Die Leute von Seldwyla, Vol. 1
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Gottfried Keller >> Die Leute von Seldwyla, Vol. 1
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Spiegel hatte schon laengst die Ohren gespitzt und mit waesserndem
Maeulchen gelauscht; doch war seinem geschwaechten Verstande die Sache
noch nicht klar und er versetzte daher: "Das ist soweit nicht uebel,
Herr Pineiss! Wenn ich nur wuesste, wie ich alsdann, wenn ich doch, um
Euch meinen Schmer abzutreten, mein Leben lassen muss, des
verabredeten Preises habhaft werden und ihn geniessen soll, da ich
nicht mehr bin?" "Des Preises habhaft werden?" sagte der Hexenmeister
verwundert, "den Preis geniessest du ja eben in den reichlichen und
ueppigen Speisen, womit ich dich fettmache, das versteht sich von
selber! Doch will ich dich zu dem Handel nicht zwingen!" Und er machte
Miene, sich von dannen begeben zu wollen. Aber Spiegel sagte hastig
und aengstlich: "Ihr muesst mir wenigstens eine maessige Frist
gewaehren ueber die Zeit meiner hoechsten erreichten Rundheit und
Fettigkeit hinaus, dass ich nicht so jaehlings von hinnen gehen muss,
wenn jener angenehme und ach! so traurige Zeitpunkt herangekommen und
entdeckt ist!"
"Es sei!" sagte Herr Pineiss mit anscheinender Gutmuetigkeit, "bis zum
naechsten Vollmond sollst du dich alsdann deines angenehmen Zustandes
erfreuen duerfen, aber nicht laenger! Denn in den abnehmenden Mond
hinein darf es nicht gehen, weil dieser einen verminderten Einfluss
auf mein wohlerworbenes Eigentum ausueben wuerde."
Das Kaetzchen beeilte sich zuzuschlagen und unterzeichnete einen
Vertrag, welchen der Hexenmeister im Vorrat bei sich fuehrte, mit
seiner scharfen Handschrift, welche sein letztes Besitztum und Zeichen
besserer Tage war.
"Du kannst dich nun zum Mittagessen bei mir einfinden, Kater!" sagte
der Hexer, "Punkt zwoelf Uhr wird gegessen!" "Ich werde so frei sein,
wenn Ihr's erlaubt!" sagte Spiegel und fand sich puenktlich um die
Mittagsstunde bei Herrn Pineiss ein. Dort begann nun waehrend einiger
Monate ein hoechst angenehmes Leben fuer das Kaetzchen; denn es hatte
auf der Welt weiter nichts zu tun, als die guten Dinge zu verzehren,
die man ihm vorsetzte, dem Meister bei der Hexerei zuzuschauen, wenn
es mochte, und auf dem Dache spazierenzugehen. Dies Dach glich einem
ungeheuren schwarzen Nebelspalter oder Dreiroehrenhut, wie man die
grossen Huete der schwaebischen Bauern nennt, und wie ein solcher Hut
ein Gehirn voller Nuecken und Finten ueberschattet, so bedeckte dies
Dach ein grosses, dunkles und winkliges Haus voll Hexenwerk und
Tausendsgeschichten. Herr Pineiss war ein Kannalles, welcher hundert
AEmtchen versah, Leute kurierte, Wanzen vertilgte, Zaehne auszog und
Geld auf Zinsen lieh; er war der Vormuender aller Waisen und Witwen,
schnitt in seinen Mussestunden Federn, das Dutzend fuer einen Pfennig,
und machte schoene schwarze Tinte; er handelte mit Ingwer und Pfeffer,
mit Wagenschmiere und Rosoli, mit Haeftlein und Schuhnaegeln, er
renovierte die Turmuhr und machte jaehrlich den Kalender mit der
Witterung, den Bauernregeln, und dem Aderlassmaennchen; er verrichtete
zehntausend rechtliche Dinge am hellen Tag um maessigen Lohn, und
einige unrechtliche nur in der Finsternis und aus Privatleidenschaft,
oder hing auch den rechtlichen, ehe er sie aus seiner Hand entliess,
schnell noch ein unrechtliches Schwaenzchen an, so klein wie die
Schwaenzchen der jungen Froesche, gleichsam nur der Possierlichkeit
wegen. Ueberdies machte er das Wetter in schwierigen Zeiten,
ueberwachte mit seiner Kunst die Hexen, und wenn sie reif waren, liess
er sie verbrennen; fuer sich trieb er die Hexerei nur als
wissenschaftlichen Versuch und zum Hausgebrauch, sowie er auch die
Stadtgesetze, die er redigierte und ins reine schrieb, unter der Hand
probierte und verdrehte, um ihre Dauerhaftigkeit zu ergruenden. Da die
Seldwyler stets einen solchen Buerger brauchten, der alle unlustigen
kleinen und grossen Dinge fuer sie tat, so war er zum
Stadthexenmeister ernannt worden und bekleidete dies Amt schon seit
vielen Jahren mit unermuedlicher Hingebung und Geschicklichkeit, frueh
und spaet. Daher war sein Haus von unten bis oben vollgestopft mit
allen erdenklichen Dingen, und Spiegel hatte viel Kurzweil, alles zu
besehen und zu beriechen. Doch im Anfang gewann er keine
Aufmerksamkeit fuer andere Dinge, als fuer das Essen. Er schlang
gierig alles hinunter, was Pineiss ihm darreichte, und mochte kaum von
einer Zeit zur andern warten. Dabei ueberlud er sich den Magen und
musste wirklich auf das Dach gehen, um dort von den gruenen Graesern
abzubeissen und sich von allerhand Unwohlsein zu kurieren. Als der
Meister diesen Heisshunger bemerkte, freute er sich und dachte, das
Kaetzchen wuerde solcherweise recht bald fett werden, und je besser er
daran wende, desto klueger verfahre und spare er im ganzen. Er baute
daher fuer Spiegel eine ordentliche Landschaft in seiner Stube, indem
er ein Waeldchen von Tannenbaeumchen aufstellte, kleine Huegel von
Steinen und Moos errichtete und einen kleinen See anlegte. Auf die
Baeumchen setzte er duftig gebratene Lerchen, Finken, Meisen und
Sperlinge, je nach der Jahreszeit, so dass da Spiegel immer etwas
herunterzuholen und zu knabbern vorfand. In die kleinen Berge
versteckte er in kuenstlichen Mausloechern herrliche Maeuse, welche er
sorgfaeltig mit Weizenmehl gemaestet, dann ausgeweidet, mit zarten
Speckriemchen gespickt und gebraten hatte. Einige dieser Maeuse konnte
Spiegel mit der Hand hervorholen, andere waren zur Erhoehung des
Vergnuegens tiefer verborgen, aber an einen Faden gebunden, an welchem
Spiegel sie behutsam hervorziehen musste, wenn er diese Lustbarkeit
einer nachgeahmten Jagd geniessen wollte. Das Becken des Sees aber
fuellte Pineiss alle Tage mit frischer Milch, damit Spiegel in der
suessen seinen Durst loesche, und liess gebratene Gruendlinge darin
schwimmen, da er wusste, dass Katzen zuweilen auch die Fischerei
lieben. Aber da nun Spiegel ein so herrliches Leben fuehrte, tun und
lassen, essen und trinken konnte, was ihm beliebte und wann es ihm
einfiel, so gedieh er allerdings zusehends an seinem Leibe; sein Pelz
wurde wieder glatt und glaenzend und sein Auge munter; aber zugleich
nahm er, da sich seine Geisteskraefte in gleichem Masse wieder
ansammelten, bessere Sitten an; die wilde Gier legte sich, und weil er
jetzt eine traurige Erfahrung hinter sich hatte, so wurde er nun
klueger als zuvor. Er maessigte sich in seinen Geluesten und frass
nicht mehr als ihm zutraeglich war, indem er zugleich wieder
vernuenftigen und tiefsinnigen Betrachtungen nachhing und die Dinge
weder durchschaute. So holte er eines Tages einen huebschen
Krammetsvogel von den Aesten herunter, und als er denselben
nachdenklich zerlegte, fand er dessen kleinen Magen ganz kugelrund
angefuellt mit frischer unversehrter Speise. Gruene Kraeutchen, artig
zusammengerollt, schwarze und weisse Samenkoerner und eine
glaenzendrote Beere waren da so niedlich und dicht ineinander
gepfropft, als ob ein Muetterchen fuer ihren Sohn das Raenzchen zur
Reise gepackt haette. Als Spiegel den Vogel langsam verzehrt und das
so vergnueglich gefuellte Maeglein an seine Klaue hing und
philosophisch betrachtete, ruehrte ihn das Schicksal des armen Vogels,
welcher nach so friedlich verbrachtem Geschaeft so schnell sein Leben
lassen gemusst, dass er nicht einmal die eingepackten Sachen verdauen
konnte. "Was hat er nun davon gehabt, der arme Kerl," sagte Spiegel,
"dass er sich so fleissig und eifrig genaehrt hat, dass dies kleine
Saeckchen aussieht, wie ein wohl vollbrachtes Tagewerk? Diese rote
Beere ist es, die ihn aus dem freien Walde in die Schlinge des
Vogelstellers gelockt hat. Aber er dachte doch seine Sache noch besser
zu machen und sein Leben an solchen Beeren zu fristen, waehrend ich,
der ich soeben den ungluecklichen Vogel gegessen, daran mich nur um
einen Schritt naeher zum Tode gegessen habe! Kann man einen elenderen
und feigeren Vertrag abschliessen, als sein Leben noch ein Weilen
fristenzulassen, um es dann um diesen Preis doch zu verlieren? Waere
nicht ein freiwilliger und schneller Tod vorzuziehen gewesen fuer
einen entschlossenen Kater? Aber ich habe keine Gedanken gehabt, und
nun da ich wieder solche habe, sehe ich nichts vor mir, als das
Schicksal dieses Krammetsvogels; wenn ich rund genug bin, so muss ich
von hinnen, aus keinem andern Grunde, als weil ich rund bin. Ein
schoener Grund fuer einen lebenslustigen und gedankenreichen Katzmann!
Ach, koennte ich aus dieser Schlinge kommen!" Er vertiefte sich nun in
vielfaeltige Gruebeleien, wie das gelingen moechte; aber da die Zeit
der Gefahr noch nicht da war, so wurde es ihm nicht klar und er fand
keinen Ausweg; aber als ein kluger Mann ergab er sich bis dahin der
Tugend der Selbstbeherrschung, welches immer die beste Vorschule und
Zeitverwendung ist, bis sich etwas entscheiden soll. Er verschmaehte
das weiche Kissen, welches ihm Pineiss zurechtgelegt hatte, damit er
fleissig darauf schlafen und fett werden sollte, und zog es vor,
wieder auf schmalen Gesimsen und hohen gefaehrlichen Stellen zu
liegen, wenn er ruhen wollte. Ebenso verschmaehte er die gebratenen
Voegel und die gespickten Maeuse und fing sich lieber auf den
Daechern, da er nun wieder einen rechtmaessigen Jagdgrund hatte, mit
List und Gewandtheit einen schlichten lebendigen Sperling, oder auf
den Speichern eine flinke Maus, und solche Beute schmeckte ihm
vortrefflicher, als das gebratene Wild in Pineissens kuenstlichem
Gehege, waehrend sie ihn nicht zu fett machte; auch die Bewegung und
Tapferkeit, sowie der wiedererlangte Gebrauch der Tugend und
Philosophie verhinderten ein zu schnelles Fettwerden, so dass Spiegel
zwar gesund und glaenzend aussah, aber zu Pineissens Verwunderung auf
einer gewissen Stufe der Beleibtheit stehen blieb, welche lange nicht
das erreichte, was der Hexenmeister mit seiner freundlichen Maestung
bezweckte; denn dieser stellte sich darunter ein kugelrundes,
schwerfaelliges Tier vor, welches sich nicht vom Ruhekissen bewegte
und aus eitel Schmer bestand. Aber hierin hatte sich seine Hexerei
eben geirrt und er wusste bei aller Schlauheit nicht, dass wenn man
einen Esel fuettert, derselbe ein Esel bleibt, wenn man aber einen
Fuchsen speiset, derselbe nichts anders wird als ein Fuchs; denn jede
Kreatur waechst sich nach ihrer Weise aus. Als Herr Pineiss entdeckte,
wie Spiegel immer auf demselben Punkte einer wohlgenaehrten, aber
geschmeidigen und zuegigen Schlankheit stehen blieb, ohne eine
erkleckliche Fettigkeit anzusetzen, stellte er ihn eines Abends
ploetzlich zur Rede und sagte barsch: "Was ist das, Spiegel? Warum
frissest du die guten Speisen nicht, die ich dir mit so viel Sorgfalt
und Kunst praepariere und herstelle? Warum faengst du die gebratenen
Voegel nicht auf den Baeumen, warum suchst du die leckeren Maeuschen
nicht in den Berghoehlen? Warum fischest du nicht mehr in dem See?
Warum pflegst du dich nicht? Warum schlaefst du nicht auf dem Kissen?
Warum strapazierst du dich und wirst mir nicht fett?" "Ei, Herr
Pineiss!" sagte Spiegel, "weil es mir wohler ist auf diese Weise! Soll
ich meine kurze Frist nicht auf die Art verbringen, die mir am
angenehmsten ist!" "Wie!" rief Pineiss, "du sollst so leben, dass du
dick und rund wirst und nicht dich abjagen! Ich merke aber wohl, wo du
hinauswillst! Du denkst mich zu aeffen und hinzuhalten, dass ich dich
in Ewigkeit in diesem Mittelzustande herumlaufen lasse? Mitnichten
soll dir das gelingen! Es ist deine Pflicht, zu essen und zu trinken
und dich zu pflegen, auf dass du dick werdest und Schmer bekommst! Auf
der Stelle entsage daher dieser hinterlistigen und kontraktwidrigen
Maessigkeit, oder ich werde ein Woertlein mit dir sprechen!" Spiegel
unterbrach sein behagliches Spinnen, das er angefangen, um seine
Fassung zu behaupten, und sagte: "Ich weiss kein Sterbenswoertchen
davon, dass in dem Kontrakt steht, ich solle der Maessigkeit und einem
gesunden Lebenswandel entsagen! Wenn der Herr Stadthexenmeister darauf
gerechnet hat, dass ich ein fauler Schlemmer sei, so ist das nicht
meine Schuld! Ihr tut tausend rechtliche Dinge des Tages, so lasset
dieses auch noch hinzukommen und uns beide huebsch in der Ordnung
bleiben; denn Ihr wisst ja wohl, dass Euch mein Schmer nur nuetzlich
ist, wenn er auf rechtliche Weise erwachsen!" "Ei du Schwaetzer!" rief
Pineiss erbost, "willst du mich belehren? Zeig' her, wieweit bist du
denn eigentlich gediehen, du Muessiggaenger? Vielleicht kann man dich
doch bald abtun!" Er griff dem Kaetzchen an den Bauch; allein dieses
fuehlte sich dadurch unangenehm gekitzelt und hieb dem Hexenmeister
einen scharfen Kratz ueber die Hand. Diesen betrachtete Pineiss
aufmerksam, dann sprach er: "Stehen wir so miteinander, du Bestie?
Wohlan, so erklaere ich dich hiermit feierlich, kraft des Vertrages,
fuer fett genug! Ich begnuege mich mit dem Ergebnis und werde mich
desselben zu versichern wissen! In fuenf Tagen ist der Mond voll, und
bis dahin magst du dich noch deines Lebens erfreuen, wie es
geschrieben steht, und nicht eine Minute laenger!" Damit kehrte er ihm
den Ruecken und ueberliess ihn seinen Gedanken.
Diese waren jetzt sehr bedenklich und duester; so war denn die Stunde
doch nahe, wo der gute Spiegel seine Haut lassen sollte? Und war mit
aller Klugheit gar nichts mehr zu machen? Seufzend stieg er auf das
hohe Dach, dessen Firste dunkel in den schoenen Herbstabendhimmel
emporragten. Da ging der Mond ueber der Stadt auf und warf seinen
Schein auf die schwarzen bemoosten Hohlziegel des alten Daches, ein
lieblicher Gesang toente in Spiegels Ohren und eine schneeweisse
Kaetzin wandelte glaenzend ueber einen benachbarten First weg.
Sogleich vergass Spiegel die Todesaussichten, in welchen er lebte, und
erwiderte mit seinem schoensten Katerliede den Lobgesang der Schoenen.
Er eilte ihr entgegen und war bald im hitzigen Gefecht mit drei
fremden Katern begriffen, die er mutig und wild in die Flucht schlug.
Dann machte er der Dame feurig und ergeben den Hof und brachte Tag und
Nacht bei ihr zu, ohne an den Pineiss zu denken oder im Hause sich
sehenzulassen. Er sang wie eine Nachtigall die schoenen Mondnaechte
hindurch, jagte hinter der weissen Geliebten her ueber die Daecher,
durch die Gaerten, und rollte mehr als einmal im heftigen Minnespiel
oder im Kampfe mit den Rivalen ueber hohe Daecher hinunter und fiel
auf die Strasse; aber nur um sich aufzuraffen, das Fell zu schuetteln
und die wilde Jagd seiner Leidenschaften von neuem anzuheben. Stille
und laute Stunden, suesse Gefuehle und sonniger Streit, anmutiges
Zwiegespraech, witziger Gedankenaustausch, Raenke und Schwaenke der
Liebe und Eifersucht, Liebkosungen und Raufereien, die Gewalt des
Glueckes und die Leiden des Unsterns liessen den verliebten Spiegel
nicht zu sich selbst kommen, und als die Scheibe des Mondes
vollgeworden, war er von allen diesen Aufregungen und Leidenschaften
so heruntergekommen, dass er jaemmerlicher, magerer und zerzauster
aussah, als je. Im selben Augenblicke rief ihm Pineiss aus einem
Dachtuermchen: "Spiegelchen, Spiegelchen! Wo bist du? Komm doch ein
bisschen nach Hause!"
Da schied Spiegel von der weissen Freundin, welche zufrieden und kuehl
miauend ihrer Wege ging, und wandte sich stolz seinem Henker zu.
Dieser stieg in die Kueche hinunter, raschelte mit dem Kontrakt und
sagte: "Komm, Spiegelchen, komm, Spiegelchen!" und Spiegel folgte ihm
und setzte sich in der Hexenkueche trotzig vor den Meister hin in all
seiner Magerkeit und Zerzaustheit. Als Herr Pineiss erblickte, wie er
so schmaehlich um seinen Gewinn gebracht war, sprang er wie besessen
in die Hoehe und schrie wuetend: "Was seh' ich? Du Schelm, du
gewissenloser Spitzbube! Was hast du mir getan?" Ausser sich vor Zorn
griff er nach einem Besen und wollte Spiegelein schlagen; aber dieser
kruemmte den schwarzen Ruecken, liess die Haare emporstarren, dass ein
fahler Schein darueber knisterte, legte die Ohren zurueck, prustete
und funkelte den Alten so grimmig an, dass dieser voll Furcht und
Entsetzen drei Schritt zuruecksprang. Er begann zu fuerchten, dass er
einen Hexenmeister vor sich habe, welcher ihn foppe und mehr koenne,
als er selbst. Ungewiss und kleinlaut sagte er: "Ist der ehrsame Herr
Spiegel vielleicht vom Handwerk? Sollte ein gelehrter Zaubermeister
beliebt haben, sich in dero aeussere Gestalt zu verkleiden, da er nach
Gefallen ueber sein Leibliches gebieten und genau so beleibt werden
kann, als es ihm angenehm duenkt, nicht zu wenig und nicht zu viel,
oder unversehens so mager wird, wie ein Gerippe, um dem Tode zu
entschluepfen?"
Spiegel beruhigte sich wieder und sprach ehrlich: "Nein, ich bin kein
Zauberer! Es ist allein die suesse Gewalt der Leidenschaft, welche
mich so heruntergebracht und zu meinem Vergnuegen Euer Fett
dahingenommen hat. Wenn wir uebrigens jetzt unser Geschaeft von neuem
beginnen wollen, so will ich tapfer dabei sein und dreinbeissen! Setzt
mir nur eine recht schoene und grosse Bratwurst vor, denn ich bin ganz
erschoepft und hungrig!" Da packte Pineiss den Spiegel wuetend am
Kragen, sperrte ihn in den Gaensestall, der immer leer war, und
schrie: "Da sieh zu, ob dir deine suesse Gewalt der Leidenschaft noch
einmal heraushilft und ob sie staerker ist, als die Gewalt der Hexerei
und meines rechtlichen Vertrages! Jetzt heisst's: Vogel friss und
stirb!" Sogleich briet er eine lange Wurst, die so lecker duftete,
dass er sich nicht enthalten konnte, selbst ein bisschen an beiden
Zipfeln zu lecken, ehe er sie durch das Gitter steckte. Spiegel frass
sie von vorn bis hinten auf, und indem er sich behaglich den
Schnurrbart putzte und den Pelz leckte, sagte er zu sich selber:
"Meiner Seel! Es ist doch eine schoene Sache um die Liebe! Sie hat
mich fuer diesmal wieder aus der Schlinge gezogen. Jetzt will ich mich
ein wenig ausruhen und trachten, dass ich durch Beschaulichkeit und
gute Nahrung wieder zu vernuenftigen Gedanken komme! Alles hat seine
Zeit! Heute ein bisschen Leidenschaft, morgen ein wenig Besonnenheit
und Ruhe, ist jedes in seiner Weise gut. Dies Gefaengnis ist gar nicht
so uebel und es laesst sich gewiss etwas Erspriessliches darin
ausdenken!" Pineiss aber nahm sich nun zusammen und bereitete alle
Tage mit aller seiner Kunst solche Leckerbissen und in solch reizender
Abwechslung und Zutraeglichkeit, dass der gefangene Spiegel denselben
nicht widerstehen konnte; denn Pineissens Vorrat an freiwilligem und
rechtmaessigem Katzenschmer nahm alle Tage mehr ab und drohte
naechstens ganz auszugehen, und dann war der Hexer ohne dies
Hauptmittel ein geschlagener Mann. Aber der gute Hexenmeister naehrte
mit dem Leibe Spiegels dessen Geist immer wieder mit, und es war
durchaus nicht von dieser unbequemen Zutat loszukommen, weshalb auch
seine Hexerei sich hier als lueckenhaft erwies.
Als Spiegel in seinem Kaefig ihm endlich fett genug duenkte, saeumte
er nicht laenger, sondern stellte vor den Augen des aufmerksamen
Katers alle Geschirre zurecht und machte ein helles Feuer auf dem
Herd, um den langersehnten Gewinn auszukochen. Dann wetzte er ein
grosses Messer, oeffnete den Kerker, zog Spiegelchen hervor, nachdem
er die Kuechentuere wohlverschlossen, und sagte wohlgemut: "Komm, du
Sapperloeter! Wir wollen dir den Kopf abschneiden vorderhand, und dann
das Fell abziehen! Dieses wird eine warme Muetze fuer mich geben,
woran ich Einfaeltiger noch gar nicht gedacht habe! Oder soll ich dir
erst das Fell abziehen und dann den Kopf abschneiden?" "Nein, wenn es
Euch gefaellig ist," sagte Spiegel demuetig, "lieber zuerst den Kopf
abschneiden!" "Hast recht, du armer Kerl!" sagte Herr Pineiss, "wir
wollen dich nicht unnuetz quaelen! Alles was recht ist!" "Dies ist ein
wahres Wort!" sagte Spiegel mit einem erbaermlichen Seufzer und legte
das Haupt ergebungsvoll auf die Seite, "o haett' ich doch jederzeit
getan, was recht ist, und nicht eine so wichtige Sache leichtsinnig
unterlassen, so koennte ich jetzt mit besserem Gewissen sterben, denn
ich sterbe gern; aber ein Unrecht erschwert mir den sonst so
willkommenen Tod; denn was bietet mir das Leben? Nichts als Furcht,
Sorge und Armut und zur Abwechslung einen Sturm verzehrender
Leidenschaft, die noch schlimmer ist, als die stille zitternde
Furcht!" "Ei, welches Unrecht, welche wichtige Sache?" fragte Pineiss
neugierig. "Ach was hilft das Reden jetzt noch," seufzte Spiegel,
"geschehen ist geschehen und jetzt ist Reue zu spaet!" "Siehst du,
Sappermenter, was fuer ein Suender du bist?" sagte Pineiss, "und
wiewohl du deinen Tod verdienst? Aber was tausend hast du denn
angestellt? Hast du mir vielleicht etwas entwendet, entfremdet,
verdorben? Hast du mir ein himmelschreiendes Unrecht getan, von dem
ich noch gar nichts weiss, ahne, vermute, du Satan? Das sind mir
schoene Geschichten! Gut, dass ich noch dahinterkomme! Auf der Stelle
beichte mir, oder ich schinde und siede dich lebendig aus! Wirst du
sprechen oder nicht?" "Ach nein!" sagte Spiegel, "wegen Euch habe ich
mir nichts vorzuwerfen. Es betrifft die zehntausend Goldguelden meiner
seligen Gebieterin--aber was hilft Reden!--Zwar--wenn ich bedenke und
Euch ansehe, so moechte es vielleicht doch nicht ganz zu spaet sein--
wenn ich Euch betrachte, so sehe ich, dass Ihr ein noch ganz schoener
und ruestiger Mann seid, in den besten Jahren--sagt doch, Herr
Pineiss! Habt Ihr noch nie etwa den Wunsch verspuert, Euch zu
verehelichen, ehrbar und vorteilhaft? Aber was schwatze ich! Wie wird
ein so kluger und kunstreicher Mann auf dergleichen muessige Gedanken
kommen! Wie wird ein so nuetzlich beschaeftigter Meister an toerichte
Weiber denken! Zwar allerdings hat auch die Schlimmste noch irgendwas
an sich, was etwa nuetzlich fuer einen Mann ist, das ist nicht
abzuleugnen! Und wenn sie nur halbwegs was taugt, so ist eine gute
Hausfrau etwa weiss am Leibe, sorgfaeltig im Sinne, zutulich von
Sitten, treu von Herzen, sparsam im Verwalten, aber verschwenderisch
in der Pflege ihres Mannes, kurzweilig in Worten und angenehm in ihren
Taten, einschmeichelnd in ihren Handlungen! Sie kuesst den Mann mit
ihrem Munde und streichelt ihm den Bart, sie umschliesst ihn mit ihren
Armen und kraut ihm hinter den Ohren, wie er es wuenscht, kurz, sie
tut tausend Dinge, die nicht zu verwerfen sind. Sie haelt sich ihm
ganz nah zu oder in bescheidener Entfernung, je nach seiner Stimmung,
und wenn er seinen Geschaeften nachgeht, so stoert sie ihn nicht,
sondern verbreitet unterdessen sein Lob in und ausser dem Hause; denn
sie laesst nichts an ihn kommen und ruehmt alles, was an ihm ist! Aber
das Anmutigste ist die wunderbare Beschaffenheit ihres zarten
leiblichen Daseins, welche die Natur so verschieden gemacht hat von
unserm Wesen bei anscheinender Menschenaehnlichkeit, dass es ein
fortwaehrendes Meerwunder in einer glueckhaften Ehe bewirkt und
eigentlich die allerdurchtriebenste Hexerei in sich birgt! Doch was
schwatze ich da wie ein Tor an der Schwelle des Todes! Wie wird ein
weiser Mann auf dergleichen Eitelkeiten sein Augenmerk richten!
Verzeiht, Herr Pineiss, und schneidet mir den Kopf ab!"
Pineiss aber rief heftig: "So halt doch endlich inne, du Schwaetzer!
und sage mir: Wo ist eine solche und hat sie zehntausend Goldguelden?"
"Zehntausend Goldguelden?" sagte Spiegel.
"Nun ja," rief Pineiss ungeduldig, "sprachest du nicht eben erst
davon?"
"Nein," antwortete jener, "das ist eine andere Sache! Die liegen
vergraben an einem Orte!"
"Und was tun sie da, wem gehoeren sie?" schrie Pineiss.
"Niemand gehoeren sie, das ist eben meine Gewissensbuerde, denn ich
haette sie unterbringen sollen! Eigentlich gehoeren sie jenem, der
eine solche Person heiratet, wie ich eben beschrieben habe. Aber wie
soll man drei solche Dinge zusammenbringen in dieser gottlosen Stadt:
zehntausend Goldguelden, eine weisse, feine und gute Hausfrau und
einen weisen rechtschaffenen Mann? Daher ist eigentlich meine Suende
nicht allzu gross, denn der Auftrag war zu schwer fuer eine arme
Katze!"
"Wenn du jetzt", rief Pineiss, "nicht bei der Sache bleibst, und sie
verstaendlich der Ordnung nach dartust, so schneide ich dir vorlaeufig
den Schwanz und beide Ohren ab! Jetzt fang an!"
"Da Ihr es befehlt, so muss ich die Sache wohl erzaehlen," sagte
Spiegel und setzte sich gelassen auf seine Hinterfuesse, "obgleich
dieser Aufschub meine Leiden nur vergroessert!" Pineiss steckte das
scharfe Messer zwischen sich und Spiegel in die Diele und setzte sich
neugierig auf ein Faesschen, um zuzuhoeren, und Spiegel fuhr fort:
"Ihr wisset doch, Herr Pineiss, dass die brave Person, meine selige
Meisterin, unverheiratet gestorben ist als eine alte Jungfer, die in
aller Stille viel Gutes getan und niemandem zuwidergelebt hat. Aber
nicht immer war es um sie her so still und ruhig zugegangen, und
obgleich sie niemals von boesem Gemuet gewesen, so hatte sie doch
einst viel Leid und Schaden angerichtet; denn in ihrer Jugend war sie
das schoenste Fraeulein weit und breit, und was von jungen Herren und
kecken Gesellen in der Gegend war oder des Weges kam, verliebte sich
in sie und wollte sie durchaus heiraten. Nun hatte sie wohl grosse
Lust, zu heiraten und einen huebschen, ehrenfesten und klugen Mann zu
nehmen, und sie hatte die Auswahl, da sich Einheimische und Fremde um
sie stritten und einander mehr als einmal die Degen in den Leib
rannten, um den Vorrang zu gewinnen. Es bewarben sich um sie und
versammelten sich kuehne und verzagte, listige und treuherzige, reiche
und arme Freier, solche mit einem guten und anstaendigen Geschaeft,
und solche, welche als Kavaliere zierlich von ihren Renten lebten;
dieser mit diesen, jener mit jenen Vorzuegen, beredt oder schweigsam,
der eine munter und liebenswuerdig, und ein anderer schien es mehr in
sich zu haben, wenn er auch etwas einfaeltig aussah; kurz, das
Fraeulein hatte eine so vollkommene Auswahl, wie es ein mannbares
Frauenzimmer sich nur wuenschen kann. Allein sie besass ausser ihrer
Schoenheit ein schoenes Vermoegen von vielen tausend Goldguelden, und
diese waren die Ursache, dass sie nie dazukam, eine Wahl treffen und
einen Mann nehmen zu koennen, denn sie verwaltete ihr Gut mit
trefflicher Umsicht und Klugheit und legte einen grossen Wert auf
dasselbe, und da nun der Mensch immer von seinen eigenen Neigungen aus
andere beurteilt, so geschah es, dass sie, sobald sich ihr ein
achtungswerter Freier genaehert und ihr halbwegs gefiel, alsobald sich
einbildete, derselbe begehre sie nur um ihres Gutes willen. War einer
reich, so glaubte sie, er wuerde sie doch nicht begehren, wenn sie
nicht auch reich waere, und von den Unbemittelten nahm sie vollends
als gewiss an, dass sie nur ihre Goldguelden im Auge haetten und sich
daran gedaechten guetlich zu tun, und das arme Fraeulein, welches doch
selbst so grosse Dinge auf den irdischen Besitz hielt, war nicht
imstande, diese Liebe zu Geld und Gut an ihren Freiern von der Liebe
zu ihr selbst zu unterscheiden, oder wenn sie wirklich etwa vorhanden
war, dieselbe nachzusehen und zu verzeihen. Mehrere Male war sie schon
sogut wie verlobt und ihr Herz klopfte endlich staerker; aber
ploetzlich glaubte sie aus irgendeinem Zuge zu entnehmen, dass sie
verraten sei und man einzig an ihr Vermoegen denke, und sie brach
unverweilt die Geschichte entzwei und zog sich voll Schmerzen, aber
unerbittlich zurueck. Sie pruefte alle, welche ihr nicht missfielen,
auf hundert Arten, so dass eine grosse Gewandtheit dazu gehoerte,
nicht in die Falle zu gehen, und zuletzt keiner mehr sich mit einiger
Hoffnung naehern konnte, als wer ein durchaus geriebener und
verstellter Mensch war, so dass schon aus diesen Gruenden endlich die
Wahl wirklich schwer wurde, weil solche Menschen dann zuletzt doch
eine unheimliche Unruhe erwecken und die peinlichste Ungewissheit bei
einer Schoenen zuruecklassen, je geriebener und geschickter sie sind.
Das Hauptmittel, ihre Anbeter zu pruefen, war, dass sie ihre
Uneigennuetzigkeit auf die Probe stellte und sie alle Tage zu grossen
Ausgaben, zu reichen Geschenken und zu wohltaetigen Handlungen
veranlasste. Aber sie mochten es machen, wie sie wollten, so trafen
sie doch nie das Rechte; denn zeigten sie sich freigebig und
aufopfernd, gaben sie glaenzende Feste, brachten sie ihr Geschenke
dar, oder anvertrauten ihr betraechtliche Gelder fuer die Armen, so
sagte sie ploetzlich, dies alles geschehe nur, um mit einem Wuermchen
den Lachs zu fangen oder mit der Wurst nach der Speckseite zu werfen,
wie man zu sagen pflegt. Und sie vergabte die Geschenke sowohl wie das
anvertraute Geld an Kloester und milde Stiftungen und speisete die
Armen; aber die betrogenen Freier wies sie unbarmherzig ab. Bezeigten
sich dieselben aber zurueckhaltend oder gar knauserig, so war der Stab
sogleich ueber sie gebrochen, da sie das noch viel uebler nahm und
daran eine schnoede und nackte Ruecksichtslosigkeit und Eigenliebe zu
erkennen glaubte. So kam es, dass sie, welche ein reines und nur ihrer
Person hingegebenes Herz suchte, zuletzt von lauter verstellten,
listigen und eigensuechtigen Freiersleuten umgeben war, aus denen sie
nie klug wurde und die ihr das Leben verbitterten. Eines Tages fuehlte
sie sich so missmutig und trostlos, dass sie ihren ganzen Hof aus dem
Hause wies, dasselbe zuschloss und nach Mailand verreiste, wo sie eine
Base hatte. Als sie ueber den Sankt Gotthard ritt auf einem Eselein,
war ihre Gesinnung so schwarz und schaurig, wie das wilde Gestein, das
sich aus den Abgruenden emportuermte, und sie fuehlte die heftigste
Versuchung, sich von der Teufelsbruecke in die tobenden Gewaesser der
Reuss hinabzustuerzen. Nur mit der groessten Muehe gelang es den zwei
Maegden, die sie bei sich hatte, und die ich selbst noch gekannt habe,
welche aber nun schon lange tot sind, und dem Fuehrer, sie zu
beruhigen und von der finstern Anwandlung abzubringen. Doch langte sie
bleich und traurig in dem schoenen Land Italien an, und so blau dort
der Himmel war, wollten sich ihre dunklen Gedanken doch nicht
aufhellen. Aber als sie einige Tage bei ihrer Base verweilt, sollte
unverhofft eine andere Melodie ertoenen und ein Fruehlingsanfang in
ihr aufgehen, von dem sie his dato noch nicht viel gewusst. Denn es
kam ein junger Landsmann in das Haus der Base, der ihr gleich beim
ersten Anblick so wohl gefiel, dass man wohl sagen kann, sie verliebte
sich jetzt von selbst und zum erstenmal. Es war ein schoener
Juengling, von guter Erziehung und edlem Benehmen, nicht arm und nicht
reich zur Zeit, denn er hatte nichts als zehntausend Goldgulden,
welche er von seinen verstorbenen Eltern ererbt und womit er, da er
die Kaufmannschaft erlernt hatte, in Mailand einen Handel mit Seide
begruenden wollte; denn er war unternehmend und klar von Gedanken und
hatte eine glueckliche Hand, wie es unbefangene und unschuldige Leute
oft haben; denn auch dies war der junge Mann; er schien, so
wohlgelehrt er war, doch so arglos und unschuldig wie ein Kind. Und
obgleich er ein Kaufmann war und ein so unbefangenes Gemuet, was schon
zusammen eine koestliche Seltenheit ist, so war er doch fest und
ritterlich in seiner Haltung und trug sein Schwert so keck zur Seite,
wie nur ein geuebter Kriegsmann es tragen kann. Dies alles, sowie
seine frische Schoenheit und Jugend bezwangen das Herz des Fraeuleins
dermassen, dass sie kaum an sich halten konnte und ihm mit grosser
Freundlichkeit begegnete. Sie wurde wieder heiter, und wenn sie
dazwischen auch traurig war, so geschah dies in dem Wechsel der
Liebesfurcht und Hoffnung, welche immerhin ein edleres und
angenehmeres Gefuehl war, als jene peinliche Verlegenheit in der Wahl,
welche sie frueher unter den vielen Freiern empfunden. Jetzt kannte
sie nur eine Muehe und Besorgnis, diejenige naemlich, dem schoenen und
guten Juengling zu gefallen, und je schoener sie selbst war, desto
demuetiger und unsicherer war sie jetzt, da sie zum ersten Male eine
wahre Neigung gefasst hatte. Aber auch der junge Kaufmann hatte noch
nie eine solche Schoenheit gesehen, oder war wenigstens noch keiner so
nahe gewesen, und von ihr so freundlich und artig behandelt worden. Da
sie nun, wie gesagt, nicht nur schoen, sondern auch gut von Herzen und
fein von Sitten war, so ist es nicht zu verwundern, dass der offene
und frische Juengling, dessen Herz noch ganz frei und unerfahren war,
sich ebenfalls in sie verliebte und das mit aller Kraft und
Rueckhaltlosigkeit, die in seiner ganzen Natur lag. Aber vielleicht
haette das nie jemand erfahren, wenn er in seiner Einfalt nicht
aufgemuntert worden waere durch des Fraeuleins Zutulichkeit, welche er
mit heimlichem Zittern und Zagen fuer eine Erwiderung seiner Liebe zu
halten wagte, da er selber keine Verstellung kannte. Doch bezwang er
sich einige Wochen und glaubte die Sache zu verheimlichen; aber jeder
sah ihm von weitem an, dass er zum Sterben verliebt war, und wenn er
irgend in die Naehe des Fraeuleins geriet oder sie nur genannt wurde,
so sah man auch gleich, in wen er verliebt war. Er war aber nicht
lange verliebt, sondern begann wirklich zu lieben mit aller Heftigkeit
seiner Jugend, sodass ihm das Fraeulein das Hoechste und Beste auf der
Welt wurde, an welches er ein fuer allemal das Heil und den ganzen
Wert seiner eigenen Person setzte. Dies gefiel ihr ueber die Massen
wohl; denn es war in allem, was er sagte oder tat, eine andere Art,
als sie bislang erfahren, und dies bestaerkte und ruehrte sie so tief,
dass sie nun gleichermassen der staerksten Liebe anheimfiel und nun
nicht mehr von einer Wahl fuer sie die Rede war. Jedermann sah diese
Geschichte spielen, und es wurde offen darueber gesprochen und
vielfach gescherzt. Dem Fraeulein war es hoechlich wohl dabei, und
indem ihr das Herz vor banger Erwartung zerspringen wollte, half sie
den Roman von ihrer Seite doch ein wenig verwickeln und ausspinnen, um
ihn recht auszukosten und zu geniessen. Denn der junge Mann beging in
seiner Verwirrung so koestliche und kindliche Dinge, dergleichen sie
niemals erfahren, und fuer sie einmal schmeichelhafter und angenehmer
waren als das andere. Er aber in seiner Gradheit und Ehrlichkeit
konnte es nicht lange so aushalten; da jeder darauf anspielte und sich
einen Scherz erlaubte, so schien es ihm eine Komoedie zu werden, als
deren Gegenstand ihm seine Geliebte viel zu gut und heilig war, und
was ihr ausnehmend behagte, das machte ihn bekuemmert, ungewiss und
verlegen um sie selber. Auch glaubte er sie zu beleidigen und zu
hintergehen, wenn er da lange eine so heftige Leidenschaft zu ihr
herumtruege und unaufhoerlich an sie denke, ohne dass sie eine Ahnung
davon habe, was doch gar nicht schicklich sei und ihm selber nicht
recht! Daher sah man ihm eines Morgens von weitem an, dass er etwas
vorhatte, und er bekannte ihr seine Liebe in einigen Worten, um es
einmal und nie zum zweitenmal zu sagen, wenn er nicht gluecklich sein
sollte. Denn er war nicht gewohnt zu denken, dass ein solches schoenes
und wohlbeschaffenes Fraeulein etwa nicht ihre wahre Meinung sagen und
nicht auch gleich zum erstenmal ihr unwiderrufliches Ja oder Nein
erwidern sollte. Er war ebenso zart gesinnt als heftig verliebt,
ebenso sproede als kindlich und ebenso stolz als unbefangen, und bei
ihm galt es gleich auf Tod und Leben, auf Ja oder Nein, Schlag um
Schlag. In demselben Augenblicke aber, in welchem das Fraeulein sein
Gestaendnis anhoerte, das sie so sehnlich erwartet, ueberfiel sie ihr
altes Misstrauen, und es fiel ihr zur ungluecklichen Stunde ein, dass
ihr Liebhaber ein Kaufmann sei, welcher am Ende nur ihr Vermoegen zu
erlangen wuensche, um seine Unternehmungen zu erweitern. Wenn er
daneben auch ein wenig in ihre Person verliebt sein sollte, so waere
ja das bei ihrer Schoenheit kein sonderliches Verdienst und nur um so
empoerender, wenn sie eine blosse erwuenschte Zugabe zu ihrem Golde
vorstellen sollte. Anstatt ihm daher ihre Gegenliebe zu gestehen und
ihn wohl aufzunehmen, wie sie am liebsten getan haette, ersann sie auf
der Stelle eine neue List, um seine Hingebung zu pruefen, und nahm
eine ernste, fast traurige Miene an, indem sie ihm vertraute, wie sie
bereits mit einem jungen Mann verlobt sei in ihrer Heimat, welchen sie
auf das allerherzlichste liebe. Sie habe ihm das schon mehrmals
mitteilen wollen, da sie ihn, den Kaufmann naemlich, als Freund sehr
lieb habe, wie er habe wohl sehen koennen aus ihrem Benehmen, und sie
vertraue ihm wie einem Bruder. Aber die ungeschickten Scherze, welche
in der Gesellschaft aufgekommen seien, haetten ihr eine vertrauliche
Unterhaltung erschwert; da er nun aber selbst sie mit feinem braven
und edlen Herzen ueberrascht und dasselbe vor ihr aufgetan, so koenne
sie ihm fuer seine Neigung nicht besser danken, als indem sie ihm
ebenso offen sich anvertraue. Ja, fuhr sie fort, nur demjenigen koenne
sie angehoeren, welchen sie einmal erwaehlt habe, und nie wuerde es
ihr moeglich sein, ihr Herz einem anderen Mannsbilde zuzuwenden, dies
stehe mit goldenem Feuer in ihrer Seele geschrieben und der liebe Mann
wisse selbst nicht, wie lieb er ihr sei, so wohl er sie auch kenne!
Aber ein trueber Unstern haette sie betroffen; ihr Braeutigam sei ein
Kaufmann, aber so arm wie eine Maus; darum haetten sie den Plan
gefasst, dass er aus den Mitteln der Braut einen Handel begruenden
solle; der Anfang sei gemacht und alles auf das beste eingeleitet, die
Hochzeit sollte in diesen Tagen gefeiert werden, da wollte ein
unverhofftes Missgeschick, dass ihr ganzes Vermoegen ploetzlich ihr
angetastet und abgestritten wuerde und vielleicht fuer immer verloren
gehe, waehrend der arme Braeutigam in naechster Zeit seine ersten
Zahlungen zu leisten habe an die Mailaender und Venezianischen
Kaufleute, worauf sein ganzer Kredit, sein Gedeihen und seine Ehre
beruhe, nicht zu sprechen von ihrer Vereinigung und gluecklichen
Hochzeit! Sie sei in der Eile nach Mailand gekommen, wo sie begueterte
Verwandte habe, um da Mittel und Auswege zu finden; aber zu einer
schlimmen Stunde sei sie gekommen, denn nichts wolle sich fuegen und
schicken, waehrend der Tag immer naeher ruecke, und wenn sie ihrem
Geliebten nicht helfen koenne, so muesse sie sterben vor Traurigkeit.
Denn es sei der liebste und beste Mensch, den man sich denken koenne,
und wuerde sicherlich ein grosser Kaufherr werden, wenn ihm geholfen
wuerde, und sie kenne kein anderes Glueck mehr auf Erden, als dann
dessen Gemahlin zu sein! Als sie diese Erzaehlung beendet, hatte sich
der arme schoene Juengling schon lange entfaerbt und war bleich wie
ein weisses Tuch. Aber er liess keinen Laut der Klage vernehmen und
sprach nicht ein Sterbenswoertchen mehr von sich selbst und von seiner
Liebe, sondern fragte bloss traurig, auf wieviel sich denn die
eingegangenen Verpflichtungen des gluecklich ungluecklichen
Braeutigams beliefen? Auf zehntausend Goldgulden! antwortete sie noch
viel trauriger. Der junge traurige Kaufherr stand auf, ermahnte das
Fraeulein, guten Mutes zu sein, da sich gewiss ein Ausweg zeigen
werde, und entfernte sich von ihr, ohne dass er sie anzusehen wagte,
so sehr fuehlte er sich betroffen und beschaemt, dass er sein Auge auf
eine Dame geworfen, die so treu und leidenschaftlich einen andern
liebte. Denn der Arme glaubte jedes Wort von ihrer Erzaehlung wie ein
Evangelium. Dann begab er sich ohne Saeumnis zu seinen Handelsfreunden
und brachte sie durch Bitten und Einbuessung einer gewissen Summe
dahin, seine Bestellungen und Einkaeufe wieder rueckgaengig zu machen,
welche er selbst in diesen Tagen auch grad mit seinen zehntausend
Goldgulden bezahlen sollte und worauf er seine ganze Laufbahn bauete,
und ehe sechs Stunden verflossen waren, erschien er wieder bei dem
Fraeulein mit seinem ganzen Besitztum und bat sie um Gottes willen,
diese Aushilfe von ihm annehmen zu wollen. Ihre Augen funkelten vor
freudiger Ueberraschung und ihre Brust pochte wie ein Hammerwerk; sie
fragte ihn, wo er denn dies Kapital hergenommen, und er erwiderte, er
habe es auf seinen guten Namen geliehen und wuerde es, da seine
Geschaefte sich gluecklich wendeten, ohne Unbequemlichkeit
zurueckerstatten koennen. Sie sah ihm deutlich an, dass er log und
dass es sein einziges Vermoegen und ganze Hoffnung war, welche er
ihrem Gluecke opferte; doch stellte sie sich, als glaubte sie seinen
Worten. Sie liess ihren freudigen Empfindungen freien Lauf und tat
grausamerweise, als ob diese dem Gluecke gaelten, nun doch ihren
Erwaehlten retten und heiraten zu duerfen, und sie konnte nicht Worte
finden, ihre Dankbarkeit auszudruecken. Doch ploetzlich besann sie
sich und erklaerte, nur unter einer Bedingung die grossmuetige Tat
annehmen zu koennen, da sonst alles Zureden unnuetz waere. Befragt,
worin diese Bedingung bestehe, verlangte sie das heilige Versprechen,
dass er an einem bestimmten Tage sich bei ihr einfinden wolle, um
ihrer Hochzeit beizuwohnen und der beste Freund und Goenner ihres
zukuenftigen Ehegemahls zu werden, sowie der treuste Freund, Schuetzer
und Berater ihrer selbst. Erroetend bat er sie, von diesem Begehren
abzustehen; aber umsonst wandte er alle Gruende an, um sie davon
abzubringen, umsonst stellte er ihr vor, dass seine Angelegenheiten
jetzt nicht erlaubten, nach der Schweiz zurueckzureisen, und dass er
von einem solchen Abstecher einen erheblichen Schaden erleiden wuerde.
Sie beharrte entschieden auf ihrem Verlangen und schob ihm sogar sein
Geld wieder zu, da er sich nicht dazu verstehen wollte. Endlich
versprach er es, aber er musste ihr die Hand daraufgeben und es ihr
bei seiner Ehre und Seligkeit beschwoeren. Sie bezeichnete ihm genau
den Tag und die Stunde, wann er eintreffen solle, und alles dies
musste er bei seinem Christenglauben und bei seiner Seligkeit
beschwoeren. Erst dann nahm sie sein Opfer an und liess den Schatz
vergnuegt in ihre Schlafkammer tragen, wo sie ihn eigenhaendig in
ihrer Reisetruhe verschloss und den Schluessel in den Busen steckte.
Nun hielt sie sich nicht laenger in Mailand auf, sondern reiste ebenso
froehlich ueber den Sankt Gotthard zurueck, als schwermuetig sie
hergekommen war. Auf der Teufelsbruecke, wo sie hatte hinabspringen
wollen, lachte sie wie eine Unkluge und warf mit hellem Jauchzen ihrer
wohlklingenden Stimme einen Granatbluetenstrauss in die Reuss, welchen
sie vor der Brust trug, kurz, ihre Lust war nicht zu baendigen, und es
war die froehlichste Reise, die je getan wurde. Heimgekehrt, oeffnete
und lueftete sie ihr Haus von oben bis unten und schmueckte es, als ob
sie einen Prinzen erwartete. Aber zu Haeupten ihres Bettes legte sie
den Sack mit den zehntausend Goldgulden und legte des Nachts den Kopf
so glueckselig auf den harten Klumpen, und schlief darauf, wie wenn es
das weichste Flaumkissen gewesen waere. Kaum konnte sie den
verabredeten Tag erwarten, wo sie ihn sicher kommen sah, da sie
wusste, dass er nicht das einfachste Versprechen, geschweige denn
einen Schwur brechen wuerde, und wenn es ihm um das Leben ginge. Aber
der Tag brach an und der Geliebte erschien nicht, und es vergingen
viele Tage und Wochen, ohne dass er von sich hoeren liess. Da fing sie
an allen Gliedern an zu zittern und verfiel in die groesste Angst und
Bangigkeit; sie schickte Briefe ueber Briefe nach Mailand, aber
niemand wusste ihr zu sagen, wo er geblieben sei. Endlich aber stellte
es sich durch einen Zufall heraus, dass der junge Kaufherr aus einem
blutroten Stueck Seidendamast, welches er von seinem Handelsanfang her
im Haus liegen und bereits bezahlt hatte, sich ein Kriegskleid hatte
anfertigen lassen und unter die Schweizer gegangen war, welche damals
eben im Solde des Koenigs Franz von Frankreich den Mailaendischen
Krieg mitstritten. Nach der Schlacht bei Pavia, in welcher so viele
Schweizer das Leben verloren, wurde er auf einem Haufen erschlagener
Spaniolen liegend gefunden, von vielen toedlichen Wunden zerrissen und
sein rotes Seidengewand von unten bis oben zerschlitzt und zerfetzt.
Eh' er den Geist aufgab, jagte er einem neben ihm liegenden Seldwyler,
der minder uebel zugerichtet war, folgende Botschaft ins Gedaechtnis
und bat ihn, dieselbe auszurichten, wenn er mit dem Leben davonkaeme:
'Liebstes Fraeulein! Obgleich ich Euch bei meiner Ehre, bei meinem
Christenglauben und bei meiner Seligkeit geschworen habe, auf Euerer
Hochzeit zu erscheinen, so ist es mir dennoch nicht moeglich gewesen,
Euch nochmals zu sehen und einen andern des hoechsten Glueckes
teilhaftig zu erblicken, das es fuer mich geben koennte. Dieses habe
ich erst in Euerer Abwesenheit verspuert und habe vorher nicht
gewusst, welch eine strenge und unheimliche Sache es ist um solche
Liebe, wie ich zu Euch habe, sonst wuerde ich mich zweifelsohne besser
davor gehuetet haben. Da es aber einmal so ist, so wollte ich lieber
meiner weltlichen Ehre und meiner geistlichen Seligkeit verloren und
in die ewige Verdammnis eingehen als ein Meineidiger, denn noch einmal
in Euerer Naehe erscheinen mit einem Feuer in der Brust, welches
staerker und unausloeschlicher ist als das Hoellenfeuer, und mich
dieses kaum wird verspueren lassen. Betet nicht etwa fuer mich,
schoenstes Fraeulein, denn ich kann und werde nie selig werden ohne
Euch, sei es hier oder dort, und somit lebet gluecklich und seid
gegruesst!' So hatte in dieser Schlacht, nach welcher Koenig
Franziskus sagte: 'Alles verloren, ausser der Ehre!' der unglueckliche
Liebhaber alles verloren, die Hoffnung, die Ehre, das Leben und die
ewige Seligkeit, nur die Liebe nicht, die ihn verzehrte. Der Seldwyler
kam gluecklich davon, und sobald er sich in etwas erholt und ausser
Gefahr sah, schrieb er die Worte des Umgekommenen getreu auf seine
Schreibtafel, um sie nicht zu vergessen, reiste nach Hause, meldete
sich bei dem ungluecklichen Fraeulein und las ihr die Botschaft so
steif und kriegerisch vor, wie er zu tun gewohnt war, wenn er sonst
die Mannschaft seines Faehnleins verlas; denn er war ein Feldleutnant.
Das Fraeulein aber zerraufte sich die Haare, zerriss ihre Kleider und
begann so laut zu schreien und zu weinen, dass man es die Strasse auf
und nieder hoerte und die Leute zusammenliefen. Sie schleppte wie
wahnsinnig die zehntausend Goldgulden herbei, zerstreute sie auf dem
Boden, warf sich der Laenge nach darauf hin und kuesste die
glaenzenden Goldstuecke. Ganz von Sinnen, suchte sie den
umherrollenden Schatz zusammenzuraffen und zu umarmen, als ob der
verlorene Geliebte darin zugegen waere. Sie lag Tag und Nacht auf dem
Golde und wollte weder Speise noch Trank zu sich nehmen; unaufhoerlich
liebkoste und kuesste sie das kalte Metall, bis sie mitten in einer
Nacht ploetzlich aufstand, den Schatz emsig hin und her eilend nach
dem Garten trug und dort unter bitteren Traenen in den tiefen Brunnen
warf und einen Fluch darueber aussprach, dass er niemals jemand anderm
angehoeren solle."
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