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Annual Bibliography of Commonwealth Literature 2007
This paper argues that discourses of love in Ghanaian market literature for youth offer a view into complex negotiations of agency and empowerment. Drawing on Deborah Durham's notion of youth as "social `shifters'" and Francis Nyamnjoh's conception of the "interconnectedness" of agency, I take Ghanaian market literature as one specific case of how African literature for youth foregrounds questions of continuity and change as African societies enter into increasingly complex global relations. In this literature for youth, received notions of love, often constructed out of impressions from American pop and hip hop music, carry new notions of agency that compete with existing "domesticated" forms. Authors like Ike Tandoh and Evelyn Tay employ discourses of love to offer youth alternative avenues for empowerment in a context of socio-economic disenfranchizement. In a creative process of "straddling", this writing both reveals and reproduces the contradictions that obtain in youth configurations of agency.

Candida

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(Morell.) Verzeihen?!

(Candida fortfahrend:) Aber gesetzt den Fall, dass eine schlechte Frau
sie ihn lehrt, wie dies vielen Maennern, ganz besonders dichterisch
veranlagten, geschieht, die alle Frauen fuer Engel halten,--gesetzt den
Fall, sage ich, dass er den Wert der Liebe erst dann entdeckt, wenn er
sie fortgeworfen und sich in seiner Unwissenheit selbst erniedrigt hat,
--glaubst du, dass er mir dann auch verzeihen wird?

(Morell.) Dir verzeihen? Weswegen?

(Candida bemerkt, wie beschraenkt er ist, faehrt etwas enttaeuscht, aber
sanft fort:) Verstehst du das nicht? (Er schuettelt den Kopf; sie
wendet sich wieder zu ihm, um es ihm mit zartester Vertraulichkeit zu
erklaeren.) Ich meine: wird er mir verzeihen, dass ich selbst ihn die
Liebe nicht gelehrt, sondern ihn schlechten Frauen ueberlassen habe?
meiner Froemmigkeit--meiner Reinheit wegen, wie du es nennst! Oh,
Jakob, wie wenig du mich doch verstehst, dass du nur immer von deinem
Vertrauen in meine Froemmigkeit und Reinheit sprichst. Ich wuerde sie
beide dem armen Eugen so gerne geben, wie einem frierenden Bettler
meinen Schal, wenn nichts anderes mich davon abhielte. Vertraue auf
meine Liebe zu dir; denn wenn die nicht waere, aus deinen Predigten
wuerde ich mir sehr wenig machen--das sind bloss leere Phrasen, mit
denen du andere und dich selbst jeden Tag beluegst. (Sie ist im
Begriff aufzustehen.)

(Morell.) Seine Worte!

(Candida schnell innehaltend, indem sie aufsteht:) Wessen Worte?

(Morell.) Eugens!

(Candida entzueckt:) Er hat immer recht. Er versteht dich, er versteht
mich, er versteht Prossi; und du, Jakob, du verstehst nichts. (Sie
lacht und kuesst ihn, um ihn zu troesten; er weicht wie gestochen zurueck
und springt auf.)

(Morell.) Wie kannst du mich kuessen, waehrend du--oh, Candida! (Mit
Schmerz in der Stimme:) Ich haette vorgezogen, dass du mir einen
Widerhaken ins Herz gestossen haettest, statt mir diesen Kuss zu geben.

(Candida erhebt sich beunruhigt:) Mein Lieber, was ist denn mit dir?

(Morell schuettelt sie wild ab:) Beruehre mich nicht!

(Candida erstaunt:) Jakob! Sie werden durch den Eintritt Marchbanks'
und Burgess' unterbrochen, der in der Naehe der Tuer stehen bleibt und
sie anstarrt, waehrend Eugen sich zwischen sie nach vorwaerts draengt.

(Marchbanks.) Ist etwas vorgefallen?

(Morell totenbleich, mit eiserner Selbstbeherrschung:) Nichts, als dass
entweder Sie heute morgen recht hatten, oder dass Candida verrueckt ist!

(Burgess laut protestierend:) Was? Candy auch verrueckt? Das ist
zuviel! (Er durchschreitet das Zimmer bis zum Kamin, protestiert
waehrend des Gehens und klopft dort seine Pfeifenasche aus. Morell
setzt sich verzweifelt nieder, lehnt sich nach vorne, um sein Gesicht
zu verbergen, und verschlingt seine Finger krampfhaft, damit sie ruhig
bleiben.)

(Candida zu Morell, erleichtert und lachend:) Oh, du bist nur
verletzt--ist das alles? Wie konventionell ihr unkonventionellen
Leute doch alle seid!

(Burgess.) Benimm dich anstaendig, Candy. Was wird Herr Marchbanks von
dir denken?

(Candida.) Das kommt davon, weil Jakob mir immer predigt, nur mir
selbst Rechenschaft abzulegen und nie darauf zu achten, was andere
Leute ueber mich denken koennten. Das ist ausserordentlich schoen und gut,
solange ich derselben Meinung bin wie er. Aber jetzt--weil ich
gerade etwas anderer Meinung war jetzt schau ihn dir an, schau nur!
(Sie weist auf Morell, hoechst belustigt. Eugen beobachtet ihn und
presst seine Hand heftig ans Herz, als wenn ihn irgendein Schmerz
getroffen haette; er setzt sich auf das Sofa wie ein Mensch, der einer
Tragoedie beiwohnt. Burgess auf dem Kaminteppich:) Sie hat recht,
Jakob, Sie sehen wirklich nicht so wuerdig aus wie gewoehnlich.

(Morell mit einem Lachen, das ein halbes Schluchzen ist:) Das kann
schon sein, verzeiht mir alle,--ich wusste nicht, dass ich eine Stoerung
verursache. (Sich zusammenraffend:) Es ist schon gut, schon gut,
schon gut. (Er geht zurueck nach seinem Platz am Tisch und setzt sich,
um an seinen Papieren wieder mit entschlossener Heiterkeit
weiterzuarbeiten.)

(Candida geht nach dem Sofa und setzt sich neben Marchbanks, noch in
heiterster Stimmung:) Nun, Eugen, warum sind Sie traurig? Haben Sie
vom Zwiebelschaelen geweint? (Morell kann sich nicht enthalten, sie zu
beobachten.)

(Marchbanks beiseite zu ihr:) Ihre Grausamkeit ist es, die mich
traurig macht.--Ich hasse Grausamkeit. Es ist entsetzlich,
mitanzusehen, wie ein Mensch einem andern weh tut.

(Candida ihn streichelnd, ironisch:) Armer Junge, war ich grausam?
Habe ich ihn kleine, rote, haessliche Zwiebel schaelen lassen?

(Marchbanks ernst:) Oh, halten Sie ein, halten Sie ein: ich meine
nicht mich! Er hat Ihretwegen furchtbar gelitten. Ich fuehle seinen
Schmerz in meinem eigenen Herzen. Ich weiss, dass Sie nicht schuld
daran sind,--es ist etwas geschehen, was geschehen musste; aber nehmen
Sie es nicht so leicht. Mich schaudert, wenn Sie ihn quaelen und dabei
lachen.

(Candida unglaeubig:) Ich Jakob quaelen?! Unsinn, Eugen; wie Sie
uebertreiben! Torheit! (Sie blickt hinueber zu Jakob, der seine
Schreiberei hastig fortsetzt; sie gebt zu ihm und steht hinter seinem
Stuhl, sich ueber ihn beugend.) Arbeite nicht laenger, mein Lieber, komm
und plaudere mit uns.

(Morell liebevoll, aber bitter:) Ach nein: ich kann nicht plaudern,
ich kann nur predigen.

(Candida ihn streichelnd:) Nun, dann komm und predige!

(Burgess heftig widersprechend:) Ach nein, Candy! zum Henker mit dem
Predigen! (Alexander Mill kommt herein und sieht aengstlich und
wichtig aus.)

(Mill beeilt sich, Candida zu begruessen:) Wie geht es Ihnen, Frau
Morell? Wie freue ich mich, dass Sie wieder zurueck sind.

(Candida.) Ich danke Ihnen, Herr Mill. Sie kennen Eugen, nicht wahr?

(Mill.) O ja! Wie geht es Ihnen, Marchbanks?

(Marchbanks.) Danke, gut!

(Mill zu Morell:) Ich komme eben aus der Gilde von Sankt Matthaeus.
Die Leute sind furchtbar bestuerzt ueber Ihr Telegramm. Es ist doch
hoffentlich nichts geschehen?

(Candida.) Was hast du denn telegraphiert, Jakob?

(Mill zu Candida:) Es war vereinbart, dass er heute abend dort sprechen
sollte, sie haben den grossen Saal in der Marestrasse gemietet und eine
Menge Geld fuer Plakate ausgegeben. Der Herr Pastor telegraphierte nun,
dass er nicht kommen koennte! Es traf sie wie ein Blitz aus heiterem
Himmel.

(Candida ueberrascht, beginnt zu wittern, dass etwas nicht in Ordnung
ist:) Eine Gelegenheit, oeffentlich zu sprechen, hast du ausgeschlagen?

(Burgess.) Zum erstenmal in seinem Leben, das moechte ich wetten;
--nicht wahr, Candy?

(Mill zu Morell:) Man hat beschlossen, Ihnen ein dringendes Telegramm
zu schicken, mit der Bitte, Ihren Entschluss zu aendern. Haben Sie es
erhalten?

(Morell mit muehsam verhaltener Ungeduld:) Ja, ja, ich bekam es.

(Mill.) Es war mit bezahlter Rueckantwort.

(Morell.) Ja, ich weiss. Ich habe es beantwortet. Ich kann nicht
kommen.

(Candida.) Aber warum nicht, Jakob?

(Morell beinahe heftig:) Weil ich nicht mag! Diese Leute vergessen,
dass ich auch ein Mensch bin; sie halten mich fuer eine Redemaschine,
die man jeden Abend zu seinem Vergnuegen aufziehen kann. Darf ich
nicht auch einmal einen Abend zu Hause haben, mit meiner Frau und
meinen Freunden? (Sie sind alle ueber diesen Ausbruch erstaunt mit
Ausnahme von Eugen,--sein Ausdruck bleibt unveraendert.)

(Candida.) Oh, Jakob, du weisst es selbst: morgen wirst du dann
Gewissensbisse haben, und ich werde darunter leiden muessen.

(Mill eingeschuechtert, aber dringend:) Ich weiss natuerlich, dass diese
Menschen die unvernuenftigsten Anforderungen an Sie stellen; aber sie
haben ueberallhin um einen anderen Redner telegraphiert und koennen
niemanden mehr bekommen als den Praesidenten des Agnostikerbundes.

(Morell rasch:) Nun, das ist ein ausgezeichneter Mann,--was wollen sie
denn noch mehr?

(Mill.) Aber er besteht immer so fest auf der Scheidung des
Sozialismus vom Christentum. Er wird all das Gute, das wir gestiftet
haben, zunichte machen,--natuerlich, Sie muessen ja am besten wissen,
aber...

(Er zoegert.)

(Candida schmeichelnd:) O bitte, geh' doch hin, Jakob. Wir kommen
alle mit.

(Burgess brummend:) Schau, Candy, lass uns lieber gemuetlich zu Hause am
Kamin sitzen. Er braucht ja nicht laenger als zwei Stunden
wegzubleiben.

(Candida.) Du wirst dich in der Versammlung genau so behaglich fuehlen.
Wir werden alle auf dem Podium sitzen und wichtige Leute sein.

(Marchbanks entsetzt:) Oh, bitte, nicht auf dem Podium; nein! Jeder
wird uns anstarren,--das hielte ich nicht aus. Ich werde im
Hintergrund des Saales bleiben.

(Candida.) Fuerchten Sie sich nicht. Man wird viel zu sehr damit
beschaeftigt sein, Jakob anzustarren als dass man Sie bemerkte.

(Morell wendet den Kopf und sieht Candida vielsagend ueber die Schulter
an:) Prossis Leiden, Candida,--nicht?

(Candida lustig:) Jawohl.

(Burgess neugierig:) Prossis Leiden? Was reden Sie da, Jakob?

(Morell beachtet ihn nicht, erhebt sich, geht nach der Tuer, oeffnet und
ruft in befehlendem Ton hinaus:) Fraeulein Garnett!

(Proserpina aus der Entfernung:) Ja, Herr Pastor, ich komme schon.
(Sie warten alle mit Ausnahme von Burgess, der verstohlen zu Mill geht
und ihn beiseite zieht.)

(Burgess.) Hoeren Sie, Herr Mill: worin besteht Prossis Leiden? Was
fehlt ihr?

(Mill vertraulich:) Ja, ich weiss es nicht genau; aber sie sprach recht
seltsame Dinge heute frueh;--ich fuerchte, es ist manchmal nicht ganz
richtig mit ihr.

(Burgess ueberwaeltigt:) Nein,--vier in demselben Haus! Es muss
ansteckend sein. (Er geht zurueck an den Kamin, ganz in Gedanken
versunken ueber die Veraenderlichkeit des menschlichen Verstandes in der
Umgebung eines Geistlichen.)

(Proserpina erscheint auf der Schwelle:) Was wuenschen Sie, Herr Pastor?

(Morell.) Telegraphieren Sie nach der Gilde von Sankt Matthaeus, dass
ich kommen werde.

(Proserpina ueberrascht:) Werden Sie denn nicht erwartet?

(Morell gebieterisch:) Tun Sie, wie ich Ihnen gesagt habe.
(Proserpina setzt sich erschrocken an die Schreibmaschine und gehorcht.)

(Morell geht hinueber zu Burgess. Candida beobachtet seine Bewegungen
die ganze Zeit ueber mit wachsender Verwunderung und Besorgnis.)
Burgess, Sie moechten lieber nicht mitkommen?

(Burgess sich entschuldigend:) Oh, so duerfen Sie das nicht
auffassen--ich meine nur, wissen Sie--weil heute nicht Sonntag ist.

(Morell.) Das ist schade, ich dachte, Sie wuerden gerne mit dem
Vorsitzenden bekannt werden. Er ist im Provinzialarbeitsausschuss und
hat einigen Einfluss bei Abschluessen von Lieferungen. (Burgess wird
mit einem Male lebendig; Morell, der das erwartet hat, haelt einen
Augenblick inne und sagt:) Sie wollen also doch mitkommen?

(Burgess mit Enthusiasmus:) Das will ich meinen,--ob ich mitkomme,
Jakob! Es ist ja stets ein Genuss, Sie predigen zu hoeren!

(Morell wendet sich zu Proserpina:) Ich werde Sie noetig haben, damit
Sie in der Versammlung einige Notizen machen koennen, Fraeulein Garnett,
falls Sie nicht schon vergeben sind. (Sie nickt, aus Angst, sprechen
zu muessen.) Sie kommen doch auch mit, Lexi?

(Mill.) Selbstverstaendlich.

(Candida.) Wir kommen alle mit, Jakob.

(Morell.) Nein! Du kommst nicht mit, und Eugen kommt nicht mit. Du
wirst zu Hause bleiben und dich mit ihm unterhalten, zur Feier deiner
Rueckkehr. (Eugen erhebt sich atemlos.)

(Candida.) Aber Jakob--

(Morell gebieterisch:) Ich bestehe darauf; Ihr habt beide keine Lust
zu kommen, weder er, noch du! (Candida will sich dagegen verwahren.)
Oh, denkt nicht an mich, ich werde auch ohne euch eine Menge Menschen
um mich versammelt sehen. Eure Stuehle werden von unbekehrten Leuten
besetzt sein, die mich noch nie gehoert haben.

(Candida beunruhigt:) Eugen, moechten Sie nicht hingehen?

(Morell.) Ich wuerde mich fuerchten, mich vor Eugen hoeren zu lassen; er
ist Predigten gegenueber sehr kritisch. (Sieht ihn an.) Er weiss, dass
ich mich vor ihm fuerchte, er hat mir's heute frueh selbst gesagt. Nun
will ich ihm zeigen, wie sehr ich mich fuerchte, indem ich ihn hier
allein in deiner Hut lasse, Candida.

(Marchbanks zu sich selbst, mit lebhaftem Gefuehl:) Das ist tapfer; das
ist schoen. (Er setzt sich wieder und hoert mit geoeffneten Lippen zu.)

(Candida mit aengstlicher Beunruhigung:) Aber, aber--Ist irgend etwas
geschehen, Jakob? (Sehr verwirrt:) Ich kann dich nicht begreifen.

(Morell.) Ah, ich dachte, ich sei es, der nichts begreifen kann, meine
Liebe. (Er schliesst sie zaertlich in die Arme und kuesst sie auf die
Stirn, dann blickt er ruhig auf Marchbanks.)

(Vorhang)




DRITTER AKT

(Es ist nach zehn Uhr abends; die Vorhaenge sind zugezogen und die
Lampe brennt. Die Schreibmaschine steht in ihrem Kasten. Der breite
Tisch ist geordnet worden; alles zeugt davon, dass das Tagewerk
vollbracht ist. Candida und Marchbanks sitzen am Feuer; die Leselampe
steht auf dem Kaminsims ueber Marchbanks, der in dem kleinen Stuhl
sitzt und laut liest. Auf dem Teppich neben ihm liegt ein kleiner
Haufen von Manuskripten und ein paar Baende Gedichte. Candida sitzt im
grossen Stuhl und haelt einen leichten Schuerhaken aus Messing aufrecht
in der Hand; sie sitzt zurueckgelehnt und sieht versonnen auf die
funkelnde Messingspitze. Sie hat die Fuesse gegen das Feuer hin
ausgestreckt und laesst ihre Fersen auf dem Kamingitter ruhen, sich
ihrer Erscheinung und ihrer Umgebung tief unbewusst.)

(Marchbanks seine Vorlesung unterbrechend:) Jeder Dichter, der je
gelebt hat, hat aus diesem Gedanken ein Sonett gemacht. Er muss es, ob
er will oder nicht. (Er sieht Candida an, ob sie ihm zustimmt, und
bemerkt, dass sie auf den Schuerhaken starrt.) Haben Sie nicht zugehoert?
(Keine Antwort:) Frau Morell!

(Candida auffahrend.) Wie!?

(Marchbanks.) Haben Sie nicht zugehoert?

(Candida schuldbewusst, mit uebertriebener Hoeflichkeit:) O ja. Es ist
sehr huebsch. Fahren Sie fort, Eugen. Ich bin begierig, zu hoeren, was
dem Engel passiert ist.

(Marchbanks laesst das Manuskript aus der Hand auf den Boden fallen:)
Verzeihen Sie, dass ich Sie langweile!

(Candida.) Aber Sie langweilen mich durchaus nicht, wirklich nicht.
Bitte, fahren Sie fort--bitte, Eugen.

(Marchbanks.) Ich habe das Gedicht ueber den Engel vor einer
Viertelstunde beendet. Ich habe Ihnen seitdem schon verschiedenes
vorgelesen.

(Candida reuevoll:) Das tut mir wirklich leid, Eugen. Mir scheint,
der Schuerhaken hat mich behext. (Sie legt ihn nieder.)

(Marchbanks.) Er hat mich fuerchterlich gestoert.

(Candida.) Warum haben Sie mir das nicht gesagt? Ich haette ihn sofort
weggelegt.

(Marchbanks.) Ich fuerchtete, Sie auch zu stoeren; er glich einer Waffe.
Wenn ich ein Held aus alten Tagen waere, wuerde ich mein gezogenes
Schwert zwischen uns gelegt haben. Wenn Morell gekommen waere, haette
er geglaubt, dass Sie den Schuerhaken ergriffen haben, weil kein Schwert
zwischen uns liegt.

(Candida verwundert:) Was? (Sie sieht ihn mit verwirrten Blicken an:)
Das kann ich nicht recht verstehen. Ihre Sonette haben mich so sehr
verwirrt! Warum sollte ein Schwert zwischen uns sein?

(Marchbanks ausweichend:) Oh, lassen wir das. (Er bueckt sich, das
Manuskript aufzuheben.)

(Candida.) Legen Sie das wieder hin, Eugen. Mein Hunger nach Poesie
hat Grenzen, selbst nach Ihrer Poesie. Sie haben mir laenger als zwei
Stunden vorgelesen--seit mein Mann fort ist--, ich moechte lieber
plaudern.

(Marchbanks erhebt sich, furchtsam:) Nein, ich darf nicht reden. (Er
sieht in seiner verlorenen Weise um sich und fuegt ploetzlich hinzu:)
Ich glaube, ich mache einen Spaziergang im Park. (Er will nach der
Tuer.)

(Candida.) Unsinn! er ist laengst geschlossen. Setzen Sie sich auf den
Kaminteppich und plaudern wir, wie Sie es gewoehnlich tun! Ich will
unterhalten werden,--wollen Sie nicht?

(Marchbanks halb entsetzt, halb hingerissen:) Ja.

(Candida.) Dann kommen Sie her. (Sie rueckt ihren Stuhl etwas zurueck,
um Platz zu machen; er zoegert, dann kauert er sich schuechtern hin vor
den Kamin, das Gesicht nach oben gekehrt, wirft seinen Kopf zurueck auf
ihre Knie und sieht zu ihr empor.)

(Marchbanks.) Oh, ich habe mich den ganzen Tag so ungluecklich gefuehlt,
weil ich getan habe, was recht war; und nun, wo ich unrecht tue, bin
ich so gluecklich.

(Candida zart, belustigt ueber ihn:) Ja; ich bin ueberzeugt, nun fuehlen
Sie sich wie ein grosser, erwachsener, boeser Verfuehrer--ganz stolz auf
sich, nicht wahr?

(Marchbanks erhebt seinen Kopf rasch und wendet sich ein wenig, um sie
anzublicken:) Nehmen Sie sich in acht. Ich bin sogar um vieles
aelter als Sie, Sie wissen es nur nicht. (Er wendet sich auf seinen
Knien ganz herum; mit gefalteten Haenden und die Arme in ihrem Schoss,
spricht er mit wachsender Erregung--sein Blut faengt an zu wallen:)
Darf ich Ihnen ein paar schlimme Dinge sagen?

(Candida ohne die leiseste Angst oder Kaelte und mit vollkommener
Achtung vor seiner Leidenschaft, aber mit einem Schimmer ihres
klugkerzigen muetterlichen Humors:) Nein. Aber Sie duerfen alles
sagen, was Sie wirklich und wahrhaftig fuehlen, was es auch sei, alles!
Ich fuerchte mich nicht, solange Ihr wirkliches "Selbst" zu mir
spricht und nicht eine blosse Pose--eine galante oder eine gottlose,
oder selbst eine dichterische Pose. Das verlange ich von Ihnen, bei
Ihrer Ehre und Wahrhaftigkeit!--Nun sagen Sie, was Sie wollen.

(Marchbanks der heisse Ausdruck verschwindet vollkommen von seinen
Lippen und Nasenfluegeln, seine Augen flammen auf in begeistertem Feuer.)
Oh, jetzt kann ich nicht mehr alles sagen; denn alle Worte, die ich
weiss, gehoeren mehr oder weniger irgendeiner Pose an, alle--bis auf
eines.

(Candida.) Welches Wort ist das?

(Marchbanks sanft, sich dem melodischen Klang des Namens hingebend:)
"Candida, Candida, Candida, Candida, Candida"--das muss ich jetzt sagen,
da Sie mich bei meiner Ehre und Wahrhaftigkeit fragen, denn ich denke
und fuehle niemals "Frau Morell", immer nur "Candida".

(Candida.) Selbstverstaendlich! Und was haben Sie Candida zu sagen?

(Marchbanks.) Nichts als Ihren Namen tausendmal zu wiederholen.
Fuehlen Sie nicht, dass es jedesmal ein Gebet zu Ihnen ist?

(Candida.) Macht es Sie nicht gluecklich, dass Sie beten koennen?

(Marchbanks.) Ja, sehr gluecklich.

(Candida.) Nun, dieses Glueck ist die Antwort auf Ihr Gebet.--Wuenschen
Sie sich etwas Besseres?

(Marchbanks selig:) Nein, ich bin im Himmel, wo man wunschlos ist.
(Morell tritt ein; er bleibt an der Schwelle stehen und ueberschaut mit
einem Blick die ganze Szene.)

(Morell ernst und mit Selbstbeherrschung:) Hoffentlich stoere ich nicht.
(Candida faehrt heftig auf, aber ohne die leiseste Verlegenheit. Sie
lacht ueber sich selbst. Eugen, noch auf den Knien, schuetzt sieh vor
dem Fallen dadurch, dass er seine Haende auf den Stuhlsitz legt; Morell
mit offenem Munde anstarrend, bleibt er in dieser Stellung.)

(Candida im Aufstehen:) Oh, Jakob, wie du mich erschreckt hast; ich
war so mit Eugen beschaeftigt, dass ich deinen Schluessel nicht gehoert
habe. Wie ist die Versammlung verlaufen? Hast du gut gesprochen?

(Morell.) Ich habe in meinem ganzen Leben nicht besser gesprochen.

(Candida.) Das ist ausgezeichnet! Wieviel ist eingegangen?

(Morell.) Ich vergass zu fragen.

(Candida zu Eugen:) Er muss wundervoll gesprochen haben oder er haette
das nicht vergessen. (Zu Morell:) Wo sind die andern?

(Morell.) Sie verliessen den Saal lange ehe ich fortkommen konnte; ich
glaube, sie essen irgendwo zur Nacht.

(Candida in ihrer hausmuetterlichen Art:) Oh, dann kann Marie zu Bette
gehn; ich will es ihr sagen. (Sie geht hinaus in die Kueche.)

(Morell blickt strenge auf Marchbanks nieder:) Nun?

(Marchbanks laesst sich mit gekreuzten Beinen auf den Kaminteppich
nieder und fuehlt sich Morell gegenueber ganz sicher, sogar voll
verschmitzten Humors:) Nun?

(Morell.) Haben Sie mir etwas zu sagen?

(Marchbanks.) Nur, dass ich mich hier heimlich zum Narren gemacht habe,
waehrend Sie oeffentlich dasselbe getan haben.

(Morell.) Ich glaube, kaum auf dieselbe Art.

(Marchbanks springt auf, eifrig:) Ganz genau auf dieselbe Art. Ich
habe eben ganz so wie Sie den braven Mann gespielt! ganz so wie Sie.
Als Sie Ihr Heldentum, mich hier mit Candida allein zu lassen,
begannen--

(Morell unwillkuerlich:) Candida?

(Marchbanks.) Ja, so weit bin ich schon. Heldentum ist ansteckend,
ich bekam die Krankheit von Ihnen und habe mir geschworen, Candida in
Ihrer Abwesenheit nichts zu sagen, was ich nicht schon vor einem Monat
in Ihrer Gegenwart gesagt haette.

(Morell.) Und haben Sie dieses Geluebde gehalten?

(Marchbanks setzt sich ploetzlich in grotesker Weise in den Lehnstuhl:)
Ich bin bis vor etwa zehn Minuten dumm genug gewesen, es zu halten.
Bis dahin habe ich ihr verzweifelt vorgelesen, meine eigenen
Gedichte--und andere--um einer Unterhaltung auszuweichen. Ich sah
das Himmelstor offen und weigerte mich, einzutreten.... Sie koennen
sich nicht vorstellen, wie heldenhaft das war und wie ungemuetlich....
Dann--

(Morell seine Ungeduld bezaehmend:) Dann?

(Marchbanks geht prosaisch in eine ganz gewoehnliche Stellung im
Lehnstuhl ueber:) Dann konnte sie das Vorlesen nicht mehr vertragen.

(Morell.) Und da haben Sie sich dem Himmelstor schliesslich genaehert?

(Marchbanks.) Ja.

(Morell.) Und dann? (Wild:) Sprechen Sie, Mensch! Haben Sie denn
kein Gefuehl fuer mich!

(Marchbanks sanft und melodisch:) Dann wurde sie ein Engel, und ein
Flammenschwert erschien, das mir jeden Zugang versperrte, so dass ich
nicht eintreten konnte und nun begriff, dass dieses Tor in Wahrheit das
Tor der Hoelle war.

(Morell triumphierend:) Sie hat Sie zurueckgestossen!

(Marchbanks erhebt sich mit grimmigem Hohn:) Nein, Sie Narr! Wenn sie
das getan haette, wuerde ich gar nicht gefuehlt haben, dass ich schon im
Himmel war. Mich zurueckgestossen... glauben Sie, dass mich das gerettet
haette?--Tugendhafte Entruestung! Oh, Sie sind nicht wert, in einer
Welt mit ihr zu leben. (Er wendet sich verachtungsvoll von ihm ab
nach der anderen Seite des Zimmers.)

(Morell der ihn ruhig beobachtet hat, ohne seinen Platz zu wechseln:)
Glauben Sie, dass Sie dadurch an Wert gewinnen, wenn Sie mich
beschimpfen, Eugen?

(Marchbanks.) Hier endet der tausendunderste Text. Morell: ich halte
doch nicht viel von Ihrem Predigen. Ich glaube sogar, ich selbst
koennte das besser. Der Mann, den ich jetzt vor mir haben moechte, ist
der Mann, den Candida geheiratet hat.

(Morell.) Der Mann, den... meinen Sie mich?

(Marchbanks.) Ich meine nicht Hochwuerden Jakob Mavor Morell, Moralist
und Schwaetzer. Ich meine den wirklichen Menschen, den Hochwuerden
Jakob irgendwo in seiner schwarzen Kutte versteckt haben muss, den Mann,
den Candida geliebt hat. Sie koennen die Liebe einer Frau wie Candida
nicht dadurch erreicht haben, dass Sie bloss Ihren Kragen hinten statt
vorne knoepfen.

(Morell kuehn und standhaft:) Als Candida einwilligte, mich zu heiraten,
da war ich derselbe Moralist und Schwaetzer, den Sie jetzt vor sich
sehen. Ich trug meinen schwarzen Rock, und meinen Kragen knoepfte ich
hinten statt vorne. Glauben Sie, dass sie mich mehr geliebt haette,
wenn ich unaufrichtig in meinem Beruf gewesen waere?

(Marchbanks auf dem Sofa, seine Knoechel umfassend:) Oh, sie hat Ihnen
vergeben, so wie sie mir vergibt, dass ich ein Feigling bin und ein
Schwaechling, und was Sie einen kleinen winselnden Hund--und so
weiter--nennen. (Vertraeumt:) Eine Frau wie diese hat goettlichen
Einblick: sie liebt unsere Seele und nicht unsere Narrheiten und
Eitelkeiten und Illusionen, oder unsere Kragen und Roecke, oder die
andern Fetzen und Lappen, in die wir gehuellt sind. (Er denkt darueber
einen Augenblick nach, dann wendet er sich mit gespannter Erwartung um,
Morell zu befragen:) Was ich wissen moechte, ist, wie Sie an dem
Flammenschwerte, das mich zurueckgeschreckt hat, vorbeigekommen sind!

(Morell bedeutungsvoll:) Vielleicht weil ich nicht nach zehn Minuten
unterbrochen wurde.

(Marchbanks verbluefft:) Was?

(Morell.) Der Mensch kann auf die hoechsten Gipfel steigen; aber er
kann nicht lange dort verweilen.

(Marchbanks.) Das ist falsch. Dort kann er ewig verweilen! nur dort!
Anderswo findet er keine Ruhe und hat keinen Sinn fuer die stille
Schoenheit des Lebens. Wo sollte ich meine seligsten Minuten verleben,
wenn nicht auf den Hoehen?

(Morell.) In der Kueche, Zwiebeln schneidend und Lampen fuellend.

(Marchbanks.) Oder auf der Kanzel, Seelen scheuernd die aus billigem
Ton sind.

(Morell.) Ja, das auch! Dort habe ich meinen goldenen Augenblick
geerntet und mit ihm das Recht, um Candidas Liebe zu werben. Ich habe
mir diese Stunde nicht erborgt, noch habe ich sie benuetzt, um das
Glueck eines andern zu stehlen.

(Marchbanks schreitet ziemlich angewidert dem Kamin zu:) Ich zweifle
nicht daran, dass Sie Ihre Verrichtungen so ehrenhaft erfuellt haben,
als ob Sie ein Pfund Kaese abgewogen haetten. (Er haelt vor dem Kamin
inne und fuegt nachdenklich zu sich selbst, Morell den Ruecken kehrend,
hinzu:) Ich konnte zu ihr nur als Bettler kommen.

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