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Editorial
This paper argues that discourses of love in Ghanaian market literature for youth offer a view into complex negotiations of agency and empowerment. Drawing on Deborah Durham's notion of youth as "social `shifters'" and Francis Nyamnjoh's conception of the "interconnectedness" of agency, I take Ghanaian market literature as one specific case of how African literature for youth foregrounds questions of continuity and change as African societies enter into increasingly complex global relations. In this literature for youth, received notions of love, often constructed out of impressions from American pop and hip hop music, carry new notions of agency that compete with existing "domesticated" forms. Authors like Ike Tandoh and Evelyn Tay employ discourses of love to offer youth alternative avenues for empowerment in a context of socio-economic disenfranchizement. In a creative process of "straddling", this writing both reveals and reproduces the contradictions that obtain in youth configurations of agency.

Candida

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CANDIDA

Ein Mysterium in drei Akten

George Bernard Shaw

Uebersetzt von Siegfried Trabitsch







PERSONEN

Pastor Jakob Morell
Candida, seine Frau
Burgess, ihr Vater
Alexander Mill, Unterpfarrer
Proserpina Garnett, Maschinenschreiberin
Eugen Marchbanks, ein junger Dichter

Ort der Handlung: Die St. Dominikpfarre, Viktoriapark, London E.

Zeit: Oktober 1894.




ERSTER AKT

(Ein schoener Oktobermorgen im nordoestlichen Viertel Londons. In
diesem ausgedehnten Bezirk sind die Seitengaesschen viel weniger schmal,
schmutzig, uebelriechend und stickig als in dem viele Meilen
entfernten London von Mayfair und St. James. Hier spielt sich
besonders das unelegante Leben der Mittelklassen ab. Die breiten,
dichtbevoelkerten Strassen sind mit haesslichen eisernen
Beduerfnisanstalten, radikalen Klubs und Trambahnlinien, auf denen
Ketten von gelben Wagen endlos einziehen, reichlich versehn. Doch
sind die Hauptverkehrsadern mit grasbewachsenen Vorgaertchen verziert,
von denen man nur den kleinen Streifen betritt, der vom Pfoertchen zur
Haustuer fuehrt. Jene Strassen werden durch die stumm geduldete
Eintoenigkeit sich meilenweit erstreckender haesslicher Ziegelbauten,
schwarzer Eisengitter, Steinpflaster und Schieferdaecher arg entstellt.
Anstaendig aber unmodern oder gemein und aermlicb gekleidete Leute, die
an dieses Viertel gewoehnt sind und sich zumeist in aufreibender Weise
fuer andere plagen muessen, ohne sich fuer ihre Arbeit zu interessieren,
bilden ihre Bewohner. Das bisschen ihnen gebliebene Energie und Eifer
gipfelt in der Habgier des Londoner Cockneys und in der Begierde, ihr
Geschaeft vorwaerts zu bringen. Selbst die Schutzleute und die Kapellen
sind nicht selten genug, die Eintoenigkeit zu unterbrechen. Die Sonne
scheint klar, es ist nicht neblig, und obgleich der Rauch sowohl die
Gesichter und Haende als auch die Mauern aus Ziegelstein und Moertel
verhindert, frisch und rein zu sein, so ist er doch nicht schwarz und
schwer genug, um einen Londoner zu belaestigen.)

(Diese reizlose Wueste hat ihre Oase. Am aeussersten Ende der
Hackneystrasse ist ein durch ein hoelzernes Pfahlwerk abgeschlossener
Park von 270 Morgen angelegt. Er enthaelt Rasenplaetze, Baeume, einen
Teich zum Baden, Blumenbeete, die Triumphe der vielbewunderten
Cockney-Kunst der Teppichgaertnerei sind, und eine Sandgrube, die
urspruenglich zur Belustigung der Kinder vom Meeresufer importiert,
aber schleunigst verlassen wurde, als sie sich in eine natuerliche
Ungezieferbrutstaette fuer die ganz kleine Fauna von Kingsland, Hackney
und Hoxton verwandelte. Ein Orchester, ein kleines Forum fuer
religioese, antireligioese und politische Redner, Cricketplaetze,
ein Turnplatz und ein altmodischer Steinkiosk bilden die
Hauptanziehungspunkte. Wo die Aussicht von Baeumen oder gruenen Anhoehen
begrenzt wird, ist es ein huebscher Aufenthaltsort. Wo sich aber der
Boden flach bis zu dem grauen Lattenzaun hinzieht und man Ziegel und
Moertel, Reklameschilder, zusammengedraengte Schornsteine und Rauch
gewahrt muss die Gegend (im Jahre 1894), trostlos und haesslich genannt
werden.)

(Die beste Aussicht auf den Viktoriapark gewinnt man von den
Frontfenstern der St. Dominikpfarre; von dort sieht man auf keinerlei
Mauerwerk. Das Pfarrhaus steht halb frei, mit einem Vorgarten und
einer Vorhalle. Besucher benuetzen die Stufen, die auf die Veranda
fuehren, Geschaeftsleute und Familienmitglieder geben durch eine Tuer
unterhalb der Treppe in das Erdgeschoss, wo ein Fruehstueckszimmer nach
vorne liegt, das zu allen Mahlzeiten dient; die Kueche liegt hinten.
Oben, auf einem Niveau mit der Flurtuer, befindet sich das
Empfangszimmer mit seinem breiten Fenster aus geschliffenem Glas, das
auf den Park hinausfuehrt.)

(Hier, in dem einzigen Raume, der von den Familienmahlzeiten und den
Kindern verschont bleibt, vollbringt der Pfarrer, Reverend Jakob Mavor
Morell, sein Tagewerk. Er sitzt in einem starken drehbaren Stuhl mit
runder Lehne am Ende eines langen Tisches, der dem Fenster
gegenuebersteht, so dass er sich durch einen Blick ueber die linke
Schulter an der Aussicht auf den Park erfreuen kann. Am Ende des
Tisches, an diesen anstossend, befindet sich ein zweiter Tisch, der nur
halb so breit ist und eine Schreibmaschine traegt.--Seine Schreiberin
sitzt davor mit dem Ruecken gegen das Fenster. Der grosse Tisch ist
unordentlich mit Zeitungen, Broschueren, Briefen, Schubladeeinsaetzen,
einem Notizheft, einer Briefwage und aehnlichen Dingen bedeckt. In der
Mitte steht ein uebriger Stuhl fuer die Besucher, die mit dem Pfarrer
geschaeftlich zu tun haben. Seiner Hand erreichbar steht eine
Papierkassette und eine Photographie in einem Rahmen. Die Wand hinter
ihm ist mit Buecherregalen zugestellt. Die theologische Richtung des
Pfarrers kann ein Sachverstaendiger an: Maurices "Theologischen Essays"
und einer vollstaendigen Ausgabe der Browningschen Gedichte erkennen,
seine politischen Reformideen an einem gelbrueckigen Band "Fortschritt
und Armut", den "Essays der Fabier", dem "Traum John Bulls" von
William Morris, dem "Kapital" von Marx und einem halben Dutzend
anderer grundlegender sozialistischer Buecher. Dem Pfarrer gegenueber,
auf der andern Seite des Zimmers in der Naehe der Schreibmaschine, ist
die Tuer. Weiter hinten, dem Kamin gegenueber, steht ein Buecherbrett
auf einem Spind, daneben ein Sofa. Ein starkes Feuer brennt im Kamin
und davor steht ein bequemer Lehnstuhl, ferner ein schwarz lackierter,
blumenbemalter Kohleneimer auf der einen Seite und ein Kindersessel
fuer einen Knaben oder ein Maedchen auf der anderen. Der hoelzerne
Kaminsims ist lackiert, und in den kleinen Feldern der nett geformten
Faecher sind winzige Spiegelglaeser eingelegt, und eine Reiseuhr in
einem Lederetui (das unvermeidliche Hochzeitsgeschenk) steht darauf.
An der Wand darueber haengt eine grosse Autotypie der Hauptfigur aus
Tizians Assunta. So sieht der Kamin sehr einladend aus. Im ganzen
gesehen ist es das Zimmer einer guten Hausfrau, die, was des Pastors
Arbeitstisch betrifft, an etwas Unordnung gewoehnt ist, aber trotzdem
die Situation vollkommen beherrscht. Die Einrichtung verraet in ihrem
ornamentalen Aussehen den Stil der in den Zeitungen annoncierten
"Saloneinrichtung" des unternehmenden Vorstadtmoebelhaendlers; aber es
ist nichts Zweckloses oder Aufdringliches in dem Zimmer. Die Tapeten
und die Taefelung sind dunkel und lassen das grosse helle Fenster und
den Park draussen kraeftig hervortreten.)

(Hochwuerden Jakob Mavor Morell ist ein christlich-sozialer Geistlicher
der anglikanischen Kirche und ein aktives Mitglied der Gilde von
"Sankt Matthaeus" und der "Christlich Socialen Union". Ein starker,
freundlicher, allgemein geachteter Mann von vierzig fahren, kraeftig
und huebsch, voll Energie und mit liebenswuerdigen, herzlichen,
ruecksichtsvollen Manieren, mit einer gesunden, natuerlichen Stimme, die
er mit der wirkungsvollen Betonung eines geuebten Redners benutzt. Er
verfuegt ueber einen grossen Wortschatz, den er vollkommen beherrscht.
Er ist ein vorzueglicher Geistlicher, faehig, was er will zu wem er will
zu sagen und die Leute abzukanzeln, ohne sich ueber sie zu aergern,
ihnen seine Autoritaet aufzudraengen, ohne sie zu demuetigen und, wenn es
sein muss, sich in ihre Angelegenheiten zu mischen, ohne dabei zu
verletzen. Die Quelle seiner Begeisterung und seines Mitgefuehls
versiegt niemals auch nur fuer einen Augenblick; er isst und schlaeft
noch immer ausgiebig genug, um die taegliche Schlacht zwischen
Erschoepfung und Erholung glaenzend zu gewinnen. Dabei ist er ein
grosses Kind, verzeihlicherweise eitel auf seine Faehigkeiten und
unbewust selbstgefaellig. Er hat eine gesunde Gesichtsfarbe, eine
schoene Stirn mit etwas plumpen Augenbrauen, glaenzende und lebhafte
Augen, einen energischen Mund, der nicht besonders schoen geschnitten
ist, und eine kraeftige Nase mit den beweglichen, sich blaehenden
Nasenfluegeln des dramatischen Redners, die aber wie alle seine Zuege
der Feinheit entbehrt.)

(Die Maschinenschreiberin, Fraeulein Proserpina Garnett, ist eine flinke
kleine Person von ungefaehr dreissig Jahren, sie gehoert der unteren
Mittelklasse an, ist nett, aber billig mit einem schwarzen Wollrock
und einer Bluse bekleidet, ziemlich vorlaut und naseweis und nicht
sehr hoeflich in ihrem Benehmen, aber empfindungsfaehig und
teilnahmsvoll. Sie klappert emsig auf ihrer Maschine drauf los,
waehrend Morell den letzten Brief seiner Morgenpost oeffnet. Er
durchfliegt seinen Inhalt mit einem komischen Stoehnen der Verzweiflung.)

(Proserpina.) Wieder ein Vortrag?

(Morell.) Ja. Ich soll naechsten Sonntagvormittag fuer die
Freiheitsgruppe von Hoxton sprechen. (Er betont mit grosser
Wichtigkeit "Sonntag", weil das der unvernuenftige Teil des Verlangens
ist.) Was sind das fuer Leute?

(Proserpina.) Ich glaube, kommunistische Anarchisten.

(Morell.) Es sieht den Anarchisten aehnlich, nicht zu wissen, dass sie
am Sonntag keinen Pastor haben koennen. Schreiben Sie ihnen, sie
sollen in die Kirche kommen, wenn sie mich hoeren wollen, das kann
ihnen nicht schaden! Und fuegen Sie hinzu, dass ich nur Montags und
Donnerstags frei bin. Haben Sie das Vormerkbuch da?

(Proserpina hebt das Vormerkbuch auf:) Ja!

(Morell.) Ist irgendeine Vorlesung fuer naechsten Montag angesetzt?

(Proserpina im Vormerkbuch nachschlagend:) Der radikale Klub von Tower
Hamlet.

(Morell) Nun, und Donnerstag?

(Proserpina.) Die englische Bodenreform-Liga.

(Morell.) Was dann?

(Proserpina.) In der Gilde von Sankt Matthaeus am Montag. In der
unabhaengigen Arbeitervereinigung, Abteilung Greenwich, am Donnerstag;
am Montag darauf in der soziademokratischen Foederation, Abteilung Mile
End; am folgenden Donnerstag ist die erste Konfirmationsklasse.
(Ungeduldig:) Ach, ich will lieber schreiben, dass Sie ueberhaupt nicht
kommen koennen; es sind doch nur ein halbes Dutzend unwissende und
eingebildete Hausierer, die miteinander keine fuenf Schilling haben.

(Morell belustigt:) Ah, aber bedenken Sie, es sind nahe Verwandte von
mir, Fraeulein Garnett.

(Proserpina ihn anstarrend:) Verwandte von Ihnen?

(Morell.) Ja! Wir haben denselben Vater--im Himmel.

(Proserpina erleichtert:) Oh, weiter nichts?

(Morell mit einer Melancholie, die einem Manne Genuss ist, dessen
Stimme sie schon so schoen auszudruecken vermag:) Ah, Sie glauben das
auch nicht,--jedermann sagt es, niemand glaubt es, niemand! (Schnell
zu seinem Gegenstande zurueckkehrend:) Gut, gut! Na, Fraeulein
Proserpina, koennen Sie keinen Tag fuer die Hausierer finden, wie ist's
mit dem fuenfundzwanzigsten,--der war noch vorgestern frei.

(Proserpina aus dem Vormerkbuch:) Auch vergeben--an die Fabier.

(Morell.) Hol' der Geier die Fabier! Ist der achtundzwanzigste
gleichfalls vergeben?

(Proserpina.) Bankett in der City. Sie sind von den Huettenbesitzern
zum Speisen eingeladen.

(Morell.) Das geht, ich werde eben statt dessen nach Hoxton gehen.
(Sie traegt diese Verpflichtung schweigend ein, mit unerschuetterlicher
Verachtung gegen diese Hoxtoner Anarchisten, die sich in jeder Linie
ihres Gesichtes spiegelt. Morell reisst das Streifband eines Exemplars
des "Church Reformer" ab, das mit der Post angekommen ist, und
ueberfliegt den Leitartikel Stewart Hedlams und die Mitteilungen der
Gilde von Sankt Matthaeus. Diese Vorgaenge werden alsbald durch das
Erscheinen des Unterpfarrers Morells, Alexander Mill, unterbrochen.
Er ist ein junger Mensch, den Morell von der naechsten Missionstelle
der Universitaet bezogen hat, wohin er von Oxford gekommen war, um dem
East-End von London die Wohltat seiner akademischen Bildung angedeihen
zu lassen. Er ist ein eingebildeter, gutgesinnter, unreifer Mann, von
enthusiastischer Natur. Nichts absolut Unausstehliches ist in seinem
Wesen ausser der Gewohnheit, um eine gezierte Sprache zu erzielen, mit
sorgsam geschlossenen Lippen zu reden und eine Menge Vokale schlecht
auszusprechen, als ob dies das Hauptmittel waere, die Bildung Oxfords
unter den Poebel Hackneys zu tragen.)

(Morell, den er durch eine huendische Unterwuerfigkeit fuer sich gewann,
blickt nachsichtig von seiner Lektuere im "Church Reformer" auf und
bemerkt:) Nun, Lexi, wieder verschlafen, wie gewoehnlich?

(Mill.) Leider ja. Ich wollte, ich koennte des Morgens leichter
aufstehen.

(Morell freut sich der eigenen Energie:) Ha, ha! (launig:) "Wache und
bete", Lexi, "wache und bete".

(Mill.) Ich weiss. (Er benuetzt diese Gelegenheit sofort, um einen Witz
zu machen.) Aber wie kann ich wachen und beten, wenn ich schlafe;
--hab' ich nicht recht, Fraeulein Prossi?

(Proserpina scharf:) Fraeulein Garnett, wenn ich bitten darf.

(Mill.) Entschuldigen Sie, Fraeulein Garnett.

(Proserpina.) Sie muessen heute alle Arbeit allein erledigen. (Mill.)
Warum?

(Proserpina.) Fragen Sie nicht, warum. Es wird Ihnen wohl bekommen,
Ihr Abendbrot einmal zu verdienen, bevor Sie es essen, wie ich es
taeglich tue. Los, troedeln Sie nicht. Sie sollten schon seit einer
halben Stunde unterwegs sein.

(Mill starr:) Spricht sie im Ernst, Herr Pastor?

(Morell in bester Laune--seine Augen glaenzen:) Ja. Heute werd' ich
einmal bummeln.

(Mill.) Sie? Sie wissen ja nicht, wie man das macht.

(Morell herzlich:) Ha, ha! Weissichdasnicht? Diesen Tag will ich ganz
fuer mich haben, oder doch wenigstens den Vormittag! Meine Frau kommt
naemlich zurueck, um elf Uhr fuenfundvierzig soll sie hier eintreffen.

(Mill erstaunt:) Schon zurueck--mit den Kindern? Ich dachte, sie
wollte bis Ende des Monats fortbleiben.

(Morell.) So ist es. Sie kommt nur fuer zwei Tage her, um fuer Jimmy
etwas Flanellwaesche einzukaufen und um zu sehen, wie wir hier ohne sie
fertig werden.

(Mill aengstlich:) Aber lieber Herr Morell, wenn das, was Jimmy und
Flussy gefehlt hat, wirklich Scharlach war, halten Sie es fuer klug?--

(Morell.) Unsinn, Scharlach! Masern waren es, ich habe sie selbst von
der Pycroftstrasse aus der Schule nach Hause gebracht; ein Pastor ist
wie ein Arzt, mein Lieber, er muss der Ansteckung ins Auge sehen koennen
wie ein Soldat den Kugeln. (Er erbebt sich und schlaegt Mill auf die
Schultern.) Trachten Sie, Masern zu bekommen, wenn Sie koennen; Candida
wird Sie dann pflegen, und was fuer ein Gluecksfall waere das fuer Sie,
--was?

(Mill unsicher laechelnd:) Es ist schwer, Sie zu verstehen, wenn Sie
ueber Frau Morell sprechen.--

(Morell weich:) Mein lieber Junge, seien Sie erst verheiratet!
Verheiratet mit einer guten Frau, und dann werden Sie mich verstehen.
Es ist ein Vorgeschmack von dem Besten, was uns in dem himmlischen
Reich erwartet, das wir uns auf Erden zu gruenden versuchen. Dann
werden Sie sich schon das Bummeln abgewoehnen! Ein braver Mann fuehlt,
dass er dem Himmel fuer jede Stunde des Gluecks ein hartes Stueck
selbstloser Arbeit zum Wohle seiner Mitmenschen schuldig ist. Wir
haben ebensowenig das Recht, Glueck zu verbrauchen, ohne es zu erzeugen,
als Reichtum zu verbrauchen, ohne ihn zu erwerben. Suchen Sie sich
eine Frau wie meine Candida, und Sie werden immer Schuldner sein,
wieviel Sie auch abzahlen. (Er klopft Mill liebevoll auf den Ruecken
und ist im Begriff, das Zimmer zu verlassen, als Mill ihn zurueckruft.)

(Mill.) Oh, warten Sie einen Augenblick, ich vergass... (Morell bleibt
stehen und wendet sich um, die Tuerklinke in der Hand.) Ihr Herr
Schwiegervater wird hierherkommen, er hat mit Ihnen zu sprechen.
(Morell schliesst die Tuer wieder, mit vollkommen veraendertem Wesen.)

(Morell ueberrascht und nicht erfreut:) Burgess?

(Mill.) Ja! Ich traf ihn mit jemandem im Park, in eifrigem Gespraech.
Er sprach mich an und bat mich, Sie wissen zu lassen, dass er
hierherkommt.

(Moroll halb unglaeubig:) Aber er ist seit Jahren nicht hier gewesen.
Sind Sie sicher, Lexi? Sie scherzen doch nicht etwa?--

(Mill ernst:) Nein, Herr Pastor, ganz bestimmt nicht!

(Morell nachdenklich:) Hm, hm, er haelt es an der Zeit, sich wieder
einmal nach Candida umzusehen, ehe sie gaenzlich aus seinem Gedaechtnis
verschwindet. (Er fuegt sich in das Unvermeidliche und geht hinaus;
Mill sieht ihm mit begeisterter, naerrischer Verehrung nach. Fraeulein
Garnett, die Mill nicht schuetteln kann, wie sie moechte, laesst ihre
Gefuehle an der Schreibmaschine aus.)

(Mill.) Was fuer ein vortrefflicher Mann, welch ein tiefes liebevolles
Gemuet! (Er nimmt Morells Platz am Tisch ein und macht es sich bequem,
indem er eine Zigarette hervorzieht.)


(Proserpina ungeduldig, nimmt den Brief, den sie auf der Maschine
geschrieben hat, und faltet ihn zusammen:) Ach! ein Mann sollte seine
Frau lieben koennen, ohne einen Narren aus sich zu machen.

(Mill erregt:) Aber Fraeulein Proserpina!

(Proserpina geschaeftig aufstehend, holt ein Kuvert aus dem Pulte, in
das sie, waehrend sie spricht, den Brief hineinlegt:) Candida hin und
Candida her und Candida ueberall. (Sie leckt das Kuvert.) Es kann
einen ausser Rand und Band bringen! (Haemmert das Kuvert, um es fest zu
schliessen.) Hoeren zu muessen, wie eine ganz gewoehnliche Frau in dieser
laecherlichen Weise vergoettert wird, bloss weil sie schoenes Haar und
eine leidliche Figur hat.

(Mill mit vorwurfsvollem Ernst:) Ich finde sie ungewoehnlich schoen,
Fraeulein Garnett. (Er nimmt die Photographie zur Hand betrachtet sie
und fuegt mit noch tieferem Ausdruck hinzu:) Wunderbar schoen,--was fuer
herrliche Augen sie hat!

(Proserpina.) Candidas Augen sind durchaus nicht schoener als meine,
(Mill stellt die Photograpbie fort und sieht sie strenge an,) und ich
weiss ganz gut, dass Sie mich fuer ein gewoehnliches und untergeordnetes
Geschoepf halten.

(Mill erbebt sich majestaetisch:) Gott behuete, dass ich von irgendeinem
Geschoepf Gottes in dieser Weise daechte. (Er geht steif von ihr fort
bis in die Naehe des Buecherschranks.)

(Proserpina mit bitterem Spott:) Ich danke Ihnen, das ist sehr nett
und troestlich.

(Mill traurig ueber ihre Verstocktheit:) Ich hatte keine Ahnung, dass
Sie etwas gegen Frau Morell haben.

(Proserpina entruestet:) Ich habe durchaus nichts gegen sie. Sie ist
sehr liebenswuerdig und sehr gutherzig, ich habe sie sehr gern und weiss
ihre wirklich guten Eigenschaften weit besser zu wuerdigen, als
irgendein Mann es koennte. (Mill schuettelt traurig den Kopf, wendet
sich zum Buecherschrank und sucht die Reihen entlang nach einem Bande.
Sie folgt ihm mit heftiger Leidenschaftlichkeit.) Sie glauben mir
nicht? (Er wendet sich um und blickt ihr ins Gesicht. Sie faellt ihn
mit Heftigkeit an:) Sie halten mich fuer eifersuechtig? Was fuer eine
tiefe Kenntnis des menschlichen Herzens Sie haben, Herr Alexander Mill!
Wie gut Sie die Schwaechen der Frauen kennen, nicht wahr? Wie schoen
es sein muss, ein Mann zu sein und einen scharfen durchdringenden
Verstand zu haben, statt blosse Gefuehle, wie wir Frauen, und zu wissen,
dass die Ursache, warum wir ihr Vernarrtsein in eine Frau nicht teilen,
nur in gegenseitiger Eifersucht zu suchen sein kann. (Sie wendet sich
mit einer Bewegung ihrer Schultern von ihm ab und geht an das Feuer,
ihre Haende zu waermen.)

(Mill.) Ach, wenn Ihr Frauen nur ebenso leicht den Schluessel zur
Staerke des Mannes faendet wie zu seiner Schwaeche, es gaebe keine
Frauenfrage.

(Proserpina ueber ihre Schulter, waehrend sie die Haende vor die Flammen
haelt:) Wo haben Sie das von Herrn Morell gehoert? Sie selbst haben es
nicht erfunden,--Sie sind dazu nicht gescheit genug.

(Mill.) Das ist ganz richtig. Ich schaeme mich durchaus nicht, ihm
diesen Ausspruch zu verdanken, wo ich ihm schon so viele andere
geistige Wahrheiten verdanke! Er tat ihn bei der Jahresversammlung
der freien Frauenvereinigung. Erlauben Sie mir hinzuzufuegen, dass ich,
obwohl bloss ein Mann, im Gegensatz zu jenen Frauen diesen Ausspruch zu
schaetzen wusste! (Er wendet sich wieder an den Buecherschrank in der
Hoffnung, dass diese Worte sie vernichtet haben.)

(Proserpina ordnet ihr Haar vor den kleinen Spiegeln des Kamins:) Wenn
Sie mit mir sprechen, sagen Sie mir gefaelligst Ihre eigenen Gedanken,
soviel sie eben wert sind, und nicht die Pastor Morells. Sie geben
niemals eine traurigere Figur ab, als wenn Sie versuchen, ihn
nachzumachen.

(Mill gekraenkt:) Ich versuche seinem Beispiel zu folgen, aber nicht,
ihn nachzumachen.

(Proserpina kommt wieder an ihn heran auf dem Rueckwege zu ihrer Arbeit:)
Jawohl, Sie machen ihn nach. Warum stecken Sie Ihren Schirm unter
den linken Arm, statt ihn in der Hand zu tragen wie jeder andere?
Warum gehen Sie mit vorgeschobenem Kinn und warum eilen Sie vorwaerts
mit diesem eifrigen Ausdruck in den Augen,--Sie, der Sie nie vor halb
zehn Uhr morgens aufstehen? Warum sagen Sie in der Kirche "Aandacht",
obwohl Sie im Leben "Andacht" sagen? Bah--glauben Sie, ich weiss das
nicht? (Geht zurueck zur Schreibmaschine.) Da kommen Sie her und
machen Sie sich endlich an Ihre Arbeit; wir haben heute Morgen genug
Zeit verloren. Hier ist eine Abschrift der Tageseinteilung fuer heute.
(Sie reicht ihm ein Memorandum. Mill schwer beleidigt:) Ich danke
Ihnen. (Er nimmt das Papier und steht mit dem Ruecken gegen sie an den
Tisch gelehnt und liest.) Sie faengt an, auf der Schreibmaschine ihre
stenographischen Aufzeichnungen zu uebertragen, ohne auf Mills Gefuehle
zu achten.

(Burgess tritt unangemeldet ein.) Er ist ein Mann von sechzig Jahren,
derb und filzig geworden durch die notwendige Selbstsucht des kleinen
Kraemers, die sich spaeter durch Ueberfuetterung und geschaeftlichen Erfolg
zu traeger Aufgeblasenheit milderte. Ein gemeiner, unwissender,
unmaessiger Mensch, beleidigend und hochnasig Leuten gegenueber, deren
Arbeit wohlfeil ist, ehrfuerchtig gegen Menschen von Reichtum und Rang,
aber beiden gegenueber ganz aufrichtig und ohne Groll oder Neid. Da
sie ihn ohne besondere Faehigkeiten sah, hat ihm die Welt keine andere
gut bezahlte Arbeit zu bieten gewusst, als unnoble Arbeit, und er wurde
infolgedessen etwas erbaermlich, hat aber keine Ahnung, dass er so
beschaffen ist, und betrachtet seinen kommerziellen Wohlstand ganz
ehrlich als den unvermeidlichen und sozial berechtigten Triumph der
Geschicklichkeit, Tuechtigkeit, Faehigkeit und Erfahrung eines Mannes,
der im Privatleben uebertrieben, leichtsinnig, liebenswuerdig und
leutselig ist. Koerperlich ist er kurz und dick, mit einer
schnauzenaehnlichen Nase in der Mitte eines flachen, breiten Gesichtes;
unter dem Kinn ein staubfarbener Bart mit einem grauen Fleck in der
Mitte; er hat waesserige blaue Augen mit klagend sentimentalem Ausdruck,
der sich durch die Gewohnheit, seine Saetze wichtigtuend zu singen,
auch leicht auf seine Stimme uebertraegt.

(Burgess bleibt an der Schwelle stehen und blickt umher:) Man sagte
mir, Herr Morell sei hier.

(Proserpina sich erhebend:) Er ist oben, ich will ihn holen.

(Burgess sie frech anstarrend:) Sie sind nicht dieselbe junge Dame,
die sonst fuer ihn schrieb.

(Proserpina.) Nein.

(Burgess beistimmend:) Nein, die war juenger. (Fraeulein Garnett starrt
ihn an, dann gebt sie mit grosser Wuerde hinaus. Er nimmt dies
gleichgueltig entgegen und geht an den Kaminteppich, wo er sich
umwendet und sich breitspurig aufpflanzt, den Ruecken dem Feuer
zugekehrt.)

(Burgess.) Sind Sie im Begriff Ihren Rundgang zu machen, Herr Mill?

(Mill faltet sein Papier und steckt es in die Tasche:) Jawohl, ich muss
gleich fort.

(Burgess wichtig:) Lassen Sie sich nicht aufhalten; was ich mit Herrn
Morell zu besprechen habe, ist ganz privater Natur.

(Mill aufgeblasen:) Ich habe durchaus nicht die Absicht, mich
einzumengen, verlassen Sie sich darauf, Herr Burgess. Guten Morgen!

(Burgess herablassend:) Guten Morgen, guten Morgen!

(Morell kommt zurueck, waehrend Mill sich zur Tuer wendet.)

(Morell zu Mill:) Sie gehen an die Arbeit?

(Mill.) Jawohl, Herr Pastor.

(Morell klopft ihn liebenswuerdig auf die Schulter:) Da, nehmen Sie
mein Seidentuch um den Hals, es geht ein kalter Wind draussen. Aber
jetzt machen Sie, dass Sie fortkommen. (Mill, mehr als getroestet ueber
Burgess' Schroffheit, freut sich und geht hinaus.)

(Burgess.) Guten Morgen, Jakob. Sie verwoehnen Ihren Unterpfarrer wie
immer. Wenn ich einen Mann bezahle und einer auf meine Kosten lebt,
dann weise ich ihm gehoerig seinen Platz an.

(Morell etwas kurz angebunden:) Ich weise meinem Unterpfarrer immer
seinen Platz an, naemlich an meiner Seite als meinem Helfer und
Kameraden. Wenn es Ihnen gelingt, so viel Arbeit aus Ihren Kommis und
Angestellten herauszukriegen wie ich aus meinem Unterpfarrer, dann
muessen Sie ziemlich rasch reich werden. Bitte, setzen Sie sich in
Ihren gewohnten Stuhl. (Er weist mit trockener Autoritaet auf den
Armstuhl neben dem Kamin, dann ergreift er einen freien Stuhl und
setzt sich in zurueckhaltender Entfernung von seinem Besucher.)

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