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Annual Bibliography of Commonwealth Literature 2007
This paper argues that discourses of love in Ghanaian market literature for youth offer a view into complex negotiations of agency and empowerment. Drawing on Deborah Durham's notion of youth as "social `shifters'" and Francis Nyamnjoh's conception of the "interconnectedness" of agency, I take Ghanaian market literature as one specific case of how African literature for youth foregrounds questions of continuity and change as African societies enter into increasingly complex global relations. In this literature for youth, received notions of love, often constructed out of impressions from American pop and hip hop music, carry new notions of agency that compete with existing "domesticated" forms. Authors like Ike Tandoh and Evelyn Tay employ discourses of love to offer youth alternative avenues for empowerment in a context of socio-economic disenfranchizement. In a creative process of "straddling", this writing both reveals and reproduces the contradictions that obtain in youth configurations of agency.

Die Leute von Seldwyla, Vol. 1

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Die Kammacher wollten aber von allem nichts hoeren, sondern
bestuermten die kluge Zues, dass sie einen von ihnen auserwaehlen und
dableiben heissen solle, und jeder meinte damit sich selbst. Aber sie
huetete sich, eine Wahl zu treffen, und kuendigte ihnen ernsthaft und
gebieterisch an, dass sie ihr gehorchen muessten, ansonst sie ihnen
ihre Freundschaft auf immer entziehen wuerde. Jetzt rannte Jobst, der
aelteste, wieder davon und in das Haus des Meisters hinueber, und
spornstreichs rannten die anderen hinter ihm her, befuerchtend, dass
er dort etwas gegen sie unternaehme, und so schossen sie den ganzen
Tag umher wie Sternschnuppen und wurden sich untereinander so zuwider
wie drei Spinnen in einem Netz. Die halbe Stadt sah dies seltsame
Schauspiel der verstoerten Kammacher, die bislang so still und ruhig
gewesen, und die alten Leute wurden darueber aengstlich und hielten
die Erscheinung fuer ein geheimnisvolles Vorzeichen schwerer
Begebenheiten. Gegen Abend wurden sie matt und erschoepft, ohne dass
sie sich eines Besseren besonnen und zu etwas entschieden hatten, und
legten sich zaehneklappernd in das alte Bett; einer nach dem andern
kroch unter die Decke und lag da wie vom Tode hingestreckt, in
verwirrten Gedanken, bis ein heilsamer Schlaf ihn umfing. Jobst war
der erste, welcher in aller Fruehe erwachte und sah, dass ein heiterer
Fruehlingsmorgen in die Kammer schien, in welcher er nun schon seit
sechs Jahren geschlafen. So duerftig das Gemach aussah, so erschien es
ihm doch wie ein Paradies, welches er verlassen sollte, und zwar so
ungerechterweise. Er liess seine Augen umhergehen an den Waenden und
zaehlte alle die vertrauten Spuren von den vielen Gesellen, die hier
schon gewohnt kuerzere oder laengere Zeit; hier hatte der seinen Kopf
zu reiben gepflegt und einen dunklen Fleck verfertigt, dort hatte
jener einen Nagel eingeschlagen, um seine Pfeife daranzuhaengen, und
das rote Schnuerchen hing noch daran. Welche guten Menschen waren das
gewesen, dass sie so harmlos wieder davongegangen, waehrend diese,
welche neben ihm lagen, durchaus nicht weichen wollten. Dann heftete
er sein Auge auf die Gegend zunaechst seinem Gesichte und betrachtete
da die kleineren Gegenstaende, welche er schon tausendmal betrachtet,
wenn er des Morgens oder am Abend noch bei Tageshelle im Bette lag und
sich eines seligen, kostenfreien Daseins erfreute. Da war eine
beschaedigte Stelle in dem Bewurf, welche wie ein Land aussah mit Seen
und Staedtchen, und ein Haeufchen von groben Sandkoernern stellte eine
glueckselige Inselgruppe vor; weiterhin erstreckte sich eine lange
Schweinsborste, welche aus dem Pinsel gefallen und in der blauen
Tuenche steckengeblieben war; denn Jobst hatte im letzten Herbst
einmal ein kleines Restchen solcher Tuenche gefunden und, damit es
nicht umkommen sollte, eine Viertelswandseite damit angestrichen,
soweit es reichen wollte, und zwar hatte er die Stelle bemalt, wo er
zunaechst im Bette lag. Jenseits der Schweinsborste aber ragte eine
ganz geringe Erhoehung, wie ein kleines, blaues Gebirge, welches einen
zarten Schlagschatten ueber die Borste weg nach den glueckseligen
Inseln hinueberwarf. Ueber dies Gebirge hatte er schon den ganzen
Winter gegruebelt, da es ihn duenkte, als ob es frueher nicht
dagewesen waere. Wie er nun mit seinem traurigen, duselnden Auge
dasselbe suchte und ploetzlich vermisste, traute er seinen Sinnen
kaum, als er statt desselben einen kleinen kahlen Fleck an der Mauer
fand, dagegen sah, wie der winzige blaue Berg nicht weit davon sich
bewegte und zu wandeln schien. Erstaunt fuhr Jobst in die Hoehe, als
ob er ein blaues Wunder saehe, und sah, dass es eine Wanze war, welche
er also im vorigen Herbst achtlos mit der Farbe ueberstrichen, als sie
schon in Erstarrung dagesessen hatte. Jetzt aber war sie von der
Fruehlingswaerme neu belebt, hatte sich aufgemacht und stieg eben in
diesem Augenblicke mit ihrem blauen Ruecken unverdrossen die Wand
hinan. Er blickte ihr geruehrt und voll Verwunderung nach; solange sie
im Blauen ging, war sie kaum von der Wand zu unterscheiden; als sie
aber aus dem gestrichenen Bereich hinaustrat und die letzten
vereinzelten Spritze hinter sich hatte, wandelte das gute himmelblaue
Tierchen weithin sichtbar seine Bahn durch die dunkleren Bezirke.
Wehmuetig sank Jobst in den Pfuelmen zurueck; so wenig er sich sonst
aus dergleichen machte, ruehrte diese Erscheinung doch jetzt ein
Gefuehl in ihm auf, als ob er doch auch endlich wieder wandern
muesste, und es beduenkte ihn ein gutes Zeichen zu sein, dass er sich
in das Unabaenderliche ergeben und sich wenigstens mit gutem Willen
auf den Weg machen solle. Durch diese ruhigeren Gedanken kehrte seine
natuerliche Besonnenheit und Weisheit zurueck, und indem er die Sache
naeher ueberlegte, fand er, dass, wenn er sich ergebungsvoll und
bescheiden anstelle, sich dem schwierigen Werke unterziehe und dabei
sich zusammennehme und klug verhalte, er noch am ehesten ueber seine
Nebenbuhler obsiegen koenne. Sachte stieg er aus dem Bette und begann
seine Sachen zu ordnen und vor allem seinen Schatz zu heben und zu
unterst in das alte Felleisen zu verpacken. Darueber erwachten
sogleich seine Gefaehrten; wie diese sahen, dass er so gelassen sein
Buendel schnuerte, verwunderten sie sich sehr und noch mehr, als Jobst
sie mit versoehnlichen Worten anredete und ihnen einen guten Morgen
wuenschte. Weiter liess er sich aber nicht aus, sondern fuhr in seinem
Geschaefte still und friedfertig fort. Sogleich, obschon sie nicht
wussten, was er im Schilde fuehre, witterten sie eine Kriegslist in
seinem Benehmen und ahmten es auf der Stelle nach, hoechst aufmerksam
auf alles, was er ferner beginnen wuerde. Hierbei war es seltsam, wie
sie alle drei zum erstenmal offen ihre Schaetze unter den Fliesen
hervorholten und dieselben, ohne sie zu zaehlen, in die Ranzen
versorgten. Denn sie wussten schon lange, dass jeder das Geheimnis der
uebrigen kannte, und nach alter ehrbarer Art misstrauten sie sich
nicht in der Weise, dass sie eine Verletzung des Eigentums
befuerchteten, und jeder wusste wohl, dass ihn die anderen nicht
berauben wuerden, wie denn in den Schlafkammern der Handwerksgesellen,
Soldaten und dergleichen kein Verschluss und kein Misstrauen bestehen
soll.

So waren sie unversehens zum Aufbruch geruestet, der Meister zahlte
ihnen den Lohn aus und gab ihnen ihre Wanderbuecher, in welche von der
Stadt und vom Meister die allerschoensten Zeugnisse geschrieben waren
ueber ihre gute andauernde Fuehrung und Vortrefflichkeit, und sie
standen wehmutsvoll vor der Haustuere der Zues Buenzlin, in lange
braune Roecke gekleidet, mit alten, verwaschenen Staubhemden darueber,
und die Huete, obgleich sie verjaehrt und abgebuerstet genug waren,
sorglich mit Wachsleinwand ueberzogen. Hinten auf dem Felleisen hatte
jeder ein kleines Waegelchen befestigt, um das Gepaeck darauf zu
ziehen, wenn es ins Weite ginge; sie dachten aber die Raeder nicht zu
brauchen, und deswegen ragten dieselben hoch ueber ihrem Ruecken.
Jobst stuetzte sich auf einen ehrbaren Rohrstock, Fridolin auf einen
rot und schwarz geflammten und gemalten Eschenstab und Dietrich auf
ein abenteuerliches Stockungeheuer, um welches sich ein wildes
Geflecht von Zweigen wand. Er schaemte sich aber beinahe dieses
prahlerischen Dinges, da es noch aus der ersten Wanderzeit herstammte,
wo er bei weitem noch nicht so sehr gesetzt und vernuenftig gewesen
wie jetzt. Viele Nachbarn und deren Kinder umstanden die ernsten drei
Maenner und wuenschten ihnen Glueck auf den Weg. Da erschien Zues
unter der Tuere, mit feierlicher Miene, und zog an der Spitze der
Gesellen gefassten Mutes aus dem Tore. Sie hatte ihnen zu Ehren einen
ungewoehnlichen Staat angelegt, trug einen grossen Hut mit maechtigen
gelben Baendern, ein rosafarbenes Indiennekleid mit verschollenen
Ausladungen und Verzierungen, eine schwarze Sammetschaerpe mit einer
Tombakschnalle und rote Saffianschuhe mit Fransen besetzt. Dazu trug
sie einen gruenseidenen grossen Ritikuel, welchen sie mit gedoerrten
Birnen und Pflaumen gefuellt hatte, und hielt ein Sonnenschirmchen
ausgespannt, auf welchem oben eine grosse Lyra aus Elfenbein stand.
Sie hatte auch ihr Medaillon mit dem blonden Haardenkmal umgehaengt
und das goldene Vergissmeinnicht vorgesteckt und trug weisse
gestrickte Handschuhe. Sie sah freundlich und zart aus in all diesem
Schmuck, ihr Antlitz war leicht geroetet und ihr Busen schien sich
hoeher als sonst zu heben, und die ausziehenden Nebenbuhler wussten
sich nicht zu lassen vor Wehmut und Betruebnis; denn die aeusserste
Lage der Dinge, der schoene Fruehlingstag, der ihren Auszug beschien,
und Zuesis Putz mischten in ihre gespannten Empfindungen fast etwas
von dem, was man wirklich Liebe nennt. Vor dem Tore ermahnte aber die
freundliche Jungfrau ihre Liebhaber, die Felleisen auf die Raederchen
zu stellen und zu ziehen, damit sie sich nicht unnoetigerweise
ermuedeten. Sie taten es, und als sie hinter dem Staedtlein hinaus die
Berge hinanfuhren, war es fast wie ein Artilleriewesen, das da
hinauffuhrwerkte, um oben eine Batterie zu besetzen. Als sie eine gute
halbe Stunde dahingezogen, machten sie halt auf einer anmutigen
Anhoehe, ueber welche ein Kreuzweg ging, und setzten sich unter einer
Linde in einen Halbkreis, wo man einer weiten Aussicht genoss und
ueber Waelder, Seen und Ortschaften wegsah. Zues oeffnete ihren Beutel
und gab jedem eine Handvoll Birnen und Pflaumen, um sich zu
erfrischen, und sie sassen so eine geraume Weile schweigend und ernst,
nur mit den schnalzenden Zungen, wenn sie die suessen Fruechte damit
zerdrueckten, ein sanftes Geraeusch erregend.

Dann begann Zues, indem sie einen Pflaumenkern fortwarf und die davon
gefaerbten Fingerspitzen am jungen Grase abwischte, zu sprechen:
"Lieben Freunde! Sehet, wie schoen und weitlaeufig die Welt ist,
ringsherum voll herrlicher Sachen und voll Wohnungen der Menschen! Und
dennoch wollte ich wetten, dass in dieser feierlichen Stunde nirgends
in dieser weiten Welt vier so rechtfertige und gutartige Seelen
beieinander versammelt sitzen, wie wir hier sind, so sinnreich und
bedachtsam von Gemuet, so zugetan allen arbeitsamen Uebungen und
Tugenden, der Eingezogenheit, der Sparsamkeit, der Friedfertigkeit und
der innigen Freundschaft. Wie viele Blumen stehen hier um uns herum,
von allen Arten, die der Fruehling hervorbringt, besonders die gelben
Schluesselblumen, welche einen wohlschmeckenden und gesunden Tee
geben; aber sind sie gerecht oder arbeitsam? sparsam, vorsichtig und
geschickt zu klugen und lehrreichen Gedanken? Nein, es sind unwissende
und geistlose Geschoepfe, unbeseelt und vernunftlos vergeuden sie ihre
Zeit, und so schoen sie sind, wird ein totes Heu daraus, waehrend wir
in unserer Tugend ihnen so weit ueberlegen sind und ihnen wahrlich an
Zier der Gestalt nichts nachgeben; denn Gott hat uns nach seinem Bilde
geschaffen und uns seinen goettlichen Odem eingeblasen. Oh, koennten
wir doch ewig hier sitzen in diesem Paradiese und in solcher Unschuld;
ja, meine Freunde, es ist mir so, als waeren wir saemtlich im Stande
der Unschuld, aber durch eine suendenlose Erkenntnis veredelt; denn
wir alle koennen, Gott sei Dank, lesen und schreiben und haben alle
eine geschickte Hantierung gelernt. Zu vielem haette ich Geschick und
Anlagen und getraute mir wohl, Dinge zu verrichten, wie sie das
gelehrteste Fraeulein nicht kann, wenn ich ueber meinen Stand
hinausgehen wollte; aber die Bescheidenheit und die Demut sind die
vornehmste Tugend eines rechtschaffenen Frauenzimmers, und es genuegt
mir zu wissen, dass mein Geist nicht wertlos und verachtet ist vor
einer hoeheren Einsicht. Schon viele haben mich begehrt, die meiner
nicht wert waren, und nun auf einmal sehe ich drei wuerdige
Junggesellen um mich versammelt, von denen ein jeder gleich wert
waere, mich zu besitzen! Bemesset danach, wie mein Herz in diesem
wunderbaren Ueberflusse schmachten muss, und nehmet euch jeder ein
Beispiel an mir und denket euch, jeder waere von drei gleichwerten
Jungfrauen umbluehet, die sein begehrten, und er koennte sich um
deswillen zu keiner hinneigen und gar keine bekommen! Stellt euch doch
recht lebhaft vor, um jeden von euch buhleten drei Jungfern Buenzlin,
und saessen so um euch her, gekleidet wie ich und von gleichem
Ansehen, so dass ich gleichsam verneunfacht hier vorhanden waere und
euch von allen Seiten anblickte und nach euch schmachtete! Tut ihr
dies?"

Die wackeren Gesellen hoerten verwundert auf zu kauen und studierten
mit einfaeltigen Gesichtern, die seltsame Aufgabe zu loesen. Das
Schwaeblein kam zuerst damit zustande und rief mit luesternem Gesicht:
"Ja, werteste Jungfer Zues! Wenn Sie es denn guetigst erlauben, so
sehe ich Sie nicht nur dreifach, sondern verhundertfacht um mich
herumschweben und mich mit huldreichen Aeuglein anblicken und mir
tausend Kuesslein anbieten!"

"Nicht doch!" sagte Zues unwillig verweisend, "nicht in so
ungehoeriger und uebertriebener Weise! Was faellt Ihnen denn ein,
unbescheidener Dietrich? Nicht hundertfach und nicht Kuesslein
anbietend habe ich es erlaubt, sondern nur dreifach fuer jeden und in
zuechtiger und ehrbarer Manier, dass mir nicht zu nahe geschieht!"

"Ja," rief jetzt endlich Jobst und zeigte mit einem abgenagten
Birnenstiel um sich her, "nur dreifach, aber in groesster Ehrbarkeit
sehe ich die liebste Jungfer Buenzli um mich her spazieren und mir
wohlwollend zuwinken, indem sie die Hand aufs Herz legt! Ich danke
sehr, danke, danke ergebenst!" sagte er schmunzelnd, sich nach drei
Seiten verneigend, als ob er wirklich die Erscheinungen saehe. "So
ist's recht," sagte Zues laechelnd, "wenn irgendein Unterschied
zwischen euch besteht, so seid Ihr doch der Begabteste, lieber Jobst,
wenigstens der Verstaendigste!" Der Bayer Fridolin war immer noch
nicht fertig mit seiner Vorstellung, da er aber den Jobst so loben
hoerte, wurde es ihm angst und er rief eilig: "Ich sehe auch die
liebste Jungfrau Buenzli dreifach um mich herspazieren in groesster
Ehrbarkeit und mir wolluestig zuwinken, indem sie die Hand auf--"

"Pfui, Bayer!" schrie Zues und wandte das Gesicht ab, "nicht ein Wort
weiter! Woher nehmen Sie den Mut, von mir in so wuesten Worten zu
reden und sich solche Sauereien einzubilden! Pfui, pfui!" Der arme
Bayer war wie vom Donner geruehrt und wurde gluehend rot, ohne zu
wissen, wofuer; denn er hatte sich gar nichts eingebildet und nur
ungefaehr dem Klange nach gesagt, was er von Jobsten gehoert, da er
gesehen, wie dieser fuer seine Rede belobt worden. Zues wandte sich
wieder zu Dietrich und sagte: "Nun, lieber Dietrich, haben Sie's noch
nicht auf eine etwas bescheidenere Art zuwege gebracht?" "Ja, mit
Ihrer Erlaubnis," erwiderte er, froh, wieder angeredet zu werden, "ich
erblicke Sie jetzt nur dreimal um mich her, freundlich, aber
anstaendig mich anschauend und mir drei weisse Haende bietend, welche
ich kuesse!"

"Gut denn!" sagte Zues, "und Sie, Fridolin? Sind Sie noch nicht von
Ihrer Abirrung zurueckgekehrt? Kann sich Ihr ungestuemes Blut noch
nicht zu einer wohlanstaendigen Vorstellung beruhigen?" "Um
Vergebung!" sagte Fridolin kleinlaut, "ich glaube jetzt drei Jungfern
zu sehen, die mir gedoerrte Birnen anbieten und mir nicht abgeneigt
scheinen. Es ist keine schoener als die andere, und die Wahl unter
ihnen scheint mir ein bitteres Kraut zu sein."

"Nun also," sprach Zues, "da ihr in euerer Einbildungskraft von neun
solchen ganz gleichwerten Personen umgeben seid und in diesem
liebreizenden Ueberflusse dennoch Mangel in euerem Herzen leidet,
ermesset danach meinen eigenen Zustand; und wie ihr an mir sahet, dass
ich mich weisen und bescheidenen Herzens zu fassen weiss, so nehmet
doch ein Beispiel an meiner Staerke und gelobet mir und euch
untereinander, euch ferner zu vertragen und, wie ich liebevoll von
euch scheide, euch ebenso liebevoll voneinander zu trennen, wie auch
das Schicksal, das eurer wartet, entscheiden moege! So leget denn alle
eure Haende zusammen in meine Hand und gelobt es!"

"Ja, wahrhaftig," rief Jobst, "ich will es wenigstens tun, an mir
soll's nicht fehlen!" und die andern zwei riefen eiligst: "An mir auch
nicht, an mir auch nicht!" und sie legten alle die Haende zusammen,
wobei sich jedoch jeder vornahm, auf alle Faelle zu springen, sogut er
vermoechte. "An mir soll es wahrhaftig nicht fehlen!" wiederholte
Jobst, "denn ich bin von Jugend auf barmherziger und eintraechtiger
Natur gewesen. Noch nie habe ich einen Streit gehabt und konnte nie
ein Tierlein leiden sehen; wo ich noch gewesen bin, habe ich mich gut
vertragen und das beste Lob geerntet ob meines geruhsamen Betragens;
denn obgleich ich gar manche Dinge auch ein bisschen verstehe und ein
verstaendiger junger Mann bin, so hat man nie gesehen, dass ich mich
in etwas mischte, was mich nichts anging, und habe stets meine Pflicht
auf eine einsichtsvolle Weise getan. Ich kann arbeiten soviel ich
will, und es schadet mir nichts, da ich gesund und wohlauf bin und in
den besten Jahren! Alle meine Meisterinnen haben noch gesagt, ich sei
ein Tausendsmensch, ein Ausbund, und mit mir sei gut auskommen! Ach!
ich glaube wirklich selbst, ich koennte leben wie im Himmel mit Ihnen,
allerliebste Jungfer Zues!"

"Ei!" sagte der Bayer eifrig, "das glaub' ich wohl, das waere auch
keine Kunst, mit der Jungfer wie im Himmel zu leben! Das wollt' ich
mir auch zutrauen, denn ich bin nicht auf den Kopf gefallen! Mein
Handwerk versteh' ich aus dem Grund und weiss die Dinge in Ordnung zu
halten, ohne ein Unwort zu verlieren. Nirgends habe ich Haendel
bekommen, obgleich ich in den groessten Staedten gearbeitet habe, und
niemals habe ich eine Katze geschlagen oder eine Spinne getoetet. Ich
bin maessig und enthaltsam und mit jeder Nahrung zufrieden, und ich
weiss mich am Geringfuegigsten zu vergnuegen und damit zufrieden zu
sein. Aber ich bin auch gesund und munter und kann etwas aushalten,
ein gutes Gewissen ist das beste Lebenselixier, alle Tiere lieben mich
und laufen mir nach, weil sie mein gutes Gewissen wittern, denn bei
einem ungerechten Menschen wollen sie nicht bleiben. Ein Pudelhund ist
mir einst drei Tage lang nachgefolgt, als ich aus der Stadt Ulm
verreiste, und ich musste ihn endlich einem Bauersmann in Gewahrsam
geben, da ich als ein demuetiger Handwerksgesell kein solches Tier
ernaehren konnte, und als ich durch den Boehmerwald reiste, sind die
Hirsche und Rehe auf zwanzig Schritt noch stehen geblieben und haben
sich nicht vor mir gefuerchtet. Es ist wunderbar, wie selbst die
wilden Tiere sich bei den Menschen auskennen und wissen, welche guten
Herzens sind!"

"Ja, das muss wahr sein!" rief der Schwabe, "seht ihr nicht, wie
dieser Fink schon die ganze Zeit da vor mir herumfliegt und sich mir
zu naehern sucht? Und jenes Eichhoernchen auf der Tanne sieht sich
immerfort nach mir um, und hier kriecht ein kleiner Kaefer allfort an
meinem Beine und will sich durchaus nicht vertreiben lassen. Dem muss
es gewiss recht wohl sein bei mir, dem lieben guten Tierchen!"

Jetzt wurde aber Zues eifersuechtig und sagte etwas heftig: "Bei mir
wollen alle Tiere gern bleiben! Einen Vogel hab' ich acht Jahre gehabt
und er ist sehr ungern von mir weggestorben; unsere Katze streicht mir
nach, wo ich geh' und stehe, und des Nachbars Tauben draengen und
zanken sich vor meinem Fenster, wenn ich ihnen Brosamen streue!
Wunderbare Eigenschaften haben die Tiere je nach ihrer Art! Der Loewe
folgt gern den Koenigen nach und den Helden, und der Elefant begleitet
den Fuersten und den tapfern Krieger; das Kamel traegt den Kaufmann
durch die Wueste und bewahrt ihm frisches Wasser in seinem Bauch, und
der Hund begleitet seinen Herrn durch alle Gefahren und stuerzt sich
fuer ihn in das Meer! Der Delphin liebt die Musik und folgt den
Schiffen, und der Adler den Kriegsheeren. Der Affe ist ein
menschenaehnliches Wesen und tut alles, was er die Menschen tun sieht,
und der Papagei versteht unsere Sprache und plaudert mit uns, wie ein
Alter! Selbst die Schlangen lassen sich zaehmen und tanzen auf der
Spitze ihres Schwanzes; das Krokodil weint menschliche Traenen und
wird von den Buergern dort geachtet und verschont; der Strauss laesst
sich satteln und reiten wie ein Ross; der wilde Bueffel ziehet den
Wagen des Menschen und das gehoernte Renntier seinen Schlitten. Das
Einhorn liefert ihm das schneeweisse Elfenbein und die Schildkroete
ihre durchsichtigen Knochen--"

"Mit Verlaub," sagten alle drei Kammacher zugleich, "hierin irren Sie
sich gewisslich, das Elfenbein wird aus den Elefantenzaehnen gewonnen
und die Schildpattkaemme macht man aus der Schale und nicht aus den
Knochen der Schildkroete!"

Zues wurde feuerrot und sagte: "Das ist noch die Frage, denn ihr habt
gewiss nicht gesehen, wo man es hernimmt, sondern verarbeitet nur die
Stuecke; ich irre mich sonst selten, doch sei dem wie ihm wolle, so
lasset mich ausreden; nicht nur die Tiere haben ihre merkwuerdigen von
Gott eingepflanzten Besonderheiten, sondern selbst das tote Gestein,
so aus den Bergen gegraben wird. Der Kristall ist durchsichtig wie
Glas, der Marmor aber hart und geaedert, bald weiss und bald schwarz;
der Bernstein hat elektrische Eigenschaften und ziehet den Blitz an;
aber dann verbrennt er und riecht wie Weihrauch. Der Magnet zieht
Eisen an, auf die Schiefertafel kann man schreiben, aber nicht auf den
Diamant, denn dieser ist hart wie Stahl; auch gebraucht ihn der Glaser
zum Glasschneiden, weil er klein und spitzig ist. Ihr sehet, liebe
Freunde, dass ich auch ein weniges von den Tieren zu sagen weiss! Was
aber mein Verhaeltnis zu ihnen betrifft, so ist dies zu bemerken: Die
Katze ist ein schlaues und listiges Tier und ist daher nur schlauen
und listigen Menschen anhaenglich; die Taube aber ist ein Sinnbild der
Unschuld und Einfalt und kann sich nur von einfaeltigen, schuldlosen
Seelen angezogen fuehlen. Da mir nun Katzen und Tauben anhaenglich
sind, so folgt hieraus, dass ich klug und einfaeltig, schlau und
unschuldig zugleich bin, wie es denn auch heisst: Seid klug wie die
Schlangen und einfaeltig wie die Tauben! Auf diese Weise koennen wir
allerdings die Tiere und ihr Verhaeltnis zu uns wuerdigen und manches
daraus lernen, wenn wir die Sache recht zu betrachten wissen."

Die armen Gesellen wagten nicht ein Wort weiter zu sagen; Zues hatte
sie gut zugedeckt und sprach noch viele hochtrabende Dinge
durcheinander, dass ihnen Hoeren und Sehen verging. Sie bewunderten
aber Zuesis Geist und Beredsamkeit, und in solcher Bewunderung duenkte
sich keiner zu schlecht, das Kleinod zu besitzen, besonders da diese
Zierde eines Hauses so wohlfeil war und nur in einer rastlosen Zunge
bestand. Ob sie selbst dessen, was sie so hoch stellen, auch wert
seien und etwas damit anzufangen wuessten, fragen sich solche
Schwachkoepfe zu allerletzt oder auch gar nicht, sondern sie sind wie
die Kinder, welche nach allem greifen, was ihnen in die Augen glaenzt,
von allen bunten Dingen die Farben abschlecken und ein Schellenspiel
ganz in den Mund stecken wollen, statt es bloss an die Ohren zu
halten. So erhitzten sie sich immer mehr in der Begierde und
Einbildung, diese ausgezeichnete Person zu erwerben, und je schnoeder,
herzlos er und eitler Zuesens unsinnige Phrasen wurden, desto
geruehrter und jaemmerlicher waren die Kammacher daran. Zugleich
fuehlten sie einen heftigen Durst von dem trockenen Obste, welches sie
inzwischen aufgegessen; Jobst und der Bayer suchten im Gehoelz nach
Wasser, fanden eine Quelle und tranken sich voll kaltes Wasser. Der
Schwabe hingegen hatte listigerweise ein Flaeschchen mitgenommen, in
welchem er Kirschgeist mit Wasser und Zucker gemischt, welches
liebliche Getraenk ihn staerken und ihm einen Vorschub gewaehren
sollte beim Laufen; denn er wusste, dass die anderen zu sparsam waren,
um etwas mitzunehmen oder eine Einkehr zu halten. Dies Flaeschchen zog
er jetzt eilig hervor, waehrend jene sich mit Wasser fuellten, und bot
es der Jungfer Zues an; sie trank es halb aus, es schmeckte ihr
vortrefflich und erquickte sie und sie sah den Dietrich dabei
ueberquer ganz holdselig an, dass ihm der Rest, welchen er selber
trank, so lieblich schmeckte wie Cyperwein und ihn gewaltig staerkte.
Er konnte sich nicht enthalten, Zuesis Hand zu ergreifen und ihr
zierlich die Fingerspitzen zu kuessen; sie tippte ihm leicht mit dem
Zeigefinger auf die Lippen und er tat, als ob er danach schnappen
wollte und machte dazu ein Maul, wie ein laechelnder Karpfen; Zues
schmunzelte falsch und freundlich, Dietrich schmunzelte schlau und
suesslich; sie sassen auf der Erde sich gegenueber und taetschelten
zuweilen mit den Schuhsohlen gegeneinander, wie wenn sie sich mit den
Fuessen die Haende geben wollten. Zues beugte sich ein wenig vornueber
und legte die Hand auf seine Schulter, und Dietrich wollte eben dieses
holde Spiel erwidern und fortsetzen, als der Sachse und der Bayer
zurueckkamen und bleich und stoehnend zuschauten. Denn es war ihnen
von dem vielen Wasser, welches sie an die genossenen Backbirnen
geschuettet, ploetzlich elend geworden und das Herzeleid, welches sie
bei dem Anblicke den spielenden Paares empfanden, vereinigte sich mit
dem oeden Gefuehle des Bauches, so dass ihnen der kalte Schweiss auf
der Stirne stand. Zues verlor aber die Fassung nicht, sondern winkte
ihnen ueberaus freundlich zu und rief: "Kommet, ihr Lieben, und setzet
euch doch auch noch ein bisschen zu mir her, dass wir noch ein
Weilchen und zum letztenmal unsere Eintracht und Freundschaft
geniessen!" Jobst und Fridolin draengten sich hastig herbei und
streckten ihre Beine aus; Zues liess dem Schwaben die eine Hand, gab
Jobsten die andere und beruehrte mit den Fuessen Fridolins
Stiefelsohlen, waehrend sie mit dem Angesicht einen nach dem andern
der Reihe nach anlaechelte. So gibt es Virtuosen, welche viele
Instrumente zugleich spielen, auf dem Kopfe ein Glockenspiel
schuetteln, mit dem Munde die Panspfeife blasen, mit den Haenden die
Gitarre spielen, mit den Knien die Zimbel schlagen, mit dem Fuss den
Dreiangel und mit den Ellbogen eine Trommel, die ihnen auf dem Ruecken
haengt.

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