Dantons Tod
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6 Georg Buechner
Dantons Tod
Ein Drama
Personen:
Deputierte des Nationalkonvents:
Georg Danton
Legendre
Camille Desmoulins
Herault-Sechelles
Lacroix
Philippeau
Fabre d'Eglantine
Mercier
Thomas Payne
Mitglieder des Wohlfahrtsausschusses:
Robespierre
St. Just
Barere
Collot d'Herbois
Billaud-Varennes
Chaumette, Prokurator des Gemeinderats
Dillon, ein General
Fouquier-Tinville, oeffentlicher Anklaeger
Amar und Vouland, Mitglieder des Sicherheitsausschusses
Herman und Dumas, Praesidenten des Revolutionstribunales
Paris, ein Freund Dantons
Simon, Souffleur
Weib Simons
Laflotte
Julie, Dantons Gattin
Lucile, Gattin des Camille Desmoulins
Rosalie, Adelaide und Marion, Grisetten
Damen am Spieltisch, Herren und Damen sowie junger Herr und Eugenie
auf einer Promenade, Buerger, Buergersoldaten, Lyoner und andere
Deputierte, Jakobiner, Praesidenten des Jakobinerklubs und des
Nationalkonvents, Schliesser, Henker und Fuhrleute, Maenner und Weiber
aus dem Volk, Grisetten, Baenkelsaenger, Bettler usw.
Erster Akt
Erste Szene
Herault-Sechelles, einige Damen am Spieltisch. Danton, Julie etwas
weiter weg, Danton auf einem Schemel zu den Fuessen von Julie.
Danton.
Sieh die huebsche Dame, wie artig sie die Karten dreht! Ja wahrhaftig,
sie versteht's; man sagt, sie halte ihrem Manne immer das coeur und
anderen Leuten das carreau hin. - Ihr koenntet einen noch in die Luege
verliebt machen.
Julie.
Glaubst du an mich?
Danton.
Was weiss ich! Wir wissen wenig voneinander. Wir sind Dickhaeuter, wir
strecken die Haende nacheinander aus, aber es ist vergebliche Muehe,
wir reiben nur das grobe Leder aneinander ab - wir sind sehr einsam.
Julie.
Du kennst mich, Danton.
Danton.
Ja, was man so kennen heisst. Du hast dunkle Augen und lockiges Haar
und einen feinen Teint und sagst immer zu mir: lieber Georg! Aber
(er deutet ihr auf Stirn und Augen) da, da, was liegt hinter dem?
Geh, wir haben grobe Sinne. Einander kennen? Wir muessten uns die
Schaedeldecken aufbrechen und die Gedanken einander aus den Hirnfasern
zerren. -
Eine Dame (zu Herault).
Was haben Sie nur mit Ihren Fingern vor?
Herault.
Nichts!
Dame.
Schlagen Sie den Daumen nicht so ein, es ist nicht zum Ansehn!
Herault.
Sehn Sie nur, das Ding hat eine ganz eigne Physiognomie. -
Danton.
Nein, Julie, ich liebe dich wie das Grab.
Julie (sich abwendend).
Oh!
Danton.
Nein, hoere! Die Leute sagen, im Grab sei Ruhe, und Grab und Ruhe
seien eins. Wenn das ist, lieg ich in deinem Schoss schon unter der
Erde. Du suesses Grab, deine Lippen sind Totenglocken, deine Stimme
ist mein Grabgelaeute, deine Brust mein Grabhuegel und dein Herz mein
Sarg. -
Dame.
Verloren!
Herault.
Das war ein verliebtes Abenteuer, es kostet Geld wie alle andern.
Dame.
Dann haben Sie Ihre Liebeserklaerungen, wie ein Taubstummer, mit den
Fingern gemacht.
Herault.
Ei, warum nicht? Man will sogar behaupten, gerade die wuerden am
leichtesten verstanden. - Ich zettelte eine Liebschaft mit einer
Kartenkoenigin an; meine Finger waren in Spinnen verwandelte Prinzen,
Sie, Madame, waren die Fee; aber es ging schlecht, die Dame lag immer
in den Wochen, jeden Augenblick bekam sie einen Buben. Ich wuerde
meine Tochter dergleichen nicht spielen lassen, die Herren und Damen
fallen so unanstaendig uebereinander und die Buben kommen gleich
hintennach.
(Camille Desmoulins und Philippeau treten ein.)
Herault.
Philippeau, welch truebe Augen! Hast du dir ein Loch in die rote
Muetze gerissen? Hat der heilige Jakob ein boeses Gesicht gemacht?
Hat es waehrend des Guillotinierens geregnet? Oder hast du einen
schlechten Platz bekommen und nichts sehen koennen?
Camille.
Du parodierst den Sokrates. Weisst du auch, was der Goettliche den
Alcibiades fragte, als er ihn eines Tages finster und niedergeschlagen
fand: "Hast du deinen Schild auf dem Schlachtfeld verloren? Bist du im
Wettlauf oder im Schwertkampf besiegt worden? Hat ein andrer besser
gesungen oder besser die Zither geschlagen?" Welche klassischen
Republikaner! Nimm einmal unsere Guillotinenromantik dagegen!
Philippeau.
Heute sind wieder zwanzig Opfer gefallen. Wir waren im Irrtum, man
hat die Hebertisten nur aufs Schafott geschickt, weil sie nicht
systematisch genug verfuhren, vielleicht auch, weil die Dezemvirn sich
verloren glaubten, wenn es nur eine Woche Maenner gegeben haette, die
man mehr fuerchtete als sie.
Herault.
Sie moechten uns zu Antediluvianern machen. St. Just saeh' es
nicht ungern, wenn wir wieder auf allen vieren kroechen, damit
uns der Advokat von Arras nach der Mechanik des Genfer Uhrmachers
Fallhuetchen, Schulbaenke und einen Herrgott erfaende.
Philippeau.
Sie wuerden sich nicht scheuen, zu dem Behuf an Marats Rechnung noch
einige Nullen zu haengen. Wie lange sollen wir noch schmutzig und
blutig sein wie neugeborne Kinder, Saerge zur Wiege haben und mit
Koepfen spielen? Wir muessen vorwaerts: der Gnadenausschuss muss
durchgesetzt, die ausgestossnen Deputierten muessen wieder aufgenommen
werden!
Herault.
Die Revolution ist in das Stadium der Reorganisation gelangt. - Die
Revolution muss aufhoeren, und die Republik muss anfangen. - In unsern
Staatsgrundsaetzen muss das Recht an die Stelle der Pflicht, das
Wohlbefinden an die der Tugend und die Notwehr an die der Strafe
treten. Jeder muss sich geltend machen und seine Natur durchsetzen
koennen. Er mag nun vernuenftig oder unvernuenftig, gebildet oder
ungebildet, gut oder boese sein, das geht den Staat nichts an.
Wir alle sind Narren, es hat keiner das Recht, einem andern seine
eigentuemliche Narrheit aufzudraengen. - Jeder muss in seiner Art
geniessen koennen, jedoch so, dass keiner auf Unkosten eines andern
geniessen oder ihn in seinem eigentuemlichen Genuss stoeren darf.
Camille.
Die Staatsform muss ein durchsichtiges Gewand sein, das sich dicht an
den Leib des Volkes schmiegt. Jedes Schwellen der Adern, jedes Spannen
der Muskeln, jedes Zucken der Sehnen muss sich darin abdruecken. Die
Gestalt mag nun schoen oder haesslich sein, sie hat einmal das Recht,
zu sein, wie sie ist; wir sind nicht berechtigt, ihr ein Roecklein
nach Belieben zuzuschneiden. - Wir werden den Leuten, welche ueber
die nackten Schultern der allerliebsten Suenderin Frankreich den
Nonnenschleier werfen wollen, auf die Finger schlagen. - Wir wollen
nackte Goetter, Bacchantinnen, olympische Spiele, und von melodischen
Lippen: ach, die gliederloesende, boese Liebe! - Wir wollen den
Roemern nicht verwehren, sich in die Ecke zu setzen und Rueben zu
kochen, aber sie sollen uns keine Gladiatorspiele mehr geben wollen. -
Der goettliche Epikur und die Venus mit dem schoenen Hintern muessen
statt der Heiligen Marat und Chalier die Tuersteher der Republik
werden. - Danton, du wirst den Angriff im Konvent machen!
Danton.
Ich werde, du wirst, er wird. Wenn wir bis dahin noch leben! sagen
die alten Weiber. Nach einer Stunde werden sechzig Minuten verflossen
sein. Nicht wahr, mein Junge?
Camille.
Was soll das hier? Das versteht sich von selbst.
Danton.
Oh, es versteht sich alles von selbst. Wer soll denn all die schoenen
Dinge ins Werk setzen?
Philippeau.
Wir und die ehrlichen Leute.
Danton.
Das "und" dazwischen ist ein langes Wort, es haelt uns ein wenig weit
auseinander; die Strecke ist lang, die Ehrlichkeit verliert den Atem,
eh' wir zusammenkommen. Und wenn auch! - den ehrlichen Leuten kann man
Geld leihen, man kann bei ihnen Gevatter stehn und seine Toechter an
sie verheiraten, aber das ist alles!
Camille.
Wenn du das weisst, warum hast du den Kampf begonnen?
Danton.
Die Leute waren mir zuwider. Ich konnte dergleichen gespreizte Katonen
nie ansehn, ohne ihnen einen Tritt zu geben. Mein Naturell ist einmal
so. (Er erhebt sich.)
Julie.
Du gehst?
Danton (zu Julie).
Ich muss fort, sie reiben mich mit ihrer Politik noch auf. - (Im
Hinausgehn:) Zwischen Tuer und Angel will ich euch prophezeien: die
Statue der Freiheit ist noch nicht gegossen, der Ofen glueht, wir alle
koennen uns noch die Finger dabei verbrennen. (Ab.)
Camille.
Lasst ihn! Glaubt ihr, er koenne die Finger davon lassen, wenn es zum
Handeln koemmt?
Herault.
Ja, aber bloss zum Zeitvertreib, wie man Schach spielt.
Zweite Szene
Eine Gasse
Simon. Sein Weib.
Simon (schlaegt das Weib).
Du Kuppelpelz, du runzlige Sublimatpille, du wurmstichiger
Suendenapfel!
Weib.
He, Huelfe! Huelfe!
(Es kommen Leute gelaufen.)
Leute.
Reisst sie auseinander, reisst sie auseinander!
Simon.
Nein, lasst mich, Roemer! Zerschellen will ich dies Geripp! Du
Vestalin!
Weib.
Ich eine Vestalin? Das will ich sehen, ich.
Simon.
So reiss ich von den Schultern dein Gewand.
Nackt in die Sonne schleudr' ich dann dein Aas.
Du Hurenbett, in jeder Runzel deines Leibes nistet Unzucht. (Sie
werden getrennt.)
Erster Buerger.
Was gibt's?
Simon.
Wo ist die Jungfrau? Sprich! Nein, so kann ich nicht sagen. Das
Maedchen! Nein, auch das nicht. Die Frau, das Weib! Auch das, auch das
nicht! Nur noch ein Name; oh, der erstickt mich! Ich habe keinen Atem
dafuer.
Zweiter Buerger.
Das ist gut, sonst wuerde der Name nach Schnaps riechen.
Simon.
Alter Virginius, verhuelle dein kahl Haupt - der Rabe Schande sitzt
darauf und hackt nach deinen Augen. Gebt mir ein Messer, Roemer! (Er
sinkt um.)
Weib.
Ach, er ist sonst ein braver Mann, er kann nur nicht viel vertragen;
der Schnaps stellt ihm gleich ein Bein.
Zweiter Buerger.
Dann geht er mit dreien.
Weib.
Nein, er faellt.
Zweiter Buerger.
Richtig, erst geht er mit dreien, und dann faellt er auf das dritte,
bis das dritte selbst wieder faellt.
Simon.
Du bist die Vampirzunge, die mein waermstes Herzblut trinkt.
Weib.
Lasst ihn nur, das ist so die Zeit, worin er immer geruehrt wird; es
wird sich schon geben.
Erster Buerger.
Was gibt's denn?
Weib.
Seht ihr: ich sass da so auf dem Stein in der Sonne und waermte mich,
seht ihr - denn wir haben kein Holz, seht ihr -
Zweiter Buerger.
So nimm deines Mannes Nase.
Weib.
Und meine Tochter war da hinuntergegangen um die Ecke - sie ist ein
braves Maedchen und ernaehrt ihre Eltern.
Simon.
Ha, sie bekennt!
Weib.
Du Judas! haettest du nur ein Paar Hosen hinauf zuziehen, wenn
die jungen Herren die Hosen nicht bei ihr hinunterliessen? Du
Branntweinfass, willst du verdursten, wenn das Bruennlein zu laufen
aufhoert, he? - Wir arbeiten mit allen Gliedern, warum denn nicht auch
damit; ihre Mutter hat damit geschafft, wie sie zur Welt kam, und
es hat ihr weh getan; kann sie fuer ihre Mutter nicht auch damit
schaffen, he? und tut's ihr auch weh dabei, he? Du Dummkopf!
Simon.
Ha, Lukretia! ein Messer, gebt mir ein Messer, Roemer! Ha, Appius
Claudius!
Erster Buerger.
Ja, ein Messer, aber nicht fuer die arme Hure! Was tat sie? Nichts!
Ihr Hunger hurt und bettelt. Ein Messer fuer die Leute, die das
Fleisch unserer Weiber und Toechter kaufen. Weh ueber die, so mit den
Toechtern des Volkes huren! Ihr habt Kollern im Leib, und sie haben
Magendruecken; ihr habt Loecher in den Jacken, und sie haben warme
Roecke; ihr habt Schwielen in den Faeusten, und sie haben Samthaende.
Ergo, ihr arbeitet, und sie tun nichts; ergo, ihr habt's erworben, und
sie haben's gestohlen; ergo, wenn ihr von eurem gestohlnen Eigentum
ein paar Heller wiederhaben wollt, muesst ihr huren und betteln; ergo,
sie sind Spitzbuben, und man muss sie totschlagen!
Dritter Buerger.
Sie haben kein Blut in den Adern, als was sie uns ausgesaugt haben.
Sie haben uns gesagt: schlagt die Aristokraten tot, das sind Woelfe!
Wir haben die Aristokraten an die Laternen gehaengt. Sie haben gesagt:
das Veto frisst euer Brot; wir haben das Veto totgeschlagen. Sie haben
gesagt: die Girondisten hungern euch aus; wir haben die Girondisten
guillotiniert. Aber sie haben die Toten ausgezogen, und wir laufen wie
zuvor auf nackten Beinen und frieren. Wir wollen ihnen die Haut von
den Schenkeln ziehen und uns Hosen daraus machen, wir wollen ihnen das
Fett auslassen und unsere Suppen mit schmelzen. Fort! Totgeschlagen,
wer kein Loch im Rock hat!
Erster Buerger.
Totgeschlagen, wer lesen und schreiben kann!
Zweiter Buerger.
Totgeschlagen, wer auswaerts geht!
Alle (schreien).
Totgeschlagen! Totgeschlagen!
(Einige schleppen einen jungen Menschen herbei.)
Einige Stimmen.
Er hat ein Schnupftuch! ein Aristokrat! an die Laterne! an die
Laterne!
Zweiter Buerger.
Was? er schneuzt sich die Nase nicht mit den Fingern? An die Laterne!
(Eine Laterne wird heruntergelassen.)
Junger Mensch.
Ach, meine Herren!
Zweiter Buerger.
Es gibt hier keine Herren! An die Laterne!
Einige (singen).
Die da liegen in der Erden,
Von de Wuerm gefresse werden;
Besser hangen in der Luft,
Als verfaulen in der Gruft!
Junger Mensch.
Erbarmen!
Dritter Buerger.
Nur ein Spielen mit einer Hanflocke um den Hals! 's ist nur ein
Augenblick, wir sind barmherziger als ihr. Unser Leben ist der Mord
durch Arbeit; wir haengen sechzig Jahre lang am Strick und zapplen,
aber wir werden uns losschneiden. - An die Laterne!
Junger Mensch.
Meinetwegen, ihr werdet deswegen nicht heller sehen.
Die Umstehenden.
Bravo! Bravo!
Einige Stimmen.
Lasst ihn laufen! (Er entwischt.)
(Robespierre tritt auf, begleitet von Weibern und Ohnehosen.)
Robespierre.
Was gibt's da, Buerger?
Dritter Buerger.
Was wird's geben? Die paar Tropfen Bluts vom August und September
haben dem Volk die Backen nicht rot gemacht. Die Guillotine ist zu
langsam. Wir brauchen einen Platzregen!
Erster Buerger.
Unsere Weiber und Kinder schreien nach Brot, wir wollen sie mit
Aristokratenfleisch fuettern. He! totgeschlagen, wer kein Loch im Rock
hat!
Alle.
Totgeschlagen! Totgeschlagen!
Robespierre.
Im Namen des Gesetzes!
Erster Buerger.
Was ist das Gesetz?
Robespierre.
Der Wille des Volks.
Erster Buerger.
Wir sind das Volk, und wir wollen, dass kein Gesetz sei; ergo ist
dieser Wille das Gesetz, ergo im Namen des Gesetzes gibt's kein Gesetz
mehr, ergo totgeschlagen!
Einige Stimmen.
Hoert den Aristides! hoert den Unbestechlichen!
Ein Weib.
Hoert den Messias, der gesandt ist, zu waehlen und zu richten; er wird
die Boesen mit der Schaerfe des Schwertes schlagen. Seine Augen sind
die Augen der Wahl, seine Haende sind die Haende des Gerichts.
Robespierre.
Armes, tugendhaftes Volk! Du tust deine Pflicht, du opferst deine
Feinde. Volk, du bist gross! Du offenbarst dich unter Blitzstrahlen
und Donnerschlaegen. Aber, Volk, deine Streiche duerfen deinen eignen
Leib nicht verwunden; du mordest dich selbst in deinem Grimm. Du
kannst nur durch deine eigne Kraft fallen, das wissen deine Feinde.
Deine Gesetzgeber wachen, sie werden deine Haende fuehren; ihre Augen
sind untruegbar, deine Haende sind unentrinnbar. Kommt mit zu den
Jakobinern! Eure Brueder werden euch ihre Arme oeffnen, wir werden ein
Blutgericht ueber unsere Feinde halten.
Viele Stimmen.
Zu den Jakobinern! Es lebe Robespierre! (Alle ab.)
Simon.
Weh mir, verlassen! (Er versucht sich aufzurichten.)
Weib.
Da! (Sie unterstuetzt ihn.)
Simon.
Ach, meine Baucis! du sammelst Kohlen auf mein Haupt.
Weib.
Da steh!
Simon.
Du wendest dich ab? Ha, kannst du mir vergeben, Porcia? Schlug ich
dich? Das war nicht meine Hand, war nicht mein Arm, mein Wahnsinn tat
es.
Sein Wahnsinn ist des armen Hamlet Feind.
Hamlet tat's nicht, Hamlet verleugnet's.
Wo ist unsre Tochter, wo ist mein Sannchen?
Weib.
Dort um das Eck herum.
Simon.
Fort zu ihr! Komm, mein tugendreich Gemahl. (Beide ab.)
Dritte Szene
Der Jakobinerklub
Ein Lyoner.
Die Brueder von Lyon senden uns, um in eure Brust ihren bittren Unmut
auszuschuetten. Wir wissen nicht, ob der Karren, auf dem Ronsin zur
Guillotine fuhr, der Totenwagen der Freiheit war, aber wir wissen,
dass seit jenem Tage die Moerder Chaliers wieder so fest auf den Boden
treten, als ob es kein Grab fuer sie gaebe. Habt ihr vergessen, dass
Lyon ein Flecken auf dem Boden Frankreichs ist, den man mit den
Gebeinen der Verraeter zudecken muss? Habt ihr vergessen, dass diese
Hure der Koenige ihren Aussatz nur in dem Wasser der Rhone abwaschen
kann? Habt ihr vergessen, dass dieser revolutionaere Strom die Flotten
Pitts im Mittelmeere auf den Leichen der Aristokraten muss stranden
machen? Eure Barmherzigkeit mordet die Revolution. Der Atemzug eines
Aristokraten ist das Roecheln der Freiheit. Nur ein Feigling stirbt
fuer die Republik, ein Jakobiner toetet fuer sie. Wisst: finden wir
in euch nicht mehr die Spannkraft der Maenner des 10. August, des
September und des 31. Mai, so bleibt uns, wie dem Patrioten Gaillard,
nur der Dolch des Kato. (Beifall und verwirrtes Geschrei.)
Ein Jakobiner.
Wir werden den Becher des Sokrates mit euch trinken!
Legendre (schwingt sich auf die Tribuene).
Wir haben nicht noetig, unsere Blicke auf Lyon zu werfen. Die Leute,
die seidne Kleider tragen, die in Kutschen fahren, die in den Logen im
Theater sitzen und nach dem Diktionaer der Akademie sprechen, tragen
seit einigen Tagen die Koepfe fest auf den Schultern. Sie sind
witzig und sagen, man muesse Marat und Chalier zu einem doppelten
Maertyrertum verhelfen und sie in effigie guillotinieren. (Heftige
Bewegung in der Versammlung.)
Einige Stimmen.
Das sind tote Leute, ihre Zunge guillotiniert sie.
Legendre.
Das Blut dieser Heiligen komme ueber sie! Ich frage die anwesenden
Mitglieder des Wohlfahrtsausschusses, seit wann ihre Ohren so taub
geworden sind...
Collot d'Herbois (unterbricht ihn).
Und ich frage dich, Legendre, wessen Stimme solchen Gedanken Atem
gibt, dass sie lebendig werden und zu sprechen wagen? Es ist Zeit, die
Masken abzureissen. Hoert! Die Ursache verklagt ihre Wirkung, der Ruf
sein Echo, der Grund seine Folge. Der Wohlfahrtsausschuss versteht
mehr Logik, Legendre. Sei ruhig! Die Buesten der Heiligen werden
unberuehrt bleiben, sie werden wie Medusenhaeupter die Verraeter in
Stein verwandten.
Robespierre.
Ich verlange das Wort.
Die Jakobiner.
Hoert, hoert den Unbestechlichen!
Robespierre.
Wir warteten nur auf den Schrei des Unwillens, der von allen Seiten
ertoent, um zu sprechen. Unsere Augen waren offen, wir sahen den Feind
sich ruesten und sich erheben, aber wir haben das Laermzeichen nicht
gegeben; wir liessen das Volk sich selbst bewachen, es hat nicht
geschlafen, es hat an die Waffen geschlagen. Wir liessen den Feind
aus seinem Hinterhalt hervorbrechen, wir liessen ihn anruecken; jetzt
steht er frei und ungedeckt in der Helle des Tages, jeder Streich wird
ihn treffen, er ist tot, sobald ihr ihn erblickt habt.
Ich habe es euch schon einmal gesagt: in zwei Abteilungen, wie in zwei
Heerhaufen, sind die inneren Feinde der Republik zerfallen. Unter
Bannern von verschiedener Farbe und auf den verschiedensten Wegen
eilen sie alle dem naemlichen Ziele zu. Die eine dieser Faktionen ist
nicht mehr. In ihrem affektierten Wahnsinn suchte sie die erprobtesten
Patrioten als abgenutzte Schwaechlinge beiseite zu werfen, um die
Republik ihrer kraeftigsten Arme zu berauben. Sie erklaerte der
Gottheit und dem Eigentum den Krieg, um eine Diversion zugunsten der
Koenige zu machen. Sie parodierte das erhabne Drama der Revolution,
um dieselbe durch studierte Ausschweifungen blosszustellen. Heberts
Triumph haette die Republik in ein Chaos verwandelt, und der
Despotismus war befriedigt. Das Schwert des Gesetzes hat den Verraeter
getroffen. Aber was liegt den Fremden daran, wenn ihnen Verbrecher
einer anderen Gattung zur Erreichung des naemlichen Zwecks bleiben?
Wir haben nichts getan, wenn wir noch eine andere Faktion zu
vernichten haben.
Sie ist das Gegenteil der vorhergehenden. Sie treibt uns zur
Schwaeche, ihr Feldgeschrei heisst: Erbarmen! Sie will dem Volk seine
Waffen und die Kraft, welche die Waffen fuehrt, entreissen, um es
nackt und entnervt den Koenigen zu ueberantworten.
Die Waffe der Republik ist der Schrecken, die Kraft der Republik ist
die Tugend - die Tugend, weil ohne sie der Schrecken verderblich, der
Schrecken, weil ohne ihn die Tugend ohnmaechtig ist. Der Schrecken
ist ein Ausfluss der Tugend, er ist nichts anders als die schnelle,
strenge und unbeugsame Gerechtigkeit. Sie sagen, der Schrecken sei
die Waffe einer despotischen Regierung, die unsrige gliche also dem
Despotismus. Freilich! aber so, wie das Schwert in den Haenden eines
Freiheitshelden dem Saebel gleicht, womit der Satellit des Tyrannen
bewaffnet ist. Regiere der Despot seine tieraehnlichen Untertanen
durch den Schrecken, er hat recht als Despot; zerschmettert durch
den Schrecken die Feinde der Freiheit, und ihr habt als Stifter
der Republik nicht minder recht. Die Revolutionsregierung ist der
Despotismus der Freiheit gegen die Tyrannei.
Erbarmen mit den Royalisten! rufen gewisse Leute. Erbarmen mit
Boesewichtern? Nein! Erbarmen fuer die Unschuld, Erbarmen fuer die
Schwaeche, Erbarmen fuer die Ungluecklichen, Erbarmen fuer die
Menschheit! Nur dem friedlichen Buerger gebuehrt von seiten der
Gesellschaft Schutz.
In einer Republik sind nur Republikaner Buerger; Royalisten und
Fremde sind Feinde. Die Unterdruecker der Menschheit bestrafen, ist
Gnade; ihnen verzeihen, ist Barbarei. Alle Zeichen einer falschen
Empfindsamkeit scheinen mir Seufzer, welche nach England oder nach
Oestreich fliegen.
Aber nicht zufrieden, den Arm des Volkes zu entwaffnen, sucht man noch
die heiligsten Quellen seiner Kraft durch das Laster zu vergiften.
Dies ist der feinste, gefaehrlichste und abscheulichste Angriff auf
die Freiheit. Nur der hoellischste Machiavellismus, doch - nein! Ich
will nicht sagen, dass ein solcher Plan in dem Gehirne eines Menschen
haette ausgebruetet werden koennen! Es mag unwillkuerlich geschehen,
doch die Absicht tut nichts zur Sache, die Wirkung bleibt die
naemliche, die Gefahr ist gleich gross! Das Laster ist das
Kainszeichen des Aristokratismus. In einer Republik ist es nicht
nur ein moralisches, sondern auch ein politisches Verbrechen; der
Lasterhafte ist der politische Feind der Freiheit, er ist ihr um so
gefaehrlicher, je groesser die Dienste sind, die er ihr scheinbar
erwiesen. Der gefaehrlichste Buerger ist derjenige, welcher leichter
ein Dutzend rote Muetzen verbraucht als eine gute Handlung vollbringt.
Ihr werdet mich leicht verstehen, wenn ihr an Leute denkt, welche
sonst in Dachstuben lebten und jetzt in Karossen fahren und mit
ehemaligen Marquisinnen und Baronessen Unzucht treiben. Wir duerfen
wohl fragen: ist das Volk gepluendert, oder sind die Goldhaende der
Koenige gedrueckt worden, wenn wir Gesetzgeber des Volks mit allen
Lastern und allem Luxus der ehemaligen Hoeflinge Parade machen, wenn
wir diese Marquis und Grafen der Revolution reiche Weiber heiraten,
ueppige Gastmaehler geben, spielen, Diener halten und kostbare Kleider
tragen sehen? Wir duerfen wohl staunen, wenn wir sie Einfaelle haben,
schoengeistern und so etwas vom guten Ton bekommen hoeren. Man hat vor
kurzem auf eine unverschaemte Weise den Tacitus parodiert, ich koennte
mit dem Sallust antworten und den Katilina travestieren; doch ich
denke, ich habe keine Striche mehr noetig, die Portraets sind fertig.
Keinen Vertrag, keinen Waffenstillstand mit den Menschen, welche
nur auf Auspluenderung des Volkes bedacht waren, welche diese
Auspluenderung ungestraft zu vollbringen hofften, fuer welche die
Republik eine Spekulation und die Revolution ein Handwerk war! In
Schrecken gesetzt durch den reissenden Strom der Beispiele, suchen
sie ganz leise die Gerechtigkeit abzukuehlen. Man sollte glauben,
jeder sage zu sich selbst: "Wir sind nicht tugendhaft genug, um so
schrecklich zu sein. Philosophische Gesetzgeber, erbarmt euch unsrer
Schwaeche! Ich wage euch nicht zu sagen, dass ich lasterhaft bin; ich
sage euch also lieber: seid nicht grausam!"
Beruhige dich, tugendhaftes Volk, beruhigt euch, ihr Patrioten! Sagt
euren Bruedern zu Lyon: das Schwert des Gesetzes roste nicht in den
Haenden, denen ihr es anvertraut habt! - Wir werden der Republik ein
grosses Beispiel geben. (Allgemeiner Beifall.)
Viele Stimmen.
Es lebe die Republik! Es lebe Robespierre!
Praesident.
Die Sitzung ist aufgehoben.
Vierte Szene
Eine Gasse
Lacroix. Legendre.
Lacroix.
Was hast du gemacht, Legendre! Weisst du auch, wem du mit deinen
Buesten den Kopf herunterwirfst?
Legendre.
Einigen Stutzern und eleganten Weibern, das ist alles.
Lacroix.
Du bist ein Selbstmoerder, ein Schatten, der sein Original und somit
sich selbst ermordet.
Legendre.
Ich begreife nicht.
Lacroix.
Ich daechte, Collot haette deutlich gesprochen.
Legendre.
Was macht das? Es war, als ob eine Champagnerflasche spraenge. Er war
wieder betrunken.
Lacroix.
Narren, Kinder und - nun? - Betrunkne sagen die Wahrheit. Wen glaubst
du denn, dass Robespierre mit dem Katilina gemeint habe?
Legendre.
Nun?
Lacroix.
Die Sache ist einfach. Man hat die Atheisten und Ultrarevolutionaers
aufs Schafott geschickt; aber dem Volk ist nicht geholfen, es laeuft
noch barfuss in den Gassen und will sich aus Aristokratenleder Schuhe
machen. Der Guillotinenthermometer darf nicht fallen; noch einige
Grade, und der Wohlfahrtsausschuss kann sich sein Bett auf dem
Revolutionsplatz suchen.
Legendre.
Was haben damit meine Buesten zu schaffen?
Lacroix.
Siehst du's noch nicht? Du hast die Contrerevolution offiziell
bekanntgemacht, du hast die Dezemvirn zur Energie gezwungen, du hast
ihnen die Hand gefuehrt. Das Volk ist ein Minotaurus, der woechentlich
seine Leichen haben muss, wenn er sie nicht auffressen soll.
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