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Annual Bibliography of Commonwealth Literature 2007
This paper argues that discourses of love in Ghanaian market literature for youth offer a view into complex negotiations of agency and empowerment. Drawing on Deborah Durham's notion of youth as "social `shifters'" and Francis Nyamnjoh's conception of the "interconnectedness" of agency, I take Ghanaian market literature as one specific case of how African literature for youth foregrounds questions of continuity and change as African societies enter into increasingly complex global relations. In this literature for youth, received notions of love, often constructed out of impressions from American pop and hip hop music, carry new notions of agency that compete with existing "domesticated" forms. Authors like Ike Tandoh and Evelyn Tay employ discourses of love to offer youth alternative avenues for empowerment in a context of socio-economic disenfranchizement. In a creative process of "straddling", this writing both reveals and reproduces the contradictions that obtain in youth configurations of agency.

Candida

G >> George Bernard Shaw >> Candida

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(Morell auffabrend:) Als ein frierender Bettler, der sie um ihren
Schal bat, nicht wahr?

(Marchbanks wendet sich ueberrascht um:) Ich danke Ihnen, dass Sie sich
auf mein Gedicht beziehen. Ja, wenn Sie wollen: als ein frierender
Bettler, der sie um ihren Schal bat.

(Morell erregt:) Und sie verweigerte ihn. Soll ich Ihnen sagen, warum
sie ihn verweigert hat? Ich kann es Ihnen sagen, mit ihrer eigenen
Erlaubnis: weil...

(Marchbanks.) Sie hat ihn nicht verweigert!

(Morell.) Nicht?

(Marchbanks.) Sie bot mir alles, worum ich bat: ihren Schal, ihre
Fluegel, den Sternenkranz aus ihrem Haar, die Lilien in ihrer Hand, den
aufgehenden Mond zu ihren Fuessen.

(Morell ihn anpackend:) Heraus mit der Wahrheit, Mensch! Meine Frau
ist meine Frau: ich habe genug von Ihrem poetischen Flitterkram,--ich
weiss ganz gut, dass kein Gesetz Candida an mich binden wuerde, wenn ich
ihre Liebe an Sie verloren haette!

(Marchbanks bizarr, ohne Furcht oder Widerstand:) Packen Sie mich nur
beim Kragen: sie wird ihn dann wieder in Ordnung bringen wie heute
morgen. (Mit stiller Begeisterung:) Ich werde wieder die Beruehrung
ihrer Haende fuehlen.

(Morell:) Sie junger Fant, fuehlen Sie nicht, wie gefaehrlich es ist,
mir das zu sagen! Oder (mit ploetzilicher Befuerchtung:) hat Sie irgend
etwas kuehn gemacht?

(Marchbanks.) Ich fuerchte mich jetzt nicht mehr! Ich habe Sie bisher
nie leiden moegen, deshalb bin ich bei Ihren Beruehrung zusammengezuckt.
Aber heute erkannte ich--als Candida Sie quaelites--dass Sie sie lieben.
Seitdem bin ich Ihr Freund! Jetzt koennen sie mich erwuergen, wenn
Sie wollen!

(Morell ihn loslassend:) Eugen, wenn das keine herzlose Luege ist--wenn
Sie noch einen Funken menschlichen Fuehlens haben--so werden Sie mir
sagen, was im meiner Abwesenheit vergefallen ist!

(Marchbanks:) Was vorgefallen ist? Nun, das Flamenmenschwere...
(Morell stampft ungeduldig mit dem Fusse;),--also im ganz einfacher
Prosa: ich liebte sie so unendlich, dass ich nichts weiter wuenschte als
das Glueck, so lieben zu fuer ich und bevor ich--Zote fang vom hoechsten
Grafen der Gefuer herunterzutaumente--traten Sie ein.

(Morell (scowen leidend:)) Leidenschaftlichem immer nicht erduldig--
immer bleibt ihr noch die ehblines Zweifzig.

(Marchbanks.) Quall und wuensche jetzt nichts mehr als Candidas
Glueck. (Mit leidenschaftlichem Gefuehl:) Oh, Morell, geben wir sie
beide auf! Warum soll sie waehlen muessen zwischen einem elenden,
nervoesen kleinen Kranken, wie ich es bin, und einem starrkoepfigen
Pfarrer wie Sie? Gehen wir auf Pilgerschaft, Sie nach Osten und ich
nach Westen, auf der Suche nach einem wuerdigeren Liebhaber, einem
schoenen Erzengel mit purpurnen Fluegeln.

(Morell.) Papperlapapp, dummes Zeug! Oh, wenn sie verrueckt genug waere,
mich Ihretwegen zu verlassen, wer sollte sie beschuetzen, wer sollte
ihr helfen, wer sollte fuer sie arbeiten, wer ihren Kindern ein Vater
sein! (Er setzt sich verstoert auf das Sofa, seine Ellbogen auf die
Knie gestuetzt und den Kopf zwischen den geballten Faeusten.)

(Marchbanks schnappt wild mit den Fingern:) Sie stellt nicht solche
toerichte Fragen: sie braucht jemanden, den sie schuetzen und behueten,
fuer den sie arbeiten kann, jemanden, der ihr Kinder anvertraut, um sie
zu beschuetzen, ihnen zu helfen und fuer sie zu arbeiten, einen
erwachsenen Menschen, der wieder wie ein kleines Kind geworden ist.
Oh, Sie Narr, Sie Narr, Sie dreifacher Narr! Ich bin der Mann, Morell,
ich bin der Mann! (Er tanzt aufgeregt herum und schreit:) Sie
verstehen nicht, was eine Frau ist,--schicken Sie nach ihr, Morell,
schicken Sie nach ihr und lassen Sie sie waehlen zwischen--(Die Tuer
oeffnet sich und Candida tritt ein; er haelt wie versteinert inne.)

(Candida erstaunt an der Schwelle:) Was um alles in der Welt machen
Sie da, Eugen?

(Marchbanks drollig:) Ihr Mann und ich haben ein Wettpredigen
veranstaltet, und er verliert dabei. (Candida sieht rasch nach Morell,
und als sie bemerkt, dass er traurig ist, eilt sie hin zu ihm und
spricht sehr aergerlich mit heftigem Vorwurf zu Marchbanks.)

(Candida.) Sie haben ihn geaergert. Nein, das dulde ich nicht, Eugen,
hoeren Sie! (Sie legt ihre Hand auf Morells Schulter und vergisst in
ihrem Aerger ganz ihren weiblichen Takt:) Mein Liebling soll nicht
geaergert werden, ich werde ihn beschuetzen.

(Morell sich stolz erhebend:) Beschuetzen?

(Candida nicht auf ihn achtend, zu Eugen:) Was haben Sie ihm gesagt?

(Marchbanks erschreckt:) Nichts. Ich--

(Candida.) Eugen, nichts?

(Marchbanks jaemmerlich:) Ich meine--ich--es tut mir sehr leid, ich
werde es nicht wieder tun, gewiss nicht, ich werde ihn in Ruhe lassen.

(Morell empoert mit einer angreifenden Bewegung gegen Eugen:) Mich in
Ruhe lassen! Sie junger--

(Candida ihm ins Wort fallend:) Sch, nicht doch! lass mich mit ihm
reden, Jakob.

(Marchbanks.) Oh, Sie sind mir doch nicht boese?

(Candida strenge:) O ja, ich bin--sehr boese. Ich haette nicht uebel
Lust, Sie aus dem Hause zu jagen.

(Morell von Candidas Heftigkeit ueberrascht und durchaus nicht willens,
sich vor einem andern Mann durch sie retten zu lassen:) Sachte,
Candida, sachte. Ich kann mich schon selbst beschuetzen.

(Candida ihn streichelnd:) Ja, Lieber, natuerlich kannst du das. Aber
man darf dich nicht aergern und quaelen.

(Marchbanks beinahe in Traenen, sich nach der Tuere wendend:) Ich will
gehen.

(Candida.) Oh, Sie brauchen nicht zu gehen, so spaet kann ich Sie nicht
fortschicken. (Heftig:) Aber schaemen Sie sich, schaemen Sie sich!

(Marchbanks verzweifelt:) Was habe ich denn getan?

(Candida.) Ich weiss, was Sie getan haben, so genau, als ob ich die
ganze Zeit hier gewesen waere.--Oh, es war unwuerdig. Sie sind wie ein
kleines Kind, Sie koennen Ihren Mund nicht halten.

(Marchbanks.) Ich wuerde lieber zehnfachen Tod erleiden, als Ihnen
einen Augenblick Kummer bereiten.

(Candida mit groesster Geringschaetzung gegen diese Kinderei:) Ihr Tod
wuerde mir viel nuetzen!

(Morell.) Liebste Candida, dieser Wortwechsel ist kaum am Platz. Es
handelt sich um eine Angelegenheit zwischen zwei Maennern, und ich bin
dazu da, sie beizulegen.

(Candida.) Zwei Maenner? Nennst du das einen Mann? (Zu Eugen:) Sie
schlimmer junge, Sie!

(Marchbanks wird wunderlich liebevoll und mutig, da er ausgezankt
wird:) Wenn ich mich auszanken lassen soll wie ein kleiner Junge, muss
ich mich auch wie ein kleiner Junge verteidigen duerfen. Er hat
angefangen und er ist groesser als ich.

(Candida verliert ein wenig ihre Sicherheit, da sie Morells Wuerde
bedroht sieht:) Das kann nicht wahr sein. (Zu Morell:) Du hast doch
nicht angefangen, Jakob, nicht wahr, nein?

(Morell verachtungsvoll:) Nein.

(Marchbanks entruestet:) Oh!

(Morell zu Eugen:) Sie haben angefangen,--heute frueh. (Candida bringt
dies sofort in Zusammenhang mit der geheimnisvollen Bemerkung, die
Jakob nachmittag machte, als er ihr sagte, dass ihm Eugen am Morgen
etwas mitgeteilt habe. Sie sieht ihn mit raschem Verdachte forschend
an. Morell faehrt fort mit dem Pathos der beleidigten Ueberlegenheit:)
Aber Ihre andere Bemerkung ist richtig. Ich bin gewiss der Groessere von
uns beiden und, wie ich hoffe, Candida, auch der Staerkere! Es waere
daher besser, du ueberliessest die Sache mir.

(Candida ihn wieder besaenftigend:) Ja, Lieber--aber (verwirrt:) ich
verstehe das nicht wegen heute morgen.

(Morell ein wenig auffahrend:) Das brauchst du auch nicht zu verstehen,
meine Liebe.

(Candida.) Aber, Jakob, ich--(Die Hausglocke laeutet:) Oh, wie dumm.
Da kommen sie alle! (Sie geht hinaus, sie einzulassen.)

(Marchbanks laeuft zu Morell:) Oh, Morell, ist das nicht schrecklich?
Sie ist boese auf uns, sie hasst mich,--was soll ich tun?

(Morell in seltsamer Verzweiflung, sich in die Haare fahrend:) Eugen,
es dreht sich mir alles im Kopf, ich werde gleich zu lachen anfangen.
(Er geht in der Mitte des Zimmers auf und ab.)

(Marchbanks folgt ihm aengstlich:) Nein, nein! Dann wird sie glauben,
ich haette Sie hysterisch gemacht. Lachen Sie nicht! (Man hoert
heftiges Stimmengewirr und Gelaechter, das immer naeher kommt.
Alexander Mill, dessen glaenzende Augen und dessen ganzes Benehmen eine
ungewohnte angeregte Stimmung verraten, tritt mit Burgess ein, der
einen schmierigen und selbstgefaelligen Eindruck macht, aber
vollstaendig Herr seiner Sinne ist. Fraeulein Garnett folgt ihm mit
ihrem schoensten Hut und ihrer besten Jacke, aber obwohl ihre Augen
glaenzender sind als frueher, ist sie sichtlich in besorgter Stimmung.
Sie stellt sich mit dem Ruecken gegen ihren Schreibmaschinentisch, mit
einer Hand sich darauf stuetzend, mit der anderen sich ueber die Stirne
fahrend, als ob sie etwas muede und schwindlig waere. Marchbanks
verfaellt wieder in Schuechternheit und schleicht weg in die Naehe des
Fensters, wo Morells Buecher sind.)

(Mill begeistert:) Herr Pastor, ich *muss* Ihnen gratulieren, (seine
Hand fassend:)--was fuer eine edle, herrliche, von Gott eingehauchte
Ansprache Sie gehalten haben! Sie haben sich selbst uebertroffen.

(Burgess.) Ja, das haben Sie, Jakob. Ich bin bis zum letzten Worte
wach geblieben,--nicht wahr, Fraeulein Garnett?

(Proserpina ungeduldig:) Oh, ich habe Sie nicht beachtet, ich habe
mich bemueht, Notizen zu machen. (Sie nimmt ihre Notizen heraus,
blickt auf ihr Stenogramm und faengt beinahe zu weinen an.)

(Morell.) Habe ich zu schnell gesprochen, Prossi?

(Proserpina.) Viel zu schnell.--Sie wissen, ich kann nicht mehr als
neunzig Worte in der Minute schreiben. (Sie macht ihren Gefuehlen Luft,
indem sie ihr Notizbuch aergerlich neben die Maschine wirft, wo sie es
am naechsten Morgen bereit haben will.)

(Morell besaenftigend:) Nun, nun, das macht ja nichts. Habt ihr alle
schon zur Nacht gegessen?

(Mill.) Herr Burgess war so liebenswuerdig, uns in's Belgrave
Restaurant zu einem geradezu glaenzenden Abendessen einzuladen.

(Burgess mit ueberschwenglicher Grossmut:) O bitte, bitte, Herr Mill.
(Bescheiden:) Sie waren mir bei meinem bescheidenen Feste herzlich
willkommen.

(Proserpina.) Wir haben Champagner getrunken! Ich hatte noch niemals
welchen gekostet. Ich bin ganz schwindlig.

(Morell ueberrascht:) Ein Champagnersouper! Das war sehr huebsch von
Ihnen. Ist meine Beredsamkeit schuld an dieser Verschwendung?

(Mill mit Pathos:) Ihre Beredsamkeit und Herrn Burgess' Herzensguete.
(Mit erneutem Gefuehlsausbruch:) Was fuer ein herrlicher Mensch der
Vorsitzende war, Herr Morell; er hat auch mit uns gespeist.

(Morell bedeutungsvoll Burgess anblickend:) So, so, der Vorsitzende!
--*jetzt* verstehe ich! (Burgess verbirgt hinter einem Huesteln ein
Laecheln der Zufriedenheit ueber seine diplomatische Geschicklichkeit
und setzt sich an den Kamin. Mill verschraenkt die Arme und lehnt sich
neben das Buechergestell in einer Stellung, die seine Begeisterung zum
Ausdruck bringt. Candida kommt mit Glaesern, Zitronen und heissem
Wasser auf einem Tablett herein.)

(Candida.) Wer wuenscht etwas Limonade? Sie kennen unsere Hausregel:
vollkommene Abstinenz! (Sie stellt das Tablett auf den Tisch, nimmt
den Zitronenpresser zur Hand und blickt fragend umher.)

(Morell.) Du bemuehst dich umsonst, meine Liebe, sie haben alle
Champagner getrunken, Prossi hat ihr Geluebde gebrochen.

(Candida zu Proserpina:) Sie wollen doch nicht behaupten, dass Sie auch
Champagner getrunken haben?

(Proserpina verstockt:) Ja, das hab' ich; ich bin nur eine Bier-,
keine Champagnerabstinenzlerin. Ich mag kein Bier.--Sind Briefe fuer
mich zur Beantwortung da, Herr Pastor?

(Morell.) Nichts mehr fuer heute.

(Proserpina.) Dann gute Nacht allerseits.

(Mill galant:) Waere es nicht geraten, dass ich Sie nach Hause begleite,
Fraeulein Garnett?

(Proserpina.) Nein, ich danke. Ich wuerde mich heute nacht niemandem
anvertrauen wollen! Haette ich nur nichts von diesem Zeug getrunken!
Sie geht rasch hinaus.

(Burgess empoert:) Zeug! Dieses Maedel weiss nicht, was Champagner ist.
Pommery und Greno, zwoelf Schilling sechs Pence die Flasche. Zwei
Glaeser nacheinander hat sie geleert.

(Morell etwas besorgt:) Gehen Sie, Lexi, und sehen Sie nach ihr!

(Mill beunruhigt:) Aber wenn sie wirklich... bedenken Sie, wenn sie in
den Strassen zu singen anfaengt oder dergleichen!

(Morell.) Eben darum waere es besser, Sie braechten sie sicher nach
Hause.

(Candida.) Tun Sie es, Lexi, als guter Kamerad! (Sie reicht ihm die
Hand und schiebt ihn sanft nach der Tuer.)

(Mill.) Es ist selbstverstaendlich meine Pflicht, mit ihr zu gehen.
Ich hoffe aber, es wird nicht noetig gewesen sein. Gute Nacht, Frau
Morell. (Zu den uebrigen:) Gute Nacht. (Er geht, Candida schliesst die
Tuer hinter ihm.)

(Burgess.) Er war selbst ganz aus dem Haeuschen in lauter Froemmigkeit
nach dem zweiten Glas. Heutzutage koennen die Leute nicht mehr trinken
wie frueher. (Den Gegenstand fallen lassend, geht er vom Kamin fort.)
Nun, Jakob, es ist Zeit, das Haus zu schliessen. Herr Marchbanks,
werden Sie mir auf dem Heimwege ein Stueckchen das Vergnuegen Ihrer
Gesellschaft schenken?

(Marchbanks erschrocken:) Ja, es ist besser, ich gehe. (Er eilt nach
der Tuer, aber Candida stellt sich ihm in den Weg.)

(Candida mit ruhiger Wuerde:) Sie setzen sich noch, Sie werden noch
nicht gehen!

(Marchbanks eingeschuechtert:) Nein,--ich--ich wollte ja auch nicht.
(Er kommt zurueck in das Zimmer und setzt sich gehorsam auf das Sofa.)

(Candida.) Herr Marchbanks bleibt heute nacht bei uns, Papa.

(Burgess.) Na, dann sage ich gute Nacht. Auf Wiedersehn, Jakob. (Er
schuettelt Morell die Hand und geht hinueber zu Eugen.) Lassen Sie sich
ein Nachtlicht an Ihr Bett stellen, Herr Marchbanks, es wird Sie
beruhigen, falls Sie in der Nacht einen Anfall Ihres Leidens bekommen
sollten! Gute Nacht.

(Marchbanks.) Ich danke Ihnen, es soll geschehn. Gute Nacht, Herr
Burgess. (Sie geben einander die Haende, Burgess geht zur Tuer.)

(Candida haelt Morell zurueck, der Burgess begleiten will:) Bleib' hier,
mein Lieber, ich werde Papa seinen Rock anziehen helfen. (Sie geht
mit Burgess hinaus.)


(Marchbanks.) Herr Pastor, es wird eine schreckliche Szene geben.
Haben Sie keine Angst?

(Morell.) Nicht die geringste.

(Marchbanks.) Ich habe Sie bisher nie um Ihren Mut beneidet. (Er
erhebt sich schuechtern und beruehrt mit seiner Hand flehend Morells
Unterarm:) Stehen Sie mir bei,--wollen Sie?

(Morell schuettelt ihn sanft, aber entschieden ab:) Jeder fuer sich,
Eugen! Sie--muss nun zwischen uns waehlen. (Er gebt beim Eintritt
Candidas auf die andere Seite des Zimmers, Eugen setzt sich mit seinem
besten Benehmen wie ein schuldbewusster Schulknabe auf das Sofa.)

(Candida zwischen den beiden, sich zu Eugen wendend:) Tut es Ihnen
leid?

(Marchbanks ernst:) Ja, unendlich.

(Candida.) Gut, dann ist Ihnen verziehen. Nun gehen Sie wie ein
braver kleiner Junge zu Bett, ich moechte mit Jakob ueber Sie sprechen.

(Marchbanks erhebt sich mit groesster Bestuerzung:) Oh, das kann ich
nicht.--Herr Pastor, ich muss hierbleiben. Ich will nicht fortgehen.
Sagen Sie es ihr!

(Candida die ihren Verdacht bestaetigt sieht:) Was soll er mir sagen?
(Seine Augen vermeiden die ihrigen, sie wendet sich um und uebertraegt
ihre Frage stumm auf Morell.)

(Morell wappnet sich fuer die Katastrophe:) Ich habe ihr nichts zu
sagen, ausgenommen--(dabei sinkt seine Stimme zu massvoller, trauriger
Zaertlichkeit herab:) dass sie mein groesster Schatz auf Erden ist--wenn
sie mir wirklich gehoert.

(Candida kalt, verletzt, dass er seinem Rednerinstinkt nachgibt und sie
behandelt, als ob sie sich unter den Zuhoerern der Gilde von St.
Matthaeus befaende:) Ich bin ueberzeugt, dass Eugen nicht weniger sagen
kann, wenn das alles ist.

(Marchbanks entmutigt:) Morell, sie lacht uns aus.

(Morell auffahrend:) Es gibt da nichts zu lachen. Lachst du uns aus,
Candida?

(Candida mit stillem Aerger:) Eugen ist sehr witzig, ich hoffe, dass ich
lachen werde--aber vorlaeufig fuerchte ich, mich aergern zu muessen. (Sie
geht an den Kamin und bleibt dort stehen, ihren Arm auf dem Gesims und
ihren Fuss auf dem Gitter, waehrend Eugen sich zu Morell hinstiehlt und
ihn beim Arm fasst.)

(Marchbanks fluesternd:) Halten Sie ein, Herr Pastor; sagen wir nichts
mehr.

(Morell stoesst Eugen fort, ohne ihn eines Blickes zu wuerdigen:) Ich
hoffe, dass du mir nicht drohen willst, Candida.

(Candida mit feierlicher Warnung:) Nimm dich in acht, Jakob!--Eugen,
ich habe gewuenscht, dass Sie gehen sollen,--gehen Sie oder nicht?

(Morell mit dem Fusse stampfend:) Er wird nicht gehen; ich wuensche, dass
er bleibt.

(Marchbanks.) Ich will gehen. Ich tue, was Sie wollen. (Er wendet
sich zur Tuer.)

(Candida.) Bleiben Sie. (Er gehorcht.) Haben Sie nicht gehoert, dass
Jakob wuenscht, dass Sie bleiben sollen? Jakob ist hier der Herr,
wissen Sie das nicht?

(Marchbanks erroetend, mit der Wut eines jungen Dichters gegen Tyrannei:)
Was gibt ihm das Recht dazu?

(Candida ruhig:) Sag es ihm, Jakob.

(Morell bestuerzt:) Meine Liebe, ich bin mir keines Rechtes bewusst, das
mich zum Herrn macht; ich bestehe auf keinem solchen Rechte.

(Candida mit schwerem Vorwurf:) Du weisst es nicht? O Jakob, Jakob!
(Zu Eugen nachdenklich:) Ich wuesste gern, ob Sie das verstehen, Eugen...
Nein, Sie sind zu jung. Nun, ich erlaube Ihnen, zu bleiben und zu
lernen. (Sie geht von Kamin fort und stellt sich zwischen die beiden.)
Also, Jakob, was ist's? Komm und sag' es mir.

(Marchbanks fluestert ihm aengstlich zu:) Sagen Sie ihr lieber nichts.

(Candida.) Bitte!--Heraus damit!

(Morell langsam:) Ich wollte dich sorgfaeltig vorbereiten, Candida, um
jedes Missverstaendnis zu vermeiden.

(Candida.) Ja, Lieber, das wolltest du gewiss; aber sei unbesorgt, ich
werde nichts missverstehen.

(Morell.) Nun denn, es--(Er zoegert, unfaehig, die lange Erklaerung zu
finden, die er fuer noetig haelt.)

(Candida.) Nun?

(Morell klipp und klar:) Eugen behauptet, dass du ihn liebst.

(Marchbanks ausser sich:) Nein, nein, nein, nein, niemals, das habe ich
nicht behauptet, Frau Morell, es ist nicht wahr! Ich sagte, dass ich
Sie liebe und er nicht. Ich sagte, dass ich Sie verstehe und dass er es
nicht kann. Und nicht infolgedessen, was sich hier am Kamin
zugetragen hat, habe ich das gesagt,--ganz gewiss nicht, auf mein Wort!
schon heute morgen hab' ich es ihm gesagt!

(Candida erleuchtet:) Heute morgen?!

(Marchbanks.) Ja! (Er siebt sie um Glauben bittend an und fuegt dann
einfach hinzu:) Das war auch der Grund, warum mein Kragen in Unordnung
geriet.

(Candida nach einer Pause, weil sie nicht gleich begreift, was er
meint:) Ihr Kragen! (Sie wendet sich erschrocken zu Morell, verletzt:)
O Jakob, hast du ihn--? (Sie haelt inne.)

(Morell beschaemt:) Du weisst, Candida, dass ich mit meinem Temperament
zu kaempfen habe, und er sagte, (schauernd:) dass du mich verachtest in
deinem Herzen.

(Candida wendet sich rasch zu Eugen:) Haben Sie das gesagt?

(Marchbanks geaengstigt:) Nein!

(Candida strenge:) Dann hat mich also Jakob eben angelogen. Wollen
Sie das behaupten?

(Marchbanks.) Nein, nein: ich--ich... (herausplatzend mit der
verzweifelten Erklaerung:)--es war die Rede von Davids Frau, nicht bei
ihm zu Hause, sondern als sie ihn tanzen sah vor allen Leuten.

(Morell nimmt diesen Fingerzeig mit der Geschicklichkeit eines
Wortkaempfers auf:) Ja, als er vor dem ganzen Volke tanzte, Candida, in
der Meinung, dass er ihre Herzen dadurch ruehrte, waehrend sie nur an
Prossis Leiden litten. (Sie ist im Begriff zu protestieren, er winkt
ihr mit der Hand, um sie zum Schweigen zu bringen, und faehrt fort:)
Tue nicht als ob du entruestet waerest, Candida.

(Candida.) Tun als ob?!

(Morell fortfahrend:) Eugen hatte recht! Wie du mir einige Stunden
spaeter klarmachtest, hat er immer recht. Er sagte nichts, was du
nicht viel besser selbst gesagt haettest. Er ist der Dichter, der
alles sieht; und ich bin der arme Pastor, der nichts versteht.

(Candida reuevoll:) Aergert dich, was ein naerrischer junge gesagt hat,
weil ich im Scherz etwas Aehnliches sagte?

(Morell.) Der naerrische Junge kann mit der Begeisterung eines Kindes
und mit der Verschlagenheit einer Schlange sprechen. Er hat behauptet,
dass du ihm gehoerst und nicht mir, und, ob mit Recht oder Unrecht, ich
beginne zu fuerchten, dass es wahr sein koennte. Ich will nicht
umhergehen von Zweifeln und Verdaechtigungen gequaelt. Ich will nicht
mit dir leben und ein Geheimnis vor dir haben. Ich will nicht die
entwuerdigende Qual der Eifersucht erdulden. Deshalb haben wir
beschlossen--er und ich--dass du jetzt zwischen uns waehlen sollst! Ich
erwarte deine Entscheidung.

(Candida weicht langsam einen Schritt zurueck, verletzt ueber sein
Pathos, trotz des aufrichtigen Gefuehls, das sie heraushoert:) Oh, ich
muss also waehlen? Ich nehme an, dass eines vollkommen feststeht: dass
ich einem o d e r dem andern gehoeren muss.

(Morell entschlossen:) Vollkommen; du musst endgueltig waehlen.

(Marchbanks aengstlich:) Herr Pastor,--Sie verstehen nicht: sie meint,
dass sie sich selbst gehoert.

(Candida sich zu ihm wendend:) ja, das meine ich, Junker Eugen, und
noch sehr viel mehr, wie Ihr beide sofort herausfinden werdet. Und
ich frage, meine Herren und Gebieter, was habt Ihr fuer meine Wahl zu
geben? Es scheint, dass ich versteigert werden soll. Wieviel bietest
du, Jakob?

(Modell vorwurfsvoll:) Cand.... (Er bricht zusammen, seine Augen
fuellen sich mit Traenen, und seine Kehle schnuert sich zu, der Redner
wird zu einem verwundeten Tier.) Ich kann nicht sprechen.

(Candida geht impulsiv zu ihm hin:) O Liebster!

(Marchbanks in wildem Aufruhr:) Halten Sie ein, das ist nicht gerecht.
Sie duerfen ihr nicht zeigen, dass Sie leiden, Morell.--Ich bin auch
auf der Folter, aber ich weine nicht.

(Morell nimmt seine ganze Kraft zusammen:) Ja, Sie haben recht. Es
ist nicht Mitleid, worum ich bitte. (Er befreit sich von Candida.)

(Candida zieht sich frostig zurueck:) Entschuldige, Jakob, ich hatte
nicht die Absicht, dich zu beruehren. Ich warte auf dein Angebot.

(Morell mit stolzer Demut:) Ich habe dir nichts zu bieten als meine
Kraft zu deinem Schutze, mein ehrliches Wollen fuer deine Ruhe, meine
Tuechtigkeit und Arbeit fuer deinen Unterhalt und mein Ansehen und meine
Stellung fuer deine Wuerde. Das ist alles, was einem Manne ansteht,
einer Frau zu bieten.

(Candida ganz ruhig:) Und Sie, Eugen, was bieten Sie?

(Marchbanks.) Meine Schwaeche! meine Trostlosigkeit! meine Herzensnot!

(Candida geruehrt:) Das ist ein gutes Angebot, Eugen; nun weiss ich, wie
ich meine Wahl zu treffen habe. (Sie haelt inne und blickt seltsam von
einem zum andern, als ob sie beide abschaetzte. Morell, dessen
hochtmuetiges Zutrauen sich in herzzerreissende Angst bei Eugens Gebot
verwandelt hat, verliert alle Beherrschung, und kann seine Angst nicht
verbergen. Eugen dagegen, mit aeusserst angespannter Kraft, zuckt mit
keiner Wimper.)

(Morell mit halb erstickter Stimme--ein Hilferuf entringt sich den
Tiefen seiner Verzweiflung:) Candida!

(Marchbanks beiseite mit einem Aufwallen der Verachtung:) Feigling!

(Candida bedeutsam:) Ich gebe mich dem Schwaecheren von beiden. (Eugen
erraet ihre Meinung sofort; sein Gesicht wird weiss wie scbmelzender
Stahl.)

(Morell neigt seinen Kopf mit der Ruhe der Gebrochenheit:) Ich nehme
deine Entscheidung an, Candida.

(Candida.) Verstehen Sie, Eugen?

(Marchbanks.) Oh, ich fuehle, ich bin verloren. Er koennte die Last
nicht ertragen!

(Morell unglaeubig, hebt seinen Kopf empor, mit prosaischer Stumpfheit:)
Meinst du mich, Candida?

(Candida laechelt ein wenig:) Setzen wir uns und plaudern wir gemuetlich
darueber wie drei Freunde. (Zu Morell:) Setze dich, mein Lieber.
(Morell nimmt den Stuhl vom Kamin--den Kindersessel.) Bringen Sie mir
diesen Stuhl, Eugen. (Sie weist auf den Lehnstuhl, er holt ihn
schweigend, sogar mit etwas wie kuehler Beherrschung und setzt ihn
neben Morell, etwas hinter ihn. Sie setzt sich, er geht an das Sofa
und laesst sich dort nieder, noch immer schweigsam und unergruendlich.
Als sie alle sitzen, beginnt Candida,--einen Hauch von Ruhe um sich
breitend, mit ihrer sanften, gesunden, zaertlichen Stimme:) Sie
erinnern sich doch, was Sie mir ueber sich selbst erzaehlten, Eugen: wie
sich niemand um Sie gekuemmert hat, seit Ihre alte Amme starb. Wie
Ihre gescheiten, vornehmen Schwestern und erfolgreichen Brueder die
Lieblinge Ihrer Eltern waren, wie elend es Ihnen in Eton erging, wie
Ihr Vater Sie durch Entbehrungen zwingen will, nach Oxford
zurueckzukehren, wie Sie leben mussten ohne Behaglichkeit oder
Willkommen, ohne Zufluchtsstaette, immer einsam und fast immer ungern
gesehen und missverstanden! Sie armer Junge!

(Marchbanks der Groesse seines Schicksals wuerdig:) Ich hatte meine
Buecher. Ich hatte die Natur. Und endlich bin ich Ihnen begegnet.

(Candida.) Lassen wir das im Augenblick beiseite. Nun moechte ich, dass
Sie sich diesen andern Jungen hier betrachten,--meinen verwoehnten
Jungen,--verwoehnt von seiner Wiege an. Einmal alle vierzehn Tage
besuchen wir seine Eltern. Da sollten Sie mit uns kommen, Eugen, und
die Bilder des Helden dieser Familie sehen. Jakob als Baby, das
wundervollste aller Babys! Jakob, als er seinen ersten Schulpreis
erhielt, gewonnen im reifen Alter von acht Jahren! Jakob als der
Fuehrer seiner Mitschueler beim Cricketspiel! Jakob in seinem ersten
schwarzen Anzug! Jakob in allen moeglichen ruhmvollen Posen. Sie
wissen, wie stark er ist--ich hoffe, er hat Ihnen nicht weh getan--wie
gescheit er ist--wie gluecklich! (Mit wachsendem Ernst:) Fragen Sie
Jakobs Mutter und seine drei Schwestern, was es sie gekostet hat,
Jakob die Muehe zu ersparen, irgend etwas zu tun, als stark, gescheit
und gluecklich zu sein. Fragen Sie mich, was es mich kostet, Jakobs
Mutter und seine drei Schwestern und seine Frau und Mutter seiner
Kinder--alles in einer Person--zu sein! Fragen Sie Prossi und Marie,
wieviel Arbeit das Haus gibt, selbst wenn wir keine Besucher haben,
die uns helfen Zwiebeln schneiden. Fragen Sie die Geschaeftsleute, die
Jakob stoeren und seine prachtvollen Predigten gefaehrden wollen, wer es
ist, der sie abschuettelt! Wenn Geld zu geben ist, so gibt er es; wenn
Geld zu verweigern ist, so verweigere ich es. Ich habe ihm ein Schloss
von Behaglichkeit, Nachsicht und Liebe erbaut und stehe immer
Schildwache davor, um all den taeglichen kleinen Lebenssorgen den
Eintritt zu verwehren. Ich mache ihn hier zum Herrn, obwohl er es
nicht weiss und Ihnen vor einem Augenblicke nicht sagen konnte, wie er
dazu gekommen ist, es zu sein. (Mit suesser Ironie:) Und als er dachte,
ich koennte mit Ihnen fortgehen, da war seine einzige Sorge, was aus
mir werden wuerde; und um mich zum Bleiben zu bewegen, bot er mir--
(sie neigt sich vor und streicht ihm bei jedem Satze ueber das Haar)
seine Kraft zu meinem Schutze, seine Arbeit fuer meinen Unterhalt,
seine Stellung fuer meine Wuerde, seine (zoegernd:) ah, ich
verwechsle deine wunderschoenen Saetze und verderbe sie, nicht wahr,
Liebling?

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