Die Leute von Seldwyla, Vol. 1
G >>
Gottfried Keller >> Die Leute von Seldwyla, Vol. 1
Pages:
1 |
2 |
3 |
4 |
5 |
6 |
7 |
8 |
9 |
10 |
11 | 12 |
13 |
14 |
15 |
16 |
17 |
18 |
19 |
20 |
21
Seine Mutter aber hielt ihr Wort und erzog ihn so, dass er ein braver
Mann wurde in Seldwyl und zu den wenigen gehoerte, die aufrecht
blieben, solange sie lebten. Wie sie dies eigentlich anfing und
bewirkte, waere schwer zu sagen; denn sie erzog eigentlich so wenig
als moeglich und das Werk bestand fast lediglich darin, dass das junge
Baeumchen, so vom gleichen Holze mit ihr war, eben in ihrer Naehe
wuchs und sich nach ihr richtete. Tuechtige und wohlgeartete Leute
haben immer weit weniger Muehe, ihre Kinder ordentlich zu ziehen, wie
es hinwieder einem Toelpel, der selbst nicht lesen kann, schwer
faellt, ein Kind lesen zu lehren. Im ganzen lief ihre Erziehungskunst
darauf hinaus, dass sie das Soehnchen ohne Empfindsamkeit merken
liess, wie sehr sie es liebte, und dadurch dessen Beduerfnis, ihr
immer zu gefallen, erweckte und so erreichte, dass es bei jeder
Gelegenheit an sie dachte. Ohne dessen freie Bewegungen einzeln zu
hindern, hatte sie den Kleinen viel um sich, so dass er ihre Manieren
und ihre Denkungsart annahm und bald von selbst nichts tat, was nicht
im Geschmack der Mutter lag. Sie hielt ihn stets einfach, aber gut und
mit einem gewissen gewaehlten Geschmack in der Kleidung: dadurch
fuehlte er sich sicher, bequem und zufrieden in seinem Anzuge und
wurde nie veranlasst, an denselben zu denken, wurde mithin nicht eitel
und lernte gar nie die Sucht kennen, sich besser oder anders zu
kleiden, als er eben war. Aehnlich hielt sie es mit dem Essen; sie
erfuellte alle billigen und unschaedlichen Wuensche aller drei Kinder
und niemand bekam in ihrem Hause etwas zu essen, wovon diese nicht
auch ihren Teil erhielten; aber trotz aller Regelmaessigkeit und
Ausgiebigkeit behandelte sie die Nahrungsmittel mit solcher
Leichtigkeit und Geringschaetzung, dass Fritzchen abermals von selbst
lernte, kein besonderes Gewicht auf dieselben zu legen und, wenn er
satt war, nicht von neuem an etwas unerhoert Gutes zu denken. Nur die
entsetzliche Wichtigtuerei und Breitspurigkeit, mit welcher die
meisten guten Frauen die Lebensmittel und deren Bereitung behandeln,
erweckt gewoehnlich in den Kindern jene Geluestigkeit und
Tellerleckerei, die, wenn sie gross werden, zum Hang nach Wohlleben
und zur Verschwendung wird. Sonderbarerweise gilt durch den ganzen
germanischen Voelkerstrich diejenige fuer die beste und tugendhafteste
Hausfrau, welche am meisten Geraeusch macht mit ihren Schuesseln und
Pfannen und nie zu sehen ist, ohne dass sie etwas Essbares zwischen
den Fingern herumzerrt; was Wunder, dass die Herren Germanen dabei die
groessten Esser werden, das ganze Lebensglueck auf eine wohlbestellte
Kueche gegruendet wird und man ganz vergisst, welche Nebensache
eigentlich das Essen auf dieser schnellen Lebensfahrt sei. Ebenso
verfuhr sie mit dem, was sonst von den Eltern mit einer schrecklich
ungeschickten Heiligkeit behandelt wird, mit dem Gelde. Sobald als
tunlich liess sie ihren Sohn ihren Vermoegensstand mitwissen, fuer sie
Geldsummen zaehlen und in das Behaeltnis legen, und sobald er nur
imstande war, die Muenzen zu unterscheiden, liess sie ihm eine kleine
Sparbuechse zu gaenzlich freier Verfuegung. Wenn er nun eine Dummheit
machte oder eine arge Nascherei beging, so behandelte sie das nicht
wie ein Kriminalverbrechen, sondern wies ihm mit wenig Worten die
Laecherlichkeit und Unzweckmaessigkeit nach. Wenn er etwas entwendete
oder sich aneignete, was ihm nicht zukam, oder einen jener heimlichen
Ankaeufe machte, welche die Eltern so sehr erschrecken, machte sie
keine Katastrophe daraus, sondern beschaemte ihn einfach und offen als
einen toerichten und gedankenlosen Burschen. Desto strenger war sie
gegen ihn, wenn er in Worten oder Gebaerden sich unedel und kleinlich
betrug, was zwar nur selten vorkam; aber dann las sie ihm hart und
schonungslos den Text und gab ihm so derbe Ohrfeigen, dass er die
leidige Begebenheit nie vergass. Dies alles pflegt sonst
entgegengesetzt behandelt zu werden. Wenn ein Kind mit Geld sich
vergeht oder gar etwas irgendwo wegnimmt, so befaellt die Eltern und
Lehrer eine ganz sonderbare Furcht vor einer verbrecherischen Zukunft,
als ob sie selbst wuessten, wie schwierig es sei, kein Dieb oder
Betrueger zu werden! Was unter hundert Faellen in neunundneunzig nur
die momentan unerklaerlichen Einfaelle und Gelueste des traeumerisch
wachsenden Kindes sind, das wird zum Gegenstand eines furchtbaren
Strafgerichtes gemacht und von nichts als Galgen und Zuchthaus
gesprochen. Als ob alle diese lieben Pflaenzchen bei erwachender
Vernunft nicht von selbst durch die menschliche Selbstliebe, sogar
bloss durch die Eitelkeit, davor gesichert wuerden, Diebe und Schelme
sein zu wollen. Dagegen wie milde und freundschaftlich werden da
tausend kleinere Zuege und Zeichen des Neides, der Missgunst, der
Eitelkeit, der Anmassung, der moralischen Selbstsucht und
Selbstgefaelligkeit behandelt und gehaetschelt! Wie schwer merken die
wackern Erziehungsleute ein frueh verlogenes und verbluemtes inneres
Wesen an einem Kinde, waehrend sie mit hoellischem Zeter ueber ein
anderes herfahren, das aus Uebermut oder Verlegenheit ganz naiv eine
vereinzelte derbe Luege gesagt hat. Denn hier haben sie eine
greifliche bequeme Handhabe, um ihr donnerndes: Du sollst nicht
luegen! dem kleinen erstaunten Erfindungsgenie in die Ohren zu
schreien. Wenn Fritzchen eine solche derbe Luege vorbrachte, so sagte
Frau Regel einfach, indem sie ihn gross ansah: "Was soll denn das
heissen, du Affe? Warum luegst du solche Dummheiten? Glaubst du die
grossen Leute zum Narren halten zu koennen? Sei du froh, wenn dich
niemand anluegt, und lass dergleichen Spaesse!" Wenn er eine Notluege
vorbrachte, um eine begangene Suende zu vertuschen, zeigte sie ihm mit
ernsten aber liebevollen Worten, dass die Sache deswegen nicht
ungeschehen sei, und wusste ihm klarzumachen, dass er sich besser
befinde, wenn er offen und ehrlich einen begangenen Fehler eingestehe;
aber sie baute keinen neuen Strafprozess auf die Luege, sondern
behandelte die Sache ganz abgesehen davon, ob er gelogen oder nicht
gelogen habe, so, dass er das Zwecklose und Kleinliche des
Herausluegens bald fuehlte und hierfuer zu stolz wurde. Wenn er
dagegen nur die leiseste Neigung verriet, sich irgend Eigenschaften
beizulegen, die er nicht besass, oder etwas zu uebertreiben, was ihm
gut zu stehen schien, oder sich mit etwas zu zieren, wozu er das Zeug
nicht hatte, so tadelte sie ihn mit schneidenden harten Worten und
versetzte ihm selbst einige Knueffe, wenn ihr die Sache zu arg und
widerlich war. Ebenso, wenn sie bemerkte, dass er andere Kinder beim
Spielen belog, um sich kleine Vorteile zu erwerben, strafte sie ihn
haerter, als wenn er ein erkleckliches Vergehen abgeleugnet haette.
Diese ganze Erzieherei kostete indessen kaum soviel Worte, als hier
gebraucht wurden, um sie zu schildern, und sie beruhte allerdings mehr
im Charakter der Frau Amrain, als in einem vorbedachten oder gar
angelesenen System. Daher wird ein Teil ihres Verfahrens von Leuten,
die nicht ihren Charakter besitzen, nicht befolgt werden koennen,
waehrend ein anderer Teil, wie z. B. ihr Verhalten mit den Kleidern,
mit der Nahrung und mit dem Gelde, von ganz armen Leuten nicht kann
angewendet werden. Denn wo z. B. gar nichts zu essen ist, da wird
dieses natuerlich jeden Augenblick zur naechsten Hauptsache, und
Kindern, unter solchen Umstaenden erzogen, wird man schwer die
Geluestigkeit abgewoehnen koennen, da alles Sinnen und Trachten des
Hauses nach dem Essen gerichtet ist. Besonders waehrend der kleineren
Jugend des Knaben war die Erziehungsmuehe seiner Mutter sehr gering,
da sie, wie gesagt, weniger mit der Zunge, als mit ihrer ganzen Person
erzog, wie sie leibte und lebte, und es also in einem zu ging mit
ihrem sonstigen Dasein. Sollte man fragen, worin denn bei dieser
leichten Art und Muehelosigkeit ihre besondere Treue und ihr Vorsatz
bestand? so waere zu antworten: lediglich in der zugewandten Liebe,
mit welcher sich das Wesen ihrer Person dem seinigen einpraegte und
sie ihre Instinkte die seinigen werden liess. Doch blieb die Zeit
nicht aus, wo sie allerdings einige vorsaetzliche und kraeftige
Erziehungsmassregeln anwenden musste, als naemlich der gute Fritz
herangewachsen war und sich fuer allbereits erzogen hielt, die Mutter
aber erst recht auf der Wacht stand, da es sich nun entscheiden
sollte, ob er in das gute oder schlechte Fahrwasser einlaufen wuerde.
Es waren nur wenige Momente, wo sie etwas Entscheidendes und
Energisches gegen seine junge Selbstaendigkeit unternahm, aber
jedesmal zur rechten Zeit und so ploetzlich, einleuchtend und
bedeutsam, dass es nie seiner bleibenden Wirkung ermangelte.
Als Fritz bald achtzehn Jahre zaehlte, war er ein schoenes junges
Buerschchen, fein anzusehen mit seinem blonden Haare und seinen blauen
Augen, und von einer grossen Selbstaendigkeit und Sicherheit in allem
was er tat. Er hatte bereits die Leitung des Geschaeftes uebernommen,
was die Arbeit im Freien betraf, nachdem er schon vom vierzehnten
Jahre an im Steinbruch tuechtig gearbeitet. Er machte ein ernsthaftes
und kluges Gesicht und war dennoch aufgeraeumt und guter Dinge, und
was seiner Mutter am besten gefiel, war seine Faehigkeit, mit allen
Leuten umzugehen, ohne ihre Art anzunehmen. Sie hielt ihn nicht ab
auszugehen, wenn es ihm langweilig war zu Hause, und mit anderen
jungen Burschen zu verkehren; aber die scharf Aufmerkende sah mit
Vergnuegen, dass er an der Weise der jungen Seldwyler, mit denen er
abwechselnd verkehrte, bald mit diesem, bald mit jenem, keinen
sonderlichen Geschmack gewann, sie ueberschaute und nur sich etwas mit
ihnen die Zeit vertrieb, wie und solange er es fuer gut fand. Mit
Vergnuegen sah sie auch, dass er sich nicht lumpen liess und bei
Gelagen manche Flasche zum besten gab, ohne je fuer sich selbst
schlimme Folgen davonzutragen, und dass er nicht in einen schlimmen
oder schimpflichen Handel verwickelt wurde, obgleich er ueberall sich
zu schaffen machte und wusste, wie es zugegangen, ohne dass er
uebrigens ein Duckmaeuser und Aufpasser war. Auch hielt er was auf
sich, ohne hochmuetig zu sein, und wusste s ich zu wehren, wenn es
galt. Frau Regula war daher guten Mutes und dachte, das waere gerade
die rechte Weise und ihr Soehnchen sei nicht auf den Kopf gefallen. Da
bemerkte sie, dass er anfing zu erroeten, wenn schoene Maedchen ihm in
den Weg kamen, dass er selbst haessliche Maedchen aufmerksam und
kritisch betrachtete und dass er verlegen wurde, wenn eine huebsche
runde und muntere Frau in der Stube war, waehrend er dieselbe doch
heimlicherweise mit den Augen verschlang. Aus diesen drei Zeichen
entnahm sie zwei Dinge: erstens, dass noch nichts an ihm verdorben
sei, zweitens aber, dass wenn eine Gefahr fuer ihn vorhanden waere,
auf den breiten Weg der Stadt zu toelpeln, diese Gefahr nur von seiten
der Damen von Seldwyla herkommen koenne, und sie sagte sogleich in
ihrem Herzen: Also da willst du hinaus, du Schuft?
Die Schoenen dieser Stadt waren nicht schlimmer gesinnt als ihre
Maenner und sie hielten, wenn sie erst zu Jahren kamen, noch manches
zusammen, was diese lieber auch noch zerstreut haetten. Allein, da die
Maenner sich gern lustig machten, so wollten sie, solange es ihnen gut
erging, auch nicht zurueckbleiben, und bei dem schoenen Geschlecht
laufen bekanntlich alle Abirrungen und Unzukoemmlichkeiten zuletzt nur
auf ein und dasselbe Ende hinaus, jene alte Geschichte, welche
vielfaeltige Rueckwirkungen auf das Wohl oder Weh der Herren
Mitschuldigen mit sich fuehrt. Sonach ging es auch in dieser Hinsicht
zu Seldwyla etwas lustiger zu, als an anderen Orten.
Wie nun Frau Amrain ihre schwarzen Augen offenhielt und mit zorniger
Bangigkeit aufmerkte, wann und wie man etwa ihr Kind verderben wolle,
ergab sich bald eine Gelegenheit fuer ihr muetterliches Einschreiten.
Es wurde eine grosse Hochzeit gefeiert auf dem Rathause und das
neuvermaehlte Paar gehoerte den geraeuschvollsten und lustigsten
Kreisen an, die gerade im Flor waren. Wie an anderen Orten der
Schweiz, gibt es an den Hochzeiten zu Seldwyl, wenn Bankett und Ball
am Abend stattfinden, zweierlei Gaeste: die eigentlichen geladenen
Hochzeitsgaeste und dann die Freunde oder Verwandten dieser, welche
ihnen scherzhafte Hochzeit- oder Tafelgeschenke ueberbringen mit
allerlei Witzen, Gedichten und Anspielungen. Sie verkleiden sich zu
diesem Ende hin in allerhand lustige Trachten, welche dem zu
ueberbringenden Geschenk entsprechen, und sind maskiert, indem jeder
seinen Freund oder seine Verwandte aufsucht, sich hinter deren Stuhl
begibt, seine Gabe ueberreicht und seine Rede haelt. Fritz Amrain
hatte sich schon vorgenommen, einem kleinen Baeschen einige Geschenke
zu bringen, und die Mutter nichts dagegen gehabt, da das Maedchen noch
sehr jung und sonst wohlgeartet war. Allein, weniger das Baeschen
lockte ihn, als ein dunkles Verlangen, sich unter den lustigen Damen
von Seldwyl einmal recht herumzutummeln, deren Froehlichkeit, wenn
viele beisammen waren, ihm schon oft sehr anmutig geschildert worden.
Er war nur noch unschluessig, welche Verkleidung er waehlen sollte, um
auf der Hochzeit zu erscheinen, und erst am Abend entschloss er sich
auf den Rat einiger Bekannten, sich als Frauenzimmer zu kleiden. Seine
Mutter war eben ausgegangen, als er mit diesem lustigen Vorsatz nach
Hause gelaufen kam und denselben sogleich ins Werk setzte. Ohne
Schlimmes zu ahnen, geriet er ueber den Kleiderschrank seiner Mutter
und warf da so lange alles durcheinander, von einem lachenden
Dienstmaedchen unterstuetzt, bis er die besten und buntesten
Toilettenstuecke zusammengesucht und sich angeeignet hatte. Er zog das
schoenste und beste Kleid der Mutter an, das sie selbst nur bei
feierlichen Gelegenheiten trug, und wuehlte dazu aus den reichlichen
Schachteln Krausen, Baender und sonstigen Putz hervor. Zum Ueberfluss
hing er sich noch die Halskette der Mutter um und zog so, aus dem
Groebsten geputzt, zu seinen Genossen, die sich inzwischen ebenfalls
angekleidet. Dort vollendeten zwei muntere Schwestern seinen Anzug,
indem sie vornehmlich seinen blonden Kopf auf das zierlichste
frisierten und seine Brust mit einem sachgemaessen Frauenbusen
ausschmueckten. Indem er so auf seinem Stuhle sass und diese
Bemuehungen der wenig schuechternen Maedchen um sich geschehen liess,
erroetete er einmal um das andere und das Herz klopfte ihm vor
erwartungsvollem Vergnuegen, waehrend zugleich das boese Gewissen sich
regte und ihm anfing zuzufluestern, die Sache mochte doch nicht so
recht in der Ordnung sein. Als er daher mit seiner Gesellschaft dem
Rathause zuzog, ein Koerbchen mit den Geschenken tragend, sah er so
verschaemt und verwirrt aus, wie ein wirkliches Maedchen, und schlug
die Augen nieder, und als er so auf der Hochzeit erschien, erregte er
den allgemeinen Beifall besonders der versammelten Frauen. Waehrend
der Zeit war aber seine Mutter nach Hause zurueckgekehrt und sah ihren
offenstehenden Kleiderschrank sowie die Verwuestung, die er in
Schachteln und Kaesten angerichtet. Als sie vollends vernahm, zu
welchem Ende hin dies geschehen und dass ihre Hoffnung in
Weiberkleidern, und noch dazu in ihren besten, ausgezogen sei,
ueberfiel sie erst ein grosser Zorn, dann aber eine noch groessere
Unruhe; denn nichts schien ihr geeigneter, einen jungen Menschen in
das Lotterleben zu bringen, als wenn er in Weiberkleidern auf eine
Seldwyler Hochzeit ging. Sie liess daher ihr Abendessen ungenossen
stehen und ging eine Stunde lang in der groessten Unruhe umher, nicht
wissend, wie sie ihren Sohn den drohenden Gefahren entreissen sollte.
Es widerstrebte ihr, ihn kurzweg abrufen zu lassen und dadurch zu
beschaemen; auch fuerchtete sie nicht mit Unrecht, dass er wuerde
zurueckgehalten werden oder aus eigenem Willen nicht kommen duerfte.
Und dennoch fuehlte sie wohl, wie er durch diese einzige Nacht auf
eine entscheidende Weise auf die schlechte Seite verschlagen werden
koenne. Sie entschloss sich endlich kurz, da es ihr nicht Ruhe liess,
ihren Sohn selbst wegzuholen, und da sie mannigfacher Beziehungen
wegen einen halben Vorwand hatte, selbst etwa ein Stuendchen auf der
Hochzeit zu erscheinen, kleidete sie sich rasch um und waehlte einen
Anzug, ein wenig besser als der alltaegliche und doch nicht festlich
genug, um etwa zu hohe Achtung vor der lustigen Versammlung zu
verraten. So begab sie sich also nach dem Rathaus, nur von dem
Dienstmaedchen begleitet, welches ihr eine Laterne vorantrug. Sie
betrat zuerst den Speisesaal; allein die erste Tafel und die
Lustbarkeit mit den Geschenken war schon vorueber und die Ueberbringer
derselben hatten ihre Masken abgenommen und sich unter die uebrigen
Gaeste gemischt. In dem Saale war nichts zu sehen als einige
Herrengesellschaften, die teils Karten spielten, teils zechten, und so
stieg sie die Treppe nach einer altertuemlichen Galerie hinauf, von wo
man den Saal uebersehen konnte, in welchem getanzt wurde. Diese
Galerie war mit allerlei Volk angefuellt, das nicht im Flor war und
hier dem Tanze zusehen durfte wie etwa die Einwohner einer Residenz
einer Fuerstenhochzeit. Frau Regula konnte daher unbemerkt den Ball
uebersehen, der so ziemlich feierlich vor sich ging und die allgemeine
Luesternheit und Begehrlichkeit mit seinem steifen und laecherlichen
Zeremoniell zur Not verdeckte. Denn dies haetten die Seldwyler nicht
anders getan; sie huldigten vielmehr dem Spruch: Alles zu seiner Zeit!
und wenn sie mit wenig Muehe das Schauspiel eines nach ihren Begriffen
noblen Balles geben oder geniessen konnten, warum sollten sie es
unterlassen?
Fritzchen Amrain aber war unter den Tanzenden nicht zu erblicken, und
je laenger ihn seine Mutter mit den Augen suchte, desto weniger fand
sie ihn. Je laenger sie ihn aber nicht fand, desto mehr wuenschte sie
ihn zu sehen, nicht allein mehr aus Besorgnis, sondern auch um
wirklich zu schauen, wie er sich eigentlich ausnaehme und ob er in
seiner Dummheit nicht noch die Laecherlichkeit zum Leichtsinn
hinzugefuegt habe, indem er als eine ungeschickt angezogene
schlottrige Weibsperson sich weiss Gott wo herumtreibe? In diesen
Untersuchungen geriet sie auf einen Seitengang der hohen Galerie,
welcher mit einem Fenster endigte, das mit einem Vorhang versehen und
bestimmt war, Licht in eben diesen Gang einzulassen. Das Fenster aber
ging in das kleinere Ratszimmer, ein altes gotisches Gemach, und war
hoch an dessen Wand zu sehen. Wie sie nun jenen Vorhang ein wenig
lueftete und in das tiefe Gemach hinunterschaute, welches durch einen
seltsamen Firlefanz von Kronleuchtern ziemlich schwach erleuchtet war,
erblickte sie eine kleinere Gesellschaft, die da in aller Stille und
Froehlichkeit sich zu unterhalten schien. Als Frau Regel genauer
hinsah, erkannte sie sieben bis acht verheiratete, Frauen, deren
Maenner sie schon in dem Speisesaal hatte spielen sehen zu einem hohen
und prahlerischen Satze. Diese Frauen sassen in einem engen Halbkreise
und vor ihnen ebensoviel junge Maenner, die ihnen den Hof machten.
Unter letzteren war Fritz abermals nicht zu finden und seine Mutter
hierueber sehr froh, da der Kreis dieser Damen nichts weniger als
beruhigend anzusehen war. Denn als sie dieselben einzeln musterte,
waren es lauter juengere Frauen, welche jede auf ihre Weise fuer
gefaehrlich galt und in der Stadt, wenn auch nicht eines schlimmen,
doch eines geheimnisvollen Rufes genoss, was bei der herrschenden
Duldsamkeit immer noch genug war. Da sass erstens die nicht haessliche
Adele Anderau, welche ueppig und verlockend anzusehen war, ohne dass
man recht wusste, woran es lag, und welche alle jungen Leute
jezuweilen mit halbgeschlossenen Augen so anzublicken wusste in einem
windstillen Augenblick, dass sie einen seltsamen Funken von
hoffnungsreichem Verlangen in ihr Herz schleuderte. Aber zehn
derselben liess sie schonungslos und mit Aufsehen abziehen, um desto
regelmaessiger den elften in einer sichern Stunde zu begluecken. Da
war ferner die leidenschaftliche Julie Haider, welche ihren Mann
oeffentlich und vor so vielen Zeugen als moeglich stuermisch
liebkoste, die gluehendste Eifersucht auf ihn an den Tag legte und
fortwaehrend der Untreue anklagte, dies alles solange, bis irgendein
dritter den fuehllosen Gatten beneidete und solcher
Leidenschaftlichkeit teilhaftig zu werden trachtete. Da trauerte auch
die sanfte Emmeline Ackerstein, welche eine Dulderin war und von ihrem
Manne misshandelt wurde, weil sie gar nichts gelernt hatte und das
Hauswesen vernachlaessigte; diese sah bleich und schmachtend aus und
sank mit Traenen dem in die Arme, der sie troesten mochte. Auch die
schlimme Lieschen Aufdermaur war da, welche solange Klatschereien und
Zaenkereien anrichtete, bis irgendein Aufgebrachter, den sie
verleumdet, sie unter vier Augen in die Klemme brachte und sich an ihr
raechte. Dann folgte, ausser zwei oder drei aufgeweckten Wesen, welche
ohne weitere Begruendungen schlechtweg taten was sie mochten, die
stille Theresa Gut, welche aeusserst teilnahmlos weder rechts noch
links sah, niemandem entgegenkam und kaum antwortete, wenn man sie
anredete, welche aber, zufaellig in ein Abenteuer verwickelt und
angegriffen, unerwarteterweise lachte wie eine Naerrin und alles
geschehen liess. Endlich sass auch dort das leichtsinnige Kaethchen
Amhag, welches immer eine Menge heimlicher Schulden zu tragen hatte.
Nachdem Frau Amrain die Beschaffenheit dieses weiblichen Kreises
erkannt, wollte sie eben Gott danken, dass ihr Sohn wenigstens auch da
nicht zu erblicken sei, als sie noch eine weibliche Gestalt zwischen
ihnen entdeckte, die sie im ersten Augenblick nicht kannte, obgleich
sie dieselbe schon gesehen zu haben glaubte. Es war ein grosses
praechtig gewachsenes Wesen von amazonenhafter Haltung und mit einem
kecken blonden Lockenkopfe, das aber hold verschaemt und verliebt
unter den lustigen Frauen sass und von ihnen sehr aufmerksam behandelt
wurde. Beim zweiten Blick erkannte sie jedoch ihren Sohn und ihr
violettes Seidenkleid zugleich und sah, wie trefflich ihm dasselbe
sass, und musste sich auch gestehen, dass er ganz geschickt und
reizend ausgeputzt sei. Aber im gleichen Augenblicke sah sie auch, wie
ihn seine eine Nachbarin kuesste, infolge irgendeines
Unterhaltungsspieles, das die froehliche Gesellschaft eben
beschaeftigte, und wie er gleichzeitig die andere Nachbarin kuesste,
und nun hielt sie den Zeitpunkt fuer gekommen, wo sie ihrem Sohne den
Dienst, welchen er ihr als fuenfjaehriges Knaeblein geleistet,
erwidern konnte.
Sie stieg ungesaeumt die Treppe hinunter und trat in das Zimmer, die
ueberraschte Gesellschaft bescheiden und hoeflich begruessend. Alles
erhob sich verlegen; denn obgleich sie sattsam durchgehechelt wurde in
der Stadt, so floesste sie doch Achtung ein, wo sie erschien. Die
jungen Maenner gruessten sie mit aufrichtig verlegener Ehrerbietung,
und um so aufrichtiger, je wilder sie sonst waren; von den Frauen aber
wollte keine scheinen, als ob sie mit der achtbarsten Frau der Stadt
etwa schlecht staende und nicht mit ihr umzugehen wuesste, weshalb sie
sich mit grossem Geraeusch um sie draengten, als sie sich von ihrer
UEberraschung etwas erholt. Am verbluefftesten war jedoch Fritz,
welcher nicht mehr wusste, wie er sich in dem Kleide seiner Mutter zu
gebaerden habe; denn dies war jetzt ploetzlich sein erster Schrecken
und er bezog den ernsten Blick, den sie einstweilen auf ihn geworfen,
nur auf die gute Seide dieses Kleides. Andere Bedenken waren noch
nicht ernstlich in ihm aufgestiegen, da in der allgemeinen Lust der
Scherz zu gewoehnlich und erlaubt schien. Als alle sich wieder gesetzt
hatten und nachdem sich Frau Amrain ein Viertelstuendchen freundlich
mit den jungen Leuten unterhalten, winkte sie ihren Sohn zu sich und
sagte ihm, er moechte sie nach Hause begleiten, da sie gehen wolle.
Als er sich dazu ganz bereit erklaerte, fluesterte sie ihm aber mit
strengem Tone zu: "Wenn ich von einem Weibe will begleitet sein, so
konnte ich die Grete hier behalten, die mir hergeleuchtet hat! Du
wirst so gut sein und erst heimlaufen, um Kleider anzuziehen, die dir
besser stehen, als diese hier!"
Erst jetzt merkte er, dass die Sache nicht richtig sei; tief erroetend
machte er sich fort, und als er ueber die Strasse eilte und das
rauschende Kleid ihm so ungewohnt gegen die Fuesse schlug, waehrend
der Nachtwaechter ihm verdaechtig nachsah, merkte er erst recht, dass
das eine ungeeignete Tracht waere fuer einen jungen Republikaner, in
der man niemandem ins Gesicht sehen duerfe. Als er aber, zu Hause
angekommen, sich hastig umkleidete, fiel es ihm ein, dass nun die
Mutter allein unter dem Volke auf dem Rathause sitze, und dieser
Gedanke machte ihn ploetzlich und sonderbarerweise so zornig und
besorgt um ihre Ehre, dass er sich beeilte nur wieder hinzukommen und
sie abzuholen. Auch glaubte er ihr einen rechten Ritterdienst damit zu
erweisen, dass er so puenktlich wieder erschien, und alle etwaigen
Unebenheiten dadurch aufs schoenste ausgeglichen. Frau Amrain aber
empfahl sich der Gesellschaft und ging ernst und schweigsam neben
ihrem Sohne nach Hause. Dort setzte sie sich seufzend auf ihren
gewohnten Sessel und schwieg eine Weile; dann aber stand sie auf,
ergriff das daliegende Staatskleid und zerriss es in Stuecken, indem
sie sagte: "Das kann ich nun wegwerfen, denn tragen werde ich es nie
mehr!"
Pages:
1 |
2 |
3 |
4 |
5 |
6 |
7 |
8 |
9 |
10 |
11 | 12 |
13 |
14 |
15 |
16 |
17 |
18 |
19 |
20 |
21