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Annual Bibliography of Commonwealth Literature 2007
This paper argues that discourses of love in Ghanaian market literature for youth offer a view into complex negotiations of agency and empowerment. Drawing on Deborah Durham's notion of youth as "social `shifters'" and Francis Nyamnjoh's conception of the "interconnectedness" of agency, I take Ghanaian market literature as one specific case of how African literature for youth foregrounds questions of continuity and change as African societies enter into increasingly complex global relations. In this literature for youth, received notions of love, often constructed out of impressions from American pop and hip hop music, carry new notions of agency that compete with existing "domesticated" forms. Authors like Ike Tandoh and Evelyn Tay employ discourses of love to offer youth alternative avenues for empowerment in a context of socio-economic disenfranchizement. In a creative process of "straddling", this writing both reveals and reproduces the contradictions that obtain in youth configurations of agency.

Die Leute von Seldwyla, Vol. 1

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So genoss Vrenchen alle Wonnen einer Braut, die zur Hochzeit reiset:
die wohlwollende Ansprache und Aufmunterung einer sehr vernuenftigen
Frau, den Neid einer heiratslustigen boesen Person, welche aus Aerger
den Geliebten lobte und bedauerte, und ein leckeres Mittagsmahl an der
Seite eben dieses Geliebten. Es gluehte im Gesicht, wie eine rote
Nelke, das Herz klopfte ihm, aber es ass und trank nichtsdestominder
mit gutem Appetit und war mit der aufwartenden Kellnerin nur um so
artiger, konnte aber nicht unterlassen, dabei den Sali zaertlich
anzusehen und mit ihm zu lispeln, so dass es diesem auch ganz kraus im
Gemuet wurde. Sie sassen indessen lang und gemaechlich am Tische, wie
wenn sie zoegerten und sich scheuten, aus der halben Taeuschung
herauszugehen. Die Wirtin brachte zum Nachtisch suesses Backwerk, und
Sali bestellte feineren und staerkeren Wein dazu, welcher Vrenchen
feurig durch die Adern rollte, als es ein wenig davon trank; aber es
nahm sich in acht, nippte bloss zuweilen und sass so zuechtig und
verschaemt da, wie eine wirkliche Braut. Halb spielte es aus
Schalkheit diese Rolle und aus Lust, zu versuchen, wie es tue, halb
war es ihm in der Tat so zumut und vor Bangigkeit und heisser Liebe
wollte ihm das Herz brechen, so dass es ihm zu eng ward innerhalb der
vier Waende und es zu gehen begehrte. Es war, als ob sie sich
scheuten, auf dem Wege wieder so abseits und allein zu sein; denn sie
gingen unverabredet auf der Hauptstrasse weiter, mitten durch die
Leute und sahen weder rechts noch links. Als sie aber aus dem Dorfe
waren und auf das naechstgelegene zugingen, wo Kirchweih war, hing
sich Vrenchen an Salis Arm und fluesterte mit zitternden Worten:
"Sali! warum sollen wir uns nicht haben und gluecklich sein!" "Ich
weiss auch nicht warum!" erwiderte er und heftete seine Augen an den
milden Herbstsonnenschein, der auf den Auen webte, und er musste sich
bezwingen und das Gesicht ganz sonderbar verziehen. Sie standen still,
um sich zu kuessen; aber es zeigten sich Leute und sie unterliessen es
und zogen weiter. Das grosse Kirchdorf, in dem Kirchweih war, belebte
sich schon von der Lust des Volkes; und aus dem stattlichen Gasthofe
toente eine pomphafte Tanzmusik, da die jungen Doerfler bereits um
Mittag den Tanz angehoben, und auf dem Platz vor dem Wirtshause war
ein kleiner Markt aufgeschlagen, bestehend aus einigen Tischen mit
Suessigkeiten und Backwerk und ein paar Buden mit Flitterstaat, um
welche sich die Kinder und dasjenige Volk draengten, welches sich
einstweilen mehr mit Zusehen begnuegte. Sali und Vrenchen traten auch
zu den Herrlichkeiten und liessen ihre Augen darueberfliegen; denn
beide hatten zugleich die Hand in der Tasche und jedes wuenschte dem
andern etwas zu schenken, da sie zum ersten und einzigen Male
miteinander zu Markt waren; Sali kaufte ein grosses Haus von
Lebkuchen, das mit Zuckerguss freundlich geweisst war, mit einem
gruenen Dach, auf welchem weisse Tauben sassen und aus dessen
Schornstein ein Amoerchen guckte als Kaminfeger; an den offenen
Fenstern umarmten sich pausbaeckige Leutchen mit winzig kleinen roten
Muendchen, die sich recht eigentlich kuessten, da der fluechtige
praktische Maler mit einem Kleckschen gleich zwei Muendchen gemacht,
die so ineinander verflossen. Schwarze Puenktchen stellten muntere
AEuglein vor. Auf der rosenroten Haustuer aber waren diese Verse zu
lesen:

Tritt in mein Haus, o Liebste!
Doch sei dir unverhehlt:
Drin wird allein nach Kuessen
Gerechnet und gezaehlt!

Die Liebste sprach: "O Liebster,
Mich schrecket nichts zurueck!
Hab' alles wohl erwogen:
In dir nur lebt mein Glueck!

Und wenn ich's recht bedenke,
Kam ich deswegen auch!"
Nun denn, spazier' mit Segen
Herein und ueb' den Brauch!

Ein Herr in einem blauen Frack und eine Dame mit einem sehr hohen
Busen komplimentierten sich diesen Versen gemaess in das Haus hinein,
links und rechts an die Mauer gemalt. Vrenchen schenkte Sali dagegen
ein Herz, auf dessen einer Seite ein Zettelchen klebte mit den Worten:

Ein suesser Mandelkern steckt in dem Herze hier,
Doch suesser als der Mandelkern ist meine Lieb' zu dir!

Und auf der andern Seite:

Wenn du dies Herz gegessen, vergiss dies Spruechlein nicht!
Viel eh'r als meine Liebe mein braunes Auge bricht!

Sie lasen eifrig die Sprueche und nie ist etwas Gereimtes und
Gedrucktes schoener befunden und tiefer empfunden worden, als diese
Pfefferkuchensprueche; sie hielten, was sie lasen, in besonderer
Absicht auf sich gemacht, so gut schien es ihnen zu passen. "Ach,"
seufzte Vrenchen, "du schenkst mir ein Haus! Ich habe dir auch eines
und erst das wahre geschenkt; denn unser Herz ist jetzt unser Haus,
darin wir wohnen, und wir tragen so unsere Wohnung mit uns, wie die
Schnecken! Andere haben wir nicht!" "Dann sind wir aber zwei
Schnecken, von denen jede das Haeuschen der andern traegt!" sagte
Sali, und Vrenchen erwiderte: "Desto weniger duerfen wir voneinander
gehen, damit jedes seiner Wohnung nahbleibt!" Doch wussten sie nicht,
dass sie in ihren Reden ebensolche Witze machten, als auf den vielfach
geformten Lebkuchen zu lesen waren, und fuhren fort, diese suesse
einfache Liebesliteratur zu studieren, die da ausgebreitet lag und
besonders auf vielfach verzierte kleine und grosse Herzen geklebt war.
Alles duenkte sie schoen und einzig zutreffend; als Vrenchen auf einem
vergoldeten Herzen, das wie eine Lyra mit Saiten bespannt war, las:
Mein Herz ist wie ein Zitherspiel, ruehrt man es viel, so toent es
viel! ward ihm so musikalisch zumut, dass es glaubte, sein eigenes
Herz klingen zu hoeren. Ein Napoleonsbild war da, welches aber auch
der Traeger eines verliebten Spruches sein musste, denn es stand
darunter geschrieben: Gross war der Held Napoleon, sein Schwert von
Stahl, sein Herz von Ton; meine Liebe traegt ein Roeslein frei, doch
ist ihr Herz wie Stahl so treu!--Waehrend sie aber beiderseitig in das
Lesen vertieft schienen, nahm jedes die Gelegenheit wahr, einen
heimlichen Einkauf zu machen. Sali kaufte fuer Vrenchen ein
vergoldetes Ringelchen mit einem gruenen Glassteinchen, und Vrenchen
einen Ring von schwarzem Gemshorn, auf welchem ein goldenes
Vergissmeinnicht eingelegt war. Wahrscheinlich hatten sie die gleichen
Gedanken, sich diese armen Zeichen bei der Trennung zu geben.

Waehrend sie in diese Dinge sich versenkten, waren sie so vergessen,
dass sie nicht bemerkten, wie nach und nach ein weiter Ring sich um
sie gebildet hatte von Leuten, die sie aufmerksam und neugierig
betrachteten. Denn da viele junge Burschen und Maedchen aus ihrem
Dorfe hier waren, so waren sie erkannt worden, und alles stand jetzt
in einiger Entfernung um sie herum und sah mit Verwunderung auf das
wohlgeputzte Paar, welches in andaechtiger Innigkeit die Welt um sich
her zu vergessen schien. "Ei seht!" hiess es, "das ist ja wahrhaftig
das Vrenchen Marti und der Sali aus der Stadt! Die haben sich ja
saeuberlich gefunden und verbunden! Und welche Zaertlichkeit und
Freundschaft, seht doch, seht! Wo die wohl hinauswollen?" Die
Verwunderung dieser Zuschauer war ganz seltsam gemischt aus Mitleid
mit dem Unglueck, aus Verachtung der Verkommenheit und Schlechtigkeit
der Eltern und aus Neid gegen das Glueck und die Einigkeit des Paares,
welches auf eine ganz ungewoehnliche und fast vornehme Weise verliebt
und aufgeregt war und in dieser rueckhaltlosen Hingebung und
Selbstvergessenheit dem rohen Voelkchen ebenso fremd erschien, wie in
seiner Verlassenheit und Armut. Als sie daher endlich aufwachten und
um sich sahen, erschauten sie nichts als gaffende Gesichter von allen
Seiten; niemand gruesste sie und sie wussten nicht, sollten sie jemand
gruessen, und diese Verfremdung und Unfreundlichkeit war von beiden
Seiten mehr Verlegenheit als Absicht. Es wurde Vrenchen bang und
heiss, es wurde bleich und rot, Sali nahm es aber bei der Hand und
fuehrte das arme Wesen hinweg, das ihm mit seinem Haus in der Hand
willig folgte, obgleich die Trompeten im Wirtshause lustig
schmetterten und Vrenchen so gern tanzen wollte. "Hier koennen wir
nicht tanzen!" sagte Sali, als sie sich etwas entfernt hatten, "wir
wuerden hier wenig Freude haben, wie es scheint!" "Jedenfalls," sagte
Vrenchen traurig, "es wird auch am besten sein, wir lassen es ganz
bleiben und ich sehe, wo ich ein Unterkommen finde!" "Nein," rief
Sali, "du sollst einmal tanzen, ich habe dir darum Schuhe gebracht!
Wir wollen gehen, wo das arme Volk sich lustig macht, zu dem wir jetzt
auch gehoeren, da werden sie uns nicht verachten; im Paradiesgaertchen
wird jedesmal auch getanzt, wenn hier Kirchweih ist, da es in die
Kirchgemeinde gehoert, und dorthin wollen wir gehen, dort kannst du
zur Not auch uebernachten." Vrenchen schauerte zusammen bei dem
Gedanken, nun zum erstenmal an einem unbekannten Ort zu schlafen; doch
folgte es willenlos seinem Fuehrer, der jetzt alles war, was es in der
Welt hatte. Das Paradiesgaertlein war ein schoengelegenes Wirtshaus an
einer einsamen Berghalde, das weit ueber das Land wegsah, in welchem
aber an solchen Vergnuegungstagen nur das aermere Volk, die Kinder der
ganz kleinen Bauern und Tageloehner und sogar mancherlei fahrendes
Gesinde verkehrte. Vor hundert Jahren war es als ein kleines Landhaus
von einem reichen Sonderling gebaut worden, nach welchem niemand mehr
da wohnen mochte, und da der Platz sonst zu nichts zu gebrauchen war,
so geriet der wunderliche Landsitz in Verfall und zuletzt in die
Haende eines Wirtes, der da sein Wesen trieb. Der Name und die
demselben entsprechende Bauart waren aber dem Hause geblieben. Es
bestand nur aus einem Erdgeschoss, ueber welchem ein offener Estrich
gebaut war, dessen Dach an den vier Ecken von Bildern aus Sandstein
getragen wurde, so die vier Erzengel vorstellten und gaenzlich
verwittert waren. Auf dem Gesimse des Daches sassen ringsherum kleine
musizierende Engel mit dicken Koepfen und Baeuchen, den Triangel, die
Geige, die Floete, Zimbel und Tamburin spielend, ebenfalls aus
Sandstein, und die Instrumente waren urspruenglich vergoldet gewesen.
Die Decke inwendig, sowie die Brustwehr des Estrichs und das uebrige
Gemaeuer des Hauses waren mit verwaschenen Freskomalereien bedeckt,
welche lustige Engelscharen, sowie singende und tanzende Heilige
darstellten. Aber alles war verwischt und undeutlich wie ein Traum und
ueberdies reichlich mit Weinreben uebersponnen, und blaue reifende
Trauben hingen ueberall in dem Laube. Um das Haus herum standen
verwilderte Kastanienbaeume, und knorrige starke Rosenbuesche, auf
eigene Hand fortlebend, wuchsen da und dort so wild herum, wie
anderswo die Holunderbaeume. Der Estrich diente zum Tanzsaal; als Sali
mit Vrenchen daherkam, sahen sie schon von weitem die Paare unter dem
offenen Dache sich drehen und rund um das Haus zechten und laermten
eine Menge lustiger Gaeste. Vrenchen, welches andaechtig und wehmuetig
sein Liebeshaus trug, glich einer heiligen Kirchenpatronin auf alten
Bildern, welche das Modell eines Domes oder Klosters auf der Hand
haelt, so sie gestiftet; aber aus der frommen Stiftung, die ihr im
Sinne lag, konnte nichts werden. Als es aber die wilde Musik hoerte,
welche vom Estrich ertoente, vergass es sein Leid und verlangte
endlich nichts, als mit Sali zu tanzen. Sie draengten sich durch die
Gaeste, die vor dem Hause sassen und in der Stube, verlumpte Leute aus
Seldwyla, die eine billige Landpartie machten, armes Volk von allen
Enden, und stiegen die Treppe hinauf, und sogleich drehten sie sich im
Walzer herum, keinen Blick voneinander abwendend. Erst als der Walzer
zu Ende, sahen sie sich um, Vrenchen hatte sein Haus zerdrueckt und
zerbrochen und wollte eben betruebt darueber werden, als es noch mehr
erschrak ueber den schwarzen Geiger, in dessen Naehe sie standen. Er
sass auf einer Bank, die auf einem Tische stand, und sah so schwarz
aus wie gewoehnlich; nur hatte er heute einen gruenen Tannenbusch auf
sein Huetchen gesteckt, zu seinen Fuessen hatte er eine Flasche
Rotwein und ein Glas stehen, welche er nie umstiess, obgleich er
fortwaehrend mit den Beinen strampelte, wenn er geigte, und so eine
Art von Eiertanz damit vollbrachte. Neben ihm sass noch ein schoener
aber trauriger junger Mensch mit einem Waldhorn, und ein Buckliger
stand an einer Bassgeige. Sali erschrak auch, als er den Geiger
erblickte; dieser gruesste sie aber auf das freundlichste und rief:
"Ich habe doch gewusst, dass ich euch noch einmal aufspielen werde! So
macht euch nur recht lustig, ihr Schaetzchen, und tut mir Bescheid!"
Er bot Sali das volle Glas und Sali trank und tat ihm Bescheid. Als
der Geiger sah, wie erschrocken Vrenchen war, suchte er ihm freundlich
zuzureden und machte einige fast anmutige Scherze, die es zum Lachen
brachten. Es ermunterte sich wieder, und nun waren sie froh, hier
einen Bekannten zu haben und gewissermassen unter dem besonderen
Schutze des Geigers zu stehen. Sie tanzten nun ohne Unterlass, sich
und die Welt vergessend in dem Drehen, Singen und Laermen, welches in
und ausser dem Hause rumorte und vom Berge weit in die Gegend
hinausschallte, welche sich allmaehlich in den silbernen Duft des
Herbstabends huellte. Sie tanzten, bis es dunkelte und der groessere
Teil der lustigen Gaeste sich schwankend und johlend nach allen Seiten
entfernte. Was noch zurueckblieb, war das eigentliche Hudelvoelkchen,
welches nirgends zu Hause war und sich zum guten Tag auch noch eine
gute Nacht machen wollte. Unter diesen waren einige, welche mit dem
Geiger gut bekannt schienen und fremdartig aussahen in ihrer
zusammengewuerfelten Tracht. Besonders ein junger Bursche fiel auf,
der eine gruene Manchesterjacke trug und einen zerknitterten Strohhut,
um den er einen Kranz von Ebereschen oder Vogelbeerbuescheln gebunden
hatte. Dieser fuehrte eine wilde Person mit sich, die einen Rock von
kirschrotem, weissgetuepfeltem Kattun trug und sich einen Reifen von
Rebenschossen um den Kopf gebunden, so dass an jeder Schlaefe eine
blaue Traube hing. Dies Paar war das ausgelassenste von allen, tanzte
und sang unermuedlich und war in allen Ecken zugleich. Dann war noch
ein schlankes huebsches Maedchen da, welches ein schwarzseidenes
abgeschossenes Kleid trug und ein weisses Tuch um den Kopf, dass der
Zipfel ueber den Ruecken fiel. Das Tuch zeigte rote, eingewobene
Streifen und war eine gute leinene Handzwehle oder Serviette. Darunter
leuchteten aber ein Paar veilchenblaue Augen hervor. Um den Hals und
auf der Brust hing eine sechsfache Kette von Vogelbeeren auf einen
Faden gezogen und ersetzte die schoenste Korallenschnur. Diese Gestalt
tanzte fortwaehrend allein mit sich selbst und verweigerte
hartnaeckig, mit einem der Gesellen zu tanzen. Nichtsdestominder
bewegte sie sich anmutig und leicht herum und laechelte jedesmal, wenn
sie sich an dem traurigen Waldhornblaeser vorueberdrehte, wozu dieser
immer den Kopf abwandte. Noch einige andere vergnuegte Frauensleute
waren da mit ihren Beschuetzern, alle von duerftigem Aussehen, aber
sie waren um so lustiger und in bester Eintracht untereinander. Als es
gaenzlich dunkel war, wollte der Wirt keine Lichter anzuenden, da er
behauptete, der Wind loesche sie aus, auch ginge der Vollmond sogleich
auf und fuer das, was ihm diese Herrschaften einbraechten, sei das
Mondlicht gut genug. Diese Eroeffnung wurde mit grossem Wohlgefallen
aufgenommen; die ganze Gesellschaft stellte sich an die Bruestung des
luftigen Saales und sah dem Aufgange des Gestirnes entgegen, dessen
Roete schon am Horizonte stand; und sobald der Mond aufging und sein
Licht quer durch den Estrich des Paradiesgaertels warf, tanzten sie im
Mondschein weiter, und zwar so still, artig und seelenvergnuegt, als
ob sie im Glanze von hundert Wachskerzen tanzten. Das seltsame Licht
machte alle vertrauter und so konnten Sali und Vrenchen nicht umhin,
sich unter die gemeinsame Lustbarkeit zu mischen und auch mit andern
zu tanzen. Aber jedesmal, wenn sie ein Weilchen getrennt gewesen,
flogen sie zusammen und feierten ein Wiedersehen, als ob sie sich
jahrelang gesucht und endlich gefunden. Sali machte ein trauriges und
unmutiges Gesicht, wenn er mit einer andern tanzte, und drehte
fortwaehrend das Gesicht nach Vrenchen hin, welches ihn nicht ansah,
wenn es vorueberschwebte, gluehte wie eine Purpurrose und
uebergluecklich schien, mit wem es auch tanzte. "Bist du
eifersuechtig, Sali?" fragte es ihn, als die Musikanten muede waren
und aufhoerten. "Gott bewahre!" sagte er, "ich wuesste nicht, wie ich
es anfangen sollte!" "Warum bist du denn so boes, wenn ich mit andern
tanze?" "Ich bin nicht darueber boes, sondern weil ich mit andern
tanzen muss! Ich kann kein anderes Maedchen ausstehen, es ist mir, als
wenn ich ein Stueck Holz im Arm habe, wenn du es nicht bist! Und du?
Wie geht es dir?" "Oh, ich bin immer wie im Himmel, wenn ich nur tanze
und weiss, dass du zugegen bist! Aber ich glaube, ich wuerde sogleich
tot umfallen, wenn du weggingest und mich daliessest!" Sie waren
hinabgegangen und standen vor dem Hause! Vrenchen umschloss ihn mit
beiden Armen, schmiegte seinen schlanken zitternden Leib an ihn,
drueckte seine gluehende Wange, die von heissen Traenen feucht war, an
sein Gesicht und sagte schluchzend: "Wir koennen nicht zusammensein
und doch kann ich nicht von dir lassen, nicht einen Augenblick mehr,
nicht eine Minute!" Sali umarmte und drueckte das Maedchen heftig an
sich und bedeckte es mit Kuessen. Seine verwirrten Gedanken rangen
nach einem Ausweg, aber er sah keinen. Wenn auch das Elend und die
Hoffnungslosigkeit seiner Herkunft zu ueberwinden gewesen waeren, so
war seine Jugend und unerfahrene Leidenschaft nicht beschaffen, sich
eine lange Zeit der Pruefung und Entsagung vorzunehmen und zu
ueberstehen, und dann waere erst noch Vrenchens Vater dagewesen,
welchen er zeitlebens elend gemacht. Das Gefuehl, in der buergerlichen
Welt nur in einer ganz ehrlichen und gewissenfreien Ehe gluecklich
sein zu koennen, war in ihm ebenso lebendig wie in Vrenchen, und in
beiden verlassenen Wesen war es die letzte Flamme der Ehre, die in
frueheren Zeiten in ihren Haeusern geglueht hatte und welche die sich
sicher fuehlenden Vaeter durch einen unscheinbaren Missgriff
ausgeblasen und zerstoert hatten, als sie, eben diese Ehre zu aeufnen
waehnend durch Vermehrung ihres Eigentums, so gedankenlos sich das Gut
eines Verschollenen aneigneten, ganz gefahrlos, wie sie meinten. Das
geschieht nun freilich alle Tage; aber zuweilen stellt das Schicksal
ein Exempel auf und laesst zwei solche Aeufner ihrer Hausehre und
ihres Gutes zusammentreffen, die sich dann unfehlbar aufreiben und
auffressen wie zwei wilde Tiere. Denn die Mehrer des Reiches
verrechnen sich nicht nur auf den Thronen, sondern zuweilen auch in
den niedersten Huetten und langen ganz am entgegengesetzten Ende an,
als wohin sie zu kommen trachteten, und der Schild der Ehre ist im
Umsehen eine Tafel der Schande. Sali und Vrenchen hatten aber noch die
Ehre ihres Hauses gesehen in zarten Kinderjahren und erinnerten sich,
wie wohlgepflegte Kinderchen sie gewesen und dass ihre Vaeter
ausgesehen wie andere Maenner, geachtet und sicher. Dann waren sie auf
lange getrennt worden, und als sie sich wiederfanden, sahen sie in
sich zugleich das verschwundene Glueck des Hauses, und beider Neigung
klammerte sich nur um so heftiger ineinander. Sie mochten so gern
froehlich und gluecklich sein, aber nur auf einem guten Grund und
Boden, und dieser schien ihnen unerreichbar, waehrend ihr wallendes
Blut am liebsten gleich zusammengestroemt waere. "Nun ist es Nacht,"
rief Vrenchen, "und wir sollen uns trennen!" "Ich soll nach Hause
gehen und dich allein lassen?" rief Sali, "nein, das kann ich nicht!"
"Dann wird es Tag werden und nicht besser um uns stehen!"

"Ich will euch einen Rat geben, ihr naerrischen Dinger!" toente eine
schrille Stimme hinter ihnen, und der Geiger trat vor sie hin. "Da
steht ihr," sagte er, "wisst nicht wo hinaus und haettet euch gern.
Ich rate euch, nehmt euch, wie ihr seid, und saeumet nicht. Kommt mit
mir und meinen guten Freunden in die Berge, da brauchet ihr keinen
Pfarrer, kein Geld, keine Schriften, keine Ehre, kein Bett, nichts als
eueren guten Willen! Es ist gar nicht so uebel bei uns, gesunde Luft
und genug zu essen, wenn man taetig ist; die gruenen Waelder sind
unser Haus, wo wir uns liebhaben, wie es uns gefaellt, und im Winter
machen wir uns die waermsten Schlupfwinkel oder kriechen den Bauern
ins warme Heu. Also kurz entschlossen, haltet gleich hier Hochzeit und
kommt mit uns, dann seid ihr aller Sorgen los und habt euch fuer immer
und ewiglich, solang es euch gefaellt wenigstens; denn alt werdet ihr
bei unserem freien Leben, das koennt ihr glauben! Denkt nicht etwa,
dass ich euch nachtragen will, was eure Alten an mir getan! Nein! Es
macht mir zwar Vergnuegen, euch da angekommen zu sehen, wo ihr seid;
allein damit bin ich zufrieden und werde euch behilflich und
dienstfertig sein, wenn ihr mir folgt." Er sagte das wirklich in einem
aufrichtigen und gemuetlichen Tone. "Nun, besinnt euch ein bisschen,
aber folget mir, wenn ich euch gut zum Rat bin! Lasst fahren die Welt
und nehmet euch und fraget niemandem was nach! Denkt an das luftige
Hochzeitbett im tiefen Wald oder auf einem Heustock, wenn es euch zu
kalt ist!" Damit ging er ins Haus. Vrenchen zitterte in Salis Armen
und dieser sagte: "Was meinst du dazu? Mich duenkt, es waere nicht
uebel, die ganze Welt in den Wind zu schlagen und uns dafuer zu lieben
ohne Hindernis und Schranken!" Er sagte es aber mehr als einen
verzweifelten Scherz, denn im Ernst. Vrenchen aber erwiderte ganz
treuherzig und kuesste ihn: "Nein, dahin moechte ich nicht gehen, denn
da geht es auch nicht nach meinem Sinne zu. Der junge Mensch mit dem
Waldhorn und das Maedchen mit dem seidenen Rocke gehoeren auch so
zueinander und sollen sehr verliebt gewesen sein. Nun sei letzte Woche
die Person ihm zum erstenmal untreu geworden, was ihm nicht in den
Kopf wolle, und deshalb sei er so traurig und schmolle mit ihr und mit
den andern, die ihn auslachen. Sie aber tut eine mutwillige Busse,
indem sie allein tanzt und mit niemandem spricht, und lacht ihn auch
nur aus damit. Dem armen Musikanten sieht man es jedoch an, dass er
sich noch heute mit ihr versoehnen wird. Wo es aber so hergeht,
moechte ich nicht sein, denn nie moecht' ich dir untreu werden, wenn
ich auch sonst noch alles ertragen wuerde, um dich zu besitzen !"
Indessen aber fieberte das arme Vrenchen immer heftiger an Salis
Brust; denn schon seit dem Mittag, wo jene Wirtin es fuer eine Braut
gehalten und es eine solche ohne Widerrede vorgestellt, lohte ihm das
Brautwesen im Blute, und je hoffnungsloser es war, um so wilder und
unbezwinglicher. Dem Sali erging es ebenso schlimm, da die Reden des
Geigers, so wenig er ihnen folgen mochte, dennoch seinen Kopf
verwirrten, und er sagte mit ratlos stockender Stimme: "Komm herein,
wir muessen wenigstens noch was essen und trinken." Sie gingen in die
Gaststube, wo niemand mehr war, als die kleine Gesellschaft der
Heimatlosen, welche bereits um einen Tisch sass und eine spaerliche
Mahlzeit hielt. "Da kommt unser Hochzeitpaar!" rief der Geiger, "jetzt
seid lustig und froehlich und lasst euch zusammengeben!" Sie wurden an
den Tisch genoetigt und fluechteten sich vor sich selbst an denselben
hin; sie waren froh, nur fuer den Augenblick unter Leuten zu sein.
Sali bestellte Wein und reichlichere Speisen, und es begann eine
grosse Froehlichkeit. Der Schmollende hatte sich mit der Untreuen
versoehnt, und das Paar liebkoste sich in begieriger Seligkeit; das
andere wilde Paar sang und trank und liess es ebenfalls nicht an
Liebesbezeigungen fehlen, und der Geiger nebst dem buckligen
Bassgeiger laermten ins Blaue hinein. Sali und Vrenchen waren still
und hielten sich umschlungen; auf einmal gebot der Geiger Stille und
fuehrte eine spasshafte Zeremonie auf, welche eine Trauung vorstellen
sollte. Sie mussten sich die Haende geben und die Gesellschaft stand
auf und trat der Reihe nach zu ihnen, um sie zu beglueckwuenschen und
in ihrer Verbruederung willkommen zu heissen. Sie liessen es
geschehen, ohne ein Wort zu sagen, und betrachteten es als einen
Spass, waehrend es sie doch kalt und heiss durchschauerte.

Die kleine Versammlung wurde jetzt immer lauter und aufgeregter,
angefeuert durch den staerkeren Wein, bis ploetzlich der Geiger zum
Aufbruch mahnte. "Wir haben weit," rief er, "und Mitternacht ist
vorueber! Auf! Wir wollen dem Brautpaar das Geleit geben und ich will
vorausgeigen, dass es eine Art hat!" Da die ratlosen Verlassenen
nichts Besseres wussten und ueberhaupt ganz verwirrt waren, liessen
sie abermals geschehen, dass man sie voranstellte und die uebrigen
zwei Paare einen Zug hinter ihnen formierten, welchen der Bucklige
abschloss mit seiner Bassgeige ueber der Schulter. Der Schwarze zog
voraus und spielte auf seiner Geige wie besessen den Berg hinunter,
und die andern lachten, sangen und sprangen hintendrein. So strich der
tolle naechtliche Zug durch die stillen Felder und durch das
Heimatdorf Salis und Vrenchens, dessen Bewohner laengst schliefen.

Als sie durch die stillen Gassen kamen und an ihren verlorenen
Vaterhaeusern vorueber, ergriff sie eine schmerzhaft wilde Laune und
sie tanzten mit den andern um die Wette hinter dem Geiger her,
kuessten sich, lachten und weinten. Sie tanzten auch den Huegel
hinauf, ueber welchen der Geiger sie fuehrte, wo die drei Aecker
lagen, und oben strich der schwaerzliche Kerl die Geige noch einmal so
wild, sprang und huepfte wie ein Gespenst, und seine Gefaehrten
blieben nicht zurueck in der Ausgelassenheit, so dass es ein wahrer
Blocksberg war auf der stillen Hoehe; selbst der Bucklige sprang
keuchend mit seiner Last herum und keines schien mehr das andere zu
sehen. Sali fasste Vrenchen fester in den Arm und zwang es,
stillzustehen; denn er war zuerst zu sich gekommen. Er kuesste es,
damit es schweige, heftig auf den Mund, da es sich ganz vergessen
hatte und laut sang. Es verstand ihn endlich, und sie standen still
und lauschend, bis ihr tobendes Hochzeitsgeleite das Feld entlang
gerast war und, ohne sie zu vermissen, am Ufer des Stromes hinauf sich
verzog. Die Geige, das Gelaechter der Maedchen und die Jauchzer der
Burschen toenten aber noch eine gute Zeit durch die Nacht, bis zuletzt
alles verklang und still wurde.

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