Dantons Tod
G >>
Georg Buchner >> Dantons Tod
Pages:
1 |
2 |
3 | 4 |
5 |
6
Chaumette (zupft Payne am Aermel).
Hoeren Sie, Payne, es koennte doch so sein, vorhin ueberkam es mich
so; ich habe heute Kopfweh, helfen Sie mir ein wenig mit Ihren
Schluessen, es ist mir ganz unheimlich zumut.
Payne.
So komm, Philosoph Anaxagoras, ich will dich katechisieren. - Es gibt
keinen Gott, denn: Entweder hat Gott die Welt geschaffen oder nicht.
Hat er sie nicht geschaffen, so hat die Welt ihren Grund in sich, und
es gibt keinen Gott, da Gott nur dadurch Gott wird, dass er den Grund
alles Seins enthaelt. Nun kann aber Gott die Welt nicht geschaffen
haben; denn entweder ist die Schoepfung ewig wie Gott, oder sie hat
einen Anfang. Ist letzteres der Fall, so muss Gott sie zu einem
bestimmten Zeitpunkt geschaffen haben, Gott muss also, nachdem er eine
Ewigkeit geruht, einmal taetig geworden sein, muss also einmal eine
Veraenderung in sich erlitten haben, die den Begriff Zeit auf ihn
anwenden laesst, was beides gegen das Wesen Gottes streitet. Gott kann
also die Welt nicht geschaffen haben. Da wir nun aber sehr deutlich
wissen, dass die Welt oder dass unser Ich wenigstens vorhanden ist und
dass sie dem Vorhergehenden nach also auch ihren Grund in sich oder in
etwas haben muss, das nicht Gott ist, so kann es keinen Gott geben.
Quod erat demonstrandum.
Chaumette.
Ei wahrhaftig, das gibt mir wieder Licht; ich danke, danke!
Mercier.
Halten Sie, Payne! Wenn aber die Schoepfung ewig ist?
Payne.
Dann ist sie schon keine Schoepfung mehr, dann ist sie eins mit Gott
oder ein Attribut desselben, wie Spinoza sagt; dann ist Gott in allem,
in Ihnen, Wertester, im Philosoph Anaxagoras und in mir. Das waere so
uebel nicht, aber Sie muessen mir zugestehen, dass es gerade nicht
viel um die himmlische Majestaet ist, wenn der liebe Herrgott in jedem
von uns Zahnweh kriegen, den Tripper haben, lebendig begraben werden
oder wenigstens die sehr unangenehmen Vorstellungen davon haben kann.
Mercier.
Aber eine Ursache muss doch da sein.
Payne.
Wer leugnet dies? Aber wer sagt Ihnen denn, dass diese Ursache das
sei, was wir uns als Gott, d. h. als das Vollkommne denken? Halten Sie
die Welt fuer vollkommen?
Mercier.
Nein.
Payne.
Wie wollen Sie denn aus einer unvollkommnen Wirkung auf eine
vollkommne Ursache schliessen? - Voltaire wagte es ebensowenig mit
Gott als mit den Koenigen zu verderben, deswegen tat er es. Wer einmal
nichts hat als Verstand und ihn nicht einmal konsequent zu gebrauchen
weiss oder wagt, ist ein Stuemper.
Mercier.
Ich frage dagegen: kann eine vollkommne Ursache eine vollkommne
Wirkung haben, d. h. kann etwas Vollkommnes was Vollkommnes schaffen?
Ist das nicht unmoeglich, weil das Geschaffne doch nie seinen Grund in
sich haben kann, was doch, wie Sie sagten, zur Vollkommenheit gehoert?
Chaumette.
Schweigen Sie! Schweigen Sie!
Payne.
Beruhige dich, Philosoph! - Sie haben recht; aber muss denn Gott
einmal schaffen, kann er nur was Unvollkommnes schaffen, so laesst
er es gescheuter ganz bleiben. Ist's nicht sehr menschlich, uns Gott
nur als schaffend denken zu koennen? Weil wir uns immer regen und
schuetteln muessen, um uns nur immer sagen zu koennen: wir sind!
muessen wir Gott auch dies elende Beduerfnis andichten? - Muessen
wir, wenn sich unser Geist in das Wesen einer harmonisch in sich
ruhenden, ewigen Seligkeit versenkt, gleich annehmen, sie muesse
die Finger ausstrecken und ueber Tisch Brotmaennchen kneten? aus
ueberschwenglichem Liebesbeduerfnis, wie wir uns ganz geheimnisvoll in
die Ohren sagen. Muessen wir das alles, bloss um uns zu Goettersoehnen
zu machen? Ich nehme mit einem geringern Vater vorlieb; wenigstens
werd ich ihm nicht nachsagen koennen, dass er mich unter seinem Stande
in Schweinestaellen oder auf den Galeeren habe erziehen lassen.
Schafft das Unvollkommne weg, dann allein koennt ihr Gott
demonstrieren; Spinoza hat es versucht. Man kann das Boese leugnen,
aber nicht den Schmerz; nur der Verstand kann Gott beweisen, das
Gefuehl empoert sich dagegen. Merke dir es, Anaxagoras: warum
leide ich? Das ist der Fels des Atheismus. Das leiseste Zucken des
Schmerzes, und rege es sich nur in einem Atom, macht einen Riss in der
Schoepfung von oben bis unten.
Mercier.
Und die Moral?
Payne.
Erst beweist ihr Gott aus der Moral und dann die Moral aus Gott! - Was
wollt ihr denn mit eurer Moral? Ich weiss nicht, ob es an und fuer
sich was Boeses oder was Gutes gibt, und habe deswegen doch nicht
noetig, meine Handlungsweise zu aendern. Ich handle meiner Natur
gemaess; was ihr angemessen, ist fuer mich gut und ich tue es, und was
ihr zuwider, ist fuer mich boes und ich tue es nicht und verteidige
mich dagegen, wenn es mir in den Weg kommt. Sie koennen, wie man so
sagt, tugendhaft bleiben und sich gegen das sogenannte Laster wehren,
ohne deswegen ihre Gegner verachten zu muessen, was ein gar trauriges
Gefuehl ist.
Chaumette.
Wahr, sehr wahr!
Herault.
O Philosoph Anaxagoras, man koennte aber auch sagen: damit Gott alles
sei, muesse er auch sein eignes Gegenteil sein, d. h. vollkommen und
unvollkommen, boes und gut, selig und leidend; das Resultat freilich
wuerde gleich Null sein, es wuerde sich gegenseitig heben, wir kaemen
zum Nichts. - Freue dich, du koemmst gluecklich durch: du kannst ganz
ruhig in Madame Momoro das Meisterstueck der Natur anbeten, wenigstens
hat sie dir die Rosenkraenze dazu in den Leisten gelassen.
Chaumette.
Ich danke Ihnen verbindlichste meine Herren! (Ab.)
Payne.
Er traut noch nicht, er wird sich zu guter Letzt noch die Oelung
geben, die Fuesse nach Mekka zu legen und sich beschneiden lassen, um
ja keinen Weg zu verfehlen.
(Danton, Lacroix, Camille, Philippeau werden hereingefuehrt.)
Herault. (laeuft auf Danton zu und umarmt ihn).
Guten Morgen! Gute Nacht sollte ich sagen. Ich kann nicht fragen, wie
hast du geschlafen -: wie wirst du schlafen?
Danton.
Nun gut, man muss lachend zu Bett gehn.
Mercier (zu Payne).
Diese Dogge mit Taubenfluegeln! Er ist der boese Genius der
Revolution; er wagte sich an seine Mutter, aber sie war staerker als
er.
Payne.
Sein Leben und sein Tod sind ein gleich grosses Unglueck.
Lacroix (zu Danton).
Ich dachte nicht, dass sie so schnell kommen wuerden.
Danton.
Ich wusst' es, man hatte mich gewarnt.
Lacroix.
Und du hast nichts gesagt?
Danton.
Zu was? Ein Schlagfluss ist der beste Tod; wolltest du zuvor krank
sein? Und - ich dachte nicht, dass sie es wagen wuerden. (Zu Herault:)
Es ist besser, sich in die Erde legen als sich Leichdoerner auf ihr
laufen; ich habe sie lieber zum Kissen als zum Schemel.
Herault.
Wir werden wenigstens nicht mit Schwielen an den Fingern der huebschen
Dame Verwesung die Wangen streicheln.
Camille (zu Danton).
Gib dir nur keine Muehe! du magst die Zunge noch so weit zum Hals
heraushaengen, du kannst dir damit doch nicht den Todesschweiss von
der Stirne lecken. - O Lucile! Das ist ein grosser Jammer!
(Die Gefangnen draengen sich um die neu Angekommnen.)
Danton (zu Payne).
Was Sie fuer das Wohl Ihres Landes getan, habe ich fuer das meinige
versucht. Ich war weniger gluecklich, man schickt mich aufs Schafott;
meinetwegen, ich werde nicht stolpern.
Mercier (zu Danton).
Das Blut der Zweiundzwanzig ersaeuft dich.
Ein Gefangener (zu Herault).
Die Macht des Volkes und die Macht der Vernunft sind eins.
Ein andrer (zu Camille).
Nun, Generalprokurator der Laterne, deine Verbesserung der
Strassenbeleuchtung hat in Frankreich nicht heller gemacht.
Ein andrer.
Lasst ihn! Das sind die Lippen, welche das Wort "Erbarmen" gesprochen.
(Er umarmt Camille, mehrere Gefangne folgen seinem Beispiel.)
Philippeau.
Wir sind Priester, die mit Sterbenden gebetet haben; wir sind
angesteckt worden und sterben an der naemlichen Seuche.
Einige Stimmen.
Der Streich, der euch trifft, toetet uns alle.
Camille.
Meine Herren, ich beklage sehr, dass unsere Anstrengungen so fruchtlos
waren; ich gehe aufs Schafott, weil mir die Augen ueber das Los
einiger Ungluecklichen nass geworden.
Zweite Szene
Ein Zimmer
Fouquier-Tinville. Herman.
Fouquier.
Alles bereit?
Herman.
Es wird schwer halten; waere Danton nicht darunter, so ginge es
leicht.
Fouquier.
Er muss vortanzen.
Herman.
Er wird die Geschwornen erschrecken, er ist die Vogelscheuche der
Revolution.
Fouquier.
Die Geschwornen muessen wollen.
Herman.
Ein Mittel wuesst' ich, aber es wird die gesetzliche Form verletzen.
Fouquier.
Nur zu!
Herman.
Wir losen nicht, sondern suchen die Handfesten aus.
Fouquier.
Das muss gehen. - Das wird ein gutes Heckefeuer geben. Es sind ihrer
neunzehn. Sie sind geschickt zusammengewoerfelt. Die vier Faelscher,
dann einige Bankiers und Fremde. Es ist ein pikantes Gericht. Das Volk
braucht dergleichen. - Also zuverlaessige Leute! Wer zum Beispiel?
Herman.
Leroi. Er ist taub und hoert daher nichts von all dem, was die
Angeklagten vorbringen. Danton mag sich den Hals bei ihm rauh
schreien.
Fouquier.
Sehr gut; weiter!
Herman.
Vilatte und Lumiere. Der eine sitzt immer in der Trinkstube, und
der andere schlaeft immer; beide oeffnen den Mund nur, um das Wort
"Schuldig" zu sagen. - Girard hat den Grundsatz, es duerfe keiner
entwischen, der einmal vor das Tribunal gestellt sei. Renaudin...
Fouquier.
Auch der? Er half einmal einigen Pfaffen durch.
Herman.
Sei ruhig! Vor einigen Tagen kommt er zu mir und verlangt, man solle
allen Verurteilten vor der Hinrichtung zur Ader lassen, um sie ein
wenig matt zu machen; ihre meist trotzige Haltung aergere ihn.
Fouquier.
Ach, sehr gut. Also ich verlasse mich!
Herman.
Lass mich nur machen!
Dritte Szene
Die Conciergerie. Ein Korridor
Lacroix, Danton, Mercier und andre Gefangne auf und ab gehend.
Lacroix (zu einem Gefangnen).
Wie, so viel Unglueckliche, und in einem so elenden Zustande?
Der Gefangne.
Haben Ihnen die Guillotinenkarren nie gesagt, dass Paris eine
Schlachtbank sei?
Mercier.
Nicht wahr, Lacroix, die Gleichheit schwingt ihre Sichel ueber
allen Haeuptern, die Lava der Revolution fliesst, die Guillotine
republikanisiert! Da klatschen die Galerien, und die Roemer reiben
sich die Haende; aber sie hoeren nicht, dass jedes dieser Worte das
Roecheln eines Opfers ist. Geht einmal euren Phrasen nach bis zu dem
Punkt, wo sie verkoerpert werden. - Blickt um euch, das alles habt
ihr gesprochen; es ist eine mimische Uebersetzung eurer Worte. Diese
Elenden, ihre Henker und die Guillotine sind eure lebendig gewordnen
Reden. Ihr bautet eure Systeme, wie Bajazet seine Pyramiden, aus
Menschenkoepfen.
Danton.
Du hast recht - man arbeitet heutzutag alles in Menschenfleisch. Das
ist der Fluch unserer Zeit. Mein Leib wird jetzt auch verbraucht.
Es ist grade ein Jahr, dass ich das Revolutionstribunal schuf. Ich
bitte Gott und Menschen dafuer um Verzeihung; ich wollte neuen
Septembermorden zuvorkommen, ich hoffte die Unschuldigen zu retten,
aber dies langsame Morden mit seinen Formalitaeten ist graesslicher
und ebenso unvermeidlich. Meine Herren, ich hoffte, Sie alle diesen
Ort verlassen zu machen.
Mercier.
Oh, herausgehen werden wir.
Danton.
Ich bin jetzt bei Ihnen; der Himmel weiss, wie das enden soll.
Vierte Szene
Das Revolutionstribunal
Herman (zu Danton).
Ihr Name, Buerger.
Danton.
Die Revolution nennt meinen Namen. Meine Wohnung ist bald im Nichts
und mein Name im Pantheon der Geschichte.
Herman.
Danton, der Konvent beschuldigt Sie, mit Mirabeau, mit Dumouriez, mit
Orleans, mit den Girondisten, den Fremden und der Faktion Ludwigs des
XVII. konspiriert zu haben.
Danton.
Meine Stimme, die ich so oft fuer die Sache des Volkes ertoenen liess,
wird ohne Muehe die Verleumdung zurueckweisen. Die Elenden, welche
mich anklagen, moegen hier erscheinen, und ich werde sie mit Schande
bedecken. Die Ausschuesse moegen sich hierher begeben, ich werde nur
vor ihnen antworten. Ich habe sie als Klaeger und als Zeugen noetig.
Sie moegen sich zeigen.
Uebrigens, was liegt mir an euch und eurem Urteil? Ich hab es euch
schon gesagt: das Nichts wird bald mein Asyl sein; - das Leben ist
mir zur Last, man mag mir es entreissen, ich sehne mich danach, es
abzuschuetteln.
Herman.
Danton, die Kuehnheit ist dem Verbrecher, die Ruhe der Unschuld eigen.
Danton.
Privatkuehnheit ist ohne Zweifel zu tadeln, aber jene
Nationalkuehnheit, die ich so oft gezeigt, mit welcher ich so oft fuer
die Freiheit gekaempft habe, ist die verdienstvollste aller Tugenden.
- Sie ist meine Kuehnheit, sie ist es, der ich mich hier zum Besten
der Republik gegen meine erbaermlichen Anklaeger bediene. Kann ich
mich fassen, wenn ich mich auf eine so niedrige Weise verleumdet sehe?
- Von einem Revolutionaer wie ich darf man keine kalte Verteidigung
erwarten. Maenner meines Schlages sind in Revolutionen unschaetzbar,
auf ihrer Stirne schwebt das Genie der Freiheit. (Zeichen von Beifall
unter den Zuhoerern.)
Mich klagt man an, mit Mirabeau, mit Dumouriez, mit Orleans
konspiriert, zu den Fuessen elender Despoten gekrochen zu haben; mich
fordert man auf, vor der unentrinnbaren, unbeugsamen Gerechtigkeit
zu antworten. - Du elender St. Just wirst der Nachwelt fuer diese
Laesterung verantwortlich sein!
Herman.
Ich fordere Sie auf, mit Ruhe zu antworten; gedenken Sie Marats, er
trat mit Ehrfurcht vor seine Richter.
Danton.
Sie haben die Haende an mein ganzes Leben gelegt, so mag es sich denn
aufrichten und ihnen entgegentreten; unter dem Gewichte jeder meiner
Handlungen werde ich sie begraben. - Ich bin nicht stolz darauf. Das
Schicksal fuehrt uns den Arm, aber nur gewaltige Naturen sind seine
Organe.
Ich habe auf dem Marsfelde dem Koenigtume den Krieg erklaert, ich
habe es am 10. August geschlagen, ich habe es am 21. Januar getoetet
und den Koenigen einen Koenigskopf als Fehdehandschuh hingeworfen.
(Wiederholte Zeichen von Beifall. - Er nimmt die Anklageakte.) Wenn
ich einen Blick auf diese Schandschrift werfe, fuehle ich mein ganzes
Wesen beben. Wer sind denn die, welche Danton noetigen mussten, sich
an jenem denkwuerdigen Tage (dem 10. August) zu zeigen? Wer sind denn
die privilegierten Wesen, von denen er seine Energie borgte? - Meine
Anklaeger moegen erscheinen! Ich bin ganz bei Sinnen, wenn ich es
verlange. Ich werde die platten Schurken entlarven und sie in das
Nichts zurueckschleudern, aus dem sie nie haetten hervorkriechen
sollen.
Herman (schellt).
Hoeren Sie die Klingel nicht?
Danton.
Die Stimme eines Menschen, welcher seine Ehre und sein Leben
verteidigt, muss deine Schelle ueberschreien.
Ich habe im September die junge Brut der Revolution mit den
zerstueckten Leibern der Aristokraten geaetzt. Meine Stimme hat aus
dem Golde der Aristokraten und Reichen dem Volke Waffen geschmiedet.
Meine Stimme war der Orkan, welcher die Satelliten des Despotismus
unter Wogen von Bajonetten begrub. (Lauter Beifall.)
Herman.
Danton, Ihre Stimme ist erschoepft, Sie sind zu heftig bewegt. Sie
werden das naechste Mal Ihre Verteidigung beschliessen, Sie haben Ruhe
noetig. - Die Sitzung ist aufgehoben.
Danton.
Jetzt kennt Ihr Danton - noch wenige Stunden, und er wird in den Armen
des Ruhmes entschlummern.
Fuenfte Szene
Das Luxembourg. Ein Kerker
Dillon. Laflotte. Ein Gefangenwaerter.
Dillon.
Kerl, leuchte mir mit deiner Nase nicht so ins Gesicht. Hae, hae, hae!
Laflotte.
Halte den Mund zu, deine Mondsichel hat einen Hof. Hae, hae, hae!
Waerter.
Hae, hae, hae! Glaubt Ihr, Herr, dass Ihr bei ihrem Schein lesen
koenntet? (Zeigt auf einen Zettel, den er in der Hand haelt.)
Dillon.
Gib her!
Waerter.
Herr, meine Mondsichel hat Ebbe bei mir gemacht.
Laflotte.
Deine Hosen sehen aus, als ob Flut waere.
Waerter.
Nein, sie zieht Wasser. (Zu Dillon:) Sie hat sich vor Eurer Sonne
verkrochen, Herr; Ihr muesst mir was geben, das sie wieder feurig
macht, wenn Ihr dabei lesen wollt.
Dillon.
Da, Kerl! Pack dich! (Er gibt ihm Geld. Waerter ab. - Dillon liest:)
Danton hat das Tribunal erschreckt, die Geschwornen schwankten, die
Zuhoerer murrten. Der Zudrang war ausserordentlich. Das Volk draengte
sich um den Justizpalast und stand bis zu den Bruecken. Eine Handvoll
Geld, ein Arm endlich - hin! hin! (Er geht auf und ab und schenkt sich
von Zeit zu Zeit aus einer Flasche ein.) Haett' ich nur den Fuss auf
der Gasse! Ich werde mich nicht so schlachten lassen. Ja, nur den Fuss
auf der Gasse!
Laflotte.
Und auf dem Karren, das ist eins.
Dillon.
Meinst du? Da laegen noch ein paar Schritte dazwischen, lange genug,
um sie mit den Leichen der Dezemvirn zu messen. - Es ist endlich Zeit,
dass die rechtschaffnen Leute das Haupt erheben.
Laflotte (fuer sich).
Desto besser, um so leichter ist es zu treffen. Nur zu, Alter; noch
einige Glaeser, und ich werde flott.
Dillon.
Die Schurken, die Narren, sie werden sich zuletzt noch selbst
guillotinieren. (Er laeuft auf und ab.)
Laflotte (beiseite).
Man koennte das Leben ordentlich wieder liebhaben, wie sein Kind, wenn
man sich's selbst gegeben. Das kommt gerade nicht oft vor, dass man so
mit dem Zufall Blutschande treiben und sein eigner Vater werden kann.
Vater und Kind zugleich. Ein behaglicher Oedipus!
Dillon.
Man fuettert das Volk nicht mit Leichen; Dantons und Camilles Weiber
moegen Assignaten unter das Volk werfen, das ist besser als Koepfe.
Laflotte (beiseite).
Ich wuerde mir hintennach die Augen nicht ausreissen; ich koennte sie
noetig haben, um den guten General zu beweinen.
Dillon.
Die Hand an Danton! Wer ist noch sicher? Die Furcht wird sie
vereinigen.
Laflotte (beiseite).
Er ist doch verloren. Was ist's denn, wenn ich auf eine Leiche trete,
um aus dem Grab zu klettern?
Dillon.
Nur den Fuss auf der Gasse! Ich werde Leute genug finden, alte
Soldaten, Girondisten, Exadlige; wir erbrechen die Gefaengnisse, wir
muessen uns mit den Gefangnen verstaendigen.
Laflotte (beiseite).
Nun freilich, es riecht ein wenig nach Schufterei. Was tut's? Ich
haette Lust, auch das zu versuchen; ich war bisher zu einseitig. Man
bekommt Gewissensbisse, das ist doch eine Abwechslung; es ist nicht so
unangenehm, seinen eignen Gestank zu riechen. - Die Aussicht auf die
Guillotine ist mir langweilig geworden; so lang auf die Sache zu
warten! Ich habe sie im Geist schon zwanzigmal durchprobiert. Es ist
auch gar nichts Pikantes mehr dran; es ist ganz gemein geworden.
Dillon.
Man muss Dantons Frau ein Billett zukommen lassen.
Laflotte (beiseite).
Und dann - ich fuerchte den Tod nicht, aber den Schmerz. Es koennte
wehe tun, wer steht mir dafuer? Man sagt zwar, es sei nur ein
Augenblick; aber der Schmerz hat ein feineres Zeitmass, er zerlegt
eine Tertie. Nein! Der Schmerz ist die einzige Suende, und das Leiden
ist das einzige Laster; ich werde tugendhaft bleiben.
Dillon.
Hoere, Laflotte, wo ist der Kerl hingekommen? Ich habe Geld, das muss
gehen. Wir muessen das Eisen schmieden; mein Plan ist fertig.
Laflotte.
Gleich, gleich! Ich kenne den Schliesser, ich werde mit ihm sprechen.
Du kannst auf mich zaehlen, General, wir werden aus dem Loch kommen
- (fuer sich im Hinausgehn:) um in ein anderes zu gehen: ich in das
weiteste, die Welt, er in das engste, das Grab.
Sechste Szene
Der Wohlfahrtsausschuss
St. Just. Barere. Collot d'Herbois. Billaud-Varennes.
Barere.
Was schreibt Fouquier?
St. Just.
Das zweite Verhoer ist vorbei. Die Gefangnen verlangen das Erscheinen
mehrerer Mitglieder des Konvents und des Wohlfahrtsausschusses; sie
appellierten an das Volk, wegen Verweigerung der Zeugen. Die Bewegung
der Gemueter soll unbeschreiblich sein. - Danton parodierte den
Jupiter und schuettelte die Locken.
Collot.
Um so leichter wird ihn Samson daran packen.
Barere.
Wir duerfen uns nicht zeigen, die Fischweiber und die Lumpensammler
koennten uns weniger imposant finden.
Billaud.
Das Volk hat einen Instinkt, sich treten zu lassen, und waere es nur
mit Blicken; dergleichen insolente Physiognomien gefallen ihm. Solche
Stirnen sind aerger als ein adliges Wappen, der feine Aristokratismus
der Menschenverachtung sitzt auf ihnen. Es sollte sie jeder
einschlagen helfen, den es verdriesst, einen Blick von oben herunter
zu erhalten.
Barere.
Er ist wie der hoernerne Siegfried, das Blut der Septembrisierten hat
ihn unverwundbar gemacht. Was sagt Robespierre?
St. Just.
Er tut, als ob er etwas zu sagen haette. Die Geschwornen muessen sich
fuer hinlaenglich unterrichtet erklaeren und die Debatten schliessen.
Barere.
Unmoeglich, das geht nicht.
St. Just.
Sie muessen weg, um jeden Preis, und sollten wir sie mit den eignen
Haenden erwuergen. Wagt! Danton soll uns das Wort nicht umsonst
gelehrt haben. Die Revolution wird ueber ihre Leichen nicht stolpern;
aber bleibt Danton am Leben, so wird er sie am Gewand fassen, und er
hat etwas in seiner Gestalt, als ob er die Freiheit notzuechtigen
koennte. (St. Just wird hinausgerufen.)
(Ein Schliesser tritt ein.)
Schliesser.
In St. Pelagie liegen Gefangne am Sterben, sie verlangen einen Arzt.
Billaud.
Das ist unnoetig, so viel Muehe weniger fuer den Scharfrichter.
Schliesser.
Es sind schwangere Weiber dabei.
Billaud.
Desto besser, da brauchen ihre Kinder keinen Sarg.
Barere.
Die Schwindsucht eines Aristokraten spart dem Revolutionstribunal eine
Sitzung. Jede Arznei waere contrerevolutionaer.
Collot (nimmt ein Papier).
Eine Bittschrift, ein Weibername!
Barere.
Wohl eine von denen, die gezwungen sein moechten, zwischen einem
Guillotinenbrett und dem Bett eines Jakobiners zu waehlen. Die wie
Lukretia nach dem Verlust ihrer Ehre sterben, aber etwas spaeter als
die Roemerin: im Kindbett oder am Krebs oder aus Altersschwaeche. - Es
mag nicht so unangenehm sein, einen Tarquinius aus der Tugendrepublik
einer Jungfrau zu treiben.
Collot.
Sie ist zu alt. Madame verlangt den Tod, sie weiss sich auszudruecken:
das Gefaengnis liege auf ihr wie ein Sargdeckel; sie sitzt erst
seit vier Wochen. Die Antwort ist leicht. (Er schreibt und liest:)
"Buergerin, es ist noch nicht lange genug, dass du den Tod
wuenschest." (Schliesser ab.)
Barere.
Gut gesagt! Aber, Collot, es ist nicht gut, dass die Guillotine zu
lachen anfaengt; die Leute haben sonst keine Furcht mehr davor; man
muss sich nicht so familiaer machen.
(St. Just kommt zurueck.)
St. Just.
Eben erhalte ich eine Denunziation. Man konspiriert in den
Gefaengnissen; ein junger Mensch namens Laflotte hat alles entdeckt.
Er sass mit Dillon im naemlichen Zimmer, Dillon hat getrunken und
geplaudert.
Barere.
Er schneidet sich mit seiner Bouteille den Hals ab; das ist schon mehr
vorgekommen.
St. Just.
Dantons und Camilles Weiber sollen Geld unter das Volk werfen, Dillon
soll ausbrechen, man will die Gefangnen befreien, der Konvent soll
gesprengt werden.
Barere.
Das sind Maerchen.
St. Just.
Wir werden sie aber mit dem Maerchen in Schlaf erzaehlen. Die Anzeige
habe ich in Haenden; dazu die Keckheit der Angeklagten, das Murren
des Volks, die Bestuerzung der Geschwornen - ich werde einen Bericht
machen.
Barere.
Ja, geh, St. Just, und spinne deine Perioden, worin jedes Komma ein
Saebelhieb und jeder Punkt ein abgeschlagner Kopf ist!
St. Just.
Der Konvent muss dekretieren, das Tribunal solle ohne Unterbrechung
den Prozess fortfuehren und duerfe jeden Angeklagten, welcher die
dem Gerichte schuldige Achtung verletzte oder stoerende Auftritte
veranlasste, von den Debatten ausschliessen.
Barere.
Du hast einen revolutionaeren Instinkt; das lautet ganz gemaessigt und
wird doch seine Wirkung tun. Sie koennen nicht schweigen, Danton muss
schreien.
St. Just.
Ich zaehle auf eure Unterstuetzung. Es gibt Leute im Konvent, die
ebenso krank sind wie Danton und welche die naemliche Kur fuerchten.
Sie haben wieder Mut bekommen, sie werden ueber Verletzung der Formen
schreien...
Barere(ihn unterbrechend)
Ich werde ihnen sagen: Zu Rom wurde der Konsul, welcher die
Verschwoerung des Katilina entdeckte und die Verbrecher auf der Stelle
mit dem Tod bestrafte, der verletzten Foermlichkeit angeklagt. Wer
waren seine Anklaeger?
Collot (mit Pathos).
Geh, St. Just! Die Lava der Revolution fliesst. Die Freiheit wird die
Schwaechlinge, welche ihren maechtigen Schoss befruchten wollten, in
ihren Umarmungen ersticken; die Majestaet des Volks wird ihnen wie
Jupiter der Semele unter Donner und Blitz erscheinen und sie in Asche
verwandeln. Geh, St. Just, wir werden dir helfen, den Donnerkeil auf
die Haeupter der Feiglinge zu schleudern! (St. Just ab.)
Barere.
Hast du das Wort Kur gehoert? Sie werden noch aus der Guillotine ein
Spezifikum gegen die Lustseuche machen. Sie kaempfen nicht mit den
Moderierten, sie kaempfen mit dem Laster.
Billaud.
Bis jetzt geht unser Weg zusammen.
Barere.
Robespierre will aus der Revolution einen Hoersaal fuer Moral machen
und die Guillotine als Katheder gebrauchen.
Billaud.
Oder als Betschemel.
Collot.
Auf dem er aber alsdann nicht stehen, sondern liegen soll.
Barere.
Das wird leicht gehen. Die Welt muesste auf dem Kopf stehen, wenn die
sogenannten Spitzbuben von den sogenannten rechtlichen Leuten gehaengt
werden sollten.
Collot(zu Barere).
Wann kommst du wieder nach Clichy?
Barere.
Wenn der Arzt nicht mehr zu mir kommt.
Collot.
Nicht wahr, ueber dem Ort steht ein Haarstern, unter dessen
versengenden Strahlen dein Rueckenmark ganz ausgedoerrt wird?
Billaud.
Naechstens werden die niedlichen Finger der reizenden Demaly es ihm
aus dem Futterale ziehen und es als Zoepfchen ueber den Ruecken
hinunterhaengen machen.
Pages:
1 |
2 |
3 | 4 |
5 |
6