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Annual Bibliography of Commonwealth Literature 2007
This paper argues that discourses of love in Ghanaian market literature for youth offer a view into complex negotiations of agency and empowerment. Drawing on Deborah Durham's notion of youth as "social `shifters'" and Francis Nyamnjoh's conception of the "interconnectedness" of agency, I take Ghanaian market literature as one specific case of how African literature for youth foregrounds questions of continuity and change as African societies enter into increasingly complex global relations. In this literature for youth, received notions of love, often constructed out of impressions from American pop and hip hop music, carry new notions of agency that compete with existing "domesticated" forms. Authors like Ike Tandoh and Evelyn Tay employ discourses of love to offer youth alternative avenues for empowerment in a context of socio-economic disenfranchizement. In a creative process of "straddling", this writing both reveals and reproduces the contradictions that obtain in youth configurations of agency.

Die Leute von Seldwyla, Vol. 1

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* * * * *

DIE DREI GERECHTEN KAMMACHER

Die Leute von Seldwyla haben bewiesen, dass eine ganze Stadt von
Ungerechten oder Leichtsinnigen zur Not fortbestehen kann im Wechsel
der Zeiten und des Verkehrs; die drei Kammacher aber, dass nicht drei
Gerechte lang unter einem Dache leben koennen, ohne sich in die Haare
zu geraten. Es ist hier aber nicht die himmlische Gerechtigkeit
gemeint oder die natuerliche Gerechtigkeit des menschlichen Gewissens,
sondern jene blutlose Gerechtigkeit, welche aus dem Vaterunser die
Bitte gestrichen hat: Und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir
vergeben unsern Schuldnern! weil sie keine Schulden macht und auch
keine ausstehen hat; welche niemandem zuleid lebt, aber auch niemandem
zu Gefallen, wohl arbeiten und erwerben, aber nichts ausgeben will und
an der Arbeitstreue nur einen Nutzen, aber keine Freude findet. Solche
Gerechte werfen keine Laternen ein, aber sie zuenden auch keine an und
kein Licht geht von ihnen aus; sie treiben allerlei Hantierung und
eine ist ihnen so gut wie die andere, wenn sie nur mit keiner
Faehrlichkeit verbunden ist; am liebsten siedeln sie sich dort an, wo
recht viele Ungerechte in ihrem Sinne sind; denn sie untereinander,
wenn keine solche zwischen ihnen waeren, wuerden sich bald abreiben,
wie Muehlsteine, zwischen denen kein Korn liegt. Wenn diese ein
Unglueck betrifft, so sind sie hoechst verwundert und jammern, als ob
sie am Spiesse staeken, da sie doch niemanden etwas zuleid getan
haben; denn sie betrachten die Welt als eine grosse wohlgesicherte
Polizeianstalt, wo keiner eine Kontraventionsbusse zu fuerchten
braucht, wenn er vor seiner Tuere fleissig kehrt, keine Blumentoepfe
unverwahrt vor das Fenster stellt und kein Wasser aus demselben
giesst.

Zu Seldwyl bestand ein Kammachergeschaeft, dessen Inhaber
gewohnterweise alle fuenf bis sechs Jahre wechselten, obgleich es ein
gutes Geschaeft war, wenn es fleissig betrieben wurde; denn die
Kraemer, welche die umliegenden Jahrmaerkte besuchten, holten da ihre
Kammwaren. Ausser den notwendigen Hornstriegeln aller Art wurden auch
die wunderbarsten Schmuckkaemme fuer die Dorfschoenen und Dienstmaegde
verfertigt aus schoenem, durchsichtigem Ochsenhorn, in welches die
Kunst der Gesellen (denn die Meister arbeiteten nie) ein tuechtiges
braunrotes Schildpattgewoelke beizte, je nach ihrer Phantasie, so
dass, wenn man die Kaemme gegen das Licht hielt, man die herrlichsten
Sonnenauf- und Niedergaenge zu sehen glaubte, rote Schaefchenhimmel,
Gewitterstuerme und andere gesprenkelte Naturerscheinungen. Im Sommer,
wenn die Gesellen gerne wanderten und rar waren, wurden sie mit
Hoeflichkeit behandelt und bekamen guten Lohn und gutes Essen; im
Winter aber, wenn sie ein Unterkommen suchten und haeufig zu haben
waren, mussten sie sich ducken, Kaemme machen, was das Zeug halten
wollte, fuer geringen Lohn; die Meisterin stellte einen Tag wie den
andern eine Schuessel Sauerkraut auf den Tisch und der Meister sagte:
"Das sind Fische!" Wenn dann ein Geselle zu sagen wagte: "Bitt' um
Verzeihung, es ist Sauerkraut!" so bekam er auf der Stelle den
Abschied und musste wandern in den Winter hinaus. Sobald aber die
Wiesen gruen wurden und die Wege gangbar, sagten sie: "Es ist doch
Sauerkraut!" und schnuerten ihr Buendel. Denn wenn dann auch die
Meisterin auf der Stelle einen Schinken auf das Kraut warf, und der
Meister sagte: "Meiner Seel'! ich glaubte, es waeren Fische! Nun, dies
es ist doch gewiss ein Schinken!" so sehnten sie sich doch hinaus, da
alle drei Gesellen in einem zweispaennigen Bett schlafen mussten und
sich den Winter durch herzlich satt bekamen wegen der Rippenstoesse
und erfrorenen Seiten.

Einsmals aber kam ein ordentlicher und sanfter Geselle angereist aus
irgendeinem der saechsischen Lande, der fuegte sich in alles,
arbeitete wie ein Tierlein und war nicht zu vertreiben, so dass er
zuletzt ein bleibender Hausrat wurde in dem Geschaeft und mehrmals den
Meister wechseln sah, da es die Jahre her gerade etwas stuermischer
herging als sonst. Jobst streckte sich in dem Bette so steif er konnte
und behauptete seinen Platz zunaechst der Wand Winter und Sommer; er
nahm das Sauerkraut willig fuer Fische und im Fruehjahr mit
bescheidenem Dank ein Stueckchen von dem Schinken. Den kleineren Lohn
legte er so gut zur Seite, wie den groesseren; denn er gab nichts aus,
sondern sparte sich alles auf. Er lebte nicht wie andere
Handwerksgesellen, trank nie einen Schoppen, verkehrte mit keinem
Landsmann noch mit anderen jungen Gesellen, sondern stellte sich des
Abends unter die Haustuere und schaekerte mit den alten Weibern, hob
ihnen die Wassereimer auf den Kopf, wenn er besonders freigebiger
Laune war, und ging mit den Huehnern zu Bett, wenn nicht reichliche
Arbeit da war, dass er fuer besondere Rechnung die Nacht durcharbeiten
konnte. Am Sonntag arbeitete er ebenfalls bis in den Nachmittag
hinein, und wenn es das herrlichste Wetter war; man denke aber nicht,
dass er dies mit Frohsinn und Vergnuegen tat, wie Johann der muntere
Seifensieder; vielmehr war er bei dieser freiwilligen Muehe
niedergeschlagen und beklagte sich fortwaehrend ueber die
Muehseligkeit des Lebens. War dann der Sonntagnachmittag gekommen, so
ging er in seinem Arbeitsschmutz und in den klappernden Pantoffeln
ueber die Gasse und holte sich bei der Waescherin das frische Hemd und
das geglaettete Vorhemdchen, den Vatermoerder oder das bessere
Schnupftuch, und trug diese Herrlichkeiten auf der flachen Hand mit
elegantem Gesellenschritt vor sich her nach Hause. Denn im
Arbeitsschurz und in den Schlappschuhen beobachten manche Gesellen
immer einen eigentuemlich gezierten Gang, als ob sie in hoeheren
Sphaeren schwebten, besonders die gebildeten Buchbinder, die lustigen
Schuhmacher und die seltenen sonderbaren Kammacher. In seiner Kammer
bedachte sich Jobst aber noch wohl, ob er das Hemd oder das
Vorhemdchen auch wirklich anziehen wolle, denn er war bei aller
Sanftmut und Gerechtigkeit ein kleiner Schweinigel, oder ob es die
alte Waesche noch fuer eine Woche tun muesse und er bei Hause bleiben
und noch ein bisschen arbeiten wolle. In diesem Falle setzte er sich
mit einem Seufzer ueber die Schwierigkeit und Muehsal der Welt von
neuem dahinter und schnitt verdrossen seine Zaehne in die Kaemme oder
er wandelte das Horn in Schildkroetschalen um, wobei er aber so
nuechtern und phantasielos verfuhr, dass er immer die gleichen drei
trostlosen Kleckse darauf schmierte; denn wenn es nicht unzweifelhaft
vorgeschrieben war, so wandte er nicht die kleinste Muehe an eine
Sache. Entschloss er sich aber zu einem Spaziergang, so putzte er sich
eine oder zwei Stunden lang peinlich heraus, nahm sein
Spazierstoeckchen und wandelte steif ein wenig vors Tor, wo er
demuetig und langweilig herumstand und langweilige Gespraeche fuehrte
mit andern Herumstaendern, die auch nichts Besseres zu tun wussten,
etwa alte arme Seldwyler, welche nicht mehr ins Wirtshaus gehen
konnten. Mit solchen stellte er sich dann gern vor ein im Bau
begriffenes Haus, vor ein Saatfeld, vor einen wetterbeschaedigten
Apfelbaum oder vor eine neue Zwirnfabrik und tueftelte auf das
angelegentlichste ueber diese Dinge, deren Zweckmaessigkeit und den
Kostenpunkt, ueber die Jahrshoffnungen und den Stand der Feldfruechte,
von was allem er nicht den Teufel verstand. Es war ihm auch nicht
darum zu tun; aber die Zeit verging ihm so auf die billigste und
kurzweiligste Weise nach seiner Art und die alten Leute nannten ihn
nur den artigen und vernuenftigen Sachsen, denn sie verstanden auch
nichts. Als die Seldwyler eine grosse Aktienbrauerei anlegten, von der
sie sich ein gewaltiges Leben versprachen, und die weitlaeufigen
Fundamente aus dem Boden ragten, stoeckerte er manchen Sonntagabend
darin herum, mit Kennerblicken und mit dem scheinbar lebendigsten
Interesse die Fortschritte des Baues untersuchend, wie wenn er ein
alter Bauverstaendiger und der groesste Biertrinker waere. "Aber
nein!" rief er einmal um das andere, "des is ein fameses Wergg! Des
gibt eine grossartigte Anstalt! Aber Geld kosten duht's, na das Geld!
Aber schade, hier misste mir des Gewehlbe doch en bissgen diefer sein
und die Mauer um eine Idee staerger!" Bei alledem dachte er sich gar
nichts, als dass er noch rechtzeitig zum Abendessen wolle, eh' es
dunkel werde; denn dieses war der einzige Tort, den er seiner Frau
Meisterin antat, dass er nie das Abendbrot versaeumte am Sonntag, wie
etwa die anderen Gesellen, sondern dass sie seinetwegen allein zu
Hause bleiben oder sonstwie Bedacht auf ihn nehmen musste. Hatte er
sein Stueckchen Braten oder Wurst versorgt, so wurmisierte er noch ein
Weilchen in der Kammer herum und ging dann zu Bett; dies war dann ein
vergnuegter Sonntag fuer ihn gewesen.

Bei all diesem anspruchlosen, sanften und ehrbaren Wesen ging ihm aber
nicht ein leiser Zug von innerlicher Ironie ab, wie wenn er sich
heimlich ueber die Leichtsinnigkeit und Eitelkeit der Welt lustig
machte, und er schien die Groesse und Erheblichkeit der Dinge nicht
undeutlich zu bezweifeln und sich eines viel tieferen Gedankenplanes
bewusst zu sein. In der Tat machte er auch zuweilen ein so kluges
Gesicht, besonders wenn er die sachverstaendigen sonntaeglichen Reden
fuehrte, dass man ihm wohl ansah, wie er heimlich viel wichtigere
Dinge im Sinne trage, wogegen alles, was andere unternahmen, bauten
und aufrichteten, nur ein Kinderspiel waere. Der grosse Plan, welchen
er Tag und Nacht mit sich herumtrug und welcher sein stiller Leitstern
war die ganzen Jahre lang, waehrend er in Seldwyl Geselle war, bestand
darin, sich so lange seinen Arbeitslohn aufzusparen, bis er hinreiche,
eines schoenen Morgens das Geschaeft, wenn es gerade vakant wuerde,
anzukaufen und ihn selbst zum Inhaber und Meister zu machen. Dies lag
all seinem Tun und Trachten zugrunde, da er wohl bemerkt hatte, wie
ein fleissiger und sparsamer Mann allhier wohl gedeihen muesste, ein
Mann, welcher seinen eigenen stillen Weg ginge und von der
Sorglosigkeit der andern nur den Nutzen, aber nicht die Nachteile zu
ziehen wuesste. Wenn er aber erst Meister waere, dann wollte er bald
so viel erworben haben, um sich auch einzubuergern, und dann erst
gedachte er so klug und zweckmaessig zu leben, wie noch nie ein
Buerger in Seldwyl, sich um gar nichts zu kuemmern, was nicht seinen
Wohlstand mehre, nicht einen Deut auszugeben, aber deren so viele als
moeglich an sich zu ziehen in dem leichtsinnigen Strudel dieser Stadt.
Dieser Plan war ebenso einfach als richtig und begreiflich, besonders
da er ihn auch ganz gut und ausdauernd durchfuehrte; denn er hatte
schon ein huebsches Suemmchen zurueckgelegt, welches er sorgfaeltig
verwahrte und sicherer Berechnung nach mit der Zeit gross genug werden
musste zur Erreichung dieses Zieles. Aber das Unmenschliche an diesem
so stillen und friedfertigen Plane war nur, dass Jobst ihn ueberhaupt
gefasst hatte; denn nichts in seinem Herzen zwang ihn, gerade in
Seldwyla zu bleiben, weder eine Vorliebe fuer die Gegend, noch fuer
die Leute, weder fuer die politische Verfassung dieses Landes, noch
fuer seine Sitten. Dies alles war ihm so gleichgueltig, wie seine
eigene Heimat, nach welcher er sich gar nicht zuruecksehnte; an
hundert Orten in der Welt konnte er sich mit seinem Fleiss und mit
seiner Gerechtigkeit ebensowohl festhalten, wie hier; aber er hatte
keine freie Wahl und ergriff in seinem oeden Sinne die erste
zufaellige Hoffnungsfaser, die sich ihm bot, um sich daran zu haengen
und sich daran gross zu saugen. Wo es mir wohl geht, da ist mein
Vaterland! heisst es sonst und dieses Sprichwort soll unangetastet
bleiben fuer diejenigen, welche auch wirklich eine bessere und
notwendige Ursache ihres Wohlergehens im neuen Vaterlande haben,
welche in freiem Entschlusse in die Welt hinausgegangen, um sich
ruestig einen Vorteil zu erringen und als geborgene Leute
zurueckzukehren, oder welche einem unwohnlichen Zustande in Scharen
entfliehen und, dem Zuge der Zeit gehorchend, die neue
Voelkerwanderung ueber die Meere mitwandern; oder welche irgendwo
treuere Freunde gefunden haben als daheim, oder ihren eigensten
Neigungen mehr entsprechende Verhaeltnisse oder durch irgendein
schoeneres menschliches Band festgebunden werden. Aber auch das neue
Land ihres Wohlergehens werden alle diese wenigstens lieben muessen,
wo sie immerhin sind, und auch da zur Not einen Menschen vorstellen.
Aber Jobst wusste kaum, wo er war; die Einrichtungen und Gebraeuche
der Schweizer waren ihm unverstaendlich, und er sagte bloss zuweilen:
"Ja, ja, die Schweizer sind politische Leute! Es ist gewisslich, wie
ich glaube, eine schoene Sache um die Politik, wenn man Liebhaber
davon ist! Ich fuer meinen Teil bin kein Kenner davon, wo ich zu Haus
bin, da ist es nicht der Brauch gewesen." Die Sitten der Seldwyler
waren ihm zuwider und machten ihn aengstlich, und wenn sie einen
Tumult oder Zug vorhatten, hockte er zitternd zu hinterst in der
Werkstatt und fuerchtete Mord und Totschlag. Und dennoch war es sein
einziges Denken und sein grosses Geheimnis, hier zu bleiben bis an das
Ende seiner Tage. Auf alle Punkte der Erde sind solche Gerechte
hingestreut, die aus keinem anderen Grunde sich dahin verkruemelten,
als weil sie zufaellig an ein Saugeroehrchen des guten Auskommens
gerieten, und sie saugen still daran ohne Heimweh nach dem alten, ohne
Liebe zu dem neuen Lande, ohne einen Blick in die Weite und ohne einen
fuer die Naehe, und gleichen daher weniger dem freien Menschen, als
jenen niederen Organismen, wunderlichen Tierchen und Pflanzensamen,
die durch Luft und Wasser an die zufaellige Staette ihres Gedeihens
getragen worden.

So lebte er ein Jaehrchen um das andere in Seldwyla und aeufnete
seinen heimlichen Schatz, welchen er unter einer Fliese seines
Kammerbodens vergraben hielt. Noch konnte sich kein Schneider ruehmen,
einen Batzen an ihm verdient zu haben, denn noch war der Sonntagsrock,
mit dem er angereist, im gleichen Zustande wie damals. Noch hatte kein
Schuster einen Pfennig von ihm geloest, denn noch waren nicht einmal
die Stiefelsohlen durchgelaufen, die bei seiner Ankunft das Aeussere
seines Felleisens geziert; denn das Jahr hat nur zweiundfuenfzig
Sonntage, und von diesen wurde nur die Haelfte zu einem kleinen
Spaziergange verwandt. Niemand konnte sich ruehmen, je ein kleines
oder grosses Stueck Geld in seiner Hand gesehen zu haben; denn wenn er
seinen Lohn empfing, verschwand dieser auf der Stelle auf die
geheimnisvollste Weise, und selbst wenn er vor das Tor ging, steckte
er nicht einen Deut zu sich, so dass es ihm gar nicht moeglich war,
etwas auszugeben. Wenn Weiber mit Kirschen, Pflaumen oder Birnen in
die Werkstatt kamen und die anderen Arbeiter ihre Gelueste
befriedigten, hatte er auch tausend und ein Gelueste, welche er
dadurch zu beruhigen wusste, dass er mit der groessten Aufmerksamkeit
die Verhandlung mit fuehrte, die huebschen Kirschen und Pflaumen
streichelte und betastete und zuletzt die Weiber, welche ihn fuer den
eifrigsten Kaeufer genommen, verbluefft abziehen liess, sich seiner
Enthaltsamkeit freuend; und mit zufriedenem Vergnuegen, mit tausend
kleinen Ratschlaegen, wie sie die gekauften Aepfel braten oder
schaelen sollten, sah er seine Mitgesellen essen. Aber so wenig jemand
eine Muenze von ihm zu besehen kriegte, ebensowenig erhielt jemand von
ihm je ein barsches Wort, eine unbillige Zumutung oder ein schiefes
Gesicht; er wich vielmehr allen Haendeln auf das sorgfaeltigste aus
und nahm keinen Scherz uebel, den man sich mit ihm erlaubte; und so
neugierig er war, den Verlauf von allerlei Klatschereien und
Streitigkeiten zu betrachten und zu beurteilen, da solche jederzeit
einen kostenfreien Zeitvertreib gewaehrten, waehrend andere Gesellen
ihren rohen Gelagen nachgingen, so huetete er sich wohl, sich in etwas
zu mischen und ueber einer Unvorsichtigkeit betreffen zu lassen. Kurz,
er war die merkwuerdigste Mischung von wahrhaft heroischer Weisheit
und Ausdauer und von sanfter schnoeder Herz- und Gefuehllosigkeit.

Einst war er schon seit vielen Wochen der einzige Geselle in dem
Geschaeft und es ging ihm so wohl in dieser Ungestoertheit wie einem
Fisch im Wasser. Besonders des Nachts freute er sich des breiten
Raumes im Bette und benutzte sehr oekonomisch diese schoene Zeit, sich
fuer die kommenden Tage zu entschaedigen und seine Person gleichsam zu
verdreifachen, indem er unaufhoerlich die Lage wechselte und sich
vorstellte, als ob drei zumal im Bette laegen, von denen zwei den
Dritten ersuchten, sich doch nicht zu genieren und es sich bequem zu
machen. Dieser Dritte war er selbst und er wickelte sich auf die
Einladung hin wolluestig in die ganze Decke oder spreizte die Beine
weit auseinander, legte sich quer ueber das Bett oder schlug in
harmloser Lust Purzelbaeume darin. Eines Tages aber, als er noch beim
Abendscheine schon im Bette lag, kam unverhofft noch ein fremder
Geselle zugesprochen und wurde von der Meisterin in die Schlafkammer
gewiesen. Jobst lag eben in wohligem Behagen mit dem Kopfe am Fussende
und mit den Fuessen auf den Pfuelmen, als der Fremde eintrat, sein
schweres Felleisen abstellte und unverweilt anfing, sich auszuziehen,
da er muede war. Jobst schnellte blitzschnell herum und streckte sich
steif an seinen urspruenglichen Platz an der Wand, und er dachte: "Der
wird bald wieder ausreissen, da es Sommer ist und lieblich zu
wandern!" In dieser Hoffnung ergab er sich mit stillen Seufzern in
sein Schicksal und war der naechtlichen Rippenstoesse und des Streites
um die Decke gewaertig, die es nun absetzen wuerde. Aber wie erstaunt
war er, als der Neuangekommene, obgleich es ein Bayer war, sich mit
hoeflichem Grusse zu ihm ins Bett legte, sich ebenso friedlich und
manierlich, wie er selbst, am andern Ende des Bettes verhielt und ihn
waehrend der ganzen Nacht nicht im mindesten belaestigte. Dies
unerhoerte Abenteuer brachte ihn so um alle Ruhe, dass er, waehrend
der Bayer wohlgemut schlief, diese Nacht kein Auge zutat. Am Morgen
betrachtete er den wundersamen Schlafgefaehrten mit aeusserst
aufmerksamen Mienen und sah, dass es ein ebenfalls nicht mehr junger
Geselle war, der sich mit anstaendigen Worten nach den Umstaenden und
dem Leben hier erkundigte, ganz in der Weise, wie er es etwa selbst
getan haben wuerde. Sobald er dies nur bemerkte, hielt er an sich und
verschwieg die einfachsten Dinge, wie ein grosses Geheimnis, trachtete
aber dagegen das Geheimnis des Bayers zu ergruenden; denn dass
derselbe ebenfalls eines besass, war ihm von weitem anzusehen; wozu
sollte er sonst ein so verstaendiger, sanftmuetiger und gewiegter
Mensch sein, wenn er nicht irgend etwas Heimliches, sehr Vorteilhaftes
vorhatte? Nun suchten sie sich gegenseitig die Wuermer aus der Nase zu
ziehen, mit der groessten Vorsicht und Friedfertigkeit, in halben
Worten und auf anmutigen Umwegen. Keiner gab eine vernuenftige klare
Antwort und doch wusste nach Verlauf einiger Stunden jeder, dass der
andere nichts mehr oder minder als sein vollkommener Doppelgaenger
sei. Als im Laufe des Tages Fridolin, der Bayer, mehrmals nach der
Kammer lief und sich dort zu schaffen machte, nahm Jobst die
Gelegenheit wahr, auch einmal hinzuschleichen, als jener bei der
Arbeit sass, und durchmusterte im Fluge die Habseligkeiten Fridolins;
er entdeckte aber nichts weiter, als fast die gleichen
Siebensaechelchen, die er selbst besass, bis auf die hoelzerne
Nadelbuechse, welche aber hier einen Fisch vorstellte, waehrend Jobst
scherzhafterweise ein kleines Wickelkindchen besass, und statt einer
zerrissenen franzoesischen Sprachlehre fuer das Volk, welche Jobst
bisweilen durchblaetterte, war bei dem Bayer ein gut gebundenes
Buechlein zu finden, betitelt: Die kalte und warme Kuepe, ein
unentbehrliches Handbuch fuer Blaufaerber. Darin war aber mit
Bleistift geschrieben: Unterfand fuer die 3 Kreizer, welche ich dem
Nassauer geborgt. Hieraus schloss er, dass es ein Mann war, der das
Seinige zusammenhielt, und spaehete unwillkuerlich am Boden herum, und
bald entdeckte er eine Fliese, die ihm gerade so vorkam, als ob sie
kuerzlich herausgenommen waere, und unter derselben lag auch richtig
ein Schatz in ein altes halbes Schnupftuch und mit Zwirn umwickelt,
fast ganz so schwer wie der seinige, welcher zum Unterschied in einem
zugebundenen Socken steckte. Zitternd drueckte er die Backsteinplatte
wieder zurecht, zitternd aus Aufregung und Bewunderung der fremden
Groesse und aus tiefer Sorge um sein Geheimnis. Stracks lief er
hinunter in die Werkstatt und arbeitete, als ob es gelte, die Welt mit
Kaemmen zu versehen, und der Bayer arbeitete, als ob der Himmel noch
dazu gekaemmt werden muesste. Die naechsten acht Tage bestaetigten
durchaus diese erste gegenseitige Auffassung; denn war Jobst fleissig
und genuegsam, so war Fridolin taetig und enthaltsam mit den gleichen
bedenklichen Seufzern ueber das Schwierige solcher Tugend; war aber
Jobst heiter und weise, so zeigte sich Fridolin spasshaft und klug;
war jener bescheiden, so war dieser demuetig, jener schlau und
ironisch, dieser durchtrieben und beinahe satirisch, und machte Jobst
ein friedlich einfaeltiges Gesicht zu einer Sache, die ihn aengstigte,
so sah Fridolin unuebertrefflich wie ein Esel aus. Es war nicht sowohl
ein Wettkampf, als die Uebung wohlbewusster Meisterschaft, die sie
beseelte, wobei keiner verschmaehte, sich den andern zum Vorbild zu
nehmen und ihm die feinsten Zuege eines vollkommenen Lebenswandels,
die ihm etwa noch fehlten, nachzuahmen. Sie sahen sogar so
eintraechtig und verstaendnisinnig aus, dass sie eine gemeinsame Sache
zu machen schienen, und glichen so zwei tuechtigen Helden, die sich
ritterlich vertragen und gegenseitig staehlen, ehe sie sich befehden.
Aber nach kaum acht Tagen kam abermals einer zugereist, ein Schwabe,
namens Dietrich, worueber die beiden eine stillschweigende Freude
empfanden, wie ueber einen lustigen Massstab, an welchem ihre stille
Groesse sich messen konnte, und sie gedachten das arme Schwaebchen,
welches gewiss ein rechter Taugenichts war, in die Mitte zwischen ihre
Tugenden zu nehmen, wie zwei Loewen ein Aeffchen, mit dem sie spielen.

Aber wer beschreibt ihr Erstaunen, als der Schwabe sich gerade so
benahm, wie sie selbst, und sich die Erkennung, die zwischen ihnen
vorgegangen, noch einmal wiederholte zu dritt, wodurch sie nicht nur
dem Dritten gegenueber in eine unverhoffte Stellung gerieten, sondern
sie selbst unter sich in eine ganz veraenderte Lage kamen.

Schon als sie ihn im Bette zwischen sich nahmen, zeigte sich der
Schwabe als vollkommen ebenbuertig und lag wie ein Schwefelholz so
strack und ruhig, so dass immer noch ein bisschen Raum zwischen jedem
der Gesellen blieb und das Deckbett auf ihnen lag, wie ein Papier auf
drei Heringen. Die Lage wurde nun ernster, und indem alle drei
gleichmaessig sich gegenueberstanden, wie die Winkel eines
gleichseitigen Dreiecks, und kein vertrauliches Verhaeltnis mehr
zwischen zweien moeglich war, kein Waffenstillstand oder anmutiger
Wettstreit, waren sie allen Ernstes beflissen, einander aus dem Bett
und dem Haus hinaus zu dulden. Als der Meister sah, dass diese drei
Kaeuze sich alles gefallen liessen, um nur dazubleiben, brach er ihnen
am Lohn ab und gab ihnen geringere Kost; aber desto fleissiger
arbeiteten sie und setzten ihn in den Stand, grosse Vorraete von
billigen Waren in Umlauf zu bringen und vermehrten Bestellungen zu
genuegen, also dass er ein Heidengeld durch die stillen Gesellen
verdiente und eine wahre Goldgrube an ihnen besass. Er schnallte sich
den Gurt um einige XXX Loecher weiter und spielte eine grosse Rolle in
der Stadt, waehrend die toerichten Arbeiter in der dunklen Werkstatt
Tag und Nacht sich abmuehten und sich gegenseitig hinausarbeiten
wollten. Dietrich, der Schwabe, welcher der juengste war, erwies sich
als ganz vom gleichen Holze geschnitten, wie die zwei andern, nur
besass er noch keine Ersparnis, denn er war noch zu wenig gereist.
Dies waere ein bedenklicher Umstand fuer ihn gewesen, da Jobst und
Fridolin einen zu grossen Vorsprung gewannen, wenn er nicht als ein
erfindungsreiches Schwaeblein eine neue Zaubermacht heraufbeschworen
haette, um den Vorteil der andern aufzuwiegen. Da sein Gemuet naemlich
von jeglicher Leidenschaft frei war, so frei wie dasjenige seiner
Nebengesellen, ausser von der Leidenschaft, gerade hier und nirgends
anders sich anzusiedeln und den Vorteil wahrzunehmen, so erfand er den
Gedanken, sich zu verlieben und um die Hand einer Person zu werben,
welche ungefaehr so viel besass, als der Sachse und der Bayer unter
den Fliesen liegen hatten. Es gehoerte zu den besseren
Eigentuemlichkeiten der Seldwyler, dass sie um einiger Mittel willen
keine haesslichen oder unliebenswuerdigen Frauen nahmen; in grosse
Versuchung gerieten sie ohnehin nicht, da es in ihrer Stadt keine
reichen Erbinnen gab, weder schoene noch unschoene, und so behaupteten
sie wenigstens die Tapferkeit, auch die kleineren Brocken zu
verschmaehen und sich lieber mit lustigen und huebschen Wesen zu
verbinden, mit welchen sie einige Jahre Staat machen konnten. Daher
wurde es dem ausspaehenden Schwaben nicht schwer, sich den Weg zu
einer tugendhaften Jungfrau zu bahnen, welche in derselben Strasse
wohnte und von der er, im klugen Gespraeche mit alten Weibern, in
Erfahrung gebracht, dass sie einen Gueltbrief von siebenhundert Gulden
ihr Eigentum nenne. Dies war Zues Buenzlin, eine Tochter von
achtundzwanzig Jahren, welche mit ihrer Mutter, der Waescherin,
zusammenlebte, aber ueber jenes vaeterliche Erbteil unbeschraenkt
herrschte. Sie hatte den Brief in einer kleinen lackierten Lade
liegen, wo sie auch die Zinsen davon, ihren Taufzettel, ihren
Konfirmationsschein und ein bemaltes und vergoldetes Osterei bewahrte;
ferner ein halbes Dutzend silberne Teeloeffel, ein Vaterunser mit Gold
auf einen roten durchsichtigen Glasstoff gedruckt, den sie
Menschenhaut nannte, einen Kirschkern, in welchen das Leiden Christi
geschnitten war, und eine Buechse aus durchbrochenem und mit rotem
Taft unterlegtem Elfenbein, in welcher ein Spiegelchen war und ein
silberner Fingerhut; ferner war darin ein anderer Kirschkern, in
welchem ein winziges Kegelspiel klapperte, eine Nuss, worin eine
kleine Muttergottes hinter Glas lag, wenn man sie oeffnete, ein
silbernes Herz, worin ein Riechschwaemmchen steckte, und eine
Bonbonbuechse aus Zitronenschale, auf deren Deckel eine Erdbeere
gemalt war, und in welcher eine goldene Stecknadel auf Baumwolle lag,
die ein Vergissmeinnicht vorstellte, und ein Medaillon mit einem
Monument von Haaren; ferner ein Buendel vergilbter Papiere mit
Rezepten und Geheimnissen, ein Flaeschchen mit Hoffmannstropfen, ein
anderes mit Koelnischem Wasser und eine Buechse mit Moschus; eine
andere, worin ein Endchen Marderdreck lag, und ein Koerbchen, aus
wohlriechenden Halmen geflochten, sowie eines, aus Glasperlen und
Gewuerznaegelein zusammengesetzt; endlich ein kleines Buch, in
himmelblaues geripptes Papier gebunden mit silbernem Schnitt,
betitelt: Goldene Lebensregeln fuer die Jungfrau als Braut, Gattin und
Mutter; und ein Traumbuechlein, ein Briefsteller, fuenf oder sechs
Liebesbriefe und ein Schnepper zum Aderlassen; denn einst hatte sie
ein Verhaeltnis mit einem Barbiergesellen oder Chirurgiegehilfen
gepflogen, welchen sie zu ehelichen gedachte; und da sie eine
geschickte und ueberaus verstaendige Person war, so hatte sie von
ihrem Liebhaber gelernt, die Ader zu schlagen, Blutegel und
Schroepfkoepfe anzusetzen und dergleichen mehr und konnte ihn selbst
sogar schon rasieren. Allein er hatte sich als ein unwuerdiger Mensch
gezeigt, bei welchem leichtlich ihr ganzes Lebensglueck aufs Spiel
gesetzt war, und so hatte sie mit trauriger, aber weiser
Entschlossenheit das Verhaeltnis geloest. Die Geschenke wurden von
beiden Seiten zurueckgegeben mit Ausnahme des Schneppers; diesen
vorenthielt sie als ein Unterpfand fuer einen Gulden und
achtundvierzig Kreuzer, welche sie ihm einst bar geliehen; der
Unwuerdige behauptete aber, solche nicht schuldig zu sein, da sie das
Geld ihm bei Gelegenheit eines Balles in die Hand gegeben, um die
Auslagen zu bestreiten, und sie haette zweimal soviel verzehrt als er.
So behielt er den Gulden und die achtundvierzig Kreuzer und sie den
Schnepper, mit welchem sie unter der Hand allen Frauen ihrer
Bekanntschaft Ader liess und manchen schoenen Batzen verdiente. Aber
jedesmal, wenn sie das Instrument gebrauchte, musste sie mit Schmerzen
der niedrigen Gesinnungsart dessen gedenken, der ihr so nahegestanden
und beinahe ihr Gemahl geworden waere!

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