Die Leute von Seldwyla, Vol. 1
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Gottfried Keller >> Die Leute von Seldwyla, Vol. 1
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Dann aber erhob sie sich von der Erde, strich ihr Kleid, welches sie
sorgfaeltig aufgeschuerzt hatte, zurecht und sagte: "Nun ist es wohl
Zeit, liebe Freunde! dass wir uns aufmachen und dass ihr euch zu jenem
ernsthaften Gange ruestet, welchen euch der Meister in seiner Torheit
auferlegt, wir aber als die Anordnung eines hoeheren Geschickes
ansehen! Tretet diesen Weg an voll schoenen Eifers, aber ohne
Feindschaft noch Neid gegeneinander, und ueberlasset dem Sieger willig
die Krone!" Wie von einer Wespe gestochen, sprangen die Gesellen auf
und stellten sich auf die Beine. Da standen sie nun und sollten mit
denselben einander den Rang ablaufen, mit denselben guten Beinen,
welche bislang nur in bedachtem, ehrbarem Schritt gewandelt! Keiner
wusste sich mehr zu entsinnen, dass er je einmal gesprungen oder
gelaufen waere; am ehesten schien sich noch der Schwabe zu trauen und
mit den Fuessen sogar leise zu scharren und dieselben ungeduldig zu
heben. Sie sahen sich ganz sonderbar und verdaechtig an, waren bleich
und schwitzten dabei, als ob sie schon im heftigsten Laufen begriffen
waeren.
"Gebet euch," sagte Zues, "noch einmal die Hand!" Sie taten es, aber
so willenlos und laessig, dass die drei Haende kalt voneinander
abglitten und abfielen wie Bleihaende. "Sollen wir denn wirklich das
Torenwerk beginnen?" sagte Jobst und wischte sich die Augen, welche
anfingen zu traeufeln. "Ja," versetzte der Bayer, "sollen wir wirklich
laufen und springen?" und begann zu weinen. "Und Sie, allerliebste
Jungfer Buenzlin?" sagte Jobst heulend, "wie werden Sie sich denn
verhalten?" "Mir geziemt," antwortete sie und hielt sich das
Schnupftuch vor die Augen, "mir geziemt zu schweigen, zu leiden und
zuzusehen!" Der Schwabe sagte freundlich und listig: "Aber dann
nachher, Jungfer Zuesi?" "O Dietrich!" erwiderte sie sanft, "wissen
Sie nicht, dass es heisst, der Zug des Schicksals ist des Herzens
Stimme?" Und dabei sah sie ihn von der Seite so verbluemt an, dass er
abermals die Beine hob und Lust verspuerte, sogleich in Trab zu
geraten. Waehrend die zwei Nebenbuhler ihre kleinen Felleisenfuhrwerke
in Ordnung brachten und Dietrich das gleiche tat, streifte sie
abermals mit Nachdruck seinen Ellbogen oder trat ihm auf den Fuss;
auch wischte sie ihm den Staub von dem Hute, laechelte aber
gleichzeitig den andern zu, wie wenn sie den Schwaben auslachte, doch
so, dass es dieser nicht sehen konnte. Alle drei bliesen jetzt
maechtig die Backen auf und sandten grosse Seufzer in die Luft. Sie
sahen sich um nach allen Seiten, nahmen die Huete ab, wischten sich
den Schweiss von der Stirn, strichen die steif geklebten Haare und
setzten die Huete wieder auf. Nochmals schauten sie nach allen Winden
und schnappten nach Luft. Zues erbarmte sich ihrer und war so
geruehrt, dass sie selbst weinte. "Hier sind noch drei duerre
Pflaumen," sagte sie, "nehmt jeder eine in den Mund und behaltet sie
darin, das wird euch erquicken! So ziehet denn dahin und kehret die
Torheit der Schlechten um in Weisheit der Gerechten! Was sie zum
Mutwillen ausgesonnen, das verwandelt in ein erbauliches Werk der
Pruefung und der Selbstbeherrschung, in eine sinnreiche
Schlusshandlung eines langjaehrigen Wohlverhaltens und Wettlaufes in
der Tugend!" Jedem steckte sie die Pflaume in den Mund, und er sog
daran. Jobst drueckte die Hand auf seinen Magen und rief: "Wenn es
denn sein muss, so sei es in Himmels Namen!" und ploetzlich fing er,
indem er den Stock erhob, mit stark gebogenen Knien maechtig an
auszuschreiten und zog sein Felleisen an sich. Kaum sah dies Fridolin,
so folgte er ihm nach mit langen Schritten, und ohne sich ferner
umzusehen, eilten sie schon ziemlich hastig die Strasse hinab.
Der Schwabe war der letzte, der sich aufmachte, und ging mit listig
vergnuegtem Gesicht und scheinbar ganz gemaechlich neben Zues her, wie
wenn er seiner Sache sicher und edelmuetig seinen Gefaehrten einen
Vorsprung goennen wollte. Zues belobte seine freundliche Gelassenheit
und hing sich vertraulich an seinen Arm. "Ach, es ist doch schoen,"
sagte sie mit einem Seufzer, "eine feste Stuetze zu haben im Leben!
Selbst wenn man hinlaenglich begabt ist mit Klugheit und Einsicht und
einen tugendhaften Weg wandelt, so geht es sich auf diesem Wege doch
viel gemuetlicher am vertrauten Freundesarme!" "Der Tausend, ei ja
wohl, das wollte ich wirklich meinen!" erwiderte Dietrich und stiess
ihr den Ellbogen tuechtig in die Seite, indem er zugleich nach seinen
Nebenbuhlern spaehte, ob der Vorsprung auch nicht zu gross wuerde,
"sehen Sie wohl, werteste Jungfer! Kommt es Ihnen allendlich? Merken
Sie, wo Barthel den Most holt?" "O Dietrich, lieber Dietrich," sagte
sie mit einem noch viel staerkeren Seufzer, "ich fuehle mich oft recht
einsam!" "Hopsele, so muss es kommen!" rief er und sein Herz huepfte
wie ein Haeschen im Weisskohl. "O Dietrich!" rief sie und drueckte
sich fester an ihn; es ward ihm schwuel und sein Herz wollte
zerspringen vor pfiffigem Vergnuegen; aber zugleich entdeckte er, dass
seine Vorlaeufer nicht mehr sichtbar, sondern um eine Ecke herum
verschwunden waren. Sogleich wollte er sich losreissen von Zuesis Arm
und jenen nachspringen; aber sie hielt ihn so fest, dass es ihm nicht
gelang, und klammerte sich an, wie wenn sie schwach wuerde.
"Dietrich!" fluesterte sie, die Augen verdrehend, "lassen Sie mich
jetzt nicht allein, ich vertraue auf Sie, stuetzen Sie mich!" "Den
Teufel noch einmal, lassen Sie mich los, Jungfer!" rief er aengstlich,
"oder ich komm' zu spaet und dann ade Zipfelmuetze!" "Nein, nein! Sie
duerfen mich nicht verlassen, ich fuehle, mir wird uebel!" jammerte
sie. "UEbel oder nicht uebel!" schrie er und riss sich gewaltsam los;
er sprang auf eine Erhoehung und sah sich um und sah die Laeufer schon
im vollen Rennen weit den Berg hinunter. Nun setzte er zum Sprung an,
schaute sich aber im selben Augenblick noch einmal nach Zues um. Da
sah er sie, wie sie am Eingange eines engen schattigen Waldpfades sass
und lieblich lockend ihm mit den Haenden winkte. Diesem Anblicke
konnte er nicht widerstehen, sondern eilte, statt den Berg hinunter,
wieder zu ihr hin. Als sie ihn kommen sah, stand sie auf und ging
tiefer in das Holz hinein, sich nach ihm umsehend; denn sie dachte ihn
auf alle Weise vom Laufen abzuhalten und so lange zu vexieren, bis er
zu spaet kaeme und nicht in Seldwyl bleiben koenne.
Allein der erfindungsreiche Schwabe aenderte zu selber Zeit seine
Gedanken und nahm sich vor, sein Heil hier oben zu erkaempfen, und so
geschah es, dass es ganz anders kam, als die listige Person es hoffte.
Sobald er sie erreicht und an einem verborgenen Plaetzchen mit ihr
allein war, fiel er ihr zu Fuessen und bestuermte sie mit den
feurigsten Liebeserklaerungen, welche ein Kammacher je gemacht hat.
Erst suchte sie ihm Ruhe zu gebieten und, ohne ihn fortzuscheuchen,
auf gute Manier hinzuhalten, indem sie alle ihre Weisheiten und
Anmutungen spielen liess. Als er ihr aber Himmel und Hoelle
vorstellte, wozu ihm sein aufgeregter und gespannter
Unternehmungsgeist herrliche Zauberworte verlieh, als er sie mit
Zaertlichkeiten jeder Art ueberhaeufte und bald ihrer Haende, bald
ihrer Fusse sich zu bemaechtigen suchte und ihren Leib und ihren
Geist, alles was an ihr war, lobte und ruehmte, dass der Himmel haette
gruen werden moegen, als dazu die Witterung und der Wald so still und
lieblich waren, verlor Zues endlich den Kompass, als ein Wesen, dessen
Gedanken am Ende doch so kurz sind als seine Sinne; ihr Herz krabbelte
so aengstlich und wehrlos, wie ein Kaefer, der auf dem Ruecken liegt,
und Dietrich besiegte es in jeder Weise. Sie hatte ihn in dies
Dickicht verlockt, um ihn zu verraten, und war im Handumdrehen von dem
Schwaebchen erobert; dies geschah nicht, weil sie etwa eine besonders
verliebte Person war, sondern weil sie als eine kurze Natur trotz
aller eingebildeten Weisheit doch nicht ueber ihre eigene Nase wegsah.
Sie blieben wohl eine Stunde in dieser kurzweiligen Einsamkeit,
umarmten sich immer aufs neue und gaben sich tausend Kuesschen. Sie
schwuren sich ewige Treue und in aller Aufrichtigkeit und wurden
einig, sich zu heiraten auf alle Faelle.
Unterdessen hatte sich in der Stadt die Kunde von dem seltsamen
Unternehmen der drei Gesellen verbreitet und der Meister selbst zu
seiner Belustigung die Sache bekannt gemacht; deshalb freuten sich die
Seldwyler auf das unverhoffte Schauspiel und waren begierig, die
gerechten und ehrbaren Kammacher zu ihrem Spasse laufen und ankommen
zu sehen. Eine grosse Menschenmenge zog vor das Tor und lagerte sich
zu beiden Seiten der Strasse, wie wenn man einen Schnellaeufer
erwartet. Die Knaben kletterten auf die Baeume, die Alten und
Rueckgesetzten sassen im Grase und rauchten ihr Pfeifchen, zufrieden,
dass sich ihnen ein so wohlfeiles Vergnuegen aufgetan. Selbst die
Herren waren ausgerueckt, um den Hauptspass mit anzusehen, sassen
froehlich diskurierend in den Gaerten und Lauben der Wirtshaeuser und
bereiteten eine Menge Wetten vor. In den Strassen, durch welche die
Laeufer kommen mussten, waren alle Fenster geoeffnet, die Frauen
hatten in den Visitenstuben rote und weisse Kissen ausgelegt, die Arme
darauf zu legen, und zahlreichen Damenbesuch empfangen, so dass
froehliche Kaffeegesellschaften aus dem Stegreif entstanden und die
Maegde genug zu laufen hatten, um Kuchen und Zwieback zu holen. Vor
dem Tore aber sahen jetzt die Buben auf den hoechsten Baeumen eine
kleine Staubwolke sich naehern und begannen zu rufen: "Sie kommen, sie
kommen!" Und nicht lange dauerte es, so kamen Fridolin und Jobst
wirklich wie ein Sturmwind herangesaust, mitten auf der Strasse, eine
dicke Wolke Staubes aufruehrend. Mit der einen Hand zogen sie die
Felleisen, welche wie toll ueber die Steine flogen, mit der andern
hielten sie die Huete fest, welche ihnen' im Nacken sassen, und ihre
langen Roecke flogen und wehten um die Wette. Beide waren von Schweiss
und Staub bedeckt, sie sperrten den Mund auf und lechzten nach Atem,
sahen und hoerten nichts, was um sie her vorging und dicke Traenen
rollten den armen Maennern ueber die Gesichter, welche sie nicht
abzuwischen Zeit hatten. Sie liefen sich dicht auf den Fersen, doch
war der Bayer voraus um eine Spanne. Ein entsetzliches Geschrei und
Gelaechter erhob sich und droehnte, so weit das Ohr reichte. Alles
raffte sich auf und draengte sich dicht an den Weg, von allen Seiten
rief es: "So recht, so recht! Lauft, wehr' dich, Sachs! Halt dich
brav, Bayer! Einer ist schon abgefallen, es sind nur noch zwei!" Die
Herren in den Gaerten standen auf den Tischen und wollten sich
ausschuetten vor Lachen. Ihr Gelaechter droehnte aber donnernd und
fest ueber den haltlosen Laerm der Menge weg, die auf der Strasse
lagerte, und gab das Signal zu einem unerhoerten Freudentage. Die
Buben und das Gesindel stroemten hinter den zwei armen Gesellen
zusammen und ein wilder Haufen, eine furchtbare Wolke erregend,
waelzte sich mit ihnen dem Tore zu; selbst Weiber und junge
Gassenmaedchen liefen mit und mischten ihre hellen quiekenden Stimmen
in das Geschrei der Burschen. Schon waren sie dem Tore nah, dessen
Tuerme von Neugierigen besetzt waren, die ihre Muetzen schwenkten; die
zwei rannten wie scheu gewordene Pferde, das Herz voll Qual und Angst;
da kniete ein Gassenjunge wie ein Kobold auf Jobstens fahrendes
Felleisen und liess sich unter dem Beifallsgeschrei der Menge
mitfahren. Jobst wandte sich und flehte ihn an, loszulassen, auch
schlug er mit dem Stocke nach ihm; aber der Junge duckte sich und
grinste ihn an. Darueber gewann Fridolin einen groesseren Vorsprung,
und wie Jobst es merkte, warf er ihm den Stock zwischen die Fuesse,
dass er hinstuerzte. Wie aber Jobst ueber ihn wegspringen wollte,
erwischte ihn der Bayer am Rockschoss und zog sich daran in die Hoehe;
Jobst schlug ihm auf die Haende und schrie: "Lass los, lass los!"
Fridolin liess aber nicht los, Jobst packte dafuer seinen Rockschoss
und nun hielten sie sich gegenseitig fest und drehten sich langsam zum
Tore hinein, nur zuweilen einen Sprung versuchend, um einer dem andern
zu entrinnen. Sie weinten, schluchzten und heulten wie Kinder und
schrien in unsaeglicher Beklemmung: "O Gott, lass los! Du lieber
Heiland, lass los, Jobst! Lass los, Fridolin! Lass los, du Satan!"
Dazwischen schlugen sie sich fleissig auf die Haende, kamen aber immer
um ein weniges vorwaerts. Hut und Stock hatten sie verloren, zwei
Buben trugen dieselben, die Huete auf die Stoecke gesteckt, voran und
hinter ihnen her waelzte sich der tobende Haufen; alle Fenster waren
von der Damenwelt besetzt, welche ihr silbernes Gelaechter in die
unten tosende Brandung warf, und seit langer Zeit war man nicht mehr
so froehlich gestimmt gewesen in dieser Stadt. Das rauschende
Vergnuegen schmeckte den Bewohnern so gut, dass kein Mensch den zwei
Ringenden ihr Ziel zeigte, des Meisters Haus, an welchem sie endlich
angelangt. Sie selben sahen es nicht, sie sahen ueberhaupt nichts, und
so waelzte sich der tolle Zug durch das ganze Staedtchen und zum
anderen Tore wieder hinaus. Der Meister hatte lachend unter dem
Fenster gelegen, und nachdem er noch ein Stuendchen auf den endlichen
Sieger gewartet, wollte er eben weggehen, um die Fruechte seines
Schwankes zu geniessen, als Dietrich und Zues still und unversehens
bei ihm eintraten.
Diese hatten naemlich unterdessen ihre Gedanken zusammengetan und
beraten, dass der Kammachermeister wohl geneigt sein duerfte, da er
doch nicht lang mehr machen wuerde, sein Geschaeft gegen eine bare
Summe zu verkaufen. Zues wollte ihren Gueltbrief dazu hergeben und der
Schwabe sein Geldchen auch dazutun, und dann waeren sie die Herren der
Sachlage und koennten die andern zwei auslachen. Sie trugen ihre
Vereinigung dem ueberraschten Meister vor; diesem leuchtete es
sogleich ein, hinter dem Ruecken seiner Glaeubiger, ehe es zum Bruch
kam, noch schnell den Handel abzuschliessen und unverhofft des baren
Kaufpreises habhaft zu werden. Rasch wurde alles festgestellt, und ehe
die Sonne unterging, war Jungfer Buenzlin die rechtmaessige Besitzerin
des Kammachergeschaeftes und ihr Braeutigam der Mieter des Hauses, in
welchem dasselbe lag, und so war Zues, ohne es am Morgen geahnt zu
haben, endlich erobert und gebunden durch die Handlichkeit des
Schwaebchens.
Halbtot vor Scham, Mattigkeit und Aerger lagen Jobst und Fridolin in
der Herberge, wohin man sie gefuehrt hatte, nachdem sie auf dem freien
Felde endlich umgefallen waren, ganz ineinander verbissen. Die ganze
Stadt, da sie einmal aufgeregt war, hatte die Ursache schon vergessen
und feierte eine lustige Nacht. In vielen Haeusern wurde getanzt und
in den Schenken wurde gezecht und gesungen, wie an den groessten
Seldwylertagen; denn die Seldwyler brauchten nicht viel Zeug, um mit
Meisterhand eine Lustbarkeit daraus zu formen. Als die beiden armen
Teufel sahen, wie ihre Tapferkeit, mit welcher sie gedacht hatten, die
Torheit der Welt zu benutzen, nur dazu gedient hatte, dieselbe
triumphieren zu lassen und sich selbst zum allgemeinen Gespoett zu
machen, wollte ihnen das Herz brechen; denn sie hatten nicht nur den
weisen Plan mancher Jahre verfehlt und vernichtet, sondern auch den
Ruhm besonnener und rechtlich ruhiger Leute eingebuesst.
Jobst, der der aelteste war und sieben Jahre hier gewesen, war ganz
verloren und konnte sich nicht zurechtfinden. Ganz schwermuetig zog er
vor Tag wieder aus der Stadt, und hing sich an der Stelle, wo sie alle
gestern gesessen, an einen Baum. Als der Bayer eine Stunde spaeter da
vorueberkam und ihn erblickte, fasste ihn ein solches Entsetzen, dass
er wie wahnsinnig davonrannte, sein ganzes Wesen veraenderte und, wie
man nachher hoerte, ein liederlicher Mensch und alter Handwerksbursch
wurde, der keines Menschen Freund war.
Dietrich der Schwabe allein blieb ein Gerechter und hielt sich oben in
dem Staedtchen; aber er hatte nicht viel Freude davon; denn Zues liess
ihm gar nicht den Ruhm, regierte und unterdrueckte ihn und betrachtete
sich selbst als die alleinige Quelle alles Guten.
* * * * *
SPIEGEL, DAS KAETZCHEN
EIN MAERCHEN
Wenn ein Seldwyler einen schlechten Handel gemacht hat oder angefuehrt
worden ist, so sagt man zu Seldwyla: Er hat der Katze den Schmer
abgekauft! Dies Sprichwort ist zwar auch anderwaerts gebraeuchlich,
aber nirgends hoert man es so oft wie dort, was vielleicht daher
ruehren mag, dass es in dieser Stadt eine alte Sage gibt ueber den
Ursprung und die Bedeutung dieses Sprichwortes.
Vor mehreren hundert Jahren, heisst es, wohnte in Seldwyla eine
aeltliche Person allein mit einem schoenen, grau und schwarzen
Kaetzchen, welches in aller Vergnuegtheit und Klugheit mit ihr lebte
und niemandem, der es ruhig liess, etwas zuleide tat. Seine einzige
Leidenschaft war die Jagd, welche es jedoch mit Vernunft und
Maessigung befriedigte, ohne sich durch den Umstand, dass diese
Leidenschaft zugleich einen nuetzlichen Zweck hatte und seiner Herrin
wohlgefiel, beschoenigen zu wollen und allzusehr zur Grausamkeit
hinreissen zu lassen. Es fing und toetete daher nur die
zudringlichsten und frechsten Maeuse, welche sich in einem gewissen
Umkreise des Hauses betreten liessen, aber diese dann mit
zuverlaessiger Geschicklichkeit; nur selten verfolgte es eine
besonders pfiffige Maus, welche seinen Zorn gereizt hatte, ueber
diesen Umkreis hinaus und erbat sich in diesem Falle mit vieler
Hoeflichkeit von den Herren Nachbarn die Erlaubnis, in ihren Haeusern
ein wenig mausen zu duerfen, was ihm gerne gewaehrt wurde, da es die
Milchtoepfe stehenliess, nicht an die Schinken hinaufsprang, welche
etwa an den Waenden hingen, sondern seinem Geschaefte still und
aufmerksam oblag und, nachdem es dieses verrichtet, sich mit dem
Maeuslein im Maule anstaendig entfernte. Auch war das Kaetzchen gar
nicht scheu und unartig, sondern zutraulich gegen jedermann, und floh
nicht vor vernuenftigen Leuten; vielmehr liess es sich von solchen
einen guten Spass gefallen und selbst ein bisschen an den Ohren
zupfen, ohne zu kratzen; dagegen liess es sich von einer Art dummer
Menschen, von welchen es behauptete, dass die Dummheit aus einem
unreifen und nichtsnutzigen Herzen kaeme, nicht das mindeste gefallen
und ging ihnen entweder aus dem Wege oder versetzte ihnen einen
ausreichenden Hieb ueber die Hand, wenn sie es mit einer Plumpheit
molestierten.
Spiegel, so war der Name des Kaetzchens wegen seines glatten und
glaenzenden Pelzes, lebte so seine Tage heiter, zierlich und
beschaulich dahin, in anstaendiger Wohlhabenheit und ohne Ueberhebung.
Er sass nicht zu oft auf der Schulter seiner freundlichen Gebieterin,
um ihr die Bissen von der Gabel wegzufangen, sondern nur, wenn er
merkte, dass ihr dieser Spass angenehm war, auch lag und schlief er
den Tag ueber selten auf seinem warmen Kissen hinter dem Ofen, sondern
hielt sich munter und liebte es eher, auf einem schmalen
Treppengelaender oder in der Dachrinne zu liegen und sich
philosophischen Betrachtungen und der Beobachtung der Welt zu
ueberlassen. Nur jeden Fruehling und Herbst einmal wurde dies ruhige
Leben eine Woche lang unterbrochen, wenn die Veilchen bluehten oder
die milde Waerme des Altweibersommers die Veilchenzeit nachaeffte.
Alsdann ging Spiegel seine eigenen Wege, streifte in verliebter
Begeisterung ueber die fernsten Daecher und sang die allerschoensten
Lieder. Als ein rechter Don Juan bestand er bei Tag und Nacht die
bedenklichsten Abenteuer, und wenn er sich zur Seltenheit einmal im
Hause sehen liess, so erschien er mit einem so verwegenen,
burschikosen, ja liederlichen und zerzausten Aussehen, dass die stille
Person, seine Gebieterin, fast unwillig ausrief: "Aber Spiegel!
Schaemst du dich denn nicht, ein solches Leben zu fuehren?" Wer sich
aber nicht schaemte, war Spiegel; als ein Mann von Grundsaetzen, der
wohl wusste, was er sich zur wohltaetigen Abwechslung erlauben durfte,
beschaeftigte er sich ganz ruhig damit, die Glaette seines Pelzes und
die unschuldige Munterkeit seines Aussehens wiederherzustellen, und er
fuhr sich so unbefangen mit dem feuchten Pfoetchen ueber die Nase, als
ob gar nichts geschehen waere.
Allein dies gleichmaessige Leben nahm ploetzlich ein trauriges Ende.
Als das Kaetzchen Spiegel eben in der Bluete seiner Jahre stand, starb
die Herrin unversehens an Altersschwaeche und liess das schoene
Kaetzchen herrenlos und verwaist zurueck. Es war das erste Unglueck,
welches ihm widerfuhr, und mit jenen Klagetoenen, welche so schneidend
den bangen Zweifel an der wirklichen und rechtmaessigen Ursache eines
grossen Schmerzes ausdruecken, begleitete es die Leiche bis auf die
Strasse und strich den ganzen uebrigen Tag ratlos im Hause und rings
um dasselbe her. Doch seine gute Natur, seine Vernunft und Philosophie
geboten ihm bald, sich zu fassen, das Unabaenderliche zu tragen und
seine dankbare Anhaenglichkeit an das Haus seiner toten Gebieterin
dadurch zu beweisen, dass er ihren ladenden Erben seine Dienste anbot
und sich bereitmachte, denselben mit Rat und Tat beizustehen, die Muse
ferner im Zaume zu halten und ueberdies ihnen manche gute Mitteilung
zu machen, welche die Toerichten nicht verschmaeht haetten, wenn sie
eben nicht unvernuenftige Menschen gewesen waeren. Aber diese Leute
liessen Spiegel gar nicht zu Wort kommen, sondern warfen ihm die
Pantoffeln und das artige Fussschemelchen der Seligen an den Kopf,
sooft er sich blicken liess, zankten sich acht Tage lang
untereinander, begannen endlich einen Prozess und schlossen das Haus
bis auf weiteres zu, so dass nun gar niemand darin wohnte.
Da sass nun der arme Spiegel traurig und verlassen auf der steinernen
Stufe vor der Haustuere und hatte niemand, der ihn hineinliess. Des
Nachts begab er sich wohl auf Umwegen unter das Dach den Hauses, und
im Anfang hielt er sich einen grossen Teil den Tages dort verborgen
und suchte seinen Kummer zu verschlafen; doch der Hunger trieb ihn
bald an das Licht und noetigte ihn, an der warmen Sonne und unter den
Leuten zu erscheinen, um bei der Hand zu sein und zu gewaertigen, wo
sich etwa ein Maulvoll geringer Nahrung neigen moechte. Je seltener
dies geschah, desto aufmerksamer wurde der gute Spiegel, und alle
seine moralischen Eigenschaften gingen in dieser Aufmerksamkeit auf,
so dass er sehr bald sich selber nicht mehr gleichsah. Er machte
zahlreiche Ausfluege von seiner Haustuere aus und stahl sich scheu und
fluechtig ueber die Strasse, um manchmal mit einem schlechten,
unappetitlichen Bissen, dergleichen er frueher nie gesehen, manchmal
mit gar nichts zurueckzukehren. Er wurde von Tag zu Tag magerer und
zerzauster, dabei gierig, kriechend und feig; all sein Mut, seine
zierliche Katzenwuerde, seine Vernunft und Philosophie waren dahin.
Wenn die Buben aus der Schule kamen, so kroch er in einen verborgenen
Winkel, sobald er sie kommen hoerte, und guckte nur hervor, um
aufzupassen, welcher von ihnen etwa eine Brotrinde wegwuerfe, und
merkte sich den Ort, wo sie hinfiel. Wenn der schlechteste Koeter von
weitem ankam, so sprang er hastig fort, waehrend er frueher gelassen
der Gefahr ins Auge geschaut und boese Hunde oft tapfer gezuechtigt
hatte. Nur wenn ein grober und einfaeltiger Mensch daherkam,
dergleichen er sonst klueglich gemieden, blieb er sitzen, obgleich das
arme Kaetzchen mit dem Reste seiner Menschenkenntnis den Luemmel recht
gut erkannte; allein die Not zwang Spiegelchen, sich zu taeuschen und
zu hoffen, dass der Schlimme ausnahmsweise einmal es freundlich
streicheln und ihm einen Bissen darreichen werde. Und selbst wenn er
statt dessen nun doch geschlagen oder in den Schwanz gekneift wuerde,
so kratzte er nicht, sondern duckte sich lautlos zur Seite und sah
dann noch verlangend nach der Hand, die es geschlagen und gekneift,
und welche nach Wurst oder Hering roch.
Als der edle und kluge Spiegel so heruntergekommen war, sass er eines
Tages ganz mager und traurig auf seinem Stein und blinzelte in der
Sonne. Da kam der Stadthexenmeister Pineiss des Weges, sah das
Kaetzchen und stand vor ihm still. Etwas Gutes hoffend, obgleich es
den Unheimlichen wohl kannte, sass Spiegelchen demuetig auf dem Stein
und erwartete, was der Herr Pineiss etwa tun oder sagen wuerde. Als
dieser aber begann und sagte: "Na, Katze! Soll ich dir deinen Schmer
abkaufen?" da verlor es die Hoffnung, denn es glaubte, der
Stadthexenmeister wolle es seiner Magerkeit wegen verhoehnen. Doch
erwiderte er bescheiden und laechelnd, um es mit niemand zu verderben:
"Ach, der Herr Pineiss belieben zu scherzen!" "Mitnichten!" rief
Pineiss, "es ist mir voller Ernst! Ich brauche Katzenschmer
vorzueglich zur Hexerei; aber er muss mir vertragsmaessig und
freiwillig von den werten Herren Katzen abgetreten werden, sonst ist
er unwirksam. Ich denke, wenn je ein wackeres Kaetzlein in der Lage
war, einen vorteilhaften Handel abzuschliessen, so bist es du! Begib
dich in meinen Dienst; ich fuettere dich herrlich heraus, mache dich
fett und kugelrund mit Wuerstchen und gebratenen Wachteln. Auf dem
ungeheuer hohen alten Dache meines Hauses, welches nebenbei gesagt das
koestlichste Dach von der Welt ist fuer eine Katze, voll interessanter
Gegenden und Winkel, waechst auf den sonnigsten Hoehen treffliches
Spitzgras, gruen wie Smaragd, schlank und fein in den Lueften
schwankend, dich einladend, die zartesten Spitzen abzubeissen und zu
geniessen, wenn du dir an meinen Leckerbissen eine leichte
Unverdaulichkeit zugezogen hast. So wirst du bei trefflicher
Gesundheit bleiben und mir dereinst einen kraeftigen brauchbaren
Schmer liefern!"
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