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Annual Bibliography of Commonwealth Literature 2007
This paper argues that discourses of love in Ghanaian market literature for youth offer a view into complex negotiations of agency and empowerment. Drawing on Deborah Durham's notion of youth as "social `shifters'" and Francis Nyamnjoh's conception of the "interconnectedness" of agency, I take Ghanaian market literature as one specific case of how African literature for youth foregrounds questions of continuity and change as African societies enter into increasingly complex global relations. In this literature for youth, received notions of love, often constructed out of impressions from American pop and hip hop music, carry new notions of agency that compete with existing "domesticated" forms. Authors like Ike Tandoh and Evelyn Tay employ discourses of love to offer youth alternative avenues for empowerment in a context of socio-economic disenfranchizement. In a creative process of "straddling", this writing both reveals and reproduces the contradictions that obtain in youth configurations of agency.

Dantons Tod

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Endlich - ich muesste schreien; das ist mir der Muehe zuviel, das
Leben ist nicht die Arbeit wert, die man sich macht, es zu erhalten.

Paris.
So flieh, Danton!

Danton.
Nimmt man das Vaterland an den Schuhsohlen mit?

Und endlich - und das ist die Hauptsache: sie werden's nicht wagen.
(Zu Camille:) Komm, mein Junge; ich sage dir, sie werden's nicht
wagen. Adieu, adieu! (Danton und Camille ab.)

Philippeau.
Da geht er hin.

Lacroix.
Und glaubt kein Wort von dem, was er gesagt hat. Nichts als Faulheit!
Er will sich lieber guillotinieren lassen als eine Rede halten.

Paris.
Was tun?

Lacroix.
Heimgehn und als Lukretia auf einen anstaendigen Fall studieren.



Zweite Szene

Eine Promenade

Spaziergaenger.

Ein Buerger.
Meine gute Jacqueline - ich wollte sagen Korn... wollt ich: Kor...

Simon.
Kornelia, Buerger, Kornelia.

Buerger.
Meine gute Kornelia hat mich mit einem Knaeblein erfreut.

Simon.
Hat der Republik einen Sohn geboren.

Buerger.
Der Republik, das lautet zu allgemein; man koennte sagen...

Simon.
Das ist's gerade, das Einzelne muss sich dem Allgemeinen...

Buerger.
Ach ja, das sagt meine Frau auch.

Baenkelsaenger (singt).
Was doch ist, was doch ist
Aller Maenner Freud' und Luest'?

Buerger.
Ach, mit den Namen, da komm ich gar nicht ins reine.

Simon.
Tauf ihn Pike, Marat!

Baenkelsaenger.
Unter Kummer, unter Sorgen
Sich bemuehn vom fruehen Morgen,
Bis der Tag vorueber ist.

Buerger.
Ich haette gern drei - es ist doch was mit der Zahl Drei - und
dann was Nuetzliches und was Rechtliches; jetzt hab ich's: Pflug,
Robespierre. Und dann das dritte?

Simon.
Pike.

Buerger.
Ich dank Euch, Nachbar; Pike, Pflug, Robespierre, das sind huebsche
Namen, das macht sich schoen.

Simon.
Ich sage dir, die Brust deiner Kornelia wird wie das Euter der
roemischen Woelfin - nein, das geht nicht: Romulus war ein Tyrann, das
geht nicht. (Gehn vorbei.)

Ein Bettler (singt).
"Eine Handvoll Erde und ein wenig Moos..." Liebe Herren, schoene
Damen!

Erster Herr.
Kerl, arbeite, du siehst ganz wohlgenaehrt aus!

Zweiter Herr.
Da! (Er gibt ihm Geld.) Er hat eine Hand wie Sammet. Das ist
unverschaemt.

Bettler.
Mein Herr, wo habt Ihr Euren Rock her?

Zweiter Herr.
Arbeit, Arbeit! Du koenntest den naemlichen haben; ich will dir Arbeit
geben, komm zu mir, ich wohne...

Bettler.
Herr, warum habt Ihr gearbeitet?

Zweiter Herr.
Narr, um den Rock zu haben.

Bettler.
Ihr habt Euch gequaelt, um einen Genuss zu haben; denn so ein Rock ist
ein Genuss, ein Lumpen tut's auch.

Zweiter Herr.
Freilich, sonst geht's nicht.

Bettler.
Dass ich ein Narr waere! Das hebt einander.
Die Sonne scheint warm an das Eck, und das geht ganz leicht. (Singt:)
"Eine Handvoll Erde und ein wenig Moos..."

Rosalie (zu Adelaiden).
Mach fort, da kommen Soldaten! Wir haben seit gestern nichts Warmes in
den Leib gekriegt.

Bettler.
"Ist auf dieser Erde einst mein letztes Los!" Meine Herren, meine
Damen!

Soldat.
Halt! Wo hinaus, meine Kinder? (Zu Rosalie:) Wie alt bist du?

Rosalie.
So alt wie mein kleiner Finger.

Soldat.
Du bist sehr spitz.

Rosalie.
Und du sehr stumpf.

Soldat.
So will ich mich an dir wetzen. (Er singt:)

Christinlein, lieb Christinlein mein,
Tut dir der Schaden weh, Schaden weh,
Schaden weh, Schaden weh?

Rosalie (singt).
Ach nein, ihr Herrn Soldaten,
Ich haett' es gerne meh, gerne meh,
Gerne meh, gerne meh!

(Danton und Camille treten auf.)

Danton.
Geht das nicht lustig? - Ich wittre was in der Atmosphaere; es
ist, als bruete die Sonne Unzucht aus. - Moechte man nicht drunter
springen, sich die Hosen vom Leibe reissen und sich ueber den Hintern
begatten wie die Hunde auf der Gasse? (Gehn vorbei.)

Junger Herr.
Ach, Madame, der Ton einer Glocke, das Abendlicht an den Baeumen, das
Blinken eines Sterns...

Madame.
Der Duft einer Blume! Diese natuerlichen Freuden, dieser reine Genuss
der Natur! (Zu ihrer Tochter:) Sieh, Eugenie, nur die Tugend hat Augen
dafuer.

Eugenie (kuesst ihrer Mutter die Hand).
Ach, Mama, ich sehe nur Sie.

Madame.
Gutes Kind!

Junger Herr (zischelt Eugenien ins Ohr).
Sehen Sie dort die huebsche Dame mit dem alten Herrn?

Eugenie.
Ich kenne sie.

Junger Herr.
Man sagt, ihr Friseur habe sie a l'enfant frisiert.

Eugenie (lacht).
Boese Zunge!

Junger Herr.
Der alte Herr geht nebenbei; er sieht das Knoespchen schwellen und
fuehrt es in die Sonne spazieren und meint, er sei der Gewitterregen,
der es habe wachsen machen.

Eugenie.
Wie unanstaendig! Ich haette Lust, rot zu werden.

Junger Herr.
Das koennte mich blass machen. (Gehn ab.)

Danton (zu Camille).
Mute mir nur nichts Ernsthaftes zu! Ich begreife nicht, warum die
Leute nicht auf der Gasse stehenbleiben und einander ins Gesicht
lachen. Ich meine, sie muessten zu den Fenstern und zu den Graebern
heraus lachen, und der Himmel muesse bersten, und die Erde muesse sich
waelzen vor Lachen. (Gehn ab.)

Erster Herr.
Ich versichre Sie, eine ausserordentliche Entdeckung! Alle technischen
Kuenste bekommen dadurch eine andere Physiognomie. Die Menschheit eilt
mit Riesenschritten ihrer hohen Bestimmung entgegen.

Zweiter Herr.
Haben Sie das neue Stueck gesehen? Ein babylonischer Turm! Ein Gewirr
von Gewoelben, Treppchen, Gaengen, und das alles so leicht und kuehn
in die Luft gesprengt. Man schwindelt bei jedem Tritt. Ein bizarrer
Kopf. (Er bleibt verlegen stehn.)

Erster Herr.
Was haben Sie denn?

Zweiter Herr.
Ach, nichts! Ihre Hand, Herr! die Pfuetze - so! Ich danke Ihnen. Kaum
kam ich vorbei; das konnte gefaehrlich werden!

Erster Herr.
Sie fuerchteten doch nicht?

Zweiter Herr.
Ja, die Erde ist eine duenne Kruste; ich meine immer, ich koennte
durchfallen, wo so ein Loch ist. - Man muss mit Vorsicht auftreten,
man koennte durchbrechen. Aber gehn Sie ins Theater, ich rat es Ihnen!



Dritte Szene

Ein Zimmer

Danton. Camille. Lucile.

Camille.
Ich sage euch, wenn sie nicht alles in hoelzernen Kopien bekommen,
verzettelt in Theatern, Konzerten und Kunstausstellungen, so haben sie
weder Augen noch Ohren dafuer. Schnitzt einer eine Marionette, wo man
den Strick hereinhaengen sieht, an dem sie gezerrt wird und deren
Gelenke bei jedem Schritt in fuenffuessigen Jamben krachen - welch
ein Charakter, welche Konsequenz! Nimmt einer ein Gefuehlchen, eine
Sentenz, einen Begriff und zieht ihm Rock und Hosen an, macht ihm
Haende und Fuesse, faerbt ihm das Gesicht und laesst das Ding sich
drei Akte hindurch herumquaelen, bis es sich zuletzt verheiratet oder
sich totschiesst - ein Ideal! Fiedelt einer eine Oper, welche das
Schweben und Senken im menschlichen Gemuet wiedergibt wie eine
Tonpfeife mit Wasser die Nachtigall - ach, die Kunst!

Setzt die Leute aus dem Theater auf die Gasse: die erbaermliche
Wirklichkeit! - Sie vergessen ihren Herrgott ueber seinen schlechten
Kopisten. Von der Schoepfung, die gluehend, brausend und leuchtend, um
und in ihnen, sich jeden Augenblick neu gebiert, hoeren und sehen sie
nichts. Sie gehen ins Theater, lesen Gedichte und Romane, schneiden
den Fratzen darin die Gesichter nach und sagen zu Gottes Geschoepfen:
wie gewoehnlich! - Die Griechen wussten, was sie sagten, wenn sie
erzaehlten, Pygmalions Statue sei wohl lebendig geworden, habe aber
keine Kinder bekommen.

Danton.
Und die Kuenstler gehn mit der Natur um wie David, der im September
die Gemordeten, wie sie aus der Force auf die Gasse geworfen wurden,
kaltbluetig zeichnete und sagte: ich erhasche die letzten Zuckungen
des Lebens in diesen Boesewichtern. (Danton wird hinausgerufen.)

Camille.
Was sagst du, Lucile?

Lucile.
Nichts, ich seh dich so gern sprechen.

Camille.
Hoerst mich auch?

Lucile.
Ei freilich!

Camille.
Hab ich recht? Weisst du auch, was ich gesagt habe?

Lucile.
Nein, wahrhaftig nicht.

(Danton kommt zurueck.)

Camille.
Was hast du?

Danton.
Der Wohlfahrtsausschuss hat meine Verhaftung beschlossen. Man hat mich
gewarnt und mir einen Zufluchtsort angeboten.

Sie wollen meinen Kopf; meinetwegen. Ich bin der Hudeleien
ueberdruessig. Moegen sie ihn nehmen. Was liegt daran? Ich werde mit
Mut zu sterben wissen; das ist leichter, als zu leben.

Camille.
Danton, noch ist's Zeit!

Danton.
Unmoeglich - aber ich haette nicht gedacht...

Camille.
Deine Traegheit!

Danton.
Ich bin nicht traeg, aber muede; meine Sohlen brennen mich.

Camille.
Wo gehst du hin?

Danton.
Ja, wer das wuesste!

Camille.
Im Ernst, wohin?

Danton.
Spazieren, mein Junge, spazieren. (Er geht.)

Lucile.
Ach, Camille!

Camille.
Sei ruhig, lieb Kind!

Lucile.
Wenn ich denke, dass sie dies Haupt -! Mein Camille! das ist Unsinn,
gelt, ich bin wahnsinnig?

Camille.
Sei ruhig, Danton und ich sind nicht eins.

Lucile.
Die Erde ist weit, und es sind viel Dinge drauf - warum denn gerade
das eine? Wer sollte mir's nehmen? Das waere arg. Was wollten sie auch
damit anfangen?

Camille.
Ich wiederhole dir: du kannst ruhig sein. Gestern sprach ich mit
Robespierre: er war freundlich. Wir sind ein wenig gespannt, das ist
wahr; verschiedne Ansichten, sonst nichts!

Lucile.
Such ihn auf!

Camille.
Wir sassen auf einer Schulbank. Er war immer finster und einsam. Ich
allein suchte ihn auf und machte ihn zuweilen lachen. Er hat mir immer
grosse Anhaenglichkeit gezeigt. Ich gehe.

Lucile.
So schnell, mein Freund? Geh! Komm! Nur das (sie kuesst ihn) und das!
Geh! Geh! (Camille ab.)

Das ist eine boese Zeit. Es geht einmal so. Wer kann da drueber
hinaus? Man muss sich fassen. (Singt:)

Ach Scheiden, ach Scheiden, ach Scheiden,
Wer hat sich das Scheiden erdacht?

Wie kommt mir grad das in Kopf? Das ist nicht gut, dass es den Weg
so von selbst findet. - Wie er hinaus ist, war mir's, als koennte er
nicht mehr umkehren und muesse immer weiter weg von mir, immer weiter.

Wie das Zimmer so leer ist; die Fenster stehn offen, als haette ein
Toter drin gelegen. Ich halt es da oben nicht aus. (Sie geht.)



Vierte Szene

Freies Feld

Danton.
Ich mag nicht weiter. Ich mag in dieser Stille mit dem Geplauder
meiner Tritte und dem Keuchen meines Atems nicht Laerm machen. (Er
setzt sich nieder; nach einer Pause:)

Man hat mir von einer Krankheit erzaehlt, die einem das Gedaechtnis
verlieren mache. Der Tod soll etwas davon haben. Dann kommt mir
manchmal die Hoffnung, dass er vielleicht noch kraeftiger wirke und
einem alles verlieren mache. Wenn das waere! - Dann lief ich wie ein
Christ, um einen Feind, d. h. mein Gedaechtnis, zu retten.

Der Ort soll sicher sein, ja fuer mein Gedaechtnis, aber nicht fuer
mich; mir gibt das Grab mehr Sicherheit, es schafft mir wenigstens
Vergessen. Es toetet mein Gedaechtnis. Dort aber lebt mein Gedaechtnis
und toetet mich. Ich oder es? Die Antwort ist leicht. (Er erhebt sich
und kehrt um.)

Ich kokettiere mit dem Tod; es ist ganz angenehm, so aus der Ferne mit
dem Lorgnon mit ihm zu liebaeugeln.

Eigentlich muss ich ueber die ganze Geschichte lachen. Es ist ein
Gefuehl des Bleibens in mir, was mir sagt: es wird morgen sein wie
heute, und uebermorgen und weiter hinaus ist alles wie eben. Das ist
leerer Laerm, man will mich schrecken; sie werden's nicht wagen! (Ab.)



Fuenfte Szene

Ein Zimmer

Es ist Nacht.

Danton (am Fenster).
Will denn das nie aufhoeren? Wird das Licht nie ausgluehn und der
Schall nie modern? Will's denn nie still und dunkel werden, dass wir
uns die garstigen Suenden einander nicht mehr anhoeren und ansehen? -
September! -

Julie (ruft von innen).
Danton! Danton!

Danton.
He?

Julie (tritt ein).
Was rufst du?

Danton.
Rief ich?

Julie.
Du sprachst von garstigen Suenden, und dann stoehntest du: September!

Danton.
Ich, ich? Nein, ich sprach nicht; das dacht' ich kaum, das waren nur
ganz leise, heimliche Gedanken.

Julie.
Du zitterst, Danton!

Danton.
Und soll ich nicht zittern, wenn so die Waende plaudern? Wenn mein
Leib so zerteilt ist, dass meine Gedanken unstet, umirrend mit den
Lippen der Steine reden? Das ist seltsam.

Julie.
Georg, mein Georg!

Danton.
Ja, Julie, das ist sehr seltsam. Ich moechte nicht mehr denken, wenn
das gleich so spricht. Es gibt Gedanken, Julie, fuer die es keine
Ohren geben sollte. Das ist nicht gut, dass sie bei der Geburt gleich
schreien wie Kinder; das ist nicht gut.

Julie.
Gott erhalte dir deine Sinne! - Georg, Georg, erkennst du mich?

Danton.
Ei warum nicht! Du bist ein Mensch und dann eine Frau und endlich
meine Frau, und die Erde hat fuenf Weltteile, Europa, Asien, Afrika,
Amerika, Australien, und zwei mal zwei macht vier. Ich bin bei Sinnen,
siehst du. - Schrie's nicht September? Sagtest du nicht so was?

Julie.
Ja, Danton, durch alle Zimmer hoert ich's.

Danton.
Wie ich ans Fenster kam - (er sieht hinaus:) die Stadt ist ruhig, alle
Lichter aus...

Julie.
Ein Kind schreit in der Naehe.

Danton.
Wie ich ans Fenster kam - durch alle Gassen schrie und zetert' es:
September!

Julie.
Du traeumtest, Danton. Fass dich!

Danton.
Traeumtest? Ja, ich traeumte; doch das war anders, ich will dir es
gleich sagen - mein armer Kopf ist schwach - gleich! So, jetzt hab
ich's: Unter mir keuchte die Erdkugel in ihrem Schwung; ich hatte sie
wie ein wildes Ross gepackt, mit riesigen Gliedern wuehlt' ich in
ihren Maehnen und presst' ich ihre Rippen, das Haupt abwaerts gewandt,
die Haare flatternd ueber dem Abgrund; so ward ich geschleift. Da
schrie ich in der Angst, und ich erwachte. Ich trat ans Fenster - und
da hoert' ich's, Julie.

Was das Wort nur will? Warum gerade das? Was hab ich damit zu
schaffen? Was streckt es nach mir die blutigen Haende? Ich hab es
nicht geschlagen. - O hilf mir, Julie, mein Sinn ist stumpf! War's
nicht im September, Julie?

Julie.
Die Koenige waren nur noch vierzig Stunden von Paris...

Danton.
Die Festungen gefallen, die Aristokraten in der Stadt...

Julie.
Die Republik war verloren.

Danton.
Ja, verloren. Wir konnten den Feind nicht im Ruecken lassen, wir
waeren Narren gewesen: zwei Feinde auf einem Brett; wir oder sie, der
Staerkere stoesst den Schwaecheren hinunter - ist das nicht billig?

Julie.
Ja, ja.

Danton.
Wir schlugen sie - das war kein Mord, das war Krieg nach innen.

Julie.
Du hast das Vaterland gerettet.

Danton.
Ja, das hab ich; das war Notwehr, wir mussten. Der Mann am Kreuze hat
sich's bequem gemacht: es muss ja Aergernis kommen, doch wehe dem,
durch welchen Aergernis kommt! - Es muss; das war dies Muss. Wer will
der Hand fluchen, auf die der Fluch des Muss gefallen? Wer hat das
Muss gesprochen, wer? Was ist das, was in uns luegt, hurt, stiehlt und
mordet?

Puppen sind wir, von unbekannten Gewalten am Draht gezogen; nichts,
nichts wir selbst! die Schwerter, mit denen Geister kaempfen - man
sieht nur die Haende nicht, wie im Maerchen. - Jetzt bin ich ruhig.

Julie.
Ganz ruhig, lieb Herz?

Danton.
Ja, Julie; komm, zu Bette!



Sechste Szene

Strasse vor Dantons Haus

Simon. Buergersoldaten.

Simon.
Wie weit ist's in der Nacht?

Erster Buerger.
Was in der Nacht?

Simon.
Wie weit ist die Nacht?

Erster Buerger.
So weit als zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang.

Simon.
Schuft, wieviel Uhr?

Erster Buerger.
Sieh auf dein Zifferblatt; es ist die Zeit, wo die Perpendikel unter
den Bettdecken ausschlagen.

Simon.
Wir muessen hinauf! Fort, Buerger! Wir haften mit unseren Koepfen
dafuer. Tot oder lebendig! Er hat gewaltige Glieder. Ich werde
vorangehn, Buerger. Der Freiheit eine Gasse! - Sorgt fuer mein Weib!
Eine Eichenkrone werd ich ihr hinterlassen.

Erster Buerger.
Eine Eichelkrone? Es sollen ihr ohnehin jeden Tag Eicheln genug in den
Schoss fallen.

Simon.
Vorwaerts, Buerger, ihr werdet euch um das Vaterland verdient machen!

Zweiter Buerger.
Ich wollte, das Vaterland machte sich um uns verdient; ueber all
den Loechern, die wir in andrer Leute Koerper machen, ist noch kein
einziges in unsern Hosen zugegangen.

Erster Buerger.
Willst du, dass dir dein Hosenlatz zuginge? Hae, hae, hae!

Die andern.
Hae, hae, hae!

Simon.
Fort, fort! (Sie dringen in Dantons Haus.)



Siebente Szene

Der Nationalkonvent

Eine Gruppe von Deputierten.

Legendre.
Soll denn das Schlachten der Deputierten nicht aufhoeren? - Wer ist
noch sicher, wenn Danton faellt?

Ein Deputierter.
Was tun?

Ein anderer.
Er muss vor den Schranken des Konvents gehoert werden. - Der
Erfolg dieses Mittels ist sicher; was sollten sie seiner Stimme
entgegensetzen?

Ein anderer.
Unmoeglich, ein Dekret verhindert uns.

Legendre.
Es muss zurueckgenommen oder eine Ausnahme gestattet werden. - Ich
werde den Antrag machen; ich rechne auf eure Unterstuetzung.

Der Praesident.
Die Sitzung ist eroeffnet.

Legendre (besteigt die Tribuene).
Vier Mitglieder des Nationalkonvents sind verflossene Nacht verhaftet
worden. Ich weiss, dass Danton einer von ihnen ist, die Namen der
uebrigen kenne ich nicht. Moegen sie uebrigens sein, wer sie wollen,
so verlange ich, dass sie vor den Schranken gehoert werden.

Buerger, ich erklaere es: ich halte Danton fuer ebenso rein wie mich
selbst, und ich glaube nicht, dass mir irgendein Vorwurf gemacht
werden kann. Ich will kein Mitglied des Wohlfahrts- oder des
Sicherheitsausschusses angreifen, aber gegruendete Ursachen lassen
mich fuerchten, Privathass und Privatleidenschaft moechten der
Freiheit Maenner entreissen, die ihr die groessten Dienste erwiesen
haben. Der Mann, welcher im Jahre 1792 Frankreich durch seine Energie
rettete, verdient gehoert zu werden; er muss sich erklaeren duerfen,
wenn man ihn des Hochverrats anklagt. (Heftige Bewegung.)

Einige Stimmen.
Wir unterstuetzen Legendres Vorschlag.

Ein Deputierter.
Wir sind hier im Namen des Volkes; man kann uns ohne den Willen
unserer Waehler nicht von unseren Plaetzen reissen.

Ein anderer.
Eure Worte riechen nach Leichen; ihr habt sie den Girondisten aus dem
Munde genommen. Wollt ihr Privilegien? Das Beil des Gesetzes schwebt
ueber allen Haeuptern.

Ein anderer.
Wir koennen unsern Ausschuessen nicht erlauben, die Gesetzgeber aus
dem Asyl des Gesetzes auf die Guillotine zu schicken.

Ein anderer.
Das Verbrechen hat kein Asyl, nur gekroente Verbrecher finden eins auf
dem Thron.

Ein anderer.
Nur Spitzbuben appellieren an das Asylrecht.

Ein anderer.
Nur Moerder erkennen es nicht an.

Robespierre.
Die seit langer Zeit in dieser Versammlung unbekannte Verwirrung
beweist, dass es sich um grosse Dinge handelt. Heute entscheidet
sich's, ob einige Maenner den Sieg ueber das Vaterland davontragen
werden. - Wie koennt ihr eure Grundsaetze weit genug verleugnen, um
heute einigen Individuen das zu bewilligen, was ihr gestern Chabot,
Delaunai und Fahre verweigert habt? Was soll dieser Unterschied
zugunsten einiger Maenner? Was kuemmern mich die Lobsprueche, die man
sich selbst und seinen Freunden spendet? Nur zu viele Erfahrungen
haben uns gezeigt, was davon zu halten sei. Wir fragen nicht, ob ein
Mann diese oder jene patriotische Handlung vollbracht habe; wir fragen
nach seiner ganzen politischen Laufbahn. - Legendre scheint die Namen
der Verhafteten nicht zu wissen; der ganze Konvent kennt sie. Sein
Freund Lacroix ist darunter. Warum scheint Legendre das nicht zu
wissen? Weil er wohl weiss, dass nur die Schamlosigkeit Lacroix
verteidigen kann. Er nannte nur Danton, weil er glaubt, an diesen
Namen knuepfe sich ein Privilegium. Nein, wir wollen keine
Privilegien, wir wollen keine Goetzen! (Beifall.)

Was hat Danton vor Lafayette, vor Dumouriez, vor Brissot, Fabre,
Chabot, Hebert voraus? Was sagt man von diesen, was man nicht auch von
ihm sagen koennte? Habt ihr sie gleichwohl geschont? Wodurch verdient
er einen Vorzug vor seinen Mitbuergern? Etwa, weil einige betrogene
Individuen und andere, die sich nicht betruegen liessen, sich um ihn
reihten, um in seinem Gefolge dem Glueck und der Macht in die Arme
zu laufen? - Je mehr er die Patrioten betrogen hat, welche Vertrauen
in ihn setzten, desto nachdruecklicher muss er die Strenge der
Freiheitsfreunde empfinden.

Man will euch Furcht einfloessen vor dem Missbrauche einer Gewalt,
die ihr selbst ausgeuebt habt. Man schreit ueber den Despotismus der
Ausschuesse, als ob das Vertrauen, welches das Volk euch geschenkt
und das ihr diesen Ausschuessen uebertragen habt, nicht eine sichre
Garantie ihres Patriotismus waere. Man stellt sich, als zittre man.
Aber ich sage euch, wer in diesem Augenblicke zittert, ist schuldig;
denn nie zittert die Unschuld vor der oeffentlichen Wachsamkeit.
(Allgemeiner Beifall.)

Man hat auch mich schrecken wollen; man gab mir zu verstehen, dass die
Gefahr, indem sie sich Danton naehere, auch bis zu mir dringen koenne.
Man schrieb mir, Dantons Freunde hielten mich umlagert, in der
Meinung, die Erinnerung an eine alte Verbindung, der blinde Glauben an
erheuchelte Tugenden koennten mich bestimmen, meinen Eifer und meine
Leidenschaft fuer die Freiheit zu maessigen. - So erklaere ich denn:
nichts soll mich aufhalten, und sollte auch Dantons Gefahr die meinige
werden. Wir alle haben etwas Mut und etwas Seelengroesse noetig. Nur
Verbrecher und gemeine Seelen fuerchten, ihresgleichen an ihrer Seite
fallen zu sehen, weil sie, wenn keine Schar von Mitschuldigen sie mehr
versteckt, sich dem Licht der Wahrheit ausgesetzt sehen. Aber wenn es
dergleichen Seelen in dieser Versammlung gibt, so gibt es in ihr auch
heroische. Die Zahl der Schurken ist nicht gross; wir haben nur wenige
Koepfe zu treffen, und das Vaterland ist gerettet. (Beifall.)

Ich verlange, dass Legendres Vorschlag zurueckgewiesen werde.
(Die Deputierten erheben sich saemtlich zum Zeichen allgemeiner
Beistimmung.)

St. Just.
Es scheint in dieser Versammlung einige empfindliche Ohren zu geben,
die das Wort "Blut" nicht wohl vertragen koennen. Einige allgemeine
Betrachtungen moegen sie ueberzeugen, dass wir nicht grausamer
sind als die Natur und als die Zeit. Die Natur folgt ruhig und
unwiderstehlich ihren Gesetzen; der Mensch wird vernichtet, wo er
mit ihnen in Konflikt kommt. Eine Aenderung in den Bestandteilen der
Luft, ein Auflodern des tellurischen Feuers, ein Schwanken in dem
Gleichgewicht einer Wassermasse und eine Seuche, ein vulkanischer
Ausbruch, eine Ueberschwemmung begraben Tausende. Was ist das
Resultat? Eine unbedeutende, im grossen Ganzen kaum bemerkbare
Veraenderung der physischen Natur, die fast spurlos voruebergegangen
sein wuerde, wenn nicht Leichen auf ihrem Wege laegen.

Ich frage nun: soll die geistige Natur in ihren Revolutionen mehr
Ruecksicht nehmen als die physische? Soll eine Idee nicht ebensogut
wie ein Gesetz der Physik vernichten duerfen, was sich ihr widersetzt?
Soll ueberhaupt ein Ereignis, was die ganze Gestaltung der moralischen
Natur, das heisst der Menschheit, umaendert, nicht durch Blut gehen
duerfen? Der Weltgeist bedient sich in der geistigen Sphaere unserer
Arme ebenso, wie er in der physischen Vulkane und Wasserfluten
gebraucht. Was liegt daran, ob sie an einer Seuche oder an der
Revolution sterben?

Die Schritte der Menschheit sind langsam, man kann sie nur nach
Jahrhunderten zaehlen; hinter jedem erheben sich die Graeber von
Generationen. Das Gelangen zu den einfachsten Erfindungen und
Grundsaetzen hat Millionen das Leben gekostet, die auf dem Wege
starben. Ist es denn nicht einfach, dass zu einer Zeit, wo der Gang
der Geschichte rascher ist, auch mehr Menschen ausser Atem kommen?

Wir schliessen schnell und einfach: Da alle unter gleichen
Verhaeltnissen geschaffen werden, so sind alle gleich, die
Unterschiede abgerechnet, welche die Natur selbst gemacht hat; es darf
daher jeder Vorzuege und darf daher keiner Vorrechte haben, weder ein
einzelner noch eine geringere oder groessere Klasse von Individuen. -
Jedes Glied dieses in der Wirklichkeit angewandten Satzes hat seine
Menschen getoetet. Der 14. Juli, der 10. August, der 31. Mai sind
seine Interpunktionszeichen. Er hatte vier Jahre Zeit noetig, um in
der Koerperwelt durchgefuehrt zu werden, und unter gewoehnlichen
Umstaenden haette er ein Jahrhundert dazu gebraucht und waere mit
Generationen interpunktiert worden. Ist es da so zu verwundern, dass
der Strom der Revolution bei jedem Absatz, bei jeder neuen Kruemmung
seine Leichen ausstoesst?

Wir werden unserm Satze noch einige Schluesse hinzuzufuegen haben;
sollen einige hundert Leichen uns verhindern, sie zu machen? - Moses
fuehrte sein Volk durch das Rote Meer und in die Wueste, bis die alte
verdorbne Generation sich aufgerieben hatte, eh' er den neuen Staat
gruendete. Gesetzgeber! Wir haben weder das Rote Meer noch die Wueste,
aber wir haben den Krieg und die Guillotine.

Die Revolution ist wie die Toechter des Pelias: sie zerstueckt
die Menschheit, um sie zu verjuengen. Die Menschheit wird aus dem
Blutkessel wie die Erde aus den Wellen der Suendflut mit urkraeftigen
Gliedern sich erheben, als waere sie zum ersten Male geschaffen.
(Langer, anhaltender Beifall. Einige Mitglieder erheben sich im
Enthusiasmus.)

Alle geheimen Feinde der Tyrannei, welche in Europa und auf dem ganzen
Erdkreise den Dolch des Brutus unter ihren Gewaendern tragen, fordern
wir auf, diesen erhabnen Augenblick mit uns zu teilen. (Die Zuhoerer
und die Deputierten stimmen die Marseillaise an.)




Dritter Akt

Erste Szene

Das Luxembourg. Ein Saal mit Gefangnen

Chaumette, Payne, Mercier, Herault-Sechelles und andre Gefangne.

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