Die Leute von Seldwyla, Vol. 1
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Gottfried Keller >> Die Leute von Seldwyla, Vol. 1
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"Diesen sind wir entflohen," sagte Sali, "aber wie entfliehen wir uns
selbst? Wie meiden wir uns?"
Vrenchen war nicht imstande zu antworten und lag hochaufatmend an
seinem Halse. "Soll ich dich nicht lieber ins Dorf zurueckbringen und
Leute wecken, dass sie dich aufnehmen? Morgen kannst du ja dann deinen
Weges ziehen und gewiss wird es dir wohlgehen, du kommst ueberall
fort!"
"Fortkommen, ohne dich!"
"Du musst mich vergessen!"
"Das werde ich nie! Koenntest denn du es tun?"
"Darauf kommt's nicht an, mein Herz!" sagte Sali und streichelte ihm
die heissen Wangen, je nachdem es sie leidenschaftlich an seiner Brust
herumwarf, "es handelt sich jetzt nur um dich; du bist noch so ganz
jung und es kann dir noch auf allen Wegen gut gehen!"
"Und dir nicht auch, du alter Mann?"
"Komm!" sagte Sali und zog es fort. Aber sie gingen nur einige
Schritte und standen wieder still, um sich bequemer zu umschlingen und
zu herzen. Die Stille der Welt sang und musizierte ihnen durch die
Seelen, man hoerte nur den Fluss unten sacht und lieblich rauschen im
langsamen Ziehen.
"Wie schoen ist es da ringsherum! Hoerst du nicht etwas toenen, wie
ein schoener Gesang oder ein Gelaeute!"
"Es ist das Wasser, das rauscht! Sonst ist alles still."
"Nein, es ist noch etwas anderes, hier, dort, hinaus ueberall
toent's!"
"Ich glaube, wir hoeren unser eigenes Blut in unsern Ohren rauschen!"
Sie horchten ein Weilchen auf diese eingebildeten oder wirklichen
Toene, welche von der grossen Stille herruehrten, oder welche sie mit
den magischen Wirkungen des Mondlichtes verwechselten, welches nah und
fern ueber die weissen Herbstnebel wallte, welche tief auf den
Gruenden lagen. Ploetzlich fiel Vrenchen etwas ein: es suchte in
seinem Brustgewand und sagte: "Ich habe dir noch ein Andenken gekauft,
das ich dir geben wollte!" Und es gab ihm den einfachen Ring und
steckte ihm denselben selbst an den Finger. Sali nahm sein Ringlein
auch hervor und steckte ihn an Vrenchens Hand, indem er sagte: "So
haben wir die gleichen Gedanken gehabt!" Vrenchen hielt seine Hand in
das bleiche Silberlicht und betrachtete den Ring. "Ei, wie ein feiner
Ring!" sagte es lachend; "nun sind wir aber doch verlobt und
versprochen, du bist mein Mann und ich deine Frau, wir wollen es
einmal einen Augenblick lang denken, nur bis jener Nebelstreif am Mond
vorueber ist, oder bis wir zwoelf gezaehlt haben! Kuesse mich
zwoelfmal!"
Sali liebte gewiss ebenso stark als Vrenchen, aber die Heiratsfrage
war in ihm doch nicht so leidenschaftlich lebendig, als ein bestimmtes
Entweder--Oder, als ein unmittelbares Sein oder Nichtsein, wie in
Vrenchen, welches nur das eine zu fuehlen faehig war und mit
leidenschaftlicher Entschiedenheit unmittelbar Tod oder Leben darin
sah. Aber jetzt ging ihm endlich ein Licht auf und das weibliche
Gefuehl des jungen Maedchens ward in ihm auf der Stelle zu einem
wilden und heissen Verlangen und eine gluehende Klarheit erhellte ihm
die Sinne. So heftig er Vrenchen schon umarmt und liebkost hatte, tat
er es jetzt doch ganz anders und stuermischer und uebersaete es mit
Kuessen. Vrenchen fuehlte trotz aller eigenen Leidenschaft auf der
Stelle diesen Wechsel und ein heftiges Zittern durchfuhr sein ganzes
Wesen, aber ehe jener Nebelstreif am Monde vorueber war, war es auch
davon ergriffen. Im heftigen Schmeicheln und Ringen begegneten sich
ihre ringgeschmueckten Haende und fassten sich fest, wie von selbst
eine Trauung vollziehend, ohne den Befehl eines Willens. Salis Herz
klopfte halb wie mit Haemmern, bald stand es still, er atmete schwer
und sagte leise: "Es gibt eines fuer uns, Vrenchen, wir halten
Hochzeit zu dieser Stunde und gehen dann aus der Welt--dort ist das
tiefe Wasser--dort scheidet uns niemand mehr und wir sind
zusammengewesen--ob kurz oder lang, das kann uns dann gleich sein."--
Vrenchen sagte sogleich: "Sali--was du da sagst, habe ich schon lang
bei mir gedacht und ausgemacht, naemlich, dass wir sterben koennten
und dann alles vorbei waere--so schwoere mir es, dass du es mit mir
tun willst!"
"Es ist schon so gut wie getan, es nimmt dich niemand mehr aus meiner
Hand, als der Tod!" rief Sali ausser sich. Vrenchen aber atmete hoch
auf, Traenen der Freude entstroemten seinen Augen; es raffte sich auf
und sprang leicht wie ein Vogel ueber das Feld gegen den Fluss
hinunter. Sali eilte ihm nach; denn er glaubte, es wolle ihm
entfliehen, und Vrenchen glaubte, er wolle es zurueckhalten, so
sprangen sie einander nach und Vrenchen lachte wie ein Kind, welches
sich nicht will fangen lassen. "Bereust du es schon?" rief eines zum
andern, als sie am Flusse angekommen waren und sich ergriffen; "nein,
es freut mich immer mehr!" erwiderte ein jedes. Aller Sorgen ledig,
gingen sie am Ufer hinunter und ueberholten die eilenden Wasser, so
astig suchten sie eine Staette, um sich niederzulassen; denn ihre
Leidenschaft sah jetzt nur den Rausch der Seligkeit, der in ihrer
Vereinigung lag, und der ganze Wert und Inhalt des uebrigen Lebens
draengte sich in diesem zusammen; was danach kam, Tod und Untergang,
war ihnen ein Hauch, ein Nichts, und sie dachten weniger daran, als
ein Leichtsinniger denkt, wie er den anderen Tag leben will, wenn er
seine letzte Habe verzehrt.
"Meine Blumen gehen mir voraus," rief Vrenchen, "sieh, sie sind ganz
dahin und verwelkt!" Es nahm sie von der Brust, warf sie ins Wasser
und sang laut dazu: "Doch suesser als ein Mandelkern ist meine Lieb'
zu dir!"
"Halt!" rief Sali, "hier ist dein Brautbett!"
Sie waren an einen Fahrweg gekommen, der vom Dorfe her an den Fluss
fuehrte, und hier war eine Landungsstelle, wo ein grosses Schiff, hoch
mit Heu beladen, angebunden lag. In wilder Laune begann er unverweilt
die starken Seile loszubinden, Vrenchen fiel ihm lachend in den Arm
und rief: "Was willst du tun? Wollen mir den Bauern ihr Heuschiff
stehlen zu guter Letzt?" "Das soll die Aussteuer sein, die sie uns
geben, eine schwimmende Bettstelle und ein Bett, wie noch keine Braut
gehabt! Sie werden ueberdies ihr Eigentum unten wieder finden, wo es
ja dochhin soll, und werden nicht wissen, was damit geschehen ist.
Sieh, schon schwankt es und will hinaus!"
Das Schiff lag einige Schritte vom Ufer entfernt im tieferen Wasser.
Sali hob Vrenchen mit seinen Armen hoch empor und schritt durch das
Wasser gegen das Schiff; aber es liebkoste ihn so heftig ungebaerdig
und zappelte wie ein Fisch, dass er im ziehenden Wasser keinen Stand
halten konnte. Es strebte Gesicht und Haende ins Wasser zu tauchen und
rief: "Ich will auch das kuehle Wasser versuchen! Weisst du noch, wie
kalt und nass unsere Haende waren, als wir sie uns zum erstenmal
gaben? Fische fingen wir damals, jetzt werden wir selber Fische sein
und zwei schoene grosse!" "Sei ruhig, du lieber Teufel!" sagte Sali,
der Muehe hatte, zwischen dem tobenden Liebchen und den Wellen sich
aufrechtzuhalten, "es zieht mich sonst fort!" Er hob seine Last in das
Schiff und schwang sich nach; er hob sie auf die hochgebettete weiche
und duftende Ladung und schwang sich auch hinauf, und als sie oben
sassen, trieb das Schiff allmaehlich in die Mitte des Stromes hinaus
und schwamm dann, sich langsam drehend, zu Tal.
Der Fluss zog bald durch hohe dunkle Waelder, die ihn ueberschatteten,
bald durch offenes Land; bald an stillen Doerfern vorbei, bald an
einzelnen Huetten; hier geriet er in eine Stille, dass er einem
ruhigen See glich und das Schiff beinah stillhielt, dort stroemte er
um Felsen und liess die schlafenden Ufer schnell hinter sich; und als
die Morgenroete auf stieg, tauchte zugleich eine Stadt mit ihren
Tuermen aus dem silbergrauen Strome. Der untergehende Mond, rot wie
Gold, legte eine glaenzende Bahn den Strom hinauf und auf dieser kam
das Schiff langsam ueberquer gefahren. Als es sich der Stadt naeherte,
glitten im Froste des Herbstmorgens zwei bleiche Gestalten, die sich
fest umwanden, von der dunklen Masse herunter in die kalten Fluten.
Das Schiff legte sich eine Weile nachher unbeschaedigt an eine Bruecke
und blieb da stehen. Als man spaeter unterhalb der Stadt die Leichen
fand und ihre Herkunft ausgemittelt hatte, war in den Zeitungen zu
lesen, zwei junge Leute, die Kinder zweier blutarmen zugrunde
gegangenen Familien, welche in unversoehnlicher Feindschaft lebten,
haetten im Wasser den Tod gesucht, nachdem sie einen ganzen Nachmittag
herzlich miteinander getanzt und sich belustigt auf einer Kirchweih.
Es sei dies Ereignis vermutlich in Verbindung zu bringen mit einem
Heuschiff aus jener Gegend, welches ohne Schiffsleute in der Stadt
gelandet sei, und man nehme an, die jungen Leute haben das Schiff
entwendet, um darauf ihre verzweifelte und gottverlassene Hochzeit zu
halten, abermals ein Zeichen von der umsichgreifenden Entsittlichung
und Verwilderung der Leidenschaften.
* * * * *
FRAU REGEL AMRAIN UND IHR JUENGSTER
Regula Amrain war die Frau eines abwesenden Seldwylers; dieser hatte
einen grossen Steinbruch hinter dem Staedtchen besessen und eine
Zeitlang ausgebeutet, und zwar auf Seldwyler Art. Das ganze Nest war
beinahe aus dem guten Sandstein gebaut, aus welchem der Berg bestand;
aber das Schuldenwesen, das auf den Haeusern ruhte, hatte von jeher
recht eigentlich schon mit den Steinen begonnen, aus denen sie gebaut
waren; denn nichts schien den Seldwylern so wohlgeeignet, als Stoff
und Gegenstand eines muntern Verkehrs, als ein solcher Steinbruch, und
derselbe glich einer in Felsen gehauenen roemischen Schaubuehne, ueber
welche die Besitzer emsig hinwegliefen, einer den andern jagend.
Herr Amrain, ein ansehnlicher Mann, der eine ansehnliche Menge
Fleisch, Fische und Wein verzehren musste und maechtige Stuecke
Seidenzeug zu seinen breiten schoenen Westen brauchte, himmelblaue,
kirschrote und grossartig gewuerfelte, war urspruenglich ein
Knopfmacher gewesen und hatte auch die eine und andere Stunde des
Tages Knoepfe besponnen. Als er aber mit den Jahren gar so fest und
breit wurde, sagte ihm die sitzende Lebensart nicht mehr zu, und als
er ueberhaupt den rechten Phaeakenaufschwung genommen: die rote
Sammetweste, die goldene Uhrkette und den Siegelring, liquidierte er
die Knopfmacherei und uebernahm in einer wichtigen Hauptsitzung der
Seldwyler Spekulanten jenen Steinbruch. Nun hatte er die angemessene
bewegliche Lebensweise gefunden, indem er mit einer roten Brieftasche
voll Papiere und einem eleganten Spazierstock, auf welchem mit
silbernen Stiften ein Zollmass angebracht war, etwa in den Steinbruch
hinaus lustwandelte, wenn das Wetter lieblich war, und dort mit dem
besagten Stocke an den verpfaendeten Steinlagern herumstocherte, den
Schweiss von der Stirn wischte, in die schoene Gegend hinausschaute
und dann schleunigst in die Stadt zurueckkehrte, um den eigentlichen
Geschaeften nachzugehen, dem Umsatz der verschiedenen Papiere in der
Brieftasche, was in den kuehlen Gaststuben auf das beste vor sich
ging. Kurz, er war ein vollkommener Seldwyler, bis auf die politische
Veraenderlichkeit, welche aber die Ursache seines zu fruehen Falles
wurde. Denn ein konservativer Kapitalist aus einer Finanzstadt,
welcher keinen Spass verstand, hatte auf den Steinbruch einiges Geld
hergegeben und damit geglaubt, einem wackern Parteigenossen unter die
Arme zu greifen. Als daher Herr Amrain in einem Anfall gaenzlicher
Gedankenlosigkeit eines Tages hoechst verfaengliche liberale
Redensarten vernehmen liess, welche ruchbar wurden, erzuernte sich
jener Herr mit Recht; denn nirgends ist politische Gesinnungslosigkeit
widerwaertiger, als an einem grossen dicken Manne, der eine bunte
Sammetweste traegt! Der erboste Goenner zog daher jaehlings sein Geld
zurueck, als kein Mensch daran dachte, und trieb dadurch vor der Zeit
den bestuerzten Amrain vom Steinbruch in die Welt hinaus.
Man wird selten sehen, dass es grossen schweren Maennern schlecht
ergeht, weil sie eine durchgreifende und ueberzeugende Gabe besitzen,
fuer ihren anspruchsvollen Koerperbau zu sorgen, und die
Nahrungsmittel koennen sich demselben nicht lange entziehen, sondern
werden von dem Magnetgebirge des Bauches maechtig angezogen. So frass
sich der landfluechtige Amrain auch gluecklich durch die Fernen; und
obgleich er nichts Grosses mehr wurde, ass und trank er doch irgendwo
in der Fremde so weidlich wie zu Hause.
Doch den Seldwylern, welche jetzt ratschlagten, welcher von ihnen nun
am tauglichsten waere, eine Zeitlang die Honneurs am Steinbruch zu
machen, wurde abermals ein Strich durch die Rechnung gezogen, als die
zurueckgebliebene Ehefrau des Herrn Amrain unerwartet ihren Fuss auf
den Sandstein setzte und kraft ihres herzugebrachten Weibergutes den
Steinbruch an sich zog und erklaerte, das Geschaeft fortsetzen und
moeglicherweise die Glaeubiger ihres Mannes befriedigen zu wollen. Sie
tat dies erst, als derselbe schon jenseits des Atlantischen Weltmeers
war und nicht mehr zurueckkommen konnte. Man suchte sie auf jede Weise
von diesem Vorhaben abzubringen und zu hindern; allein sie zeigte eine
solche Entschlossenheit, Ruehrigkeit und Besonnenheit, dass nichts
gegen sie auszurichten war und sie wirklich die Besitzerin des
Steinbruches wurde. Sie liess fleissig und ordentlich darin arbeiten
unter der Leitung eines guten fremden Werkfuehrers und gruendete zum
erstenmal die Unternehmung, statt auf den Scheinverkehr, auf wirkliche
Produktion. Hieran wollte man sie nun erst recht behindern; allein, es
war nicht gegen sie aufzukommen, da sie als Frau und sparsame Mutter
keine Ausgaben hatte, im Vergleich zu den Herren von Seldwyla, und
daher auf die einfachste Weise imstande war, alle Stuerme abzuschlagen
und alle begruendeten Forderungen zu bezahlen. Aber dennoch hielt es
schwer, und sie musste Tag und Nacht mit Mut, List und Kraft bei der
Hand sein, sinnen und sorgen, um sich zu behaupten.
Frau Regel hatte von auswaerts in das Staedtchen geheiratet und war
eine sehr frische, grosse und handfeste Dame mit kraeftigen schwarzen
Haarflechten und einem festen, dunklen Blick. Von ihrem Manne hatte
sie drei Buben von ungefaehr zehn, acht und fuenf Jahren, welche sie
oftmals aufmerksam und ernsthaft betrachtete, darueber sinnend, ob
dieselben auch wert seien, dass sie das Haus fuer sie aufrechthalte,
da sie ja doch Seldwyler waeren und bleiben wuerden. Doch weil die
Burschen einmal ihre Kinder waren, so liess die Eigenliebe und die
Mutterliebe sie immer wieder einen guten Mut fassen, und sie traute
sich zu, auch in dieser Sache das Steuer am Ende anders zu lenken, als
es zu Seldwyl Mode war.
In solche Gedanken versunken, sass sie einst nach dem Nachtessen am
Tische und hatte das Geschaeftsbuch und eine Menge Rechnungen vor sich
liegen. Die Buben lagen im Bette und schliefen in der Kammer, deren
Tuere offen stand, und sie hatte eben die drei schlafenden kleinen
Gesellen mit der Lampe in der Hand betrachtet und besonders den
kleinsten Kerl ins Auge gefasst, der ihr am wenigsten glich. Er war
blond, hatte ein keckes Stumpfnaeschen, waehrend sie eine ernsthafte
gerade, lange Nase besass, und statt ihres strenggeschnittenen Mundes
zeigte der kleine Fritz trotzig aufgeworfene Lippen, selbst wenn er
schlief. Dies hatte er alles vom Vater, und es war das gewesen, was
ihr eben so wohlgefallen hatte, als sie ihn heiratete, und was ihr
jetzt auch an dem kleinen Burschen so wohlgefiel und doch schwere
Sorgen machte. Wenn eine Gesichtsart einem einmal wohlgefaellt, so
hilft hiergegen kein Kraut; deswegen war Frau Amrain froh, dass der
Alte weg war und sie ihn nicht mehr sah; aber er hatte ihr in dem
juengsten Kinde ein treues Abbild seiner aeusseren Art hinterlassen,
welches sie nie genug ansehen konnte. Ueber diesen Sorgen traf sie der
Werkfuehrer oder oberste Arbeiter, der jetzt eintrat, um mit ihr die
Angelegenheiten und den Bestand der Geschaefte durchzusehen und manche
wichtige Dinge zu besprechen. Es war ein huebscher und unternehmender
Bursche von schlankem, kraeftigem Koerperbau, maessig in seiner
Lebensweise, fleissig und ausdauernd und dabei in seinen Gedanken von
einer gewissen einfachen Schlauheit, welche zusammen mit den
erklecklichen Eigenschaften seiner Meisterin eben das Geschaeft in
gutem Gange erhielt und die gedankenlosen Spitzfindigkeiten der
Seldwyler zu schanden werden liess. Inzwischen war er aber ein Mensch
und dachte daher vor allem an sich selber und in diesem Denken hatte
er es nicht uebel gefunden, selber der Herr und Meister hier zu sein
und sich eine bleibende Staette zu gruenden, daher auch in aller
Ehrerbietung der Frau Regula wiederholt nahegelegt, eine gesetzliche
Scheidung von ihrem abwesenden Manne herbeizufuehren.
Sie hatte ihn wohl verstanden; doch widerstrebte es ihrem Stolz, sich
oeffentlich und mit schimpflichen Beweisgruenden von einem Manne zu
trennen, der ihr einmal wohlgefallen, mit dem sie gelebt und von dem
sie drei Kinder hatte; und in der Sorge fuer diese Kinder wollte sie
auch keinen fremden Mann ueber das Haus setzen und wenigstens die
aeussere Einheit desselben bewahren, bis die Soehne herangewachsen
waeren und ein unzersplittertes Erbe aus ihrer Hand empfangen
koennten; denn ein solches gedachte sie trotz aller Schwierigkeiten
zusammenzubringen und den Hiesigen zu zeigen, was da Brauch sei, wo
sie hergekommen. Sie hielt daher den Werkfuehrer knapp im Zuegel und
brachte sich dadurch nur in groessere Verlegenheit; denn als derselbe
ihren Widerstand und ihren festen Charakter ersah, verliebte er sich
foermlich in sie und gedachte erst recht seine Wuensche zu erreichen.
Er aenderte sein Benehmen, also dass er, statt wie bisher ehrbar um
ihre Hand als Meisterin sich zu bewerben, nun um ihre Person
schmachtete, wo sie ging, und sie stets mit verliebten Augen ansah, wo
es immer tunlich war. Dies schien fuer ihn eine zweckdienliche
Veraenderung, da die eigentliche Verliebtheit in die Person eines
Menschen denselben viel mehr besticht und bezwingt, als alle noch so
ehrbaren Heiratsabsichten. Wenn nun Frau Regel auch nicht die Haltung
verlor und sich in ihn nicht wieder verliebte, so wurde es doch
schwerer fuer sie, ihn abzuwehren, ohne mit ihm zu brechen und ihn zu
verlieren, und es ist bekanntlich eine Hauptliebhaberei der Frauen,
sich nuetzliche Freunde und Parteigaenger zu erhalten, wenn es immer
geschehen kann, ohne grosse Opfer.
Als der Werkfuehrer in die Stube trat, funkelten seine Augen mit
ungewoehnlichem Glanze, denn er hatte im Verkehr mit einigen
Geschaeftsleuten, mit denen er sich zum Vorteil der Frau wacker
herumgeschlagen, eine Flasche kraeftigen Wein getrunken. Waehrend er
ihr Bericht erstattete und dann in den Papieren mit ihr rechnete,
blickte er sie oftmals unversehens an und wurde zerstreut und
aufgeregt, wie einer, der etwas vorhat. Sie rueckte mit ihrem Sessel
etwas zur Seite und begann sich in acht zu nehmen, dabei kaum ein
feines Laecheln unterdrueckend, wie aus Spott ueber die ploetzliche
Unternehmungslust des jungen Mannes. Dieser aber fasste unversehens
ihre beiden Haende und suchte die huebsche Frau an sich zu ziehen,
indem er sogleich in demselben halblauten Tone, in welchem sie der
schlafenden Kinder wegen die ganze Verhandlung gefuehrt hatten, so
heftig und feurig anfing zu schmeicheln und zuzureden, ihr Leben doch
nicht so oede und unbenutzt entfliehen zu lassen, sondern klug zu sein
und sich seiner treuen Ergebenheit zu erfreuen. Sie wagte keine rasche
Bewegung und kein lautes Wort, aus Furcht, die Kinder zur Unzeit zu
wecken; doch fluesterte sie voll Zorn, er solle ihre Haende freilassen
und augenblicklich hinausgehen. Er liess sie aber nicht frei, sondern
fasste sie nur um so fester und hielt ihr mit eindringlichen Worten
ihre Jugend und schoene Gestalt vor und ihre Torheit, so gute Dinge
ungenossen vergehen zu lassen. Sie durchschaute ihren Feind wohl,
dessen Augen ebenso stark von Schlauheit als von Lebenslust glaenzten,
und merkte, dass er auf diesem leidenschaftlich-sinnlichen Wege nur
beabsichtigte, sie sich zu unterwerfen und dienstbar zu machen, also
dass ihre Selbstaendigkeit ein schlimmes Ende naehme. Sie gab ihm dies
auch mit hoehnischen Blicken zu verstehen, waehrend sie fortfuhr, so
still als moeglich sich von ihm loszumachen, was er nur mit vermehrter
Kraft und Eindringlichkeit erwiderte. Auf diese Weise rang sie mit dem
starken Gesellen eine gute Weile hin und her, ohne dass es dem einen
oder andern Teile gelang, weiter zu kommen, waehrend nur zuweilen der
erschuetterte Tisch oder ein unterdrueckter zorniger Ausruf oder ein
Seufzer ein Geraeusch verursachte, und so schwebte die brave Frau
peinvoll zwischen ihrer in der Kammer dreifach schlafenden Sorge und
zwischen dem heissen Anstuermen des wachen Lebens. Sie war kaum
dreissig Jahre alt und schon seit einigen Jahren von ihrem Manne
verlassen und ihr Blut floss so rasch und warm, wie eines; was Wunder,
dass sie daher endlich einen Augenblick innehielt und tief aufseufzte,
und dass ihr in diesem Augenblick der Zweifel durch den Kopf ging, ob
es sich auch der Muehe lohne, so treu und ausdauernd in Entbehrung und
Arbeit zu sein, und ob nicht das eigene Leben am Ende die Hauptsache
und es klueger sei, zu tun wie die andern und, nicht dem verwegenen
und frechen Andringling, sondern sich selbst zu gewaehren, was ihr
Lust und Erfrischung bieten koenne; die Dinge gingen zu Seldwyla
vielleicht so oder so ihren Weg! Indem sie einen Augenblick dies
bedachte, zitterten ihre Haende in denjenigen des Werkfuehrers, und
nicht sobald fuehlte dieser solche liebliche Aenderung des Wetters,
als er seine Anstrengungen erneuerte und vielleicht trotz der
abermaligen Gegenwehr der tapfern Frau gesiegt haben wuerde, wenn
nicht jetzt eine unerwartete Hilfe erschienen waere.
Denn mit dem bangen, zornigen Ausruf: "Mutter! Es ist ein Dieb da!"
sprang der juengste Knabe, der kleine Fritzchen, in die Stube und
glich vollstaendig einem kleinen Sankt Georg. Seine goldenen
Ringellocken flogen um das vom Schlafe geroetete Gesicht; feurig
blickten aber die blauen Augen in lieblichem Zorn und mutig warf sich
der trotzige Mund auf. Das kurze schneeige Hemdchen flatterte wie die
Tunika eines Kreuzfahrers und in den nackten Aermchen schwang der
kleine Rittersmann eine lange Gardinenstange mit dickem vergoldeten
Knopf, den er auch mit aller erdenklichen Kraft dem aufspringenden
Werkmeister auf den Kopf schlug, dass sich dieser die entstehende
Beule verlegen rieb und ihm ordentlich die Augen uebergingen. Frau
Amrain aber hielt den Knaben auf, tief erroetend, und rief: "Was ist
dir denn, Fritzchen? Es ist ja nur der Florian und tut uns nichts!"
Der Knabe fing bitterlich an zu weinen, sich voll Verlegenheit an die
Knie der Mutter klammernd; diese hob ihn auf den Arm und das Kind an
sich drueckend, entliess sie mit einem kaum verhaltenen Lachen den
verbluefften Florian, der, obgleich er den Kleinen gern geohrfeigt
haette, gute Miene zum boesen Spiel machte und sich verlegen
zurueckzog. Sie riegelte die Tuer rasch hinter ihm zu; dann stand sie
tief aufatmend und nachdenklich mitten in der Stube, das tapfere Kind
auf dem Arm, welches das linke Aermchen um ihren Hals schlang und mit
dem rechten Haendchen die lange Stange mit dem glaenzenden Knopf, die
es noch immer umfasst hielt, gegen den Boden stemmte. Dann sah sie
aufmerksam in das nahe Gesicht des Kindes und bedeckte es mit Kuessen,
und endlich ergriff sie abermals die Lampe und ging in die Kammer, um
nach den beiden aeltesten Knaben zu sehen. Dieselben schliefen wie
Murmeltiere und hatten von allem nichts gehoert. Also schienen sie
Nachtmuetzen zu sein, obschon sie ihr selbst glichen; der Juengste
aber, der dem Vater glich, hatte sich als wachsam, feinfuehlend und
mutvoll erwiesen, und schien das werden zu wollen, was der Alte
eigentlich sein sollte und was sie einst auch hinter ihm gesucht.
Indem sie ueber dies geheimnisvolle Spiel der Natur nachdachte und
nicht wusste, ob sie froh sein sollte, dass das Abbild des einst
geliebten Mannes besser schien, als ihre eigenen so traege daliegenden
Bilder, legte sie das Kind in sein Bettchen zurueck, deckte es zu und
beschloss, von Stund an alle ihre Treue und Hoffnung auf den kleinen
Sankt Georg zu setzen und ihm seine junge Ritterlichkeit zu vergelten.
"Wenn die zwei Schlafkappen," dachte sie, "welche nichtsdestominder
meine Kinder sind, dann auch mitgehen wollen auf einem guten Wege, so
moegen sie es tun."
Am naechsten Morgen schien Fritzchen den Vorfall schon vergessen zu
haben, und so alt auch die Mutter und der Sohn wurden, so ward doch
nie mehr mit einer Silbe desselben erwaehnt zwischen ihnen. Der Sohn
behielt ihn nichtsdestoweniger in deutlicher Erinnerung, obgleich er
viel spaetere Erlebnisse mit der Zeit gaenzlich vergass. Er erinnerte
sich genau, schon bei dem Eintritte des Werkmeisters erwacht zu sein,
da er trotz eines gesunden Schlafes alles hoerte und ein wachsames
Buerschchen war. Er hatte sodann jedes Wort der Unterredung, bis sie
bedenklich wurde, gehoert, und ohne etwas davon zu verstehen, doch
etwas Gefaehrliches und Ungehoeriges geahnt und war in eine heftige
Angst um seine Mutter verfallen, so dass er, als er das leise Ringen
mehr fuehlte als hoerte, aufsprang, um ihr zu helfen. Und dann, wer
verfolgt die geheimen Wege der Faehigkeiten, wie sie im Menschenkind
sich verlieren? Als er den Werkfuehrer recht wohl erkannt: wer lehrte
den kleinen Bold die unbewusste blitzschnelle Heuchelei des
Zartgefuehles, mit der er sich stellte, als ob er einen Dieb saehe,
und die ihn so unbefangen den Widersacher vor den Kopf schlagen liess?
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