Ecce Homo
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Die Guten - die koennen nicht schaffen, die sind immer der Anfang vom
Ende -
- sie kreuzigen den, der neue Werthe auf neue Tafeln schreibt, sie
opfern sich die Zukunft, sie kreuzigen alle Menschen-Zukunft!
Die Guten - die waren immer der Anfang vom Ende...
Und was auch fuer Schaden die Welt-Verleumder thun moegen, der Schaden
der Guten ist der schaedlichste Schaden.
5.
Zarathustra, der erste Psycholog der Guten, ist - folglich ein Freund
der Boesen. Wenn eine decadence-Art Mensch zum Rang der hoechsten Art
aufgestiegen ist, so konnte dies nur auf Kosten ihrer Gegensatz-Art
geschehn, der starken und lebensgewissen Art Mensch. Wenn das
Heerdenthier im Glanze der reinsten Tugend strahlt, so muss der
Ausnahme-Mensch zum Boesen heruntergewerthet sein. Wenn die
Verlogenheit um jeden Preis das Wort "Wahrheit" fuer ihre Optik
in Anspruch nimmt, so muss der eigentlich Wahrhaftige unter den
schlimmsten Namen wiederzufinden sein. Zarathustra laesst hier keinen
Zweifel: er sagt, die Erkenntniss der Guten, der "Besten" gerade
sei es gewesen, was ihm Grausen vor dem Menschen ueberhaupt gemacht
habe; aus diesem Widerwillen seien ihm die Fluegel gewachsen,
"fortzuschweben in ferne Zukuenfte", - er verbirgt es nicht, dass
sein Typus Mensch, ein relativ uebermenschlicher Typus, gerade im
Verhaeltniss zu den Guten uebermenschlich ist, dass die Guten und
Gerechten seinen Uebermenschen Teufel nennen wuerden...
Ihr hoechsten Menschen, denen mein Auge begegnete, das ist mein
Zweifel an euch und mein heimliches Lachen: ich rathe, ihr wuerdet
meinen Uebermenschen - Teufel heissen!
So fremd seid ihr dem Grossen mit eurer Seele, dass euch der
Uebermensch furchtbar sein wuerde in seiner Guete...
An dieser Stelle und nirgends wo anders muss man den Ansatz machen,
um zu begreifen, was Zarathustra will: diese Art Mensch, die er
concipirt, concipirt die Realitaet, wie sie ist: sie ist stark genug
dazu -, sie ist ihr nicht entfremdet, entrueckt, sie ist sie selbst,
sie hat all deren Furchtbares und Fragwuerdiges auch noch in sich,
damit erst kann der Mensch Groesse haben...
6.
- Aber ich habe auch noch in einem andren Sinne das Wort Immoralist
zum Abzeichen, zum Ehrenzeichen fuer mich gewaehlt; ich bin stolz
darauf, dies Wort zu haben, das mich gegen die ganze Menschheit
abhebt. Niemand noch hat die christliche Moral als unter sich
gefuehlt: dazu gehoerte eine Hoehe, ein Fernblick, eine bisher ganz
unerhoerte psychologische Tiefe und Abgruendlichkeit. Die christliche
Moral war bisher die Circe aller Denker, - sie standen in ihrem
Dienst. - Wer ist vor mir eingestiegen in die Hoehlen, aus denen der
Gifthauch dieser Art von Ideal - der Weltverleumdung! - emporquillt?
Wer hat auch nur zu ahnen gewagt, dass es Hoehlen sind? Wer war
ueberhaupt vor mir unter den Philosophen Psycholog und nicht vielmehr
dessen Gegensatz "hoeherer Schwindler" "Idealist"? Es gab vor mir noch
gar keine Psychologie. - Hier der Erste zu sein kann ein Fluch sein,
es ist jedenfalls ein Schicksal: denn man verachtet auch als der
Erste... Der Ekel am Menschen ist meine Gefahr...
7.
Hat man mich verstanden? - Was mich abgrenzt, was mich bei Seite
stellt gegen den ganzen Rest der Menschheit, das ist, die christliche
Moral entdeckt zu haben. Deshalb war ich eines Worts beduerftig, das
den Sinn einer Herausforderung an Jedermann enthaelt. Hier nicht eher
die Augen aufgemacht zu haben gilt mir als die groesste Unsauberkeit,
die die Menschheit auf dem Gewissen hat, als Instinkt gewordner
Selbstbetrug, als grundsaetzlicher Wille, jedes Geschehen, jede
Ursaechlichkeit, jede Wirklichkeit nicht zu sehen, als Falschmuenzerei
in psychologicis bis zum Verbrechen. Die Blindheit vor dem
Christenthum ist das Verbrechen par excellence - das Verbrechen am
Leben... Die Jahrtausende, die Voelker, die Ersten und die Letzten,
die Philosophen und die alten Weiber - fuenf, sechs Augenblicke der
Geschichte abgerechnet, mich als siebenten - in diesem Punkte sind sie
alle einander wuerdig. Der Christ war bisher das "moralische Wesen",
ein. Curiosum ohne Gleichen - und, als "moralisches Wesen", absuerder,
verlogner, eitler, leichtfertiger, sich selber nachtheiliger als
auch der groesste Veraechter der Menschheit es sich traeumen lassen
koennte. Die christliche Moral - die boesartigste Form des Willens zur
Luege, die eigentliche Circe der Menschheit: Das, was sie verdorben
hat. Es ist nicht der Irrthum als Irrthum, was Mich bei diesem Anblick
entsetzt, nicht der Jahrtausende lange Mangel an "gutem Willen", an
Zucht, an Anstand, an Tapferkeit im Geistigen, der sich in seinem
Sieg verraeth: - es ist der Mangel an Natur, es ist der vollkommen
schauerliche Thatbestand, dass die Widernatur selbst als Moral die
hoechsten Ehren empfieng und als Gesetz, als kategorischer Imperativ,
ueber der Menschheit haengen blieb!... In diesem Maasse sich
vergreifen, nicht als Einzelner, nicht als Volk, sondern als
Menschheit!... Dass man die allerersten Instinkte des Leben[s]
verachten lehrte; dass man eine "Seele", einen "Geist" erlog, um den
Leib zu Schanden zu machen; dass man in der Voraussetzung des Lebens,
in der Geschlechtlichkeit, etwas Unreines empfinden lehrt; dass man in
der tiefsten Nothwendigkeit zum Gedeihen, in der strengen Selbstsucht
(- das Wort schon ist verleumderisch! -) das boese Princip sucht;
dass man umgekehrt in dem typischen Abzeichen des Niedergangs und
der Instinkt-Widerspruechlichkeit, im "Selbstlosen", im Verlust an
Schwergewicht, in der "Entpersoenlichung" und "Naechstenliebe" (-
Naechstensucht!) den hoeheren Werth, was sage ich! den Werth an sich
sieht!... Wie! waere die Menschheit selber in decadence? war sie
es immer? - Was feststeht, ist, dass ihr nur Decadence-Werthe als
oberste Werthe gelehrt worden sind. Die Entselbstungs-Moral ist die
Niedergangs-Moral par excellence, die Thatsache "ich gehe zu Grunde",
in den Imperativ uebersetzt: "ihr sollt alle zu Grunde gehn" - und
nicht nur in den Imperativ!... Diese einzige Moral, die bisher gelehrt
worden ist, die Entselbstungs-Moral, verraeth einen Willen zum
Ende, sie verneint im untersten Grunde das Leben. - Hier bliebe die
Moeglichkeit offen, dass nicht die Menschheit in Entartung sei,
sondern nur jene parasitische Art Mensch, die des Priesters, die mit
der Moral sich zu ihren Werth-Bestimmern emporgelogen hat, - die in
der christlichen Moral ihr Mittel zur Macht errieth... Und in der
That, das ist meine Einsicht: die Lehrer, die Fuehrer der Menschheit,
Theologen insgesammt, waren insgesammt auch decadents: daher die
Umwerthung aller Werthe ins Lebensfeindliche, daher die Moral...
Definition der Moral: Moral - die Idiosynkrasie von decadents, mit der
Hinterabsicht, sich am Leben zu raechen - und mit Erfolg. Ich lege
Werth auf diese Definition. -
8.
- Hat man mich verstanden? - Ich habe eben kein Wort gesagt, das
ich nicht schon vor fuenf Jahren durch den Mund Zarathustras gesagt
haette. - Die Entdeckung der christlichen Moral ist ein Ereigniss, das
nicht seines Gleichen hat, eine wirkliche Katastrophe. Wer ueber sie
aufklaert, ist eine force majeure, ein Schicksal, - er bricht die
Geschichte der Menschheit in zwei Stuecke. Man lebt vor ihm, man lebt
nach ihm... Der Blitz der Wahrheit traf gerade das, was bisher am
Hoechsten stand: wer begreift, was da vernichtet wurde, mag zusehn,
ob er ueberhaupt noch Etwas in den Haenden hat. Alles, was bisher
"Wahrheit" hiess, ist als die schaedlichste, tueckischste,
unterirdischste Form der Luege erkannt; der heilige Vorwand, die
Menschheit zu "verbessern" als die List, das Leben selbst auszusaugen,
blutarm zu machen. Moral als Vampyrismus... Wer die Moral entdeckt,
hat den Unwerth aller Werthe mit entdeckt, an die man glaubt oder
geglaubt hat; er sieht in den verehrtesten, in den selbst heilig
gesprochnen Typen des Menschen nichts Ehrwuerdiges mehr, er sieht die
verhaengnissvollste Art von Missgeburten darin, verhaengnissvoll, weil
sie fascinirten... Der Begriff "Gott" erfunden als Gegensatz-Begriff
zum Leben, - in ihm alles Schaedliche, Vergiftende, Verleumderische,
die ganze Todfeindschaft gegen das Leben in eine entsetzliche Einheit
gebracht! Der Begriff "Jenseits", "wahre Welt" erfunden, um die
einzige Welt zu entwerthen, die es giebt, - um kein Ziel, keine
Vernunft, keine Aufgabe fuer unsre Erden-Realitaet uebrig zu behalten!
Der Begriff "Seele", "Geist", zuletzt gar noch "unsterbliche Seele",
erfunden, um den Leib zu verachten, um ihn krank - "heilig" - zu
machen, um allen Dingen, die Ernst im Leben verdienen, den Fragen von
Nahrung, Wohnung, geistiger Diaet, Krankenbehandlung, Reinlichkeit,
Wetter, einen schauerlichen Leichtsinn entgegenzubringen! Statt der
Gesundheit das "Heil der Seele" - will sagen eine folie circulaire
zwischen Busskrampf und Erloesungs-Hysterie! Der Begriff "Suende"
erfunden sammt dem zugehoerigen Folter-Instrument, dem Begriff "freier
Wille", um die Instinkte zu verwirren, um das Misstrauen gegen
die Instinkte zur zweiten Natur zu machen! Im Begriff des
"Selbstlosen", des "Sich-selbst-Verleugnenden" das eigentliche
decadence-Abzeichen, das Gelockt-werden vom Schaedlichen, das
Seinen-Nutzen-nicht-mehr-finden-koennen, die Selbst-Zerstoerung zum
Werthzeichen ueberhaupt gemacht, zur "Pflicht", zur "Heiligkeit", zum
"Goettlichen" im Menschen! Endlich - es ist das Furchtbarste - im
Begriff des guten Menschen die Partei alles Schwachen, Kranken,
Missrathnen, An-sich-selber-Leidenden genommen, alles dessen, was
zu Grunde gehn soll -, das Gesetz der Selektion gekreuzt, ein Ideal
aus dem Widerspruch gegen den stolzen und wohlgerathenen, gegen den
jasagenden, gegen den zukunftsgewissen, zukunftverbuergenden Menschen
gemacht - dieser heisst nunmehr der Boese... Und das Alles wurde
geglaubt als Moral! - Ecrasez l'infame!--
9.
- Hat man mich verstanden? - Dionysos gegen den Gekreuzigten...
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