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Annual Bibliography of Commonwealth Literature 2007
This paper argues that discourses of love in Ghanaian market literature for youth offer a view into complex negotiations of agency and empowerment. Drawing on Deborah Durham's notion of youth as "social `shifters'" and Francis Nyamnjoh's conception of the "interconnectedness" of agency, I take Ghanaian market literature as one specific case of how African literature for youth foregrounds questions of continuity and change as African societies enter into increasingly complex global relations. In this literature for youth, received notions of love, often constructed out of impressions from American pop and hip hop music, carry new notions of agency that compete with existing "domesticated" forms. Authors like Ike Tandoh and Evelyn Tay employ discourses of love to offer youth alternative avenues for empowerment in a context of socio-economic disenfranchizement. In a creative process of "straddling", this writing both reveals and reproduces the contradictions that obtain in youth configurations of agency.

Ecce Homo

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Goetzen-Daemmerung.

Wie man mit dem Hammer philosophirt.

1.

Diese Schrift von noch nicht 150 Seiten, heiter und verhaengnissvoll
im Ton, ein Daemon, welcher lacht -, das Werk von so wenig Tagen, dass
ich Anstand nehme, ihre Zahl zu nennen, ist unter Buechern ueberhaupt
die Ausnahme: es giebt nichts Substanzenreicheres, Unabhaengigeres,
Umwerfenderes, - Boeseres. Will man sich kurz einen Begriff davon
geben, wie vor mir Alles auf dem Kopfe stand, so mache man den Anfang
mit dieser Schrift. Das, was Goetze auf dem Titelblatt heisst,
ist ganz einfach das, was bisher Wahrheit genannt wurde. Goetzen-
Daemmerung - auf deutsch: es geht zu Ende mit der alten Wahrheit...


2.

Es giebt keine Realitaet, keine "Idealitaet", die in dieser Schrift
nicht beruehrt wuerde (- beruehrt: was fuer ein vorsichtiger
Euphemismus!...) Nicht bloss die ewigen Goetzen, auch die
allerjuengsten, folglich altersschwaechsten. Die "modernen Ideen" zum
Beispiel. Ein grosser Wind blaest zwischen den Baeumen, und ueberall
fallen Fruechte nieder - Wahrheiten. Es ist die Verschwendung eines
allzureichen Herbstes darin: man stolpert ueber Wahrheiten, man tritt
selbst einige todt, - es sind ihrer zu viele...

Was man aber in die Haende bekommt, das ist nichts Fragwuerdiges mehr,
das sind Entscheidungen. Ich erst habe den Maassstab fuer "Wahrheiten"
in der Hand, ich kann erst entscheiden. Wie als ob in mir ein zweites
Bewusstsein gewachsen waere, wie als ob sich in mir "der Wille" ein
Licht angezuendet haette ueber die schiefe Bahn, auf der er bisher
abwaerts lief... Die schiefe Bahn - man nannte sie den Weg zur
"Wahrheit"... Es ist zu Ende mit allem "dunklen Drang", der gute
Mensch gerade war sich am wenigsten des rechten Wegs bewusst...
Und allen Ernstes, Niemand wusste vor mir den rechten Weg, den Weg
aufwaerts: erst von mir an giebt es wieder Hoffnungen, Aufgaben,
vorzuschreibende Wege der Cultur - ich bin deren froher Botschafter...
Eben damit bin ich auch ein Schicksal. - -


3.

Unmittelbar nach Beendigung des eben genannten Werks und ohne auch nur
einen Tag zu verlieren, griff ich die ungeheure Aufgabe der Umwerthung
an, in einem souverainen Gefuehl von Stolz, dem Nichts gleichkommt,
jeden Augenblick meiner Unsterblichkeit gewiss und Zeichen fuer
Zeichen mit der Sicherheit eines Schicksals in eherne Tafeln grabend.
Das Vorwort entstand am 3. September 1888: als ich Morgens, nach
dieser Niederschrift, ins Freie trat, fand ich den schoensten Tag vor
mir, den das Oberengadin mir je gezeigt hat - durchsichtig, gluehend
in den Farben, alle Gegensaetze, alle Mitten zwischen Eis und Sueden
in sich schliessend. - Erst am 20. September verliess ich Sils-Maria,
durch Ueberschwemmungen zurueckgehalten, Zuletzt bei weitem der
einzige Gast dieses wunderbaren Orts, dem meine Dankbarkeit das
Geschenk eines unsterblichen Namens machen will. Nach einer Reise mit
Zwischenfaellen, sogar mit einer Lebensgefahr im ueberschwemmten Como,
das ich erst tief in der Nacht erreichte, kam ich am Nachmittag des
21. in Turin an, meinem bewiesenen Ort, meiner Residenz von nun an.
Ich nahm die gleiche Wohnung wieder, die ich im Fruehjahr innegehabt
hatte, via Carlo Alberto 6, III, gegenueber dem maechtigen palazzo
Carignano, in dem Vittore Emanuele geboren ist, mit dem Blick auf die
piazza Carlo Alberto und drueber hinaus aufs Huegelland. Ohne Zoegern
und ohne mich einen Augenblick abziehn zu lassen, gieng ich wieder an
die Arbeit: es war nur das letzte Viertel des Werks noch abzuthun. Am
30, September grosser Sieg; Beendigung der Umwerthung; Muessiggang
eines Gottes am Po entlang. Am gleichen Tage schrieb ich noch das
Vorwort zur "Goetzen-Daemmerung", deren Druckbogen zu corrigiren meine
Erholung im September gewesen war. - Ich habe nie einen solchen Herbst
erlebt, auch nie Etwas der Art auf Erden fuer moeglich gehalten, -
ein Claude Lorrain ins Unendliche gedacht, jeder Tag von gleicher
unbaendiger Vollkommenheit.



Der Fall Wagner.

Ein Musikanten-Problem.

1.

Um dieser Schrift gerecht zu werden, muss man am Schicksal der
Musik wie an einer offnen Wunde leiden. - Woran ich leide, wenn
ich am Schicksal der Musik leide? Daran, dass die Musik um ihren
weltverklaerenden, jasagenden Charakter gebracht worden ist, - dass
sie decadence-Musik und nicht mehr die Floete des Dionysos ist...
Gesetzt aber, dass man dergestalt die Sache der Musik wie seine eigene
Sache, wie seine eigene Leidensgeschichte fuehlt, so wird man diese
Schrift voller Ruecksichten und ueber die Maassen mild finden. In
solchen Faellen heiter sein und sich gutmuethig mit verspotten -
ridendo dicere severum, wo das verum dicere jede Haerte rechtfertigen
wuerde - ist die Humanitaet selbst. Wer zweifelt eigentlich daran,
dass ich, als der alte Artillerist, der ich bin, es in der Hand habe,
gegen Wagner mein schweres Geschuetz aufzufahren? - Ich hielt alles
Entscheidende in dieser Sache bei mir zurueck, - ich habe Wagner
geliebt. - Zuletzt liegt ein Angriff auf einen feineren "Unbekannten",
den nicht leicht ein Anderer erraeth, im Sinn und Wege meiner Aufgabe
- oh ich habe noch ganz andre "Unbekannte" aufzudecken als einen
Cagliostro der Musik - noch mehr freilich ein Angriff auf die in
geistigen Dingen immer traeger und instinktaermer, immer ehrlicher
werdende deutsche Nation, die mit einem beneidenswerthen Appetit
fortfaehrt, sich von Gegensaetzen zu naehren und den "Glauben" so gut
wie die Wissenschaftlichkeit, die "christliche Liebe" so gut wie den
Antisemitismus, den Willen zur Macht (zum "Reich") so gut wie das
evangile des humbles ohne Verdauungsbeschwerden hinunterschluckt...
Dieser Mangel an Partei zwischen Gegensaetzen! diese stomachische
Neutralitaet und "Selbstlosigkeit"! Dieser gerechte Sinn des deutschen
Gaumens, der Allem gleiche Rechte giebt, - der Alles schmackhaft
findet... Ohne allen Zweifel, die Deutschen sind Idealisten... Als ich
das letzte Mal Deutschland besuchte, fand ich den deutschen Geschmack
bemueht, Wagnern und dem Trompeter von Saeckingen gleiche Rechte
zuzugestehn; ich selber war eigenhaendig Zeuge, wie man in Leipzig, zu
Ehren eines der echtesten und deutschesten Musiker, im alten Sinne des
Wortes deutsch, keines blossen Reichsdeutschen, es Meister Heinrich
Schuetz einen Liszt-Verein gruendete, mit dem Zweck der Pflege und
Verbreitung listiger Kirchenmusik... Ohne allen Zweifel, die Deutschen
sind Idealisten...


2.

Aber hier soll mich Nichts hindern, grob zu werden und den Deutschen
ein paar harte Wahrheiten zu sagen: wer thut es sonst? - Ich rede von
ihrer Unzucht in historicis. Nicht nur, dass den deutschen Historikern
der grosse Blick fuer den Gang, fuer die Werthe der Cultur gaenzlich
abhanden gekommen ist, dass sie allesammt Hanswuerste der Politik
(oder der Kirche -) sind: dieser grosse Blick ist selbst von ihnen
in Acht gethan. Man muss vorerst "deutsch" sein, "Rasse" sein, dann
kann man ueber alle Werthe und Unwerthe in historicis entscheiden
- man setzt sie fest... "Deutsch" ist ein Argument, "Deutschland,
Deutschland ueber Alles" ein Princip, die Germanen sind die "sittliche
Weltordnung" in der Geschichte; im Verhaeltniss zum imperium romanum
die Traeger der Freiheit, im Verhaeltniss zum achtzehnten Jahrhundert
die Wiederhersteller der Moral, des "kategorischen Imperativs",...
Es giebt eine reichsdeutsche Geschichtsschreibung, es giebt,
fuerchte ich, selbst eine antisemitische, - es giebt eine
Hof-Geschichtsschreibung und Herr von Treitschke schaemt sich nicht...
Juengst machte ein Idioten-Urtheil in historicis, ein Satz des zum
Glueck verblichenen aesthetischen Schwaben Vischer, die Runde durch
die deutschen Zeitungen als eine "Wahrheit", zu der jeder Deutsche Ja
sagen muesse: "Die Renaissance und die Reformation, Beide zusammen
machen erst ein Ganzes - die aesthetische Wiedergeburt und die
sittliche Wiedergeburt." - Bei solchen Saetzen geht es mit meiner
Geduld zu Ende, und ich spuere Lust, ich fuehle es selbst als Pflicht,
den Deutschen einmal zu sagen, was sie Alles schon auf dem Gewissen
haben. Alle grossen Cultur-Verbrechen von vier Jahrhunderten haben
sie auf dem Gewissen!... Und immer aus dem gleichen Grunde, aus ihrer
innerlichsten Feigheit vor der Realitaet, die auch die Feigheit
vor der Wahrheit ist, aus ihrer bei ihnen Instinkt gewordnen
Unwahrhaftigkeit, aus "Idealismus"... Die Deutschen haben Europa um
die Ernte, um den Sinn der letzten grossen Zeit, der Renaissance-Zeit,
gebracht, in einem Augenblicke, wo eine hoehere Ordnung der Werthe,
wo die vornehmen, die zum Leben jasagenden, die Zukunft-verbuergenden
Werthe am Sitz der entgegengesetzten, der Niedergangs-Werthe zum Sieg
gelangt waren - und bis in die Instinkte der dort Sitzenden hinein!
Luther, dies Verhaengniss von Moench, hat die Kirche, und, was tausend
Mal schlimmer ist, das Christenthum wiederhergestellt, im Augenblick,
wo es unterlag... Das Christenthum, diese Religion gewordne Verneinung
des Willens zum Leben!... Luther, ein unmoeglicher Moench, der,
aus Gruenden seiner "Unmoeglichkeit", die Kirche angriff und sie
- folglich! - wiederherstellte... Die Katholiken haetten Gruende,
Lutherfeste zu feiern, Lutherspiele zu dichten... Luther - und die
"sittliche Wiedergeburt"! Zum Teufel mit aller Psychologie! Ohne
Zweifel, die Deutschen sind Idealisten. Die Deutschen haben zwei
Mal, als eben mit ungeheurer Tapferkeit und Selbstueberwindung eine
rechtschaffne, eine unzweideutige, eine vollkommen wissenschaftliche
Denkweise erreicht war, Schleichwege zum alten "Ideal", Versoehnungen
zwischen Wahrheit und "Ideal", im Grunde Formeln fuer ein Recht
auf Ablehnung der Wissenschaft, fuer ein Recht auf Luege zu finden
gewusst. Leibniz und Kant - diese zwei groessten Hemmschuhe der
intellektuellen Rechtschaffenheit Europa's! - Die Deutschen haben
endlich, als auf der Bruecke zwischen zwei decadence-Jahrhunderten
eine force majeure von Genie und Wille sichtbar wurde, stark genug,
aus Europa eine Einheit, eine politische und wirtschaftliche Einheit,
zum Zweck der Erdregierung zu schaffen, mit ihren "Freiheits-Kriegen"
Europa um den Sinn, um das Wunder von Sinn in der Existenz Napoleon's
gebracht, - sie haben damit Alles, was kam, was heute da ist, auf
dem Gewissen, diese culturwidrigste Krankheit und Unvernunft, die es
giebt, den Nationalismus, diese nevrose nationale, an der Europa krank
ist, diese Verewigung der Kleinstaaterei Europas, der kleinen Politik:
sie haben Europa selbst um seinen Sinn, um seine Vernunft - sie haben
es in eine Sackgasse gebracht. - Weiss jemand ausser mir einen Weg aus
dieser Sackgasse?... Eine Aufgabe gross genug, die Voelker wieder zu
binden?...


3.

- Und zuletzt, warum sollte ich meinem Verdacht nicht Worte geben? Die
Deutschen werden auch in meinem Falle wieder Alles versuchen, um aus
einem ungeheuren Schicksal eine Maus zu gebaeren. Sie haben sich bis
jetzt an mir compromittirt, ich zweifle, dass sie es in Zukunft besser
machen. - Ah was es mich verlangt, hier ein schlechter Prophet zu
sein!... Meine natuerlichen Leser und Hoerer sind jetzt schon Russen,
Skandinavier und Franzosen, - werden sie es immer mehr sein? -
Die Deutschen sind in die Geschichte der Erkenntniss mit lauter
zweideutigen Namen eingeschrieben, sie haben immer nur "unbewusste"
Falschmuenzer hervorgebracht (- Fichte, Schelling, Schopenhauer,
Hegel, Schleiermacher gebuehrt dies Wort so gut wie Kant und Leibniz,
es sind Alles blosse Schleiermacher -): sie sollen nie die Ehre haben,
dass der erste rechtschaffne Geist in der Geschichte des Geistes, der
Geist, in dem die Wahrheit zu Gericht kommt ueber die Falschmuenzerei
von vier Jahrtausenden, mit dem deutschen Geiste in Eins gerechnet
wird. Der "deutsche Geist" ist meine schlechte Luft: ich athme schwer
in der Naehe dieser Instinkt gewordnen Unsauberkeit in psychologicis,
die jedes Wort, jede Miene eines Deutschen verraeth. Sie haben nie ein
siebzehntes Jahrhundert harter Selbstpruefung durchgemacht wie die
Franzosen, ein La Rochefoucauld, ein Descartes sind hundert Mal in
Rechtschaffenheit den ersten Deutschen ueberlegen, - sie haben bis
heute keinen Psychologen gehabt. Aber Psychologie ist beinahe der
Maassstab der Reinlichkeit oder Unreinlichkeit einer Rasse... Und wenn
man nicht einmal reinlich ist, wie sollte man Tiefe haben? Man kommt
beim Deutschen, beinahe wie beim Weibe, niemals auf den Grund, er
hat keinen: das ist Alles. Aber damit ist man noch nicht einmal
flach. - Das, was in Deutschland "tief" heisst, ist genau diese
Instinkt-Unsauberkeit gegen sich, von der ich eben rede: man will
ueber sich nicht im Klaren sein. Duerfte ich das Wort "deutsch" nicht
als internationale Muenze fuer diese psychologische Verkommenheit in
Vorschlag bringen? - In diesem Augenblick zum Beispiel nennt es der
deutsche Kaiser seine "christliche Pflicht", die Sklaven in Afrika
zu befreien: unter uns andren Europaeern hiesse das dann einfach
"deutsch"... Haben die Deutschen auch nur Ein Buch hervorgebracht, das
Tiefe haette? Selbst der Begriff dafuer, was tief an einem Buch ist,
geht ihnen ab. Ich habe Gelehrte kennen gelernt, die Kant fuer tief
hielten; am preussischen Hofe, fuerchte ich, haelt man Herrn von
Treitschke fuer tief. Und wenn ich Stendhal gelegentlich als tiefen
Psychologen ruehme, ist es mir mit deutschen Universitaetsprofessoren
begegnet, dass sie mich den Namen buchstabieren liessen...


4.

- Und warum sollte ich nicht bis ans Ende gehn? Ich liebe es, reinen
Tisch zu machen. Es gehoert selbst zu meinem Ehrgeiz, als Veraechter
der Deutschen par excellence zu gelten. Mein Misstrauen gegen den
deutschen Charakter habe ich schon mit sechsundzwanzig Jahren
ausgedrueckt (dritte Unzeitgemaesse S. 71) - die Deutschen sind fuer
mich unmoeglich. Wenn ich mir eine Art Mensch ausdenke, die allen
meinen Instinkten zuwiderlaeuft, so wird immer ein Deutscher daraus.
Das Erste, worauf hin ich mir einen Menschen "nierenpruefe", ist, ob
er ein Gefuehl fuer Distanz im Leibe hat, ob er ueberall Rang, Grad,
Ordnung zwischen Mensch und Mensch sieht, ob er distinguirt damit ist
man gentilhomme; in jedem andren Fall gehoert man rettungslos unter
den weitherzigen, ach! so gutmuethigen Begriff der canaille. Aber
die Deutschen sind canaille - ach! sie sind so gutmuethig... Man
erniedrigt sich durch den Verkehr mit Deutschen: der Deutsche stellt
gleich... Rechne ich meinen Verkehr mit einigen Kuenstlern, vor Allem
mit Richard Wagner ab, so habe ich keine gute Stunde mit Deutschen
verlebt... Gesetzt, dass der tiefste Geist aller Jahrtausende unter
Deutschen erschiene, irgend eine Retterin des Capitols wuerde waehnen,
ihre sehr unschoene Seele kaeme zum Mindesten ebenso in Betracht...
Ich halte diese Rasse nicht aus, mit der man immer in schlechter
Gesellschaft ist, die keine Finger fuer nuances hat - wehe mir! ich
bin eine nuance -, die keinen esprit in den Fuessen hat und nicht
einmal gehen kann... Die Deutschen haben zuletzt gar keine Fuesse, sie
haben bloss Beine... Den Deutschen geht jeder Begriff davon ab, wie
gemein sie sind, aber das ist der Superlativ der Gemeinheit, - sie
schaemen sich nicht einmal, bloss Deutsche zu sein... Sie reden ueber
Alles mit, sie halten sich selbst fuer entscheidend, ich fuerchte, sie
haben selbst ueber mich entschieden... - Mein ganzes Leben ist der
Beweis de rigueur fuer diese Saetze. Umsonst, dass ich in ihm nach
einem Zeichen von Takt, von delicatesse gegen mich suche. Von Juden
ja, noch nie von Deutschen. Meine Art will es, dass ich gegen
Jedermann mild und wohlwollend bin ich habe ein Recht dazu, keine
Unterschiede zu machen dies hindert nicht, dass ich die Augen offen
habe. Ich nehme Niemanden aus, am wenigsten meine Freunde, - ich hoffe
zuletzt, dass dies meiner Humanitaet gegen sie keinen Abbruch gethan
hat! Es giebt fuenf, sechs Dinge, aus denen ich mir immer eine
Ehrensache gemacht habe. - Trotzdem bleibt wahr, dass ich fast jeden
Brief, der mich seit Jahren erreicht, als einen Cynismus empfinde: es
liegt mehr Cynismus im Wohlwollen gegen mich als in irgend welchem
Hass... Ich sage es jedem meiner Freunde ins Gesicht, dass er es nie
der Muehe fuer werth genug hielt, irgend eine meiner Schriften zu
studieren; ich errathe aus den kleinsten Zeichen, dass sie nicht
einmal wissen, was drin steht. Was gar meinen Zarathustra anbetrifft,
wer von meinen Freunden haette mehr darin gesehn als eine unerlaubte,
zum Glueck vollkommen gleichgueltige Anmaassung?... Zehn Jahre: und
Niemand in Deutschland hat sich eine Gewissensschuld daraus gemacht,
meinen Namen gegen das absurde Stillschweigen zu vertheidigen, unter
dem er vergraben lag: ein Auslaender, ein Daene war es, der zuerst
dazu genug Feinheit des Instinkts und Muth hatte, der sich ueber meine
angeblichen Freunde empoerte... An welcher deutschen Universitaet
waeren heute Vorlesungen ueber meine Philosophie moeglich, wie sie
letztes Fruehjahr der damit noch einmal mehr bewiesene Psycholog Dr.
Georg Brandes in Kopenhagen gehalten hat? - Ich selber habe nie an
Alledem gelitten; das Nothwendige verletzt mich nicht; amor fati ist
meine innerste Natur. Dies schliesst aber nicht aus, dass ich die
Ironie liebe, sogar die welthistorische Ironie. Und so habe ich, zwei
Jahre ungefaehr vor dem zerschmetternden Blitzschlag der Umwerthung,
der die Erde in Convulsionen versetzen wird, den "Fall Wagner" in die
Welt geschickt: die Deutschen sollten sich noch einmal unsterblich an
mir vergreifen und verewigen! es ist gerade noch Zeit dazu! - Ist das
erreicht? - Zum Entzuecken, meine Herrn Germanen! Ich mache Ihnen mein
Compliment... Soeben schreibt mir noch, damit auch die Freunde nicht
fehlen, eine alte Freundin, sie lache jetzt ueber mich... Und dies
in einem Augenblicke, wo eine unsaegliche Verantwortlichkeit auf mir
liegt, - wo kein Wort zu zart, kein Blick ehrfurchtsvoll genug gegen'
mich sein kann. Denn ich trage das Schicksal der Menschheit auf der
Schulter. -



Warum ich ein Schicksal bin.

1.

Ich kenne mein Loos. Es wird sich einmal an meinen Namen die
Erinnerung an etwas Ungeheures anknuepfen, - an eine Krisis, wie
es keine auf Erden gab, an die tiefste GewissensCollision, an eine
Entscheidung heraufbeschworen gegen Alles, was bis dahin geglaubt,
gefordert, geheiligt worden war. Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit.
- Und mit Alledem ist Nichts in mir von einem Religionsstifter -
Religionen sind Poebel-Affairen, ich habe noethig, mir die Haende nach
der Beruehrung mit religioesen Menschen zu waschen... Ich will keine
"Glaeubigen", ich denke, ich bin zu boshaft dazu, um an mich selbst zu
glauben, ich rede niemals zu Massen... Ich habe eine erschreckliche
Angst davor, dass man mich eines Tags heilig spricht: man wird
errathen, weshalb ich dies Buch vorher herausgebe, es soll verhueten,
dass man Unfug mit mir treibt... Ich will kein Heiliger sein, lieber
noch ein Hanswurst... Vielleicht bin ich ein Hanswurst... Und trotzdem
oder vielmehr nicht trotzdem denn es gab nichts Verlogneres bisher
als Heilige - redet aus mir die Wahrheit. - Aber meine Wahrheit ist
furchtbar: denn man hiess bisher die Luege Wahrheit. - Umwerthung
aller Werthe: das ist meine Formel fuer einen Akt hoechster
Selbstbesinnung der Menschheit, der in mir Fleisch und Genie geworden
ist. Mein Loos will, dass ich der erste anstaendige Mensch sein muss,
dass ich mich gegen die Verlogenheit von Jahrtausenden im Gegensatz
weiss... Ich erst habe die Wahrheit entdeckt, dadurch dass ich zuerst
die Luege als Luege empfand - roch... Mein Genie ist in meinen
Nuestern... Ich widerspreche, wie nie widersprochen worden ist und bin
trotzdem der Gegensatz eines neinsagenden Geistes. Ich bin ein froher
Botschafter, wie es keinen gab ich kenne Aufgaben von einer Hoehe,
dass der Begriff dafuer bisher gefehlt hat; erst von mir an giebt es
wieder Hoffnungen. Mit Alledem bin ich nothwendig auch der Mensch des
Verhaengnisses. Denn wenn die Wahrheit mit der Luege von Jahrtausenden
in Kampf tritt, werden wir Erschuetterungen haben, einen Krampf von
Erdbeben, eine Versetzung von Berg und Thal, wie dergleichen nie
getraeumt worden ist. Der Begriff Politik ist dann gaenzlich in einen
Geisterkrieg aufgegangen, alle Machtgebilde der alten Gesellschaft
sind in die Luft gesprengt - sie ruhen allesamt auf der Luege: es wird
Kriege geben, wie es noch keine auf Erden gegeben hat. Erst von mir an
giebt es auf Erden grosse Politik.


2.

Will man eine Formel fuer ein solches Schicksal, das Mensch wird? -
Sie steht in meinem Zarathustra.

- und wer ein Schoepfer sein will im Guten und Boesen, der muss ein
Vernichter erst sein und Werthe zerbrechen.

Also gehoert das hoechste Boese zur hoechsten Guete: diese aber ist
die schoepferische.

Ich bin bei weitem der furchtbarste Mensch, den es bisher gegeben hat;
dies schliesst nicht aus, dass ich der wohlthaetigste sein werde. Ich
kenne die Lust am Vernichten in einem Grade, die meiner Kraft zum
Vernichten gemaess ist, - in Beidem gehorche ich meiner dionysischen
Natur, welche das Neinthun nicht vom Jasagen zu trennen weiss. Ich bin
der erste Immoralist: damit bin ich der Vernichter par excellence. -


3.

Man hat mich nicht gefragt, man haette mich fragen sollen, was
gerade in meinem Munde, im Munde des ersten Immoralisten, der Name
Zarathustra bedeutet: denn was die ungeheure Einzigkeit jenes
Persers in der Geschichte ausmacht, ist gerade dazu das Gegentheil.
Zarathustra hat zuerst im Kampf des Guten und des Boesen das
eigentliche Rad im Getriebe der Dinge gesehn, - die Uebersetzung der
Moral in's Metaphysische, als Kraft, Ursache, Zweck an sich, ist
sein Werk. Aber diese Frage waere im Grunde bereits die Antwort.
Zarathustra, schuf diesen verhaengnissvollsten Irrthum, die Moral:
folglich muss er auch der Erste sein, der ihn erkennt. Nicht nur, dass
er hier laenger und mehr Erfahrung hat als sonst ein Denker - die
ganze Geschichte ist ja die Experimental-Widerlegung vom Satz
der sogenannten "sittlichen Weltordnung" -: das Wichtigere ist,
Zarathustra ist wahrhaftiger als sonst ein Denker. Seine Lehre und
sie allein hat die Wahrhaftigkeit als oberste Tugend - das heisst
den Gegensatz zur Feigheit des "Idealisten", der vor der Realitaet
die Flucht ergreift, Zarathustra hat mehr Tapferkeit im Leibe als
alle Denker zusammengenommen. Wahrheit reden und gut mit Pfeilen
schiessen, das ist die persische Tugend. - Versteht man mich?...
Die Selbstueberwindung der Moral aus Wahrhaftigkeit, die
Selbstueberwindung des Moralisten in seinen Gegensatz - in mich - das
bedeutet in meinem Munde der Name Zarathustra.


4.

Im Grunde sind es zwei Verneinungen, die mein Wort Immoralist in sich
schliesst. Ich verneine einmal einen Typus Mensch, der bisher als
der hoechste galt, die Guten, die Wohlwollenden, Wohltaethigen;
ich verneine andrerseits eine Art Moral, welche als Moral an sich
in Geltung und Herrschaft gekommen ist, die decadence-Moral,
handgreiflicher geredet, die christliche Moral. Es waere erlaubt,
den zweiten Widerspruch als den entscheidenderen anzusehn, da die
Ueberschaetzung der Guete und des Wohlwollens, ins Grosse gerechnet,
mir bereits als Folge der decadence gilt, als Schwaeche-Symptom,
als unvertraeglich mit einem aufsteigenden und jasagenden Leben: im
Jasagen ist Verneinen und Vernichten Bedingung. - Ich bleibe zunaechst
bei der Psychologie des guten Menschen stehn. Um abzuschaetzen, was
ein Typus Mensch werth ist, muss man den Preis nachrechnen, den seine
Erhaltung kostet, - muss man seine Existenzbedingungen kennen. Die
Existenz-Bedingung der Guten ist die Luege -: anders ausgedrueckt,
das Nicht-sehn-wollen um jeden Preis, wie im Grunde die Realitaet
beschaffen ist, naemlich nicht der Art, um jeder Zeit wohlwollende
Instinkte herauszufordern, noch weniger der Art, um sich ein
Eingreifen von kurzsichtigen gutmuethigen Haenden jeder Zeit gefallen
zu lassen. Die Nothstaende aller Art ueberhaupt als Einwand, als
Etwas, das man abschaffen muss, betrachten, ist die niaiserie par
excellence, ins Grosse gerechnet, ein wahres Unheil in seinen Folgen,
ein Schicksal von Dummheit -, beinahe so dumm, als es der Wille waere,
das schlechte Wetter abzuschaffen - aus Mitleiden etwa mit den armen
Leuten... In der grossen Oekonomie des Ganzen sind die Furchtbarkeiten
der Realitaet (in den Affekten, in den Begierden, im Willen zur Macht)
in einem unausrechenbaren Maasse nothwendiger als jene Form des
kleinen Gluecks, die sogenannte "Guete"; man muss sogar nachsichtig
sein, um der letzteren, da sie in der Instinkt-Verlogenheit bedingt
ist, ueberhaupt einen Platz zu goennen. Ich werde einen grossen Anlass
haben, die ueber die Maassen unheimlichen Folgen des Optimismus,
dieser Ausgeburt der homines optimi, fuer die ganze Geschichte zu
beweisen. Zarathustra, der Erste, der begriff, dass der Optimist
ebenso decadent ist wie der Pessimist und vielleicht schaedlicher,
sagt: gute Menschen reden nie die Wahrheit. Falsche Kuesten und
Sicherheiten lehrten euch die Guten; in Luegen der Guten wart ihr
geboren und geborgen. Alles ist in den Grund hinein verlogen und
verbogen durch die Guten. Die Welt ist zum Glueck nicht auf Instinkte
hin gebaut, dass gerade bloss gutmuethiges Heerdengethier darin
sein enges Glueck faende; zu fordern, dass Alles "guter Mensch",
Heerdenthier, blauaeugig, wohlwollend, "schoene Seele" - oder, wie
Herr Herbert Spencer es wuenscht, altruistisch werden solle, hiesse
dem Dasein seinen grossen Charakter nehmen, hiesse die Menschheit
castriren und auf eine armselige Chineserei herunterbringen. - Und
dies hat man versucht! .. Dies eben hiess man Moral... In diesem Sinne
nennt Zarathustra die Guten bald "die letzten Menschen", bald den
"Anfang vom Ende"; vor Allem empfindet er sie als die schaedlichste
Art Mensch, weil sie ebenso auf Kosten der Wahrheit als auf Kosten der
Zukunft ihre Existenz durchsetzen.

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