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Annual Bibliography of Commonwealth Literature 2007
This paper argues that discourses of love in Ghanaian market literature for youth offer a view into complex negotiations of agency and empowerment. Drawing on Deborah Durham's notion of youth as "social `shifters'" and Francis Nyamnjoh's conception of the "interconnectedness" of agency, I take Ghanaian market literature as one specific case of how African literature for youth foregrounds questions of continuity and change as African societies enter into increasingly complex global relations. In this literature for youth, received notions of love, often constructed out of impressions from American pop and hip hop music, carry new notions of agency that compete with existing "domesticated" forms. Authors like Ike Tandoh and Evelyn Tay employ discourses of love to offer youth alternative avenues for empowerment in a context of socio-economic disenfranchizement. In a creative process of "straddling", this writing both reveals and reproduces the contradictions that obtain in youth configurations of agency.

Die Leute von Seldwyla, Vol. 1

G >> Gottfried Keller >> Die Leute von Seldwyla, Vol. 1

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Sobald Frau Regula diese Uebertreibungen und dies unmaessige
Misstrauen vernahm, verlor sie die Haelfte des Schreckens, welchen sie
zuerst empfunden, da die Torheit der Leute ihren Einfluss auf die
Wohlbestellten immer selbst reguliert und unschaedlich macht. Denn
haetten die Seldwyler nur etwa die Befuerchtung ausgesprochen, die
Gefangenen koennten vielleicht wohl erschossen werden nach dem
Standrecht, so waere sie in toedlicher Besorgnis geblieben; als man
aber sagte, sie seien entzweigesaegt und gekreuzigt, glaubte sie auch
jenes nicht mehr. Dagegen erhielt sie bald einen kurzen Brief von
ihrem Sohne, laut welchem er wirklich eingetuermt war und sie um die
sofortige Erlegung einer Geldbuergschaft bat, gegen welche er
entlassen wuerde. Mehrere Kameraden seien schon auf diese Weise
freigegeben worden. Denn die sieghafte Regierung war in grossen
Geldnoeten und verschaffte sich auf diese Weise einige willkommene
ausserordentliche Einkuenfte, da sie nachher nur die hinterlegten
Summen in ebenso viele Geldbussen zu verwandeln brauchte. Frau Amrain
steckte den Brief ganz vergnuegt in ihren Busen und begann gemaechlich
und ohne sich zu uebereilen, die erforderlichen Geldmittel
beizubringen und zurechtzulegen, so dass wohl acht Tage vergingen, ehe
sie Anstalt machte, damit abzureisen. Da kam ein zweiter Brief,
welchen der Sohn Gelegenheit gefunden, heimlich abzuschicken und worin
er sie beschwor, sich ja zu eilen, da es ganz unertraeglich sei,
seinen Leib dergestalt in der Gewalt verhasster Menschen zu sehen. Sie
waeren eingesperrt wie wilde Tiere, ohne frische Luft und Bewegung,
und muessten Habermus und Erbsenkost aus einer hoelzernen Buette
gemeinschaftlich essen mit hoelzernen Loeffeln. Da schob sie laechelnd
ihre Abreise noch um einige Tage auf, und erst als der eingepferchte
Tatkraeftige volle vierzehn Tage gesessen, nahm sie ein Gefaehrt,
packte die Erloesungsgelder nebst frischer Waesche und guten Kleidern
ein und begab sich auf den Weg. Als sie aber ankam, vernahm sie, dass
ehestens eine Amnestie ausgesprochen wuerde ueber alle, die nicht
ausgezeichnete Raedelsfuehrer seien, und besonders ueber die Fremden,
da man diese nicht unnuetz zu fuettern gedachte und jetzt keine
eingehenden Gelder mehr erwartete. Da blieb sie noch zwei oder drei
Tage in einem Gasthofe, bereit, ihren Sohn jeden Augenblick zu
erloesen, der uebrigens seiner Jugend wegen nicht sehr beachtet wurde.
Die Amnestie wuerde auch wirklich verkuendet, da diesmal die siegende
Partei aus Sparsamkeit die wahre Weise befolgte: im Siege selbst, und
nicht in der Rache oder Strafe, ihr Bewusstsein und ihre Genugtuung zu
finden. So fand denn der verzweifelte Fritz seine Mutter an der Pforte
des Gefaengnisses seiner harrend. Sie speiste und traenkte ihn, gab
ihm neue Kleider und fuhr mit ihm nebst der geretteten Buergschaft von
dannen. Als er sich nun wohlgeborgen und gestaerkt neben seiner Mutter
sah, fragte er sie, warum sie ihn denn so lange habe sitzen lassen?
Sie erwiderte kurz und ziemlich vergnuegt, wie ihm schien, dass das
Geld eben nicht frueher waere aufzutreiben gewesen. Er kannte aber den
Stand ihrer Angelegenheiten nur zu wohl und wusste genau, wo die
Mittel zu suchen und zu beziehen waren. Er liess also diese Ausflucht
nicht gelten und fragte abermals. Sie meinte, er moechte sich nur
zufrieden geben, da er durch sein Sitzen in dem Turme ein gutes Stueck
Geld verdient und ueberdies Gelegenheit erhalten, eine schoene
Erfahrung zu machen. Gewiss habe er diesen oder jenen vernuenftigen
Gedanken zu fassen die Musse gehabt. "Du hast mich am Ende absichtlich
stecken lassen," erwiderte er und sah sie gross an, "und hast mir in
deinem muetterlichen Sinne das Gefaengnis foermlich zuerkannt?"
Hierauf antwortete sie nichts, sondern lachte laut und lustig in dem
rollenden Wagen, wie er sie noch nie lachen gesehen. Als er hierauf
nicht wusste, welches Gesicht er machen sollte, und seltsam die Nase
ruempfte, umhalste sie ihn noch lauter lachend und gab ihm einen Kuss.
Er sagte aber kein Wort mehr, und es zeigte sich von nun an, dass er
in dem Gefaengnis in der Tat etwas gelernt habe.

Denn er hielt sich in seinem Wesen jetzt viel ernster und
geschlossener zusammen und geriet nie wieder in Versuchung, durch eine
unrechtmaessige oder leichtsinnige Tatlust eine Gewalt herauszufordern
und seine Person in ihre Hand zu geben zu seiner Schmach und niemand
zu Nutzen. Er nahm sich nicht gerade vor, nie mehr auszuziehen, da die
Ereignisse nicht zum voraus gezaehlt werden koennen und niemand seinem
Blut gebieten kann, stille zu stehn, wenn es rascher fliesst; aber er
war nun sicher vor jeder nur aeusserlichen und unbedachten Kampflust.
Diese Erfahrung wirkte ueberhaupt dermassen auf den jungen Mann, dass
er mit verdoppeltem Fortschritt an Tuechtigkeit in allen Dingen
zuzunehmen schien und den Sachen schon mit voller Maennlichkeit
vorstand, als er kaum zwanzig Jahre alt war. Frau Amrain gab ihm
deswegen nun die junge Frau, welche er wuenschte, und nach Verlauf
eines Jahres, als er bereits ein kleines huebsches Soehnchen besass,
war er zwar immer wohlgemut, aber um so ernsthafter und gemessener in
seinen fleissigen Geschaeften, als seine Frau lustig, voll Gelaechter
und guter Dinge war; denn es gefiel ihr ueber die Massen in diesem
Hause und sie kam vortrefflich mit ihrer Schwiegermutter aus, obgleich
sie von dieser verschieden und wieder eine andere Art von gutem
Charakter war.

So schien nun das Erziehungswerk der Frau Regula auf das beste
gekroent, um der Zukunft mit Ruhe entgegenzusehen; denn auch die
beiden aelteren Soehne, welche zwar traegen Wesens, aber sonst
gutartig waren, hatte sie hinter dem wackeren Fritz her leidlich
durchgeschleppt, und als dieselben herangewachsen, die Vorsicht
gebraucht, sie in anderen Staedten in die Lehre zu geben, wo sie denn
auch blieben und ihr ferneres Leben begruendeten als ziemlich
bequemliche, aber sonst ordentliche Menschen, von denen nachher so
wenig zu sagen war, wie vorher.

Fritz aber, da er bereits ein wuerdiger Familienvater war, musste doch
noch einmal in die Schule genommen werden von der Mutter, und zwar in
einer Sache, um die sich manche Mutter vom gemeinen Schlage wenig
bekuemmert haette. Der Sohn war ungefaehr zwei Jahre schon
verheiratet, als das Laendchen, welchem Seldwyla angehoerte, seinen
obersten massgebenden Rat neu zu bestellen und deshalben die
vierjaehrigen Wahlen vorzunehmen hatte, infolge deren denn auch die
verwaltenden und richterlichen Behoerden bestellt wurden. Bei den
letzten Hauptwahlen war Fritz noch nicht stimmfaehig gewesen und es
war jetzt das erstemal, wo er dergleichen beiwohnen sollte. Es war
aber eine grosse Stille im Lande. Die Gegensaetze hatten sich
einigermassen ausgeglichen und die Parteien einander abgeschliffen; es
wurde in allen Ecken fleissig gearbeitet, man lichtete die alten
Winkeleien in der Gesetzsammlung und machte fleissig neue, gute und
schlechte, bauete oeffentliche Werke, uebte sich in einer geschickten
Verwaltung ohne Unbesonnenheit, doch auch ohne Zopf, und ging darauf
aus, jeden an seiner Stelle zu verwenden, die er verstand und treulich
versah, und endlich gegen jedermann artig und gerecht zu sein, der es
in seiner Weise gut meinte und selbst kein Zwinger und Hasser war.
Dies alles war nun den Seldwylern hoechst langweilig, da bei solcher
stillgewordenen Entwicklung keine Aufregung stattfand. Denn Wahlen
ohne Aufregung, ohne Vorversammlungen, Zechgelage, Reden, Aufrufe,
ohne Umtriebe und heftige schwankende Krisen, waren ihnen so gut wie
gar keine Wahlen, und so war es diesmal entschieden schlechter Ton zu
Seldwyla, von den Wahlen nur zu sprechen, wogegen sie sehr
beschaeftigt taten mit Errichtung einer grossen Aktienbierbrauerei und
Anlegung einer Aktienhopfenpflanzung, da sie ploetzlich auf den
Gedanken gekommen waren, eine solche stattliche Bieranstalt mit
weitlaeufigen guten Kellereien, Trinkhallen und Terrassen werde der
Stadt einen neuen Aufschwung geben und dieselbe beruehmt und
vielbesucht machen. Fritz Amrain nahm an diesen Bestrebungen eben
keinen Anteil, allein er kuemmerte sich auch wenig um die Wahlen, so
sehr er sich vor vier Jahren gesehnt hatte, daran teilzunehmen. Er
dachte sich, da alles gut ginge im Lande, so sei kein Grund, den
oeffentlichen Dingen nachzugehen, und die Maschine wuerde deswegen
nicht stille stehen, wenn er schon nicht waehle. Es war ihm unbequem,
an dem schoenen Tage in der Kirche zu sitzen mit einigen alten Leuten;
und, wenn man es recht betrachtete, schien sogar ein Anflug von
philisterhafter Laecherlichkeit zu kleben an den diesjaehrigen Wahlen,
da sie eine gar so stille und regelmaessige Pflichterfuellung waren.
Fritz scheuete die Pflicht nicht; wohl aber hasste er nach Art aller
jungen Leute kleinere Pflichten, welche uns zwingen, zu ungelegener
Stunde den guten Rock anzuziehen, den besseren Hut zu nehmen und uns
an einen hoechst langweiligen oder truebseligen Ort hinzubegeben, als
wie ein Taufstein, ein Kirchhof oder ein Gerichtszimmer. Frau Amrain
jedoch hielt gerade diese Weise der Seldwyler, die sie nun angenommen,
fuer unertraeglich und unverschaemt, und weil eben niemand hinging, so
wuenschte sie doppelt, dass ihr Sohn es taete. Sie steckte es daher
hinter seine Frau und trug dieser auf, ihn zu ueberreden, dass er am
Wahltage ordentlich in die Versammlung ginge und einem tuechtigen
Manne seine Stimme gebe, und wenn er auch ganz allein staende mit
derselben. Allein mochte nun das junge Weibchen nicht die noetige
Beredsamkeit besitzen in einer Sache, die es selber nicht viel
kuemmerte, oder mochte der junge Mann nicht gesonnen sein, sich in ihr
eine neue Erzieherin zu naehren und grosszuziehen, genug, er ging an
dem betreffenden Morgen in aller Fruehe in seinen Steinbruch hinaus
und schaffte dort in der warmen Maisonne so eifrig und ernsthaft
herum, als ob an diesem einen Tage noch alle Arbeit der Welt abgetan
werden muesste und nie wieder die Sonne aufginge hernach. Da ward
seine Mutter ungehalten und setzte ihren Kopf darauf, dass er dennoch
in die Kirche gehen solle; und sie band ihre immer noch glaenzend
schwarzen Zoepfe auf, nahm einen breiten Strohhut darueber und
Fritzens Rock und Hut an den Arm und wanderte rasch hinter das
Staedtchen hinaus, wo der weitlaeufige Steinbruch an der Hoehe lag.
Als sie den langen krummen Fahrweg hinanstieg, auf welchem die
Steinlasten herabgebracht wurden, bemerkte sie, wie tief der Bruch
seit zwanzig Jahren in den Berg hineingegangen, und ueberschlug das
unzweifelhafte gute Erbtum, das sie erworben und zusammengehalten. Auf
verschiedenen Abstufungen haemmerten zahlreiche Arbeiter, welchen
Fritz laengst ohne Werkfuehrer vorstand, und zu oberst, wo gruenes
Buchenholz die frischen weissen Brueche kroente, erkannte sie ihn
jetzt selbst an seinem weisseren Hemde, da er Weste und Jacke
weggeworfen, wie er mit einem Trueppchen Leute die Koepfe
zusammensteckte ueber einem Punkte. Gleichzeitig aber sah man sie und
rief ihr zu, sich in acht zu nehmen. Sie duckte sich unter einen
Felsen, worauf in der Hoehe nach einer kleinen Stille ein starker
Schlag erfolgte und eine Menge kleiner Steine und Erde rings
herniederregneten. "Da glaubt er nun," sagte sie zu sich selbst, "was
er fuer Heldenwerk verrichtet, wenn er hier Steine gen Himmel sprengt,
statt seine Pflicht als Buerger zu tun!" Als sie oben ankam und
verschnaufte, schien er, nachdem er fluechtig auf den Rock und Hut
geschielt, den sie trug, sie nicht zu bemerken, sondern untersuchte
eifrig die Loecher, die er eben gesprengt, und fuhr mit dem Zollstock
an den Steinen herum. Als er sie aber nicht mehr vermeiden konnte,
sagte er: "Guten Tag, Mutter! Spazierest ein wenig? Schoen ist das
Wetter dazu!" und wollte sich wieder wegmachen. Sie ergriff ihn aber
bei der Hand und fuehrte ihn etwas zur Seite, indem sie sagte: "Hier
habe ich dir Rock und Hut gebracht, nun tu mir den Gefallen und geh zu
den Wahlen! Es ist eine wahre Schande, wenn niemand geht aus der
Stadt!" "Das fehlte auch noch," erwiderte Fritz ungeduldig, "jetzt
abermals bei diesem Wetter in der langweiligen Kirche zu sitzen und
Stimmzettel umherzubieten. Natuerlich wirst du dann fuer den
Nachmittag schon irgendein Leichenbegaengnis in Bereitschaft haben, wo
ich wieder mithumpeln soll, damit der Tag ja ganz verschleudert werde!
Dass ihr Weibsleute unsereinen immer an Begraebnisse und Kindertaufen
hinspediert, ist begreiflich; dass ihr euch aber so sehr um die
Politik bekuemmert, ist mir ganz etwas Neues!"

"Schande genug," sagte sie, "dass die Frauen euch vermahnen sollen zu
tun, was sich gebuehrt und was eine verschworene Pflicht und
Schuldigkeit ist!"

"Ei so tue doch nicht so," erwiderte Fritz, "seit wann wird denn der
Staat stille stehn, wenn einer mehr oder weniger mitgeht, und seit
wann ist es denn noetig, dass ich gerade ueberall dabei bin?"

"Dies ist keine Bescheidenheit, die dies sagt," antwortete die Mutter,
"dies ist vielmehr verborgener Hochmut! Denn ihr glaubt wohl, dass ihr
muesst dabei sein, wenn es irgend darauf ankaeme, und nur weil ihr den
gewohnten stillen Gang der Dinge verachtet, so haltet ihr euch fuer zu
gut, dabei zu sein!"

"Es ist aber in der Tat laecherlich, allein dahin zu gehen," sagte
Fritz, "jedermann sieht einen hingehen, wo dann niemand als die
Kirchenmaus zu sehen ist."

Frau Amrain liess aber nicht nach und erwiderte: "Es genuegt nicht,
dass du unterlassest, was du an den Seldwylern laecherlich findest! Du
musst ausserdem noch tun grade, was sie fuer laecherlich halten; denn
was diesen Eseln so vorkommt, ist gewiss etwas Gutes und
Vernuenftiges! Man kennt die Voegel an den Federn, so die Seldwyler an
dem, was sie fuer laecherlich halten. Bei allen kleinen
Angelegenheiten, bei allen schlechten Geschichten, eitlen
Vergnuegungen und Dummheiten, bei allem Gevatter- und Geschnatterwesen
befleissigt man sich der groessten Puenktlichkeit; aber alle vier
Jahre einmal sich puenktlich und vollzaehlig zu einer Wahlhandlung
einzufinden, welche die Grundlage unsers ganzen oeffentlichen Wesens
und Regimentes ist, das soll langweilig, unausstehlich und laecherlich
sein! Das soll in dem Belieben und in der Bequemlichkeit jedes
einzelnen stehen, der immer nach seinem Rechte schreit, aber sobald
dies Recht nur ein bisschen auch nach Pflicht riecht, sein Recht darin
sucht, keines zu ueben! Wie, ihr wollt einen freien Staat vorstellen
und seid zu faul, alle vier Jahre einen halben Tag zu opfern, einige
Aufmerksamkeit zu bezeigen und eure Zufriedenheit oder Unzufriedenheit
mit dem Regiment, das ihr vertragsmaessig eingesetzt, zu offenbaren?
Sagt nicht, dass ihr immer da waeret, wenn es sein muesste! Wer nur da
ist, wenn es ihn belustigt und seine Leidenschaft kitzelt, der wird
einmal ausbleiben und sich eine Nase drehen lassen, grade wenn er am
wenigsten daran denkt.

"Jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert, und so auch der, welcher fuer
das Wohl des Landes arbeitet und dessen oeffentliche Dinge besorgt,
die in jedem Hause in Einrichtungen und Gesetzen auf das tiefste
eingreifen. Schon die alleraeusserlichste Artigkeit und Hoeflichkeit
gegen die betrauten Maenner erforderte es, wenigstens an diesem Tage
sich vollzaehlig einzufinden, damit sie sehen, dass sie nicht in der
Luft stehen. Der Anstand vor den Nachbarn und das Beispiel fuer die
Kinder verlangen es ebenfalls, dass diese Handlung mit Kraft und
Wuerde begangen wird, und da finden es diese Helden unbequem und
laecherlich, die gleichen, welche taeglich die groesste Puenktlichkeit
innehalten, um einer Kegelpartie oder einer nichtssagenden
aberwitzigen Geschichte beizuwohnen.

"Wie, wenn nun die saemtlichen Behoerden, ueber solche Unhoeflichkeit
erbittert, euch den Sack vor die Tuer wuerfen und auf einmal abtreten
wuerden? Sag' nicht, dass dies nie geschehen werde! Es waere doch
immer moeglich, und alsdann wuerde eure Selbstherrlichkeit dastehen,
wie die Butter an der Sonne; denn nur durch gute Gewoehnung, Ordnung
und regelrechte Abloesung oder kraeftige Bestaetigung ist in
Friedenszeiten diese Selbstherrlichkeit zu brauchen und bemerklich zu
machen. Wenigstens ist es die allerverkehrteste Anwendung oder
Offenbarung derselben, sich gar nicht zu zeigen, warum? weil es ihr so
beliebt!

"Nimm mir nicht uebel, das sind Kindesgedanken und Weibernuecken; wenn
ihr glaubt, dass solche Auffuehrung euch wohl anstehe, so seid ihr im
Irrtum. Aber ihr beneidet euch selbst um die Ruhe und um den Frieden,
und damit die Dinge, obgleich ihr nichts dagegen einzuwenden wisst,
und nur auf alle Faelle hin so ins Blaue hinein schlecht begruendet
erscheinen, so waehlt ihr nicht oder ueberlasst die Handlung den
Nachtwaechtern, damit, wie gesagt; vorkommendenfalls von eurem Neste
Seldwyla ausgeschrien werden koenne, die oeffentliche Gewalt habe
keinen festen Fuss im Volke. Buebisch ist aber dieses und es ist gut,
dass eure Macht nicht weiter reicht, als eure lotterige Stadtmauer!"

"Ihr und immer ihr!" sagte Fritz ungehalten, "was hab' ich denn mit
diesen Leuten zu schaffen? Wenn dieselben solche elende Launen und
Beweggruende haben, was geht das mich an?"

"Gut denn," rief Frau Regel, "so benimm dich auch anders als sie in
dieser Sache und geh' zu den Wahlen!"

"Damit", wandte ihr Sohn laechelnd ein, "man ausserhalb sage, der
einzige Seldwyler, welcher denselben beigewohnt, sei noch von den
Weibern hingeschickt worden?"

Frau Amrain legte ihre Hand auf seine Schulter und sagte: "Wenn es
heisst, dass deine Mutter dich hingeschickt habe, so bringt dir dies
keine Schande und mir bringt es Ehre, wenn ein solcher tuechtiger
Gesell sich von seiner Mutter schicken laesst! Ich wuerde wahrhaftig
stolz darauf sein und du kannst mir am Ende den kleinen Gefallen zu
meinem Vergnuegen erweisen, nicht so?"

Fritz wusste hiergegen nichts mehr vorzubringen und zog den Rock an
und setzte den Buergerhut auf. Als er mit der trefflichen Frau den
Berg hinunterging, sagte er: "Ich habe dich in meinem Leben nie so
viel politisieren hoeren, wie soeben, Mutter! Ich habe dir so lange
Reden gar nicht zugetraut!"

Sie lachte, erwiderte dann aber ernsthaft: "Was ich gesagt, ist
eigentlich weniger politisch gemeint, als gut hausmuetterlich. Wenn du
nicht bereits Frau und Kind haettest, so wuerde es mir vielleicht
nicht eingefallen sein, dich zu ueberreden; so aber, da ich ein
wohlerhaltenes Haus von meinem Gebluete in Aussicht sehe, so halte ich
es fuer ein gutes Erbteil solchen Hauses, wenn darin in allen Dingen
das rechte Mass gehalten wird. Wenn die Soehne eines Hauses beizeiten
sehen und lernen, wie die oeffentlichen Dinge auf rechte Weise zu
ehren sind, so bewahrt sie vielleicht gerade dies vor unrechten und
unbesonnenen Streichen. Ferner, wenn sie das eine ehren und
zuverlaessig tun, so werden sie es auch mit dem andern so halten, und
so, siehst du, habe ich am Ende nur als fuersichtige haeusliche
Grossmutter gehandelt, waehrend man sagen wird, ich sei die aergste
alte Kannegiesserin!"

In der Kirche fand Fritz statt einer Zahl von sechs- oder
siebenhundert Maennern kaum deren vier Dutzend, und diese waren
beinahe ausschliesslich Landleute aus umliegenden Gehoeften, welche
mit den Seldwylern zu waehlen hatten. Diese Landleute haetten zwar
auch eine sechsmal staerkere Zahl zu stellen gehabt; aber da die
Ausgebliebenen wirklich im Schweisse ihres Angesichts auf den Feldern
arbeiteten, so war ihr Wegbleiben mehr eine harmlose Gedankenlosigkeit
und ein baeuerlicher Geiz mit dem schoenen Wetter, und weil sie einen
weiten Weg zu machen hatten, erschien das Dasein der Anwesenden um so
loeblicher. Aus der Stadt selbst war niemand da als der
Gemeindepraesident, die Wahlen zu leiten, der Gemeindeschreiber, das
Protokoll zu fuehren, dann der Nachtwaechter und zwei oder drei arme
Teufel, welche kein Geld hatten, um mit den lachenden Seldwylern den
Fruehschoppen zu trinken. Der Herr Praesident aber war ein Gastwirt,
welcher vor Jahren schon falliert hatte und seither die Wirtschaft auf
Rechnung seiner Frau fortbetrieb. Hierin wurde er von seinen
Mitbuergern reichlich unterstuetzt, da er ganz ihr Mann war, das
grosse Wort zu fuehren wusste und bei allen Haendeln als ein
erfahrener Wirt auf dem Posten war. Dass er aber in Amt und Wuerden
stand und hier den Wahlen praesidierte, gehoerte zu jenen Suenden der
Seldwyler, die sich zeitweise so lange anhaeuften, bis ihnen die
Regierung mit einer Untersuchung auf den Leib rueckte. Die Landleute
wussten teilweise wohl, dass es nicht ganz richtig war mit diesem
Praesidenten, allein sie waren viel zu langsam und zu haecklich, als
dass sie etwas gegen ihn unternommen haetten, und so hatte er sich
bereits in einem Handumdrehen mit seinen drei oder vier Mitbuergern
das Geschaeft des Tages zugeeignet, als Fritz ankam. Dieser, als er
das Haeuflein rechtlicher Landleute sah, freute sich, wenigstens nicht
ganz allein da zu sein, und es fuhr ploetzlich ein unternehmender
Geist in ihn, dass er unversehens das Wort verlangte und gegen den
Praesidenten protestierte, da derselbe falliert und buergerlich tot
sei.

Dies war ein Donnerschlag aus heiterm Himmel. Der ansehnliche Gastwirt
machte ein Gesicht, wie einer, der tausend Jahre begraben lag und
wieder auferstanden ist; jedermann sah sich nach dem kuehnen Redner
um; aber die Sache war so kindlich einfach, dass auch nicht ein Laut
dagegen ertoenen konnte, in keiner Weise; nicht die leiseste
Diskussion liess sich eroeffnen. Je unerhoerter und unverhoffter das
Ereignis war, um so begreiflicher und natuerlicher erschien es jetzt,
und je begreiflicher es erschien, um so zorniger und empoerter waren
die paar Seldwyler gerade ueber diese Begreiflichkeit, ueber sich
selbst, ueber den jungen Amrain, ueber die heimtueckische Trivialitaet
der Welt, welche das Unscheinbarste und Naheliegendste ergreift, um
Grosse zu stuerzen und die Verhaeltnisse umzukehren. Der Herr
Praesident Usurpator sagte nach einer minutenlangen Verblueffung, nach
welcher er wieder so klug wie zu Anfang war, gar nichts, als: "Wenn--
wenn man gegen meine Person Einwendungen--allerdings, ich werde mich
nicht aufdringen, so ersuche ich die geehrte Versammlung, zu einer
neuen Wahl des Praesidenten zu schreiten, und die Stimmenzaehler, die
betreffenden Stimmzettel auszuteilen."

"Ihr habt ueberhaupt weder etwas vorzuschlagen hier, noch den
Stimmenzaehlern etwas aufzutragen!" rief Fritz Amrain, und dem grossen
Magnaten und Gastwirt blieb nichts anderes uebrig, als das Unerhoerte
abermals so begreiflich zu finden, dass es ans Triviale grenzte, und
ohne ein Wort weiter zu sagen, verliess er die Kirche, gefolgt von dem
bestuerzten Nachtwaechter und den andern Lumpen. Nur der Schreiber
blieb, um das Protokoll weiterzufuehren, und Fritz Amrain begab sich
in dessen Naehe und sah ihm auf die Finger. Die Bauern aber erholten
sich endlich aus ihrer Verwunderung und benutzten die Gelegenheit, das
Wahlgeschaeft rasch zu beendigen und statt der bisherigen zwei
Mitglieder zwei tuechtige Maenner aus ihrer Gegend zu waehlen, die sie
schon lange gerne im Rate gesehen, wenn die Seldwyler ihnen irgend
Raum gegoennt haetten. Dies lag nun am wenigsten im Plane der
nichterschienenen Seldwyler; denn sie hatten sich doch gedacht, dass
ihr Praesident und der Nachtwaechter unfehlbar die alten zwei Popanze
waehlen wuerden, wie es auch ausgemacht war in einer fluechtigen
Viertelstunde in irgendeinem Hinterstuebchen. Wie erstaunten sie
daher, als sie nun, durch den heimgeschickten falschen Praesidenten
aufgeschreckt, in hellen Haufen dahergerannt kamen und das Protokoll
rechtskraeftig geschlossen fanden samt dem Resultat. Ruhig laechelnd
gingen die Landleute auseinander; Fritz Amrain aber, welcher nach
seiner Behausung schritt, wurde von den Buergern aufgebracht, verlegen
und wild hoehnisch betrachtet, mit halbem Blicke oder weit
aufgesperrten Augen. Der eine rief ein abgebrochenes Ha! der andere
ein Ho! Fritz fuehlte, dass er jetzt zum ersten Male wirkliche Feinde
habe, und zwar gefaehrlicher als jene, gegen welche er einst mit Blei
und Pulver ausgezogen. Auch wusste er, da er so unerbittlich ueber
einen Mann gerichtet, der zwanzig Jahre aelter war als er, dass er
sich nun doppelt wehren muesse, selber nicht in die Grube zu fallen,
und so hatte das Leben nun wieder ein ganz anderes Gesicht fuer ihn,
als noch vor kaum zwei Stunden. Mit ernsten Gedanken trat er in sein
Haus und gedachte, um sich aufzuheitern, seine Mutter zu pruefen, ob
ihr diese Wendung der Dinge auch genehm sei, da sie ihn allein
veranlasst hatte, sich in die Gefahr zu begeben.

Allein da er den Hausflur betrat, kam ihm seine Mutter entgegen, fiel
ihm weinend um den Hals und sagte nichts als: "Dein Vater ist
wiedergekommen!" Da sie aber sah, dass ihn dieser Bericht noch
verlegener und ungewisser machte, als sie selbst war, fasste sie sich,
nachdem sie den Sohn an sich gedrueckt, und sagte: "Nun, er soll uns
nichts anhaben! Sei nur freundlich gegen ihn, wie es einem Kinde
zukommt!" So hatten sich in der Tat die Dinge abermals veraendert;
noch vor wenig Augenblicken, da er auf der Strasse ging, schien es ihm
hoechst bedenklich, sich eine ganze Stadt verfeindet zu wissen, und
jetzt, was war dies Bedenken gegen die Lage, urploetzlich sich einem
Vater gegenueberzusehen, den er nie gekannt, von dem er nur wusste,
dass er ein eitler, wilder und leichtsinniger Mann war, der zudem die
ganze Welt durchzogen waehrend zwanzig Jahren und nun weiss der Himmel
welch ein fremdartiger und erschrecklicher Kumpan sein mochte. "Wo
kommt er denn her? Was will er, wie sieht er denn aus, was will er
denn?" sagte Fritz, und die Mutter erwiderte: "Er scheint irgendein
Glueck gemacht und was erschnappt zu haben und nun kommt er mit
Gebaerden dahergefahren, als ob er uns in Gnaden auffressen wollte!
Fremd und wild sieht er aus, aber er ist der Alte, das hab' ich gleich
gesehen." Fritz war aber jetzt doch neugierig und ging festen
Schrittes die Treppe hinauf und auf die Wohnstube zu, waehrend die
Mutter in die Kueche huschte und auf einem andern Wege fast
gleichzeitig in die Stube trat; denn das duenkte sie nun der beste
Lohn und Triumph fuer alle Muehsal, zu sehen, wie ihrem Manne der
eigne Sohn, den sie erzogen, entgegentrat. Als Fritz die Tuere
oeffnete und eintrat, sah er einen grossen schweren Mann am Tische
sitzen, der ihm wohl er selbst zu sein schien, wenn er zwanzig Jahre
aelter waere. Der Fremde war fein, aber unordentlich gekleidet, hatte
etwas Ruhig-Trotziges in seinem Wesen und doch etwas Unstetes in
seinem Blicke, als er jetzt aufstand und ganz erschrocken sein junges
Ebenbild eintreten sah, hoch aufgerichtet und nicht um eine Linie
kuerzer als er selbst. Aber um das Haupt des Jungen wehten starke
goldene Locken, und waehrend sein Angesicht ebenso ruhig-trotzig
dreinsah, wie das des Alten, erroetete er bei aller Kraft doch in
Unschuld und Bescheidenheit. Als der Alte ihn mit der verlegenen
Unverschaemtheit der Zerfahrenen ansah und sagte: "So wirst du also
mein Sohn sein?" schlug der Junge die Augen nieder und sagte: "Ja, und
Ihr seid also mein Vater? Es freut mich, Euch endlich zu sehen!" Dann
schaute er neugierig empor und betrachtete gutmuetig den Alten; als
dieser aber ihm nun die Hand gab und die seinige mit einem
prahlerischen Druck schuettelte, um ihm seine grosse Kraft und Gewalt
anzukuenden, erwiderte der Sohn unverweilt diesen Druck, so dass die
Gewalt wie ein Blitz in den Arm des Alten zurueckstroemte und den
ganzen Mann gelinde erschuetterte. Als aber vollends der Junge nun mit
ruhigem Anstand den Alten zu seinem Stuhle zurueckfuehrte und ihn mit
freundlicher Bestimmtheit zu sitzen noetigte, da ward es dem
Zurueckgekehrten ganz wunderlich zumut, ein solch wohlgeratenes
Ebenbild vor sich zu sehen, das er selbst und doch wieder ganz ein
anderer war. Frau Regula sprach beinahe kein Wort und ergriff den
klugen Ausweg, den Mann auf seine Weise zu ehren, indem sie ihn
reichlich bewirtete und sich mit dem Vorweisen und Einschenken ihres
besten Weines zu schaffen machte. Dadurch wurde seine Verlegenheit,
als er so zwischen seiner Frau und seinem Sohne sass, etwas gemildert,
und das Loben des guten Weines gab ihm Veranlassung, die Vermutung
auszusprechen, dass es also mit ihnen gut stehen muesse, wie er zu
seiner Befriedigung ersehe, was denn den besten Uebergang gab zu der
Auseinandersetzung ihrer Verhaeltnisse. Frau und Sohn suchten nun
nicht aengstlich zurueckzuhalten und heimlich zu tun, sondern sie
legten ihm offen den Stand ihres Hauses und ihres Vermoegens dar;
Fritz holte die Buecher und Papiere herbei und wies ihm die Dinge mit
solchem Verstand und Klarheit nach, dass er erstaunt die Augen
aufsperrte ueber die gute Geschaeftsfuehrung und ueber die
Wohlhabenheit seiner Familie. Indessen reckte er sich empor und
sprach: "Da steht ihr ja herrlich im Zeuge und habt euch gut gehalten,
was mir lieb ist. Ich komme aber auch nicht mit leeren Haenden und
habe mir einen Pfennig erworben, durch Fleiss und Ruehrigkeit!" Und er
zog einige Wechselbriefe hervor, sowie einen mit Gold angefuellten
Gurt, was er alles auf den Tisch warf, und es waren allerdings einige
Tausend Gulden oder Taler. Allein er hatte sie nicht nach und nach
erworben und verschwieg weislich, dass er diese Habe auf einmal durch
irgendeinen Gluecksfall erwischt, nachdem er sich lange genug aermlich
herumgetrieben in allen nordamerikanischen Staaten. "Dies wollen wir",
sagte er, "nun sogleich in das Geschaeft stecken und mit vereinten
Kraeften weiter schaffen; denn ich habe eine ordentliche Lust, hier,
da es nun geht, wieder ans Zeug zu gehen und den Hunden etwas
vorzuspielen, die mich damals fortgetrieben." Sein Sohn schenkte ihm
aber ruhig ein anderes Glas Wein ein und sagte: "Vater, ich wollte
Euch raten, dass Ihr vorderhand Euch ausruhet und es Euch wohl sein
lasset. Eure Schulden sind laengst bezahlt und so koennet Ihr Euer
Geldchen gebrauchen, wie es Euch gutduenkt, und ohnedies soll es Euch
an nichts bei uns fehlen! Was aber das Geschaeft betrifft, so habe ich
selbiges von Jugend auf gelernt und weiss nun, woran es lag, dass es
Euch damals misslang. Ich muss aber freie Hand darin haben, wenn es
nicht abermals rueckwaerts gehen soll. Wenn es Euch Lust macht, hier
und da ein wenig mitzuhelfen und Euch die Sache anzusehen, so ist es
zu Eurem Zeitvertreib hinreichend, dass Ihr es tut. Wenn Ihr aber
nicht nur mein Vater, sondern sogar ein Engel vom Himmel waeret, so
wuerde ich Euch nicht zum foermlichen Anteilhaber annehmen, weil Ihr
das Werk nicht gelernt habt und, verzeiht mir meine Unhoeflichkeit,
nicht versteht!" Der Alte wurde durch diese Rede hoechst verstimmt und
verlegen, wusste aber nichts darauf zu erwidern, da sie mit grosser
Entschiedenheit gesprochen war und er sah, dass sein Sohn wusste, was
er wollte. Er packte seine Reichtuemer zusammen und ging aus, sich in
der Stadt umzusehen. Er trat in verschiedene Wirtshaeuser; allein er
fand da ein neues Geschlecht an der Tagesordnung und seine alten
Genossen waren laengst in die Dunkelheit verschwunden. Zudem hatte er
in Amerika doch etwas andere Manieren bekommen. Er hatte sich
gewoehnen muessen, sein Glaeschen stehend zu trinken, um unverweilt
dem Drange und der einsilbigen Jagd des Lebens wieder nachzugehen; er
hatte ein tuechtiges rastloses Arbeiten wenigstens mit angesehen und
sich unter den Amerikanern ein wenig abgerieben, so dass ihm diese
ewige Sitzerei und Schwaetzerei nun selbst nicht mehr zusagte. Er
fuehlte, dass er in seinem wohlbestellten Hause doch besser aufgehoben
waere, als in diesen Wirtshaeusern, und kehrte unwillkuerlich dahin
zurueck, ohne zu wissen, ob er dort bleiben oder wieder fortgehen
solle? So ging er in die Stube, die man ihm eingeraeumt; dort warf der
alternde Mann seine Barschaft unmutig in einen Winkel, setzte sich
rittlings auf einen Stuhl, senkte den grossen betruebten Kopf auf die
Lehne und fing ganz bitterlich an zu weinen. Da trat seine Frau
herein, sah, dass er sich elend fuehlte, und musste sein Elend achten.
Sowie sie aber wieder etwas an ihm achten konnte, kehrte ihre Liebe
augenblicklich zurueck. Sie sprach nicht mit ihm, blieb aber den
uebrigen Teil des Tages in der Kammer, ordnete erst dies und jenes zu
seiner Bequemlichkeit und setzte sich endlich mit ihrem Strickzeug
schweigend ans Fenster, indem sich erst nach und nach ein Gespraech
zwischen den lange getrennten Eheleuten entwickelte. Was sie
gesprochen, waere schwer zu schildern, aber es ward beiden wohler
zumut, und der alte Herr liess sich von da an von seinem wohlerzogenen
Sohne nachtraeglich noch ein bisschen erziehen und leiten ohne
Widerrede und ohne dass der Sohn sich eine Unkindlichkeit zuschulden
kommen liess. Aber der seltsame Kursus dauerte nicht einmal sehr
lange, und der Alte ward doch noch ein gelassener und zuverlaessiger
Teilnehmer an der Arbeit, mit manchen Ruhepunkten und kleinen
Abschweifungen, aber ohne dem bluehenden Hausstande Nachteile oder
Unehre zu bringen. Sie lebten alle zufrieden und wohlbeguetert und das
Glueck der Frau Regula Amrain wucherte so kraeftig in diesem Hause,
dass auch die zahlreichen Kinder des Fritz vor dem Untergang gesichert
blieben. Sie selbst streckte sich, als sie starb, im Tode noch stolz
aus, und noch nie ward ein so langer Frauensarg in die Kirche getragen
und der eine so edle Leiche barg zu Seldwyla.

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