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Annual Bibliography of Commonwealth Literature 2007
This paper argues that discourses of love in Ghanaian market literature for youth offer a view into complex negotiations of agency and empowerment. Drawing on Deborah Durham's notion of youth as "social `shifters'" and Francis Nyamnjoh's conception of the "interconnectedness" of agency, I take Ghanaian market literature as one specific case of how African literature for youth foregrounds questions of continuity and change as African societies enter into increasingly complex global relations. In this literature for youth, received notions of love, often constructed out of impressions from American pop and hip hop music, carry new notions of agency that compete with existing "domesticated" forms. Authors like Ike Tandoh and Evelyn Tay employ discourses of love to offer youth alternative avenues for empowerment in a context of socio-economic disenfranchizement. In a creative process of "straddling", this writing both reveals and reproduces the contradictions that obtain in youth configurations of agency.

Dantons Tod

G >> Georg Buchner >> Dantons Tod

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Barere (zuckt die Achseln).
Pst! davon darf der Tugendhafte nichts wissen.

Billaud.
Er ist ein impotenter Masoret. (Billaud und Collot ab.)

Barere (allein).
Die Ungeheuer! - "Es ist noch nicht lange genug, dass du den Tod
wuenschest!" Diese Worte haetten die Zunge muessen verdorren machen,
die sie gesprochen.

Und ich? - Als die Septembriseurs in die Gefaengnisse drangen, fasst
ein Gefangner sein Messer, er draengt sich unter die Moerder, er
stoesst es in die Brust eines Priesters, er ist gerettet! Wer kann was
dawider haben? Ob ich mich nun unter die Moerder draenge oder mich
in den Wohlfahrtsausschuss setze, ob ich ein Guillotinen- oder
ein Taschenmesser nehme? Es ist der naemliche Fall, nur mit etwas
verwickelteren Umstaenden; die Grundverhaeltnisse sind sich gleich. -
Und durft' er einen morden: durft' er auch zwei, auch drei, auch noch
mehr? wo hoert das auf? Da kommen die Gerstenkoerner! Machen zwei
einen Haufen, drei, vier, wieviel dann? Komm, mein Gewissen, komm,
mein Huehnchen, komm, bi, bi, bi, da ist Futter!

Doch - war ich auch Gefangner? Verdaechtig war ich, das laeuft auf
eins hinaus; der Tod war mir gewiss. (Ab.)



Siebente Szene

Die Conciergerie

Lacroix. Danton. Philippeau. Camille.

Lacroix.
Du hast gut geschrien, Danton; haettest du dich etwas frueher so um
dein Leben gequaelt, es waere jetzt anders. Nicht wahr, wenn der Tod
einem so unverschaemt nahe kommt und so aus dem Hals stinkt und immer
zudringlicher wird?

Camille.
Wenn er einen noch notzuechtigte und seinen Raub unter Ringen und
Kampf aus den heissen Gliedern riss! Aber so in allen Formalitaeten
wie bei der Hochzeit mit einem alten Weibe, wie die Pakten aufgesetzt,
wie die Zeugen gerufen, wie das Amen gesagt und wie dann die Bettdecke
gehoben wird und es langsam hereinkriecht mit seinen kalten Gliedern!

Danton.
Waer' es ein Kampf, dass die Arme und Zaehne einander packten! Aber
es ist mir, als waere ich in ein Muehlwerk gefallen, und die Glieder
wuerden mir langsam systematisch von der kalten physischen Gewalt
abgedreht. So mechanisch getoetet zu werden!

Camille.
Und dann daliegen allein, kalt, steif in dem feuchten Dunst der
Faeulnis - vielleicht, dass einem der Tod das Leben langsam aus den
Fibern martert - mit Bewusstsein vielleicht sich wegzufaulen!

Philippeau.
Seid ruhig, meine Freunde! Wir sind wie die Herbstzeitlose, welche
erst nach dem Winter Samen traegt. Von Blumen, die versetzt werden,
unterscheiden wir uns nur dadurch, dass wir ueber dem Versuch ein
wenig stinken. Ist das so arg?

Danton.
Eine erbauliche Aussicht! Von einem Misthaufen auf den andern! Nicht
wahr, die goettliche Klassentheorie? Von Prima nach Sekunda, von
Sekunda nach Tertia und so weiter? Ich habe die Schulbaenke satt, ich
habe mir Gesaessschwielen wie ein Affe darauf gesessen.

Philippeau.
Was willst du denn?

Danton.
Ruhe.

Philippeau.
Die ist in Gott.

Danton.
Im Nichts. Versenke dich in was Ruhigers als das Nichts, und wenn die
hoechste Ruhe Gott ist, ist nicht das Nichts Gott? Aber ich bin ein
Atheist. Der verfluchte Satz: Etwas kann nicht zu nichts werden! Und
ich bin etwas, das ist der Jammer! - Die Schoepfung hat sich so breit
gemacht, da ist nichts leer, alles voll Gewimmels. Das Nichts hat sich
ermordet, die Schoepfung ist seine Wunde, wir sind seine Blutstropfen,
die Welt ist das Grab, worin es fault. - Das lautet verrueckt, es ist
aber doch was Wahres daran.

Camille.
Die Welt ist der Ewige Jude, das Nichts ist der Tod, aber er ist
unmoeglich. Oh, nicht sterben koennen, nicht sterben koennen! wie es
im Lied heisst.

Danton.
Wir sind alle lebendig begraben und wie Koenige in drei- oder
vierfachen Saergen beigesetzt, unter dem Himmel, in unsern Haeusern,
in unsern Roecken und Hemden. - Wir kratzen fuenfzig Jahre lang
am Sargdeckel. Ja, wer an Vernichtung glauben koennte! dem waere
geholfen. - Da ist keine Hoffnung im Tod; er ist nur eine einfachere,
das Leben eine verwickeltere, organisiertere Faeulnis, das ist der
ganze Unterschied! - Aber ich bin gerad einmal an diese Art des
Faulens gewoehnt; der Teufel weiss, wie ich mit einer andern
zurechtkomme. O Julie! Wenn ich allein ginge! Wenn sie mich einsam
liesse! - Und wenn ich ganz zerfiele, mich ganz aufloeste: ich waere
eine Handvoll gemarterten Staubes, jedes meiner Atome koennte nur
Ruhe finden bei ihr. - Ich kann nicht sterben, nein, ich kann nicht
sterben. Wir sind noch nicht geschlagen. Wir muessen schreien; sie
muessen mir jeden Lebenstropfen aus den Gliedern reissen.

Lacroix.
Wir muessen auf unsrer Forderung bestehen; unsre Anklaeger und die
Ausschuesse muessen vor dem Tribunal erscheinen.



Achte Szene

Ein Zimmer

Fouquier. Amar. Vouland.

Fouquier.
Ich weiss nicht mehr, was ich antworten soll; sie fordern eine
Kommission.

Amar.
Wir haben die Schurken: da hast du, was du verlangst. (Er ueberreicht
Fouquier ein Papier.)

Vouland.
Das wird sie zufriedenstellen.

Fouquier.
Wahrhaftig, das hatten wir noetig.

Amar.
Nun mache, dass wir und sie die Sache vom Hals bekommen.



Neunte Szene

Das Revolutionstribunal

Danton.
Die Republik ist in Gefahr, und er hat keine Instruktion! Wir
appellieren an das Volk; meine Stimme ist noch stark genug, um
den Dezemvirn die Leichenrede zu halten. - Ich wiederhole es, wir
verlangen eine Kommission; wir haben wichtige Entdeckungen zu machen.
Ich werde mich in die Zitadelle der Vernunft zurueckziehen, ich werde
mit der Kanone der Wahrheit hervorbrechen und meine Feinde zermalmen.
(Zeichen des Beifalls.)

(Fouquier, Amar und Vouland treten ein.)

Fouquier.
Ruhe im Namen der Republik, Achtung dem Gesetz! Der Konvent
beschliesst:

In Betracht, dass in den Gefaengnissen sich Spuren von Meutereien
zeigen, in Betracht, dass Dantons und Camilles Weiber Geld unter das
Volk werfen und dass der General Dillon ausbrechen und sich an die
Spitze der Empoerer stellen soll, um die Angeklagten zu befreien, in
Betracht endlich, dass diese selbst unruhige Auftritte herbeizufuehren
sich bemueht und das Tribunal zu beleidigen versucht haben, wird das
Tribunal ermaechtigt, die Untersuchung ohne Unterbrechung fortzusetzen
und jeden Angeklagten, der die dem Gesetze schuldige Ehrfurcht ausser
Augen setzen sollte, von den Debatten auszuschliessen.

Danton.
Ich frage die Anwesenden, ob wir dem Tribunal, dem Volke oder dem
Nationalkonvent Hohn gesprochen haben?

Viele Stimmen.
Nein! Nein!

Camille.
Die Elenden, sie wollen meine Lucile morden!

Danton.
Eines Tages wird man die Wahrheit erkennen. Ich sehe grosses Unglueck
ueber Frankreich hereinbrechen. Das ist die Diktatur; sie hat ihren
Schleier zerrissen, sie traegt die Stirne hoch, sie schreitet ueber
unsere Leichen. (Auf Amar und Vouland deutend:) Seht da die feigen
Moerder, seht da die Raben des Wohlfahrtsausschusses!

Ich klage Robespierre, St. Just und ihre Henker des Hochverrats
an. - Sie wollen die Republik im Blut ersticken. Die Gleise der
Guillotinenkarren sind die Heerstrassen, auf welchen die Fremden in
das Herz des Vaterlandes dringen sollen.

Wie lange sollen die Fussstapfen der Freiheit Graeber sein? - Ihr
wollt Brot, und sie werfen euch Koepfe hin! Ihr durstet, und sie
machen euch das Blut von den Stufen der Guillotine lecken! (Heftige
Bewegung unter den Zuhoerern, Geschrei des Beifalls.)

Viele Stimmen.
Es lebe Danton, nieder mit den Dezemvirn! (Die Gefangnen werden mit
Gewalt hinausgefuehrt.)



Zehnte Szene

Platz vor dem Justizpalast

Ein Volkshaufe.

Einige Stimmen.
Nieder mit den Dezemvirn! Es lebe Danton!

Erster Buerger.
Ja, das ist wahr, Koepfe statt Brot, Blut statt Wein!

Einige Weiber.
Die Guillotine ist eine schlechte Muehle und Samson ein schlechter
Baeckerknecht; wir wollen Brot, Brot!

Zweiter Buerger.
Euer Brot, das hat Danton gefressen. Sein Kopf wird euch allen wieder
Brot geben, er hatte recht.

Erster Buerger.
Danton war unter uns am 10. August, Danton war unter uns im September.
Wo waren die Leute, welche ihn angeklagt haben?

Zweiter Buerger.
Und Lafayette war mit euch in Versailles und war doch ein Verraeter.

Erster Buerger.
Wer sagt, dass Danton ein Verraeter sei?

Zweiter Buerger.
Robespierre.

Erster Buerger.
Und Robespierre ist ein Verraeter!

Zweiter Buerger.
Wer sagt das?

Erster Buerger.
Danton.

Zweiter Buerger.
Danton hat schoene Kleider, Danton hat ein schoenes Haus, Danton hat
eine schoene Frau, er badet sich in Burgunder, isst das Wildbret von
silbernen Tellern und schlaeft bei euren Weibern und Toechtern, wenn
er betrunken ist. - Danton war arm wie ihr. Woher hat er das alles?
Das Veto hat es ihm gekauft, damit er ihm die Krone rette. Der Herzog
von Orleans hat es ihm geschenkt, damit er ihm die Krone stehle. Der
Fremde hat es ihm gegeben, damit er euch alle verrate. - Was hat
Robespierre? Der tugendhafte Robespierre! Ihr kennt ihn alle.

Alle.
Es lebe Robespierre! Nieder mit Danton! Nieder mit dem Verraeter!




Vierter Akt

Erste Szene

Ein Zimmer

Julie. Ein Knabe.

Julie.
Es ist aus. Sie zitterten vor ihm. Sie toeten ihn aus Furcht. Geh! ich
habe ihn zum letzten Mal gesehen; sag ihm, ich koenne ihn nicht so
sehen. (Sie gibt ihm eine Locke.) Da, bring ihm das und sag ihm, er
wuerde nicht allein gehn - er versteht mich schon. Und dann schnell
zurueck, ich will seine Blicke aus deinen Augen lesen.



Zweite Szene

Eine Strasse

Dumas. Ein Buerger.

Buerger.
Wie kann man nach einem solchen Verhoer soviel Unschuldige zum Tod
verurteilen?

Dumas.
Das ist in der Tat ausserordentlich; aber die Revolutionsmaenner haben
einen Sinn, der andern Menschen fehlt, und dieser Sinn truegt sie nie.

Buerger.
Das ist der Sinn des Tigers. - Du hast ein Weib.

Dumas.
Ich werde bald eins gehabt haben.

Buerger.
So ist es denn wahr?

Dumas.
Das Revolutionstribunal wird unsere Ehescheidung aussprechen; die
Guillotine wird uns von Tisch und Bett trennen.

Buerger.
Du bist ein Ungeheuer!

Dumas.
Schwachkopf! Du bewunderst Brutus?

Buerger.
Von ganzer Seele.

Dumas.
Muss man denn gerade roemischer Konsul sein und sein Haupt mit der
Toga verhuellen koennen, um sein Liebstes dem Vaterlande zu opfern?
Ich werde mir die Augen mit dem Aermel meines roten Fracks abwischen;
das ist der ganze Unterschied.

Buerger.
Das ist entsetzlich!

Dumas.
Geh, du begreifst mich nicht! (Sie gehen ab.)



Dritte Szene

Die Conciergerie

Lacroix, Herault auf einem Bett, Danton, Camille auf einem andern.

Lacroix.
Die Haare wachsen einem so und die Naegel, man muss sich wirklich
schaemen.

Herault.
Nehmen Sie sich ein wenig in acht, Sie niesen mir das ganze Gesicht
voll Sand!

Lacroix.
Und treten Sie mir nicht so auf die Fuesse, Bester, ich habe
Huehneraugen!

Herault.
Sie leiden noch an Ungeziefer.

Lacroix.
Ach, wenn ich nur einmal die Wuermer ganz los waere!

Herault.
Nun, schlafen Sie wohl! wir muessen sehen, wie wir miteinander
zurechtkommen, wir haben wenig Raum. - Kratzen Sie mich nicht mit
Ihren Naegeln im Schlaf! - So! Zerren Sie nicht so am Leichtuch, es
ist kalt da unten! -

Danton.
Ja, Camille, morgen sind wir durchgelaufne Schuhe, die man der
Bettlerin Erde in den Schoss wirft.

Camille.
Das Rindsleder, woraus nach Platon die Engel sich Pantoffeln
geschnitten und damit auf der Erde herumtappen. Es geht aber auch
danach. - Meine Lucile!

Danton.
Sei ruhig, mein Junge!

Camille.
Kann ich's? Glaubst du, Danton? Kann ich's? Sie koennen die Haende
nicht an sie legen! Das Licht der Schoenheit, das von ihrem suessen
Leib sich ausgiesst, ist unloeschbar. Sieh, die Erde wuerde nicht
wagen, sie zu verschuetten; sie wuerde sich um sie woelben, der
Grabdunst wuerde wie Tau an ihren Wimpern funkeln, Kristalle wuerden
wie Blumen um ihre Glieder spriessen und helle Quellen in Schlaf sie
murmeln.

Danton.
Schlafe, mein Junge, schlafe!

Camille.
Hoere, Danton, unter uns gesagt, es ist so elend, sterben muessen. Es
hilft auch zu nichts. Ich will dem Leben noch die letzten Blicke aus
seinen huebschen Augen stehlen, ich will die Augen offen haben.

Danton.
Du wirst sie ohnehin offen behalten, Samson drueckt einem die Augen
nicht zu. Der Schlaf ist barmherziger. Schlafe, mein Junge, schlafe!

Camille.
Lucile, deine Kuesse phantasieren auf meinen Lippen; jeder Kuss wird
ein Traum, meine Augen sinken und schliessen ihn fest ein. -

Danton.
Will denn die Uhr nicht ruhen? Mit jedem Picken schiebt sie die Waende
enger um mich, bis sie so eng sind wie ein Sarg. - Ich las einmal als
Kind so 'ne Geschichte, die Haare standen mir zu Berg. Ja, als Kind!
Das war der Muehe wert, mich so gross zu fuettern und mich warm zu
halten. Bloss Arbeit fuer den Totengraeber!

Es ist mir, als roech' ich schon. Mein lieber Leib, ich will mir die
Nase zuhalten und mir einbilden, du seist ein Frauenzimmer, was vom
Tanzen schwitzt und stinkt, und dir Artigkeiten sagen. Wir haben uns
sonst schon mehr miteinander die Zeit vertrieben.

Morgen bist du eine zerbrochene Fiedel; die Melodie darauf ist
ausgespielt. Morgen bist du eine leere Bouteille; der Wein ist
ausgetrunken, aber ich habe keinen Rausch davon und gehe nuechtern zu
Bett - das sind glueckliche Leute, die sich noch besaufen koennen.
Morgen bist du eine durchgerutschte Hose; du wirst in die Garderobe
geworfen, und die Motten werden dich fressen, du magst stinken, wie du
willst.

Ach, das hilft nichts! Jawohl, es ist so elend, sterben muessen. Der
Tod aefft die Geburt; beim Sterben sind wir so hilflos und nackt wie
neugeborne Kinder. Freilich, wir bekommen das Leichentuch zur Windel.
Was wird es helfen? Wir koennen im Grab so gut wimmern wie in der
Wiege.

Camille! Er schlaeft; (indem er sich ueber ihn bueckt:) ein Traum
spielt zwischen seinen Wimpern. Ich will den goldnen Tau des Schlafes
ihm nicht von den Augen streifen

(Er erhebt sich und tritt ans Fenster.) Ich werde nicht allein gehn:
ich danke dir, Julie! doch haette ich anders sterben moegen, so ganz
muehelos, so wie ein Stern faellt, wie ein Ton sich selbst aushaucht,
sich mit den eignen Lippen rotkuesst, wie ein Lichtstrahl in klaren
Fluten sich begraebt. - Wie schimmernde Traenen sind die Sterne durch
die Nacht gesprengt; es muss ein grosser Jammer in dem Aug' sein, von
dem sie abtraeufelten.

Camille.
Oh! (Er hat sich aufgerichtet und tastet nach der Decke.)

Danton.
Was hast du, Camille?

Camille.
Oh, oh!

Danton (schuettelt ihn).
Willst du die Decke herunterkratzen?

Camille.
Ach du, du - o halt mich! sprich, du!

Danton.
Du bebst an allen Gliedern, der Schweiss steht dir auf der Stirne.

Camille.
Das bist du, das ich - so! Das ist meine Hand! Ja! jetzt besinn ich
mich. O Danton, das war entsetzlich!

Danton.
Was denn?

Camille.
Ich lag so zwischen Traum und Wachen. Da schwand die Decke, und der
Mond sank herein, ganz nahe, ganz dicht, mein Arm erfasst' ihn. Die
Himmelsdecke mit ihren Lichtern hatte sich gesenkt, ich stiess daran,
ich betastete die Sterne, ich taumelte wie ein Ertrinkender unter der
Eisdecke. Das war entsetzlich, Danton!

Danton.
Die Lampe wirft einen runden Schein an die Decke, das sahst du.

Camille.
Meinetwegen, es braucht grade nicht viel, um einem das bisschen
Verstand verlieren zu machen. Der Wahnsinn fasste mich bei den Haaren.
(Er erhebt sich.) Ich mag nicht mehr schlafen, ich mag nicht verrueckt
werden. (Er greift nach einem Buch.)

Danton.
Was nimmst du?

Camille.
Die Nachtgedanken.

Danton.
Willst du zum voraus sterben? Ich nehme die Pucelle. Ich will mich aus
dem Leben nicht wie aus dem Betstuhl, sondern wie aus dem Bett einer
Barmherzigen Schwester wegschleichen. Es ist eine Hure; es treibt mit
der ganzen Welt Unzucht.



Vierte Szene

Platz vor der Conciergerie

Ein Schliesser. Zwei Fuhrleute mit Karren. Weiber.

Schliesser.
Wer hat euch herfahren geheissen?

Erster Fuhrmann.
Ich heisse nicht Herfahren, das ist ein kurioser Namen.

Schliesser.
Dummkopf, wer hat dir die Bestallung dazu gegeben?

Erster Fuhrmann.
Ich habe keine Stallung dazu kriegt, nichts als zehn Sous fuer den
Kopf.

Zweiter Fuhrmann.
Der Schuft will mich ums Brot bringen.

Erster Fuhrmann.
Was nennst du dein Brot? (Auf die Fenster der Gefangnen deutend:) Das
ist Wurmfrass.

Zweiter Fuhrmann.
Meine Kinder sind auch Wuermer, und die wollen auch ihr Teil davon.
Oh, es geht schlecht mit unsrem Metier, und doch sind wir die besten
Fuhrleute.

Erster Fuhrmann.
Wie das?

Zweiter Fuhrmann.
Wer ist der beste Fuhrmann?

Erster Fuhrmann.
Der am weitesten und am schnellsten faehrt.

Zweiter Fuhrmann.
Nun, Esel, wer faehrt weiter, als der aus der Welt faehrt, und wer
faehrt schneller, als der 's in einer Viertelstunde tut? Genau
gemessen ist's eine Viertelstunde von da bis zum Revolutionsplatz.

Schliesser.
Rasch, ihr Schlingel! Naeher ans Tor; Platz da, ihr Maedel!

Erster Fuhrmann.
Halt't Euren Platz vor! Um ein Maedel faehrt man nit herum, immer in
die Mitt' 'nein.

Zweiter Fuhrmann.
Ja, das glaub ich: du kannst mit Karren und Gaeulen hinein, du findst
gute Gleise; aber du musst Quarantaene halten, wenn du herauskommst.
(Sie fahren vor.)

Zweiter Fuhrmann. (zu den Weibern).
Was gafft ihr?

Ein Weib.
Wir warten auf alte Kunden.

Zweiter Fuhrmann.
Meint ihr, mein Karren waer' ein Bordell? Er ist ein anstaendiger
Karren, er hat den Koenig und alle vornehmen Herren aus Paris zur
Tafel gefahren.

Lucile (tritt auf. Sie setzt sich auf einen Stein unter die Fenster
der Gefangnen).
Camille, Camille! (Camille erscheint am Fenster.) Hoere, Camille, du
machst mich lachen mit dem langen Steinrock und der eisernen Maske vor
dem Gesicht; kannst du dich nicht buecken? Wo sind deine Arme? - Ich
will dich locken, lieber Vogel. (Singt:)

Es stehn zwei Sternlein an dem Himmel,
Scheinen heller als der Mond,
Der ein' scheint vor Feinsliebchens Fenster,
Der andre vor die Kammertuer.

Komm, komm, mein Freund! Leise die Truppe herauf, sie schlafen alle.
Der Mond hilft mir schon lange warten. Aber du kannst ja nicht zum
Tor herein, das ist eine unleidliche Tracht. Das ist zu arg fuer den
Spass, mach ein Ende! Du ruehrst dich auch gar nicht, warum sprichst
du nicht? Du machst mir Angst.

Hoere! die Leute sagen, du muesstest sterben, und machen dazu so
ernsthafte Gesichter. Sterben! ich muss lachen ueber die Gesichter.
Sterben! Was ist das fuer ein Wort? Sag mir's, Camille. Sterben! Ich
will nachdenken. Da, da ist's. Ich will ihm nachlaufen; komm, suesser
Freund, hilf mir fangen, komm! komm! (Sie laeuft weg.)

Camille (ruft).
Lucile! Lucile!



Fuenfte Szene

Die Conciergerie

Danton an einem Fenster, was ins naechste Zimmer geht. Camille.
Philippeau. Lacroix. Herault.

Danton.
Du bist jetzt ruhig, Fabre.

Eine Stimme (von innen).
Am Sterben.

Danton.
Weisst du auch, was wir jetzt machen werden?

Die Stimme.
Nun?

Danton.
Was du dein ganzes Leben hindurch gemacht hast - des vers.

Camille (fuer sich).
Der Wahnsinn sass hinter ihren Augen. Es sind schon mehr Leute
wahnsinnig geworden, das ist der Lauf der Welt. Was koennen wir dazu?
Wir waschen unsere Haende -. Es ist auch besser so.

Danton.
Ich lasse alles in einer schrecklichen Verwirrung. Keiner versteht das
Regieren. Es koennte vielleicht noch gehn, wenn ich Robespierre meine
Huren und Couthon meine Waden hinterliesse.

Lacroix.
Wir haetten die Freiheit zur Hure gemacht!

Danton.
Was waere es auch! Die Freiheit und eine Hure sind die
kosmopolitischsten Dinge unter der Sonne. Sie wird sich jetzt
anstaendig im Ehebett des Advokaten von Arras prostituieren. Aber ich
denke, sie wird die Klytaemnestra gegen ihn spielen; ich lasse ihm
keine sechs Monate Frist, ich ziehe ihn mit mir.

Camille (fuer sich).
Der Himmel verhelf ihr zu einer behaglichen fixen Idee. Die
allgemeinen fixen Ideen, welche man die gesunde Vernunft tauft, sind
unertraeglich langweilig. Der gluecklichste Mensch war der, welcher
sich einbilden konnte, dass er Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist
sei.

Lacroix.
Die Esel werden schreien "Es lebe die Republik", wenn wir vorbeigehen.

Danton.
Was liegt daran? Die Suendflut der Revolution mag unsere Leichen
absetzen, wo sie will; mit unsern fossilen Knochen wird man noch immer
allen Koenigen die Schaedel einschlagen koennen.

Herault.
Ja, wenn sich gerade ein Simson fuer unsere Kinnbacken findet.

Danton.
Sie sind Kainsbrueder.

Lacroix.
Nichts beweist mehr, dass Robespierre ein Nero ist, als der Umstand,
dass er gegen Camille nie freundlicher war als zwei Tage vor dessen
Verhaftung. Ist es nicht so, Camille?

Camille.
Meinetwegen, was geht das mich an? - (Fuer sich:) Was sie an dem
Wahnsinn ein reizendes Kind geboren hat! Warum muss ich jetzt fort?
Wir haetten zusammen mit ihm gelacht, es gewiegt und gekuesst.

Danton.
Wenn einmal die Geschichte ihre Gruefte oeffnet, kann der Despotismus
noch immer an dem Duft unsrer Leichen ersticken.

Herault.
Wir stanken bei Lebzeiten schon hinlaenglich. - Das sind Phrasen fuer
die Nachwelt, nicht wahr, Danton; uns gehn sie eigentlich nichts an.

Camille.
Er zieht ein Gesicht, als solle es versteinern und von der Nachwelt
als Antike ausgegraben werden. Das verlohnt sich auch der Muehe,
Maeulchen zu machen und Rot aufzulegen und mit einem guten Akzent zu
sprechen; wir sollten einmal die Masken abnehmen, wir saehen dann,
wie in einem Zimmer mit Spiegeln, ueberall nur den einen uralten,
zahnlosen, unverwuestlichen Schafskopf, nichts mehr, nichts weniger.
Die Unterschiede sind so gross nicht, wir alle sind Schurken und
Engel, Dummkoepfe und Genies, und zwar das alles in einem: die vier
Dinge finden Platz genug in dem naemlichen Koerper, sie sind nicht
so breit, als man sich einbildet. Schlafen, Verdauen, Kinder machen
- das treiben alle; die uebrigen Dinge sind nur Variationen aus
verschiedenen Tonarten ueber das naemliche Thema. Da braucht man
sich auf die Zehen zu stellen und Gesichter zu schneiden, da braucht
man sich voreinander zu genieren! Wir haben uns alle am naemlichen
Tische krank gegessen und haben Leibgrimmen; was haltet ihr euch
die Servietten vor das Gesicht? Schreit nur und greint, wie es euch
ankommt! Schneidet nur keine so tugendhafte und so witzige und so
heroische und so geniale Grimassen, wir kennen uns ja einander, spart
euch die Muehe!

Herault.
Ja, Camille, wir wollen uns beieinandersetzen und schreien; nichts
dummer, als die Lippen zusammenzupressen, wenn einem was weh tut. -
Griechen und Goetter schrien, Roemer und Stoiker machten die heroische
Fratze.

Danton.
Die einen waren so gut Epikureer wie die andern. Sie machten sich ein
ganz behagliches Selbstgefuehl zurecht. Es ist nicht so uebel, seine
Toga zu drapieren und sich umzusehen, ob man einen langen Schatten
wirft. Was sollen wir uns zerren? Ob wir uns nun Lorbeerblaetter,
Rosenkraenze oder Weinlaub vor die Scham binden oder das haessliche
Ding offen tragen und es uns von den Hunden lecken lassen?

Philippeau.
Meine Freunde, man braucht gerade nicht hoch ueber der Erde zu stehen,
um von all dem wirren Schwanken und Flimmern nichts mehr zu sehen und
die Augen von einigen grossen, goettlichen Linien erfuellt zu haben.
Es gibt ein Ohr, fuer welches das Ineinanderschreien und der Zeter,
die uns betaeuben, ein Strom von Harmonien sind.

Danton.
Aber wir sind die armen Musikanten und unsere Koerper die Instrumente.
Sind denn die haesslichen Toene, welche auf ihnen herausgepfuscht
werden, nur da, um hoeher und hoeher dringend und endlich leise
verhallend wie ein wolluestiger Hauch in himmlischen Ohren zu sterben?

Herault.
Sind wir wie Ferkel, die man fuer fuerstliche Tafeln mit Ruten
totpeitscht, damit ihr Fleisch schmackhafter werde?

Danton.
Sind wir Kinder, die in den gluehenden Molochsarmen dieser Welt
gebraten und mit Lichtstrahlen gekitzelt werden, damit die Goetter
sich ueber ihr Lachen freuen?

Camille.
Ist denn der Aether mit seinen Goldaugen eine Schuessel mit
Goldkarpfen, die am Tisch der seligen Goetter steht, und die seligen
Goetter lachen ewig, und die Fische sterben ewig, und die Goetter
erfreuen sich ewig am Farbenspiel des Todeskampfes?

Danton.
Die Welt ist das Chaos. Das Nichts ist der zu gebaerende Weltgott.

(Der Schliesser tritt ein.)

Schliesser.
Meine Herren, Sie koennen abfahren, die Wagen halten vor der Tuer.

Philippeau.
Gute Nacht, meine Freunde! Legen wir ruhig die grosse Decke ueber uns,
worunter alle Herzen ausschlagen und alle Augen zufallen. (Sie umarmen
einander.)

Herault. (nimmt Camilles Arm).
Freue dich, Camille, wir bekommen eine schoene Nacht. Die Wolken
haengen am stillen Abendhimmel wie ein ausgluehender Olymp mit
verbleichenden, versinkenden Goettergestalten. (Sie gehen ab.)



Sechste Szene

Ein Zimmer

Julie.
Das Volk lief in den Gassen, jetzt ist alles still. Keinen Augenblick
moechte ich ihn warten lassen. (Sie zieht eine Phiole hervor.) Komm,
liebster Priester, dessen Amen uns zu Bette gehn macht. (Sie tritt ans
Fenster.) Es ist so huebsch, Abschied zu nehmen; ich habe die Tuere
nur noch hinter mir zuzuziehen. (Sie trinkt.)

Man moechte immer so stehn. - Die Sonne ist hinunter; der Erde Zuege
waren so scharf in ihrem Licht, doch jetzt ist ihr Gesicht so still
und ernst wie einer Sterbenden. - Wie schoen das Abendlicht ihr um
Stirn und Wangen spielt. - Stets bleicher und bleicher wird sie, wie
eine Leiche treibt sie abwaerts in der Flut des Aethers. Will denn
kein Arm sie bei den goldnen Locken fassen und aus dem Strom sie
ziehen und sie begraben?

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