Dantons Tod
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Legendre.
Wo ist Danton?
Lacroix.
Was weiss ich! Er sucht eben die Mediceische Venus stueckweise bei
allen Grisetten des Palais-Royal zusammen; er macht Mosaik, wie er
sagt. Der Himmel weiss, bei welchem Glied er gerade ist. Es ist
ein Jammer, dass die Natur die Schoenheit, wie Medea ihren Bruder,
zerstueckt und sie so in Fragmenten in die Koerper gesenkt hat. - Gehn
wir ins Palais-Royal! (Beide ab.)
Fuenfte Szene
Ein Zimmer
Danton. Marion.
Marion.
Nein, lass mich! So zu deinen Fuessen. Ich will dir erzaehlen.
Danton.
Du koenntest deine Lippen besser gebrauchen.
Marion.
Nein, lass mich einmal so. - Meine Mutter war eine kluge Frau; sie
sagte mir immer, die Keuschheit sei eine schoene Tugend. Wenn Leute
ins Haus kamen und von manchen Dingen zu sprechen anfingen, hiess sie
mich aus dem Zimmer gehn; frug ich, was die Leute gewollt haetten, so
sagte sie mir, ich solle mich schaemen; gab sie mir ein Buch zu lesen,
so musst' ich fast immer einige Seiten ueberschlagen. Aber die Bibel
las ich nach Belieben, da war alles heilig; aber es war etwas darin,
was ich nicht begriff. Ich mochte auch niemand fragen, ich bruetete
ueber mir selbst. Da kam der Fruehling; es ging ueberall etwas um
mich vor, woran ich keinen Teil hatte. Ich geriet in eine eigne
Atmosphaere, sie erstickte mich fast. Ich betrachtete meine Glieder;
es war mir manchmal, als waere ich doppelt und verschmoelze dann
wieder in eins. Ein junger Mensch kam zu der Zeit ins Haus; er war
huebsch und sprach oft tolles Zeug; ich wusste nicht recht, was er
wollte, aber ich musste lachen. Meine Mutter hiess ihn oefters kommen,
das war uns beiden recht. Endlich sahen wir nicht ein, warum wir nicht
ebensogut zwischen zwei Bettuechern beieinander liegen, als auf zwei
Stuehlen nebeneinander sitzen durften. Ich fand dabei mehr Vergnuegen
als bei seiner Unterhaltung und sah nicht ab, warum man mir das
geringere gewaehren und das groessere entziehen wollte. Wir taten's
heimlich. Das ging so fort. Aber ich wurde wie ein Meer, was alles
verschlang und sich tiefer und tiefer wuehlte. Es war fuer mich nur
ein Gegensatz da, alle Maenner verschmolzen in einen Leib. Meine Natur
war einmal so, wer kann da drueber hinaus? Endlich merkt' er's. Er kam
eines Morgens und kuesste mich, als wollte er mich ersticken; seine
Arme schnuerten sich um meinen Hals, ich war in unsaeglicher Angst. Da
liess er mich los und lachte und sagte: er haette fast einen dummen
Streich gemacht; ich solle mein Kleid nur behalten und es brauchen, es
wuerde sich schon von selbst abtragen, er wolle mir den Spass nicht
vor der Zeit verderben, es waere doch das einzige, was ich haette.
Dann ging er; ich wusste wieder nicht, was er wollte. Den Abend sass
ich am Fenster; ich bin sehr reizbar und haenge mit allem um mich
nur durch eine Empfindung zusammen; ich versank in die Wellen der
Abendroete. Da kam ein Haufe die Strasse herab, die Kinder liefen
voraus, die Weiber sahen aus den Fenstern. Ich sah hinunter: sie
trugen ihn in einem Korb vorbei, der Mond schien auf seine bleiche
Stirn, seine Locken waren feucht, er hatte sich ersaeuft. Ich musste
weinen. - Das war der einzige Bruch in meinem Wesen. Die andern
Leute haben Sonn- und Werktage, sie arbeiten sechs Tage und beten am
siebenten, sie sind jedes Jahr auf ihren Geburtstag einmal geruehrt
und denken jedes Jahr auf Neujahr einmal nach. Ich begreife nichts
davon: ich kenne keinen Absatz, keine Veraenderung. Ich bin immer nur
eins; ein ununterbrochenes Sehnen und Fassen, eine Glut, ein Strom.
Meine Mutter ist vor Gram gestorben; die Leute weisen mit Fingern auf
mich. Das ist dumm. Es laeuft auf eins hinaus, an was man seine Freude
hat, an Leibern, Christusbildern, Blumen oder Kinderspielsachen; es
ist das naemliche Gefuehl; wer am meisten geniesst, betet am meisten.
Danton.
Warum kann ich deine Schoenheit nicht ganz in mich fassen, sie nicht
ganz umschliessen?
Marion.
Danton, deine Lippen haben Augen.
Danton.
Ich moechte ein Teil des Aethers sein, um dich in meiner Flut zu
baden, um mich auf jeder Welle deines schoenen Leibes zu brechen.
(Lacroix, Adelaide, Rosalie treten ein.)
Lacroix (bleibt in der Tuer stehn).
Ich muss lachen, ich muss lachen.
Danton (unwillig).
Nun?
Lacroix.
Die Gasse faellt mir ein.
Danton.
Und?
Lacroix.
Auf der Gasse waren Hunde, eine Dogge und ein Bologneser
Schosshuendlein, die quaelten sich.
Danton.
Was soll das?
Lacroix.
Das fiel mir nun grade so ein, und da musst' ich lachen. Es sah
erbaulich aus! Die Maedel guckten aus den Fenstern; man sollte
vorsichtig sein und sie nicht einmal in der Sonne sitzen lassen. Die
Muecken treiben's ihnen sonst auf den Haenden; das macht Gedanken.
Legendre und ich sind fast durch alle Zellen gelaufen, die Noennlein
von der Offenbarung durch das Fleisch hingen uns an den Rockschoessen
und wollten den Segen. Legendre gibt einer die Disziplin, aber er wird
einen Monat dafuer zu fasten bekommen. Da bringe ich zwei von den
Priesterinnen mit dem Leib.
Marion.
Guten Tag, Demoiselle Adelaide! guten Tag, Demoiselle Rosalie!
Rosalie.
Wir hatten schon lange nicht das Vergnuegen.
Marion.
Es war mir recht leid.
Adelaide.
Ach Gott, wir sind Tag und Nacht beschaeftigt.
Danton (zu Rosalie).
Ei, Kleine, du hast ja geschmeidige Hueften bekommen.
Rosalie.
Ach ja, man vervollkommnet sich taeglich.
Lacroix.
Was ist der Unterschied zwischen dem antiken und einem modernen
Adonis?
Danton.
Und Adelaide ist sittsam-interessant geworden; eine pikante
Abwechslung. Ihr Gesicht sieht aus wie ein Feigenblatt, das sie sich
vor den ganzen Leib haelt. So ein Feigenbaum an einer so gangbaren
Strasse gibt einen erquicklichen Schatten.
Adelaide.
Ich waere ein Herdweg, wenn Monsieur...
Danton.
Ich verstehe; nur nicht boese, mein Fraeulein!
Lacroix.
So hoere doch! Ein moderner Adonis wird nicht von einem Eber, sondern
von Saeuen zerrissen; er bekommt seine Wunde nicht am Schenkel,
sondern in den Leisten, und aus seinem Blut spriessen nicht Rosen
hervor, sondern schiessen Quecksilberblueten an.
Danton.
O lass das, Fraeulein Rosalie ist ein restaurierter Torso, woran nur
die Hueften und Fuesse antik sind. Sie ist eine Magnetnadel: was der
Pol Kopf abstoesst, zieht der Pol Fuss an; die Mitte ist ein Aequator,
wo jeder eine Sublimattaufe bekoemmt, der die Linie passiert.
Lacroix.
Zwei Barmherzige Schwestern; jede dient in einem Spital, d. h. in
ihrem eignen Koerper.
Rosalie.
Schaemen Sie sich, unsere Ohren rot zu machen!
Adelaide.
Sie sollten mehr Lebensart haben! (Adelaide und Rosalie ab.)
Danton.
Gute Nacht, ihr huebschen Kinder!
Lacroix.
Gute Nacht, ihr Quecksilbergruben!
Danton.
Sie dauern mich, sie kommen um ihr Nachtessen.
Lacroix.
Hoere, Danton, ich komme von den Jakobinern.
Danton.
Nichts weiter?
Lacroix.
Die Lyoner verlasen eine Proklamation; sie meinten, es bliebe ihnen
nichts uebrig, als sich in die Toga zu wickeln. Jeder macht ein
Gesicht, als wollte er zu seinem Nachbar sagen: Paetus, es schmerzt
nicht! - Legendre rief, man wolle Chaliers und Marats Buesten
zerschlagen. Ich glaube, er will sich das Gesicht wieder rot machen;
er ist ganz aus der Terreur herausgekommen, die Kinder zupfen ihn auf
der Gasse am Rock.
Danton.
Und Robespierre?
Lacroix.
Fingerte auf der Tribuene und sagte: die Tugend muss durch den
Schrecken herrschen. Die Phrase machte mir Halsweh.
Danton.
Sie hobelt Bretter fuer die Guillotine.
Lacroix.
Und Collot schrie wie besessen, man muesse die Masken abreissen.
Danton.
Da werden die Gesichter mitgehen.
(Paris tritt ein.)
Lacroix.
Was gibt's, Fabricius?
Paris.
Von den Jakobinern weg ging ich zu Robespierre; ich verlangte eine
Erklaerung. Er suchte eine Miene zu machen wie Brutus, der seine
Soehne opfert. Er sprach im allgemeinen von den Pflichten, sagte: der
Freiheit gegenueber kenne er keine Ruecksicht, er wuerde alles opfern,
sich, seinen Bruder, seine Freunde.
Danton.
Das war deutlich; man braucht nur die Skala herumzukehren, so steht
er unten und haelt seinen Freunden die Leiter. Wir sind Legendre Dank
schuldig, er hat sie sprechen gemacht.
Lacroix.
Die Hebertisten sind noch nicht tot, das Volk ist materiell elend, das
ist ein furchtbarer Hebel. Die Schale des Blutes darf nicht steigen,
wenn sie dem Wohlfahrtsausschuss nicht zur Laterne werden soll; er hat
Ballast noetig, er braucht einen schweren Kopf.
Danton.
Ich weiss wohl - die Revolution ist wie Saturn, sie frisst ihre eignen
Kinder. (Nach einigem Besinnen:) Doch, sie werden's nicht wagen.
Lacroix.
Danton, du bist ein toter Heiliger; aber die Revolution kennt keine
Reliquien, sie hat die Gebeine aller Koenige auf die Gasse und alle
Bildsaeulen von den Kirchen geworfen. Glaubst du, man wuerde dich als
Monument stehen lassen?
Danton.
Mein Name! das Volk!
Lacroix.
Dein Name! Du bist ein Gemaessigter, ich bin einer, Camille,
Philippeau, Herault. Fuer das Volk sind Schwaeche und Maessigung eins;
es schlaegt die Nachzuegler tot. Die Schneider von der Sektion der
roten Muetze werden die ganze roemische Geschichte in ihrer Nadel
fuehlen, wenn der Mann des September ihnen gegenueber ein Gemaessigter
war.
Danton.
Sehr wahr, und ausserdem - das Volk ist wie ein Kind, es muss alles
zerbrechen, um zu sehen, was darin steckt.
Lacroix.
Und ausserdem, Danton, sind wir lasterhaft, wie Robespierre sagt,
d. h. wir geniessen; und das Volk ist tugendhaft, d. h. es geniesst
nicht, weil ihm die Arbeit die Genussorgane stumpf macht, es besaeuft
sich nicht, weil es kein Geld hat, und es geht nicht ins Bordell, weil
es nach Kaes und Hering aus dem Hals stinkt und die Maedel davor einen
Ekel haben.
Danton.
Es hasst die Geniessenden wie ein Eunuch die Maenner.
Lacroix.
Man nennt uns Spitzbuben, und (sich zu den Ohren Dantons neigend) es
ist, unter uns gesagt, so halbwegs was Wahres dran. Robespierre und
das Volk werden tugendhaft sein. St. Just wird einen Roman schreiben,
und Barere wird eine Carmagnole schneidern und dem Konvent das
Blutmaentelchen umhaengen und - ich sehe alles.
Danton.
Du traeumst. Sie hatten nie Mut ohne mich, sie werden keinen gegen
mich haben; die Revolution ist noch nicht fertig, sie koennten mich
noch noetig haben, sie werden mich im Arsenal aufheben.
Lacroix.
Wir muessen handeln.
Danton.
Das wird sich finden.
Lacroix.
Es wird sich finden, wenn wir verloren sind.
Marion (zu Danton).
Deine Lippen sind kalt geworden, deine Worte haben deine Kuesse
erstickt.
Danton (zu Marion).
So viel Zeit zu verlieren! Das war der Muehe wert! - (Zu Lacroix:)
Morgen geh ich zu Robespierre; ich werde ihn aergern, da kann er nicht
schweigen. Morgen also! Gute Nacht, meine Freunde, gute Nacht! ich
danke euch!
Lacroix.
Packt euch, meine guten Freunde, Packt euch! Gute Nacht, Danton! Die
Schenkel der Demoiselle guillotinieren dich, der Mons Veneris wird
dein Tarpejischer Fels. (Ab mit Paris.)
Sechste Szene
Ein Zimmer
Robespierre. Danton. Paris.
Robespierre.
Ich sage dir, wer mir in den Arm faellt, wenn ich das Schwert ziehe,
ist mein Feind - seine Absicht tut nichts zur Sache; wer mich
verhindert, mich zu verteidigen, toetet mich so gut, als wenn er mich
angriffe.
Danton.
Wo die Notwehr aufhoert, faengt der Mord an; ich sehe keinen Grund,
der uns laenger zum Toeten zwaenge.
Robespierre.
Die soziale Revolution ist noch nicht fertig; wer eine Revolution zur
Haelfte vollendet, graebt sich selbst sein Grab. Die gute Gesellschaft
ist noch nicht tot, die gesunde Volkskraft muss sich an die Stelle
dieser nach allen Richtungen abgekitzelten Klasse setzen. Das Laster
muss bestraft werden, die Tugend muss durch den Schrecken herrschen.
Danton.
Ich verstehe das Wort Strafe nicht. - Mit deiner Tugend, Robespierre!
Du hast kein Geld genommen, du hast keine Schulden gemacht, du hast
bei keinem Weibe geschlafen, du hast immer einen anstaendigen Rock
getragen und dich nie betrunken. Robespierre, du bist empoerend
rechtschaffen. Ich wuerde mich schaemen, dreissig Jahre lang mit der
naemlichen Moralphysiognomie zwischen Himmel und Erde herumzulaufen,
bloss um des elenden Vergnuegens willen, andre schlechter zu finden
als mich. - Ist denn nichts in dir, was dir nicht manchmal ganz leise,
heimlich sagte: du luegst, du luegst!?
Robespierre.
Mein Gewissen ist rein.
Danton.
Das Gewissen ist ein Spiegel, vor dem ein Affe sich quaelt; jeder
putzt sich, wie er kann, und geht auf seine eigne Art auf seinen Spass
dabei aus. Das ist der Muehe wert, sich darueber in den Haaren zu
liegen! Jeder mag sich wehren, wenn ein andrer ihm den Spass verdirbt.
Hast du das Recht, aus der Guillotine einen Waschzuber fuer die
unreine Waesche anderer Leute und aus ihren abgeschlagenen Koepfen
Fleckkugeln fuer ihre schmutzigen Kleider zu machen, weil du immer
einen sauber gebuersteten Rock traegst? Ja, du kannst dich wehren,
wenn sie dir drauf spucken oder Loecher hineinreissen; aber was geht
es dich an, solang sie dich in Ruhe lassen? Wenn sie sich nicht
genieren, so herumzugehn, hast du deswegen das Recht, sie ins Grabloch
zu sperren? Bist du der Polizeisoldat des Himmels? Und kannst du es
nicht ebensogut mitansehn als dein lieber Herrgott, so halte dir dein
Schnupftuch vor die Augen.
Robespierre.
Du leugnest die Tugend?
Danton.
Und das Laster. Es gibt nur Epikureer, und zwar grobe und feine,
Christus war der feinste; das ist der einzige Unterschied, den ich
zwischen den Menschen herausbringen kann. Jeder handelt seiner Natur
gemaess, d. h. er tut, was ihm wohltut. - Nicht wahr, Unbestechlicher,
es ist grausam, dir die Absaetze so von den Schuhen zu treten?
Robespierre.
Danton, das Laster ist zu gewissen Zeiten Hochverrat.
Danton.
Du darfst es nicht proskribieren, ums Himmels willen nicht, das waere
undankbar; du bist ihm zu viel schuldig, durch den Kontrast naemlich.
- Uebrigens, um bei deinen Begriffen zu bleiben, unsere Streiche
muessen der Republik nuetzlich sein, man darf die Unschuldigen nicht
mit den Schuldigen treffen.
Robespierre.
Wer sagt dir denn, dass ein Unschuldiger getroffen worden sei?
Danton.
Hoerst du, Fabricius? Es starb kein Unschuldiger! (Er geht; im
Hinausgehn zu Paris:) Wir duerfen keinen Augenblick verlieren, wir
muessen uns zeigen! (Danton und Paris ab.)
Robespierre. (allein).
Geh nur! Er will die Rosse der Revolution am Bordell halten machen,
wie ein Kutscher seine dressierten Gaeule; sie werden Kraft genug
haben, ihn zum Revolutionsplatz zu schleifen.
Mir die Absaetze von den Schuhen treten! Um bei deinen Begriffen zu
bleiben! - Halt! Halt! Ist's das eigentlich? Sie werden sagen, seine
gigantische Gestalt haette zu viel Schatten auf mich geworfen, ich
haette ihn deswegen aus der Sonne gehen heissen. - Und wenn sie recht
haetten? Ist's denn so notwendig? Ja, ja! die Republik! Er muss weg.
Es ist laecherlich, wie meine Gedanken einander beaufsichtigen. - Er
muss weg. Wer in einer Masse, die vorwaerts draengt, stehenbleibt,
leistet so gut Widerstand, als traet' er ihr entgegen: er wird
zertreten.
Wir werden das Schiff der Revolution nicht auf den seichten
Berechnungen und den Schlammbaenken dieser Leute stranden lassen; wir
muessen die Hand abhauen, die es zu halten wagt - und wenn er es mit
den Zaehnen packte!
Weg mit einer Gesellschaft, die der toten Aristokratie die Kleider
ausgezogen und ihren Aussatz geerbt hat!
Keine Tugend! Die Tugend ein Absatz meiner Schuhe! Bei meinen
Begriffen! - Wie das immer wiederkommt. - Warum kann ich den Gedanken
nicht loswerden? Er deutet mit blutigem Finger immer da, da hin! Ich
mag so viel Lappen darum wickeln, als ich will, das Blut schlaegt
immer durch. - (Nach einer Pause:) Ich weiss nicht, was in mir das
andere beluegt.
(Er tritt ans Fenster.) Die Nacht schnarcht ueber der Erde und waelzt
sich im wuesten Traum. Gedanken, Wuensche, kaum geahnt, wirr und
gestaltlos, die scheu sich vor des Tages Licht verkrochen, empfangen
jetzt Form und Gewand und stehlen sich in das stille Haus des Traums.
Sie oeffnen die Tueren, sie sehen aus den Fenstern, sie werden
halbwegs Fleisch, die Glieder strecken sich im Schlaf, die Lippen
murmeln. - Und ist nicht unser Wachen ein hellerer Traum? sind wir
nicht Nachtwandler? ist nicht unser Handeln wie das im Traum, nur
deutlicher, bestimmter, durchgefuehrter? Wer will uns darum schelten?
In einer Stunde verrichtet der Geist mehr Taten des Gedankens, als
der traege Organismus unsres Leibes in Jahren nachzutun vermag. Die
Suende ist im Gedanken. Ob der Gedanke Tat wird, ob ihn der Koerper
nachspiele, das ist Zufall.
(St. Just tritt ein.)
Robespierre.
He, wer da im Finstern? He, Licht, Licht!
St. Just.
Kennst du meine Stimme?
Robespierre.
Ah du, St. Just!
(Eine Dienerin bringt Licht.)
St. Just.
Warst du allein?
Robespierre.
Eben ging Danton weg.
St. Just.
Ich traf ihn unterwegs im Palais-Royal. Er machte seine revolutionaere
Stirn und sprach in Epigrammen; er duzte sich mit den Ohnehosen, die
Grisetten liefen hinter seinen Waden drein, und die Leute blieben
stehn und zischelten sich in die Ohren, was er gesagt hatte. - Wir
werden den Vorteil des Angriffs verlieren. Willst du noch laenger
zaudern? Wir werden ohne dich handeln. Wir sind entschlossen.
Robespierre.
Was wollt ihr tun?
St. Just.
Wir berufen den Gesetzgebungs-, den Sicherheits- und den
Wohlfahrtsausschuss zu feierlicher Sitzung.
Robespierre.
Viel Umstaende.
St. Just.
Wir muessen die grosse Leiche mit Anstand begraben, wie Priester,
nicht wie Moerder; wir duerfen sie nicht verstuemmeln, alle ihre
Glieder muessen mit hinunter.
Robespierre.
Sprich deutlicher!
St. Just.
Wir muessen ihn in seiner vollen Waffenruestung beisetzen und seine
Pferde und Sklaven auf seinem Grabhuegel schlachten: Lacroix -
Robespierre.
Ein ausgemachter Spitzbube, gewesener Advokatenschreiber, gegenwaertig
Generalleutnant von Frankreich. Weiter!
St. Just.
Herault-Sechelles.
Robespierre.
Ein schoener Kopf!
St. Just.
Er war der schoengemalte Anfangsbuchstaben der Konstitutionsakte; wir
haben dergleichen Zierat nicht mehr noetig, er wird ausgewischt. -
Philippeau. - Camille.
Robespierre.
Auch der?
St. Just (ueberreicht ihm ein Papier)
Das dacht' ich. Da lies!
Robespierre.
Aha, "Der alte Franziskaner"! Sonst nichts? Er ist ein Kind, er hat
ueber euch gelacht.
St. Just.
Lies hier, hier! (Er zeigt ihm eine Stelle.)
Robespierre (liest).
"Dieser Blutmessias Robespierre auf seinem Kalvarienberge zwischen
den beiden Schaechern Couthon und Collot, auf dem er opfert und nicht
geopfert wird. Die Guillotinen-Betschwestern stehen wie Maria und
Magdalena unten. St. Just liegt ihm wie Johannes am Herzen und macht
den Konvent mit den apokalyptischen Offenbarungen des Meisters
bekannt; er traegt seinen Kopf wie eine Monstranz."
St. Just.
Ich will ihn den seinigen wie St. Denis tragen machen.
Robespierre (liest weiter).
"Sollte man glauben, dass der saubere Frack des Messias das
Leichenhemd Frankreichs ist, und dass seine duennen, auf der Tribuene
herumzuckenden Finger Guillotinenmesser sind? - Und du, Barere, der du
gesagt hast, auf dem Revolutionsplatz werde Muenze geschlagen! Doch -
ich will den alten Sack nicht aufwuehlen. Er ist eine Witwe, die schon
ein halb Dutzend Maenner hatte und sie alle begraben half. Wer kann
was dafuer? Das ist so seine Gabe, er sieht den Leuten ein halbes
Jahr vor dem Tode das hippokratische Gesicht an. Wer mag sich auch zu
Leichen setzen und den Gestank riechen?"
Also auch du, Camille? - Weg mit ihnen! Rasch! Nur die Toten kommen
nicht wieder.
Hast du die Anklage bereit?
St. Just.
Es macht sich leicht. Du hast die Andeutungen bei den Jakobinern
gemacht.
Robespierre.
Ich wollte sie schrecken.
St. Just.
Ich brauche nur durchzufuehren; die Faelscher geben das Ei und die
Fremden den Apfel ab. - Sie sterben an der Mahlzeit, ich gebe dir mein
Wort.
Robespierre.
Dann rasch, morgen! Keinen langen Todeskampf! Ich bin empfindlich seit
einigen Tagen. Nur rasch! (St. Just ab.)
Robespierre (allein).
Jawohl, Blutmessias, der opfert und nicht geopfert wird. - Er hat sie
mit seinem Blut erloest, und ich erloese sie mit ihrem eignen. Er hat
sie suendigen gemacht, und ich nehme die Suende auf mich. Er hatte die
Wollust des Schmerzes, und ich habe die Qual des Henkers. Wer hat sich
mehr verleugnet, ich oder er? - Und doch ist was von Narrheit in dem
Gedanken. - Was sehen wir nur immer nach dem Einen? Wahrlich, der
Menschensohn wird in uns allen gekreuzigt, wir ringen alle im
Gethsemanegarten im blutigen Schweiss, aber es erloest keiner den
andern mit seinen Wunden.
Mein Camille! - Sie gehen alle von mir - es ist alles wuest und leer -
ich bin allein.
Zweiter Akt
Erste Szene
Ein Zimmer
Danton. Lacroix. Philippeau. Paris. Camille Desmoulins.
Camille.
Rasch, Danton, wir haben keine Zeit zu verlieren!
Danton (er kleidet sich an).
Aber die Zeit verliert uns. Das ist sehr langweilig, immer das Hemd
zuerst und dann die Hosen drueber zu ziehen und des Abends ins Bett
und morgens wieder herauszukriechen und einen Fuss immer so vor den
andern zu setzen; da ist gar kein Absehen, wie es anders werden soll.
Das ist sehr traurig, und dass Millionen es schon so gemacht haben,
und dass Millionen es wieder so machen werden, und dass wir noch
obendrein aus zwei Haelften bestehen, die beide das naemliche tun, so
dass alles doppelt geschieht - das ist sehr traurig.
Camille.
Du sprichst in einem ganz kindlichen Ton.
Danton.
Sterbende werden oft kindisch.
Lacroix.
Du stuerzest dich durch dein Zoegern ins Verderben, du reissest alle
deine Freunde mit dir. Benachrichtige die Feiglinge, dass es Zeit ist,
sich um dich zu versammeln, fordere sowohl die vom Tale als die vom
Berge auf! Schreie ueber die Tyrannei der Dezemvirn, sprich von
Dolchen, rufe Brutus an, dann wirst du die Tribunen erschrecken und
selbst die um dich sammeln, die man als Mitschuldige Heberts bedroht!
Du musst dich deinem Zorn ueberlassen. Lasst uns wenigstens nicht
entwaffnet und erniedrigt wie der schaendliche Hebert sterben!
Danton.
Du hast ein schlechtes Gedaechtnis, du nanntest mich einen toten
Heiligen. Du hattest mehr recht, als du selbst glaubtest. Ich war bei
den Sektionen; sie waren ehrfurchtsvoll, aber wie Leichenbitter. Ich
bin eine Reliquie, und Reliquien wirft man auf die Gasse, du hattest
recht.
Lacroix.
Warum hast du es dazu kommen lassen?
Danton.
Dazu? Ja, wahrhaftig, es war mir zuletzt langweilig. Immer im
naemlichen Rock herumzulaufen und die naemlichen Falten zu ziehen! Das
ist erbaermlich. So ein armseliges Instrument zu sein, auf dem eine
Saite immer nur einen Ton angibt! - 's ist nicht zum Aushalten. Ich
wollte mir's bequem machen. Ich habe es erreicht; die Revolution setzt
mich in Ruhe, aber auf andere Weise, als ich dachte.
Uebrigens, auf was sich stuetzen? Unsere Huren koennten es noch mit
den Guillotinen-Betschwestern aufnehmen; sonst weiss ich nichts. Es
laesst sich an den Fingern herzaehlen: die Jakobiner haben erklaert,
dass die Tugend an der Tagesordnung sei, die Cordeliers nennen mich
Heberts Henker, der Gemeinderat tut Busse, der Konvent - das waere
noch ein Mittel! aber es gaebe einen 31. Mai, sie wuerden nicht
gutwillig weichen. Robespierre ist das Dogma der Revolution, es darf
nicht ausgestrichen werden. Es ginge auch nicht. Wir haben nicht die
Revolution, sondern die Revolution hat uns gemacht.
Und wenn es ginge - ich will lieber guillotiniert werden als
guillotinieren lassen. Ich hab es satt; wozu sollen wir Menschen
miteinander kaempfen? Wir sollten uns nebeneinander setzen und Ruhe
haben. Es wurde ein Fehler gemacht, wie wir geschaffen wurden; es
fehlt uns etwas, ich habe keinen Namen dafuer - aber wir werden es
einander nicht aus den Eingeweiden herauswuehlen, was sollen wir uns
drum die Leiber aufbrechen? Geht, wir sind elende Alchymisten!
Camille.
Pathetischer gesagt, wuerde es heissen: wie lange soll die Menschheit
in ewigem Hunger ihre eignen Glieder fressen? oder: wie lange sollen
wir Schiffbruechige auf einem Wrack in unloeschbarem Durst einander
das Blut aus den Adern saugen? oder: wie lange sollen wir Algebraisten
im Fleisch beim Suchen nach dem unbekannten, ewig verweigerten X
unsere Rechnungen mit zerfetzten Gliedern schreiben?
Danton.
Du bist ein starkes Echo.
Camille.
Nicht wahr, ein Pistolenschuss schallt gleich wie ein Donnerschlag.
Desto besser fuer dich, du solltest mich immer bei dir haben.
Philippeau.
Und Frankreich bleibt seinen Henkern?
Danton.
Was liegt daran? Die Leute befinden sich ganz wohl dabei. Sie haben
Unglueck; kann man mehr verlangen um geruehrt, edel, tugendhaft oder
witzig zu sein, oder um ueberhaupt keine Langeweile zu haben? - Ob sie
nun an der Guillotine oder am Fieber oder am Alter sterben! Es ist
noch vorzuziehen, sie treten mit gelenken Gliedern hinter die Kulissen
und koennen im Abgehen noch huebsch gestikulieren und die Zuschauer
klatschen hoeren. Das ist ganz artig und passt fuer uns; wir stehen
immer auf dem Theater, wenn wir auch zuletzt im Ernst erstochen
werden.
Es ist recht gut, dass die Lebenszeit ein wenig reduziert wird; der
Rock war zu lang, unsere Glieder konnten ihn nicht ausfuellen. Das
Leben wird ein Epigramm, das geht an; wer hat auch Atem und Geist
genug fuer ein Epos in fuenfzig oder sechzig Gesaengen? 's ist Zeit,
dass man das bisschen Essenz nicht mehr aus Zubern, sondern aus
Likoerglaeschen trinkt; so bekommt man doch das Maul voll, sonst
konnte man kaum einige Tropfen in dem plumpen Gefaess zusammenrinnen
machen.
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