Die Leute von Seldwyla, Vol. 1
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Gottfried Keller >> Die Leute von Seldwyla, Vol. 1
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"Warum denn?" sagte Fritz erstaunt und wieder kleinlaut. "Wie werde
ich," erwiderte sie, "ein Kleid ferner tragen, in welchem mein Sohn
unter liederlichen Weibern gesessen hat, selber einem gleichsehend?"
Und sie brach in Traenen aus und hiess ihn zu Bette gehen. "Hoho",
sagte er, als er ging, "das wird denn doch nicht so gefaehrlich sein."
Er konnte aber nicht einschlafen, da sein Kopf sowohl von der
unterbrochenen Lustbarkeit als auch von den Worten der Mutter
aufgeregt war; es gab also Musse, ueber die Sache nachzudenken, und er
fand, dass die Mutter einigermassen recht habe, aber er fand dies nur
insofern, als er selbst die Leute verachtete, mit denen er sich eben
vergnuegt hatte. Auch fuehlte er sich durch diese Auslegung eher
geschmeichelt in seinem Stolze, und erst, als die Mutter am Morgen und
die folgenden Tage ernst und traurig blieb, kam er dem Grunde der
Sache naeher. Es wurde kein Wort mehr darueber gesprochen; aber Fritz
war fuer einmal gerettet, denn er schaemte sich vor seiner Mutter
mehr, als vor der ganzen uebrigen Welt.
Waehrend einiger Monate fand sie keine Ursache, neue Besorgnisse zu
hegen, bis eines Tages, als ein bluehendes junges Landmaedchen sich
einfand, um den Dienst bei ihr nachzusuchen, Fritz dasselbe unverwandt
betrachtete und endlich auf es zutrat und, alles andere vergessend,
ihm die Wangen streichelte. Er erschrak sogleich selbst darueber und
ging hinaus; die Mutter erschrak auch und das Maedchen wurde rot und
zornig und wandte sich, ohne weitern Aufenthalt zu gehen. Als Frau
Amrain dies sah, hielt sie es zurueck und nahm es mit einiger
UEberredung in ihren Dienst. Nun muss es biegen oder brechen, dachte
sie und fuehlte gleichzeitig, dass auf dem bisherigen, bloss
verneinenden Wege dies Blut sich nicht laenger meistern liess. Sie
naeherte sich deshalb noch am selben Tage ihrem Sohne, als er mit
seinem Vesperbrote sich unter eine schattige Rebenlaube gesetzt hatte
hinter dem Hause, von wo man zum Teil hinaus in die Ferne sah nach
blauen Hoehenstrichen, wo andere Leute wohnten. Sie legte ihren Arm um
seine Schultern, sah ihm freundlich in die Augen und sagte: "Lieber
Fritz! Sei mir jetzt nur noch zwei oder drei Jaehrchen brav und
gehorsam, und ich will dir das schoenste und beste Frauchen
verschaffen aus meinem Ort, dass du dir was darauf einbilden kannst!"
Fritz schlug erroetend die Augen nieder, wurde ganz verlegen und
erwiderte muerrisch: "Wer sagt denn, dass ich eine Frau haben wolle?"
"Du sollst aber eine haben!" versetzte sie, "und wie ich sage, eine
von guter und schoener Art; aber nur, wenn du sie verdienst; denn ich
werde mich hueten, eine rechtschaffene Tochter hierher ins Elend zu
bringen!" Damit kuesste sie ihren Sohn, wie sie seit undenklicher Zeit
nicht getan, und ging ins Haus zurueck.
Es ward ihm aber auf einmal ganz seltsam zumute und von Stund an waren
seine Gedanken auf eine solche gute und schoene Frau gerichtet, und
diese Gedanken schmeichelten ihm so sehr und beschaeftigten ihn so
anhaltend, dass er darueber keine Frauensperson in Seldwyla mehr
ansah. Die Zaertlichkeit, mit welcher die Mutter ihm solche Ideen
beigebracht, gab seinen Wuenschen eine innigere und edlere Richtung,
und er fuehlte sich wohlgeborgen, da man es so gut mit ihm meine. Er
wartete aber die zwei Jahre und die Anstalten seiner Mutter nicht ab,
sondern fing schon in der naechsten Zeit an, an schoenen Sonntagen ins
Land hinaus zu gehen und insbesondere in der Heimat der Mutter
herumzukreuzen. Er war bis jetzt kaum einmal dort gewesen und wurde
von den Verwandten und Freunden seiner Mutter um so freundlicher
aufgenommen, als sie grosses Wohlgefallen an dem huebschen Juengling
fanden und er zudem eine Art Merkwuerdigkeit war als ein
wohlgeratener, fester und nicht prahlerischer Seldwyler. Er machte
sich ordentlich heimisch in jenen Gegenden, was seine Mutter wohl
merkte und geschehen liess, aber sie ahnte nicht, dass er, ehe sie es
vermutete, schon in bester Form einen Schatz hatte, der ihm allen von
der Mutter ihm gemachten Vorspiegelungen vollkommen zu entsprechen
schien. Als sie davon erfuhr, machte sie sich dahinter her, voll
Besorgnis, wer es sein moechte, und fand zu ihrer frohen Verwunderung,
dass er nun gaenzlich auf einem guten Wege sei; denn sie musste den
Geschmack und das Urteil des Sohnes nur loben und ebenso dessen
ungetruebte Treue und Froehlichkeit, mit welcher er dem erwaehlten
Maedchen anhing, so dass sie sich aller weitern Zucht und aller Listen
endlich enthoben sah.
Diese Klippe war unterdessen kaum gluecklich umschifft, als sich eine
andere zeigte, welche noch gefaehrlicher zu werden drohte, und der
Frau Regula abermals Gelegenheit gab, ihre Klugheit zu erproben. Denn
die Zeit war nun da, wo Fritz, der Sohn, anfing zu politisieren und
damit mehr als durch alles andere in die Gemeinschaft seiner
Mitbuerger gezogen wurde. Er war ein liberaler Gesell, wegen seiner
Jugend, seines Verstandes, seines ruhigen Gewissens in Hinsicht seiner
persoenlichen Pflichterfuellung und aus anererbtem Mutterwitz.
Obgleich man nach gewoehnlicher oberflaechlicher Anschauungsweise etwa
haette meinen koennen, Frau Amrain waere aristokratischer Gesinnung
gewesen, weil sie die meisten Leute verachten musste, unter denen sie
lebte, so war dem doch nicht also; denn hoeher und feiner als die
Verachtung ist die Achtung vor der Welt im ganzen. Wer freisinnig ist,
traut sich und der Welt etwas Gutes zu und weiss mannhaft von nichts
anderem, als dass man hierfuer einzustehen vermoege, waehrend der
Unfreisinn oder der Konservatismus auf Zaghaftigkeit und
Beschraenktheit gegruendet ist. Diese lassen sich aber schwer mit
wahrer Maennlichkeit vereinigen. Vor tausend Jahren begann die Zeit,
da nur derjenige fuer einen vollkommenen Helden und Rittersmann galt,
der zugleich ein frommer Christ war; denn im Christentum lag damals
die Menschlichkeit und Aufklaerung. Heute kann man sagen: sei einer so
tapfer und resolut, als er wolle, wenn er nicht vermag freisinnig zu
sein, so ist er kein ganzer Mann. Und die Frau Regula hatte, nachdem
sie sich einmal an ihrem Eheherrn so getaeuscht, zu strenge Regeln in
ihrem Geschmack betreffs der Mannestugend angenommen, als dass sie
eine feste und sichere Freisinnigkeit daran vermissen wollte.
UEbrigens, als ihr Mann um sie geworben, hatte er in allem Flor eines
jugendlichen Radikalismus geglaenzt, welchen er freilich mehr in der
Weise handhabte, wie ein Lehrling die erste silberne Sackuhr.
Abgesehen von diesen Geschmacksgruenden aber war sie aus einem Orte
gebuertig, wo seit unvordenklichen Zeiten jedermann freisinnig gewesen
und der im Laufe der Zeit bei jeder Gelegenheit sich als ein
entschlossenes, tatkraeftiges und sich gleichbleibendes Buergernest
hervorgetan, so dass, wenn es hiess: die von So und So haben dies
gesagt oder jenes getan! sie gleich einen ganzen Landstrich mitnahmen
und einen kraeftigen Anstoss gaben. Wenn also Frau Amrain in den Fall
kam, ihre Meinung ueber einen Streit festzustellen, so hoerte sie
nicht auf das, was die Seldwyler, sondern auf das, was die Leute ihrer
Jugendheimat sagten, und richtete ihre Gedanken dorthin.
Alles das waren Gruende genug fuer Fritz, ein guter Liberaler zu sein,
ohne absonderliche Studien gemacht zu haben. Was nun die naechste
Gefahr anbelangt, welche da, wo das Wort und die rechtlichen
Handlungen frei sind und die Leute sich das Wetter selbst machen, fuer
einen politisch Aufgeregten entsteht, naemlich die Gefahr, ein
Muessiggaenger und Schenkelaeufer zu werden, so war dieselbe zu
Seldwyla allerdings noch groesser, als an anderen Schweizerorten,
welche mit der ganzen Alten Welt noch an der gemuetlichen
ostlaendischen Weise festhalten, das Wichtigste in breiter
halbtraeumender Ruhe an den Quellen des Getraenkes oder bei
irgendeinem Genusse zu verhandeln und immer wieder zu verhandeln. Und
doch sollte das nicht so sein; denn ein gutes Glas in froehlicher Ruhe
zu trinken, ist ein Zweck, ein Lohn oder eine Frucht, und, wenn man
das in einem tiefern Sinne nimmt, das Ausueben politischer Rechte
bloss ein Mittel, dazu zu gelangen. Indessen war fuer Fritz diese
Gefahr nicht betraechtlich, weil er schon zu sehr an Ordnung und
Arbeit gewoehnt war und es ihn gerade zu Seldwyla nicht reizte, den
anderen nachzufahren. Groesser war schon die Gefahr fuer ihn, ein
Schwaetzer und Prahler zu werden, der immer das gleiche sagt und sich
selbst gern reden hoert; denn in solcher Jugend verfuehrt nichts so
leicht dazu, als das lebendige Empfinden von Grundsaetzen und
Meinungen, welche man zur Schau stellen darf ohne Rueckhalt, da sie
gemeinnuetzig sind und das Wohl aller betreffen.
Als er aber wirklich begann, Tag und Nacht von Politik zu sprechen,
ein und dieselbe Sache ewig herumzerrte und jene kindische Manier
annahm, durch blindes Behaupten sich selbst zu betaeuben und zu tun,
als ob es wirklich so gehen muesse, wie man wuenscht und behauptet, da
sagte seine Mutter ein einzigesmal, als er eben im schoensten Eifer
war, ganz unerwartet: "Was ist denn das fuer ein ewiges Schwatzen und
Kannegiessern? Ich mag das nicht hoeren! Wenn du es nicht lassen
kannst, so geh auf die Gasse oder ins Wirtshaus, hier in der Stube
will ich den Laerm nicht haben!"
Dies war ein Wort zur rechten Zeit gesprochen; Fritz blieb in seiner
also durchschnittenen Rede ganz verbluefft stecken und wusste gar
nichts zu sagen. Er ging hinaus, und indem er ueber dies wunderliche
Ereignis nachgruebelte, fing er an sich zu schaemen, so dass er erst
eine gute halbe Stunde nachher rot wurde bis hinter die Ohren, von
Stund an geheilt war und seine Politik mit weniger Worten und mehr
Gedanken abzumachen sich gewoehnte. So gut traf ihn der einmalige
Vorwurf aus Frauenmund, ein Schwaetzer und Kannegiesser zu sein.
Um so groesser erwies sich nun die dritte, entgegengesetzte Gefahr, an
uebel gewendeter Tatkraft zu verderben. So wetterwendisch naemlich
sonst die Seldwyler in ihren politischen Stimmungen waren, so
beharrlich blieben sie in der Teilnahme an allem Freischaren- und
Zuzuegerwesen, und wenn irgendwo in der Nachbarschaft es galt,
gewaltsam ein widerstehendes Regiment zu sprengen, eine schwache
Mehrheit einzuschuechtern oder einer trotzigen ungefuegigen Minderheit
bewaffnet beizuspringen, so zog jedesmal, mochte nun die herrschende
Stimmung sein, welche sie wollte, von Seldwyla ein Trupp bewaffneter
Leute aus, nach dem aufgeregten Punkte hin, bald bei Nacht und Nebel
auf Seitenwegen, bald am hellen Tage auf offener Landstrasse, je
nachdem ihnen die Luft sicher schien. Denn nichts duenkte sie so
ergoetzlich, als bei schoenem Wetter einige Tage im Lande
herumzustreichen, so sechzig oder siebenzig, wohlbewaffnet mit feinen
Zielgewehren, versehen mit gewichtigen drohenden Bleikugeln und
silbernen Talern, mittelst letzterer sich in den besetzten
Wirtshaeusern guetlich zu tun und mit tuechtigem Hallo, das Glas in
der Hand, auf andere Zuzuege zu stossen, denen es ebenfalls mehr oder
minder Ernst war. Da nun das Gesetzliche und das Leidenschaftliche,
das Vertragsmaessige und das urspruenglich Naturwuechsige, der Bestand
und das Revolutionaere zusammen erst das Leben ausmachen und es
vorwaerts bringen, so war hiergegen nichts zu sagen, als: seht euch
vor, was ihr ausrichtet! Nun aber erfuhren die Seldwyler den eigenen
Unstern, dass sie bei ihren Auszuegen immerdar entweder zu frueh oder
zu spaet und am unrechten Orte eintrafen und gar nicht zum Schusse
kamen, wenn sie nicht auf dem Heimwege, der dann nach mannigfachem
Hin- und Herreden und genugsamem Trinken eingeschlagen wurde, zum
Vergnuegen wenigstens einige Patronen in die Luft schossen. Doch dies
genuegte ihnen, sie waren gewissermassen dabei gewesen und es hiess im
Lande, die Seldwyler seien auch ausgerueckt in schoener Haltung,
lauter Maenner mit gezogenen Buechsen und goldenen Uhren in der
Tasche.
Als es das erstemal begegnete, dass Fritz Amrain von einem solchen
Ausruecken hoerte und zugleich seines Alters halber faehig war
mitzugehen, lief er, da es soweit eine gute Sache betraf, sogleich
nach Hause, denn es war eben die hoechste Zeit und der Trupp im
Begriff aufzubrechen. Zu Hause zog er seine besten Kleider an, steckte
genugsam Geld zu sich, hing seine Patronentasche um und ergriff sein
wohl instand gehaltenes Infanteriegewehr, denn da er bereits ein
ordentlicher und handfester junger Fluegelmann war, dachte er nicht
daran, mit einer kostbaren Schuetzenwaffe zu prahlen, die er nicht zu
handhaben verstand, sondern aufrichtig und emsig sein leichtes Gewehr
zu laden und loszubrennen, sobald er irgend vor den Mann kommen
wuerde; und er sah sehnsuechtig im Geiste schon nichts anderes mehr,
als den letzten Huegel, die letzte Strassenecke, um welche
herumbiegend man den verhassten Gegner erblicken und es losgehen
wuerde mit Puffen und Knallen.
Er nahm nicht das geringste Gepaeck mit und verabschiedete sich kaum
bei der Mutter, die ihm aufgebracht und mit klopfendem Herzen, aber
schweigend zusah. "Adieu!" sagte er, "morgen oder uebermorgen frueh
spaetestens sind wir wieder hier!" und ging weg, ohne ihr nur die Hand
zu geben, als ob er nur in den Steinbruch hinausginge, um die Arbeiter
anzutreiben. So liess sie ihn auch gehen ohne Einwendung, da es ihr
widerstand, den huebschen jungen Burschen von solcher ersten
Mutesaeusserung abzuhalten, ehe die Zeit und die Erfahrung ihn selber
belehrt. Vielmehr sah sie ihm durch das Fenster wohlgefaellig nach,
als er so leicht und froh dahinschritt. Doch ging sie nicht einmal
ganz an das Fenster, sondern blieb in der Mitte der Stube stehen und
schaute von da aus hin. Uebrigens war sie selbst mutigen Charakters
und hegte nicht sonderliche Sorgen, zumal sie wohl wusste, wie diese
Auszuege von Seldwyla abzulaufen pflegten.
Fritz kam denn auch richtig schon am anderen Morgen ganz in der Fruehe
wieder an und stahl sich ziemlich verschaemt in das Haus. Er war
ermuedet, ueberwacht, von vielem Weintrinken abgespannt und schlechter
Laune und hatte nicht das mindeste erlebt oder ausgerichtet, ausser
dass er seinen feinen Rock verdorben durch das Herumlungern und sein
Geldbeutel geleert war.
Als seine Mutter dies bemerkte und als sie ueberdies sah, dass er
nicht wie die anderen, die inzwischen auch gruppenweise
zurueckgeschlendert kamen, nur die Kleider wechselte, neues Geld zu
sich steckte und nach dem Wirtshause eilte, um da den misslungenen
Feldzug auseinanderzusetzen und sich nach den ermuedenden Nichttaten
zu staerken, sondern dass er eine Stunde lang schlief und dann
schweigend an seine Geschaefte ging, da ward sie in ihrem Herzen froh
und dachte, dieser merke von selber, was die Glocke geschlagen.
Indessen dauerte es kaum ein halbes Jahr, als sich eine neue
Gelegenheit zeigte, auszuziehen nach einer anderen Seite hin, und die
Seldwyler auch wirklich wieder auszogen. Eine benachbarte Regierung
sollte gestuerzt werden, welche sich auf eine ganz kleine Mehrheit
eines andaechtigen gutkatholischen Landvolkes stuetzte. Da aber dies
Landvolk seine andaechtige Gesinnung und politische Meinung ebenso
handlich, munter und leidenschaftlich betrieb und bei den
Wahlvorgaengen ebenso geschlossen und pruegelfertig zusammenhielt, wie
die aufgeklaerten Gegner, so empfanden diese einen heftigen und
ungeduldigen Verdruss, und es wurde beschlossen, jenen vernagelten
Dummkoepfen durch einen mutigen Handstreich zu zeigen, wer Meister im
Lande sei, und zahlreiche Parteigenossen umliegender Kantone hatten
ihren Zuzug zugesagt, als ob ein Hering zu einem Lachs wuerde, wenn
man ihm den Kopf abbeisst und sagt: dies soll ein Lachs sein! Aber in
Zeiten des Umschwunges, wenn ein neuer Geist umgeht, hat die alte
Schale des gewohnten Rechtes keinen Wert mehr, da der Kern heraus ist,
und ein neues Rechtsbewusstsein muss erst erlernt und angewoehnt
werden, damit "rechtlich am laengsten waere", das heisst, solange der
neue Geist lebt und waehrt, bis er wiederum veraltet ist und das
Auslegen und Zanken um die Schale des Rechtes von neuem angeht. Als
gewohnterweise wieder einige Dutzend Seldwyler beisammen waren, um als
ein tapferes Haeuflein auszuruecken und der verhassten
Nachbarregierung vom Amte zu helfen, war Frau Regel Amrain guter
Laune, indem sie dachte, diese bewaffneten Kannegiesser waeren diesmal
recht angefuehrt, wenn sie glaubten, dass ihr Sohn mitginge; denn nach
ihren bisherigen Erfahrungen, laut welchen das wackere Blut stets
durch eine einmalige Lehre sich gebessert, musste es ihm jetzt nicht
einfallen mitzugehen. Aber siehe da! Fritz erschien unversehens; als
sie ihn bei seinen Geschaeften glaubte, im Hause, buerstete seine
starken Werkeltagskleider wohl aus und steckte die Buerste nebst
anderen Ausruestungsgegenstaenden und einige Waesche in eine
Reisetasche, welche er umhing, kreuzweise mit der wohlgefuellten
Patrontasche; dann ergriff er abermals sein Gewehr und senkte es zum
Gehen, nachdem er mit dem Daumen einige Male den Hahn hin und her
gezogen, um die Federkraft des Schlosses zu erproben.
"Diesmal", sagte er, "wollen wir die Sache anders angreifen, adieu!"
und so zog er ab, ungehindert von der Mutter, welcher es abermals
unmoeglich war, ihn von seinem Tun abzuhalten, da sie Wohl sah, dass
es ihm Ernst war. Um so besorgter war sie jetzt ploetzlich und sie
erbleichte einen Augenblick lang, waehrend sie abermals mit
Wohlgefallen seine Entschlossenheit bemerkte. Die Seldwyler Schar
kehrte am naechsten Tage ganz in der alten Weise zurueck, ohne noch zu
wissen, wie es auf dem Kampfplatze ergangen; denn da sie die Grenze
ein bisschen ueberschritten hatten, fanden sie das dasige Laendchen
sehr aufgeregt und die Bauern darueber erbost, dass man solchergestalt
auf ihrem Territorium erscheine, wie zu den Zeiten des Faustrechtes.
Sie stellten jedoch kein Hindernis entgegen, sondern standen nur an
den Wegen mit spoettischen Gesichtern, welche zu sagen schienen, dass
sie die Eindringlinge einstweilen vorwaerts spazieren lassen, aber auf
dem Rueckwege dann naeher ansehen wollten. Dies kam den Seldwylern gar
nicht geheuer vor und sie beschlossen deshalb, das versprochene
Eintreffen anderer Zuzuege abzuwarten, ehe sie weiter gingen. Als
diese aber nicht kamen und ein Geruecht sich verbreitete, der Putsch
sei schon vorueber und guenstig abgelaufen, machten sie sich endlich
wieder auf den Rueckweg mit Ausnahme des Fritz Amrain, welcher
seelenallein und trotzig verwegen sich von ihnen trennte und mitten
durch das gegnerische Gebiet wegmarschierte auf dessen Hauptstadt zu.
Denn er hatte, indem er seine Gefaehrten zechen und schwatzen liess,
sich erkundigt und vernommen, dass ein Haeuflein Bursche aus dem
Geburtsorte seiner Mutter einige Stunden von da eintreffen wuerde, und
zu diesen gedachte er zu stossen. Er erreichte sie auch ohne
Gefaehrde, weil er rasch und unbekuemmert seinen Weg ging, und drang
mit ihnen ungesaeumt vorwaerts. Allein die Sache schlug fehl, jene
schwankhafte Regierung behauptete sich fuer diesmal wieder durch
einige guenstige Zufaelle, und sobald diese sich deutlich entwickelt,
tat sich das Landvolk zusammen, stroemte der Hauptstadt zu in die
Wette mit den Freizuegern und versperrte diesen die Wege, so dass
Fritz und seine Genossen, noch ehe sie die Stadt erreichten, zwischen
zwei grossen Haufen bewaffneter Bauern gerieten, und, da sie sich
mannlich durchzuschlagen gedachten, ein Gefecht sich unverweilt
entspann. So sah sich denn Fritz angesichts fremder Dorfschaften und
Kirchtuerme ladend, schiessend und wieder ladend, indessen die Glocken
stuermten und heulten ueber den verwegenen Einbruch und den Verdruss
des beleidigten Bodens auszuklagen schienen. Wo sich die kleine Schar
hinwandte, wichen die Landleute mit grossem Laerm etwas zurueck; denn
ihre junge Mannschaft war im Soldatenrock schon nach der Stadt gezogen
worden, und was sich hier den Angreifern entgegenstellte, bestand mehr
aus alten und ganz jungen unerwachsenen Leuten, von Priestern,
Kuestern und selbst Weibern angefeuert. Aber sie zogen sich dennoch
immer dichter zusammen, und nachdem erst einige unter ihnen verwundet
waren, stellte gerade dieser dunkle Saum erschreckter alter Menschen,
Weiber und Priester, die sich zusammen den Landsturm nannten, das
aufgebrachte und beleidigte Gebiet vor und die Glocken schrien den
Zorn ueber alles Getoese hinweg weit in das Land hinaus. Aber der
drohende Saum zog sich immer enger und enger um die fechtenden
Parteigaenger, einige entschlossene und erfahrene Alte gingen voran,
und es dauerte nicht mehr lange, so waren die Freischaerler gefangen.
Sie ergaben sich ohne weiteres, als sie sahen, dass sie alles gegen
sich hatten, was hier wohnte. Wenn man im offenen Kriege vom
Reichsfeind gefangen wird, so ist das ein Unstern wie ein anderer und
kraenkt den Mann nicht tiefer; aber von seinen Mitbuergern als ein
gewalttaetiger politischer Widersacher gefangen zu werden, ist so
demuetigend und kraenkend, als irgend etwas auf Erden sein kann. Kaum
waren sie entwaffnet und von dem Volke umringt, als alle moeglichen
Ehrentitel auf sie niederregneten: Landfriedenbrecher, Freischaerler,
Raeuber, Buben waren noch die mildesten Ausrufe, die sie zu hoeren
bekamen. Zudem wurden sie von vorn und hinten betrachtet wie wilde
Tiere, und je solider sie in ihrer Tracht und Haltung aussahen, desto
erboster schienen die Bauern darueber zu werden, dass solche Leute
solche Streiche machten.
So hatten sie nun nichts weiter zu tun, als zu stehen oder zu gehen,
wo und wie man ihnen befahl, hierhin, dorthin, wie es dem
vielkoepfigen Souveraen beliebte, welchem sie sein Recht hatten nehmen
wollen. Und er uebte es jetzt in reichlichem Masse aus und es fehlte
nicht an Knueffen und Pueffen, wenn die Herren Gefangenen sich trotzig
zeigten oder nicht gehorchen wollten. Jeder schrie ihnen eine gute
Lehre zu: "Waeret ihr zu Hause geblieben, so brauchtet ihr uns nicht
zu gehorchen! Wer hat euch hergerufen? Da ihr uns regieren wolltet, so
wollen wir nun euch auch regieren, ihr Spitzbuben! Was bezieht ihr
fuer Gehalt fuer euer Geschaeft, was fuer Sold fuer euer Kriegswesen?
Wo habt ihr eure Kriegskasse und wo euren General? Pflegt ihr oft
auszuziehen ohne Trompeter, so in der Stille? Oder habt ihr den
Trompeter heimgeschickt, um euren Sieg zu verkuenden? Glaubtet ihr,
die Luft in unserm Gebiet sei schlechter als eure, da ihr kamet, sie
mit Bleikugeln zu peitschen? Habt ihr schon gefruehstueckt, ihr
Herren? Oder wollt ihr ins Gras beissen? Verdienen wuerdet ihr es
wohl! Habt ihr geglaubt, wir haetten hier keinen ordentlichen Staat,
wir stellten gar nichts vor in unserem Laendchen, dass ihr da
rottenweise herumstreicht ohne Erlaubnis? Wolltet ihr Fuechse fangen
oder Kaninchen? Schoene Bundesgenossen, die uns mit dem Schiesspruegel
in der Hand unser gutes Recht stellen wollen! Ihr koennt euch bei
denen bedanken, die euch hergerufen; denn man wird euch eine schoene
Mahlzeit anrichten! Ihr duerfet einstweilen unsere Zuchthauskost
versuchen; es ist eine ganz entschiedene Majoritaet von gesunden
Erbsen, gewuerzt mit dem Salze eines handlichen Strafgesetzes gegen
Hochverrat, und wenn ihr Jahr und Tag gesessen habt, so wird man euch
erlauben, zur Feier eures glorreichen Einzuges auch eine kleine
Minoritaet von Speck zu ueberwaeltigen, aber beisst euch alsdann die
Zaehne nicht daran aus! Es geht allerdings nichts ueber einen gesunden
Spaziergang und ist zutraeglich fuer die Gesundheit, insbesondere wenn
man keine regelmaessige Arbeit und Bewegung zu haben scheint; aber man
muss sich doch immer in acht nehmen, wo man spazieren geht, und es ist
unhoeflich, mit dem Hut auf dem Kopfe in eine Kirche und mit dem
Gewehr in der Hand in ein friedfertiges Staatswesen hereinzuspazieren!
Oder habt ihr geglaubt, wir stellen keinen Staat vor, weil wir noch
Religion haben und unsere Pfaffen zu ehren belieben? Dieses gefaellt
uns einmal so, und wir wohnen gerade so lang im Lande, als ihr, ihr
Maulaffen, die ihr nun dasteht und euch nicht zu helfen wisst!"
So toente es unaufhoerlich um sie her, und die Beredsamkeit der Sieger
war um so unerschoepflicher, als sie das gleiche, dessen sie ihre
Gegner nun anklagten, entweder selbst schon getan oder es jeden
Augenblick zu tun bereit waren, wenn die Umstaende und die
persoenliche Ruestigkeit es erlaubten, gleich wie ein Dieb die
beredteste Entruestung verlauten laesst, wenn ein Kleinod, das er
selbst gestohlen, ihm abermals entfremdet wird. Denn der Mensch traegt
die unbefangene Schamlosigkeit des Tieres geradeswegs in das
moralische Gebiet hinueber und gebaerdet sich da im guten Glauben an
das nuetzliche Recht seiner Willkuer so naiv, wie die Huendlein auf
den Gassen. Die gefangenen Freischaerler mussten indessen alles ueber
sich ergehen lassen und waren nur bedacht, durch keinerlei
Herausforderung eine koerperliche Misshandlung zu veranlassen. Dies
war das einzige, was sie tun konnten und die Aelteren und Erfahreneren
unter ihnen ertrugen das Uebel mit moeglichstem Humor, da sie
voraussahen, dass die Sache nicht so gefaehrlich abliefe, als es
schien. Der eine oder andere merkte sich ein schimpfendes Baeuerlein,
das in seinem Laden etwa eine Sense oder ein Mass Kleesamen gekauft
und schuldig geblieben war, und gedachte, demselben seinerzeit seine
beissenden Anmerkungen mit Zinsen zurueckzugeben, und wenn ein solches
Baeuerlein solchen Blick bemerkte und den Absender erkannte, so hoerte
es darum nicht ploetzlich auf zu schelten, aber richtete unvermerkt
seine Augen und seine Worte anderswohin in den Haufen und verzog sich
allmaehlich hinter die Front; so gemuetlich und seltsam spielen die
Menschlichkeiten durcheinander. Fritz Amrain aber war im hoechsten
Grade niedergeschlagen und trostlos. Zwei oder drei seiner Gefaehrten
waren gefallen und lagen noch da, andere waren verwundet und er sah
den Boden um sich her mit Blut gefaerbt; sein Gewehr und seine Taschen
waren ihm abgenommen, ringsum erblickte er drohende Gesichter, und so
war er ploetzlich aus seiner bedachtlosen und fieberhaften Aufregung
erwacht, der Sonnenschein des lustigen Kampftages war verwischt und
verdunkelt, das lustige Knallen der Schuesse und die angenehme Musik
des kurzen Gefechtslaermens verklungen, und als nun gar endlich die
Behoerden oder Landesautoritaeten sich hervortaten aus dem Wirrsal und
eine trockene geschaeftliche Einteilung und Abfuehrung der Gefangenen
begann, war es ihm zumute wie einem Schulknaben, welcher aus einer
mutwilligen Herrlichkeit, die ihm fuer die Ewigkeit gegruendet und
hoechst rechtmaessig schien, unversehens von dem haesslichsten
Schulmeister aufgeruettelt und beigesteckt wird, und der nun in seinem
Gram alles verloren und das Ende der Welt herbeigekommen waehnt. Er
schaemte sich, ohne zu wissen vor wem, er verachtete seine Feinde und
war doch in ihrer Hand. Er war begeistert gewesen, gegen sie
auszuziehen, und doch waren sie jetzt in jeder Hinsicht in ihrem
Rechte; denn selbst ihre Beschraenktheit oder ihre Dummheit war ihr
gutes rechtliches Eigentum und es gab kein Mandat dagegen, als
dasjenige des Erfolges, der nun leider ausgeblieben war. Die
leidenschaftlich erbosten Gesichter aller dieser bejahrten und
gefurchten Landleute, welche auf ihren gefundenen Sieg trotzten,
traten ihm in seiner helldunklen Trostlosigkeit mit einer seltsamen
Deutlichkeit vor die Augen; ueberall, wo er durchgefuehrt wurde, gab
es neue Gesichter, die er nie gesehen, die er nicht einzeln und nicht
mit Willen ansah, und die sich ihm dennoch scharf und trefflich
beleuchtet einpraegten als ebenso viele Vorwuerfe, Beleidigungen und
Strafgerichte. Je naeher der Zug der Gefangenen der Stadt kam, desto
lebendiger wurde es; die Stadt selbst war mit Soldaten und bewaffneten
Landleuten angefuellt, welche sich um die neu befestigte Regierung
scharten, und die Gefangenen wurden im Triumphe durchgefuehrt. Von der
Opposition, welche gestern noch so maechtig gewesen, dass sie um die
Herrschaft ringen konnte, und sich bewegte, wie es ihr gefiel, war
nicht die leiseste Spur mehr zu erblicken; es war eine ganz andere
grobe und widerstehende Welt, als sich Fritz gedacht hatte, welche
sich fuer unzweifelhaft und aufs beste begruendet ausgab und nur
verwundert schien, wie man sie irgend habe in Frage stellen und
angreifen koennen. Denn jeder tanzt, wenn seine Geige gestrichen wird,
und wenn viele Menschen zusammen sich was einbilden, so blaehet sich
eine Unendlichkeit in dieser Einbildung. Endlich aber waren die
Gefangenen in Tuermen und andern Baulichkeiten untergebracht, alle
schon bewohnt von aehnlichen Unternehmungslustigen, und so befand sich
auch Fritz hinter Schloss und Riegel und war es erklaerlich, dass er
nicht mit den Seldwylern zurueckgekehrt war. Diese raechten sich fuer
ihren misslungenen Zug dadurch, dass sie den sieghaften Gegnern auf
der Stelle die abscheulichste und ruecksichtsloseste Rachsucht
zuschrieben und dass jeder, der entkommen war, es als fuer gewiss
annahm, die Gefangenen wuerden erschossen werden. Es gab Leute, die
sonst nicht ganz unklug waren, welche allen Ernstes glaubten und
wieder sagten, dass die fanatisierten Bauern gefangene Freischaerler
zwischen zwei Bretter gebunden und entzweigesaegt oder auch etliche
derselben gekreuzigt haetten.
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