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Annual Bibliography of Commonwealth Literature 2007
This paper argues that discourses of love in Ghanaian market literature for youth offer a view into complex negotiations of agency and empowerment. Drawing on Deborah Durham's notion of youth as "social `shifters'" and Francis Nyamnjoh's conception of the "interconnectedness" of agency, I take Ghanaian market literature as one specific case of how African literature for youth foregrounds questions of continuity and change as African societies enter into increasingly complex global relations. In this literature for youth, received notions of love, often constructed out of impressions from American pop and hip hop music, carry new notions of agency that compete with existing "domesticated" forms. Authors like Ike Tandoh and Evelyn Tay employ discourses of love to offer youth alternative avenues for empowerment in a context of socio-economic disenfranchizement. In a creative process of "straddling", this writing both reveals and reproduces the contradictions that obtain in youth configurations of agency.

Candida

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(Marchbanks.) Ah, jetzt begreife ich!

(Proserpina erroetend:) Was begreifen Sie?

(Marchbanks.) Ihr Geheimnis! Sagen Sie mir, ist es wirklich und
wahrhaftig moeglich, dass eine Frau ihn liebt?

(Proserpina als ob dies ihr ueber den Spass ginge:) Genug!

(Marchbanks leidenschaftlich:) Nein, antworten Sie mir! Ich will es
wissen, ich muss es wissen, ich kann es nicht begreifen. Ich kann an
ihm nichts finden als Worte, fromme Vorsaetze, was die Leute Guete
nennen! Sie koennen ihn deswegen doch nicht lieben!

(Proserpina versucht, ihn durch ihr kuehles Wesen stutzig zu machen:)
Ich weiss ganz einfach nicht, wovon Sie sprechen--ich verstehe Sie
nicht.

(Marchbanks heftig:) Sie verstehen mich ganz gut. Sie luegen!

(Proserpina.) Oh!

(Marchbanks.) Sie verstehen, und Sie wissen. (Entschlossen, eine
Antwort zu bekommen:) Ist es moeglich, dass eine Frau ihn lieben kann?
Ja oder nein!

(Proserpina ihm gerade ins Gesicht blickend:) Ja! (Er bedeckt sein
Gesicht mit den Haenden.) Was in aller Welt fehlt Ihnen denn? (Er
nimmt die Haende herab und sieht sie an. Erschreckt ueber das traurige
Gesicht, das sich ihr darbietet, eilt sie so weit wie moeglich von ihm
fort, behaelt aber ihre Augen auf ihn gerichtet, bis er sich von ihr
abwendet und nach dem Kinderstuhl am Kamin geht, wo er sich in
tiefster Trostlosigkeit niederlaesst. Proserpina eilt zur Tuer, die Tuer
geht auf und Burgess tritt ein. Als sie ihn erblickt, ruft sie aus:)
Gott sei Dank, es kommt jemand! (Setzt sich wieder beruhigt an ihren
Tisch. Sie legt einen neuen Bogen in die Maschine, waehrend Burgess zu
Eugen hinuebergebt.)

(Burgess beflissen, sich um den vornehmen Besucher zu kuemmern:) Na,
gehoert sich das, wie man Sie hier sich selbst ueberlaesst, Herr
Marchbanks? Ich bin gekommen, Ihnen Gesellschaft zu leisten.
(Marchbanks siebt zu ihm mit einer Bestuerzung auf, die Burgess aber
gar nicht merkt.) Jakob empfaengt eine Deputation im Speisezimmer, und
Candy ist oben und unterrichtet eine junge Naeherin, fuer die sie sich
interessiert. Sie sitzt bei ihr und lehrt sie lesen, in einem frommen
Buche: die himmlischen Zwillinge. (Teilnahmsvoll:) Sie muessen es hier
recht langweilig finden, so ohne einen Menschen, mit dem Sie reden
koennen, ausser der Schreiberin.

(Proserpina aeusserst erbittert:) Er wird sich jetzt ganz wohl fuehlen,
da er das Glueck hat, Ihre gebildete Unterhaltung zu geniessen,--das ist
schon ein Trost. (Sie beginnt mit heftigem Geraeusch zu schreiben.)

(Burgess erstaunt ueber ihre Kuehnheit:) Mit Ihnen hab' ich nicht
gesprochen, soviel ich weiss, Sie junges Ding!

(Proserpina scharf zu Marchbanks:) Haben Sie jemals solche Manieren
gesehen, Herr Marchbanks?

(Burgess mit wichtigtuendem Ernst:) Herr Marchbanks ist ein Edelmann,
der seine Stellung kennt; das ist mehr, als manche Leute von sich
sagen koennen.

(Proserpina zornig:) Gluecklicherweise gehoeren Sie und ich nicht zu den
"Damen" und "Herren"; ich wuerde Ihnen schon meine Meinung sagen, wenn
Herr Marchbanks nicht zugegen waere. (Sie zieht den Brief so heftig
aus der Maschine heraus, dass er zerreisst.) So! nun habe ich den Brief
verdorben, jetzt kann ich noch mal von vorne anfangen. Oh, ich kann
mich nicht beherrschen.--Sie dummer alter Schafskopf, Sie!

(Burgess erhebt sich, atemlos vor Entruestung:) Was, ein dummer alter
Schafskopf bin ich?! Das ist stark! (Ausser Atem:) Gut, gut! Warten
Sie nur, das werde ich Ihrem Prinzipal sagen--ich will Sie lehren--Sie
sollen es sehen!

(Proserpina.) Ich--

(Burgess sie unterbrechend:) Genug, Ihr Reden nuetzt Ihnen nun nichts
mehr, Sie sollen mich kennen lernen! (Proserpina schiebt ihre Walze
mit einem zornigen Stoss herum und setzt verachtungsvoll ihre Arbeit
fort.) Nehmen Sie keine Notiz von ihr, Herr Marchbanks, sie ist es
nicht wert. (Er setzt sich stolz wieder hin.)

(Marchbanks fuerchterlich nervoes und verlegen:) Waere es nicht besser,
wir wuerden von etwas anderem sprechen. Ich--ich glaube nicht, dass
Fraeulein Garnett es boese gemeint hat.

(Proserpina mit fester Ueberzeugung:) Ob ich es boese gemeint habe!
Doch!

(Burgess.) Ich will mich nicht so weit erniedrigen, von ihr ueberhaupt
noch Notiz zu nehmen. (Eine elektrische Klingel laeutet zweimal.)

(Proserpina rafft Notizhlock und Papier zusammen:) Das gilt mir! (Sie
eilt hinaus.)

(Burgess ihr nachrufend:) Oh, wir koennen Sie entbehren. (Er freut
sich ueber den Triumph, das letzte Wort behalten zu haben, und doch
halb und halb geneigt, noch mehr zu sagen, sieht er ihr einen
Augenblick lang nach, dann laesst er sich auf seinen Platz neben Eugen
nieder und spricht sehr vertraulich zu ihm:) Jetzt, wo wir allein sind,
Herr Marchbanks, lassen Sie mich Ihnen einen freundlichen Wink geben,
den ich nicht jedermann geben wuerde. Wie lange kennen Sie meinen
Schwiegersohn Jakob schon?

(Marchbanks.) Ich weiss nicht. Ich kann mir Daten niemals merken,
--vielleicht einige Monate.

(Burgess.) Haben Sie nie etwas Sonderbares an ihm bemerkt?

(Marchbanks.) Nicht dass ich wuesste.

(Burgess ausdrucksvoll:) Das werden Sie auch schwerlich. Darin liegt
eben die Gefahr. Nun--er ist verrueckt.

(Marchbanks.) Verrueckt?!

(Burgess.) Total verrueckt. Beobachten Sie ihn nur, und Sie werden es
selbst finden.

(Marchbanks aengstlich:) Aber das scheint Ihnen gewiss nur so, weil
seine Ansichten--

(Burgess beruehrt Eugens Knie mit dem Zeigefinger und drueckt es, um
seine Aufmerksamkeit zu erregen:) Genau dasselbe habe ich frueher
gedacht, Heir Marchbanks. Ich glaubte lange genug, es waeren nur seine
Ansichten, obwohl Ansichten zu sehr ernsten Angelegenheiten werden,
sobald Leute danach handeln, wie er; aber danach habe ich nicht
geurteilt. (Er siebt umher, um sich zu ueberzeugen, dass sie allein
sind, und neigt sich zu Eugens Ohr.) Was, glauben Sie, hat er heute
morgen in diesem Zimmer zu mir gesagt?

(Marchbanks.) Was denn?

(Burgess.) Er sagte mir, dass ich--so wahr, als wir hier sitzen--er
sagte ganz ruhig: "Ich bin ein Narr und Sie sind ein Schurke"... Ich
ein Schurke--bedenken Sie nur--und dann schuettelte er mir die Hand
dazu, als ob seine Meinung schmeichelhaft fuer mich waere. Wollen Sie
behaupten, dass so ein Mensch nicht verrueckt ist?

(Morell von aussen "Proserpina" rufend, waehrend er die Tuer oeffnet:)
Schreiben Sie alle Namen und Adressen auf, Fraeulein Garnett.

(Proserpina aus der Entfernung:) Jawohl, Herr Pastor! (Morell tritt
ein, mit den Dokumenten der Deputation in der Hand.)

(Burgess beiseite zu Marchbanks:) Oh, da ist er. Beobachten Sie ihn
nur, Sie werden schon sehen. (Erhebt sich mit wichtiger Miene:) Ich
bedaure, Jakob, mich bei Ihnen beklagen zu muessen. Ich tue es nicht
gerne, aber ich fuehle, dass es meine Pflicht und mein Recht ist.

(Morell.) Was ist denn geschehen?

(Burgess.) Herr Marchbanks wird es bestaetigen, er war Zeuge. (Sehr
feierlich:) Ihre Schreiberin vergass sich so weit, mich einen dummen
alten Schafskopf zu nennen.

(Morell mit groesster Herzlichkeit:) Oh, sieht das Prossi nicht ganz
aehnlich? Sie ist so aufrichtig, sie kann sich nicht beherrschen.
Arme Prossi, ha, ha!

(Burgess zitternd vor Wut:) Und erwarten Sie, dass ich mir das von
ihresgleichen ruhig gefallen lasse?

(Morell.) Bah, Unsinn. Nehmen Sie keine Notiz davon, lassen Sie's gut
sein. (Er geht an das Schreibpult und legt die Papiere in eines der
Schubfaecher.)

(Burgess.) Oh, ich mache mir nichts daraus. Ich bin ueber derlei
erhaben. Aber war es recht? Das ist es, was ich zu wissen wuensche!
--war es recht?

(Morell.) Das ist eine Frage fuer die Kirche und nicht fuer Laien.
Wurde Ihnen dadurch irgendein Schaden zugefuegt? danach muessen Sie
fragen--selbstverstaendlich "nein". Also denken Sie nicht mehr daran.
(Er laesst den Gegenstand fallen, geht nach seinem Platz an den Tisch
und beginnt an seiner Korrespondenz zu arbeiten.)

(Burgess beiseite zu Marchbanks:) Was habe ich Ihnen gesagt? Total
verrueckt! (Er geht an den Tisch und fragt mit der Hoeflichkeit eines
Hungrigen:) Wann wird zu Tisch gegangen, Jakob?

(Morell.) Erst nach einigen Stunden.

(Burgess mit klagender Entsagung:) Dann geben Sie mir, bitte, ein
huebsches Buch, am Kamin zu lesen--sein Sie so gut, Jakob.

(Morell.) Was fuer ein Buch,--ein gutes?

(Burgess beinahe mit einem Aufschrei des Widerwillens:) Nein. Irgend
was Lustiges, womit man die Zeit totschlagen kann.

(Morell nimmt eine illustrierte Zeitschrift vom Tisch und bietet sie
ihm an, er ergreift sie demuetig:) Ich danke Ihnen, Jakob. (Er geht
zurueck zum Kamin, laesst sich bequem in den grossen Stuhl nieder und
liest.)

(Morell waehrend er schreibt:) Candida wird gleich kommen und Ihnen
Gesellschaft leisten. Sie ist jetzt fertig mit ihrer Schuelerin und
fuellt die Lampen.

(Marchbanks faehrt empor in wildem Entsetzen:) Aber das wird ihre Haende
beschmutzen,--das kann ich nicht dulden, Herr Pastor, das ist eine
Schande; ich werde die Lampen fuellen. (Er wendet sich nach der Tuer.)

(Morell.) Lassen Sie es lieber sein. (Marchbanks bleibt unschluessig
stehen: ) Sie wuerde Ihnen hoechstens meine Schuhe zu putzen geben, um
mir die Arbeit zu ersparen, es morgen frueh selbst zu tun.

(Burgess mit grosser Missbilligung:) Halten Sie kein Maedchen mehr, Jakob?

(Morell.) Ja, aber es ist keine Sklavin, und das Haus sieht aus, als
ob ich drei hielte. Daraus folgt, dass jeder mithelfen muss. Das geht
ganz gut. Prossi und ich koennen nach dem Fruehstueck, waehrend wir
abwaschen, ueber unsere Geschaefte sprechen; das Abwaschen macht keine
Muehe, wenn es zwei besorgen.

(Marchbanks gequaelt:) Glauben Sie, dass jede Frau so grobkoernig ist wie
Fraeulein Garnett?

(Burgess pathetisch:) Sie haben ganz recht, Herr Marchbanks,
vollkommen recht,--die ist grobkoernig!

(Morell ruhig und bedeutungsvoll:) Marchbanks!

(Marchbanks.) Ja.

(Morell.) Wie viele Dienstboten haelt Ihr Vater?

(Marchbanks.) Oh, ich weiss nicht. (Er gebt unbehaglich an das Sofa
zurueck, als ob er sich so weit fort wie moeglich vor Morells Fragen
retten moechte, setzt sich in grosser Verstoertheit und denkt an das
Petroleum.)

(Morell sehr ernst:) So viele, dass Sie es nicht einmal wissen.
(angriffsbereit:) Immerhin, wenn irgendeine grobkoernige Arbeit zu
verrichten ist, dann klingeln Sie und halsen sie jemand anders
auf--das ist eine der grossen Tatsachen in Ihrem Dasein, nicht wahr?

(Marchbanks.) Oh, quaelen Sie mich nicht. Die eine grosse Tatsache hier
ist jetzt, dass die wundervollen Finger Ihrer Frau mit Petroleum
beschmutzt werden, waehrend Sie bequem hier sitzen und darueber Reden
halten--endlose Reden und Predigten--Worte--Worte--nichts als Worte!

(Burgess dem diese Erwiderung sehr gelegen kommt:) Hoert, hoert! Besser
konnte er's ihm nicht geben! (Strahlend:) Da haben Sie es, Jakob!
Ganz so ist es. (Candida trat ein, in einer reinen Schuerze, mit einer
geputzten und gefuellten, zum Anzuenden fertigen Arbeitslampe. Sie
stellt sie auf den Tisch neben Morell, damit er sie zur Hand hat.)

(Candida reibt ihre Fingerspitzen gegeneinander, mit einem leichten
Krausziehen ihrer Nase:) Wenn Sie bei uns bleiben, Eugen, ich glaube,
dann werde ich Ihnen das Fuellen der Lampe uebertragen.

(Marchbanks.) Ich werde ueberhaupt nur unter der Bedingung bleiben, dass
Sie mir alle grobe Arbeit uebertragen.

(Candida.) Das ist zwar sehr galant, aber ich moechte doch vorher
wissen, wie Sie sie machen. (Wendet sich zu Morell:) Jakob, du hast
in meiner Abwesenheit nicht gehoerig nach dem Rechten gesehen.

(Morell.) Was habe ich denn getan oder nicht getan, meine Liebe?

(Candida ernstlich aergerlich:) Meine eigene kleine
Lieblingsnagelbuerste wurde zum Stiefelputzen verwendet. (Ein
herzzerreissender Klagelaut entringt sich Marchbanks' Brust. Burgess
sieht sich erstaunt um, Candida eilt ans Sofa:) Was ist los? Sind Sie
krank, Eugen?

(Marchbanks.) Nein, nicht krank. Nur Jammer erfasst mich, Jammer,
Jammer! (Er schlaegt die Haende vor das Gesicht.)

(Burgess erschreckt:) Was haben Sie, Herr Marchbanks? Oh, das ist
schlimm in Ihrem Alter; Sie muessen trachten, sich das Trinken nach und
nach abzugewoehnen.

(Candida beruhigt:) Unsinn, Papa. Das ist nur poetischer Jammer.
Nicht wahr, Eugen? (Streichelt ihn.)

(Burgess verlegen:) Oh, poetischen Jammer hat er,--verzeihen Sie, das
wusste ich nicht. (Er wendet sich wieder nach dem Feuer, seine
Unueberlegtheit bereuend.)

(Candida.) Was ist's denn, Eugen? Wegen der Nagelbuerste? (Er
schaudert.) Es ist ja nichts dabei, lassen Sie's gut sein. (Sie setzt
sich neben ihn.) Wollen Sie mir eine huebsche neue schenken, mit
Elfenbeinruecken und eingelegtem Perlmutter?

(Marchbanks sanft und melodisch, aber traurig und schmachtend:) Nein,
keine Nagelbuerste, aber ein Boot, eine kleine Schaluppe, um darin
fortzusegeln, weit fort von der Welt, dorthin, wo Marmorboeden vom
Regen gewaschen und von der Sonne getrocknet werden, und wo der
Suedwind die wundervoll gruenen und purpurnen Teppiche fegt. Oder einen
Wagen moechte ich Ihnen schenken; uns hinaufzutragen in den Himmel, wo
die Lampen Sterne sind und nicht taeglich mit Petroleum gefuellt werden
muessen.

(Morell barsch:) Und wo es nichts anderes zu tun gibt, als faul,
selbstsuechtig und unnuetz zu sein.

(Candida unangenehm beruehrt:) Oh, Jakob, wie kannst du nur alles so
verderben!

(Marchbanks feurig:) Ja: faul, selbstsuechtig und unnuetz, das heisst
schoen, frei und gluecklich sein. Hat das nicht jeder Mann mit seiner
ganzen Seele fuer die Frau gewuenscht, die er liebte? Das ist auch mein
Ideal. Was ist das Ihre und das all der entsetzlichen Menschen, die
in diesen fuerchterlichen Haeuserreihen wohnen? Predigten und
Schuhbuersten! Fuer Sie die Predigten und fuer Ihre Frau die Buerste!

(Candida drollig:) Er putzt die Schuhe, Eugen. Morgen werden Sie sie
putzen muessen, weil Sie das von ihm gesagt haben.

(Marchbanks.) Oh, sprechen Sie nicht von Schuhen; Ihre Fuesse wuerden
auch in einer Wildnis schoen bleiben.

(Candida.) Meine Fuesse wuerden auf der Hackneystrasse ohne Schuhe nicht
sehr schoen aussehn.

(Burgess daran Anstoss nehmend:) Geh, Candy, sei nicht ordinaer. Herr
Marchbanks ist daran nicht gewoehnt. Du hast ihm schon wieder Jammer
eingefloesst,--ich meine poetischen Jammer. (Morell schweigt, scheinbar
ist er mit seinen Briefen beschaeftigt. Tatsaechlich ist er aber ueber
seine neue und beunruhigende Erfahrung in sorgenvolle Gedanken
vertieft: je sicherer er seiner moralischen Ausfaelle ist, desto
sicherer und wirkungsvoller pariert sie Eugen. Es schmerzt Morell
sehr, dass er einen Menschen zu fuerchten anfaengt, den er nicht achten
kann. Fraeulein Garnett kommt mit einem Telegramm herein.)

(Proserpina haendigt das Telegramm Morell ein:) Rueckantwort bezahlt,
der Bote wartet. (Zu Candida, waehrend sie zu ihrer Maschine geht und
sich setzt:) Marie wartet auf Sie in der Kueche, Frau Morell. (Candida
erhebt sich:) Die Zwiebeln sind gekommen.

(Marchbanks krampfhaft:) Zwiebeln!?

(Candida.) Ja, Zwiebeln, und nicht einmal spanische! garstige, kleine
rote Zwiebeln! Sie koennen mir helfen, sie zu zerschneiden; kommen Sie.
(Sie nimmt ihn am Handgelenk und laeuft, ihn nachziehend, hinaus.
Burgess erhebt sich verbluefft und starrt ihnen, auf dem Kaminteppich
stehend, nach.)

(Burgess.) Candy sollte den Neffen eines Pairs nicht so behandeln.
Das geht doch zu weit, Jakob. Hat er oefters solche komischen Anfaelle?

(Morell kurz, ein Telegramm schreibend:) Ich weiss nicht.

(Burgess sentimental:) Er spricht sehr nett. Ich habe immer etwas
Sinn fuer Poesie gehabt. Candy schlaegt mir darin nach. Ich musste ihr
immer Maerchen erzaehlen, als sie noch ein so kleines Maedchen war. (Er
haelt die Hand ungefaehr zwei Fuss hoch ueber den Fussboden.)

(Morell beschaeftigt:) So, wirklich? (Er loescht das Telegramm ab und
geht hinaus.)

(Proserpina.) Haben Sie die Maerchen, die Sie Ihrer Tochter erzaehlten,
selbst erfunden?

(Burgess wuerdigt sie keiner Antwort und nimmt vor dem Kamin die
Stellung tiefster Verachtung gegen sie ein.)

(Proserpina sehr ruhig:) Ich haette nie gedacht, dass Sie derlei koennten.
Uebrigens moechte ich Sie doch warnen, da Sie so grosses Interesse
an Herrn Marchbanks nehmen. Er ist verrueckt.

(Burgess.) Verrueckt! Was? Der auch?

(Proserpina.) Total verrueckt! Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie
sehr er mich vorhin erschreckte--das kann ich Ihnen versichern,
gerade bevor Sie kamen.--Haben Sie das merkwuerdige Zeug, das er sprach,
nicht gehoert?

(Burgess.) So, das ist also der poetische Jammer? Potztausend, es ist
mir selbst schon ein oder zweimal aufgefallen, dass es nicht ganz
richtig mit ihm ist. (Er durchschreitet das Zimmer und hebt seine
Stimme, waehrend er geht:) Na, das ist ein huebsches Irrenhaus fuer einen
Menschen, der ausser Ihnen niemanden hat, sich um ihn zu kuemmern.

(Proserpina waehrend er bei ihr vorbeikommt:) Ja, wie fuerchterlich waere
es, wenn Ihnen da etwas zustiesse.

(Burgess hochmuetig:) Erlauben Sie sich keine Bemerkungen! Sagen Sie
Ihrem Prinzipal, dass ich in den Garten gegangen bin, meine Pfeife zu
rauchen.

(Proserpina spottend:) Oh!--(Ehe Burgess erwidern kann, kehrt Morell
zurueck.)

(Burgess gefuehlvoll:) Ich gehe in den Garten, meine Pfeife zu rauchen,
Jakob.

(Morell kurz angebunden:) Schon gut, schon gut! (Burgess geht
wuerdevoll hinaus, wie ein mueder alter Mann. Morell steht vor dem
Tisch, wendet seine Papiere um und spricht zu Proserpina hinueber, halb
humorvoll, halb geistesabwesend.)

(Morell.) Nun, Prossi, warum haben Sie meinen Schwiegervater mit
Schimpfnamen belegt?

(Proserpina wird feuerrot und sieht rasch zu ihm auf, halb
vorwurfsvoll, halb erschrocken:) Ich--(Sie bricht in Traenen aus.)

(Morell lehnt sich mit leisem Humor zu ihr hinueber und troestet sie:)
Oh, lassen Sie, lassen Sie nur! es ist ja nichts dabei: er ist ein
alter Schafskopf, nicht wahr? (Mit einem krampfhaften Schluchzen
stuerzt sie nach der Tuer und verschwindet, die Tuer zuschlagend. Morell
schuettelt resigniert den Kopf, seufzt und geht muede an seinen Stuhl,
wo er sich an die Arbeit setzt. Er sieht alt und vergraemt aus.
Candida kommt herein; sie hat ihre haeusliche Arbeit beendet und die
Schuerze abgenommen. Sie bemerkt sofort Morells niedergeschlagenes
Aussehen, setzt sich ruhig auf den Besuchsstuhl und betrachtet ihn
aufmerksam. Sie schweigt.)

(Morell sieht auf, die Feder einen Moment absetzend:) Nun, wo ist
Eugen?

(Candida.) Er waescht sich die Haende in der Waschkueche--unter der
Wasserleitung. Er wird ein ausgezeichneter Koch werden, wenn er nur
erst seine Furcht vor Marie ueberwunden hat.

(Morell kurz:) Gewiss, zweifellos. (Er faengt wieder zu schreiben an.)

(Candida geht naeher und legt ihre Haende sanft auf die seinen, um ihn
aufzuhalten, und sagt:) Komm zu mir, mein Lieber. Lass dich anschauen.
(Er legt seine Feder weg und stellt sich ihr zur Verfuegung; sie lasst
ihn aufstehen, zieht ihn ein wenig vom Tisch fort und betrachtet ihn
mit kritischen Blicken.) Wende dein Gesicht einmal gegen das Licht.
(Sie stellt ihn mit dem Gesicht gegen das Fenster.) Mein alter Junge
sieht nicht gut aus,--hat er sich ueberanstrengt?

(Morell.) Nicht mehr als gewoehnlich.

(Candida.) Er sieht sehr bleich und grau, runzelig und alt aus.
(Seine Melancholie nimmt zu und Candida fasst sie geflissentlich lustig
an.) Komm her. (Sie zieht ihn zum Lehnstuhl:) Du hast fuer heute genug
geschrieben. Ueberlass Prossi alles Weitere, und wir wollen ein
bisschen plaudern.

(Morell.) Aber--

(Candida nachdruecklich:) Ja, du musst mit mir plaudern. (Sie zwingt
ihn, Platz zu nehmen, und setzt sich auf den Teppich zu seinen Fuessen.)
Nun (seine Haende streichelnd:) faengst du schon an, besser auszusehen.
Warum gibst du alle diese ermuedenden Extraarbeiten nicht auf? Jeden
Abend gehst du aus, um zu predigen und zu reden. Freilich, was du
sagst, ist alles schoen und gut; aber es nuetzt ja nichts: sie geben
nicht das geringste darauf. Sie sind natuerlich deiner Ansicht--aber
was hat man davon, wenn Leute mit einem einverstanden sind und dann
hingehen und das Gegenteil von allem tun, sobald man den Ruecken kehrt?
Denke nur an unsere Gemeinde in St. Dominik? Warum wollen sie dich
jeden Sonntag ueber Christentum reden hoeren? Nur weil sie mit ihren
Geschaeften und Geldangelegenheiten sechs Tage lang so sehr beschaeftigt
waren, dass sie am siebenten Tage nichts davon hoeren moegen. Da wollen
sie ruhen und sich erbauen, damit sie frisch zurueckkehren und besser
als je dem Gelde nachjagen koennen. Du hilfst ihnen nur noch dabei,
anstatt sie daran zu hindern.

(Morell mit energischem Ernst:) Du weisst sehr gut, Candida, dass ich
sie deswegen oft tuechtig ausschelte. Aber wenn ihr Kirchgang ihnen
nichts anderes bedeutet als Ruhe und Zerstreuung, warum waehlen sie
dann nichts Lustigeres, Angenehmeres? Es muss doch etwas Gutes in der
Tatsache liegen, dass sie die Kirche am Sonntag schlimmeren Orten
vorziehen.

(Candida.) Oh, die schlimmen Orte sind eben nicht offen, und selbst
wenn sie es waeren, sie wuerden sich nicht trauen hinzugehen, aus Angst
gesehn zu werden. Ueberdies, lieber Jakob, predigst du so
wundervoll, dass es fuer sie so gut wie ein Schauspiel ist. Warum,
glaubst du, sind die Frauen alle so begeistert?

(Morell verletzt:) Candida!

(Candida.) Oh, ich weiss. Du Ahnungsloser, du glaubst, dein
Sozialismus und deine Religion machen es,--doch wenn's bloss das waere,
dann wuerden sie tun, was du ihnen sagst, anstatt nur hinzugehen und
dich anzustarren;--sie haben alle Prossis Leiden.

(Morell.) Prossis Leiden? Was meinst du damit, Candida?

(Candida.) Ja, Prossis und das all der anderen Sekretaerinnen, die du
hattest. Warum, meinst du, laesst sich Prossi herbei, abzuwaschen,
Kartoffeln zu schaelen und sich auf alle moegliche Art zu erniedrigen,
da sie bei dir doch sechs Schillinge in der Woche weniger verdient,
als sie in einem Bureau in der City bekaeme? Sie ist verliebt in dich,
das ist der Grund,--sie sind alle in dich verliebt. Und du bist ins
Predigen verliebt, weil du das so wundervoll kannst. Und du glaubst,
es sei alles Enthusiasmus fuer das Himmelreich auf Erden--und sie
glauben es auch--o du lieber Dummkopf, du!

(Morell.) Candida, was ist das fuer ein schrecklicher, seelenmordender
Zynismus? Scherzest du oder--ist es moeglich--bist du eifersuechtig?

(Candida seltsam gedankenvoll:) Ja, manchmal bin ich etwas
eifersuechtig.

(Morell unglaeubig:) Auf Prossi?

(Candida lachend:) Nein, nein, nein. Nicht eifersuechtig a u f
jemanden. Eifersuechtig f ue r jemanden, der n i c h t so geliebt wird,
wie er sollte.

(Morell.) Bin ich das?

(Candida.) Du? Nein. Du bist verwoehnt durch Liebe und Verehrung,
mehr, als fuer dich gut ist.--Nein, ich meine Eugen.

(Morell betroffen:) Eugen?

(Candida.) Es scheint mir ungerecht, dass du alle Liebe besitzen sollst
und er keine, obgleich er sie so viel noetiger hat als du. (Eine
krampfhafte Bewegung schuettelt ihn gegen seinen Willen.) Was ist dir,
quaele ich dich?

(Morell rasch:) Durchaus nicht. (Er sieht sie mit unruhiger Spannung
an.) Du weisst, dass ich dir blindlings vertraue, Candida.

(Candida.) Du eitler Mann. Bist du deiner Unwiderstehlichkeit so
sicher?

(Morell.) Candida, du verletzest mich. Ich habe an
Unwiderstehlichkeit nie gedacht. Deiner Froemmigkeit, deiner Reinheit
vertraue ich.

(Candida.) Was fuer haessliche, ungemuetliche Dinge du mir da sagst,--oh,
du bist wirklich ein Pastor, Jakob, ein Pastor durch und durch!

(Morell ins Herz getroffen, sich von ihr abwendend:) Das sagt Eugen
auch.

(Candida neigt sich mit lebhaftem Interesse zu ihm, die Arme auf
seinen Knien:) Eugen hat immer recht. Er ist ein wundervoller Junge,
ich habe ihn lieber und lieber gewonnen waehrend der ganzen Zeit, wo
ich fort war. Weisst du, Jakob, dass er, obwohl er selbst nicht die
leiseste Ahnung davon hat, im Begriff steht, sich wahnsinnig in mich
zu verlieben?

(Morell grimmig:) Oh, er selbst hat nicht die leiseste Ahnung davon,
wirklich?

(Candida.) Nicht die geringste. (Sie nimmt ihre Arme von seinen Knien
und wendet sich gedankenvoll ab, wobei sie eine bequeme Stellung
einnimmt, die Haende im Schoss.) Eines Tages wird er es wissen,--wenn er
erwachsen und erfahren sein wird wie du--da wird er erkannt haben, dass
ich es wissen musste!--Ich bin neugierig, was er dann von mir denken
wird.

(Morell.) Nichts Boeses, Candida. Ich hoffe und vertraue, nichts Boeses.

(Candida zweifelnd:) Das wird davon abhaengen...

(Morell erschreckt:) Abhaengen!

(Candida ihn ansehend:) Ja, es wird davon abhaengen, was er bis dahin
erleben wird. Er sieht sie verstaendnislos an. Begreifst du das
nicht? Es haengt ganz davon ab, wie und durch wen ihm bewusst wird, was
die Liebe eigentlich ist. Ich meine, es kommt auf die Frau an, die
ihn die Liebe lehren wird.

(Morell ganz verwirrt:) Nein,--ja,--ich weiss nicht, was du meinst.

(Candida erklaerend:) Wenn eine gute Frau sie ihn lehrt, dann wird
alles gut und schoen sein, dann wird er mir verzeihen.

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