, gegen meine ganze Jugend. Dies ist mir seither erst
deutlich geworden. Wenn ich hauptsaechlich immer des Essens wegen boes
wurde und schmollte, so war der geheime Grund hiervon das nagende
Gefuehl, dass ich mein Essen nicht verdiente, weil ich nichts lernte
und nichts tat, ja weil mich gar nichts reizte zu irgendeiner
Beschaeftigung und also keine Hoffnung war, dass es je anders wuerde;
denn alles was ich andere tun sah, kam mir erbaermlich und albern vor;
selbst euer ewiges Spinnen war mir unertraeglich und machte mir
Kopfweh, obgleich es mich Muessigen erhielt. So rannte ich davon in
einer Nacht in der bittersten Herzensqual und lief bis zum Morgen,
wohl sieben Stunden weit von hier. Wie die Sonne aufging, sah ich
Leute, die auf einer grossen Wiese Heu machten; ohne ein Wort zu sagen
oder zu fragen, legte ich mein Buendel an den Rand, ergriff einen
Rechen oder eine Heugabel und arbeitete wie ein Besessener mit den
Leuten und mit der groessten Geschicklichkeit; denn ich hatte mir
waehrend meines Herumlungerns hier alle Handgriffe und Uebungen
derjenigen, welche arbeiteten, wohlgemerkt, sogar oefter dabei
gedacht, wie sie dies und jenes ungeschickt in die Hand naehmen und
wie man eigentlich die Haende ganz anders muesste fliegen lassen, wenn
man erst einmal ein Arbeiter heissen wolle.

"Die Leute sahen mir erstaunt zu und niemand hinderte mich an meiner
Arbeit; als sie das Morgenbrot assen, wurde ich dazu eingeladen;
dieses hatte ich bezweckt und so arbeitete ich weiter, bis das
Mittagessen kam, welches ich ebenfalls mit grossem Appetit verzehrte.
Doch nun erstaunten die Bauersleute noch viel mehr und sandten mir ein
verdutztes Gelaechter nach, als ich, anstatt die Heugabel wieder zu
ergreifen, ploetzlich den Mund wischte, mein Buendelchen wieder
ergriff und ohne ein Wort weiter zu verlieren, meines Weges weiterzog.
In einem dichten kuehlen Buchenwaeldchen legte ich mich hin und
schlief bis zur Abenddaemmerung; dann sprang ich auf, ging aus dem
Waeldchen hervor und guckte am Himmel hin und her, an welchem die
Sterne hervorzutreten begannen. Die Stellung der Sterne gehoerte auch
zu den wenigen Dingen, die ich waehrend meines Muessigganges gemerkt,
und da ich darin eine grosse Ordnung und Puenktlichkeit gefunden, so
hatte sie mir immer wohlgefallen, und zwar um so mehr, als diese
glaenzenden Geschoepfe solche Puenktlichkeit nicht um Taglohn und um
eine Portion Kartoffelsuppe zu ueben schienen, sondern damit nur
taten, was sie nicht lassen konnten, wie zu ihrem Vergnuegen, und
dabei wohl bestanden. Da ich nun durch das allmaehliche
Auswendiglernen unsres Geographiebuches, so einfach dieses war, auch
auf dem Erdboden Bescheid wusste, so verstand ich meine Richtung wohl
zu nehmen und beschloss in diesem Augenblick, nordwaerts durch ganz
Deutschland zu laufen, bis ich das Meer erreichte. Also lief ich die
Nacht hindurch wieder acht gute Stunden und kam mit der Morgensonne an
eine wilde und entlegene Stelle am Rhein, wo eben vor meinen Augen ein
mit Kornsaecken beladenes Schiff an einer Untiefe aufstiess, indessen
doch das Wasser ueber einen Teil der Ladung wegstroemte. Da sich nur
drei Maenner bei dem Schiffe befanden und weit und breit in dieser
Fruehe und in dieser Wildnis niemand zu ersehen war, so kam ich sehr
willkommen, als ich sogleich Hand anlegte und den Schiffern die
schwere Ladung ans Ufer bringen und das Fahrzeug wieder flottmachen
half. Was von dem Korne nassgeworden, schuetteten wir auf Bretter, die
wir an die Sonne legten, und wandten es fleissig um, und zuletzt
beluden wir das Schiff wieder. Doch nahm dies alles den groessten Teil
des Tages weg, und ich fand dabei Gelegenheit, mit den Schiffsleuten
unterschiedliche tuechtige Mahlzeiten zu teilen; ja, als wir fertig
waren, gaben sie mir sogar noch etwas Geld und setzten mich auf mein
Verlangen an das andere Ufer ueber mittelst des kleinen Kaehnchens,
das sie hinter dem grossen Kahne angebunden hatten.

"Drueben befand ich mich in einem grossen Bergwald und schlief sofort
bis es Nacht wurde, worauf ich mich abermals auf die Fuesse machte und
bis zum Tagesanbruch lief. Mit wenig Worten zu sagen: auf diese
naemliche Art gelangte ich in wenig mehr als zwei Monaten nach
Hamburg, indem ich, ohne je viel mit den Leuten zu sprechen, ueberall
des Tages zugriff, wo sich eine Arbeit zeigte, und davonging, sobald
ich gesaettigt war, um die Nacht hindurch wiederum zu wandern. Meine
Art ueberraschte die Leute immer, so dass ich niemals einen
Widerspruch fand, und bis sie sich etwa widerhaarig oder neugierig
zeigen wollten, war ich schon wieder weg. Da ich zugleich die Staedte
vermied und meinen Arbeitsverkehr immer im freien Felde, auf Bergen
und in Waeldern betrieb, wo nur urspruengliche und einfache Menschen
waren, so reisete ich wirklich wie zu der Zeit der Patriarchen. Ich
sah nie eine Spur von dem Regiment der Staaten, ueber deren Boden ich
hinlief, und mein einziges Denken war, ueber eben diesen Boden
wegzukommen, ohne zu betteln oder fuer meine noetige Leibesnahrung
jemandem verpflichtet sein zu muessen, im uebrigen aber zu tun, was
ich wollte, und insbesondere zu ruhen, wenn es mir gefiel, und zu
wandern, wenn es mir beliebte. Spaeter habe ich freilich auch gelernt,
mich an eine feste ausser mir liegende Ordnung und an eine
regelmaessige Ausdauer zu halten, und wie ich erst urploetzlich
arbeiten gelernt, lernte ich auch dies sogleich ohne weitere
Anstrengung, sobald ich nur einmal eine erkleckliche Notwendigkeit
einsah.

"Uebrigens bekam mir dies Leben in der freien Luft, bei der steten
Abwechslung von schwerer Arbeit, tuechtigem Essen und sorgloser Ruhe
vortrefflich und meine Glieder wurden so geuebt, dass ich als ein
kraeftiger und ruehriger Kerl in der grossen Handelsstadt Hamburg
anlangte, wo ich alsbald dem Wasser zulief und mich unter die Seeleute
mischte, welche sich da umtrieben und mit dem Befrachten ihrer Schiffe
beschaeftigt waren. Da ich ueberall zugriff und ohne albernes Gaffen
doch aufmerksam war, ohne ein Wort dabei zu sprechen, noch je den Mund
zu verziehen, so duldeten die einsilbigen derben Gesellen mich bald
unter sich und ich brachte eine Woche unter ihnen zu, worauf sie mich
auf einem englischen Kauffahrer einschmuggelten, dessen Kapitaen mich
aufnahm unter der Bedingung, dass ich ihm in seinem Privatgeschaefte
helfe, das er waehrend seiner Fahrten betrieb. Dieses bestand naemlich
im Zusammensetzen und Herstellen von allerhand Feuerwaffen und
Pistolen aus alten abgenutzten Bestandteilen, die er in grosser Menge
zusammenkaufte, wenn er in der Alten Welt vor Anker ging. Es waren
seltsame und fabelhafte Todeswerkzeuge, die er so mit schrecklicher
Leidenschaft zusammenfuegte und dann bei Gelegenheit an wilden Kuesten
gegen wertvolle Friedensprodukte und sanfte Naturgegenstaende
austauschte. Ich hielt mich still zu der Arbeit, uebte mich ein und
war bald ueber und ueber mit Oel, Schmirgel und Feilenstaub beschmiert
als ein wilder Buechsenmacher, und wenn ein solches Pistolengeschuetz
notduerftig zusammenhielt, so wurde es mit einem starken Knall
probiert; doch nie zum zweitenmal, dieses wurde dem rothaeutigen oder
schwarzen Kaeufer ueberlassen auf den entlegenen Eilanden. Diesmal
fuhr er aber nur nach Neuyork und von da nach England zurueck, wo ich,
der Buechsenmacherei nun genugsam kundig, mich von ihm entfernte und
sogleich in ein Regiment anwerben liess, das nach Ostindien abgehen
sollte.

"In Neuyork hatte ich zwar den Fuss an das Land gesetzt und auf einige
Stunden dies amerikanische Leben gesehen, welches mir eigentlich nun
recht haette zusagen muessen, da hier jeder tat, was er wollte, und
sich gaenzlich nach Beduerfnis und Laune ruehrte von einer
Beschaeftigung zur andern abspringend, wie es ihm eben besser schien,
ohne sich irgendeiner Arbeit zu schaemen, oder die eine fuer edler zu
halten als die andere. Doch weiss ich nicht wie es kam, dass ich mich
schleunig wieder auf unser Schiff sputete und so, statt in der Neuen
Welt zu bleiben, in den aeltesten, traeumerischen Teil unsrer Welt
geriet, in das uralte heisse Indien, und zwar in einem roten Rocke,
als ein stiller englischer Soldat. Und ich kann nicht sagen, dass mir
das neue Leben missfiel, das schon auf dem grossen Linienschiffe
begann, auf welchem das Regiment sich befand. Schon der Umstand, dass
wir alle, so viel wir waren, mit der groessten Puenktlichkeit und
Abgemessenheit ernaehrt wurden, indem jeder seine Ration so sicher
bekam, wie die Sterne am Himmel gehen, keiner mehr noch minder als der
andere, und ohne dass einer den andern beeintraechtigen konnte,
behagte mir ausserordentlich und um so mehr, als keiner dafuer zu
danken brauchte und alles nur unserm blossen wohlgeordneten Dasein
gebuehrte. Wenn wir Rekruten auch schon auf dem Schiffe eingeschult
wurden und taeglich exerzieren mussten, so gefiel mir doch diese
Beschaeftigung ueber die Massen, da wir nicht das Bajonett
herumschwenken mussten, um etwa mit Gewandtheit eine Kartoffel daran
zu spiessen, sondern es war lediglich eine reine Uebung, welche mit
dem Essen zunaechst gar nicht zusammenhing, und man brauchte nichts
als puenktlich und aufmerksam beim einen und dem andern zu sein und
sich um weiter nichts zu kuemmern. Schon am zweiten Tage unserer Fahrt
sah ich einen Soldaten pruegeln, der wider einen Vorgesetzten gemurrt,
nachdem er schon verschiedene Unregelmaessigkeiten begangen. Sogleich
nahm ich mir vor, dass dies mir nie widerfahren solle, und nun kam mir
mein Schmollwesen sehr gut zustatten, indem es mir eine vortreffliche
lautlose Puenktlichkeit und Aufmerksamkeit erleichterte und es mir
fortwaehrend moeglich machte, mir in keiner Weise etwas zu vergeben.

"So wurde ich ein ganz ordentlicher und brauchbarer Soldat; es machte
mir Freude, alles recht zu begreifen und so zu tun, wie es als
mustergueltig vorgeschrieben war, und da es mir gelang, so fuehlte ich
mich endlich ziemlich zufrieden, ohne jedoch mehr Worte zu verlieren
als bisher. Nur selten wurde ich beinahe ein wenig lustig und beging
etwa einen naerrischen halben Spass, was mir vollends den Anstrich
eines Soldaten gab, wie er sein soll, und zugleich verhinderte, dass
man mich nicht leiden konnte, und so war kaum ein Jahr vergangen in
dem heissen, seltsamen Lande, als ich anfing, vorzuruecken und zuletzt
ein ansehnlicher Unteroffizier wurde. Nach einem Verlauf von Jahren
war ich ein grosses Tier in meiner Art, war meistenteils in den
Bureaus des Regimentskommandeurs beschaeftigt und hatte mich als ein
guter Verwalter herausgestellt, indem ich die notwendigen Kuenste, die
Schreibereien und Rechnereien aus dem Gange der Dinge mir
augenblicklich aneignete ohne weiteres Kopfzerbrechen. Es ging mir
jetzt alles nach der Schnur und ich schien mir selbst zufrieden zu
sein, da ich ohne Muehe und Sorgen da sein konnte unter dem warmen
blauen Himmel; denn was ich zu verrichten hatte, geschah wie von
selbst, und ich fuehlte keinen Unterschied, ob ich in Geschaeften oder
muessig umherging. Das Essen war mir jetzt nichts Wichtiges mehr, und
ich beachtete kaum, wann und was ich ass. Zweimal waehrend dieser Zeit
hatte ich Nachricht an euch abgesandt nebst einigen ersparten
Geldmitteln; allein beide Schiffe gingen sonderbarerweise mit Mann und
Maus zugrunde und ich gab die Sache auf, aergerlich darueber, und nahm
mir vor, sobald als tunlich selber heimzukehren und meine erworbene
Arbeitsfaehigkeit und feste Lebensart in der Heimat zu verwenden. Denn
ich gedachte damit etwas Besseres nach Seldwyla zu bringen, als wenn
ich eine Million dahin braechte, und malte mir schon aus, wie ich die
Haselanten und Fischesser da anfahren wollte, wenn sie mir ueber den
Weg liefen.

"Doch damit hatte es noch gute Wege und ich sollte erst noch solche
Dinge erfahren und so in meinem Wesen veraendert und aufgeruettelt
werden, dass mir die Lust verging, andere Leute anfahren zu wollen.
Der Kommandeur hatte mich gaenzlich zu seinem Faktotum gemacht und ich
musste fast die ganze Zeit bei ihm zubringen. Er war ein seltsamen
Mann von etwa fuenfzig Jahren, dessen Gattin in Irland lebte auf einem
alten Turm, da sie womoeglich noch wunderlicher sein musste, als er;
solange sie zusammengelebt, hatten sie sich fortwaehrend angeknurrt,
wie zwei wilde Katzen, und sie litten beide an der fixen Idee, dass
sie sich gegenseitig ineinander getaeuscht haetten, obwohl niemand
besser fuereinander geschaffen war. Auch waren sie gesund und munter
und lebten behaglich in dieser Einbildung, ohne welche keines mehr
haette die Zeit verbringen koennen, und wenn sie weit auseinander
waren, so sorgte eines fuer das andere mit ruehrender Aufmerksamkeit.
Die einzige Tochter, die sie hatten, und die Lydia heisst, lebte
dagegen meistenteils bei dem Vater und war ihm ergeben und zugetan, da
der Unterschied des Geschlechtes selbst zwischen Vater und Tochter
diese mehr zaertliches Mitleid fuer den Vater empfinden liess, als
fuer die Mutter, obgleich diese ebenso wenig oder so viel taugen
mochte als jener in dem vermeintlich ungluecklichen Verhaeltnis. Der
Kommandeur hatte eine reizvolle luftige Wohnung bezogen, die
ausserhalb der Stadt in einem ganz mit Palmen, Zypressen, Sykomoren
und anderen Baeumen angefuellten Tale lag. Unter diesen Baeumen, rings
um das leichte weisse Haus herum, waren Gaerten angelegt, in denen
teils jederzeit frisches Gemuese, teils eine Menge Blumen gezogen
wurden, welche zwar hier in allen Ecken wild wuchsen, die aber der
Alte liebte beisammen zu haben in naechster Naehe und in moeglichster
Menge, so dass in dem gruenen Schatten der Baeume es ordentlich
leuchtete von grossen purpurroten und weissen Blumen. Wenn es nun im
Dienste nichts mehr zu tun gab, so musste ich als ein militaerischer
zuverlaessiger Vertrauensmann diese Gaerten in Ordnung halten, oder um
darueber nicht etwa zu verweichlichen, mit dem Oberst auf die Jagd
gehen, und ich wuerde darueber zu einem gewandten Jaeger; denn gleich
hinter dem Tale begann eine wilde, unfruchtbare Landschaft, welche
zuletzt gaenzlich in eine Gebirgswildnis verlief, die nicht nur
Schwaerme und Scharen unschuldigeren Gewildes, sondern auch von Zeit
zu Zeit reissende Tiere, besonders grosse Tiger beherbergte. Wenn ein
solcher sich spueren liess, so gab es einen grossen Auszug gegen ihn,
und ich lernte bei diesen Gelegenheiten die Gefahr lange kennen, ehe
ich in das Gefecht mit Menschen kam. War aber weiter gar nichts zu
tun, so musste ich mit dem alten Herrn Schach spielen und dadurch
seine Tochter Lydia ersetzen, welche, da sie gar keinen Sinn und
Geschick dazu besass und ganz kindisch spielte, ihm zu wenig
Vergnuegen verschaffte. Ich hingegen hatte mich bald soweit eingeuebt,
dass ich ihm einigermassen die Stange halten konnte, ohne ihn des
oefteren Sieges zu berauben, und wenn mein Kopf nicht durch andere
Dinge verwirrt worden waere, so wuerde ich dem grimmigen Alten bald
ueberlegen geworden sein.

Pages:
1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11 | 12 | 13 | 14 | 15 | 16 | 17 | 18 | 19 | 20 | 21
Copyright (c) 2007. topboookz.com. All rights reserved.